UNO oder Alleingang

Bärdel

Schon seit geraumer Zeit waren Bärdel und Kulle bei ihrem Morgenspaziergang nur noch selten zu zweit. Manfred schloss sich ihnen an, wenn er sich aus dem Gewirr seiner Computerkabel befreien konnte, und mischte sich manchmal ins Gespräch ein. Del, der sehr junge Bär, war sehr wissbegierig und trabte mit, hörte aber lieber zu. Und oft tollten Na und Nuk, die Eisbärenzwillinge, in ihrem unbändigen Bewegungsdrang um sie herum, was die Kinder nicht davon abhielt, sich eifrig am Gespräch zu beteiligen. Da alle selbstverständlich bereits einen Blick in die wichtigsten nationalen und internationalen Zeitungen geworfen hatten, diskutierten sie oft aktuelle Ereignisse.

Kulle

So auch heute.

Nanuk

Die vorlaute Na konnte natürlich nicht abwarten, bis die Erwachsenen ein Thema angesprochen hatten. Sie platzte heraus:

„Also ich finde Onkel Barack ganz toll. 3000 Soldaten schickt er nach Liberia, um die böse Ebola-Seuche zu bekämpfen. Und den komischen Islamischen Staat will er auch besiegen, in Syrien und im Irak. Das macht er aber nicht mit Soldaten, sondern mit Flugzeugen.“

Da Nuk natürlich nicht erlauben konnte, dass nur ihre ein paar Minuten nach ihr geborene Schwester sich äußerte, gab sie ihren Kommentar dazu:

„Gegen die IS gehen die USA nicht allein vor. Auch Frankreich und Großbritannien machen mit, sogar Dehland!“

Da weder Bärdel noch Kulle den Anschein erweckten, dazu Stellung nehmen zu wollen, bohrte Del kaum merklich nach: „Ich habe das auch alles gelesen, aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Del

„Ist doch ganz einfach zu bewerten,“ knurrte Kulle. „Es war schon immer die ureigenste Bestimmung von Soldaten, Krankheiten zu besiegen. Ärzte wären dabei völlig fehl am Platz. Wie man weiß, ist es deren Beruf, feindliche Ärzte zu töten.“

Bärdel knuffte Kulle in die Seite, aber es war schon zu spät. Na schaute erst verdutzt, aber dann ließ sie den Kopf hängen. Nuk war sofort an ihrer Seite. Zwar stellte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihre eigene Überlegenheit zur Schau, aber wenn Na traurig war, kam sie sofort, um sie zu trösten.

„Du musst das nicht so tragisch nehmen, kleine Na!“ Bärdel versuchte es mit Worten. „Du kennst doch Deinen Onkel Kulle! Manchmal hat er Messer im Mund anstatt von Zähnen. Seine Worte können dann sehr verletzen.“

„Aber…“ Na versuchte, sich zu fassen. „Aber ich habe nicht nur die Meldungen in der Zeitung gelesen, sondern auch die Kommentare dazu. Alle Journalisten finden es gut, dass der amerikanische Präsident energisch geben Ebola vorgehen will.“

„Kein Wunder! Vor Seuchen haben alle Menschen Schiss. Bei Epidemien begrüßen sie jeden Aktionismus dagegen, auch wenn die Aktionen ungeeignet sind. Sogar die Djihadisten vom Islamischen Staat finden das vermutlich gut, auch wenn sie es nie laut sagen würden. Außerdem ist jeder GI, der gegen Ebola eingesetzt wird, ein GI weniger, der gegen sie kämpfen kann.“ Kulle hatte sich beruhigt und war für seine Verhältnisse jetzt richtig sanft.

„Aber gegen den IS werden doch keine Soldaten eingesetzt!“ Obwohl Na zum Heulen war, gab sie nicht auf.

Kulle, der selbst den dicksten Bärenschädel hatte, den man sich denken kann, imponierte ein nicht allzu dummer Dickkopf bei anderen. „Ah ja, keine Soldaten, sondern Flugzeuge. Und wer steuert die? Wer wirft die Bomben ab? Und die Raketen?“

Wieder sprang Nuk ihrer Schwester zur Seite: „Onkel Kulle, ich haben gelesen, die USA kämpfen mit Drohnen. Da sind keine Soldaten drin.“

„Stimmt! Aber Soldaten spielen schon eine Rolle: Die Drohnen müssen ferngesteuert werden. Die Soldaten, die das tun, sitzen übrigens oft in Ramstein in Dehland. Sie steuern die Drohnen gegen Menschen, die vermutlich Terroristen sind. Bewiesen ist das aber nicht, und oft kommen Unschuldige dabei um. Wenn man darüber nachdenkt, stellt man fest, dass es sich um Mord handelt.“

Manfred

„Mord?“ Jetzt mische sich Manfred ein. „Mord? Ist das nicht zu streng geurteilt? Im Krieg…“

Bevor Kulle wieder explodieren konnte – und Bärdel sah ihm an, dass er kurz davor war – lenkte er ab: „Seht mal, hier sind noch Brombeeren! Ja, Krieg – früher hatten die Menschen dafür Regeln, selbst für den Krieg, in dem alle Regeln des normalen Lebens außer Kraft gesetzt werden. Kriege wurden zwischen Staaten geführt, und die Staaten erklärten einander den Krieg. Heute ist alles durcheinander. Die Amerikaner behaupten, sie seien im Krieg gegen den Terrorismus, also ist es gerechtfertigt, Feinde zu töten. Kulle sieht das anders, wie wir gehört haben. Man kann lange darüber streiten, wer Recht hat.“

Kulle murrte leise. beließ es aber dabei. Alle machten sich über die Brombeeren her, sogar die Eisbären.

„Wer darf denn bei den Menschen darüber urteilen, ob andere Menschen getötet werden dürfen?“

Nuk wollte das wissen.

Manfred schluckte eine leckere Brombeere herunter, räusperte sich und erklärte: „Wie Ihr wisst, bin ich mal in eine Menschenschule gegangen. Dort habe ich gelernt, dass kein Mensch einem anderen Menschen das Leben nehmen darf. Das ist jedenfalls in Dehland die offizielle Meinung. Es ist allerdings merkwürdig, dass Dehland der drittgrößte Waffenexporteur der Welt ist. Irgendwas passt da nicht zusammen. Außerdem gibt es angeblich „gerechte Kriege“. Wenn ein Land angegriffen wird, darf es sich verteidigen, das gilt als gerechtfertigt. Eigentlich soll aber kein Land ein anderes angreifen, und um das zu verhindern, gibt es die Vereinten Nationen. Das ist eine internationale Organisation, in der fast alle Staaten Mitglieder sind. Das höchste Ziel dieser Organisation ist die Wahrung des Weltfriedens. Wenn es nicht anders geht, dürfen die Vereinten Nationen den Weltfrieden mit militärischen Mitteln wiederherzustellen versuchen. “

„Aha!“ kommentierte Nuk trocken. Bärdel freute sich über ihre Reaktion, aber Manfred hatte nicht verstanden, was sie sagen wollte.

„Wieso ‚aha‘?“

„Bei Tante Atti habe ich gelernt, dass ‚aha‘ eine Interjektion des Triumphs, der Verwunderung, des Spotts, der Verachtung, der Ironie und noch manch anderer Bedeutung sein kann, je nach der Intonation des Sprechers. Mein ‚aha‘ war komplex und enthielt Spott, Verachtung und Ironie.“

Kulle wiegte anerkennend den Kopf, hielt sich aber hinter Manfreds Rücken.

„Ach so! Du wunderst Dich noch über die Menschen und ihre Schizophrenie. Ich nicht mehr. Vielleicht solltet Ihr auch mal eine Menschenschule besuchen…“

„Nein, danke, Onkel Manfred! Wir sind mit dem Unterricht von Tante Atti und Onkel Kulle sehr zufrieden,“ sagten Nanuk im Chor. Und Na fuhr fort: „Aber wenn die Menschen glauben, dass nur die Vereinten Nationen legitim Waffengewalt anwenden dürfen, warum sind dann so viele begeistert davon, dass Onkel Barack – also dass der amerikanische Präsident das macht?“

Bärdel dachte:

Weil Menschen immer Idolen nachlaufen.

Weil der Friedensnobelpreisträger Obama vielen immer noch eine Ikone ist.

Weil manche Menschen in der westlichen Welt Angst dafür haben, dass ehemalige IS-Kämpfer mit der eigenen Staatsbürgerschaft aus dem Krieg zurückkehren und im eigenen Land weiterbomben.

Del dachte:

Auf die Antwort bin ich gespannt.

Kulle dachte:

Weil die UN handlungsunfähig sind. Die Blockade im Sicherheitsrat ist schlimmer als zu Zeiten des Kalten Krieges.

Weil die Menschen die Schrift an der Wand nicht lesen können.

Weil die Geschichte der Menschen lehrt, dass sie die Menschen nichts lehrt.

Manfred dachte:

Weil die Türken schon zweimal vor Wien standen und das christliche Abendland bedroht haben.

Nuk dachte:

Weil die Menschen komisch sind.

Bärdel sagte: „Weil die Menschen den Glauben an das Gute nie verlieren, selbst wenn sie das Böse tun.“

Sprach’s und labte sich an der letzten Beere, die er in der Pranke hielt.

September 2014

Bären und Wölfe

„Bärdel, es wäre gut, wenn…“

„Bärdel, sollten wir nicht mal…“

„Bärdel, was denkst du über..“

„Bärdel, jetzt ist es aber höchste Zeit, dass…“

Bärdel

Bärdel hörte diese Ansinnen seit Wochen. Sie wurden immer häufiger geäußert in immer kürzeren Abständen, seit Bärenleben aus der Winterruhe erwacht war. Es war offensichtlich zwecklos, sie zu ignorieren, was er versucht hatte. Er seufzte und gab nach.

„Na gut, wir werden über die Rückkehr der Bären nach Europa sprechen. Und über die Rückkehr der Wölfe. Aber glaubt bloß nicht, dass…“

Seine Einwände gingen in allgemeinem Jubel unter.

„Wir reden heute Abend darüber. In der Höhle. Ich gehe davon aus, dass sich bis dahin jeder von Euch eingehend über die aktuelle Lage informiert hat.“

In der ersten Märzhälfte ist der dehländische Tag fast schon wieder zwölf Stunden lang. Das heißt aber auch, dass die Nacht kaum länger als zwölf Stunden ist, und diese zwölf Stunden kosten die schlafsüchtigen Bären gerne aus. Also trafen sich alle Bärenlebenbewohner schon mit dem Einsetzen der Dämmerung in der Haupthöhle. Natürlich waren auch Ramses und Piggy dabei. Athabasca galt inzwischen als einheimische Bärin, Nanuk, ihre Zöglinge, hielten sich an ihrer Seite. Organisatorische Schwierigkeiten gab es nur mit Oicy, der es in der Höhle natürlich viel zu warm war. Sie schwamm in ihrem Eissee herum, und damit sie alles mitbekam und auch mitreden konnte, hatte Manfred ihr eine Mikrofonleitung gelegt.

Bärdel sah sich um und stellte fest, dass alle vollzählig versammelt waren. Fast alle – aber das änderte sich in diesem Moment. Mit einer riesigen roten Fahne, in der er sich ständig verhedderte, marschierte Kulle herein und sang dazu:

„Bären zur Sonne zur Freiheit,

Wölfe zum Lichte empor!

Hell aus dem dunklen Vergangnen

Leuchtet die Zukunft hervor.“

Die Versammlung kommentierte den Auftritt mit zustimmendem Gebrumm und Gebrüll, und Kulle setzte sich auf seinen Platz, wobei er bescheiden tat.

Kulle, bescheiden

Bärdel hatte nicht applaudiert. Er horchte in sich hinein und traf hinter seiner Stirn alte lästige Bekannte: Kopfschmerzen. Wenn die sich erst einmal eingenistet hatten, wurde er sie so schnell nicht wieder los.

Was sollte er nur tun? Die Stimmung war eindeutig gegen seine Bedenken. Da wurde ihm unerwartete Hilfe.

„Sagt mal, ihr seid wohl vom Homo sapiens getreten? Oder hat euch ein Neanderthaler geknutscht?“ Athabacsa war voll in Fahrt.

Atti, zornig

„Was das Zusammenleben von Bären und Menschen angeht, so bin ja wohl ich die Expertin und nicht ihr, einverstanden?

In Kanada, wo ich geboren bin, leben ungefähr 300.000 Schwarzbären. Dazu kommen höchstens 30.000 Grizzlys, also Bären wie wir. Wie die meisten von uns jedenfalls. Nichts für ungut, Oicy. In Kanada leben drei Menschen auf einem Quadratkilometer, und trotzdem kommt es immer wieder zu Zusammenstößen und zu Tötungen. Keine Tötungen von Menschen, nicht, dass wir uns missverstehen. Und wie viele Menschen pro Quadratkilometer gibt es in Dehland?“

Langes Schweigen.

„227“, brummte Kulle schließlich zerknirscht.

„Eben!“ sagte Atti und rollte sich wieder gemütlich zusammen. Ihr Zorn war verraucht.

Niemand sagte etwas.

Bärdel war erleichtert. „Möchte jemand dazu etwas sagen?“ fragte er.

Del meldete sich zu Wort. Er war ehrgeizig und ärgerte sich schon lange darüber, dass die Eisbärenzwillinge als die intellektuellen Überflieger schlechthin galten, seit sie in Bärenleben aufgetaucht waren.

„Ich habe recherchiert und herausgefunden, dass es in Dehland überhaupt keine Bären gibt – außer uns natürlich. Wenn Bären aus den Karpaten in die Alpen einwandern, werden sie beim ersten Fehlverhalten gejagt. Man nennt sie Problembären, wobei ich wirklich nicht weiß, wo es bei Bären ein Problem geben soll!“

„Und Homo Schappi Schappi gibt ihnen noch nicht mal einen Namen, sondern bezeichnet sie mit Nummern -– erst kürzlich wurde in der Schweiz M13 erschossen!“ Nuk wollte nicht akzeptieren, dass Del allein brillierte.

Eisbären

„Es klingt, als wäre die Bärendiskussion hiermit abgeschlossen!“ quiekte Piggy. „Und was ist mit den Wölfen? Ich muss zugeben, dass ich vor denen Angst habe!“

Piggy

„Du brauchst keine Angst zu haben,“ mischte sich Tumu ein. „Du wirst gleich sehen, warum. Ich habe einen Gast eingeladen, wenn ihr erlaubt!“

Da niemand widersprach, stieß Tumu einen merkwürdigen Laut aus, der gar nichts Bärisches an sich hatte. Es war ein Heulen, und sofort wurde ihr auf gleiche Weise geantwortet.
„Er wird in ein paar Minuten hier sein, und niemand muss sich vor ihm fürchten.“

Da Tumu zweimal betonte, dass der Fremde keinen Anlass zur Besorgnis geben würde, spannte Bärdel seine Muskeln an, und etliche andere Bären taten es ihm gleich. Man konnte ja nie wissen…

Am Höhleneingang war nichts zu hören, aber ein Schatten erschien und bewegte sich vorwärts in den Innenraum. Langsam. Vorsichtig. Aus dem Schatten entwickelte sich ein Körperumriss. Langer Kopf, spitze Ohren, lange Schnauze. Buschiger Schwanz am Ende eines schlanken, zum Laufen gemachten Torsos. Die Rute war nicht eingezogen, aber auch nicht hoch erhoben. Der Besucher war seiner nicht sicher, aber auch nicht ängstlich. Vier kräftige Läufe.

Piggy schrie.

Luca Toni

„Ruhig!“ sagte Tumu. „Das ist Toni. Er lebt mit seiner Familie seit ein paar Wochen hier in der Gegend. Ich habe ihn gebeten, uns heute Abend zu besuchen.“

„Willkommen,“ begrüßte Bärdel den Wolf. „Wir freuen uns, dich in Bärenleben zu sehen. Ich bin Bärdel.“

„Seit wann freut sich der Bär, den Wolf zu treffen?“ knurrte der Neuankömmling. Wir teilen dasselbe Habitat und sind deshalb unversöhnliche Konkurrenten! Bin ich bei einer Versammlung von Heuchlern zu Gast?“

„Du bist zu Gast bei einer Versammlung von Tieren, die zusammenhalten gegen das schlimmste Raubtier der Welt, den Homo sapiens sapiens. Der bedroht auch dich, wenn wir recht informiert sind. Wir sind nicht länger Feinde, sondern sollten zusammenstehen gegen einen gemeinsamen Feind!“

Der Wolf hob den Kopf, auch die Schwanzspitze bewegte sich deutlich nach oben. „Wir Wölfe sind deutlich besser aufgestellt als ihr Bären! Mindestens zwanzig Rudel leben in Dehland. Und ihr versteckt euch in einem geheimen Dorf!“

„Ja,“ meinte Athabasca, recht hast du.“ Sie richtete sich wieder auf.

Der Wolf hörte genau hin – klang die Stimme der Bärin nicht sarkastisch?

„Recht hast du!“ bekräftigte Athabasca, „wir verstecken uns. Ihr solltet das auch tun!“

„Unsinn!“ behauptete Toni und reckte die Spitze seiner Rute so weit in den Himmel, dass sie seinen Rist um das Doppelte überragte. „Wir werden geliebt!“

„Natürlich werdet ihr geliebt – vom NABU, vom WWF, vom BUND, und wie die Ökofreaks sonst noch heißen. Aber hast du dir auch mal Volkes Stimme angehört?“

„Das Tier kenne ich nicht,“ sagte der Wolf unsicher.

„Besser so – es handelt sich nicht um ein Tier, sondern um eine Bestie. Sie nennt sich selbst ,Gesunder Menschenverstand‘. Ich gebe dir ein paar Kostproben.

Schon in der Bibel seid ihr die Bösen: ,Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.‘ Matthäus 7,15.

,Reißend‘ seid ihr immer: Gierig und maßlos und grausam. Bei Goethe heißt die Wölfin ,Gieremund‘.

In Grimms Volksmärchen taucht der böse Wolf immer wieder auf, er verschlingt Tiere und Menschen ganz, was es möglich macht, seine Beute zu retten, indem man ihm den Bauch aufschlitzt und mit Wackersteinen wieder füllt – und der dumme Wolf bemerkt den Betrug noch nicht einmal und wacht nicht mehr auf, bis man ihn in einem Brunnen ersäuft.

In einem aktuellen Internetforum gibt es als Antwort auf die Frage: ,Brauchen wir Bären und Wölfe in Dehland?‘ wiederholt die Antworten ,abknallen‘ und ,SSS – schießen, schaufeln, schweigen‘.

Noch Fragen?“

Die Schwanzspitze ruhte kraftlos auf dem Boden. „Und was jetzt?“ fragte Toni unsicher.

„Ganz einfach – ihr macht es wie wir. Nein, nicht ganz so schlimm, ihr braucht euch nicht unsichtbar zu machen. Die Menschen wissen ja, dass ihr da seid. Von uns wissen sie es nicht.

,Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und nicht arglos wie die Tauben. Nehmt euch vor den Menschen in acht!‘

Steht übrigens auch bei Matthäus, so ungefähr jedenfalls. Ernährt euch von Rehen und Hirschen und vor allem Wildschweinen, das wird die Menschen freuen. Und lasst Kälber und Schafe in Ruhe, dann wird euch nichts geschehen.“

„Und – und – dürfen wir euch gelegentlich besuchen, um uns bei euch Rat zu holen?“

„Dagegen haben wir bestimmt nichts!“ sagte Bärdel entschieden. Sein Kopf war wider Erwarten schmerzfrei.

„Dann ist ja alles gut,“ sagte Kulle. „Wollen wir das schöne Arbeiterlied nicht zu Ende singen, um den Abend zu beschließen?“

„Nein, das wollen wir nicht!“ widersprach Tumu energisch. „Das schöne Arbeiterlied‘ ist nämlich ein poetisches Greuel, und es hat überhaupt nichts mit unserer Situation zu tun. Darf ich einfach mal kommentarlos zitieren?

,Seht wie der Zug von Millionen

endlos aus Nächtigem quillt

bis eurer Sehnsucht Verlangen

Himmel und Nacht überschwillt

Brüder, in eins nun die Hände

Brüder, das Sterben verlacht

ewig der Sklaverei ein Ende

heilig die letzte Schlacht.‘

Zitat Ende.“

„Buh!“ machten fast alle Bären, der Frosch und das Schwein. Auch der Wolf schloss sich an.

„Wir schlafen einfach so. Ganz heimlich.“

Krise

Es war ein warmer Spätfrühlingstag in Bärenleben, und es war Vormittag. Das Leben ging seinen üblichen Gang. Die Bären, das Schwein und der Frosch studierten, diskutierten, bereiteten das Essen vor, machten sauber oder betrieben Körperpflege.

Einbären

Oicy hatte sich für die Körperpflege entschieden, und das hieß für eine Eisbärin in dieser Jahreszeit hauptsächlich, der dehländischen Wärme auszuweichen, so gut es ging. Deshalb war sie in den eigens für sie und ihre Kinder erweiterten Dorfteich geglitten, hatte über und unter Wasser ihre Runden gedreht und davon geträumt, gleich gegen eine Eisscholle zu stoßen, auf der sich eine fette Sattelrobbe vergeblich zu verstecken versuchte. Aber natürlich blieb das ein Traum. Sie traf nur Ramses, der sich unter Teichrosenblättern zu verbergen versuchte und hoffte, eine Libelle zu erbeuten. Aber die klugen Libellen erspähten ihn immer rechtzeitig und bogen ab, bevor sie in seine Reichweite gerieten.

Ramses

Ramses verdrückte sich deshalb bald und hüpfte in Manfreds Hochtechnikwerkstatt. Er hatte dort einen Computerarbeitsplatz, an dem er an zwei komplexen Problemen arbeitete: Er wollte das Wetter präzise voraussagen – das war für einen Laubfrosch eine vergleichsweise leichte Aufgabe. Er wollte das Wetter aber auch beeinflussen können, und das war deutlich schwieriger. Wenigstens störte er niemanden, wenn er vor seinem Rechner hockte und versuchte, Tussis Schöpfung zu verstehen.

Mit Oicy war das anders. Als sie den Teich verließ, um zuerst nach ihren Kindern zu sehen und dann Tumu beim Kochen zu helfen, schüttelte sie sich kräftig, und es passierte das, was passiert, wenn Eisbären sich schütteln, nachdem sie gerade aus dem Wasser gestiegen sind: Aus dem dichten Pelz flogen Tropfen über Tropfen, und wer gerade in der Nähe stand, bekam eine kräftige Dusche ab.

Die Dusche erwischte die alte Bärin, die gerade vor ihrer Höhle aufräumte. Und nicht nur die Wasserdusche: Die Tropfen, die Oicy energisch auf die Reise geschickt hatte, platschten auf den trockenen Boden, lösten daraus Erdpartikel, ließen sie hochspringen und verwandelten die eben noch saubere Alte in eine über und über von Schmutz bedeckte Bärin.

“Ich krieg die Krise!” schimpfte die Alte zornig.

Oicy fühlte sich irgendwie angesprochen, wusste aber nicht recht, warum. Sie hatte sich doch ganz normal verhalten, oder? Aber helfen wollte sie schon.

“Kann ich Dir bei Deiner Krise helfen?” erkundigte sie sich freundlich.

“Bei meiner Krise? Bei MEINER Krise?” keifte die Alte. “DEINE Krise ist das! Weil bei Dir zu Hause das Eis schmilzt, bekleckerst Du mich hier in Dehland mit Wasser und Dreck, und wahrscheinlich bist Du auch für die Aschenkrise verantwortlich, die dieser Vulkan aus Island macht, aus dem Eisland also, da, wo Du herkommst.”

Oicy hatte ausgesprochen gut gefrühstückt, nämlich eine Kiste frischer grüner Heringe, in den Morgenstunden angeliefert vom Rungis-Express, und war deshalb friedlich gestimmt.

“Du hast recht, die Klimakrise ist meine Krise, aber ich bin dabei der passive und nicht der aktive Teil. Und mit dem Eyjafjallajöküll habe ich gar nichts zu tun.”

“Mit wem?”

“Mit dem Eyjafjallajökull. Das ist der isländische Vulkan, der vor kurzem ausgebrochen ist.”

Die alte Bärin überlegte, ob sie ausfällig werden sollte, weil Oicy sie jetzt auch noch mit unaussprechlichen Worten bombardierte, aber bevor sie damit zu Ende war, tauchten Bärdel und Kulle am Teichufer auf. Wie immer waren sie in ein intensives Gespräch vertieft.

Kulle und Bärdel

“Also, das mit der Krise musst Du mir bitte unbedingt erklären, und zwar ohne komplizierte Fachbegriffe!” sagte Bärdel energisch.

“Mir auch!” schloss sich die Alte nicht minder energisch an.

Kulle hatte ihr gar nicht zugehört, aber Bärdel war irritiert.

“Seit wann interessierst Du Dich für Ökonomie?” wollte er wissen.

“Für was?” Die Alte hatte allmählich die Nase voll von merkwürdigen Worten.

“Für Wirtschaft”, verbesserte sich Bärdel.

Empört stemmte die Alte die Arme in die Seiten. “Willst Du etwa behaupten, dass ich keine ordentliche Wirtschaft führe? Bei mir kann man vom Fußboden essen, normalerweise jedenfalls, wenn nicht gerade dieses ungeschickte weiße Monstrum…”

Auf Oicys Stirn zeigten sich die ersten Falten. Tiefe Falten. Sie war noch nie zornig geworden, seit sie in Bärenleben war, und das war auch gut so. Jetzt aber war sie kurz davor. Zum Glück wurde sie von Nanuk abgelenkt. Die Zwillinge stürzten auf sie zu.

“Mamimami, wir haben gerade etwas Neues gelernt! Onkel Manfred hat uns die Geschichte von Tschernobyl erklärt. Wir wissen jetzt, wann ein Reaktor kritisch wird!”

“Und wann ist das?” wollte ihre Mutter wissen.

“Wenn er zu heiß wird. Wenn man Pech hat, kommt es zu einer Kernschmelze. Dann wird die gesamte Umgebung vergiftet. Das ist dann eine fürchterliche ökologische Krise.”

“Ist eure ö-kol-ko-logische Krise dieselbe wie die von Bärdel?” fragte die Alte die Kleinen. “Bärdels Krise klang ähnlich, aber irgendwie anders.”

Na und Nuk waren von der Frage logischerweise überfordert, aber sie nutzten die Gelegenheit, um Bärdel mit Beschlag zu belegen.

“Onkel Bärdel, Onkel Bärdel, hast Du eine Krise?”

“Hm, ich weiß nicht so recht,” brummte Bärdel. “Allmählich schwirrt mir der Kopf. Vielleicht bekomme ich einen Migräneanfall. Ich glaube, ich bin an der kritischen Grenze dazu.”

Die Alte, die keineswegs immer nur putzte, obwohl sie dabei oft beobachtet wurde, lernte in ihrer freien Zeit gerade Griechisch und beschäftigte sich dabei natürlich auch mit Geographie und Landeskunde. Jetzt schüttelte sie den Kopf zum zweiten Mal und verstand überhaupt nichts mehr. Konnte ein Reaktor sich aussuchen, ob er auf Kreta stand oder anderswo? Wieso glaubte Bärdel, er sei an der Grenze Kretas? Und – hatte eine Insel überhaupt eine Grenze?

Kulle hörte immer noch nicht zu. Er pflegte das, was er als ,soziale akustische Umweltverschmutzung‘ bezeichnete, stets zu ignorieren. In solchen Phasen der gesellschaftlichen Abwesenheit beschäftigte er sich, wie er fand, produktiv mit der Lösung theoretischer Probleme oder wenigstens mit deren kommunikativer Vermittlung.

Kulle und Bärdel

“Diese Krise”, sagte er jetzt, “ist eine umfassende. Es ist falsch, wenn sie allein der Ökonomie angelastet wird. Ursächlich für sie ist die Politik, oder besser gesagt, das Versagen der Politik. Die politische Klasse Europas oder meinetwegen Kerneuropas sollte also selbstkritisch eingestehen, dass eine Währungsunion ohne eine gemeinsame Währungs- und Finanzpolitik, und eben ein solches Konstrukt stellt der Euro dar, auf tönernen Füßen steht. Was ist denn der Stabilitäts- und Wachstumspakt anderes als ein zahnloser Papiertiger? Die kritische Betrachtung dieser dilettantischen Konstruktion kann nur zu einem vernichtenden Urteil kommen.” Kulle holte tief Luft. “Derlei Dilettantismus lädt geradezu dazu ein, ihn auszunutzen. Wer will es den smarten Boys von den Hedgefonds, die sich im Januar oder Februar in einem New Yorker In-Restaurant getroffen haben, in dem es, Schande über die amerikanische Küche, vermutlich auch nichts anders zu essen gab als Steak oder totgebratenes Hähnchen, verübeln, dass sie auf die Idee kamen, mit vereinten Kräften gegen den Euro zu wetten? Der Erfolg spricht für sie!” “Kulle räusperte sich. “Die Krise, über die alle so entsetzt sind, ist übrigens keine Euro-Krise. Sie ist eine Schuldenkrise. Fast alle Staaten dieser Welt leben über ihre Verhältnisse, allen voran die USA. Ich bin gespannt, wann der Dollar brennt. Dann kann ich endlich meine rote Fahne aus ihrer Ecke holen. So!” sagte er triumphierend. “Noch Fragen?”

“Hast Du Kopfschmerztabletten?” Bärdel hielt sich schützend die Pranke vor sie Stirn.

“Hat das was mit mir zu tun, oder kann ich jetzt Tumu beim Kochen helfen?” wollte Oicy wissen.

“Onkel Kulle, was sind Hedgefonds?” Das waren die Zwillinge.

“Kulle, klopf mit mal den Pelz ab, damit ich wieder sauber werde. Und erkläre mir dabei: Was heißt eigentlich ,Krise‘?”

Kulle willfahrte ihr, bevor seine Situation allzu kritisch wurde.

Appetit auf Löwenzahn

Bärdel

Bärdel boxte Kulle freundschaftlich, aber durchaus energisch in die Rippen.

