Überbau

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen…Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“

Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie (Vorwort). in: MEW Bd. 13, S. 8f, Berlin 197
PD Dr. Kulle

Der häufige Rekurs auf dieses Zitat könnte als peinlich gelten, beinhalteten die oben bereits in anderen Untersuchungen angeführten Sätze nicht so mannigfaltige Denkanstöße. Aktuell ist uns der Siegeszug von Sars-CoV2 über den Globus Anlass, die durch das Virus initiierten sozial-ökonomischen Veränderungen zu betrachten. Dabei geht es an dieser Stelle nicht um eine umfassende Analyse, die wir uns für später vorbehalten1, sondern um den Aspekt der Umwälzung des gesellschaftlichen Überbaus im Bereich der Kultur in Dehland.

Ein Rückblick sei gestattet auf den Umbruch, den der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland vor 30 Jahren bewirkte.

In der DDR gab es zuletzt 18.118 Bibliotheken; wenn man Gewerkschafts- und Betriebseinrichtungen hinzuzählt, kommt man sogar auf 32.000. 84% der DDR-Bürger gaben seinerzeit an, deren Angebot zu nutzen oder genutzt zu haben, während es in der alten Bundesrepublik 46% waren. Auch kurze Zeit nach der „Wende“ war die Diskrepanz im Leseverhalten noch signifikant: 68% der Ostdeutschen behaupteten 1992, mindestens ein Mal pro Woche ein Buch zu lesen, während es in Westdeutschland 46%2 waren. Bis zum Jahr 2008 hatte sich das Leseverhalten zwischen Ost- und Westdeutschen bereits weitgehend angeglichen, und zwar auf rückläufigem Niveau. Wöchentliche Buchlektüre gehörte nur noch bei 42 Prozent der Ostdeutschen zur Beschäftigung, bei Westdeutschen waren es 43 Prozent.

Wenn wir auf die Zahl der Bibliotheken in Gesamtdeutschland schauen, stellen wir seit Jahren einen Schwund fest. 2019 gab es insgesamt rund 9.300 öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken, zehn Jahre zuvor waren es noch knapp 11.000. Während die Anzahl der wissenschaftlichen Bibliotheken Schwankungen unterworfen ist, verzeichnen die öffentlichen Bibliotheken einen stetigen jährlichen Rückgang.

Man mag einwenden, dass Lesen eine individuelle Tätigkeit ist, über deren Ausübung oder Nichtausübung die Menschen autonom entscheiden können, so sie nicht (freiwillig oder gezwungenermaßen) in einer Bildungseinrichtung agieren, die Buchwissen von ihnen fordert. Die obige Skizze über das Bibliothekswesen in BRD und DDR legt allerdings nahe, dass öffentliches Angebot bzw. Nichtangebot das Leseverhalten aktiv3 beeinflussen kann, positiv 4 wie auch negativ.

Es bietet sich an zu untersuchen, ob dergleichen Korrelationen ebenfalls für andere Bereiche des künstlerischen Überbaus gelten.

Auch der Blick auf die Theaterlandschaft beider deutscher Staaten fällt quantitativ zugunsten der DDR aus. 213 Theater leistete man sich, und in den über 2000 Kulturhäusern des Landes befanden sich in der Regel Theatersäle, die auch für Gastspiele genutzt wurden. Dem stehen heute in Gesamtdeutschland 142 Staatstheater, Stadttheater und Landesbühnen sowie 199 Privattheater gegenüber. 213 Theater für 16, maximal 18 Millionen Einwohner stehen 341 Bühnen für mehr als 80 Millionen gegenüber.5

Die öffentliche dehländische Hand lässt sich die bestehenden kulturellen Einrichtungen aktuell einiges kosten, denn Eintrittspreise bzw. Gebühren decken die Ausgaben nicht. Nur ein Beispiel: Eine Eintrittskarte in die Münchner Philharmonie kostete ohne Subventionen 100 Euro im Schnitt mehr. Bund, Länder und Gemeinden geben cum grano salis jährlich zehn Milliarden Euro für Kulturzuschüsse aus.

Warum und wofür tut man das?

Hören wir Wolfgang Thierse, der unter anderem Vorsitzender des SPD-Kulturforums und auch Präsident und Vizepräsident des Deutschen Bundestages war: „Sozialtransfers allein werden die Situation 6 nicht verbessern, es kommt vielmehr gerade auf Teilhabe an Bildung und Kultur an.” Dergleichen Aussagen lassen sich aus Politikermund häufig vernehmen. Staatliche Förderung für Kultur gilt in Dehland als zwingend notwendiger Bestandteil des Sozialstaats, zumindest in Sonntagsreden.

Bleibt zu fragen, welcher Kulturbegriff hier gemeint ist.