Kulle

„Nun komm schon hoch, Du Schlafmütze“, sagte er so laut, dass er auch beim besten Willen nicht zu überhören war. „Das neue Jahr ist schon fast wieder alt, der Tag ist schon zwei Stunden länger als zur Wintersonnenwende, und die gewendete Sonne scheint übrigens gerade. Genug der Hibernation! Lass uns spazierengehen!“

Kulle brummte ungnädig. Da er aber wusste, dass er gegen seinen energiegeladenen großen Freund keine Chance hatte, richtete er sich auf, reckte sich und steckte den Kopf aus der Schlafhöhle. Sofort zuckte er zurück.

„Spinnst Du?“ wollte er wissen. „Da draußen liegt noch Schnee!“

„Weiß ich doch,“ antwortete Bärdel seelenruhig. „Anders als der Herr Privatgelehrte bin ich nämlich schon eine Weile lang aktiv. Dehland erlebt seit Jahren mal wieder einen Winter, der den Namen auch verdient. Vielleicht ist es ja der letzte, bevor auch in Bärenleben die Palmen gedeihen. Also komm schon! Ich hab Dir sogar Schneeschuhe besorgt.“

Kulle schnallte sich zwei Apparate unter die Hinterpranken, die ihn sehr an Tennisschläger erinnerten. Es waren übrigens Tennisschläger – Manfred hatte sein Organisationstalent spielen lassen.

Draußen blinzelte er in den blauen Himmel und atmete tief durch, bevor er die ersten breitbeinigen Schritte wagte. „Ist tatsächlich eine gute Idee von Dir gewesen, die Nase aus der Höhle zu stecken,“ gab er zu. „Die Luft tut gut. Aber die Luft macht auch Hunger – ich hätte jetzt nichts gegen ein paar Löwenzahnwurzeln einzuwenden, roh oder auch gebraten!“

Loewenzahn - gewesen

„Da wirst Du noch ein paar Wochen warten müssen“, wandte Bärdel ein. „Der Löwenzahn, der bei Minusgraden im Schnee wächst, ist noch nicht erfunden.“

„Vielleicht doch. Kann sein, wir wissen es nur nicht.“

„Kaum bist Du wieder wach, versuchst Du, mich auf den Arm zu nehmen.“

„Im Prinzip ja, jetzt aber gerade nicht. Schon mal was von Monsanto gehört?“

„Ich glaube nicht. Ist das ein heiliger Berg oder so was?“

„Eher so was. Monsanto ist ein Agrarchemiekonzern, der genmanipulierte Pflanzen züchtet. Vielleicht auch anderes Genmanipuliertes, aber davon ist offiziell nichts bekannt. Belegt sind nur die Pflanzen.“

„Und warum macht das dieser Konzern?“

„Willst Du die offizielle Antwort oder die wahre?“

„Wie wär‘s mit beiden?“

„Monsanto bekämpft erfolgreich den Hunger in der Welt. Monsanto ist dafür unverzichtbar. Tatsächlich verdient Monsanto sich mit seinen Produkten dumm und dämlich. Seit 40 Jahren gibt es ein Pestizid mit dem schönen Namen ,Roundup‘. Das entsprechende Produkt in Europa vom Bayer-Konzern heißt ,Basta‘ – eigentlich könnte der Kanzler den Namen erfunden haben, weißt Du, der zweite, der mal bei uns war, noch im alten Bärenleben.

Hat er aber nicht. ,Basta‘ vernichtet ebenso wie ,Roundup‘ alle Pflanzen außer denen, die gegen es resistent sind, und das sind überwiegend genmanipulierte Pflanzen aus den Labors von Monsanto. Die Landwirte dürfen davon kein Saatgut zurückhalten, sondern müssen Jahr für Jahr neues kaufen. Von wegen Hungerbekämpfung! Hungerleider können sich kein teures Saatgut leisten, habe ich mir sagen lassen.“

„Ich glaube, ich habe davon schon mal gelesen“, sagte Bärdel nachdenklich. „Und zwar etwas Gutes, von einem Wissenschaftler.“

„Weißt Du auch, auf wessen Lohnliste dieser Wissenschaftler steht?“

„Du meinst…?“

„Ich meine erst mal gar nichts. Aber Fakt ist, dass Monsanto eine gute PR betreibt, natürlich nicht in eigenem Namen, sondern unter dem Feigenblatt wissenschaftlicher Objektivität. Tatsache ist auch, dass Regierungen und politische Parteien, vor allem in den USA, großen Konzernen traditionell gewogen sind, denn von großen Konzernen kommen große Spenden. Und die anderen Wissenschaftler, die sich gegen Monsanto aussprechen – die gibt es nämlich auch –, die werden von Greenpeace bezahlt oder von Friends of the Earth oder anderen Umweltverbänden.“

„Willst Du damit sagen, dass es keine objektive Wissenschaft gibt?“

Kulle blickte Bärdel empört an. „Natürlich gibt es eine objektive Wissenschaft – oder was meinst Du, was ich den lieben langen Tag so treibe? Aber mich bezahlt schließlich niemand. ,Wes Brot ich ess, des Lied ich sing‘ – das war schon richtig für Hartmann von Aue und Oswald von Wolkenstein…“ Kulle sah in Bärdels Augen große Fragezeichen. „…Das waren Minnesänger…und das gilt auch noch heute.“

„Entschuldige bitte“, murmelte Bärdel zerknirscht. Ich wollte Dich nicht verletzen. Am liebste würde ich Dir jetzt eine Löwenzahnwurzel anbieten, aber leider ist gerade keine da.“

„Zum Glück ist keine da!“ korrigierte Kulle. Er dreht sich um und geriet dabei auf seinen Tennisschlägerschneeschuhen beinahe aus dem Gleichgewicht. „Komm, wir gehen nach Hause. Tumu hat bestimmt noch eingelegte Wurzeln vom letzten Herbst übrig. Wie wär‘s, wenn Du Deine Frau überredetest, uns ein leckeres Frühstück zu bereiten?“

Bärdel hatte nichts dagegen.

Augenleben

Wie alle Bärenlebener schätzte Tumu Marx‘ ideales Lebensmotto: morgens Sammler, nachmittags Fischer, abends kritischer Kritiker zu sein, und natürlich hielt sie sich nicht sklavisch an dessen Reihenfolge. Heute hatte sie sich am helllichten Vormittag in die Bibliothek begeben, um nach geeigneten Gutenachtmärchen für die Eisbärenkinder zu suchen. Nanuk waren zwar sehr intelligent und wussten dank Attis und Kulles Bemühungen auch schon sehr viel, aber oft waren sie noch die reinsten Kindsköpfe.

Tumu

Unter den Stichworten „Bärenmärchen“ und „Bärengeschichten“ fand sie im elektronischen Katalog „Stories of Winnie-the-Pooh“ und rief den Text auf. Bald musste sie laut lachen: Der Mensch, der das geschrieben hatte, kannte sich mit Bären gar nicht schlecht aus! Der wusste zum Beispiel. dass Bären fast immer an Honig denken, wenn sie zum Beispiel ein Summen hören oder eine Biene sehen. Schmunzelnd wollte Tumu Winnie beim Erklettern einer hohen Eiche verfolgen, weil er in ihrem Wipfel einen Bienenstock vermutete, als sie plötzlich mit dem rechten Auge nur noch Farben sah. Schönste Regenbogenfarben. Aber eben keinen Bildschirm mehr, keine Buchstaben, keine Bibliothek.

Sie kniff das rechte Auge zu. Links war alles, wie es sein sollte.

Sie blinzelte mit beiden Augen. Öffnete sie. Rechts blieb der Regenbogen.

Sie bekam Angst.

Einäugig fand sie den Weg ins Labor. Alle nannten die Höhle, in der Manfred unumstrittener Herrscher war, so, aber eigentlich war sie seine Kommandozentrale. Sein Bärenlebener Technikzentrum. Und sein Lagerplatz für alles das, was er irgendwann einmal an sich gebracht, wofür sich aber bisher keine Verwendung hatte finden lassen.

Manfred

„Manfred!“ Tumu stieß sich wegen ihrer ungewohnt eingeschränkten Sicht schmerzhaft die Schulter an der Wand. „Au!“

„Mama, was ist los?“

„Ich habe da noch was, warte mal,“ murmelte Manfred, nachdem Tumu mit ihrer kurzen Erklärung fertig war. Er war ein Sammler. Nie hatte er sich damit zufrieden gegeben, nur das zu erwerben – was immer erwerben auch heißen mochte -, was er unmittelbar verwenden konnte. ,Man kann ja nie wissen‘ war sein Motto – und jetzt machte es sich bezahlt. Er kramte im Hintergrund seiner Schatzkammer herum, kam mit einem riesigen Karton wieder zum Vorschein und begann auszupacken.

„Das dauert jetzt noch einen Moment“, sagte er. „Ich muss erst mal die Betriebsanleitung lesen. Aber das hier ist genau das, was wir brauchen: Augendiagnostik mit Gesichtsfeldmessung und etlichem anderem Schnickschnack.“

Tumu setzte sich und schloss die Augen. Ihre Nerven spielten ihr einen Streich: Die Regenbogenfarben tanzten weiter. Die Angst tanzte mit.

„Okay, Mama“, sagte Manfred schließlich. „Komm mal her. Jetzt finden wir raus, was mit deinen Augen los ist!“ Zehn Minuten später stand sein Urteil fest: „Im rechten Auge hast Du einen großflächige Netzhautablösung. Das muss umgehend operiert werden. Sonst verlierst Du Dein Augenlicht. Du musst ins Krankenhaus.“

Plötzlich war Tumu völlig ruhig. Sie akzeptierte das Urteil. In Zukunft würde sie also auf dem rechten Auge nichts mehr sehen. Nun gut. Bären waren sowieso kurzsichtig, allesamt. Bären waren Nasentiere. Ihre Nase funktionierte ausgezeichnet. Sie würde zurechtkommen.

„Nein, das muss ich nicht. Wir dürfen das nicht riskieren. Vielleicht merken die Menschen nicht gleich, dass ich eine Bärin bin, aber später werden sie mich verfolgen mit ihren Rechnungen und Nachuntersuchungen. Sie werden Bärenleben finden, und dass das nicht passieren darf, brauche ich Dir nicht zu erklären.“

Manfred nickte. Dann schüttelte er den Kopf. „Aber, Mama…“

“Jetzt halt mal die Klappe, Jungstinker! Und mach uns hier bitte Platz! Deine kluge Mutter hat völlig recht. Ich kann Eure ganze Mischpoke schließlich nicht dauernd durch die Gegend transportieren. Aber eine kleine Netzhautfestklebung sollten wir mit Bordmitteln schon hinkriegen, hihi! Erstmal brauchen wir einen ordentlichen Operationstisch.“

Tumu hörte ein Summen und Brummen, ein Schwirren und Sirren, ein Sausen und Brausen. Mit dem gesunden Auge sah sie, dass die Luft zu tanzen begann. Aus allen Richtungen kamen Blattschneiderbienen, Blutbienen, Buntbienen, Düsterbienen, Erdbienen, Filzbienen, Fleckenbienen, Furchenbienen, Glanzbienen, Graubienen, Harzbienen, Holzbienen, Hosenbienen, Hummeln, Kegelbienen, Kuhhornbienen, Kraftbienen, Kurzhornbienen, Langhornbienen, Löcherbienen, Maskenbienen, Mauerbienen, Mörtelbienen, Pelzbienen, Sandbienen, Sandgängerbienen, Sägehornbienen, Schenkelbienen, Scherenbienen, Schienenbienen, Schlürfbienen, Schmalbienen, Schmuckbienen, Schwebebienen, Seidenbienen, Spiralhornbienen, Steinbienen, Steppenbienen, Steppenglanzbienen, Trauerbienen, Wespenbienen, Wollbienen, Zottelbienen und Zweizahnbienen angeflogen. Aller Wachsdrüsen arbeiteten auf Hochtouren.

Tumu und Manfred trauten ihren Augen nicht, Es dauerte nur ein paar Minuten, bis die Insekten ein Wachsbett modelliert hatten, in dem das Basrelief einer liegenden Tumu ausgespart worden war. Nach einem abschließenden Kontrollflug brumselte eine dicke Hummel als letzte davon.

„Danke, KInder! Ihr habt was bei mir gut! Und nun, meine Liebe – mach es Dir im OP gemütlich!“

Natürlich hatte Tumu Tussis Stimme schon beim ersten Mal sofort erkannt. Alle Angst war verflogen. Wenn Tussi etwas in die Hand nahm, brauchte niemand sich mehr Sorgen zu machen, und schon gar keine Bärin in Bärenleben. Als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, legte sie sich auf und in das Kunstwerk der Bienen. Es schmiegte sich perfekt an ihren Körper.

„Alles klar, wie ich sehe. Entspann Dich. Entspann Dich wirklich – die besten Operateure der Welt sind eben nicht Säuger, sondern Krabbeltiere – wahrscheinlich ist das für Dich gewöhnungsbedürftig. Aber alles mit Tussi-Garantie!“

Tumu lächelte, allerdings nur zwei Sekunden lang. Dann spürte sie, wie es auf ihrem Gesicht krabbelte. Es mussten viele sein, auch wenn ihr klar war, dass jeder – jede – jedes – oh, fiel ihr ein, eigentlich wusste sie nichts von Krabbeltieren, noch nicht mal etwas über deren Geschlecht – sechs Beine hatte. Oder sogar acht, falls es Spinnen waren. Oder Dutzende, wenn es sich um Tausendfüßler handelte.

„Gaaanz ruhig!“ kommandierte Tussi. „Zu Deinem rechten Auge ist gerade eine Eliteeinheit roter Waldameisen unterwegs. Sie werden sich unter Deinem Auge versammeln, und dann werden sie Dich alle gleichzeitig beißen – Ameisensäure ist ein perfektes Anästhetikum! Vom Rest der Operation wirst Du nichts mehr spüren.“

Manfred bekam große Augen, biss sich aber auf die Zunge. Tussi wusste immer, was sie tat, beruhigte er sich. Oder versuchte es wenigstens.

Tumu registrierte ein Ende des Krabbelns und bekam gleich danach einen ordentlichen Stich versetzt – oder wohl eher einen Biss, wie Tussi gesagt hatte.

„Und jetzt“, verlangte Tussi, „machst Du Deine Augen zu. Vor allem das rechte. Nicht erschrecken – ich helfe in bisschen nach!“

Tumu erwartete einen kühlen Froschfinger auf ihrem Gesicht, aber stattdessen verspürte sie pelzige Wärme über dem rechten Auge und roch etwas – Sumpf und Moschus.

„Das ist Freundin Bisamratte“, informierte sie Tussi. „Ihre Geruchsdrüsen harmonieren perfekt mit der Wirkung der Ameisensäure. Sie wird ein paar Minuten da hocken bleiben, bis die Betäubung richtig wirkt. Manchmal seid Ihr Säuger eben doch zu etwas zu gebrauchen. Aber danach übernehmen die wirklichen Künstler. Die Operation werden Blattschneiderameisen durchführen – sie sind gerade aus Lateinamerika eingereist. Die machen Dein Auge erst mal kaputt, wie Du Dir denken kannst, und implantieren Dir eine neue Linse. Die alte taugt nämlich nicht mehr viel. Die Linse hat mir eine Freundin geschenkt. Ich kenne sie zwar noch nicht lange, denn sie ist ziemlich jung, keine dreitausend Jahre, schätze ich, aber ich halte sie für vertrauenswürdig. Sie ist eine Redwood aus Nordkalifornien und produziert glasklares Harz, das schnell zu Bernstein erstarrt. Danach musst Du bloß noch zusammengenäht werden. Diese verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt Meisterin Kreuzspinne, berühmt für ihre Fußfertigkeit und ihren extrafeinen Klebfaden. Der Weberknecht assistiert ihr natürlich. Du darfst derweil träumen – von süßen Kaulquappenkindern zum Beispiel. Aber vermutlich ziehst Du stinkende kleine Bären vor – chacun à son goût, wie der französische Frosch sagt. Und jetzt geht‘s los!“

Tumu überließ sich willig ihren Operateuren, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Sehnerv ein aufregendes Eigenleben beginnen würde. Kaum war ihr Auge weg‘, wie sie den ersten Schritt des Eingriffs für sich übersetzte, da entfaltete sich eine Farbenpracht, wie sie sie noch nie zu sehen bekommen hatte. Sie verzichtete darauf, irgend etwas steuern zu wollen, und überließ sich dem Geschehen. Irgendwann setzten sich die Farben zu Bildern zusammen.

Eine Decke aus Geldscheinen, überwiegend Dollarnoten, lag locker auf dem Globus. Anfangs war sie dünn, reichte nicht aus, um den Erdball zu bedecken, bekam immer wieder Löcher, wurde notdürftig geflickt. Dann aber gewann sie an Fülle und Fläche, wurde flauschig wie ein Bett aus Eiderdaunen, bedeckte mit der Ausnahme Afrikas alle Kontinente, füllte sich prall und praller, schien ihre Hülle sprengen zu wollen. Sie wurde lebendig, hob sich in die Höhe, wollte sich losreißen, kam aber nicht fort. In geringem Abstand von der Erdoberfläche schwoll sie immer weiter und weiter an. Sie wurde so dick, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie platzen würde.

Sie platzte. Geldscheine taumelten durch den Weltenraum, verglühten in den Sternen, verschwanden in unendlichen Weiten. Ein Jammergeschrei erhob sich auf der Erde, die die Sonnenstrahlen endlich wieder erreichten. Verkrüppelte menschliche Wesen, bleich wie Höhlenbewohner, reckten ihre mageren Arme suchend in den Himmel und versuchten gleichzeitig, sich vor dem Licht zu schützen.

Tumu schüttelte nicht unwillig den Kopf, denn erstens war der perfekt in den Bienentisch eingepasst, und zweitens hätte sie nie gewagt, die delikate Arbeit der Meisterin Kreuzspinne und ihrer Mitoperateure zu gefährden. Sie verscheuchte den Traum, ohne sich zu rühren, und beherzigte Tussis Empfehlung. Die neueste Weltwirtschaftskrise lag ihr momentan weitaus ferner als zum Beispiel Na und Nuk und Gute-Nacht-Geschichten für die Kinder. Winnie-the-Pooh fiel ihr wieder ein und seine Vorliebe für Honig. In Bärenleben, beschloss sie, würden alle Gerichte künftig nur noch mit Kunsthonig zubereitet werden. Nie mehr würde sie zulassen, dass Bienen bestohlen wurden.

„Lobenswerter Vorsatz!“ kommentierte Tussi. „Wir sind übrigens fertig mit der Behandlung. In ein paar Tagen kannst Du wieder ordentlich sehen und den Kleinen Geschichten vorlesen. Ich werde mich übrigens dazu einladen – Geschichten von Bären von sehr geringem Verstand gehen mir runter wie Honig – pardon, wie Kunsthonig natürlich, hihi! Und jetzt wird geschlafen.“

Konsequenz


Bärdel saß gemütlich in der Aprilsonne auf der Erde und schaute den ersten Löwenzahnblättchen beim Wachsen zu. Er bleib nicht lange ungestört. In der Ferne hörte er fordernde Rufe: “Onkel Bärdel! Onkel Bärdel!“ Die hohen Stimmchen gehörten Na und Nuk. Er hatte die beiden Kleinen gerne um sich, aber er erleichterte ihnen die Suche nicht: Mochten sie ihn selber finden!

Na und Nuk

Da die Zwillinge empfindliche Nasen hatten, entdeckten sie Bärdel schnell. Er nahm sie in die Pranken, knuffte sie herzhaft, was ihnen ein entzücktes Quieken entlockte, und bot ihnen zarten Löwenzahn als Delikatesse an.

Nuk wehrte ab: “Danke, Onkel Bärdel, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Wir kommen wegen etwas Wichtigem!“

Bärdel steckte sich das wohlschmeckende Grünzeug ins eigene Maul, kaute genüsslich und erkundigte sich: “Und das wäre?“

“Du musst uns helfen, die Welt untergehen zu lassen,“ erklärte Nuk, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Da Bärdel das anders bewertete, verschluckte er sich heftig, rang nach Luft und erholte sich erst allmählich von seinem Erstickungsanfall, nachdem die Schwestern ihm kräftig auf den Rücken geklopft hatten. “Die ganze Welt oder nur die Erde?“ erkundigte er sich danach.

“Die Erde reicht,“ antworteten Nanuk im Chor.

“Und warum möchtet Ihr das, wenn ich fragen darf?“

“Du darfst immer fragen, Onkel Bärdel. Tante Atti und Onkel Kulle haben gesagt, wir seien ihnen immer herzlich willkommen, wenn wir etwas wissen möchten, aber zur Schule zu gehen brauchten wir ab sofort nicht mehr. Wir wüssten jetzt eine Menge, und wir hätten auch gelernt, wie wir uns noch fehlendes Wissen beschaffen könnten. Na ja, und daraufhin haben wir uns klargemacht, was wir wissen. Und als wir damit fertig waren, haben wir beschlossen, dass es am besten ist, wenn…“

“Schon gut, schon gut!“ unterbrach Bärdel. “Was wisst Ihr denn?“

“Wir wissen viele schöne Dinge, zum Beispiel in Mathe und Physik, und viele scheußliche. Die scheußlichen haben wir in Geschichte und Politik gelernt. Also in Menschenkunde. Die Menschen haben nichts Besseres zu tun, als sich zu vermehren und sich gegenseitig umzubringen. Das Umbringen ist übrigens nicht effizient genug, die Menschen werden immer mehr. Sie sind kurz davor, auch noch die letzten Rohstoffe auszubeuten und das Klima so zu verändern, dass nicht nur wir Eisbären, sondern auch sie selbst und andere Tiere und Pflanzen nicht mehr auf der Erde leben können. Und deshalb haben wir uns überlegt, dass ein Ende mit Schrecken besser ist als ein Schrecken ohne Ende.“ Als eingespieltes Team hatten Na und Nuk immer abwechselnd einen Satz gesagt. jetzt schauten sie Bärdel erwartungsvoll an.

“Das klingt wohl überlegt!“ kommentierte Bärdel. “Und warum soll ich Euch beim Untergang der Erde helfen?“

“Wir … wir wissen nicht, wie wir das anstellen sollen,“ gestanden die Kleinen.

“Nun, in dieser Beziehung kann ich Euch durchaus Vorschläge machen. Aber erst müsst Ihr mir genauer sagen, welches Ziel Ihr anstrebt: Soll die Erde in Trümmerstücke zerlegt werden? Oder reicht es, wenn die Menschen von ihr verschwinden?“

Na und Nuk waren sich wie immer einig: “Es reicht, wenn die Menschen von ihr verschwinden.“

“Dazu fällt mir eine gute Methode ein. Nein, keine Seuche, auch das aggressivste Virus arrangiert sich irgendwann mit seinem Wirtstier, weil es selbst überleben will. Ich schlage einen Krieg vor, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Einen Atomkrieg. Der kann ruhig lokal begrenzt sein – zur Produktion eines nuklearen Winters und zur Zerstörung der Ozonschicht reicht so etwas aus. Hetzt also zum Beispiel Indien und Pakistan aufeinander, was nicht schwer fallen sollte, und ihr habt, was Ihr wollt. Die Menschen haben nichts mehr zu essen und sterben an Krebs wie die Fliegen. Ist das nach Eurem Geschmack?“

“Super, Onkel Bärdel!“ jubelten Nanuk. “Das ist genau das, wonach wir gesucht haben. Danke! Wir sausen jetzt schnell zu Onkel Manfred ins Computerzentrum und schauen, ob wir die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan stören können. Bis bald!“

Aber bevor sich die Kleinen davonmachen konnten, bremste Bärdel sie. “Immer langsam mit den jungen Eisbärinnen!“ schmunzelte er. “Möchtet Ihr vielleicht nicht doch ein bisschen Löwenzahn? Nein? Nun, dann lasst uns wenigstens voneinander Abschied nehmen.“

Na wunderte sich: “Aber Onkel Bärdel, Du bist doch sonst nicht so feierlich! Wir kommen bald wieder!“

Bärdel wiegte seinen dicken Kopf hin und her. “Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Auch wir werden verhungern, erfrieren und an Krebs sterben, wenn Ihr Euren Krieg macht. Ob wir uns jemals wieder sehen?“

“Oh!“ sagte Nuk.

“Wieso wir?“ fragte Na.

“Wir sind mit den Menschen genetisch eng verwandt. Was ihnen schadet, schadet uns auch.“ Bärdel ließ es dabei bewenden und verkniff sich einen Seitenhieb: Das hättet Ihr in Biologie eigentlich lernen sollen.‘

“Ja, dann…“ überlegte Nuk. Und schnell kam sie zu einem Entschluss: “Ich als die Erstgeborene beschließe hiermit, dass wir mit dem Weltuntergang noch ein wenig warten. Einverstanden, Na?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: “Onkel Bärdel, gilt Dein Löwenzahnangebot noch?“

“Selbstverständlich!“ antwortete Bärdel und schloss die Beiden in die Arme. Bärenleben und auch die Menschen hatten noch einmal Glück gehabt.

Was ist Politik (II)

Wochenlang herrschte nach der Theateraufführung von Bärdel, Kulle und Manfred für das jugendliche Publikum Bärenlebens scheinbare Ruhe. Niemand von den “Erwachsenen” bekam mit, dass sich Ramses, Piggy, Del und Nanuk regelmäßig jeden Tag trafen und hitzig miteinander diskutierten. Vor ihren Treffen verbrachten sie in der Regel lange Stunden in der Bibliothek und vor den Computern, mit denen sie im Internet recherchierten. Sie suchten nach der Formel für ein ideales gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, wie Bärdel es ihnen aufgetragen hatte, aber sie hatten auch noch einen ehrgeizigen weiteren Plan.

“Es geht nicht!” stellte Piggy schließlich resigniert fest. “Es geht einfach nicht! Wir sind gescheitert!”

Piggy

“Nein, das sind wir nicht!” widersprach Del. “Nicht wir sind gescheitert, sondern die Menschen. Und das und die Gründe dafür kann man doch zeigen, oder?”

Del

Das sahen Piggy und die anderen ein. Sie fanden es jedoch langweilig, sich vorführen zu lassen, was sie schon selbst herausgefunden hatten. Außerdem fanden Sie, dass Bärdel und Kulle eine Belohnung für ihre Polittheatershow verdient hatten. Manfred eigentlich auch, aber der würde arbeiten müssen – sie brauchten seine Hilfe, wenn jetzt sie ein Stück inszenierten.

Manfred half den “Kleinen” gerne, und sie begannen heimlich mit den Proben. Bärdel war völlig überrascht, als er am Beginn einer Abendversammlung bestimmt, aber höflich von Nuk unterbrochen wurde.

Na Nuk

“Bitte entschuldige, Onkel Bärdel!” piepste sie. “Ich weiß, dass ich Dich eigentlich nicht stören darf. Aber heute Abend stehen keine wichtigen Entscheidungen auf der Tagesordnung, und wenn das nicht der Fall ist, erzählen wir uns sowieso nur Märchen. Anstatt das zu tun, können wir auch ins Theater gehen – wir jungen Bärenlebener haben ein kleines Stück einstudiert.”

Die Bären nahmen den Vorschlag begeistert an und gruppierten sich vor der Bühne. Na übernahm die Einführung und erklärte, worum es gehen sollte. Und dann erlosch das Licht auf dem Podium. Im Zuschauerraum war es schon lange dunkel, denn es war später Herbst.

Als die Lichter auf der Bühne wieder angingen, sahen die Zuschauer zunächst einen Stummfilm, in dem warme Farben vorherrschten. Er zeigte Menschen in einfachen Verhältnissen, die glücklich zu sein schienen, bei einfachen Tätigkeiten. Sie aßen, tranken, arbeiteten, lasen, diskutierten, schliefen, spielten mit ihren Kindern. Ab und zu diskutierten alle über das gleiche. Dann wurde die entsprechende Frage eingeblendet. “Sollen wir eine Brücke über den Fluss bauen oder darauf verzichten, weil wir damit den Lebensraum einer Fledermaus gefährdeten?” “Wollen wir genmanipulierte Pflanzen anbauen und so die landwirtschaftlichen Erträge steigern, obwohl dadurch vermutlich die Reproduktionsrate der Schmetterlinge verringert wird?” “Wollen wir ein Fastfood-Restaurant eröffnen oder eine zweite Bibliothek einrichten?”

Wann immer es galt, eine solche Frage zu beantworten, trafen sich alle Erwachsenen auf einem großen Platz. Es gab niemanden, der zu Hause blieb, außer den ganz Kranken und Schwachen. Sie diskutierten nur kurz und entschieden sich schnell: Für die Fledermäuse, die Schmetterlinge und die Bibliothek. Und: Sie entschieden immer einstimmig.

Der Film endete, und die Bären wollen schon anfangen zu applaudieren, als ein freundlich aussehender Menschenmann in altmodischer Kleidung und mit einer Perücke auf dem Kopf auf der Bühne erschien und eine Erklärung abgab:

“Wie viele schwer zu vereinigende Dinge setzt diese Regierungsform überhaupt voraus! Erstens einen sehr kleinen Staat, in dem das Volk leicht zu versammeln ist und jeder Bürger genügende Gelegenheit hat, alle anderen kennenzulernen; zweitens eine große Einfachheit der Sitten, die keine Veranlassung zu vielen schwierigen Arbeiten und Verhandlungen gibt, sodann fast vollkommene Gleichheit in bezug auf Stand und Vermögen, ohne die auch die Gleichheit der Rechte und der Macht keinen langen Bestand haben könnte; endlich wenig oder gar keinen Luxus, denn der Luxus ist entweder die Folge des Reichtums oder macht ihn nötig; er verdirbt nicht nur den Reichen, sondern auch den Armen, jenen durch den Besitz, diesen durch die Lüsternheit; er verwandelt das Vaterland in eine Stätte der Weichlichkeit und Eitelkeit; er entzieht dem Staate alle Bürger, um die einen zu Sklaven der anderen und alle zu Sklaven des Vorurteils zu machen.”

Ramses

Hier machte der freundliche Herr eine lange Pause, die ebenso wie seine lange Rede von gelegentlichem Kichern aus dem Publikum unterbrochen wurde. Trotz aller Verkleidungskünste und Schminkbemühungen ließ sich nicht übersehen, dass der Sprecher ein grünes Gesicht hatte. Und ein grünes Gesicht hatte in Bärenleben nur einer: Ramses.