Die bedürftigen Empfänger von Sozialtransfers wie die Empfänger des Arbeitslosengeldes II7, lassen sich im Theater auffällig selten blicken. Das dürfte am Geld allein nicht liegen, kostet ein umfangreiches Pay-TV-Angebot doch mehr als 40 Euro im Monat, die auch von Geringverdienern erstaunlich häufig gezahlt werden. Das liegt stattdessen daran, dass der geförderte Kulturbetrieb die tatsächliche Nachfrage nach Kultur ignoriert, dass er den Bürger kulturell entmündigt. Der Staat erklärt dem Bürger, was gute und was schlechte Kunst ist. Der hierdurch adressierte „Bürger“ stellt aber nur ein kleines Segment der Bevökerung dar: Er ist Angehöriger der Mittelschicht mit einer relativ hohen formalen Bildung und einem relativ hohen Alter, der unsicher genug ist, sich von Dramaturgen bevormunden zu lassen.

Dergleichen Strukturen sollen die Ausgaben des Staaes, der sich als Mäzen geriert, legitimieren; sie delegitimieren jedoch die Kunst, weil sie nicht dem Geschmack der Menschen entspricht. Sensiblere Naturen als Thierse dürften das seit geraumer Zeit spüren und nicht wie er sagen: „Unser Wohlstand hängt von der Höhe der öffentlichen Investitionen in Kultur ab”, sondern eher: „Der staatliche Paternalismus muss ein Ende haben; die Kunst geht nach Brot, ja, aber nach dem Brot, das das Publikum zahlt.“

Und dann kommt Corona – und damit das Ende der Bühnen-Kultur. 

Das Virus lähmt die gesellschaftliche Produktion des Lebens der Menschen partiell oder nahezu völlig, aber ein totaler „Shutdown“ oder „Lockdown“ ist nur auf begrenzte Zeit möglich, will man soziale Unruhen 8 vermeiden. Auch bei steigenden Infektionszahlen wird, nachdem die Pandemie seit einigen Monaten gewütet hat, versucht, Produktion, Distribution und Konsum „wichtiger Güter“ aufrecht zu erhalten. Das gilt auch für den Bildungssektor: Schulpflichtige Kinder sind die entscheidenden Wirtschaftssubjekte von morgen und deren Eltern die von heute. Also wird der Präsenzunterricht allen medizinischen Empfehlungen zum Trotz qua ministerieller Anordnung erzwungen.

Andere Bereiche sind dagegen nicht „systemrelevant“: Freizeiteinrichtungen, und dazu zählen eben auch Kultureinrichtungen. Aber Freizeit ist nicht gleich Freizeit: Der Besuch einer Shopping-Mall ist systemrelevant 9, der Besuch eines Sinfoniekonzertes kostet den Steuerzahler nur Geld, wegen der Subventionierung der Eintrittskarten. Teile des gesellschaftlichen Überbaus wie das Theater haben ihren historischen Zenit überschritten, zumindest in der Form, in der es heute misshandelt wird.

„Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Diese lustig daherkommende Frage, in der die Verachtung für Kunst bereits unüberhörbar ist, kann endlich in eine Aussage umformuliert werden: „Das ist Kunst, also kann das weg.“

Anders lagen die Dinge in der DDR: Theater- und Lesekultur waren systemrelevant, weil der Mensch nicht nur als Wirtschaftssubjekt gedacht wurde, das sein Fressen verdiente, sondern als ein Wesen mit sozialistischer Moral. Der Wismut-Kumpel fluchte, weil er mit seiner Brigade nicht nur nach Uran schürfen, sondern auch am Abend mit ihr ins Kulturhaus gehen musste – aber er ging, und manchmal fand er die Darbietung sogar interessant. Da das in stalinistischen Strukturen verkrustete System aber nicht in der Lage war, außer linientreuer Kunst auch Bananen, Reise- und Gedankenfreiheit bereitzustellen, weigerte sich der DDR-Bürger, ein neuer Mensch zu werden. Er wurde stattdessen Konsument.

Wer empört sich heute über die Erdrosselung der Bühnenkultur wirklich außer den immer noch unermüdlichen Sonntagsrednern? Natürlich die Künstler10, denen der Broterwerb genommen wurde. Und sonst? Die Millenials wird der Verlust nicht auf die Barrikaden treiben, sie treiben zu Recht die Fragen nach ihrer Zukunft um. Die Theaterbesucher werden auch keine Steine aus dem Pflaster reißen, dazu sind sie zu alt.

Manchmal wälzt sich der ganze ungeheure Überbau nicht langsamer, sondern rascher um.

Dezember 2020

Zur Evolution

P.D. Kulle

Uns ist eine sehr alte Geschichte überliefert:

Ein göttliches Wesen schuf allein aus seinem Willen eine ganze Welt und benötigte dazu nur sieben Tage. Genau genommen, brauchte er nur sechs, denn danach war er vom Schöpfen so erschöpft, dass er sich einen Ruhetag gönnte, um neue Kraft zu schöpfen.