Der verkleidete Frosch schloss: “Gäbe es ein Volk von Göttern, so würde es sich demokratisch regieren. Eine so vollkommene Regierung passt für Menschen nicht.”

Er verbeugte sich tief und ging ab.

“Aber sehr wohl für Bären!” brummte ein sehr alter Bär, der sich sonst meist damit hervortat, dass er gegen alles war. Er begann, die Pranken ineinander zu schlagen, aber auch jetzt war die Vorstellung noch nicht zu Ende. Eine Melodie erklang, laut und kämpferisch, die den meisten Anwesenden bekannt vorkam. Dazu marschierten auf der Leinwand Soldaten in einem nicht enden wollenden Zug. Die Filmaufnahme war diesmal schwarzweiß. Den Text des Liedes hatte bisher niemand gekannt.


Auf, Kinder des Vaterlands!

Der Tag des Ruhms ist da.

Gegen uns wurde der Tyrannei

Blutiges Banner erhoben.

Hört Ihr auf den Feldern

Das Brüllen der grausamen Krieger?

Sie kommen bis in eure Arme

Eure Söhne, eure Frauen zu erwürgen!

An die Waffen, Bürger!

Schließt die Reihen,

Vorwärts, marschieren wir!

Damit ein unreines Blut

Unsere Äcker tränkt!

“Ich wusste gar nicht, dass die Marseillaise so einen blutrünstigen Text hat!” seufzte Tumu, “Das ist ja schrecklich!”

Wieder erschien Ramses auf der Bühne, in ähnlichem, aber in erkennbar anderem Kostüm, auch mit anderer Perücke. Er setzte sich auf einen Louis-XVI.-Stuhl und begann zu häkeln, wobei er freundlich ins Publikum lächelte.

Ramses

“Ja, schrecklich ist es, aber in revolutionären Zeiten gibt es ohne Schrecken keine Tugend, und wir leben in revolutionären Zeiten: Deshalb: Alle Verdächtigen an die Laterne, wie es früher hieß, bevor der gute Dr. Guillotin seinen humanen Tötungsapparat erfunden hat. Glauben Sie bitte nicht, dass ich mich an den Hinrichtungen berausche – ich war noch bei keiner einzigen dabei. Blut ist mir zutiefst zuwider. Aber unser Land ist entartet, und wenn diese Entartung beendet werden soll, wenn wieder Moral, Grundsätze, Vernunft, Seelengröße und Wahrheit herrschen sollen, wie es Jean-Jacques Rousseau, der Prophet des “Höchsten Wesens”, gewollt hat, dann müssen wir die Parasiten am Volkskörper ausmerzen, ausmerzen, ausmerzen!”

Der Sprecher lächelte jetzt nicht mehr, und er hatte auch aufgehört zu häkeln. Seine Miene war verklärt, und zu den letzten drei Worten hatte er begonnen, den Takt zu klatschen.

Das Licht auf der Bühne wechselte, Ramses versank im Dunklen, und die Spielzeugguillotine, die Bärdel und Kulle für ihr vorhergehendes politisches Theaterstück gebaut hatten, tauchte auf. Piggy trug eine schwarze Kapuze über dem Kopf, war aber trotzdem am Ringelschwänzchen gut zu erkennen. Das Schwein agierte als Henker. Na und Nuk hatten sich rote Streifen um den Hals gemalt und spielten die Opfer. Nacheinander legten sie sich auf das Schafott, und bei jedem Händeklatschen ließ Piggy das Beil herabsausen, das aber auf halber Strecke stoppte. Die “Exekutierte” verbarg den nicht abgeschlagenen Kopf in den Armen, ließ sich von der Guillotine rollen und versteckte sich dahinter. Kaum war das geschehen, spielte der andere Eisbärenzwilling den nächsten Verurteilten. Und immer so fort.

Das wirkte so komisch, dass die Zuschauer, die zunächst betreten dreingeschaut hatten, bald das Lachen nicht mehr unterdrücken konnten. Ein erstes verschämtes Lächeln wurde zum unterdrückten Gepruste, bis sich allgemein schallendes Gelächter durchsetzte.

Die Schauspieler schafften es eine Zeitlang, diese ungebührliche Reaktion zu ignorieren. Schließlich aber platzte Nanuk der Kragen. Sie hörten auf, sich exekutieren zu lassen, und stellten sich an die Rampe.

“Ihr Ignoranten!”

“Ihr seid vielleicht blöd!”

“Das ist alles historisch verbürgt!”

“Und komisch ist das überhaupt nicht!”

“Weil nämlich Robbespierre auch ein dogmatischer Ignorant war.”

“Er hat eine gute Idee pervertiert.”

“Er hat sie nicht verstanden und hat trotzdem versucht, sie mit Gewalt durchzusetzen.”

“Und wir haben rausgefunden, dass das bei dem Menschen immer wieder passiert.”

“Zum Beispiel in der Religion.”

“Oder in der Politik.”

“Und ihr lacht darüber!!!”

Die Bären im Publikum sahen einander unsicher an. Gehörte das noch zum Stück? Natürlich waren sie alle kulturinteressiert und kannten Handkes “Publikumsbeschimpfung”. Oder war das jetzt ernst gemeint?

Ein kleiner Kopf tauchte aus dem Souffleurkasten auf und wandte sich den Zuschauern zu. “Das, liebe Bären, ist sehr ernst gemeint!” sagte Del.

Sofort kehrte Ruhe ein.

Nach wenigen Sekunden allerdings erhob sich donnernder Applaus.

Was ist Politik?

Nach ihrem Unterricht in Menschenkunde und Mathematik waren Na und Nuk nicht zu bremsen: In Physik, Chemie und Biologie eigneten sie sich die wichtigsten Kenntnisse im Pfotenumdrehen an, und danach entwickelten sie sich zu Geografie-Expertinnen. Bei den Geisteswissenschaften haperte es dagegen – die kleinen Eisbärinnen wollten nicht so recht an Literatur oder Philosophie und Geschichte heran, und selbst Kulle drängte nicht darauf, sie mit seinen ureigenen Forschungsgegenständen zu befassen.

Die Lernwilligen

Eines Tages aber geschah, was geschehen musste. Na und Nuk hatten sich das richtige Opfer ausgespäht. Sie erwischten Kulle auf seinem Morgenspaziergang und fragten: “Onkel Kulle, wir möchten gerne wissen, was Politik ist. Guten Morgen übrigens. Guten Morgen auch Dir, Onkel Bärdel!“

“Guten Morgen, Guten Morgen! Also, Politik ist…“

Bärdel und Kulle hatten gleichzeitig zu sprechen begonnen und hörten ebenso gleichzeitig auf. Sie schauten einander unsicher an.

“Also…“ machte Kulle nach einer Kunstpause einen weiteren Versuch, aber Nuk, als Erstgeborene die Mutigere, fiel ihm ins Wort.

“Onkel Kulle, wir ahnen, dass Du jetzt überlegst, welche von den Dutzenden Definitionen von Politik, die Du kennst, also welche davon Du uns jetzt als die richtige verkaufst. Das wollen wir aber gar nicht wissen. Nachgeguckt haben wir selber. Wir wollen nicht wissen, wie man Politik definieren kann, sondern was Politik ist!“

Kulle fragte: “Was meint Ihr damit?“

“Wir möchten das Sein des Seins’Politik‘ erfahren, das meinen wir damit!“ Es gelang Na ohne Mühe, ernst zu bleiben, denn sie ahnte nicht, wie fremd ihre Formulierung am Beginn des 21. Jahrhunderts klang.

“Ihr möchtet also Politik erleben – ist es das?“ vergewisserte sich Bärdel.

“Genau, Onkel Bärdel!“ jubelten die Zwillinge und sahen die alten Braunbären erwartungsvoll an.

“Ich fürchte“, brummte Kulle so leise vor sich hin, dass ihn die Eisbärenkinder gar nicht und Bärdel nur mit Mühe hören konnte, “ich fürchte, das läuft auf ein Spiel hinaus!“

“Bloß das nicht!“ flehte Bärdel. Er hatte mit Spielen so seine Erfahrungen.

Aber sein Entsetzen beeindruckte die Kinder überhaupt nicht.

“Toll!“ brüllten sie. “Wir spielen ein Spiel! Ein Spiiieell!“

Bei der Versammlung am Abend, als Bärdel den Bärenlebenern verkündete, was ihnen bevorstand, wenn sie sich auf den Wunsch von Nanuk einließen, reagierten viele ablehnend, und Tumu gehörte dazu.

“Wenn Ihr Politik spielen wollt – meinen Segen habt Ihr. Wir haben seit Deinem letzten Geburtstag eine wunderschöne Freilichtbühne neben unserer Höhle. Da könnt Ihr den Kindern vormachen, wie Politik funktioniert, und viele andere kommen bestimmt auch gerne zum Zugucken. Ein Realspiel lehne ich dagegen ab – das letzte liegt mir noch in den Knochen.“

So waren Bärdel und Kulle zum Theaterspielen verurteilt. Sie überlegten sich ein Konzept, suchten sich Manfred als Helfer und begannen mit den Proben. Schon nach ein paar Tagen kündigten sie die erste Aufführung an und erklärten, es handele sich dabei um Jugendtheater. Die Erwachsenen sollten, so wünschten sie, der Aufführung fern bleiben.

Manfred

Der Zuschauerraum war zwar nicht gut gefüllt, aber alle Jungbären der Gegend waren anwesend, und auch Piggy das Schwein und Ramses der Frosch waren gekommen, denn sie betrachteten sich in der Bärengemeinschaft immer noch als unwissend, also in gewisser Weise als jung. Da es keinen Theatervorhang gab, konnten alle beobachten, wie Bärdel die Bühne betrat. Er trug eine Krone aus Goldpapier auf dem dicken Schädel und ließ sich schwer in einen geschmückten Sessel plumpsen, der mitten auf der Bühne stand und wohl einen Thron darstellen sollte.

Bärdel wandte sich an sein Publikum: Guten Abend, junge Bären!“” grüßte er freundlich. “Ich bin Euer König. Das heißt also, ich bin Euer Herrscher. Wenn ich freundlich zu Euch bin, dann bin ich nicht einfach freundlich, sondern huldvoll. Das heißt, ich bringe Euch Wohlwollen entgegen, ich will Euch wohl. Dafür will ich von Euch Abgaben, aber die verwende ich nicht immer nur für mich alleine – wenn Ihr angegriffen werdet, will ich Euch gerne verteidigen, vorausgesetzt, Ihr helft mir dabei!“

Unruhe entstand im Publikum.

“Habt Ihr dazu etwa irgend welche Fragen?“ wollte Bärdel wissen.

“Heißt das“, erkundigte sich Del, “heißt das, dass Du als König auf unsere Kosten lebst?“

“Nein, natürlich nicht. Ich lebe auf Kosten der Gnade Gottes, ich bin König von Gottes Gnaden. Gott hat mich über Euch gesetzt, damit ich hier auf Erden seinen Willen exekutiere. Dafür geht es mir materiell ein bisschen besser als Euch, das gebe ich zu.“

Und welche Rolle spielen wir in diesem Spiel?“ fragte Del weiter.

“Na ja,“ erklärte Bärdel, “wie ich schon sagte: Ihr zahlt und kämpft im Krieg. Im übrigen gehorcht Ihr und seid fromm und dankbar dafür, dass es Euch so gut geht.“

“Das gefällt uns nicht!“ sagten Na und Nuk gleichzeitig,

“Mir auch nicht!“ rief Kulle, der jetzt auf die Bühne gelaufen kam. Er trug eine große bunte, mit Schellen besetzte Kappe. “Mit gefällt das auch nicht, weil ich nämlich der Hofnarr dieses Königs bin. Wollt Ihr wissen, was der König den ganzen Tag lang macht?“

“Jaaa!!!“ rief das Publikum.

“Am Morgen steht der König auf, am Abend geht der König zu Bett, und tagsüber langweilt er sich mit seinen Sorgen, mit seinen Dienern, seinem Gold, Silber, Samt, seiner Seide, langweilt sich mit seinen Kerzen. Sein Bett ist prunkvoll, aber man kann darin auch nicht viel anderes tun als schlafen.

Die Diener machen am Morgen tiefe Verbeugungen, jeden Morgen gleich tief, der König ist daran gewöhnt und schaut nicht einmal hin. Jemand gibt ihm die Gabel, jemand gibt ihm das Messer, jemand schiebt ihm den Stuhl zu, und die Leute, die mit ihm sprechen, sagen Majestät und sehr viele schöne Worte dazu und sonst nichts.

Nie sagt jemand zu ihm:’Du Trottel, du Schafskopf‘, und alles, was sie ihm heute sagen, haben sie ihm gestern schon gesagt.

So ist das.

Und deshalb haben Könige Hofnarren.

Die dürfen tun, was sie wollen, und sagen, was sie wollen, um den König zum Lachen zu bringen, und wenn er über sie nicht mehr lachen kann, bringt er sie um oder so.“

(Vielen Dank an Peter Bichsel. Das Zitat stammt aus: “Amerika gibt es nicht“, in: Kindergeschichten)

Bei seinen letzten Worten schleppte Kulle eine kleine Guillotine auf die Bühne, legte sich unter das Fallbeil und spielte kokett mit der Schnur.

“Lass das sein, Onkel Kulle!“ heulten Nanuk auf. Sieh lieber zu, wie wir diesen König loswerden!“

““Nichts leichter als das!“ schmunzelte Kulle, zog sich die Narrenkappe vom Kopf und setzte als Ersatz eine rote Mütze auf. “Auch ein König kann unter der Guillotine sterben.“

Bärdel zog eine jämmerliche Grimasse, nahm die Krone vom Kopf, heftete sich stattdessen eine blau-weiß-rote Kokarde hinters Ohr und hängte sich ein Schild um den Hals, auf dem “Bürger Capet“ stand.

Kulle entrollte feierlich eine Pergamentrolle und las daraus vor: “Der Nationalkonvent erklärt Louis Capet, den letzten König, der Verschwörung gegen die Freiheit der Nation und des Anschlags gegen die allgemeine Sicherheit des Staates für schuldig. Der Nationalkonvent verhängt die Todesstrafe über Louis Capet.“

“Darf ich noch beichten?“ fragte Bärdel.

“Klar!“ sagte Kulle. “Das wird sich bestimmt lohnen – Du hast ja genug auf dem Kerbholz. Aber beeil Dich damit – der erste Akt ist gleich zu Ende!“

Bärdel kniete sich hin, Manfred kam als Priester verkleidet angesaust, legte für eine Sekunde lauschend die Hand hinter sein Ohr, nickte, schlug das Kreuz über Bärdel und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Bärdel legte sich ergeben unter die Guillotine. Kulle verdeckte die Szene mit einer großen blau-weiß-roten Flagge. Im Publikum hörte man, wie das Fallbeil herabsauste und zur Ruhe kam.

“Onkel Bärdel! Bärdel!“ heulten alle auf.

Die Fahne sank in sich zusammen. Dahinter erhob sich Bärdel unverletzt. “Der König ist tot“, erklärte er, “aber der Schauspieler lebt selbstverständlich. Jetzt machen wir erst mal eine Pause, und danach dürft Ihr Euch wünschen, welche Art von Politik Ihr als nächstes vorgeführt haben möchtet. Eben seid Ihr übrigens mit der Monarchie bekannt gemacht worden, also mit der Herrschaft eines Königs, und mit der Revolution. So nennt man es, wenn eine Staatsform oder eine Regierungsform gewaltsam gestürzt wird.“

In der Pause wurde Himbeersaft serviert wie in einem richtigen Theater für erwachsene Bären, und das jugendliche Publikum diskutierte eifrig darüber, was es im zweiten Akt geboten bekommen wollte.

“Also, ich fand das gemein, was eben mit dem König passiert ist“, sagte Del. “Man sollte ihn wieder in sein Amt einsetzen und ihm sagen, dass er sich in Zukunft besser benehmen soll. Er darf zum Beispiel seinen Hofnarren nicht umbringen, nur weil er sich langweilt.“

“Das geht aber nicht!“ wandte Ramses ein. “Erstens ist der König tot, und eine Leiche als Herrscher haben sich selbst die verrückten Menschen bisher noch nicht ausgedacht. Und zweitens lässt ein Alleinherrscher seine Macht nicht beschränken, jedenfalls nicht ohne Zwang. Außerdem wäre es für uns langweilig, wenn der König wieder auferstünde – die Monarchie kennen wir doch jetzt!“

“Aber was wollen wir dann?“ fragte Piggy. “Wir kennen sonst doch nichts!“

“Das stimmt nicht ganz“, widersprach Nuk. “Ich gebe zu, dass ich noch nicht regelmäßig in der Zeitung lese, aber ab und zu werfe ich einen Blick hinein. Daher weiß ich, dass es hier in Dehland keinen König gibt. Politik muss es doch aber immer geben, oder? Das ist so, weil alle intelligenten Lebewesen – na ja, ich meine jetzt auch die Menschen – Spielregeln für ihr Zusammenleben brauchen. Ich bin dafür, dass wir uns im nächsten Akt die Art von Politik wünschen, die es in Dehland gibt.“

Na sah ihre ältere Schwester bewundernd an. “Das finde ich gut!“

Alle anderen stimmten ebenfalls zu und begaben sich erwartungsvoll wieder in den Zuschauerraum.

Die Bühne war inzwischen umdekoriert worden. An allen drei Seiten hingen große Plakate, die riesige Fotos von Bärdel, Manfred und Kulle zeigten. Auf den Postern stand außerdem noch jeweils ein kurzer Text:

“Bärdel ist Zukunft. Und Zukunft bedeutet Tempolimit.“

“Die Zukunft heißt Tempolimit mit Kulle.“

“Zukunft? Tempolimit? Manfred!“

Bärdel erschien und schmunzelte.

“Ihr seht, dass wir euch bespitzelt haben. Auch das gehört bei den Menschen zur Politik – Berufspolitiker wollen immer wissen, was das Volk denkt und wünscht. So können sie es am besten besch… – ich meine, am besten manipulieren. Ihr wollt die Politik in Dehland erleben, haben wir gehört. Das ist technisch ein bisschen schwierig, denn die Art von Politik, die in Dehland gemacht wird, nennt sich Demokratie, und daran sind viele Menschen beteiligt, jedenfalls ab und zu. Wir hier auf und hinter der Bühne sind aber nur zu dritt. Aber Ihr kennt ja Manfreds Tricks – er wird das schon schaffen.

Manfred

Hinter mir seht Ihr Wahlkampfplakate – in Dehland werden Abgeordnete, die Gesetze beschließen, nämlich vom Volk gewählt. In dem Wahlkampf, den Ihr gleich sehen werdet, spielt ein Tempolimit auf Autobahnen eine große Rolle. Lasst euch überraschen!“

Bärdel ging ab, und die Bühne wurde dunkel. Nach wenigen Sekunden aber wurden drei Filme abgespielt, die ähnliche Situationen zeigten: Unter freiem Himmel sprachen drei Redner, nämlich Bärdel, Kulle und Manfred, zu einem interessiert zuhörenden menschlichen Publikum. Die Präsentation begann als Stummfilm, aber allmählich wurde der Ton hochgefahren, und zwar so, dass man in ständigem zufälligem Wechsel einen Redner laut und die beiden anderen nur ganz leise hörte.

“…wichtig für die Menschen“… “eine wichtige Entscheidung“… “mehr als wichtig, eine wahre Richtungsentscheidung“… “denn die Zukunft“… “denn unsere Zukunft“… “unsere und vor allem die Zukunft unserer Kinder“… “verantwortungsvolles Handeln“… “Handeln aus dem Bewusstsein der Verantwortung“… “Handeln und Verantwortung übernehmen“… “Grenzen erkennen und akzeptieren“… “wir haben eine Grenze erreicht, und wir müssen akzeptieren“… “auch wenn es schwerfällt: Wir müssen erkennen“… “und deshalb fordern wir“… “und deshalb werden wir“… “und so werden wir mit aller Kraft“… “ein Tempolimit einführen“… “das überfällige Tempolimit auch in diesem unseren Land durchsetzen“… “endlich auch hier so fahren wie unsere europäischen Nachbarn: mit Tempolimit“.

Die Filme verblassten, und die Zuschauer applaudierten höflich wegen Manfreds technischer Meisterleistung, sahen einander danach aber verunsichert an.

“Ich bin mir nicht sicher“, brach Na als erste tapfer das Schweigen, “aber – haben die nicht alle dasselbe gesagt?“

Bevor jemand antworten konnte, ertönte ein Gong, und dazu erklang eine Stimme aus dem Off. “Hier ist das erste dehländische Fernsehen mit der Tagesschau.“ Eine hübsche junge Frau wurde sichtbar und verlas eine Meldung: “Am Vorabend der Wahlen zum dehländischen Bundestag haben die Spitzenkandidaten der drei großen Volksparteien auf Kundgebungen für ihre Programme geworben. Da unterschiedliche Positionen dabei nicht zu erkennen waren, rechnen Experten für den morgigen Sonntag mit einer nur geringen Wahlbeteiligung.“

“Also“, sagte Piggy und kringelte das Schwänzchen ganz eng zusammen, was ein untrügliches Zeichen von Empörung war. “Also, ich würde mich an dieser Veranstaltung auch nicht beteiligen. Was ist das denn für eine Wahl, wenn man keine Wahl hat?“

Die Tagesschau-Sprecherin wurde für kurze Zeit unscharf und und verlas gleich darauf die nächste Meldung. “Nach den ersten Hochrechnungen liefern sich die drei großen Volksparteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Insgesamt entfielen 90 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen auf sie. Die Wahlbeteiligung war noch niedriger als erwartet: Nur 45 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab.“

Die Tagesschau-Sprecherin verschwand, und an ihrer Stelle tauchte jemand auf, mit dem wirklich niemand gerechnet hatte: Athabasca. Sie war als Professorin verkleidet und wandte sich an Na und Nuk. “Hallo, Ihr Beiden, ich wollte mich nur kurz als Eure Mathelehrerin in Erinnerung bringen. Zwei Parteien, die zusammen 60% der Stimmen erhalten haben, werden sich in ein paar Tagen zusammenschließen, um die Regierung zu bilden. So etwas nennt man Koalition. Gewählt haben nur 45% der Wahlberechtigten. Auf wie viel Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung wird sich die künftige Regierung stützen können?“

Athabaska

“Das ist doch pipileicht, Tante Atti! Auf 27 Prozent!“

“Aber das ist ja entsetzlich!“ rief Ramses.

““Nö, Onkel Ramses, das ist nicht entsetzlich, das ist richtig!“ protestierten Nanuk.

“Ja, natürlich ist das richtig, aber das ist ja das Entsetzliche. In einer Demokratie wie in Dehland leiten die Politiker ihr Recht, Gesetze zu machen und zu regieren, davon ab, dass das Volk sie damit beauftragt hat. Aber sind 27% das Volk? Welchen Rückhalt hat eine Regierung, die sich auf eine so kleine Minderheit stützt?“

“Hervorragende Frage“, lobte Bärdel, der wieder leibhaftig auf der Bühne erschienen war. “Eine solche Regierung hat in Wahrheit gar keinen Rückhalt. Aber wir wollen mal sehen, ob es den Politikern darauf überhaupt ankommt. Nach einer Bundestagswahl tritt irgendwann der neue Bundestag zusammen, das heißt, dass sich gut 600 gewählte Abgeordnete in einem Saal treffen und einen Regierungschef wählen, den Kanzler. Die Partei, die das macht, ist die Regierungspartei. Wenn eine Partei nicht ausreicht, schließen sich mehrere zusammen und bilden eine Koalition. Nachdem das passiert ist, fangen sie an, Gesetze zu machen. Dabei sind sie jetzt gerade. Sie debattieren über ein Tempolimit auf dehländischen Autobahnen. Ihr dürft zuhören.“

Wieder wurde ein Film eingespielt, der suggerierte, dass sich das Theaterpublikum auf der Besuchertribüne des Bundestages befand. Man sah von weit oben auf das Rednerpult herab, hinter dem Manfred stand.

“Als Kanzler der Bundesrepublik Dehland ist es meine Pflicht, meine Damen und Herren Abgeordneten, meine Pflicht als Regierungschef, das Wohl der Allgemeinheit im Blickfeld zu behalten. Es wäre vollkommen kurzsichtig, nur der sogenannten Umwelt zuliebe ein Tempolimit auf Autobahnen zu verhängen. Freie Fahrt dem freien Bürger! – Das ist das Motto des AD….“ Manfred verschluckte sich und trank einen Schluck Wasser aus dem frisch gefüllten Glas vor ihm. “Das Motto des adulten, also des erwachsenen Dehländers. Natürlich, meine Damen und Herren, wollen wir gute Europäer sein, und wir sind es auch. Aber wir setzen uns ein für ein Europa der Vielfalt, nicht für ein Europa der Konformität. Mit mir, und das sage ich in aller Deutlichkeit, wird es ein Tempolimit nicht geben!“

Bärdel als Sprecher der Opposition war als nächster dran.

“Ich bin betrübt“, sagte er. “Das gehört sich nicht, ich weiß. Politiker sind immer optimistisch oder geben sich zumindest so, als könnten sie das Ruder noch herumreißen, obwohl klar ist, dass sie hoffnungslos in der Minderzahl sind. Ich spiele dieses Spiel jetzt mal nicht mit, denn wir sind in einem anderen Spiel, und zudem in einem didaktischen.

Also: Ich bin betrübt. Denn meine Partei wollte – und will – ein Tempolimit, weil das nämlich aus verschiedenen Gründen vernünftig ist. Aber die Lobbies aus Autobauern und Energiekonzernen, die übrigens häufig identisch sind und sich populärer Sprachrohre wie des ADAC bedienen, die Gelder für Parteien spenden und für abgehalfterte Politiker lukrative Jobs bereit halten, diese Lobbies haben offenbar die besseren’Argumente‘. So werden wir weiterhin mehr CO2 als nötig in die Umwelt pusten und mehr Tote und Verletzte in Kauf nehmen, als nötig und vernünftig wäre.“

Der letzte Redner war Kulle.

Kulle

“Die Kulle-Partei, meine Damen und Herren, ist, wie Sie alle wissen, nicht irgendeine Partei. Wir sind die Vertreter der kleinen Leute. Wir wissen, wo das Herz des Dehländers schlägt. Wir kennen seine Sorgen, seine Nöte. Viele von uns teilen seine Biografie des Nicht-Erfolgs.

Was bleibt dem kleinen Dehländer? Er gewinnt nicht im Lotto, obwohl er das jede Woche hofft, und er kann sich das Traumhaus, in dem er gerne lebte, nicht leisten. Was er sich aber leisten kann, ist sein Auto. Nein, keinen Porsche Carrerra, noch nicht mal einen VW Touareg, aber einen kleinen Suzuki oder Skoda, vielleicht auch einen Golf. Darüber freut er sich. Das ist sein Shangri-La. Damit fährt er auf die Autobahn.’180‘ sagt der Tachodisplay, vielleicht ein bisschen weniger oder ein bisschen mehr. Und die Schilder am Straßenrand? Die sollen’130‘ sagen oder vielleicht nur’120‘? Das, meine Damen und Herren, wäre Kastration, wäre Vergewaltigung, wäre Verhinderung eines Lebensgefühls, auf das der kleine Mann in Dehland angewiesen ist wie auf das tägliche Brot – ja, vielleicht noch mehr. Ein Tempolimit auf Autobahnen ist dem Dehländer nicht zuzumuten, das ist eine schlichte, unumstößliche Wahrheit. Und deshalb, meine Damen und Herren, wird es keines geben. Mit uns nicht!“

Damit endete der Film, und die drei Schauspieler erschienen persönlich auf der Bühne und verbeugten sich. Nur Bärdel erhielt Applaus, während Kulle und Manfred kräftig ausgebuht und beschimpft wurden.

“Ihr lügt ja, wenn Ihr den Mund aufmacht!“

“Volksvertreter wollt ihr sein? Ihr vertretet doch nur Euch selber!“

“Und das große Geld!“

“Eure Demokratie gefällt uns nicht!“

Bärdel hob beschwichtigend die Pranken, und allmählich gelang es ihm, den Tumult zu beenden.

“Uns gefällt diese Demokratie auch nicht, das dürft Ihr uns glauben. Immerhin: Gegenüber der Monarchie, die wir Euch im ersten Akt gezeigt haben, hat sie einen großen Vorteil: Das Volk kann seine “Vertreter“ bei den nächsten Wahlen loswerden, wenn es das möchte, und zwar ohne Gewalt.“

Das leuchtete dem Publikum ein, aber zufrieden waren die Zuschauer dennoch nicht.

“Könnt Ihr uns denn nicht zum Schluss eine richtig gute Politik zeigen?“ fragte Del.