Am sechsten Tag hatte er aus Materie ein ihm ebenbildliches Wesen geformt, den Menschen. Der war neugierig, ungehorsam, emotional unkontrolliert und mörderisch, zudem für alle Laster empfänglich. Das versetzte seinen Schöpfer in Zorn, und er beschloss, ihn zu vernichten. Die Tiere aber, die er vor dem Menschen geschaffen hatte, wollte er überleben lassen, wozu er der Hilfe einiger Menschen bedurfte. Er suchte sich Noah und dessen Söhne aus, die er beauftragte, ein großes Schiff zu bauen, in dem von jedem der Tiere ein Paar Quartier finden sollte, je ein männliches und ein weibliches. Dass er vergaß, Noah und seinen Söhnen Frauen beizugeben, sei nur am Rande vermerkt. Oder er hat es nicht vergessen, sondern die Übermittler der alten Geschichte waren alte Männer und hielten Frauen für nicht erwähnenswert. Wie auch immer: Als alle wie gefordert an Bord waren, ließ der Schöpfer für 40 Tage eine verheerende Flut über die Welt kommen. Alle Menschen kamen dabei um, logischerweise auch alle Pflanzen und alle Tiere außerhalb des Schiffes, aber die waren nach der Überschwemmung wieder da, sonst hätten die geretteten Tieren ja verhungern müssen. Logischen Überlegungen zufolge hätte sich der Schöpfer die gesamte Operation also sparen können. Die Arche der Tiere strandete am Berg Ararat, der, wie man weiß, in der Türkei zu finden ist. Dort müssen alle ausgestiegen sein, und ihre Nachfahren erfreuen sich noch heute des Lebens, so die Erzählung.

Dass diese alte Geschichte einige Fragen aufwirft, haben wir oben bereits angedeutet. Eine wesentliche Frage aber beschäftigte Naturforscher bis in die Neuzeit hinein: Wenn alle Tiere in der Türkei anlandeten, wie kamen dann zum Beispiel die Bisons nach Nordamerika, die Pinguine in die Ant-, die Eisbären dagegen in die Arktis? Und: Sind alle Arten wirklich noch vorhanden? Wie sollte man sich Fossilienfunde erklären, die sich keiner rezenten Tierart zuordnen ließen? Wenn einiges darauf hindeutet, dass Arten aussterben können, sollten nicht auch neue entstehen?

Die Antwort auf all diese Fragen lieferte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Charles Darwin mit seinem Werk „Über die Entstehung der Arten“. Aufgrund empirischer Forschungen konnte er plausibel erklären, dass das Leben auf der Erde nicht in wenigen Tagen „geschöpft“ worden war, sondern sich in Jahrmillionen entwickelt hatte, und zwar sinnvoll auf der Basis des Zufalls. Pflanzen wie auch Tiere sind keine freischwebenden Individuen, sondern haben Lebensräume. Die Art, die in einem bestimmten Habitat die meisten Nährstoffe zu gewinnen vermag, wird sich stärker als konkurrierende Spezies reproduzieren und wird diese verdrängen. Die Art, die in der Lage ist, ein neues Biotop zu besiedeln, wird dieses Biotop dominieren. Individuen innerhalb einer Art, die sich am besten zu ernähren wissen, werden stärker als ihre weniger dazu fähigen Artgenossen und haben größere Chancen, sich fortzupflanzen. Der Zufall bei diesem Prozess der Evolution wird durch das Erbgut gegeben, das bei sexueller Fortpflanzung neu gemischt wird. Dazu kommt, das die Erbinformationen nicht immer korrekt kopiert werden und so Fehler entstehen, Mutationen, die in ihrer überwiegenden Zahl negativ für die Folgegenerationen sind, aber mitunter auch qualitative Sprünge bewirken können.

Es handelt sich bei der Evolution also um einen Kampf ums Überleben, der so lange fortdauert, wie es miteinander konkurrierende Arten gibt.

Was aber geschieht, wenn eine Spezies alle Habitate besetzt hat und andere Arten nicht mehr zu fürchten braucht? Ist diese Spezis nicht nur vernunftbegabt, sondern vernünftig, wird sie die Situation analysieren, sich einen Überblick über die ihr zur Verfügung stehenden Rohstoffe verschaffen und ihren Stoffwechsel mit der Natur auf einem Niveau stabilisieren, das ihr eine lange Existenz in ihrem Habitat zwar nicht garantieren, wohl aber ermöglichen kann. Ist sie es nicht, wird sie ihre Lebensbasis zugrunde richten.

Der Planet Erde ist in das Zeitalter des Anthropozän eingetreten. Homo sapiens sapiens hat in einem langen Evolutionsprozess nicht nur seine menschlichen Konkurrenzarten aus dem Feld geschlagen, sondern braucht sich auch vor anderen Raubtieren nicht mehr zu fürchten. Allein Viren und Bakterien können ihm noch gefährlich werden, aber Homo hat eine hoch effiziente Forschung entwickelt, die es ihm bisher jedenfalls erlaubt hat, derartige Angriffe zurückzuschlagen. „Aus dem Feld schlagen“ und „zurückschlagen“ ist nicht nur auf mikrobiologischer Ebene, sondern in vielen Fällen gleichzusetzen mit „ausrotten“. Eine Kosten-Nutzen-Relation wurde dabei in der Regel nicht erstellt, dergleichen pflegt Homo im Rahmen seiner Ökonomie, die ihm alles bedeutet, nur für Betriebe zu berechnen. Während Fauna und Flora um ihn herum schwinden, ist Homo zur Selbstbegrenzung nicht bereit. Seine ideologische Setzung, unabhängig von allen Kulturen, lautet: „Menschliches Leben ist unantastbar. Der Wunsch nach Kindern muss erfüllt werden“. Die eingangs erwähnte alte Geschichte ist dabei relevant: Der Glaube an die Gottähnlichkeit oder zumindest Gottesnähe der eigenen Spezies ist in den meisten Menschnköpfen so tief verankert, dass er genetische Grundlagen zu haben scheint. Damit ist der Mechanismus der Evolution, nur den besser Adaptierten die Fortpflanzung zu ermöglichen, außer Kraft gesetzt. Ermöglich wird das Leben nahezu aller gezeugten Menschen, unabhängig von ihrem Potential, durch die weit entwickelte menschliche Medizin. Ungewollt kinderlosen Paaren wird, zumindest in den reichen Ländern, auch künstliche Befruchtung ermöglicht. So explodiert die menschliche Bevölkerung auf der Welt. Eine rationale Bewertung der zur Verfügung stehenden begrenzten Ressourcen wird durch die ideologische Selbstwahrnehmung  verunmöglicht. Der zentrale weltanschauliche Grundsatz wird immer in Zeiten des Krieges verletzt, Zeiten, die in der menschlichen Geschichte den Regelzustand darstellen. In diesen Zeiten gilt, dass keine Regel gilt. Trotz des  Blutzolls, der permanent gefordert wird, ist es Homo nicht gelungen, seine Spezies zu dezimieren. Das Gegenteil ist der Fall.

Wir kommen zum Schluss.

Q.E.D. :
Pffffffffffttt

Oder, um mein bekanntes Fazit zu variieren: Dumm gelaufen.

P.S. Ich danke, wie immer, meiner Sekretärin.

April 2019

Money money money

Bärdel und Kulle

Es war um die Zeit der Wintersonnenwende, also herrschte noch völlige Dunkelheit während des rituellen Morgenspaziergangs von Bärdel und Kulle. Wie so oft begleiteten sie Na und Nuk, die Eisbärenzwillinge. Natürlich haben alle Kinder an lichtlosen Wintermorgen keine Lust aufzustehen, aber ihre Wissbegier hatte die Schwestern aus der gemütlichen Höhle hinausgetrieben: Man konnte immer etwas lernen, wenn man die beiden Alten belauschte oder ihnen Fragen stellte. Heute war sogar Athabaska mit von der Partie. Sie hatte ihre ausgiebige Joggingrunde schon beendet und stichelte, während sie sich vom Rennen erholte:

Athabaska sommerlich


„Na, alte Männer, wie wär’s mal mit ein bisschen mehr Bewegung?“

Bärdel ließ sich tatsächlich provozieren und trabte los in die Finsternis. Kulle runzelte verständnislos die Stirn, die Kinder machten große Kulleraugen, und Atti grinste. Schon nach wenigen Augenblicken hörten sie einen gewaltigen Rums, das Knacken von Ästen, den Fall eines schweren Körpers auf die Erde und einen kräftigen Fluch.

Kulle schüttelte den Kopf zum zweiten Mal und tastete sich vorsichtig in die Richtung, in die sein Freund gerannt war. „Bleib ganz ruhig, ich komme!“ brummte er und fügte völlig überflüssig hinzu: „Hast Du Dir was getan?“

„Natürlich nicht! Ich habe mir nur das Handgelenk verstaucht, und an der Stirn habe ich eine blutende Platzwunde oder eine riesige Beule oder beides. Es geht mir also blendend.“ Bärdels Sarkasmus war nicht zu überhören.

„Wird schon nicht so schlimm sein“, wiegelte Kulle ab. „Du bist gegen eine Wärmepumpe gelaufen, die Manfred hier aufgestellt hat. Davon gibt es jetzt eine Menge. Beleuchtet sind die Dinger natürlich nicht. Wenn es stockfinster ist, sollte man eben nicht…“

„Spar Dir Deine Ratschläge!“ knurrte Bärdel. Er war froh, dass er seinen Ärger auf Kulle abwälzen konnte, aber eigentlich war er auf sich selbst wütend. Wie dumm, einfach loszurennen!

Die Beiden tapsten vorsichtig zurück zu den anderen.

„Darf ich mal sehen?“ fragte Atti. Ihre Qualifikation als Krankenschwester war in Bärenleben unbestritten.

„Nein!“ Bärdel würdigte sie keines Blickes, was allerdings nicht auffiel, denn immer noch herrschte biblische Finsternis. Er nahm gemessenen Schrittes seinen Spaziergang wieder auf, Kulle an seiner Seite, und die anderen folgten schweigend. Jetzt nur nichts falsch machen, dachten sie sich.

„Mein Sohn installiert also Wärmepumpen?“ erkundigte Bärdel sich nach einer Weile. „Solarzellen und zwei Windmühlen hat er auch schon. Bärenleben dürfte allmählich energetisch autark sein, sehe ich das richtig?“

Kulle pflegte sich nicht um solche trivialen Fragen zu kümmern, Na und Nuk verstanden nicht, wovon die Rede war, blieb also Athabaska. Ihr oblag die Bärenlebener Buchhaltung, sie war hier kompetent.