“Nein, denn Schluss ist jetzt. Beim nächsten Mal vielleicht. Wir werden dann nämlich das spielen, was Eurer Meinung nach richtig gute Politik ergibt. Wir sind sehr gespannt darauf, was Euch einfallen wird.“

Mathematik

Tante Atti
Nach den ersten Lernerfolgen der Zwillinge hielt Athabasca sie für wahre Genies und drängte Kulle, Na und Nuk auch in anderen Fächern als in Menschenkunde zu unterrichten. Kulle hatte nichts dagegen, zeigte als Ökonom, Soziologe und Philosoph allerdings auch kein sonderliches Interesse daran.
“Also“, sagte Atti, als die beiden kleinen Eisbärinnen sie am Beginn des nächsten Unterrichtsmorgens wissbegierig anschauten, “also, wir beginnen heute mit einem neuen Gegenstand. Er heißt Mathematik. Menschenkinder sagen auch gerne Mathe dazu. Mathe ist eine Wissenschaft, die sich mit Zahlen und Symbolen beschäftigt. Zahlen kennt ihr doch bestimmt, oder?“
Na und Nuk runzelten die Stirn, aber nur ein ganz kleines bisschen, so dass Atti die gefältelte Haut unter dem dichten Fell nicht sehen konnte. Für soo dumm konnte Tante Atti sie doch nicht halten!
Als höfliche kleine Eisbärinnen erklärten sie: “Natürlich, Tante Atti!“ Und sie begannen zu skandieren: “Eins, zwei, drei, vier…“ Bei “88“ unterbrach sie Atti mit dem Lob: “Das klappt ja schon ganz prima! Dann können wir auch gleich anfangen zu rechnen. Ich habe da eine Aufgabe vorbereitet…“
Attis Aufgabe lautete: Es gibt an einem bestimmten Ort 50 Bären und 50 Äpfel. Wie viele Äpfel bekommt jeder Bär, wenn gerecht geteilt wird?
Da Atti diese Aufgabe für leicht hielt, war sie von der Reaktion der Zwillinge überrascht. Die baten nämlich um ein paar Minuten Bearbeitungszeit.
“Wollt ihr dieses Problem etwa schriftlich bearbeiten?“ erkundigte sie sich.
“Nein, aber wir wollen darüber diskutieren, und vielleicht brauchen wir tatsächlich ein paar Notizen.“
Die Kinder sind für Mathematik wohl doch nicht geeignet, dachte Atti, als sie sich in der unerwarteten Pause in der Vormittagssonne räkelte. Aber Na und Nuk belehrten sie eines Besseren, als sie zurückkamen.
“Tante Atti, wir haben natürlich erkannt, dass du uns in eine Falle locken wolltest. Wenn alle Bären gleich viel wiegen und gleich viel Appetit auf Äpfel haben, und wenn alle Äpfel gleich groß und gleich saftig und ohne Würmer sind, oder wenn in jedem Apfel Würmer sind, die schon gleich große Teile der Äpfel ungenießbar gemacht haben, dann ist es natürlich gerecht geteilt, wenn jeder Bär einen Apfel bekommt. Aber wann ist das schon mal der Fall?“
Na Nuk
Das hätte Atti auch gerne gewusst, merkte sie jetzt. Der einzige, der in Bärenleben eine so komplexe mathematische Frage beantworten konnte, war aber Manfred, und der steckte wie üblich zwischen seinen Computerkabeln.
“Ihr habt das Problem hervorragend problematisiert“, formulierte sie unbeholfen und hoffte, damit ihre mangelnde Kompetenz zu überdecken. “Da ihr über eine wenig wahrscheinliche Möglichkeit nachgedacht habt, habt ihr vermutlich auch Lösungen für andere Varianten gefunden?“
“Aber klar, Tante Atti! Alle Bären haben gleich viel Appetit auf Äpfel, aber wiegen unterschiedlich viel – dann werden die Äpfel proportional zum Gewicht der Bären aufgeteilt! Alle Bären wollen alle Äpfel, die alle gut sind, aber verschieden schmecken, kosten: Jeder Bär kriegt dann von jedem Apfel ein möglichst identisches Stück. Wenn aber die Bären unterschiedlich viel wiegen und nicht alle den gleichen Hunger haben, wenn die Äpfel unterschiedlich groß, saftig und wurmstichig sind, und wenn es nicht erlaubt ist, die Äpfel zu zerteilen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass jeder Bär den für ihn richtigen Apfel bekommt, verschwindend gering. Wir haben überschlagen, dass die Chance etwa 1 zu 1031 beträgt. Genauer ging es leider nicht, wir konnten in der Eile keinen Taschenrechner finden. Deshalb sind wir auch davon ausgegangen, dass zehn Bären den gleichen Hunger haben und andere zehn das gleiche Gewicht, und zehn Äpfel sind gleich groß, und so weiter. Aber…“
Erschrocken verstummten Nanuk, als Athabasca sie sprachlos mit offenem Mund anstarrte. Schüchtern fragten sie schließlich: “Haben wir was falsch gemacht?“
“Nein, ihr habt nichts falsch gemacht.“ Mühsam sammelte sich Atti. “Ihr nicht, aber ich. Ihr braucht nämlich keinen Matheunterricht. Oder vielleicht doch, aber dann solltet ihr die Lehrerinnen sein und ich die Schülerin. Und jetzt geht spielen. Ich muss mich erst mal erholen.“
Fröhlich tollten Na und Nuk davon. Sie beschlossen, Manfred zu suchen und sich von ihm einen Taschenrechner auszuleihen, denn sie waren mit ihrem ungenauen Ergebnis unzufrieden. Atti dagegen blieb hocken wie angenagelt und murmelte wiederholt: “1 zu 1031“ vor sich hin. So fand sie Kulle, den doch die Neugier gepackt hatte und der wissen wollte, ob die Kinder mathematisch begabt seien. Ihm war nämlich eingefallen, dass Karl Marx sich intensiv mit Differentialrechnung befasst hatte, um sich von seiner persönlichen Qual abzulenken, als seine Frau im Sterben lag. Irgend etwas musste an dieser Wissenschaft also wichtig sein.
Athabasca riss sich zusammen und berichtete. Kulle konnte ebensowenig wie Atti nachvollziehen, was die Kinder da berechnet haben mochten, aber er analysierte sofort, dass sie das Problem der Verteilungsgerechtigkeit auf eine Weise betrachteten, die seiner Sicht der Dinge entsprach: Jedem nach seinen Bedürfnissen. Das, dachte er, ließe sich vielleicht für sein aktuelles Forschungsprojekt nutzen. Er machte ein bisschen Petting mit Atti, weil das erstens beiden Spaß machte und zweitens sie beruhigte, und danach begab er sich auf die Suche nach Nanuk. Er fand die beiden bei Manfred, der ihre Berechnungen bestätigte, und lud sie für den nächsten Tag zu einer weiteren Mathestunde ein.
“Morgen werde ich euch dann unterrichten!“
Na und Nuk vollführten voller Vorfreude einen doppelten eleganten Purzelbaum und besuchten danach ihre Mutter. Oicy planschte genüsslich im See und befragte natürlich, wie alle Mütter, ihre Kinder, wie es in der Schule gewesen sei. Sie war äußerst zufrieden mit den Fortschritten ihrer Töchter!
Kulle

Am nächsten Tag erschien Kulle mit mindestens ebensoviel Tatendrang zum Unterricht wie die Zwillinge.
“Ihr wisst ja, dass ich kein Mathematiker bin, sondern Gesellschaftswissenschaftler“, erklärte er am Anfang der Lektion. “Für Forscher wie mich kann die Mathematik nur eine Hilfswissenschaft sein, und deshalb habe ich mich damit nie intensiv beschäftigt. Um präzise zu sein: Ich habe mich gar nicht damit beschäftigt. Tante Atti hat mir gestern erzählt, dass ihr eine große Begabung darin gezeigt habt, Variablen zueinander in Beziehung zu setzen. Ich habe deshalb eine ganz einfache Aufgabe für euch! Beantwortet die Frage: Wann verhungert die Menschheit? Die dafür wichtigen Variablen sind…“
“Nein, Onkel Kulle, bitte nicht, Onkel Kulle! Das darfst du nicht verraten! Das wollen wir alleine rauskriegen! Haben wir bis morgen Zeit? Wir glauben nämlich, dass das eine sehr umfangreiche Aufgabe ist!“
Selbstverständlich gab Kulle den beiden die geforderte Zeit – er selbst biss sich an dem Problem seit Monaten die Zähne aus, was er Na und Nuk, eitel wie er war, natürlich nicht verriet.
“Schwester, wir teilen uns die Arbeit!“ befahl Nuk, nachdem Kulle, der überlegen lächelte und sich den Anschein gab, die Lösung des Problems selbstverständlich zu kennen, sie verlassen hatte. “Kein Widerspruch – ich bin die Erstgeborene! Es geht um die Menschheit und ihre Nahrungsgrundlage, und es geht, das hat Onkel Kulle gesagt, um Variablen. Wir müssen also erst mal gucken: Was nimmt zu, was nimmt ab? Was für unser Problem wichtig ist, brauchen wir wohl nicht zu erörtern. Willst du die Zunahme oder die Abnahme?“
“Ich nehme die Abnahme. Und du musst nicht immer deine Erstgeburt betonen – das nervt!“
Beide galoppierten los und vergruben sich in der Bibliothek von Bärenleben.
“Du fängst an mit der Zunahme!“ schlug Na vor, als sie sich ein paar Stunden später wieder trafen. “Zuerst das Positive!“
“Schön wär‘s ja“, seufzte Nuk. “Ist aber nicht so. Die Weltbevölkerung nimmt zu. In dieser Minute (18.9. 2007. 13.05 Uhr MESZ) leben ungefähr 6.647.000.000 Menschen auf dem Erdball. Pro Jahr werden es 81 Millionen mehr. In jeder Minute kommen 155 dazu! Die Menschen gehen davon aus, dass es 2050 ungefähr neun Milliarden von ihnen geben wird. Und die müssen essen!“
“Das wird aber schwierig, denn die verfügbare Ackerfläche pro Kopf der Erdbevölkerung nimmt ab. Gegenüber 1970 hat sich die gesamte für den Anbau von Getreide geeignete Fläche unwesentlich vergrößert – aber damals gab es drei Milliarden Menschen weniger. 1970 standen für jeden Menschen 0,18 ha Ackerfläche zur Verfügung, heute sind es weniger als 0,11 ha.“
“Das Problem könnte durch verbesserte Anbaumethoden behoben werden. Intensivlandwirtschaft…“
“… erhöht den Einsatz von Pestiziden und Insektiziden und damit die ökologische Belastung, was wiederum die Ertragsfähigkeit der Böden verringert…“
“…erhöht die Ernteerträge. Ebenso können genetisch manipulierte Pflanzen…“
“… die von Monsanto und anderen international agierenden Konzernen zum Zweck von deren Profitsteigerung, aber nicht zum Zweck der Erhöhung der Nahrungsmittelsicherheit entwickelt worden sind, die Erträge vielleicht steigern, weil sie schädlingsresistent sind. Es sieht allerdings so aus, als schädigten sie die Biodiversität, weil Insekten und Würmchen und Co – Biologie hatten wir noch nicht – sich bei ihnen nicht wohl fühlen und sich nicht vermehren. Außerdem müssen Bauern das entsprechende Saatgut jedes Jahr neu kaufen, und dazu sind nur Großbauern in der Lage. Schon deshalb verhungern Menschen.“
“Ich will ja gar nicht gewinnen“, stöhnte Nuk. “Du hast ganz sicher die besseren Argumente. Mach ruhig weiter!“
“Bleiben wir bei der Landwirtschaft. Natürlich werden die Menschen versuchen, aus dem Ackerland so viel wie möglich herauszuholen. Und sie werden versuchen, die landwirtschaftliche Nutzfläche zu vergrößern. Mehr rausholen kann man zum Beispiel durch Bewässerung. Schon heute verbraucht die Landwirtschaft etwa 70% des weltweiten Süßwasserbedarfs. Man braucht tausend Tonnen Wasser, um eine Tonne Weizen zu produzieren. Wasser wird knapper werden, als es jetzt schon ist, das hängt zusammen mit  der Bevölkerungszunahme und dem Klimawandel, der fast überall die Temperaturen steigen lässt. Ich habe dabei übrigens eine neue Vokabel gelernt: Desertifikation. Kennst du die?“
“Nee. Heißt das ‚Vernachtischung‘?“
“Quatsch, Wüstenbildung! Zurück zum Nahrungsproblem: Für die Vergrößerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche bietet sich aus der Sicht der Menschen vor allem der tropische Regenwald an: Zuerst kann man wertvolle Hölzer vermarkten und danach Landwirtschaft betreiben. Regenwälder wurden zunächst für die Rinderhaltung abgeholzt, und seit wenigen Jahren kommt die Gewinnung von Biosprit dazu.
Rinder furzen…“
“Mami auch, Mami auch!“
“Sei nicht so albern, es geht um Rinder. Ihre Fürze enthalten Methan – dazu komme ich später. Rinder fressen irgendwo in Afrika oder Südamerika vielleicht Gras, aber die meisten fressen von Menschen angebautes Getreide. Weltweit werden etwas mehr als zwei Milliarden Tonnen Getreide geerntet, das entspricht gut 300 Kilogramm pro Menschenkopf. Das klingt ganz gut, ist aber insgesamt nicht mehr als 1970. Die Erntemenge wächst langsamer als die Weltbevölkerung.
Von dieser Ernte wird weltweit fast die Hälfte des Korns an Vieh verfüttert. In den Industrieländern liegt der Anteil sogar bei mehr als zwei Dritteln. Um Fleisch zu produzieren, braucht man mehr Energie als für die Herstellung pflanzlicher Nahrung, es gilt ungefähr Faktor 10. Also kann man sagen, dass bei der Produktion von Fleisch 90% der geernteten Nahrungskalorien verloren gehen.“
“Ob Mami das weiß?“ unterbrach Nuk nachdenklich. “Vielleicht würde sie dann Vegetarierin…“
“Das kann Mami gar nicht, und das weiß du genau. Überhaupt, lass Mami in Frieden! Und lenk nicht dauernd vom Thema ab! Also: Die Fleischproduktion der Menschen steigt weiter, weil der Luxuskonsum zunimmt, und gleichzeitig wird die Grundversorgung schlechter. Schon jetzt sind 800 Millionen Menschen unzureichend ernährt, obwohl statistisch ausreichend Nahrung erzeugt wird. Je mehr Fleischproduktion, desto weniger Regenwald, desto mehr CO2, desto ungerechte Lebensmittelverteilung. Fleischproduktion auf industrieller Basis bedingt notwendig Massentierhaltung und die wiederum Seuchengefahr, worauf die Menschen bisher nur eine Antwort kennen, die sie Keulung nennen. Es handelt sich dabei um Massenmord, und die Opfer werden irgendwie “entsorgt“, jedenfalls nicht gegessen.“
“Mir ist schlecht!“ stöhnte Nuk.
“Mir auch!“ sagte Na. Nach einer Pause fuhr sie fort: “Mit zunehmender landwirtschaftlicher Nutzung der Erde steigt nicht nur der Ausstoß von Methan, sondern auch von Kohlendioxid. Beides sind hoch wirksame Treibhausgase. Ich habe gelesen, dass der Anteil der weltweiten Landwirtschaft am Klimawandel etwa 18% beträgt und damit dem der USA entspricht.“
Na holte tief Luft.
“Bist du jetzt fertig?“ erkundigte sich Nuk.
“Gleich. Es fehlt nur noch eine Variable, nämlich Energie. Den größten Teil ihres riesigen Energiebedarfes befriedigen die Menschen mit fossilen Rohstoffen, und da selbst sie begriffen haben, dass die irgendwann erschöpft sein werden, wobei irgendwann ziemlich bald ist, suchen sie nach Alternativen. Da gibt es Wind- und Sonnenenergie, was vernünftig ist, und daraus lässt sich Elektrizität gewinnen, mit der man zum Beispiel heizen kann. Aber damit kann man kein Auto in Bewegung setzen, jedenfalls heute noch nicht. Das Auto ist aber wichtig für die Menschen, was ich nicht verstehe, aber es ist so. Sie könnten doch auch laufen, oder? Die Besitzer von Ölfördergesellschaften sind übrigens oft auch die von Autoproduktionsfirmen, sie haben also identische Interessen, warum hätten sie nach alternativen Antriebsweisen suchen sollen?
Aber allmählich wird Öl knapp und deshalb teuer, immer mehr Menschen wollen sich automobil bewegen, die Menschen suchen jetzt nach anderen Antriebsstoffen. Sie haben den Biosprit entdeckt. Also bauen sie zum Beispiel in Dehland Raps an, um ihn zu Diesel zu verarbeiten. Das wird sogar subventioniert, ist aber völliger Blödsinn, denn selbst wenn die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Dehland zum Rapsanbau genutzt würde, ergäbe das2 nur 5% des Diesels, der von Autos verbraucht wird. Auf einem Hektar kann man so viel Raps anbauen, dass man daraus 288 Liter Diesel gewinnen kann, damit kann man mit einem Auto, das 8 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, 3600 Kilometer fahren. Man kann auf derselben Fläche aber auch zum Beispiel Weizen oder Kartoffeln anbauen.“
“Oops!“ sagte Nuk. ““Ich glaube, wir haben ein Problem.“
“Falsch, wir haben bestimmt ein Problem. Die Variablen, mit denen wir es zu tun haben, sind nicht fix, sondern werden sich gemäß ihrer Interdependenz verändern. Wir können Onkel Kulles Aufgabe nicht lösen. Was meinst du – wird er uns böse sein?“
“Das glaube ich nicht. Niemand kann das berechnen. Die Antwort ist nicht quantitativer, sondern qualitativer Natur. Wann die Menschen verhungern werden, ist ungewiss, dass sie verhungern werden, wenn sie weitermachen wie bisher, ist fraglos. Die Antwort wird Onkel Kulle gefallen. Ich habe ein ganz anderes Problem!“
“Welches?“
“Ich finde, wir reden so komisch, so – wissenschaftlich!“
“Das ist mir auch schon aufgefallen, aber das liegt an der Umgebung hier in Bärenleben.“
“Gehen wir jetzt spielen?“
“Klar!“

 

Lernkontrolle

Na und Nuk hatten sich nach ein paar Wochen in Bärenleben schon prima eingewöhnt, und es machte ihnen einen Riesenspaß, dass „Tante“ Atti und „Onkel“ Kulle – von dieser Namensgebung waren sie nicht abzubringen – ihnen viel über das Leben in ihrer neuen Umgebung beibrachten. Sie hatten auch nichts dagegen, ihre Lernerfolge überprüfen zu lassen; allerdings leuchtete ihnen überhaupt nicht ein, dass sie das getrennt machen sollten. Und so schrieben sie auch ihren ersten Aufsatz gemeinsam. Das vorgeschriebene Thema lautete: Der Mensch.

Eisbärenfamilie

Der Mensch

Der Mensch ist ein Säugetier wie wir auch, was er aber nicht wissen will, denn er hält sich für etwas Besseres. Deshalb, glaubt er, ist er auch später geschaffen worden als wir. Zu dem, der das angeblich geschafft hat, kommen wir später.

Weil der Mensch ein Säugetier ist, bringt er lebende Junge zur Welt, die vom Weibchen gesäugt werden. Sollte das nicht klappen, springt Milupa ein, ein Märchenwesen, das Kinder stark macht. Weil der Mensch viel Wert auf die Kraft seiner Lenden und wenig auf die Kraft seines Geistes legt, zeugt er viele Kinder. Das führt dazu, dass er wegen Überbevölkerung vom Aussterben bedroht ist, aber wir Bären auch, allerdings wegen Ausrottung.

Der Mensch bildet sich, wie oben schon gesagt, ziemlich viel auf sich ein. Deshalb hat er die Religion erfunden, die zum Beispiel in der Sixtinischen Kapelle zeigt, dass ein Mensch direkt mit dem Finger berührt wird. Auch der Papst ist angeblich direkt berührt, jedenfalls glaubt er, dass er auch ein Finger ist. Wenn der Mensch stirbt, verspricht ihm der Papst, dass er anschließend beim Finger wohnen und Halleluja singen wird. Von Onkel Kulle haben wir gelernt, dass Religion Unsinn ist, nämlich Crack für das Volk, weil Crack nämlich aggressiv macht, anders als Opium, das beruhigt.

Der Mensch betrachtet sich als höchstes Lebewesen, was ihn aber nicht daran hindert, andere höchste Lebewesen umzubringen, und er wird dabei immer besser. Er behauptet von sich, er sei das Maß aller Dinge, aber allmählich stellt er fest, dass er versäumt hat, den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre zu messen. Eigentlich interessiert sich der Mensch nur für sich selbst; deshalb bezeichnet er alles andere als Umwelt“. Er mag Hunde und manchmal Katzen, aber Eisbären nur, wenn sie vom Klimakollaps bedroht sind und er keinen direkten Kontakt mit ihnen hat.
Der Mensch, wie er hier beschrieben ist, ist ein Mann. Es gibt viele Männer, die behaupten, dass eine Frau kein Mensch ist.

Bekannte Menschen waren und sind Karl Marx und Michelangelo und Benedikt XVI. und…mehr kennen wir noch nicht. Der Finger ist kein Mensch, sondern etwas noch Besseres.

Kulle war geknickt, als er den Aufsatz las und sich dabei an seine eigene Arbeit über den Menschen erinnerte. Atti dagegen musste so lachen, dass sie hilflos durch die Höhle kugelte.

„Du schaffst das schon!“ kicherte sie. „Fraglos gelingt es dir, die richtige Auswahl von Menschen zu treffen – weiter so! Die Beiden kriegen doch eine Eins, oder?“

Kulle widersprach nicht.

Eisbärenleben

Athabaska

Athabasca lag gemütlich inmitten einer blumenübersäten Frühsommerwiese in Bärenleben und ließ sich die Sonne auf den braunen Pelz brennen. Die überwältigenden Düfte um sie herum brachten sie zum Niesen.
„Hatschepüh!“ machte sie lautstark. Und noch einmal: „Hatschepüahhh!“
“Du hörst mir gar nicht zu!“ beklagte sich Kulle, der neben ihr hockte. ‚Stimmt‘, dachte Atti, aber laut sagte sie: „Welch ein Unsinn! Ich lausche jedem deiner Worte mit Hingabe!“
Kulle, blind und taub wie jeder, der verliebt ist, glaubte ihr natürlich jedes Wort und fuhr in seiner Suada fort.

Kulle
„Der Treibhauseffekt verstärkt sich, je weiter die Kohlendioxidkonzentration ansteigt. Es wird also immer wärmer.“
„Na und?“ fragte Athabasca und rollte sich genüsslich im Gras hin und her. Sie liebte es warm.
„Na und, na und! In Dehland werden vielleicht Palmen wachsen, die Sahara wird sich bis nach Spanien ausbreiten, und Grönland wird wieder  grün!“
Atti verstand Kulles Aufregung nicht. Sie hatte nichts gegen ein subtropisches oder zumindest warmgemäßigtes Dehland; sie liebte die Wüste, seit sie ein paar Monate im kargen Südwesten der USA zugebracht hatte, und dass Grönland wieder grün werden könnte, erschreckte sie überhaupt nicht: Der Name der Insel legte schließlich nahe, dass ihr Normalzustand eisfrei war.
„Na und?“ fragte sie zum zweiten Mal.
„Nuk!“
Atti sah Kulle an, Kulle sah Atti an. „Was war das?“ fragten beide gleichzeitig. Der merkwürdige Laut, den sie gehört hatten, war irgendwo aus dem hohen Gras gekommen, das sie umgab.
Atti gab sich schnell zufrieden. „Es klang wie eine schlecht geölte Tür, aber hier gibt es ja keine Türen, und schlecht geölte schon gar nicht. Wahrscheinlich eine Grille, die sich im Ton vergriffen hat. Also – was ist schlimm daran, wenn in Grönland Gras wächst?“
Kulle spähte weiter aufmerksam um sich. „Die Albedo der Erde verändert sich drastisch“. brummte er unkonzentriert. Er sah Athabasca noch immer nicht an. „Irgendwas ist da!“ knurrte er.
„Albedo? Habe ich noch nie gehört. Ist das wichtig?“ Kulle reagierte nicht. Ungeduldig fragte Atti: Na, und was….“
Nuk!“
Atti verstummte sofort. Kulle kratzte sich am Kopf. „Es gibt da ein Muster, da bin ich sicher. Das Geräusch, oder was immer es sein soll, wird durch ein Schlüsselwort aktiviert. Aber welches? Was hast du zuletzt gefragt?“ wollte er von Atti wissen.
„Ich habe die Sache mit der Albedo nicht verstanden, Na, und…“
„Nuk!“ machte es zum dritten Mal.
„Na und Nuk, das ist es. Na und Nuk. Naundnuk. Aber was bedeutet das?“
„Das heißt nicht Naundnuk, sondern Nanuk. Nanuk heißt Eisbär. Das ist Inuit. Und gemeint sind wir.“
Der Sprecher, der das sagte, hatte eine helle Stimme und sprach Deutsch mit einem fremden Akzent. Atti und Kulle brauchten nicht lange zu warten, bis er sich ihnen zeigte. Zwei kleine Eisbären tapsten aus dem hohen Gras auf sie zu.
„Knut!“ rief Atti entzückt. „Und gleich zweimal!“
Manchmal fragte Kulle sich, ob Frauen wirklich so blöd sein mussten, wie sie sich meistens gaben, aber er fragte sich das immer und auch jetzt nur ganz im Geheimen. „Nein, das ist nicht Knut!“ erklärte er. „Knut ist inzwischen so groß, dass sich noch nicht mal sein Wärter mehr allein in seinen Käfig traut. Diese beiden heißen Nanuk. Stimmt‘s?“ fragte er.
„Nicht ganz. Ich bin Na, und meine Schwester heißt Nuk. Nanuk heißen wir nur zusammen.“
„Danke für die Vorstellung, Das ist Athabasca, und ich bin Kulle. Wir wohnen hier in Bärenleben. Und woher kommt ihr?“
„Aus Kanada.“
„Ich auch!“ rief Atti begeistert. „Kennt ihr Sunwupta Falls? Kennt ihr einen großen Grizzly namens Otto?“
Die beiden Kleinen schüttelten die Köpfe.
Kulle hätte liebend gerne in Erfahrung gebracht, wer dieser vermaledeite Otto war, aber er hielt nichts von Multitasking, wie man neuerdings sagte, wenn man mehrere Dinge auf einmal machte, und keines davon richtig. Er bevorzugte es, eine Sache nach der anderen zu erledigen. Da kamen ihm die beiden Kleinen gerade recht, denn er musste Atti noch erklären, was Albedo bedeutete.
„Ihr habt ein wundervoll weißes Fell“, sagte er. „Darf Atti das mal anfassen?“
Die Eisbären hatten nichts dagegen, und Athabasca strich mit ihrer rechten Vorderpfote sanft über Haut, die nicht spürbar war, weil sie von daunenweichem weißem Haar bedeckt war.
„Fühlt sich gut an!“ brummte sie.
„Und jetzt leg deine linke Vorderpfote auf dein eigenes Fell!“ kommandierte Kulle. Atti hatte keine Ahnung, warum er das wollte, aber sie tat ihm den Gefallen.
„Oops!“, sagte sie. „Rechts ist es viel kühler als links.“ Sie tastete nach ihrer Stirn. „Habe ich vielleicht Fieber?“
„Du hast kein Fieber, aber dein Fell ist braun, und das Fell der Eisbären ist weiß. ‚Albedo‘ bedeutet Rückstrahlkraft. Die Sonnenstrahlen werden von dem weißen Fell unserer Überraschungsgäste fast vollständig reflektiert, das heißt, es bleibt kaum Wärme an ihnen hängen. Mir deinem braunen Fell ist das anders, es wird aufgeheizt. Und wenn Grönland grün wird und nicht mehr weiß ist, dann wird auch Grönland aufgeheizt, und das hat Auswirkungen auf die gesamte Erde, und….“
„Kulle?“
Ja?!“ Kulle hatte über seiner Erklärung, während deren er sich auf Attis heißes Fell konzentriert hatte, die beiden kleinen Eisbären fast vergessen.
„Dasselbe erzählt Mami uns auch immer!“
„“Mami?“
„Wer ist Mami?“ fragte Athabasca, während Kulle sprachlos blieb. Für Mütter hatte er nichts übrig.
„Mami ist auch hier. Mami hat uns hergebracht. Mamiiii!!!!“ Atti und Kulle hätten nie gedacht, dass Bären, auch wenn es Eisbären waren, so laut kreischen könnten.
Eisbärenfamilie