„Wir sind inzwischen autark, sogar mehr als das, aber wir speisen unsere Überschüsse nicht in das dehländische Netz ein, weil wir dann unsere Existenz preisgeben müssten. Immerhin kostet uns die Energie jetzt nichts mehr.“

„Super, Tante Atti!“ Nuk wagte sich aus der Defensive. „Das finde ich toll, dass uns die Energie jetzt nichts mehr kostet. Aber wenn Onkel Manfred Solarzellen und Wärmepumpen und Windmühlen gekauft hat, dann hat er dafür doch Geld gebraucht, oder?“

Nuk und Na

„Ja, klar!“

„Und woher hatte er das?“

„Tja…“

„Du kannst es den Kindern ruhig sagen. Wir haben Menschen betrogen. Genauer gesagt: Wir haben Banken von Menschen betrogen. Wir haben Kreditkaren benutzt, die anderen Menschen gehören, und haben damit eingekauft. Wir haben so getan, als seien wir sie. Das haben wir schon mal gemacht, als wir in den USA waren. In Dehland ist das jetzt schwieriger, aber es klappt immer noch.“ Kulle sprach ganz ruhig, obwohl er wusste, dass ihn ein Sturm erwartete.

Der Sturm kündigte sich durch völlige Windstille an. Wie sich das Meer zurückzieht vor einem Tsunami. Da ist nichts – keine Luftbewegung, kein Wasser. Aber dann wüten die Elemente.

„Ihr habt betrogen und gestohlen! Ihr betrügt und stehlt!“

„Ihr seid Diebe!“

„Ihr seid Lügner! Ihr habt uns belogen! Ihr belügt uns!“

„Ihr habt gesagt, so etwas darf man nicht tun!“

„Wir haben Euch vertraut!“

„Wir glauben Euch nicht mehr! Kein Wort glauben wir Euch!“

„Nie wieder!“

Es war immer noch stockfinster. Eisbärenpfoten sind weich, selbst empfindliche Grizzlyohren hören kaum, wenn sie den Boden berühren. Aber Athabaska, Bärdel und Kulle merkten es. Die Zwillinge rannten davon.

„Ihr bleibt bitte hier!“ Noch immer redete Kulle, ohne die Stimme zu heben. Und das Wunder geschah: Na und Nuk blieben stehen.

Bärdel war seinem Freund dankbar. Er ließ ihn machen, was er für richtig hielt. Er selbst hielt sich lieber aus der Sache heraus. Seine immer noch pochenden Kopfschmerzen boten ihm ein willkommenes Alibi. Athabaska unternahm einen Versuch, die Wogen zu glätten. Sie zog Nussriegel aus ihrer Gürteltasche – Joggingproviant, den sie nicht gegessen hatte – und wollte anfangen, sie zu verteilen. Aber niemand griff zu, deshalb versuchte sie eine andere Strategie.

„Nehmen wir an, wir hätten keinen Kreditkartenbetrug begangen. Welche Folgen hätte das gehabt?“ fragte sie.

„Tante Atti, wir müssten dann auf elektrische Energie verzich…“. Nuk begann brav zu antworten, wie es ihre Art war, aber ihre Schwester unterbrach sie mit einem wütenden Redeschwall.

Na

„Ja, natürlich hätten wir dann keine Energie und keine Computer und keine Bibliothek aber wir hättenunserePrinzipiennichtverratenwirwären nichtgenausowiedieMenschen Undjetzt kommmirnichtmit Gesinnungsethikdie nichtdieFolgenbedenktunddamitdassVerantwortungsethikdemstarrenDenken inNormenvorzuziehenist Verantwortungsethik dasistdocheinfachlächerlich wennDuehrlichwärestmüsstestDuzugebendasssichdahinteregoistischer utilitaristischerOpportunismusverbirgtundsonstgarnichts“

Na hörte auf, weil ihr die Puste ausgegangen war.

Ihre entsetzte Schwester versuchte zu retten, was zu retten war: „Aber Na, das kann man doch so nicht sagen…“

Weil es immer noch richtig dunkel war, konnte sie nicht sehen, dass Athabaska und Kulle schmunzelten und einander in die Rippen knufften. Sie freuten sich, dass zumindest eine ihrer Schülerinnen das Stadium des kindlichen Urvertrauens in die Lehren der Erwachsenen verloren hatte und selbstständig dachte.

Athasbaska und Kulle 1

„Das kann man schon so sagen. Und richtig ist es in gewisser Weise auch. Wir Bären sind halt Opportunisten, das zeigt schon unser Fressverhalten. Apropos Fressverhalten…“ Athabaska bot ihre Nussriegel zum zweiten Mal an. Diesmal langten alle zu, und Na beruhigte sich.

„Aber, Tante Atti, ich sehe ja ein, dass wir viele Dinge brauchen, die man nur bekommt, wenn man dafür Geld ausgibt. Gab es denn keinen anderen Weg, als Menschen zu betrügen? Es gibt doch jetzt diese Kryptowährungen, Die kann man schöpfen, habe ich gelesen. Warum machen wir das nicht?“

Bei abstrakten Geldfragen überließ Athabaska das Feld gerne Kulle.

„Erstens sind diese Währungen sehr volatil, man kann keine verlässliche Kalkulation auf ihnen aufbauen. Zweitens dauert das „Schöpfen“ elend lange, und drittens verbraucht es irrsinnig viel Energie. Kryptowährungen sind etwas für Spieler, aber nichts für Bärenleben.“

„Und warum haben wir uns das Geld, das wir brauchen, nicht einfach geliehen?“ Nuk wagte sich wieder aus der Deckung.

„Wer einen Kredit bei einer Bank aufnehmen möchte, dessen Bonität wird in Dehland vorher genau  geprüft. Man will sicher sein, dass der Kredit auch zurückgezahlt wird. Wir würden also unser verstecktes Leben aufgeben müssen.“

„Und wenn wir das Geld einfach schöpfen? Wie die Bitcoins, aber schneller, ohne hohen Energieaufwand, wie Euros oder Dollars?“ Na wollte ihre Idee noch nicht aufgeben.

„Wenn wir das machen“, erklärte Kulle, „nennt man das Geldfälschung. Wenn eine Bank das macht, nennt man das Wertschöpfung.“

Nicht nur Bärdel schwirrte jetzt der Kopf, auch Athabaska und die Kinder waren völlig verwirrt.

„Das verstehe ich nicht!“ sagten alle gleichzeitig.

Kulle richtete sich auf eine längere Erklärung ein.

Kulle 2 als Erklärbär

„Woher kommen alle Euros?“

In die Pause nach der Frage, die lediglich rhetorisch sein sollte, platzte Na mit einer Antwort: „Von M. Draghi.“

Nuk reagierte schwesterlich: „Du spinnst doch!“

„Tue ich nicht! M. Draghi steht auf allen Euroscheinen!“ 

„Und demnächst wird da eine andere Unterschrift stehen, aber Na hat nicht Unrecht.  Mario Draghi ist der Präsident der Europäischen Zentralbank, der EZB, und deren Druckerei produziert die Euro-Banknoten.“

„Einfach so?“

„Einfach so!“

„Und wo kommen diese Banknoten danach überall hin?“

„ Zu Menschen, die berufstätig sind und dafür Geld erhalten, zu Rentnern, Empfängern von Transferleistungen, Couponschneidern und vielen anderen.“

Na wunderte sich, dass Menschen, die transportiert wurden, dafür auch noch Geld bekamen, statt eine Fahrkarte zu bezahlen. Nuk verstand nicht, warum man Euros für das Abschneiden von Rabattcoupons erhielt. Aber beide fragten nicht nach. Statt ihrer wollte Bärdel wissen: „Kriegen auch Regierungen das Geld?“

„Unter Umständen schon. Regierungen erhalten Geld von den Steuern und Abgaben ihrer Bürger und geben das dann wieder aus für Dinge, die ihnen wichtig erscheinen. Wenn die Regierungen der Länder der Eurozone mehr ausgeben wollen, als sie an Steuern einnehmen, müssen sie einen Kredit aufnehmen. Das tun sie aber nicht direkt bei der EZB, sondern bei einer Geschäftsbank.“

„Und woher nimmt die die Euros?“

„Die schöpft sie!“

Den Chor: „Das verstehe ich nicht!“ bekam Kulle jetzt zum zweiten Mal zu hören.

Er holte tief Luft: „Nehmen wir an, der dehländische Finanzminister will einen Kredit von 50 Milliarden Euro aufnehmen. Die Bank, bei der er anfragt, ist von Dehlands Bonität überzeugt, und im Handumdrehen hat der Minister 50 Milliarden Euro auf seinem Konto. Er hat das Geld, obwohl die Bank es vorher nicht hatte. Die Bank hat ihrer Buchführung nach 50 Milliarden Euro ausgegeben und erwartet, sie wiederzubekommen. Aber sie hat das Geld in Wirklichkeit nicht gehabt. Sie hat es, wie man sagt, „geschöpft“. Der Finanzminister dagegen verfügt aufgrund der Gutschrift auf seinem Konto über „wirkliches“ Geld aus der Druckerei der Europäischen Zentralbank.“

„Das ist doch ein riesiger Schwindel!“ empörte sich Athabaska.

Kulle hob die Schultern und ließ sie resigniert wieder fallen: „Geld ist in der Tat ein riesiger Schwindel. Der funktioniert aber, weil alle Beteiligten an den Schwindel glauben.“

„Onkel Kulle, warum nimmt die Regierung überhaupt einen Kredit auf? Warum druckt sie nicht selber das Geld, das ihr fehlt?“  Na hatte schon wieder eine intelligente Idee.