Eine Eisbärin tauchte aus den Büschen neben ihnen auf, eine Bärin, die so groß war, wie Atti und Kulle noch nie eine gesehen hatten. Sie war tropfnass.
„Hi there!“ grüßte sie. „Englisch versteht ihr doch, oder? Meine Kinder habe ich multilingual erzogen in Anbetracht des Klimawandels, aber, Entschuldigung, ich selbst kann als Fremdsprache nur Englisch. Ich habe gerade gebadet, um mich abzukühlen – es ist viel zu heiß bei euch. Aber euer See ist nett, und etwas zu essen hat er auch. Habt ihr Hunger?“ Sie spuckte eine große Forelle aus, die sie vorsichtig in ihren Fängen gehalten hatte.
„Ja! Na klar! Immer!“ riefen Na und Nuk durcheinander.
„Danke, nein!“ Atti und Kulle lehnten höflich ab, obwohl ihnen das Wasser im Maul zusammenlief.
Die Eisbärenmutter schleuderte den Fisch ihren Kindern vor die Füße, und die machten sich sofort an ihre Mahlzeit.
„Jetzt haben wir ein bisschen Ruhe vor den Beiden“, brummte sie zufrieden. „Ich heiße Oicy, und wir kommen aus Kanada. Ich bin froh, euch beide gefunden zu haben, denn wir sind schon lange unterwegs, aber in Europa scheint es kaum Bären zu geben. Oder versteckt ihr euch nur so gut?“
„Beides ist richtig“, antwortete Atti. „Es gibt kaum noch Bären, weil es zu viele Menschen gibt, und deshalb verstecken wir uns vor ihnen.“
„Also ist es hier auch gefährlich“, seufzte Oicy. Dann werde ich wohl weiterziehen und mein Glück in der Antarktis versuchen. Ich weiß zwar noch nicht, wie ich durch die Tropen kommen soll, aber irgendwie…“
„Nein, gefährlich ist es nicht, jedenfalls nicht für uns“, unterbrach Kulle sie. Schaudernd dachte er daran, was für ein Massaker die drei Eisbärinnen unter der Pinguinpopulation rund um den Südpol anstellen würden. „Sag mal: Was hast du eigentlich vor?“
„Ich habe eben gerade den Klimawandel erwähnt. Wisst ihr, was das ist?“
Kulle wollte sich ob dieser Frage empören, aber Atti legte ihm beruhigend die Pfote auf den Arm. „Ich denke schon“, flötete sie und gönnte Kulle einen betörenden Augenaufschlag. „Die Kohlendioxidkonzentration steigt an, und es wird überall immer wärmer. Grönland wird wieder grün werden!“
„Ja, und auch Nordkanada, und der Nordpol wird eisfrei. Er ist im Sommer schon eisfrei!“ grollte Oicy. „Das heißt, dass wir Eisbären dort oben keine Lebensgrundlage mehr haben. Deshalb will ich die Kinder evakuieren. Sie sind noch jung genug, um sich an ein fremdes Habitat und eine andere Ernährung zu gewöhnen. Jedenfalls hoffe ich das. Darf ich meine Theorie gleich mal testen?“
Kulle war immer für die Entwicklung von Theorien und deren Erprobung. „Selbstverständlich!“ sagte er.
Oicy rief ihre Zwillinge, und da die beiden inzwischen aus der Forelle ein Grätenskelett gemacht hatten, kamen sie bereitwillig herbei. „Was isst man denn bei euch so?“ erkundigte sich ihre Mutter.
„Fisch mögen wir genau so gerne wie ihr auch, aber wir fressen auch Wurzeln und andere Pflanzenteile und Beeren und – na ja, und…“ erklärte Atti und verstumme unsicher, weil sie nicht wagte, die weniger appetitlichen Essgewohnheiten der dehländischen Bären zu verraten.
„Aas?“ fragte Oicy nach. „Das mögen wir auch, keine Sorge. Probleme haben wir dagegen mit pflanzlicher Nahrung. Könnt ihr mir mal so eine – wie heißt das – so eine Beere geben, bitte?“
Mit einem Sprung war Atti in einem nahe gelegenen Gebüsch verschwunden und schnell wieder zurück. Als sie ihre Pranke öffnete, lag darin unverletzt ein Häuflein reifer Himbeeren.
„Bitte!“ sagte sie höflich und bot Oicy davon an.
Zögernd langte die riesige Eisbärin zu, fasste mit überraschender Zartheit nach einer Beere und warf sie sich ins Maul. Sofort verwandelte sich ihr Gesicht in eine Grimasse des Ekels. „Pfui Inuit!“ brüllte sie. „So etwas esst ihr? Das werden meine Kinder bestimmt nicht mögen!“
Athabasca war der Meinung, dass Oicy nichts, aber auch gar nichts von Kindererziehung verstand: Wie konnte man seinen Abscheu gegen etwas zum Ausdruck bringen, wenn man erreichen wollte, dass Kinder diesen Abscheu eben nicht entwickelten! Aber sie behielt ihre Meinung höflich für sich. Anstatt etwas zu sagen, nahm sie selbst einige der Himbeeren, gab Kulle ebenfalls ein paar, und als sie sie mit der Zunge zerdrückte, zeigte ihr Gesicht den Ausdruck höchstmöglichen Entzückens. „Himbeeren!“ sagte sie schwärmerisch, „Himbeeren!“ Ich wollte, sie reiften das ganze Jahr lang! Wollt ihr auch mal probieren?“ fragte sie Na und Nuk. „Ich wette, ihr habt noch nie etwas so Köstliches gegessen! Ihr dürft übrigens Tante Atti zu mir sagen!“ Sie trat Kulle heftig gegen ein Bein, und er verstand, was sie von ihm wollte.
„Und ich bin Onkel Kulle“, ergänzte er. „Himbeeren sind wirklich etwas Wunderbares, esst nur!“
Na und Nuk sahen sich unsicher an, aber schnell ergriff Na die Initiative. „Ich bin die Erstgeborene“, erklärte sie selbstbewusst. „Ich probiere jetzt mal!“
„Pah, das sind nur anderthalb Minuten, die du mir voraus hast!“ protestierte Nuk. „Ich esse auch!“
Athabascas Pfote war auf einmal leer. Ängstlich beobachtete sie zusammen mit Kulle die Mienen der beiden Kleinen, aber sie konnte keine Veränderung des Gesichtsausdrucks erkennen, während die beiden kauten und schluckten.
„Hast du davon noch mehr, Tante Atti?“ fragten sie im Chor, als sie fertig waren. Athabasca wusste nicht, ob sie zuerst gelächelt oder zuerst zu einem weiteren Sprung in die Büsche angesetzt hatte. Die beiden Kleinen verputzen die zweite Beerenlieferung im Nu und sagen danach wie aus einer Kehle: „Mehr!“
„‘Mehr, bitte!‘ heißt das“, sagte Atti und schmunzelte. „Mehr ist da drüben in den Büschen. Bedient euch, aber seid vorsichtig: Beerensträucher haben Dornen!“
Sofort waren Na und Nuk verschwunden.
„Das scheint ja zu klappen!“ seufzte Oicy. „Ich muss gestehen, dass ich das gehofft habe. Ihr Vater war nämlich ein Grizzly, kein Eisbär, müsst ihr wissen.“ Tapfer fuhr sie fort: „Ich werde mich davonschleichen, solange sie beschäftigt sind. Ihr werdet ihnen bestimmt erklären können, warum ich nicht hiergeblieben bin. Und…“ Die Stimme versagte ihr. „Bitte, bitte, macht sie glücklich!“
„Na klar machen wir sie glücklich!“ brummte Kulle. „In Bärenleben ist jeder glücklich, sogar ich, nach Maßgabe der immer noch ausstehenden Revolution, natürlich. Gehst du weg“, fragte er plötzlich interessiert, „weil demnächst in Kanada eine Revolution zu erwarten ist?“
„Natürlich nicht. Es sei denn, du bezeichnest es als Revolution, dass alle Eisbären demnächst verhungern werden…“
„Psst“ machte Atti. „Lass das die Kinder nicht hören! Warum willst du überhaupt wieder weg, wenn du deine Kinder hierlassen willst?“
„Das ist doch klar, das liegt doch auf der Hand!“ sagte Kulle selbstbewusst und warf sich in die Brust. „Sie verträgt unsere Nahrung nicht. Sie würde hier sterben!“
„Ach ja?“ fragte Atti. „Ach ja?“ wiederholte sie zornig. „So, sie verträgt unsere Nahrung nicht? Sie würde hier sterben? Und in Kanada verträgt sie das gewechselte Klima nicht, das mit dem Kohlenirgendwas, und da würde sie auch sterben! Warum soll sie also nicht bei uns bleiben, zusammen mit ihren Kindern, und zu leben versuchen? Es wird uns schon was einfallen!“
Kulle gab ungern zu, dass er Unrecht hatte, noch nicht einmal vor sich selbst und schon gar nicht vor anderen. Aber allmählich dämmerte ihm, dass Athabasca Recht hatte. „Es gab da früher ein Verfahren“, sagte er langsam, „mit dem man im Winter Eis erntete. Man lagerte es an einem kühlen Ort, so dass der Vorrat für das ganze Jahr reichte. Wir könnten das System so auszubauen versuchen, dass es für Oicy und Nanuk als Wohnhöhle eingerichtet werden kann. Und wenn die Winter auch in den höheren Lagen von Dehland so warm werden, dass sich nicht mehr genug Eis bildet, dann fällt Manfred bestimmt eine technische Lösung ein. Die Verpflegung sollte kein Problem sein. Nanuk finden Gefallen an pflanzlicher Nahrung, wie es aussieht, und für Carnivoren findet sich in den dehländischen Wäldern und Gewässern immer genug Fleisch. Atti, du hast Recht! Sag mal“, wandte er sich an Oicy, „möchtest du denn bleiben?“
Zum ersten und zum letzten Mal in seinem Leben sah Kulle eine Eisbärin weinen.

Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein

„Nein!“
„Doch!“
„Nein!“
„Du musst!“
„Kein Mensch muss müssen – und ein Frosch schon gar nicht!“
„Aber vielleicht eine Fröschin?“
„Wieso das?“
„Guck Dich doch um – Deine Art stirbt aus!“
„Weiß ich längst.“
„Und?“
„Was ‚und’?“
„Und was fühlst Du?“
„Was geht Dich das an?“
„Nichts. Aber…“
„Aber was?“
„Aber Du könntest das ändern.“
„Ach ja?“
„Ja. Du kannst alles.“
„Ich mische mich nicht mehr ein.“
„Sicher?“
„Ja.“
„Schade.“
— „Warum?“
„Du wirst dich einsam fühlen.“
„Ich fühle mich nur einsam, wenn Murkel nicht da ist.“
— „Ich wünsche mir, dass Du mir hilfst.“
„Viele Märchen fangen an mit der Floskel: ‚Zu der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat…’ Die Zeiten sind vorbei.“
„Warum willst Du mir nicht helfen?“
„Warum sollte ich?“
„Weil Du mich gemacht hast. Und die Märchen. Und weil, auch wenn Du behauptest, dass es Dich nicht interessiert, ein Drittel von den 6158 bekannten Amphibienarten vom Aussterben bedroht ist. Die erkrankten Frösche und Kröten leiden an einem Hautpilz und ersticken qualvoll, denn sie atmen durch die Haut. Du könntest das ändern.“
„Ich habe die Frösche und Kröten nicht gemacht und Dich nicht und Märchen schon gar nicht. Ich habe ein Universum geschaffen, richtig. Der Rest war und ist Chemie und Physik und Biologie.“
„Und Chemie und Physik und Biologie haben Leben und haben Bewusstsein hervorgebracht.“
„Stimmt. Damit habe ich übrigens nicht gerechnet.“
„ Und Intelligenz.“
„Falsch.“
„Darüber wollen wir jetzt nicht streiten. Intelligenz setzt jedenfalls Bewusstheit voraus, und die streitest Du ja nicht ab.  Ist denn seiner selbst bewusstes Leben nicht erhaltenswert?“
„Nö.“
„Nicht?“
„Nein – warum sollte es das sein?“
„Weil….“
„Weil?“
„Weil wir fühlen, die Frösche und die Bären und Murkel und Du auch. Weil es wehtut, wenn wir aufhören zu existieren.“
„Das ist kein Argument. Alles individuelle Leben ist dem Tod geweiht, der wiederum Lebensformen hervorbringt oder ernährt, welche auch immer. Jedes Lebewesen fühlt den Todesschmerz.“
„Tussi?“
„Ja?“
„Ich möchte Bärenleben retten.“
„Ach ja? Und Dich nicht?“
„Doch, zugegeben, mich auch. Aber ich bin doch verantwortlich…“
„Und weil Du verantwortlich zu sein glaubst für etwas, dessen Parameter du nicht beeinflussen kannst, unterstellst du mir, die Verantwortung zu tragen für das, was ich gemacht habe? Ein Seminar in formaler Logik hast Du nie besucht, oder?“
„Nein…Aber…“
„Schon gut. Was willst du?“
„Dass Du die Welt rettest.“
„Ich wiederhole mich ungern. Ich sagte bereits, dass ich mich nicht mehr einmische.“
„Dann möchte ich, dass irgendjemand sonst die Welt rettet.“
„Dann viel Spaß.“
„Bitte?“
„Ist doch ganz einfach: Ich will die Welt nicht retten, im Gegensatz zu Dir – also ist es Dein Job, das edle Werk zu tun.“
„Ich?“
„Wer sonst?“
„Ich soll – Gott spielen?“
„Nein – du sollst Gott sein.“
„Mit allen Konsequenzen?“
„Welche Konsequenzen bringt es mit sich, Gott zu sein?“
„Na ja, die Welt geht vielleicht unter, und man muss über seine Geschöpfe zu Gericht sitzen – so was alles.“
„Die Welt kann vielleicht untergehen, aber der Rest ist Bullshit.“
„Das ist immer noch ein ziemlich hohes Risiko. Bärenleben…“
„Ihr Bären seid entsetzlich sentimentale Wesen. Bärenleben geht vielleicht unter, wenn ich nichts mache oder wenn Du versuchst, es zu retten. Oder auch nicht. Ich weiß das nicht – ich kann nämlich nicht in die Zukunft gucken. Aber sag das bloß keinem weiter. Also – willst du nun oder nicht?“
„Ich weiß nicht.“
„Schisser!“
„Und wenn ich alles falsch mache?“
„Doppelschisser!“
„Ich habe fast den Eindruck, Du möchtest, dass ich es mal versuche.“
„Es wäre mal was anderes.“
„Und wenn ich es nicht kann?“
„Du kennst ja meine Telefonnummer.“
Vor der abendlichen Versammlung in Bärenleben ließ Bärdel sich nichts anmerken. Aber er schmiedete heimlich Pläne und stellte eine umfangreiche Tagesordnung zusammen, die ein wenig anspruchsvoller war als das, was sich die Bärenlebener normalerweise zu entscheiden vornahmen.
Wie gewohnt übernahm Bärdel den Vorsitz und nannte den ersten Punkt, über den zu reden sein würde. Bärenleben war längst darüber hinaus, regelmäßig eigene Probleme reflektieren zu müssen, denn es gab kaum mehr welche. Folgerichtig widmeten sich die Bären den brennenden Menschenproblemen, aber bisher hatten sie weise darauf verzichtet, Lösungsvorschläge zu formulieren – zu vertrackt erschien ihnen die Gemengelage. Deshalb war Unruhe spürbar, als Bärdel sagte: „Wir werden uns heute mit Aids beschäftigen, und ich denke, wir werden die damit zusammenhängenden Fragen beantworten.“
Die Bären rutschten auf ihren dicken Hintern hin und her.
„Wie ihr natürlich alle wisst,  ist HIV beziehungsweise Aids im südlichen Afrika besonders stark verbreitet. Etwa 26 Millionen Menschen sind dort infiziert, das sind mehr als 60 Prozent aller Erkrankungen weltweit. Besonders dramatisch ist die Todesrate unter den 15- bis 45-Jährigen gestiegen, was gravierende wirtschaftliche und demografische Folgen hat. Die Ursachen dafür…“
„Die Ursachen dafür,“ unterbrach Tumu hitzköpfig ihren Mann, „liegen hauptsächlich im Sexualverhalten der Männer begründet. Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung, Polygamie ist weit verbreitet, ebenso wie Prostitution.“
„Ich dachte immer, Prostitution sei überwiegend ein Angebot von Seiten der Frauen,“ brummte Kulle vor sich hin. Tumu wischte seinen Einwand mit einer ärgerlichen Armbewegung beiseite.
„Prostitution ist ein Angebot, das aufgrund von Nachfrage entsteht, du Ignorant!“ fauchte sie. „Aufgrund von männlicher Nachfrage! Insgesamt kann man in den Subsaharastaaten von verbreitetem promiskem Sexualverhalten sprechen, und das bedeutet, vor allem in einer armen Gesellschaft, überproportional häufig Geschlechtskrankheiten, was wiederum Infektionen mit HIV begünstigt, weil geschlechtskranke Menschen häufig offene Wunden im Genitalbereich haben. Noch irgendwelche Fragen?“
„Ja!“ Del meldete sich schüchtern. „Was heißt ‚promisk’?“
„Promisk bedeutet, dass jemand häufig seine Sexualpartner wechselt.“ Kulle war schneller als jeder andere Bär, wenn es darum ging,  etwas zu erklären.
Del bedankte sich, was Bärdel Gelegenheit gab, sich wieder einzuschalten.
„Trotz der emotionalen Kontroverse, die es gerade gegeben hat, sind die Ursachen der hohen Aids-Rate im südlichen Afrika insgesamt richtig dargestellt worden. Es bleibt die Frage, was zu tun ist. Eine Bekämpfung der Krankheit ist schwierig, weil die Menschen arm sind, denn Kondome und Tests sind teuer. Außerdem wird Aids gesellschaftlich nicht akzeptiert, und wo Kranke wegen ihrer HIV-Infektion ausgegrenzt werden, haben die Menschen kein Interesse an der Kenntnis ihres HIV-Status. Weil sie nicht wissen, dass sie ansteckend sind, stecken sie andere weiter an. Eine einzige Strategie scheint bisher Erfolg zu versprechen: Aufklärung. In Ost- und Zentralafrika sind Präventionskampagnen durchgeführt worden, und man hat die Krankheit tatsächlich zum Rückzug gezwungen.“
Bärdel holte tief Luft. Er hoffte, dass er nichts vergessen hatte. Er war gespannt auf die Antwort auf die entscheidende Frage. Er sagte: „Bären, wir können etwas tun. Also – was sollen wir tun?“
Die Antworten hagelten auf ihn nieder.
„Präventionskampagnen auch in West- und Südafrika!“
„Monogamie verordnen!“
„Außerehelichen Geschlechtsverkehr verbieten!“
„Frauenbeauftragte in jedem Dorf einsetzen!“
„Männer abschaffen!“
„Kondome verteilen!“
„Überall kostenlose Tests anbieten!“
„Schulungen anbieten, natürlich kostenlos, die die Empathie fördern, zum Beispiel: ‚Dein Freund könnte HIV-positiv sein…’“
„Den Menschen Geld geben!“
„Quatsch, den Menschen Arbeit geben, damit sie Geld verdienen und es verantwortlich ausgeben!“
„Die Chance nutzen und das südliche Afrika evakuieren, um endlich den Tieren mehr Lebensraum zu lassen!“
Bärdel hörte zu.
Bärdel nickte zu jedem Vorschlag.
Und bei jedem Vorschlag wurde ihm deutlicher klar: Wenn du ein Gott zu sein versuchst, dann bist du allein. ALLEIN!
Er ließ alle ausreden, und alle wollten etwas sagen. Er nickte weiter zu allem. Erst als niemand mehr sich zu Wort meldete, sagte er:“ Ich danke euch, Bärenlebener. Ihr habt mir geholfen wie immer, wenn auch anders als immer. Den Rest der Tagesordnung behandeln wir besser später.“
Bärdel war es gleichgültig, dass die Bärenlebener jetzt verwirrt sein mussten. Er hatte seine erste Lektion als Götterlehrling gelernt.

Nach einer schlaflosen Nacht war ihm klar, dass viele der Vorschläge, der er gestern gehört hatte, ihm plausibel erschienen, dass er aber keinerlei Vorstellung davon hatte, welche Auswirkungen sie hätten, wenn sie verwirklicht würden. Und schon gar nicht wusste er, welche Konsequenzen die Kombination von zwei oder mehr Maßnahmen nach sich zögen. Er kratzte sich ausgiebig den Kopf, seufzte und ging dann auf die Suche nach Papier und Stift, um sich ein paar Notizen zu machen. Noch lieber wäre er auf die Suche nach Kulle gegangen, aber das hätte über kurz oder lang bedeutet, dass Kulle über Bärdels neue Rolle Bescheid wüsste. Welche Konsequenzen das hätte, darüber mochte Bärdel lieber nicht nachdenken.
„Na, Stinker, wie schmeckt der neue Job? Am Anfang ist er ziemlich anstrengend, soweit ich mich erinnern kann. Ich dachte, ich schaue mal nach Dir. Das mit der Vernetzung aller möglichen Phänomene hast Du inzwischen kapiert, wie ich merke. Mit Papier und Stift wirst Du nicht weit kommen. Hier, das Spielzeug wird Dir helfen. Es zeigt Dir keinen kompletten Überblick, aber ein paar Strukturelemente werden doch deutlich. Ich habe die Aids-Geschichte eingegeben, damit Du siehst, wie es funktioniert. Du wirst schon damit zurechtkommen – die Bedienung funktioniert intuitiv.“ Tussi drückte ihm einen kleinen flachen Gegenstand in die Pfote und verschwand ebenso blitzartig und lautlos, wie sie erschienen war.
Bärdel sah sich das unerwartete Geschenk näher an. Er hatte eine Art Computer bekommen, der aber über keine Tastatur verfügte, sondern nur über ein Display. Auf dem Bildschirm stand: AIDS – Subsaharastaaten. Darunter pulsierte ein Icon: Optionen. Er legte seinen dicken Daumen darauf und las: Präventionskampagnen auch in West- und Südafrika! Das war der erste Vorschlag, der gestern Abend gemacht worden war, daran erinnerte er sich gut. Noch einmal berührte er den Bildschirm, und der wurde lebendig. Ein Film wurde abgespielt, der überwiegend menschliche Aktivitäten zeigte. Männer zeigten Männern Kondome, Frauen zeigten Frauen Kondome. Männer und Frauen hatten Geschlechtsverkehr und benutzen dabei Kondome. Diese Sequenz lief über längere Zeit. Danach waren Friedhöfe zu sehen, auf denen sich immer weniger Menschen aufhielten: Die Zahl der Bestattungen nahm ab.
Die Projektionsfläche wurde dunkel, und als sie wieder hell wurde, hatte sich der Bildschirm geteilt. Auf beiden Hälften waren kopulierende Menschen zu sehen, die keine Kondome benutzten. Rechts tauchten nach einer Weile wieder Friedhöfe auf mit mehr und mehr Menschen. Links dagegen sah man Familien, kinderreiche Familien. Die Kinder hatten Hungerbäuche, der Gesichtsausdruck der Erwachsenen zeigte Hoffnungslosigkeit. Die bewegten Bilder wurden durch statistisches Material ergänzt. So beobachtete Bärdel, wie die Bevölkerungszahl in Südafrika sich in beiden Fällen stabilisierte, im ersten Fall danach wieder schrumpfte, während sie im zweiten stieg. Er sah Arbeitslosenzahlen, Zahlen über Hilfsprogramme, Zahlen, Zahlen, Zahlen.
Aufklärung allein fruchtet nichts, erkannte Bärdel. Wenn eine Bedrohung nicht mehr akut ist, denken die Menschen, es gäbe sie nicht mehr. Und wenn die Bedrohung tatsächlich verschwunden ist, weil zum Beispiel ein Impfstoff gegen eine schwere Krankheit entwickelt werden konnte, dann verelenden die Menschen, zumindest die im südlichen Afrika, weil sie sich wieder ungebremst vermehren können. Aber vielleicht hilft es, wenn ich Aufklärung mit einem zweiten Vorschlag kombiniere? Er erinnerte sich an den gestrigen Abend. „ Den Menschen Arbeit geben, damit sie Geld verdienen und es verantwortlich ausgeben!“ Das war’s. Das erste Szenario konnte er damit zwar nicht verhindern, aber das zweite würde sich gewiss zum Positiven verändern.
„Er suchte wieder unter ‚Optionen’, konnte den Vorschlag aber nicht finden. Intuitiv fragte er den Apparat in seiner Pfote: „Verstehst Du mich?“ Buchstaben erschienen auf dem Bildschirm: „Ja.“ „ Gut, dann untersuche bitte die Auswirkungen der folgenden Maßnahme!“ Und Bärdel wiederholte den Vorschlag.
Er hatte erwartet, dass jetzt eine gewisse Zeit vergehen würde, aber er bekam sofort eine Antwort. „Der Realismuswert der Idee liegt bei 0,00%.“
Bärdel war enttäuscht. Die Möglichkeiten, die er einem Gott oder einer Göttin unterstellt hatte, schrumpften immer mehr in sich zusammen. Nicht nur konnten Götter nicht in die Zukunft sehen, sie waren auch keineswegs allmächtig und hatten sich an bestehenden Realitäten zu orientieren. „Gibt es denn weitere realistische Optionen?“ wollte er wissen. „Außerehelichen Geschlechtsverkehr verbieten,“ las er. „Na gut, dann machen wir das!“ sagte Bärdel forsch.
Der Bildschirm teilte sich zuerst in zwei, dann in vier, dann in neun, in sechzehn, fünfundzwanzig Teile und immer weiter, bis auch das Raubtierauge eines Bären nichts mehr darauf erkennen konnte. Aber solange die Bilder und Zahlen noch groß genug waren, hatte Bärdel genug gesehen. Die Konsequenz dieser Idee waren Diktaturen, häufig klerikaler Natur, die vor allem eines betrieben: Diskriminierung und Unterdrückung der Frauen.
„Hör auf!“ sagte er, und der Bildschirm wurde sofort schwarz. „Eigentlich wollte ich sowieso was anderes. Sagt dir Klimawandel etwas? Klimakatastrophe? Treibhauseffekt?“ „Ja.“ „Gibt es zu dessen Beeinflussung, also Minderung, Optionen, die du akzeptierst?“ „Ja.“ Bärdel war gereizt, aber ein Tussi-Computer war eben kein Bär, sondern ein logisch denkender Apparat, der wirklich nur auf die Frage antwortete, die ihm gestellt worden war. „Welche?“
„Atomkrieg; Ausbruch von H5N1 oder ähnlichem; Zusammenbruch der Weltwirtschaft…“
„Danke,“ brummte Bärdel in sich hinein, „Katastrophenszenarien kann ich mir alleine ausdenken.“ Laut sagte er: „Ich meinte Optionen, die auf dem vernünftigen Handeln der Menschen aufbauen.“
„Der Realismuswert der Idee liegt bei 0,00%,“ sagte der Computer.
Bärdel holte aus und war gerade dabei, den Apparat möglichst weit in die Büsche zu schleudern, als er Tussis befehlsgewohnte Stimme hörte. „Stop!“ rief sie. „So billig sind die Dinger nun auch wieder nicht! Und inzwischen solltest Du begriffen haben, dass auch wir Götter uns dem Realitätsprinzip unterwerfen müssen. Also keine Verschwendung von Ressourcen, bitte!“
Bärdel spürte, wie der Computer aus seiner Pranke verschwand.
“Du kannst das Ding gerne wiederhaben, wenn Du möchtest. Aber vielleicht willst Du erst mal mit mir reden.“
Bärdel setzte sich. Aller Elan war aus ihm gewichen. „Nein, danke. Ja natürlich, gerne. Ich…“
Er wusste nicht mehr weiter.
Tussi patschte ihm mit der Pfote tröstend auf die Schulter. „Schon gut. Mir ist auch übel geworden, als ich der Brut eine Weile lang zugeguckt habe und allmählich begriff, was mit ihr los ist. Das einzige Mittel, diese Spezies halbwegs im Zaum zu halten, besteht darin, sie leiden zu lassen und zahlenmäßig zu begrenzen. Sonst richtet sie sich und ihre sogenannte ‚Umwelt’ zugrunde. Das tut sie jetzt tendenziell auch, wie wir wissen, aber nach Maßgabe der Möglichkeiten langsam. ‚Collateral Damage’ entsteht so weniger, glaub mir. – Willst Du weitermachen?“
Bärdel schüttelte stumm den Kopf.
„Ich dachte es mir. Schade – war mal eine Abwechslung. Ist aber okay mit mir. Wirf mir bloß nie wieder vor, dass ich mich nicht mehr einmische!“
Tussi warf ihm eine Kusshand zu. „Eigentlich mag ich Dich richtig gerne, Stinker!“