„Manche Regierungen können das, zum Beispiel die USA. Der Dollar ist ihre eigene Währung. Davon können sie drucken, soviel sie wollen, das heiß, sie können auch ohne Ende Schulden machen, ohne dass es ihnen Probleme bereitet. In Dehland ist das aber anders, denn der Euro ist keine dehländische Währung, sondern die Währung aller Staaten im Euroraum. Er ist also so etwas wie eine Fremdwährung, über die die EZB entscheidet.“

„Siehste!“ Na schnitt ihrer Schwester eine Grimasse, und da es inzwischen heller geworden war, konnte Nuk sie auch sehen. „Alle Euros kommen von M. Draghi!“

„Mir dröhnt immer noch der Schädel!“ stöhnte Bärdel und berührte vorsichtig seine Stirn, auf der eine eindrucksvolle Beule gewachsen war. „Aber eins habe ich, glaube ich, trotzdem verstanden: „Wenn Du Recht hast, dann ist der ganze Aufstand, den Trump wegen des US-Handelsbilanzdefizits veranstaltet, völliger Blödsinn?“

„So ist es,“ erklärte Kulle fröhlich. „Passt doch ins Bild: Das meiste, was der Kerl veranstaltet, ist völliger Blödsinn. Und jetzt lasst uns einen Schritt zulegen: Aus der Dorfküche steigt mir der liebliche Duft von Pancakes mit Brombeermarmelade in die Nase, und ich wette, die sind nicht einfach aus dem Nichts geschöpft!“ 

Januar 2019

Schwächelnde Konjunktur

Die Eisbärenkinder begleiteten Bärdel und Kulle heute auf deren Morgenspaziergang, aber anders als sonst tollsten sie nicht um die beiden Alten herum, sondern tapsten artig hinter ihnen her und waren ungewöhnlich still. Kulle war, seiner Denkart entsprechend, mit gesellschaftspolitischen Problemen beschäftigt und nahm seine Umwelt dabei nicht wahr. Bärdel aber drehte sich schließlich um.

„Na, was ist los mit Euch beiden?“ erkundigte er sich.

Bärdel

„Och, Onkel Bärdel, wir sind ein bisschen traurig.“

„Und warum?“

„Wir haben in den Nachrichten gehört und auch in der Zeitung gelesen, dass es der Konjunktur nicht gut geht. Sie schwächelt. Das heißt doch, dass sie krank ist und immer schwächer wird, oder? Wir würden ihr gerne helfen, aber wir wissen nicht, wie. Wir wissen auch gar nicht recht, wer sie ist und wo wir sie finden können. Wir haben Onkel Manfred danach gefragt, aber der hat einen Lachanfall gekriegt und uns nicht geantwortet. Mami hat uns weggeschickt und gesagt, wir sollten Robben fangen lernen, anstatt dumme Fragen zu stellen. Tante Atti hätte uns bestimmt nicht ausgelacht oder uns weggeschickt, aber die haben wir nicht finden können. Lachst Du uns auch aus, Onkel Bärdel?“

Robben fangen – doch nicht jetzt!

Die Frage war nur allzu berechtigt, denn Bärdel hatte große Mühe, ein breites Grinsen zu unterdrücken. Um nicht antworten zu müssen, täuschte er einen Hustenanfall vor. Den nutzte er dazu, Kulle in die Seite zu knuffen und aus seinen Gedanken zu reißen.

PD Dr. Kulle – hier informell

„Was ist denn los?“ fragte Kulle unwillig.

Da Bärdel immer noch vorgab zu husten, antwortete Nuk. „Die Konjunktur schwächelt, Onkel Kulle!“

„In der Tat, das scheint so zu sein. Wurde auch allerhöchste Zeit. Kalle würde im Grabe rotieren, wenn er erführe, dass ein Zyklus so lange dauern kann. Zu etwas scheint dieser Trump also doch gut zu sein.“

Na und Nuk schauten erst Kulle an und dann einander. Sie hatten kaum etwas verstanden, aber eines begriffen sie: Onkel Kulle stellte die ethischen Werte, die er selbst ihnen vermittelt hatte, auf den Kopf.

„Du freust Dich, dass jemand krank ist?“ Na war fassungslos.

„Wieso? Wer ist krank?“ Jetzt war Kulle irritiert.

„DIE KONJUNKTUR!“ schrieen die Zwillinge. „UND DU FREUST DICH DARÜBER!“

Nuk und Na

„Ja natürlich!“ Kulle verstand die Aufregung nicht. „Denn…“

Jetzt griff Bärdel ein. Bevor hier noch mehr Missverständnisse wuchsen, musste einiges geklärt werden, fand er.

„Wisst Ihr eigentlich, was die Konjunktur ist?“ wollte er von den Kindern wissen.

Die beiden wussten es nicht, aber es war unter ihrer Würde, ihre Ignoranz zuzugeben.

„Sie ist weiblich,“ behauptete Na selbstsicher.

Kulle machte sich eine mentale Notiz: Über den Unterschied zwischen Genus und Sexus würde man noch zu reden haben.

„Ihr Zustand wird von den Menschen genau beobachtet,“ ergänzte Nuk. 

Und damit waren sie am Ende ihrer Weisheit angekommen. 

„Wir wissen vieles nicht: Was für eine Art Lebewesen sie ist, wo sie lebt und an welcher Krankheit sie leidet. Aber wir finden es richtig, dass sie uns leid tut und dass wir ihr helfen wollen!“ erklärten sie schließlich trotzig.

„Das ist auch gut so. Empathie ist etwas sehr Positives. Aber Ihr geht von einer falschen Voraussetzung aus: Die Konjunktur ist kein Lebewesen. Sie ist ein Abstraktum. Ihr wisst doch, was Abstrakta sind, oder?“

„Klar. Abstrakta sind Begriffe, mit denen etwas bezeichnet wird, das kein Gegenstand ist. Vertrauen zum Beispiel. Oder Freiheit.“

„Sehr gut!“ lobte Bärdel. „Wenn die Freiheit oder das Vertrauen schwinden, dann ist das bedauerlich. Und wenn man das verhindern oder beenden will, dann kann man nicht die Freiheit oder das Vertrauen kurieren, sondern muss die konkreten Verhältnisse ändern, die für ihren Schwund verantwortlich sind. Verstanden?“

„Verstanden, Onkel Bärdel. Unser Ansatz war also falsch. Wir können die Konjunktur nicht finden, denn sie ist kein Konkretum. Wir müssen stattdessen die konkreten Verhältnisse ändern, die für ihr Schwächeln verantwortlich sind. Richtig?“

„In sich schlüssig, an sich falsch.“ Kulle schaltete sich wieder ein. „Ihr geht von der Annahme aus, dass eine starke Konjunktur etwas Positives ist, wie großes Vertrauen und große Freiheit. Bei der Konjunktur stellt sich aber die Frage nach dem cui bono: Wem nützt eine starke, wem eine schwache Konjunktur?“

„Onkel Kulle, bitte!“ Nanuk waren jetzt ganz kleinlaut. „Onkel Kulle, wir haben doch schon zugegeben, dass wir gar nicht wissen, was das ist: die Konjunktur.“

Na, das kann dauern, dachte Bärdel. „Kommt, wir gehen da hinten in die Brombeeren!“ schlug er vor. „Mit einer Erfrischung denkt es sich besser.“

Kulle verstand den Wink mit dem Zaunpfahl – er sollte ein Beispiel für seine Erklärung nutzen. Nachdem alle genüsslich die erste Handvoll der köstlichen schwarzen Bällchen genascht hatten, sagte er: „Konjunktur ist ein Begriff, der die Wirtschaftsleistung in einem Land oder in der ganzen Menschenwelt erfassen soll. Es geht darum, wie viele Menschen Arbeit haben und damit Geld verdienen, und wie viel Geldwert dabei geschaffen wird. Nehmen wir diese Brombeerbüsche hier und stellen wir uns vor, nur für einen kurzen Augenblick, wir wären Menschen“ – die Zwillinge schauderte es, und auch Bärdel fühlte, wie ein Eiszapfen seine Wirbelsäule hinunterwanderte. „Wir könnten alle Beeren in kurzer Zeit abernten. Wir würden dafür bezahlt, und wir oder ein anderer Mensch würde sie verkaufen, an uns oder an andere Menschen. Wir alle hätten Arbeit und würden mit ihr den maximal möglichen Geldwert schaffen. Das wäre eine gesunde Konjunktur!“

Nanuk schauten Kulle an, als zweifelten sie an seinem Verstand.

„Onkel Kulle…“ Nuk wagte nicht weiterzusprechen.

Auch der vorlauten Na fiel es nicht leicht, Kulle ihre Meinung zu sagen, aber sie wagte es trotzdem. „Onkel Kulle, aber das ist doch dumm! Morgen hätte niemand mehr Brombeeren! Ganz abgesehen davon, dass es idiotisch ist, erst Beeren zu ernten, dafür bezahlt zu werden und dann dieselben Beeren wieder zu kaufen, wahrscheinlich für mehr Geld, als man für das Abernten bekommen hat!“

Kulle freute sich über die kluge Antwort, aber Bärdel wusste, dass er einiges klarstellen musste, sonst kamen die Zwillinge noch auf die Idee, seinen Freund für die menschliche sogenannte Wissenschaft ‚Volkswirtschaftslehre‘ verantwortlich zu machen.

„Natürlich ist das dumm! Aber die Menschen wissen es nicht besser. Für uns dagegen  ist eine kranke Konjunktur besser. Die Menschen verbrauchen dann weniger von dem, was die Welt an Schätzen zu bieten hat.“

„Jetzt haben wir verstanden, Onkel Bärdel!“

„Gut!“ meinte Kulle dann können wir ja…“

„…noch ein paar Brombeeren essen!“ fiel Bärdel ihm ins Wort.

Kulle gab sich zufrieden. Sein Freund hatte ja Recht. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht, Inflationsrate, Freihandel, Schutzzölle und Konjunkturzyklen konnten bis zur nächsten Gelegenheit warten. Er nahm die Geschenke der Eisbärenkinder, die ihm Brombeeren pflückten, gerne an.

August 2018