Kunst

Tumu, die sich mit Vorliebe mit Kunst beschäftigte, also mit Menschenkunst, denn die Bären übten die Kunst, Kunst zu produzieren, nicht, war schon seit geraumer Zeit der Meinung, dass es in Bärenleben ein diesbezügliches Defizit gab. Lange hatte sie überlegt, wie diesem Übel abzuhelfen sei. Schließlich hatte sie eine Idee. Am Ende einer der regelmäßigen abendlichen Versammlungen der Bärenlebener machte sie den Vorschlag, verschiedene Neigungsgruppen zu gründen: Einen Chor, einen Malzirkel, eine Literatenvereinigung. Gerne hätte sie mehr ins Leben gerufen, aber diese drei erschienen ihr zunächst zentral. Da sie alle Bären für talentiert hielt, lud sie alle ein mitzumachen. Die Frauen waren auch gleich begeistert, weil sie stets neugierig auf Neues waren, die Männer dagegen zeigten ihr ohne zu überlegen die Rückseiten ihrer Pranken – keine sehr höfliche Geste, denn es handelt sich dabei um die bärische Version des menschlichen Stinkefingers.
„Warum wollt ihr nicht dabeisein?“ fragte Tumu entrüstet.
„Wir machen nicht mit, weil das verlorenen Zeit wäre. Bären haben kein Potenzial für Kunstproduktion,“ antwortete Bärdel.
„Das werden wir ja sehen!“ erklärte Tumu siegessicher. „In ein paar Wochen werdet ihr die Ergebnisse unserer Arbeit bewundern dürfen und euch wegen eures Defätismus in Grund und Boden schämen!“
In der nächsten Zeit waren die Bärenfrauen noch bienenfleißiger als sonst. Sie sammelten und bereiteten Nahrung im Rekordtempo und nutzen die freie Zeit für kreative Tätigkeiten. Tumu selbst begriff sich als Koordinatorin und Beraterin und flitzte zwischen den drei Frauengruppen hin und her, um ihnen zu helfen und Tipps zu geben. Die Malgruppe mischte zunächst alle möglichen Farben aus Naturmaterialien zusammen und präparierte große Borkenstücke, die als „Leinwand“ dienen sollten. Die Choristinnen überlegten sich vielstimmige Melodien. Nur die Literatengruppe kam ohne Vorarbeiten aus: Hier konnte man gleich mit dem Dichten beginnen. Deshalb erschien Tumu diese Arbeitsgemeinschaft am Anfang auch am interessantesten, und sie hielt sich am häufigsten dort auf.
„Ich bin eine glückliche Bärin…“ hörte sie dort zum Beispiel. „Das finde ich schon ganz gut, der Rhythmus stimmt, glaube ich. Aber woher nehme ich den nächsten Vers? Ich dachte für den Anfang an einen Paarreim, das ist einfacher als alles  andere.“
„‚Allerdings fehlen mir die Ferien` – wie wär’s damit?“ schlug ihre beste Freundin vor.
Die Verfasserin des künftigen Meisterwerkes runzelte die Stirn: „Irgendwas stimmt da nicht!“
Tumu sprang ein: „Wie wär’s mit: ‘Trotzdem fehlen mir die Ferien‘?“
„Schon besser – aber längst noch nicht gut. Der Reim gefällt mir nicht, auf Ferien reimt sich Bärien, nicht Bärin. Und das Metrum…“ Sie begann laut zu skandieren.
„Ihr schafft das schon!“ machte Tumu sich und den anderen Mut. Weil sie auch nicht weiter wusste, flüchtete sie und besuchte die anderen Gruppen.
Was sie dort zu sehen und zu hören bekam, war keineswegs ermutigender. Der Chor übte ein Liedchen ein, das wie eine missgestimmte Version von „Alle meine Entchen“ klang. Tumu hielt sich die Ohren zu und suchte vorerst das Weite. Musik ist eben eine schwierige Kunst, tröstete sie sich, aber Übung macht den Meister!
Die Malerinnen bedeckten ihre Borkenstücke flächig mit jeweils einer Farbe: Wenn man es anders mache, sehe es unordentlich aus, erklärten sie.
„Ihr könntet wenigstens behaupten, dass ihr minimalistische Kunst produziert!“ schimpfte Tumu. „Das ließe sich mit ziemlich viel Chuzpe vielleicht verkaufen. Aber so….“
Sie raste los und raffte in der Bibliothek so viele Kunstbände zusammen, wie sie gerade noch tragen konnte.
„Hier!“ keuchte sie, als sie wieder zurück war, und zeigte einen Kunstdruck nach dem anderen. „Das ist Kunst! Seht euch nur an, wie Rembrandt mit den Farben spielt. Und Miró – ist das nicht ästhetisch?“
Aber die Malerinnen waren anderer Meinung: „Dieser Rembrandt ist viel zu pingelig mit den Einzelheiten. Außerdem malt er nur Menschen und tote Tiere. Und um bunte Rechtecke zu zeichnen, sind wir uns zu schade.“
Es dauerte noch einige Wochen, in denen sie ähnliche Erfahrungen machte, bis Tumu bereit war, ihre Niederlage zuzugeben. Bei dem Eingeständnis half ihr, dass niemand sie an ihr leichtfertig gegebenes Versprechen, die künstlerischen Ergebnisse in kurzer Zeit zu präsentieren, erinnerte. Endlich berichtete sie Bärdel ausführlich und schonungslos vom kläglichen Scheitern der Bärinnen.
„Du hast damals gesagt: ‘Bären haben kein Potenzial für Kunstproduktion‘, das weiß ich noch genau. Anscheinend hattest du recht. Aber – warum?“
„Zum Glück kommst du jetzt erst mit dieser Frage!“ seufzte Bärdel. „Ich denke seit deinem Vorstoß darüber nach, dennoch halte ich meine Erklärung nach wie vor für unzulänglich. Aber ich habe keine andere.“
„Versuch’s ganz einfach;“ sagte Tumu und kuschelte sich an ihn. Sie war glücklich, endlich keine schlechten Verse und misstönenden Lieder mehr hören zu müssen, sondern der beruhigenden Brummstimme ihres Mannes lauschen zu können.
„Ich habe mir überlegt, welche Wurzeln die Menschenkunst hat. Literatur, Malerei und Musik entstanden aus derselben Quelle: aus Zauber und Magie, die später zu Religion mutierten. Dahinter steckt als Hauptmotiv Angst, weil die Menschen die Welt, in der sie lebten, nicht verstehen. Muss ich das erklären?“
„Ich glaube nicht. Die ältesten Felsmalereien und Epen beweisen, dass du recht hast. Meistens spielen Götter eine Rolle. In Bezug auf die Musik bin ich nicht sicher.“
„Ich auch nicht, aber die ältesten Musikstücke oder besser Fragmente, die erhalten sind, haben einen ‘spirituellen‘ Inhalt, wie die Menschen sagen. Wenn meine Theorie stimmt, dann braucht man, um künstlerisch kreativ zu sein, als Erklärungsmuster für all das, was man sich nicht erklären kann, die Vorstellung von einer überirdischen Realität, der man sich nicht mit normalen, sondern besser mit ‘kunstvollen‘ Mitteln annähern sollte. Und eine solche Vorstellung ist uns Bären fremd.“
„Stimmt. Aber…“ wandte Tumu ein, „aber es gibt doch zahlreiche Menschenkünstler, die produktiv sind und in deren Schaffen Religion keine Rolle spielt. Wie erklärst du dir das?“
„Es handelt sich um ein historisch junges Phänomen, richtig?“
Tumu nickte.
„Ihr Glaube an Götter hat den Menschen nicht das Hauptgefühl nehmen können, das ihr Leben bestimmt: die Angst. Viele Literaten sagen selbst, dass sie sich etwas von der Seele geschrieben haben.“ Bärdel machte eine Pause und schmunzelte dann. „Ich muss zugeben, dass ich eure ‘künstlerische‘ Produktion ab und zu belauscht habe: ‘Ich bin eine glückliche Bärin…'“
„Erinnere mich bitte nicht daran!“ bat Tumu.
„Ich musste dich daran erinnern, um dir etwas anderes zu zeigen. Hör mal zu:
‘Nun ist der Lenz gekommen,
Nun blühen alle Wiesen,
Nun herrschen Glanz und Freude
Auf Erden weit und breit;
Nur meine böse Herrin,
Sie keift und zetert immer
Noch wie in der betrübten
Und kalten Winterzeit!
Wenn ich am frühen Morgen
Mit aufgewachtem Herzen
Im Garten grab‘ und singe,
Die Welt mir freundlich blickt.
Wirft sie mir aus dem Fenster
Die ungefügen Worte,
Dass rasch in meiner Kehle
Das kleine Lied erstickt.‘
Die letzte Strophe lautet:
‘Mag selber sie nur beten,
Dass ihre eignen Kinder
Nicht einmal dienen müssen,
Wenn ihr das Glück entschwand
Und sie als arme Mutter
Wird um die Häuser schleichen,
Wo jene sind geschlagen
Von böser Herrenhand!‘
Das Gedicht lebt vom Dualismus von Harmonie und Bosheit und der Angst vor dem menschlichen Bösen, dem das lyrische Ich ausgeliefert ist. In ihrer Verzweiflung wünscht die Magd indirekt ihrer Herrin selbst Böses und macht deutlich, dass das Schicksal der Menschen von Gott abhängt. In Bärenleben kann man solche Gefühle einfach nicht verspüren.“
Nach einer nachdenklichen Pause fragte Tumu unvermittelt: „Kennst du Rodins Skulptur ‘Der Kuss‘?“
„Ich war noch nicht in Paris, aber ich kenne Abbildungen. Zwei wunderschöne nackte Menschen umschlingen einander in einer perfekten Umarmung. Die Darstellung gefällt mir sehr gut.“
„Meinst du, diese Plastik ist durch religiöse Vorstellungen oder Angst motiviert?“
Erst jetzt merkte Bärdel, dass er in der Falle saß. „Natürlich nicht!“ brummelte er. „Rodin zeigt wahre Liebe oder wahre Leidenschaft und sonst gar nichts…“
„Und die gibt es bei Bären nicht?“
„Bei Tussi, Tumu, du musst auch immer das letzte Wort haben! Natürlich gibt es die.“ Er langte mit allen seinen Extremitäten nach seiner Frau und knuffte sie herzlich nach Bärenart, dass ihr die Luft wegblieb. Zwischen zwei Küssen sagte er: „Und weil es bei den Bären Liebe und Leidenschaft gibt, gibt es ja vielleicht sogar einen aktiven Kunstsinn, aber das probierst du bitte erst in ein paar Jahren noch einmal aus, falls überhaupt, und jetzt lass uns erst mal Liebe machen, denn wer liebt, ist glücklich, und wer glücklich ist, produziert keine Kunst, sondern genießt sie…“
„Und wer hat jetzt das letzte Wort gehabt?“ schmunzelte Tumu.

Religion

Bärdel

Religion

“Du hast eine tolle Arbeit über das menschliche Zusammenleben geschrieben, denke ich!” begrüßte Bärdel Kulle, als sie einander auf ihrem Morgenspaziergang begegneten. “Ich finde es beeindruckend, wie du dich bei den Menschen auskennst. Du weißt über sie viel besser Bescheid als ich.”

“Danke!” erwiderte Kulle und rückte geschmeichelt an seiner Fliege. “Obwohl – über manches, was die Menschen ausmacht, weiß ich gar nichts. Über Religion zum Beispiel.”

Bärdel war überrascht. “Nanu? Krückstock, Opium des Volkes, Opium für das Volk…”

“Schön und gut”, brummte Kulle. “Die Funktion ist leicht zu beschreiben. Aber was ist mit der Ursache? Also: Warum haben die Menschen, präziser, die meisten Menschen, sogar die allermeisten, auch viele der wirklich intelligenten, eine Religion? Ist das genetisch bedingt? Und wenn es so wäre – warum ist uns Bären, die wir doch biologisch eng mit den Menschen verwandt sind, nicht nur der Gedanke eines mehr oder weniger persönlichen Gottes, sondern generell der Gedanke der Transzendenz so fremd?”

“Ich weiß nicht, woran man die Gründe für die menschliche Religiosität festmachen kann. Aber ich kenne mehrere.”

“Sogar mehrere?” Kulle hüpfte aufgeregt auf der Stelle. “Ich kenne noch nicht mal einen!” Und dann sagte Kulle etwas, was Bärdel noch nie von ihm gehört hatte: “Erklärst du es mir?”

“Gerne!” Bärdel schaute sich um. “Siehst du den Apfelbaum da? Es ist Frühling, die Knospen brechen auf, der Baum beginnt zu blühen. Wie erklärst du dir das?”

Kulle war irritiert. “Was soll ich da erklären? Es ist Frühling, die Säfte steigen nach der Winterruhe, Blütenpflanzen pflanzen sich geschlechtlich fort, also…”

“Du hast völlig recht”, unterbrach ihn Bärdel. “Du kennst die Gründe. Und wenn du sie nicht kenntest, würdest du einfach sagen: ‘Das weiß ich nicht’. Aber Menschen suchen immer nach Erklärungen, nach Begründungen. Und wenn sie keine rationalen wissen, erfinden sie irrationale. Wenn sie nicht wissen, dass der Baum blüht, weil es Frühling ist, dann behaupten sie, der Gott des Baumes sei erwacht. Oder ein Gott sei im Baum erwacht. Jedenfalls erfinden sie einen Gott anstelle der Ursachen, die ihnen unbekannt sind. Und so gibt es für sie einen Donnergott und einen Regengott und einen Wachstumsgott und immer so weiter, oft auch eine Göttin, denn was fruchtbringend und was vernichtend ist, das wissen die Menschen schon.”

“Na gut”, sagte Kulle, und es klang sehr nachsichtig. “Du beziehst dich auf die Phase der Naturreligion. Aber über die sind die Menschen inzwischen hinaus, denke ich.”

“Die Menschen nicht. Aber ich gebe dir recht: Die Menschen in den von ihnen so genannten industriell entwickelten Ländern glauben nicht mehr, dass in den Bäumen Götter leben, sonst würden sie die Bäume nicht brutal fällen. Aber ich beharre darauf, dass die Menschen auch heute an irrationale Erklärungen glauben, wenn ihnen rationale – noch – nicht zur Verfügung stehen. Darin sehe ich den ersten Grund für die menschliche Religiosität: den Erklärungswahn.”

“Bingo!” sagte Kulle. “Was noch?”

“Anders als wir Bären wollen die Menschen ständig etwas verändern. Dabei haben sie aber auch Angst vor ihrer eigenen Courage, denn sie wissen in den seltensten Fällen, wozu das, was sie anstellen, letztlich führt. Deshalb erfinden sie sozusagen einen Auftraggeber, und das ist Gott. Wie oft lassen die Menschen den in der Bibel sagen: “Macht euch die Erde untertan’? Ein halbes Dutzend Mal bestimmt. Sie brauchen eine legitimatorische Grundlage für all die Zerstörungen, die sie bewirken. So werden sogar Kriege zu notwendigen Aktionen im Namen einer höheren Macht.”

Kulle nickte. “Das leuchtet mir ebenfalls ein. Was hast du noch zu bieten?”

“Der dritte Grund liegt auf der Hand. Was sagt den Bären ihr Zukunftssinn?”

Kulle ließ sich auf das Spiel ein: “Dass morgen ein Tag ist, der auf heute folgt, so dass man sich heute so verhalten sollte, dass ein Morgen möglich ist. Und dass das Leben eines Individuums nach vielen Tagen vorbei ist, während das der Gattung länger währt.” Er schlug sich mit der flachen Hand vor sie Stirn: “Dass ich daran nicht gedacht habe! Natürlich, der Zukunftssinn der Menschen ist insofern fehlgeleitet, als sie den Tod nicht akzeptieren wollen! Und deshalb erfinden sie alles mögliche, um ihn wegzudenken: Seelenwanderung, das Nirwana, das Paradies…. Das Paradies – aber auch die Hölle. Warum eigentlich die Hölle?”

“Du machst es mir leicht”, grinste Bärdel. “Du führst uns direkt zu Grund Nummer vier. Bitte beantworte mir noch eine Frage: Wie viele Modalverben kennst du?”

“Dumme Frage, zwei natürlich!”

“Und die wären?”

Kulle warf Bärdel einen skeptischen Blick zu, das war nun tatsächlich unter seiner Würde. Aber er antwortete trotzdem, denn bisher hatten ihm Bärdels Erklärungen eingeleuchtet: “Wollen und können natürlich.”

“Natürlich!” bestätigte Bärdel. “Aber – wie viele Modalverben haben die Menschen?”

Wieder fiel bei Kulle ein Groschen. “Bei Tussi, bin ich dumm! Da wären noch ‘müssen’ und ‘sollen’ und ‘dürfen’; alles Ausdrucksformen des Über-Ichs, das sich natürlich hervorragend in religiöse Formen gießen lässt, weil es dann viel wirkmächtiger ist – und als ultimative Sanktion bei Verstößen droht die ewige Verdammnis.”

“Das”, erklärte Bärdel, “sind meiner Meinung nach die Gründe dafür, dass die meisten Menschen ohne Religion nicht auskommen können. Und jetzt habe ich noch eine Frage an dich, eine ernsthafte, keine rhetorisch-pädagogische. Beantwortest du sie mir?”

“Klar, wenn ich kann!”

“Du hast vorhin behauptet, uns Bären sei nicht nur der Gedanke eines mehr oder weniger persönlichen Gottes, sondern generell der Gedanke der Transzendenz fremd. Warum….” Bärdel machte eine Kunstpause. Er genoss es, dass Kulle sich erkennbar zu winden begann. “Warum glaubst du dann an Tussi?”

Kulle gab sich nach einer Sekunde der Schwäche wieder ganz souverän. “Nicht nur ich, sondern alle Bärenlebener glauben an Tussi. Tussi existiert nämlich wirklich!”

Bärenabitur

Bärenabitur

Wenn in Bärenleben ein junger Mann oder eine junge Frau alt genug wurde, um künftig zum Kreis der Erwachsenen gezählt zu werden, musste er oder sie eine Prüfung bestehen – daran führte kein Weg vorbei, denn in dieser Beziehung war die Sippe traditionell. Allerdings bestand die Probe, anders als in früheren Zeiten, nicht mehr darin, körperliche Überlegenheit oder hauswirtschaftliche Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Stattdessen war Denken gefordert. Das konnte vielerlei bedeuten, und sich darauf vorzubereiten war deshalb nahezu unmöglich.

Heute war Dels großer Tag. Gestern noch hatten ihm alle viel Glück gewünscht, aber er hatte trotzdem herzlich schlecht geschlafen und trottete so nach seinem Honigwabenfrühstück ziemlich müde zu Bärdel, der dafür verantwortlich war, die Aufgaben zu stellen. Bärdel drückte ihm einen verschlossenen Umschlag, einen Stift und viel Papier in die Pranke.

“Viel Glück!“ sagte er. “Such dir ein ruhiges Plätzchen und lass dir Zeit!“

Unter Zeitdruck stehe ich also offenbar nicht, dachte Del. Er bekämpfte seine Neugier und suchte seinen Lieblingsplatz auf, von dem niemand außer ihm etwas wusste – eine winzige Lichtung inmitten von Haselbüschen. Dort ließ er sich auf seinen noch nicht sehr dicken Hintern plumpsen, seufzte tief und riss den Brief auf. Und las. Und las noch einmal. Und ein drittes Mal. Er wollte es einfach nicht glauben.

“Dialektischer Besinnungsaufsatz: Der Mann lebt für das Werk, die Frau wirkt für das Leben’“ stand da.

Er zwinkerte. Er rieb sich die Augen. Die Worte standen immer noch da, so oft er auch blinzeln mochte.

Die wollen mich verarschen! schoss es ihm durch den Kopf. Das war durchaus möglich. Manche Aufgaben waren so gestellt, dass der Proband erkennen sollte, dass sie nicht ernst gemeint waren. Trotzdem sollte er sie lösen – gefordert war dann eine kreative, unorthodoxe Bearbeitung. Aber war das hier auch der Fall? Wollte jemand vielleicht ernsthaft eine Verifizierung oder Falsifizierung der Aussage, oder möglicherweise eine Synthese?

Quatsch! schalt sich Del. Hier will niemand etwas Bestimmtes, ich bin schließlich nicht in der Menschenschule. Hier sind meine Denkfähigkeit und mein Humor gefragt, und die Inhalte sind nebensächlich, wenn ich sie nur intelligent und logisch verpacke. Also los!

Und er schrieb:

Der Mann lebt für das Werk, die Frau wirkt für das Leben

Der gegebene Aphorismus überzeugt formal durchaus, zeigt er doch rhetorische Meisterschaft. Der als Chiasmus angelegte Buchstabenreim (lebt – Werk; wirkt – Leben) betont die Antithetik der Geschlechter, weist aber auch auf ihr Zusammenwirken hin. Betrachtet man den Sinnspruch unter inhaltlichen Aspekten, ist dagegen Skepsis angebracht.

Mann und Frau in ihrer Heterosexualität sind zweifellos in ihrem Zueinander- Hingezogen-Sein unabdingbar für den Fortbestand der (menschlichen) Art und anderer Spezies, die sich sexuell vermehren, wobei mit dieser Aussage homosexuelle Lebensgemeinschaften keineswegs diskriminiert werden sollen. Beide wirken für das Leben in einem genau zu definierenden Moment: Der Mann schickt seine Spermien in die Genitalregion der Frau, in der sie ein Ei finden und es befruchten, wenn die Frau gerade empfängnisfähig ist, ein Ei, das die Frau dann austrägt, falls sie ihre Leibesfrucht nicht abtreibt. Treibt sie ab, wirkt sie nicht für das Leben. Benutzt der Mann ein Präservativ, tut er es ebenso wenig.

Nehmen wir eine Frau an, die ein oder mehrere Kinder geboren hat. Nehmen wir weiterhin an, sie sei eine “gute“ Mutter – in Dehland hieße das, auf Menschen bezogen, sie bringt ihre Tochter nachmittags mit dem Auto zum Reiten und den Sohn zum – nein, den Sohn braucht sie nirgendwohin zu bringen, er sitzt in seinem Zimmer vor dem Computer, und sie hat es längst aufgegeben, ihn davon wegzuholen. In, sagen wir, Angola, prostituiert sich die “gute“ Mutter und ist deshalb HIV-positiv – nur indem sie ihren Körper verkauft, kann sie ihre Kinder ernähren. Diese Frauen wirken für das Leben, indem sie für das Überleben und zum Teil den Spaß künftiger Spermienträger und Eiträgerinnen sorgen.

Nehmen wir einen Mann an, der ein “guter“ Vater ist – er kann in einem Pueblo in New Mexico seinen Sohn Körbe flechten lehren oder in Dehland ein Jahr oder länger aus seinem Beruf aussteigen, um sich der Erziehung des Nachwuchses zu widmen – auch er wirkt für das Überleben.

Quod erat demonstrandum: Das “Wirken für das Leben“ lässt sich letztlich nur am Zeugungsakt selbst festmachen, für den die Aufzucht der Nachkommen unabdingbar ist, und daran sind Mann wie Frau gleichermaßen beteiligt.

Kommen wir nun zum Leben für das Werk.‘

Zunächst muss definiert werden, welches Werk‘ gemeint ist. Übersetzt man den Begriff zum Beispiel mit VW-Werk‘, könnte der zu analysierende Satz bestenfalls auf Ferdinand Piech und außerdem einige Dutzend VW-Angestellte zutreffen, die seit Jahrzehnten dort malochen und immer noch nicht verstanden haben, dass sie nichts anderes als Verfügungsmasse im großen Spiel um den Shareholder-Value sind – sie haben bisher nur das Glück gehabt, nicht freigesetzt‘ worden zu sein, wie es im Wörterbuch des kapitalistischen Unmenschen so schön heißt. Da die Aussage jedoch allgemeiner Art ist, verbietet sich eine solche Interpretation.

Der Mann allgemein, der tätige, die Natur verändernde, der schaffende Mann ist gemeint, der, den die Lateiner homo faber‘ nennen. Dieser Menschenmann hat wahrhaft viele Werke vollbracht. In archaischer Zeit tobte er noch durch die Wildnis auf der Jagd nach Beute, mitleidig und zugleich nachsichtig belächelt von den Matriarchinnen, die ihnen den Spaß nicht verderben wollten, aber sehr wohl wussten, dass ihre Sammlertätigkeit die eigentlich verlässliche Grundlage einer halbwegs gesicherten Versorgung mit Nahrungsmitteln war. Seit der neolithischen Revolution jedoch entwickelte er sich aufgrund seiner veränderten ökonomischen Stellung zum Haus- und Staatstyrannen, der alles und alle seiner Machtwillkür unterwarf. Auch uns Bären hat er nahezu ausgerottet, aber das nur am Rande.

Dass der Mann Werke vollbringt, ist unbenommen. Aber – lebt er für das Werk? Nein, primär stirbt er dafür! Die Vorstellung, die Menschenmänner vom richtigen Leben haben, setzten und setzen sie gegen konkurrierende Vorstellungen primär mit kriegerischen Mitteln durch.

Lebt dagegen die Frau für das Werk? Was ist das Werk der Frau? Seit einigen Jahrzehnten gibt es auch Managerinnen, aber von deren Werk‘ auszugehen wäre ebenso wenig repräsentativ wie das des Ferdinand Piech. Menschenfrauen haben im Allgemeinen wesentlich weniger Interesse daran, die Welt zu verändern, als ihre männlichen Artgenossen. Das Werk‘ der Frau ist die Erhaltung des Status quo, also die Erhaltung der Art, also die Erhaltung des Lebens.

Fazit: Mann und Frau wirken für das Leben beim Zeugungsakt, wie oben erläutert. Mann und Frau definieren den Begriff Werk‘ als eine bestimmte Qualität des menschlichen Lebens, wobei der Menschenmann auf Veränderung aus ist, die er Fortschritt nennt, die Menschenfrau dagegen auf Lebenserhaltung. Zur Durchsetzung ihrer Ziele bedienen sich die Angehörigen der beiden Geschlechter unterschiedlicher Strategien: Gewaltanwendung bzw. Kooperation. Die Aussage des gegebenen Aphorismus ist folglich nicht haltbar.

“Uff!“ sagte Del, streckte sich, legte sich ein paar Minuten auf den Rücken und dachte gar nichts, bis er sich sein Werk ein zweites und ein drittes Mal durchlas. Hatte er zu viele Gedankensprünge eingebaut? Lag er völlig daneben? Er glaubte es nicht; eigentlich war er recht zufrieden.

“Na, endlich fertig?“ In die winzige Lichtung, von der Del angenommen hatte, dass sie nur ihm bekannt sei, brach ungestüm Kulle ein. “Ich bin dein Prüfer, das wusstest du doch, oder?“

Nein, das hatte Del nicht gewusst. Kulles Eröffnung beunruhigte ihn zutiefst, denn Kulle galt als sehr kleinlich und sehr belesen – er erkannte jeden sachlichen Fehler.

“Wenn dein Aufsatz nicht ausreichend sein sollte, machen wir beide noch eine mündliche Prüfung zusammen. Dann bestehst du bestimmt!“

Kulles Aussage war beruhigend gemeint, wirkte auf Del aber ganz anders.

“Nun reg dich bloß nicht auf!“ brummte Kulle. “Lass mich erst mal lesen!“

Und er las. Del saß währenddessen auf glühenden Kohlen, weil er beobachten musste, wie Kulle stockte, noch einmal las, die Stirn runzelte, den Kopf schüttelte. Aber schließlich nickte er.

Die Haselsträucher wurden lebendig. Bärinnen und Bären zwängten sich durch die eng stehenden Zweige, die ihnen nur mühsam Durchschlupf erlaubten, aber trotzdem schaffte es jede und jeder, einen Leckerbissen in der Pranke zu halten – und alle boten ihr Geschenk gleichzeitig Del dar.

“Unseren Glückwunsch!“ rief Kulle. “Unseren Glückwunsch für ein ausgezeichnetes Bärenabitur! Du hast den dummen Spruch gehörig abgestraft und dabei historische und politische Kenntnisse wie auch Humor bewiesen. Ab heute gehörst du zu den Erwachsenen!“

Dehlandkopfschmerzen

Als Bärdel an einem kühlen, aber sonnigen Maimorgen seinen üblichen Spaziergang zu Tagesbeginn unternahm, allein, ohne Kulle, seinen gewohnten Begleiter, denn der hatte schon am Abend zuvor über heftige Kopfschmerzen geklagt, Dehlandkopfschmerzen, wie er geheimnisvoll, aber nicht erhellend erklärte, als Bärdel also allein kontemplierend unterwegs war, hörte er auf einmal aus einem Busch am Wegesrand ein klägliches Schluchzen. Die Stimme kam ihm bekannt vor, er befürchtete eine Verwundung, er stürzte sich ins Gebüsch.

In der Tat: Wie er vermutet hatte war es Del, der weinte. Allerdings war der kleine Bär nicht verletzt, zumindest nicht äußerlich. Bärdel brummte beruhigend, nahm ihn in den Arm und streichelte ihn sanft. Allmählich verebbte der Krampf, wenn auch die Tränen weiter flossen. Nach einer Weile hatte Del genug Kraft gesammelt, um sich die Augen zu wischen und sich zu räuspern.

„Entschuldige!“ presste er mühsam hervor. „Ich weiß, dass Bären nicht weinen. Aber ich habe heute früh schon Zeitung gelesen, und da…“

Bärdel hörte nicht auf zu streicheln.

„Wer hat dir denn gesagt, dass Bären nicht weinen? Nein, du brauchst nicht zu antworten. Ich will es gar nicht wissen. Aber wer auch immer es war, er hat dir etwas Dummes gesagt. Wir haben Tränen, damit wir sie weinen. Weinen erleichtert uns. Also lass sie ruhig fließen. Was stand denn in der Zeitung?“

„Ein Bär ist in Dehland, ein wilder Bär, der erste seit 135 Jahren, und die Menschen wollen ihn erschießen, nur weil er bei einem Bienenvolk ein bisschen Honig gestohlen und ein paar Schafe von der Weide geholt hat.“

Ach ja, dachte Bärdel, Erkenntnis und Interesse. Aber Del war noch jung. Er brauchte zunächst viel Pädagogik, und vielleicht konnte er danach noch ein wenig Philosophie vertragen.

„Hm“, sagte er. „Ein paar Schafe hat der Bär von der Weide geholt, ja? Die Weide hat einem Menschen gehört, und die Schafe darauf auch, nicht wahr? Also hat der Bär gestohlen, vielleicht sogar geraubt, wenn er sich mit Gewalt Zugang zu der Weide verschafft hat. Und was hat er mit den Schafen gemacht? Er hat sie sich nicht nur geholt, wie du gesagt hast, er hat sie gefressen. Natürlich werden Schafe gefressen, vor allem von Menschen, aber die holen sich vorher die Erlaubnis dafür, indem sie für das Fleisch bezahlen. Das hat der Bär nicht getan.“

Um Tussis Willen, dachte Bärdel, dem der Satz Eigentum ist Diebstahl‘ durch den Kopf schoss, was rede ich da eigentlich? Aber da er nun einmal angefangen hatte, musste er die Sache auch zu Ende bringen.

„Der Bär hat also Gesetze verletzt“, fuhr er deshalb fort. „Das alleine stört die Menschen noch nicht, sie halten wilde Tiere für unintelligent und verzeihen ihnen viele Verstöße gegen ihre Regeln. Dieser Bär aber hat sich anscheinend angewöhnt, seine Nahrung mit Vorliebe dort zu suchen, wo die Menschen leben – und das nehmen sie ihm übel, denn sie haben Angst vor ihm. Deshalb bezeichnen sie ihn als Risikobären‘ und wollen ihn loswerden, und dazu sehen sie zwei Möglichkeiten, nicht nur eine, wie du behauptest: erschießen oder einsperren, also in einen Zoo bringen.“

Del hatte sich während seiner Ausführungen ein wenig beruhigt und schniefte nur noch leise.

„Bärdel, darf ich etwas fragen?“

„Selbstverständlich!“

“Eigentlich habe ich zwei Fragen.“

„Frag nur zu!“

„Sind wir auch wilde Bären?“

Au weia! Bärdel konnte sich gut vorstellen, diese gar nicht einfache Frage ausführlich mit Kulle zu erörtern und dabei in Hitze zu geraten, aber was sollte er Del antworten? Er beschloss, sich kurz zu fassen.

„Ja. Wir sind wilde Bären, aber wir halten uns an die Regeln der Menschen, weil wir mitten unter Menschen leben und sonst nicht überleben könnten.“

Wenn Del jetzt fragt, wie ich Wildheit definiere, behaupte ich auch wie Kulle, schreckliche Kopfschmerzen zu haben, dachte Bärdel, aber die Nachfrage blieb aus.

„Wie lautet die zweite Frage?“ wollte Bärdel wissen.

„Wieso interessieren sich die Menschen für das Schicksal eines einzelnen wilden Bären? Ich meine, sie müssen sich dafür interessieren, sonst stände nichts über ihn in der Zeitung!“

Der Kleine kann gut werden, schoss es Bärdel durch den Kopf, vielleicht spezialisiert er sich mal in Soziologie oder Psychologie, aber bis zur Stunde hat er von beidem keine Ahnung. Vielleicht ist er mit einer Schlichterklärung zufrieden…

„Menschen sind nun mal tierlieb. Besonders…“

Del wusste sehr genau, wie unhöflich es war, in der Bärengesellschaft, die das Senioritätsprinzip hoch hielt, einen Älteren zu unterbrechen. Er tat es trotzdem.

„Menschen sind überhaupt nicht tierlieb. Menschen betreiben Massentierhaltung. Menschen züchten also Tiere, um sie zu vernichten und zu verwerten. Gegenüber manchen Tieren entwickeln Menschen allerdings ein ungewöhnliches Maß an Empathie: dazu gehören Eisbären, Wale, vielleicht auch einzelne verirrte Braunbären. Mir ist nicht klar, warum das so ist!“

Bärdel beschloss, ehrlich zu sein.

„Menschen sind hoch entwickelte Tiere und haben entsprechende Bedürfnisse. Hast du dich schon einmal mit der Hierarchie von Bedürfnissen beschäftigt?“

Del schüttelte den Kopf und schaute beschämt zu Boden. In der gebildeten Bärengesellschaft war es eine Schande, etwas nicht zu wissen.

„Das macht doch nichts!“ tröstete Bärdel. „Du bist ja noch jung. Ich kann dir die Sache erklären. Jedes Tier hat Grundbedürfnisse, braucht Essen und Trinken, muss schlafen und Sex haben können. Solange diese unmittelbaren Bedürfnisse nicht befriedigt sind, können wir an nichts anderes denken. Erst danach entwickeln wir Wünsche, die auf die Zukunft und das Zusammenleben mit anderen Tieren gerichtet sind: Wir wollen zum Beispiel Gerechtigkeit, Zuwendung, Sicherheit und Freundschaft oder Liebe. Wir wollen, dass andere uns respektieren, und wollen Achtung vor uns selbst haben können. Der Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung bezieht sich primär auf die eigene Spezies. Hast du mich verstanden?“

„Ja“, sagte Del und schüttelte dabei den Kopf.

Er ist wirklich ein kluger kleiner Kerl, dachte Bärdel und wartete.

„Nein, doch nicht!“ murmelte Del betreten. „Denn – wenn Menschen Zuwendung von Menschen erhoffen und sich Menschen zuwenden, wenn aber andererseits Menschen Mitleid mit Bären und Walen empfinden, dann…“

„Genau!“ bestätigte Bärdel.

Del schwieg lange Zeit, und Bärdel störte ihn nicht in seinen Gedanken.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist“, sagte Del schließlich. „Dass die Menschen einander gar nicht mögen und ihre so genannte Liebe stattdessen Tieren schenken, die sie überhaupt nicht verstehen. Was ist los mit den Menschen, Bärdel?“

Schon wieder so eine Frage, dachte Bärdel. Laut sagte er:

„Plautus war ein römischer Komödiendichter im 3. und 2. Jahrhundert vor der menschlichen westlichen Zeitrechnung, aber manche Dinge meinte er bitterernst. So hat er gesagt: ‚Lupus est homo homini, non homo‚. Besser bekannt ist der Spruch in der Form ‚Homo homini lupus‚. Thomas Hobbes – den musst du unbedingt mal lesen – hat das Zitat aufgegriffen und benutzt, um den Naturzustand des Menschen zu beschreiben. Er dachte, dieser Naturzustand sei durch einen Gesellschaftsvertrag, in dem ein vernünftiges Zusammenleben festgeschrieben ist, zu überwinden…“

„Aber die Menschen haben es nicht geschafft?“

Graduell schon. Die Sicherheit davor, getötet zu werden, ist in Dehland zweifellos größer als zum Beispiel im Kongo. Aber es gibt auch hier keine Sicherheit vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, im Gegenteil, die Bedrohung, gekündigt zu werden und danach gar keinen oder nur einen prekären Arbeitsplatz zu finden, wächst ständig. Ebenso wächst die Angst vor der Zukunft.“

„Das verstehe ich alles. Nicht klar ist mir, warum die Menschen deshalb einen wilden Bären lieben, der sich nach Bayern verirrt hat.“

Bärdel seufzte, aber lautlos. Ganz so clever, wie er gedacht hatte, war der Kleine doch nicht.

„Weil es Menschen sind, die Menschen verletzen. Wir so genannten wilden Tiere können es ja nicht mehr – wir sind, wie es so schön heißt, ausgerottet. Irgendjemanden müssen hoch entwickelte Tiere, deren Grundbedürfnisse wenigstens weitgehend befriedigt sind, aber lieben oder zumindest mögen. Sich selbst können sie nicht lieben. Also?“

„Oh!“ machte Del. „Danke, Bärdel. Aber ich habe jetzt schreckliche Kopfschmerzen.“

„Ich auch“, sagte Bärdel.

Dehlandkopfschmerzen, dachte er. Aber das dachte er nur.

Autotheater

Bärdels Geburtstag stand wieder einmal bevor und warf seine Schatten voraus. Wie alle Jahre wurde der Jubilar vor seinem Ehrentag für lange Abende aus der Höhle verbannt und musste allein draußen frieren, während die Sippe darüber beriet, welche Überraschung sie ihm dieses Mal bereiten wollte. Schließlich einigten sich die Bären, der Frosch und das Schwein auf das Motto: „Bärdel liebt Märchen und eine gute Show.“ Und eifrig begannen sie mit den Vorbereitungen.

Selbstverständlich war für den Festtagsabend ein Gelage geplant mit allem, was Bärenküche und -keller hergaben, aber vorher musste ein Festakt stattfinden, und für den übte man tagelang – was wieder bedeutete, dass der arme Bärdel, der ja überrascht werden sollte, für quälend lange Stunden ins Exil geschickt wurde.
„Wenn sie so lange proben müssen, wird es wohl eine tolle Überraschung geben!“ tröstete er sich und fügte sich in sein Schicksal.
Endlich war soweit.
Nach Bärenbrauch gaben sich alle am Morgen des großen Tages ganz normal und taten, als wäre nichts. Unter Bären gilt es nämlich als äußerst unhöflich, jemandem vor drei Uhr nachmittags zu gratulieren. Dann aber ging es los!
Bärdel lag, äußerlich gelassen, aber innerlich natürlich gespannt wie ein Flitzebogen, auf einer Sommerblumenwiese und nuckelte den Nektar aus ein paar Margeriten, als er von der gesamten Horde überfallen wurde. Man wünschte ihm alles Gute, insbesondere viel Honig, und umarmte ihn nach Bärenart, wobei es äußerst kräftig zuging. Als das allgemeine Durcheinander, das dabei entstanden war, vorüber war, zogen sich alle wieder zurück. Nur Tumu bliebt bei ihm und erklärte:
„Wir haben ein kleines Stückchen für dich eingeübt. Ein Stück aus der Menschenwelt, lebenswahr und echt. Du wirst schon sehen!“

Und schon ging es los. Ein Zug als Menschen verkleideter Bären näherte sich, die meisten im Blaumann, einige auch in Nadelstreifenanzügen. Sie schwenkten Fahnen mit Firmenlogos – da stand VW, Ford und Toyota, da prangte der Mercedesstern. Gruppen von Blaumännern sammelten sich jeweils um einen Nadelstreifenanzug und jubelten ihm zu. Die Nadelstreifen nahmen die Ehrung geschmeichelt entgegen und baten nach einer Weile um Ruhe. Im Chor erklärten sie dann:

„Liebe Belegschaft!
Ich freue mich, dass in unserem Unternehmen Harmonie herrscht. Ihr arbeitet gut, und wir Manager honorieren das, indem wir unserer sozialen Verantwortung gerecht werden. Wir verdienen gut, aber auch wenn das jemals anders sein sollte, werden wir keinen von euch entlassen. Eher verzichten wir selbst auf unser Gehalt. So lasst uns denn weiter schaffen, zum gemeinsamen Wohl und zur Beförderung der individuellen Mobilität der Menschheit, im ehrlichen Konkurrenzkampf mit den anderen Konzernen!“

Die „Belegschaften“ applaudierten frenetisch.

Jetzt trat Kulle auf, seine geliebte rote Fahne schwenkend. Als er die offensichtliche Harmonie von Arbeitnehmern und Arbeitgebern bemerkte, ließ er sie sinken und lächelte glücklich.
„Es sieht so aus, als brauchte ich die nicht mehr!“ sagte er laut und deutlich.

Alle Schauspieler und auch Tumu sahen Bärdel erwartungsvoll an. Bärdel merkte das natürlich und lächelte, aber deutlich gequält.
„Das habt ihr schön gemacht,“ sagte er und gab sich Mühe, Begeisterung in seine Stimme zu legen. „Ihr wisst ja, dass ich Märchen liebe, das habt ihr deutlich gezeigt. Aber…“ Er machte eine lange Pause und suchte erkennbar nach Worten. „Aber,“ fuhr er schließlich fort, „jetzt ist es sicher Zeit, dass wir zu essen und zu trinken …“
Tumu fiel ihm ins Wort.
„Bärdel, mein lieber Mann, wir alle wissen, wie höflich du bist, und wir schätzen dich dafür. Aber dass dir die Aufführung nicht richtig gefallen hat, kann dir jeder von uns an der Bärennasenspitze ablesen. Du hast recht, wir haben dir ein Märchen gezeigt, aber das war nur der Auftakt. Jetzt kommt das wirkliche Theater!“
Wieder gruppierten sich die Bären neu. Die meisten setzten sich zusammen mit Bärdel und Tumu ins Publikum, andere verschwanden, um sich als Schauspieler zu kostümieren, ein paar bauten rasch eine Bühne  auf mit einem Vorhang davor.

Marionettentheater. Die Fäden, an denen die Spielfiguren hängen, sollen deutlich sichtbar sein.
Ein besserer Salon eines Hotels oder einer Villa, der Ort ist nicht genauer bestimmt. Kirk Kerkorian und Rick Wagoner Jr. treten auf. Wagoner führt Kerkorian und geleitet ihn zu einem Sitzplatz.
Wagoner: Sitzen Sie bequem?
Kerkorian faucht: Nein! Solange die Aktien von General Motors als Junkbonds gehandelt werden, werde ich nirgendwo bequem sitzen! Zufälligerweise besitze ich 44 Millionen Aktien dieses Schrotthaufens, falls Ihnen das entgangen sein sollte! Und was fällt Ihnen dazu ein?
Don Leclair erscheint in der offenen Tür und bleibt stehen. Da er kein Geräusch verursacht hat, bemerken ihn Kerkorian und Wagoner nicht. Leclair hört ihrem Gespräch zu.

30000 Arbeitsplätze wollen Sie abbauen – lächerlich! Das sind noch nicht einmal 10%! Außerdem haben Sie nichts davon – laut dem intelligenten Tarifvertrag, den Sie ausgehandelt haben, müssen Sie auch entlassenen Arbeitern weiterhin Bezüge zahlen. Ganz zu schweigen von den Krankenversicherungskosten für Zehntausende, für die Sie aufzukommen sich verpflichtet haben, als die Zeiten noch besser waren. Oder besser zu sein schienen. Ich sage Ihnen das, was ich schon seit langem sage: Melden Sie endlich Insolvenz an, um das Schlimmste zu verhüten! Aber Sie hören ja doch nicht auf mich. Also bringen Sie mir wenigstens einen Whisky.
Wagoner: Scotch oder Bourbon?
Kerkorian: Geschmacklose Frage – Scotch natürlich! Von dem amerikanischen Kram habe ich die Nase voll.
Wagoner geht zur Bar und bereitet Kerkorian und sich selbst einen Whisky mit Wasser. Als er sich wieder umdreht, bemerkt er Don Leclair.
Wagoner:  Hallo, Don! Wie geht’s? Auch einen Drink?
Leclair: Gerne, ja. Mineralwasser, wenn es dir nichts ausmacht.
Wagoner: Bescheiden, bescheiden. Du baust wohl auch nicht genug Arbeitsplatze ab und solltest demnächst Insolvenz anmelden, oder?
Wagoner serviert die Drinks, er und Leclair setzen sich.
Leclair: Danke. Ich hoffe, dass 30000 Freistellungen in Nordamerika ausreichen werden, um Ford wieder auf die Gewinnerschiene zu bringen. Wir haben uns ein bisschen verkalkuliert, weil wir hauptsächlich auf den Verkauf von Geländewagen gesetzt haben. Sind ja auch tolle Tools, befriedigen das männliche Ego total. Werden aber in letzter Zeit zunehmend weniger angenommen, wegen der Entwicklung der Spritpreise. An niedrigerem Verbrauch haben unsere Ingenieure nicht gearbeitet, warum auch, Autokonzerne haben ihre Interessen auch im Energiebereich.  lacht  Wem sage ich das eigentlich?
Wagoner: Ford geht es also auch nicht gut?
Leclair: Abwarten. Immerhin ist unsere Aktie kräftig gestiegen, als der Stellenabbau bekanntgegeben wurde. Und wir verkaufen ziemlich viel auf Kredit – das Bankgeschäft macht auch Mist, und zwar erstaunlich viel. Allen Mist im Moment, wenn ich ehrlich sein soll. Mit Autos kann man kein Geld mehr verdienen.
Kerkorian: Das klingt nicht so verlockend, das ich mein Portfolio umschichten möchte. Wo ist eigentlich der Dritte im US-Bund? Ich meine, wie geht es Chrysler?
In der offenen Tür erscheint Dieter Zetsche und bleibt stehen
Wagoner und Leclair im Chor: Mr. Kerkorian, Chrysler gibt es nicht mehr. Das heißt jetzt Daimler-Chrysler!
Kerkorian: Jeezus, ich werde alt. Natürlich – Daimler. Fucking Germans. Ich hasse sie. Ist der CEO von denen etwa auch hier?
Zetsche: Guten Abend. Darf ich mich setzen, obwohl ich nur ein fucking German bin? Und auch etwas trinken? Ich hätte gerne einen Apfelsaft,
Zetsche setzt sich unaufgefordert, bekommt aber nichts zu trinken, da niemand sich angesprochen fühlt.
Na gut, es geht auch ohne. Wir verfluchten Deutschen, oder genauer gesagt, ich, ich habe bei Chrysler bereits 26000 überflüssige Stellen gestrichen. In der deutschen Produktion werden demnächst 8500 Jobs in der Produktion abgebaut, in der Konzernverwaltung weltweit 6000.
Kerkorian: Sie verdanken es nur Chrysler, dass es Sie noch gibt!
Zetsche: Da ist was dran. Bei Mercedes haben wir uns verkalkuliert. Wir haben den Smart gebaut, den in den USA niemand fahren will – würde ich auch nicht tun, mich in der winzigen Autokabine auf dem Highway bewegen zwischen all den Riesentrucks. Außerdem haben die traditionellen Mercedes in der letzten Zeit mehr als ein peinliches technisches Problem gehabt. Aber wenn ich Don Leclair richtig verstanden habe, ist es nichts Außergewöhnliches, sich zu verkalkulieren. Und was GM angeht – unsere Aktien sind weit davon entfernt, als Junkbonds betrachtet zu werden.
Kerkorian: Sag ich doch – ohne Chrysler wären Sie nichts! Überhaupt die Germans – fucking Nazis! Wir haben die Reeducation gemacht, ohne uns hätten sie noch nicht einmal Democracy und wüssten überhaupt nichts von Marketing!
Bernd Pietschesrieder tritt auf und bleibt in der Tür stehen
: Bei allem Respekt, Mr. Kerkorian – die Nachkriegszeit ist eine Weile vorbei! Sie haben uns vielleicht Demokratie beigebracht, vielleicht, denn ob wir Demokratie praktizieren und Sie Demokratie beibringen können, ist bis heute fraglich. Aber darum geht es jetzt nicht. Mir als VW-Chef geht es um Marketing – erzählen Sie mir bloß nicht, das hätten die Deutschen von den Amerikanern gelernt! Hat es je ein US-Konzern geschafft, einen großen Teil der Bevölkerung zum Kauf von Optionsscheinen auf ein Produkt zu verführen, dessen Herstellung noch nicht einmal begonnen hatte, wie wir? Nein! Aber deutsches Marketing – man nannte das damals anders – hat es möglich gemacht. Es ging um den KdF-Wagen, den späteren Volkswagen.
Er geht zur Bar, sucht unter den Weinflaschen, entscheidet sich schließlich für ein Glas roten Württembergers, setzt sich nicht, sondern geht zurück zur Tür.
Zetsche: Und was nützt euch das Nazi-Marketing? Die VW-Werke sind heute nur zu 80% ausgelastet, der Absatz stagniert. Euch geht es ganz schön schlecht!
Pietschesrieder: Unsinn! Die Aktie hat in den letzten Tagen um 8% zugelegt! Denn wir werden die Arbeitszeit verlängern, natürlich ohne Lohnausgleich, parallel dazu den Tarif senken und bis zu 20000 Stellen abbauen – das ist das Erfolgsrezept.
Leclair: Ich weiß nicht recht – irgendwie kommt mir das widersinnig vor, Irgend jemand soll mal gesagt haben: „Autos kaufen keine Autos“ – wer das wohl gewesen sein mag? Und wie passt der Ausspruch logisch zu dem, was wir tun?
Kerkorian ist eingeschlafen und bekommt von dem folgenden Gespräch nichts mehr mit.
Wagoner, Zetsche und Pietschesrieder im Chor;  erst langsam, dann immer schneller, mehrfach wiederholt:
Entlassen ist logisch! Entlassen bringt Erfolg!
Entlassen ist logisch! Entlassen bringt Erfolg!
Entlassen ist logisch! Entlassen bringt Erfolg!…
Alle drei hören wie auf Kommando zusammen auf, schauen einander an, grinsen sich verschwörerisch zu, stehen auf, umarmen sich. Leclair ist überzeugt worden und gesellt sich zu ihnen.
Leclair: Ich sei, gestattet mir die Bitte,  in eurem Bund der Dritte – äh, Vierte.
Wagoner: Schon gut, schon gut. Jeder von uns hat ab und zu einen Schwächeanfall, das ist ganz normal.
Zetsche: Der Vierte im Bund – wer fehlt denn eigentlich noch?
Wagoner: Carlos Ghosn ist verhindert – es gibt eines der üblichen Probleme in den Renault-Werken in Frankreich. Ungerechtfertigte Forderungen der Arbeiter, Streikdrohungen und so weiter. Aber Takeshi Suzuki hat zugesagt.
Zetsche: Was – wir sind nur noch zu sechst?
Leclair, Pietschesrieder und Wagoner reden durcheinander.
Pietschesrieder: Gut so – wir sind wieder wer! Für sechs ist Platz auf der Welt, sagen die Analysten – wir werden dazugehören!
Wagoner: Und von den sechs hat GM die rote Laterne! Lange halten wir unsere Zahlungsverpflichtungen nicht mehr durch, wenn der Absatz weiterhin stagniert. Ob der alte Kerkorian doch recht hat?
Leclair: 25 Milliarden Dollar Barmittel sollten reichen, um Ford wieder flott zu machen, damit wir weiterhin dazugehören!
Takeshi Suzuki tritt auf.
Suzuki: Wozu dazugehören?
Alle außer Wagoner im Chor: Zum Klub der Automobilkonzerne der Welt!
Suzuki lacht schallend: IHR wollt dazugehören? IHR? Sehr ernst: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, in ein paar Jahren wird dieser „Klub“ nur noch ein Mitglied haben, und das wird Toyota sein!
Alle anderen lachen ihn aus.
Suzuki: Euch wird das Lachen schon vergehen! Sagen Sie mal, Herr Pietschesrieder – welche Investitionen plant VW in der nächsten Zeit?
Pietschesrieder flüstert: Wir werden die Investitionen um 19 Prozent reduzieren.
Suzuki: Schau, schau – und das kann sich VW nicht leisten! Unsere Investitionen werden gleich bleiben! Wie lange brauchen Sie für den Bau Ihres Golf?
Pietschesrieder flüstert noch leiser: 48 Stunden.
Suzuki: Und Toyota baut den Corolla in 20 Stunden! Wer von Ihnen hat eine Gewinnsteigerung im letzten Jahr von über 30 Prozent? Keiner – ich weiß! Bei Toyota sind es 34 Prozent! Bei wem steigt die Nachfrage? Bei keinem – aber bei Toyota!
Wagoner springt auf und verheddert sich dabei in den Marionettenfäden: Aber wir sind immer noch die Nummer Eins!
Suzuki: Auf dem Papier! Nach Umsatz haben wir General Motors längst überholt. Und unsere Aktien sind keine Junkbonds!
Kerkorian wacht wieder auf.
Wagoner: Verdammt, was sind das eigentlich für blöde Fäden? Wer macht mich hier zur Marionette?
Suzuki: Das ist die unsichtbare Hand des Marktes. Sie wird an euch bald kein Interesse mehr haben und euch fallen lassen. Das wird, wie man weiß, zum Nutzen aller sein. Denn das eigennützige Streben der wirtschaftenden und wirtschaftlich erfolgreichen Menschen trägt im System der natürlichen Freiheit zum Wohl der gesamten Gesellschaft bei. Das wissen wir doch alle seit Adam Smith. Künftig wird es weltweit nur einen Autoproduzenten geben: Toyota!
Kerkorian: Und wo bleibt dann der Markt?
Das Licht geht aus.

Jetzt klatschte Bärdel wirklich begeistert, und alle andren fielen ein.
„Das war zwar kein Märchen, aber prima zeitkritisches Theater! Schade nur, dass wir uns geschworen haben, uns nicht mehr in diese menschlichen Schweinereien einzumischen – oh, entschuldige bitte, Piggy! Und jetzt habe ich wirklich Hunger und Durst! Darf ich euch einladen?“
Muss noch erwähnt werden, dass in Bärenleben an diesem Abend ein rauschendes Fest gefeiert wurde?

Alles Theater

Es kommt niemals vor, dass es Bären langweilig wird – zu viel ist zu tun, zu viel gibt es zu lernen. Aber es kann durchaus sein, dass den Bären die Menschenwelt, die sie umgibt, als so merkwürdig erscheint, dass sie ihr nicht mehr mit den Mitteln der wissenschaftlichen Analyse, sondern nur noch mit Satire begegnen zu können glauben. Dann fangen sie an, Theater zu spielen. Besonders engagiert bei solchen Aktivitäten sind Athabasca, Bärdel, Kulle, Ramses und Tumu.
Anfang Juli war es wieder einmal so weit. Es war Zeit für ein Sommertheater, befand die Fünferbande, spielten die Menschen ihnen doch die wichtigsten Rollen vor – sie brauchten sie nur zu imitieren. Kulle, belesen wie immer, wusste, dass es dafür den Begriff der Realsatire gab, aber selbst er konnte den Ursprung dieses Begriffs nicht benennen. Klar war nur, dass die ernst gemeinte Realität so satirisch geworden war, dass sie kaum übertrieben zu werden brauchte, um ihre Schwächen darzustellen.
Natürlich würden sie die dehländische Politik aufs Korn nehmen, da gab es gar keine Frage. Zu diskutieren war nur, welche Rollen unabdingbar waren und wer welche Rolle übernehmen sollte.
“Also“, sagte Bärdel und kraulte sich am Kopf, “ich finde, ich sollte den Müntefering geben. Ich bin doch auch sonst immer so integrativ und vertrauenswürdig…“ Er grinste unschuldig.
“Gute Idee!“ lobte Tumu. “Aber dass du mir jetzt bloß nicht anfängst, Zigarillos zu rauchen! Ich wäre übrigens gerne die Merkel!“
“Einspruch!“ sagte Bärdel energisch. “Dazu bist du nicht gemein genug!“
“Einspruch gegen den Einspruch!“ widersetzte sich Tumu. “Die ist zwar gemein, aber die tut nett. Und genau das werde ich prima hinkriegen, denke ich – nett, wie ich bin.“
Bärdel gab sich geschlagen.
“Und wer bin ich?“ beschwerte sich Athabasca. “Ich bin doch auch nett, oder?“ fragte sie mit kokettem Augenaufschlag.
“Du bist mehr als nett, aber wirklich nette Rollen gibt es in diesem Spielchen nicht. Was hältst du von der Roth? Die kann genauso gut mit den Wimpern klimpern wie du!“ schlug Kulle vor.
“Du wagst es, deren Basedow-Augen mit mir zu vergleichen? Aber – das ist nicht das eigentlich Schlimme. Die Frau hat doch nichts zu sagen!“
“Ich kann dir nur zustimmen. Das Problem ist aber, dass keine der wesentlichen Protagonistinnen in unserem Spiel etwas Wichtiges zu sagen hat – du wirst dich damit abfinden müssen!“
Athabasca fügte sich schmollend.
“Bekomme ich dann wenigstens meine Traumrolle?“ erkundigte sich Ramses bescheiden.
“Und die wäre?“ wollten alle wissen.
“Na, Fischer natürlich! Hauptsächlich bin ich grün, wie man sieht, aber mein gelber Bauch gibt mir auch einen Touch von Giudo, von Realo, von Markliberalismus, also sogenannter Modernität – Joschka, wie er leibt und lebt!“
Niemand widersprach, nur Kulle fragte, obwohl die Frage wegen der vorangegangenen Rollenverteilung deutlich rhetorische Züge hatte: “Und was bleibt mir?“
“Du wirst deine rote Fahne für eine Weile wegstellen müssen“, schmunzelte Bärdel. “Die bleibt die Heldenrolle – der Schröder.“
Kulle war geschmeichelt – er war und blieb eben eitel.
“Wollen wir das Stück proben?“ fragte er.
“Ich denke, das ist überflüssig. Wir alle wissen doch, was wir zu sagen haben. Anstatt überflüssige Zeit für Proben zu verschwenden, würde ich gerne noch ein wenig Kant lesen, und ihr wisst bestimmt auch Besseres zu tun. Ich denke, wir können die Bärenversammlung heute Abend mit unserem kleinen Kabinettstückchen überraschen!“ schlug Bärdel vor.
Niemand widersprach.
Am Abend kündigte Manfred zu Beginn der Vollversammlung einen kleinen Sketch an, ohne nähere Erläuterungen hinzuzufügen, und schon ging es los.


Zimmer des SPD-Fraktionsvorsitzenden. Übliche Möblierung. An der Wand Portraits von Kurt Schumacher und Willi Brandt.


Kulle-Gerhard: Franz, ich trete zurück!
Bärdel-Münte: (raucht) Gerd, das kannst du nicht tun. Die Genossinnen und Genossen…
Kulle-Gerhard: … sind mir scheißegal. Waren mir immer scheißegal. Einzig wichtig war nur Acker und ist Viktoria. Ich kann es nun nicht mehr.
Bärdel-Münte: Ich hätte gar nicht gedacht, dass einer mit deinem sozialen Hintergrund die Buddenbrooks gelesen hat. Christian Buddenbrook, der Versager der Familie, sagt ständig: Ich kann es nun nicht mehr.‘ Aber davon ab – du musst weitermachen!
Kulle-Gerhard: Und warum?
Bärdel-Münte: Weil du es versprochen hast. Mit Amtseid. Du bist nämlich gewählt. Das Wohl des deutschen Volkes mehren und so weiter. Und eine gute Politik machst du auch!
Kulle-Gerhard: Ach ja? Das sagst ausgerechnet du? Du bist mir doch in den Rücken meiner Agenda 2010 gefallen mit deinen Heuschrecken!
Bärdel-Münte: Das sind nicht meine Heuschrecken, sondern internationale. Außerdem wollte ich mit den Heuschrecken unsere katastrophalen Wahlergebnisse korrigieren, die du verschuldet hast!
Kulle-Gerhard: (kreischt) Ach ja? Eben hast du noch behauptet, ich mache gute Politik!
Bärdel-Münte: (bleibt ruhig, zündet sich den nächsten Zigarillo an) Machst du auch, denn wir leben in Zeiten der Globalisierung. Da braucht man eine Art von Reformen, zu denen wir Sozialdemokraten früher Restauration gesagt hätten. Leider aber ist das vielen Genossinnen und Genossen nicht bewusst. Und deshalb brauchte ich ein paar Heuschrecken – so einfach ist das.
Kulle-Gerhard: (schreit) Du konterkarierst mich! Du hast mich lächerlich gemacht! Was soll ich jetzt tun?
Bärdel-Münte: (zieht ruhig an seinem Zigarillo) Am besten zurücktreten.
Kulle-Gerhard: (kreischt) Eben hast du noch gesagt, das geht nicht!
Bärdel-Münte: (ruhig) Der Mensch verwickelt sich eben immer in Widersprüche.
Auftritt Claudia Roth und Joseph Fischer
Athabasca-Claudia: Guten Abend.
Ramses-Joschka: Guten Abend.
Kulle-Gerhard: Was wollt ihr denn hier?
Athabasca-Claudia und Ramses-Joschka: (im Chor) Wir sind zum Essen eingeladen. Von dir!
Bärdel-Münte: Nicht mehr.
Athabasca-Claudia und Ramses-Joschka: (im Chor) Wieso nicht?
Bärdel-Münte: Darum nicht. Wir sind euch keine Rechenschaft schuldig, schließlich sind wir der größere Koalitionspartner. (Pause) Vertraut ihr dem Gerd?
Athabasca-Claudia: Also, ich finde es aufrichtig und ehrlich, und es ist auch eine Notwendigkeit, und ich habe schon immer, weil es auch nicht anders geht, darauf vertraut, dass Menschen vertrauensvoll miteinander umgehen. Deshalb macht es mich zutiefst betroffen, wenn…
Ramses-Joschka: (unterbricht) Kannst du in deinem Leben einmal einen Satz zu Ende bringen? Einen vernünftigen Satz? (Pause) Nein, ich habe ihm nie vertraut, dem Gerd. Ich vertraue noch nicht einmal meinen wechselnden Frauen. In der Liebe sollte man vielleicht vertrauen, in der Politik niemals. Dem Gerd schon gar nicht. Der ist ein Machtmensch – und ich weiß, wie so einer denkt.
Bärdel-Münte: Ihr seid beide wegen mangelnden Vertrauens ausgeladen. Übrigens vertrauen wir in der Espehde einander auch nicht mehr. Es ist Zeit für eine Trennung von Tisch und Bett. Wir sollten einander das Misstrauen aussprechen.
Kulle-Gerhard: (steht erregt auf) He, Mann, was soll das, das war mein Part!
Bärdel-Münte: Gerd, setz sich! Du solltest nach außen hin immerhin noch so viel Anstand haben, mit dem Vorsitzenden der Espehde zusammen aufzutreten! Also – der Kanzler fordert euch zur Vertrauensfrage auf, nach Artikel 68 Grundgesetz!
Athabasca-Claudia: Schön! Wir werden ihm mit der notwendigen Kanzlermehrheit das Vertrauen aussprechen, und alles wird gut! Wie ich schon sagte, ich vertraue prinzipiell jedem….
Ramses-Joschka: Dumme Pute, halt endlich mal dein Maul! Seit Jahren kann ich dich schon nicht ertragen! (zu Kulle-Gerhard) Du willst die Vertrauensfrage stellen? Im Bundestag? Warum?
Kulle-Gerhard: Um zu verlieren! Und um dann die nächste Wahl zu gewinnen!
Ramses-Joschka: Warst du letztens beim Arzt? Hast du dich durchchecken lassen? Ist mental wirklich alles in Ordnung?
Kulle-Gerhard: Danke, ja! Was willst du denn? Noch 15 Monate weiterwursteln und zusehen, wie alle unsere Gesetzesvorhaben an der CDU-etc.- Mehrheit im Bundesrat scheitern?
Ramses-Joschka: Ja, genau das will ich! Weil vielleicht dann auch der blödeste Wahlberechtigte merkt, dass nicht unsere Gesetze falsch sind, sondern dass der Bundesrat falsch liegt!
Bärdel-Münte: Gerd, da könnte was dran sein.
Kulle-Gerhard: (schreit) Und wenn schon! Ich hab die Faxen dicke! Ich hab mich übernommen! Ich will nicht mehr! Ich halt das nicht mehr aus! Kapiert das denn keiner!
Athabasca-Claudia: Aber Gerd, du hast mein vollstes Vertrauen und das der grünen Fraktion!
Kulle-Gerhard: Ich will das aber nicht, verdammt noch mal!
Bärdel-Münte: Wir sollten hier differenzieren. Am 30. Juni stehen noch einige Entscheidungen an, bei denen der Kanzler euer uneingeschränktes Ja‘ für eine eigene Mehrheit benötigt. Da müsst ihr ihm zeigen, dass ihr ihm vertraut. Einen Tag später allerdings müsst ihr zeigen, dass ihr ihm vertraut, indem ihr so abstimmt, dass ihr ihm misstraut. Nach dem leicht abgewandelten Motto von Lenin: Vertrauen ist gut, Misstrauen ist besser‘.
alle gleichzeitig
Kulle-Gerhard: Der Franz spricht mir aus der Seele.
Athabasca-Claudia: Ich verstehe überhaupt nichts.
Ramses-Joschka: Der alte Fuchs.
Langes Schweigen
Auftritt Merkel
Tumu-Angie: Guten Abend.
Ramses-Joschka: (nach sehr langer Pause) Guten Abend.
Pause
Tumu-Angie: Ich komme ungelegen?
Bärdel-Münte: Ja, aber in gewisser Weise kommen Sie gelegen.
Tumu-Angie: Können Sie das erläutern?
Bärdel-Münte: Selbstverständlich. (Pause)
Tumu-Angie: (unbehaglich) Also?
Bärdel-Münte: Nun…
Tumu-Angie: (zunehmend unruhig) Was?
Bärdel-Münte: Es gilt, gewisse Dinge aufzuräumen.
Tumu-Angie: Das ist mir klar. Das ist mir schon lange klar. Welche Dinge?
Kulle-Gerhard: (explodiert) Das blöde Weib soll doch nicht so tun, als könnte es die Probleme besser lösen als ich. Es versteht sie ja noch nicht einmal. Frauen und Gedöns und Politik – das ich nicht lache! Und überhaupt, eine kinderlose Politikerin sollte gar nicht erst versuchen,…
Tumu-Angie: Herr Bundeskanzler, was Kinderlosigkeit angeht, so sollten gerade Sie ganz vorsichtig sein. Im Übrigen, denke ich, sollten wir sachlich bleiben. Sachlichkeit war schon immer eine Stärke der CDU. Sachlichkeit und Sachkompetenz. Wo die CDU regiert, da geht es den Menschen besser, wie ich immer sage.
Ramses-Joschka: Nun ja…
Kulle-Gerhard: (immer noch sehr aufgeregt) Sie sagen doch sowieso immer nur das Gleiche!
Tumu-Angie: (süffisant) Ws man von Ihnen nicht gerade sagen kann, Herr Bundeskanzler. Wenn mich nicht alles täuscht, wandeln Sie Ihre sprichwörtliche Forderung“ Ich will hier rein!“ gerade ab in: “Ich will hier raus!“
Kulle-Gerhard: (explodiert schon wieder) Woher wollen Sie das wissen?
Bärdel-Münte: (ruhig, raucht seinen dritten Zigarillo) Man muss kontinuierliche Politik eben den Gegebenheiten anpassen, Frau Merkel, das müssen Sie erst noch lernen.
Tumu-Angie: Falsch, Herr Müntefering, das habe ich längst gelernt. Als Physikerin an einem staatstragenden Institut des ehemaligen Unrechtsstaats DDR und jetzige CDU-Vorsitzende Deutschlands halte ich es seit der Wende stets mit dem großen Adenauer: “Was schert mich mein Geschwätz von gestern?!“
Ramses-Joschka: (kichert in sich hinein) CDU-Vorsitzende Deutschlands, das ist gut!
Athabasca-Claudia: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was das hier alles soll. Ich bin so unheimlich betroffen von … von …
Tumu-Angie: (unterbricht das Gestammel) Wir von der CDU/CSU werden die rot-grüne Bundesregierung ablösen, und das ist gut so. Dieses Land braucht Politik aus einem Guss. Darum geht es …“
Bärdel-Münte: Und – wie wollen Sie das machen?
Tumu-Angie: Wir werden die rot-grüne Bundesregierung ablösen. Und dann werden wir … werden wir …
Bärdel-Münte: (drückt seinen Zigarillo aus) Gerd, ich freue mich auf angenehme Oppositionszeiten! Trinken wir ein Glas guten Rotspon?
Kulle-Gerhard: Ich hasse die Farbe Rot! Außerdem muss ich nach Hause – ich habe Viktoria versprochen, mit ihr zu spielen.
Athabasca-Chaudia: Joschka, was sollen wir jetzt bloß tun?
Ramses-Joschka: Wir gehen essen. Ich lade dich zum Vegetarier ein – für den kommenden Wahlkampf muss ich abspecken. Frau Merkel, möchten Sie sich vielleicht anschließen? Man kann ja nie wissen…
Tumu-Angie: Vielleicht nach der Wahl, Herr Fischer, vielleicht nach der Wahl. Jetzt habe ich eine Verabredung mit Herrn Westerwelle zu einem Arbeitsessen, übrigens in einem Drei-Sterne-Restaurant – das entspricht im Moment wohl nicht gerade Ihren Bedürfnissen. Die Bänke der Opposition sind hart, und Abgeordnetendiäten sind deutlich niedriger als Ministerbezüge. Guten Abend allerseits. (geht ab)
Die Versammlung löst sich auf. Bärdel-Münte bleibt allein zurück und zündet sich den vierten Zigarillo an.
Bärdel-Münte: (murmelt) Es gibt doch deutsche Heuschrecken….

Heimkehr

Da waren sie nun wieder, und sie fühlten sich schneller heimisch in ihrer neuen Höhle, als sie es sich hätten träumen lassen.
Natürlich war es Bärdels unangenehme Aufgabe gewesen, Tussi schon wieder einmal um einen Gefallen bitten zu müssen, und natürlich hatte die Riesenfröschin, wie nicht anders zu erwarten war, ihn uncharmant als “Stinker“ tituliert und ziemlich unfreundlich auf seine Bitte reagiert. Das bedeutete aber wenig. Als der Morgen ihrer Abreise kam, trauten die Bären ihren Augen nicht: Vor ihnen materialisierte sich das riesigste Tussimobil, das sie je gesehen hatten. Da hinein passte bis auf das letzte Krümelchen alles, was sie ihr eigen nannten, und Tussi sorgte dafür, dass es auch hinein kam: Sie zwinkerte nur einmal mit ihren Riesenglubschaugen, und schon war alles verstaut, einschließlich aller Bären, die sich gerade in der Nähe aufhielten. Zur Transfergesellschaft gehörten auch Athabasca, die in den LaSals zu Hause war, und Ramses, den Tussi den Bären ursprünglich nur als Begleiter in der fremden Gegend zu Seite gestellt hatte; aber Tussi macht, wie man weiß, keine Fehler.
Beim “Einpacken“ wie auch beim “Auspacken“ herrschte eine erstaunliche Ordnung: Nichts purzelte durcheinander, kein Buch aus der Bibliothek verlor seinen Nachbarn, und bei der vielfältigen Technik, die Manfred zusammengestellt hatte, gab es nicht den geringsten Kabelsalat. Die Bären saßen während der Reise gemütlich in der Mitte des Mobils wie bei einer ihrer Vollversammlungen, und viele von ihnen begannen tatsächlich miteinander zu schwatzen, als sei die Situation ganz alltäglich – sie merkten noch nicht einmal, dass sie davonflogen.
Sie bekamen auch zunächst nicht mit, dass sie irgendwo angekommen waren. Alles in der Höhle kam ihnen vertraut vor, alles war wie gewohnt aufgebaut, und sie redeten ungestört weiter. Erst als ein alter Bär, dessen Blase nicht mehr viel Inhalt vertrug, nach draußen zum Pinkeln ging, machte er alle anderen auf die Ortsveränderung aufmerksam. Wo waren sie?
In Dehland waren sie wieder, sagte Bärdel ihnen, wie es dem gemeinsamen Beschluss entsprach. Er nannte ihnen auch den genauen Ort. Aber nur die Bären kennen ihn. Aus Gründen der Geheimhaltung werden wir ihn nicht erfahren, denn die Bären haben Angst vor Verrat. Selbst Kulles Sekretärin weiß nicht, wo sich ihr Chef befindet. Die beiden treffen sich nur noch in einem Chatroom im Internet.
Athabascas Anwesenheit wurde ohne großes Aufheben als Selbstverständlichkeit hingenommen. Atti erklärte nur, dass sie hatte mitkommen wollen. Damit gaben sich die diskreten Bären zufrieden. Schließlich hatten sich auch irgendwann Piggy, das Schwein, und Ramses, der Frosch, zu ihnen gesellt, dachten sie. Nur Kulle war Attis wegen erkennbar unruhig und rollte seine geliebte rote Fahne immer wieder auf und zu, aber auch er enthielt sich jeden Kommentars.
Dank Tussis Fürsorge stellte sich bei den Bären also schnell die alltägliche Routine ein. Es war aber auffällig, dass sie mehr als sonst vor den Computern saßen, Zeitungsseiten und politische Informationen aufriefen. Natürlich hatten sie das auch in den LaSals getan, aber dort hatten sie sich auf nordamerikanische Politik konzentriert. Jetzt galt es, europäische und vor allem dehländische Wissenslücken zu füllen.
Sie stellten fest, dass sie mitten in eine überraschend vom Kanzler wenn auch nicht angesetzte, denn das konnte nur der Bundespräsident, so doch von ihm beabsichtigte vorgezogene Neuwahlphase hineingerauscht waren, und weil diese Umstände alle beschäftigten, berief Bärdel eine Vollversammlung ein.
Wie immer übernahm er die Einleitung.
“Wir haben uns heute hier versammelt, um…“
Del konnte sich nicht beherrschen.
“Das wissen wir doch alle. Endlich machen wir hier Nägel mit Köpfen! Ich werde Angie wählen, wie mindesten 48% aller Dehländer auch, und dann werden endlich wieder Arbeitsplätze geschaffen!“
Del sah sich triumphierend um, aber angesichts der ausnahmslos abschätzigen Blicke, die ihn trafen, sah er rasch auf den Boden vor sich. Bärdel wollte zu einer sanften Kritik anheben, aber Tumu platzte der Kragen:
“Du wirst gar nichts und niemanden wählen, du Naseweis! In Dehland wählen die Bundestagsabgeordneten den Kanzler oder, was zum ersten Mal geschähe, die Kanzlerin, nicht die Wähler! Aber du bist noch nicht einmal ein Wähler, weil du nämlich ein Bär bist, also nach Definition der Menschentiere ein Tier, folglich nicht wahlberechtigt. Im Übrigen solltest du stolz darauf sein, es nicht zu sein, wahlberechtigt meine ich, denn was hättest du davon, irgendwelchen Menschen Entscheidungskompetenz zu überantworten, die im Bundestag gemäß ihren eigenen Interessen und denen ihrer Lobby votieren, nicht aber deinen entsprechend? Und was Angie und die Arbeitsplätze angeht – sie wird keinen einzigen mehr schaffen als der gegenwärtige Kanzler !“
Eine alte Bärin, die Del unter ihre Pranken genommen hatte, fand Tumus harsche Kritik zwar formal und inhaltlich gerechtfertigt, wollte aber den jungen Bären aus der Schusslinie nehmen. Deshalb fragte sie:
“Was ich aber nicht verstehe, ist, wie jemand überhaupt arbeitslos sein kann. Jeder hat doch immer etwas zu tun. Ich muss mir Nahrung suchen wie alle anderen auch, ich muss die Höhle sauber halten, mich informieren, an Versammlungen teilnehmen. Also arbeite ich, oder? Jeder Mensch macht bestimmt ähnliches. Wie also kann man arbeitslos sein?“
Das betraf Kulles Spezialgebiet, und er war kaum mehr zu bremsen.
“Dein Problem hat damit zu tun, dass die Menschen in kapitalistisch organisierten Wirtschaften Arbeit als Tätigkeit mit Marktrelevanz begreifen“, erklärte er und fuhr nachdenklich fort: “Vielleicht sollten wir das spielen, damit ihr versteht, worum es geht!“
Ein Proteststurm erhob sich.
“Bloß nicht!“
“Davon haben wir die Nase voll!“
“Das endet bestimmt genau so wie beim letzten Mal!“
“Das wissen wir doch alles schon!“
Bärdel verzog schmerzvoll das Gesicht und griff sich an die Stirn – er erinnerte sich an die schlimmste Migräne seines Lebens.
“Das wisst ihr nicht!“ widersprach Kulle. “‘Beim letzten Mal‚, wie ihr das nennt, habt ihr schmerzlich erfahren, wie eine Gesellschaft funktioniert, die nach dem Tauschprinzip organisiert ist. Bei unserem Problem heute aber geht es darüber hinaus um Besitz und Nichtbesitz von Produktionsmitteln bei Existenz eines allgemeinen Warenäquivalents.“
Die Versammlung schwieg verunsichert. Niemand hatte Kulle verstanden.
Tumu fasste sich als erste ein Herz: “Vielleicht sollten wir doch…“
“Nein!“ scholl es ihr kollektiv entgegen.
“Möglicherweise hilft es, wenn jemand ganz einfach mal meine Frage beantwortet!“ brummte die alte Bärin.
“Wieso kann man arbeitslos sein?“
“Hm,“ machte Kulle, “das ist gar nicht so einfach. Ich muss nachdenken.“
Die Versammlung wartete respektvoll. Kein Laut war zu hören.
“Also,“ begann er schließlich zögernd, “also stellt euch vor, wir haben eine Fabrik, in der Autos hergestellt werden…“
Alle Disziplin war auf einmal dahin.
“Welch ein Unsinn!“
“Woher sollten wir das Geld nehmen?“
“Warum sollten wir so etwas ökologisch Schädliches produzieren?“
“Was…“
“Gut, gut!“ Kulle verschaffte sich mühsam wieder Gehör. “Mein Beispiel war dumm. Ich habe versucht, euch menschliches Handeln verständlich zu machen, indem ich es auf Bären übertragen wollte, aber das war wohl…“
“…verfehlt“ und “…unmöglich“ murmelten mehrere Stimmen.
“Ihr habt Recht. Also bleibe ich bei den Menschen. Menschen produzieren Autos, richtig?“ Kulle ging jetzt auf Nummer sicher.
“Sehr richtig. Erst gestern hat eine solche Blechkiste beinahe mein Junges überfahren,“ grollte eine Bärin.
“Gut. Äh – schlecht. Also es gibt Autos, und die heißen VW oder Mercedes oder Fiat oder Toyota und so weiter. Autos werden in Fabriken montiert, richtig? Die erste wichtige Frage ist also: Wem gehören die Fabriken?“
Die Bären sahen einander kopfschüttelnd an – woher sollten sie das wissen? Endlich ermannte sich ein alter Bär und erklärte im Brustton der Überzeugung, es handele sich zwar um merkwürdige Namen, aber vermutlich gehörten die VW-Fabriken Herrn oder Frau VW und so weiter. Nach seinem Beitrag sah er sie triumphierend um und kassierte von der Versammlung deutlichen Beifall.
Während Manfred, Bärdel und auch Del tadelnd den Kopf schüttelten, sich aber verbal nicht äußerten, ging Kulle siedend heiß auf, dass er drauf und dran war, sich auch noch in eine Lektion über die Besonderheiten von Aktiengesellschaften zu verstricken. Er beschloss, das zu ignorieren.
“Gut,“ sagte er, “nehmen wir an, das stimmt. Herr oder Frau VW hat also Geld genug, das Werk zu bauen, die Rohstoffe und Maschinen zu bezahlen und die Arbeiter. Die Arbeiter arbeiten bei VW, weil sie kein Geld haben, aber Geld zum Leben verdienen müssen. Soweit klar?“
Alle nickten.
“Und jetzt kommen wir zu dem Fall, dass VW diese Arbeiter nicht mehr beschäftigen kann oder will. Dann werden sie entlassen und sind arbeitslos, so einfach ist das.“
“Das ist überhaupt nicht einfach,“ beschwerte sich eine andere alte Bärin. “Die Arbeiter gehen dann nach Hause und machen die Betten und kochen Essen und lesen und machen noch viele andere Dinge. Also arbeiten sie und sind nicht arbeitslos!“
Da waren wir eben schon mal, dachte Kulle. Wenn sie es nicht spielen wollen, muss ich es eben einfach sagen. Er erklärte: “Betten machen, Kochen und so weiter sind für die Menschen keine Arbeit, weil man damit kein Geld verdient. Ich habe eben schon versucht, das zu definieren: Für die Menschen gelten nur Tätigkeiten mit Marktrelevanz als Arbeit, also Tätigkeiten, für die die Menschen Geld bekommen.“
Über mangelnde Kommentare brauchte Kulle sich nicht zu beklagen.
“So blöd kann man doch nicht sein!“
“Noch nicht einmal als Mensch!“
“Finden die Menschen es etwa nicht wichtig, dass Frauen Kinder bekommen und erziehen? Das soll keine Arbeit sein?“
Er hob beschwichtigend die Pranken in die Luft.
“Natürlich habt ihr Recht! Aber die Menschen…“
“Nun gut!“ mischte sich Ramses ein. “Ich als Frosch nehme zur Kenntnis, dass es nach der Meinung der menschlichen Volkswirtschaftslehre keine Arbeit ist, wenn ich Fliegen fange, um mich zu ernähren. Ich möchte mich als höfliches Tier zu dieser Definition nicht weiter äußern. Interessant erscheint mir aber die Frage, die Del indirekt aufgeworfen hat: Wird denn Angie als Kanzlerin Arbeitsplätze schaffen, die der menschlichen Definition genügen?“
Del sah Ramses dankbar an. Seine Schultern sackten jedoch jäh nach unten, als er Kulles schneidendes “Nein!“ vernahm.
“Wieso nicht?“ beschwerte sich Athabasca. “Entschuldigung, ich bin erst seit kurzer Zeit hier in Dehland, wie ihr alle wisst, aber auch in den USA sagen alle Politiker ununterbrochen, dass sie Arbeitsplätze schaffen werden, und in Europa ist das nicht anders, wie ich aus den Medien gelernt habe. Behauptest du etwa, dass die lügen, Kulle?“
“Ja,“ antwortete Kulle schlicht. “Der dehländische Staat ist nämlich ziemlich pleite, was Gründe hat, die wir wohl besser auf einer gesonderten Versammlung klären sollten, wenn ihr wollt. Der Staat könnte Arbeitsplätze schaffen, zum Beispiel im öffentlichen Dienst oder in dem er Geld für Projekte zur Verfügung stellt, aber dafür fehlen die Mittel. Arbeitsplätze heutzutage werden überwiegend von privaten Unternehmen bereitgestellt – und die entlassen gerade eher Angestellte, anstatt sie einzustellen.“
“Warum?“ fragte ein Stimmenchor.
“Auch das,“ sagte Kulle resigniert, “ist ein so umfangreiches Problem, dass wir dafür eine Extrasitzung anberaumen sollten.“
Stille senkte sich über die Versammlung. Bärdel versuchte zu retten, was zu retten war.
“Ich habe nicht viel verstanden, aber doch einiges: Kulle sagt, nach menschlicher Definition arbeitet nur derjenige, der für seine Arbeit Geld bekommt. Kulle sagt, die Regierung kann letztlich keine Arbeitsplätze schaffen. Kulle sagt, die Unternehmen, die für Arbeitsplätze zuständig sind, verringern diese. Für die letzte Behauptung fehlen uns noch Begründungen. Ich habe auch verstanden, falls Kulle Recht hat, dass die Kanzlerkandidatin der CDU lügt, ebenso wie übrigens der Kanzler der SPD, wenn sie behaupten, Arbeitsplätze schaffen zu können. Richtig?“
“Richtig!“ antworteten die Versammelten im Chor.
“Aber…“ sagte Tumu zaghaft. “Aber… ich kenne die Zusammenhänge noch nicht, anders als Kulle, ich will bis zu nächsten Vollversammlung versuchen, mich zu bilden. Ich frage mich nur eins: Wenn das stimmt, was Kulle gesagt hat, wie können die Menschen in Dehland und auch in den USA so blöd sein, den Politikern zu glauben?“

Brummbär

Bärdel

Die klandestine Zeitung für alle europäischen Bären erscheint monatlich in französischer, baskischer, spanischer, serbischer, kroatischer, mazedonischer, litauischer, estnischer, lettischer, russischer, polnischer, ukrainischer und seit heute auch wieder in deutscher Sprache

Ausgabe März 2005

Interview mit Bärdel

Brummbär: Bärdel, seit wann bist du wieder in Dehland?
Bärdel: Seit ein paar Stunden.
Brummbär: Warum bist du zurückgekommen?
Bärdel: Es ist mir nicht leicht gefallen. Meine Familie ist noch drüben in den USA. Die ganze Sippe auch. Ich konnte sie noch nicht mitbringen. Es war Glück, dass ich mich als Bärenschinken getarnt in ein Frachtflugzeug einschmuggeln konnte. Eigentlich mehr als Glück, eher ein Wunder, wenn man bedenkt, wie die Sicherheitsvorkehrungen seit 9/11 verschärft worden sind.
Brummbär: Sehr interessant, Bärdel, aber du hast unsere Frage nicht beantwortet.
Bärdel: Entschuldigung. Was war die Frage?
Brummbär: Warum bist du zurückgekommen?
Bärdel: Wohin?
Brummbär: Nach Dehland natürlich.
Bärdel: Natürlich finde ich das keineswegs. Ich bin mir auch immer noch nicht sicher, ob ich das Richtige getan habe.
Brummbär: Bärdel, bist du müde?
Bärdel: Ja, schrecklich!
Brummbär: Dann musst du gleich schlafen. Aber erzähl uns doch bitte vorher die Geschichte der letzten Tage…
Bärdel: Gerne. Aber es geht nicht nur um die Geschichte der letzten Tage, sondern um die vergangenen Wochen und Monate. Es gelang uns nicht mehr, uns zu tarnen. Ihr habt doch bestimmt auch hier vom Patriot Act gehört, oder? Nein? Also, der so genannte Patriot Act ist eine hervorragende Idee der Bush-Regierung, die Bürger zu bespitzeln und die Meinungsfreiheit drastisch einzuschränken. Buchhandlungen müssen melden, wer welche Bücher gekauft hat, Bibliotheken müssen Auskunft darüber geben, wer sich was ausleiht. Das ist uns zum Verhängnis geworden. Kulle mit seinem Hang zu revolutionären politischen Theorien und Manfred, der vor allem technische Literatur liest, waren in der Public Library und im Buchladen im kleinen friedlichen Moab zu auffällig. Außerdem muss Manfred zu sorglos mit seinen zahllosen Kreditkarten umgegangen sein, die er sich auf Wegen besorgt, die ich nie recht durchschaut habe. Nein, das Letzte ist gestrichen. Das dürft ihr nicht drucken. Jedenfalls sind wir aufgefallen. Die Moab Times, das lokale Wochenblatt, munkelte von dunklen Umtrieben und einer Verschwörung von marxistisch motivierten Bombenbastlern. Darüber konnten wir noch lachen. Aber dann stand im Canyon Country Zephyr, die Attentäter oder Putschisten hätten sich bestimmt in den Bergen versteckt. Das Blatt ist eigentlich progressiv und dem Naturschutz verpflichtet, der Artikel war ironisch gemeint, aber die braven Mormonen und vor allem der Sheriff von Grand County haben alles für bare Münze genommen. Der Sheriff hat die Geheimdienste alarmiert. Ich weiß nicht, welche von den 15, wahrscheinlich alle, denn seit einiger Zeit wimmeln die LaSals von Menschen, die behaupten, Touristen zu sein, aber erkennbar keine sind. Wir sind nicht mehr sicher. Deshalb werden wir alle zurückkommen. Ich bin deshalb hier, weil ich ein neues Quartier für uns finden soll.
Brummbär: Das tut uns leid, Bärdel. Aber zwei Dinge haben wir nicht verstanden: Wie wollt ihr alle zurückkommen, wenn du allein es nur unter Lebensgefahr geschafft hast? Und warum geht ihr nicht nach Bärenleben zurück?
Bärdel: Was den Transport angeht, so haben wir in dieser Beziehung spezielle Kontakte, die ich gefährden würde, wenn ich hier darüber Auskunft gäbe. Entschuldigung, ich bin wirklich entsetzlich müde. Was war die zweite Frage?
Brummbär: Warum geht ihr nicht nach Bärenleben zurück?
Bärdel: Ja, warum eigentlich nicht? Nun – – – also, die Vollversammlung hat beschlossen, dass wir – – – das wir etwas Neues ausprobieren wollen. Eine Neuorientierung gewissermaßen – – nach Osten. Die Erweiterung der Europäischen Union im Mai 2004 war schließlich de facto eine Osterweiterung, und auch wir Bären sollten…
Brummbär: Bärdel, wir unterbrechen dich äußerst ungern und wir sind auch ungern unhöflich, aber wir haben das Gefühl, dass du uns nicht die Wahrheit sagst.
Bärdel: Ich bin auch nicht gerne unhöflich, aber Journalisten sollten sich auf ihren Verstand verlassen und nicht auf ihr Gefühl!
Brummbär: Nun ja, aber trotzdem…
Bärdel: Manchmal allerdings zeigen Gefühle den richtigen Weg… Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich vor einigen Jahren vielen armen Menschen mit ziemlich viel Geld aus der Patsche geholfen habe. Die Aktion lief zwar anonym, aber das dehländische Finanzamt hat trotzdem einen sehr unangenehmen Steuerbescheid nach Bärenleben geschickt. Kurz und gut, wir müssen uns eine andere Bleibe suchen und werden das auch tun. Wir haben an Meckpomm gedacht.
Brummbär: Mac Pom?
Bärdel: Nein, nicht Mac Pom, Meckpomm! Mecklenburg-Vorpommern! Viele Wälder, Seen mit leckeren Fischen und immer weniger Menschen. Dort werden wir unsere Ruhe haben. Ich werde das entsprechende Fleckchen für uns finden, und dann sage ich Tussi – – – äh, unserem Transportkontakt Bescheid, und dann siedeln wir uns dort an. Und jetzt muss ich ins Bett. Ich habe schon genug unvorsichtige Bemerkungen gemacht.
Brummbär: Schlaf schön. Und vielen Dank für das Gespräch.

“Bärdel“, fragte der Journalist, autorisierst du das Interview, abgesehen von der Sache mit Manfreds Kreditkartenbeschaffung, versteht sich?“
Bärdel wackelte mit seinem dicken Kopf. Auf einmal war er hellwach. Er erinnerte sich an manche intensive Diskussion mit Kulle. Und weil er dessen Argumente zum Teil übernahm, formulierte er auch wie Kulle, ohne es zu merken.
“Nein“, sagte er. Ich muss erst mal nachdenken. Denken kann ich am besten laut, ich hoffe, du verzeihst mir das. Also – in welchem Zustand ist Dehland? Verglichen mit den Zuständen in den republikanischen Staaten der USA genießen die Dehländer die Freiheit einer großen persönlichen Lebensgestaltung. Aber falsch – sie genießen diese Freiheit nicht. Stattdessen verlangen sie nach gesetzlichen Regelungen für private Lebensentwürfe – ich sage nur Schwulenehe und Antidiskriminierungsgesetz. Wahrscheinlich vertragen die Dehländer die Freiheit nicht. So rufen sie wie früher nach Vater Staat, der es regeln soll – diesmal aber nicht die öffentlichen Angelegenheiten, sondern die privaten. Es gibt nur einen Bereich, in dem die meisten Zeter und Mordio schrien, würde er angetastet: die Freiheit des Habens. Der Staat, momentan in Gestalt des sozialdemokratischen Innenministers Schily, kommt diesem Verunsicherungs- und Sicherheitsbedürfnis zur zu gern nach und zuvor und bietet Hilfe an: Mit einer DNA-Analyse findet mach Verbrecher – warum also nicht gleich das Erbgut aller katalogisieren? Warum sollen die Banken nicht den Blick in die Konten ihrer Kunden ermöglichen, um Steuersünder zu fangen? Warum nicht alle Telefone überwachen, alle Emails überprüfen, alle öffentlichen Plätze mit Kameras überwachen? Biometrische Ausweise – Wunderdinge, die Sicherheit bieten. Sie bieten mehr als das – geschickt genutzt, produzieren sie ein lückenloses Bewegungsprofil.
Wenn ich mir das so genau überlege, ist Dehland auch nicht viel besser als die USA.“
“Heißt das“, fragte der Journalist enttäuscht, “dass wir das Interview noch zurückhalten müssen?“
“Ich fürchte, das heißt es!“ seufzte Bärdel. “Ich bin noch unentschlossen, was wir tun werden. Ich muss mich in Europa erst mal umsehen. Aber wenn du im “Brummbär“ jetzt eine unvorhergesehene Lücke füllen musst, dann habe ich etwas für dich.“
“Durch eine zu ausgedehnte Sorgfalt des Staates leidet die Energie des Handelns überhaupt und der moralische Charakter. Wer oft und viel geleitet wird, kommt oft dahin, den Überrest seiner Selbsttätigkeit gleichsam freiwillig zu opfern. Er glaubt sich der Sorge überhoben, die er in fremden Händen sieht, und genug zu tun, wenn er ihre Leitung erwartet und ihr folgt (…) Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherheit gegen sich selber und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; und zu keinem anderen Endzweck beschränke er ihre Freiheit.“
(Bärdel bittet „Die Zeit“ um Verzeihung, dass er sich ihrer Ausgabe 10/2005 schöpferisch bedient hat.)

“Das ist aber ein bisschen komisch und auch ein bisschen kurz“, meinte der Journalist enttäuscht.
“Ich hoffe, du meinst mit ‚komisch‘ nicht den Inhalt“, erwiderte Bärdel. “Vielleicht ist die Sprache ein wenig ungewöhnlich. Der Text ist schon älter, er stammt von Wilhelm von Humboldt aus dem Jahre 1851. Und was die Kürze angeht – nehmt einfach eine große Schrifttype. Diesen Text kann man gar nicht groß genug drucken!“

Bärdel