Blaubart

Herzlich willkommen zur heutigen Nachmittagsführung durch unsere Ausstellung: ‚Selbstbewusste Frauen‘. Ich beglückwünsche Sie, dass Sie dabei sein können. Die Tickets für unsere Exhibition sind begehrt, aber wem sage ich das. Sie wissen besser als ich, wie lange im voraus Sie Ihre Eintrittskarten erstanden haben.

Unsere Sammlung ist sehr umfangreich, das wissen Sie sicher. Viele Exponate lagern im Archiv, und für das Publikum werden ständig wechselnde Exemplare ausgewählt. Wenn Sie also in ein paar Jahren wiederkommen möchten, werden Sie ganz andere Dinge zu sehen bekommen als heute, das kann ich Ihnen versprechen.

Und jetzt will ich sie nicht länger auf die Folter spannen. Gehen wir dort hinüber.

Hier sehen Sie Marie Gouze. Eine hübsche Frau, nicht wahr? Obwohl sie es in jungen Jahren nicht leicht gehabt hat. Sie war ein uneheliches Kind einer Wäscherin und wurde mit 17 Jahren gegen ihren Willen mit einem Gastwirt verheiratet. Der Mann starb bald, und sie ging eine Liebesbeziehung mit einem reichen Mann ein, ohne je wieder zu heiraten.

Eine nennenswerte Schulbildung hatte sie nicht, sie sprach noch nicht einmal Französisch, sondern Okzitan. Aber sie war selbstbewusst, sonst hätte sie in unserer Ausstellung keinen Platz gefunden: Sie betrieb erfolgreich ein Selbststudium und schrieb: Theaterstücke, Romane, Pamphlete. Als Künstlernamen, mit dem sie viele ihrer Texte unterzeichnete, benutzte sie den Vornamen ihrer Mutter und eine abgewandelte Form ihres Familiennamens: Olympe de Gouges. 

Während der Französischen Revolution wurde Olympe de Gouges eine leidenschaftliche Verfechterin der, wie sie sagte, Menschenrechte der Frau, der Bürgerinnenrechte. Bisher bekamen nur besitzende europäische Männer  das Privileg der Menschenrechte, das war ihr ein Dorn im Auge.

1791 verfasste sie die ‚Déclaration des droits de la Femme et de la Citoyenne‘ als Protest gegen die Männer-Privilegien, die nun in den Verfassungsrang erhoben waren. Da der Souverän alle Frauen von der Volkssouveränität ausschloss, nannte Olympe de Gouges das neue Regime Tyrannei.

In ihrer Schrift heißt es:

„Mann, bist du überhaupt imstande, gerecht zu sein? Allein der Mann will in diesem Jahrhundert der Aufklärung und des klaren Verstandes in durch nichts mehr zu rechtfertigender Unwissenheit despotisch über ein Geschlecht herrschen, das über alle geistigen Fähigkeiten verfügt. Er nimmt für sich in Anspruch, die Revolution für sich allein zu nutzen und seine Rechte auf Gleichheit einzufordern.“

Sie schütteln den Kopf? Das kann ich gut verstehen.

Im Sommer 1793 wurde Olympe de Gouges verhaftet und als Royalistin angeklagt. Die Anklage entsprach dem Zeitgeist, aber natürlich wollte man auch ihre Ansichten über die Frauen sanktionieren.

Das Todesurteil wurde im November auf der Place de la Concorde durch die Guillotine vollstreckt.

Haben Sie noch Fragen? Ja?

Ob es noch mehr solcher Frauen damals gab? Aber ja doch!

Da ist zum Beispiel Madame de Staël, die sich ständig in die Politik einmischte. Oder Madame Roland, die auch unter der Guillotine endete. Oder Mary Wollstonecraft, die sich für die gleichberechtigte Schulbildung für Mädchen einsetzte. Sind alle bei uns im Archiv. Wie gesagt: Wenn Sie vielleicht einmal wiederkommen…

Jetzt gehen wir ein paar Schritte weiter zu der Vitrine rechts. Ganz recht, zu der Frau mit dem riesigen weißen Hut. Das ist Emily Davison. Sie und andere Frauen in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten von Amerika wurden als Sufragetten bezeichnet. Das kommt vom englischen Wort ‚suffrage‘, was Wahlrecht bedeutet. Sie ahnen es bereits: Davison und ihre Mitstreiterinnen forderten ein Wahlrecht für Frauen.

Begonnen haben die Suffragetten allerdings ganz anders. Es gab in Großbritannien  in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Gesetz zu Geschlechtskrankheiten, das  Prostituierte zu medizinischen Untersuchungen verpflichtete, um solche Übel einzudämmen. Eine gute Sache war das, sollte jeder vernünftige Mensch finden, denn sie diente einer gesunden Gesellschaft und gestattete eine risikolose Triebabfuhr. Die Sufragetten waren aber nicht vernünftig, sie wandten sich gegen das Gesetz und erreichten tatsächlich dessen Aufhebung.

Damit war für sie der Bann gebrochen. Das Frauenwahlrecht sollte durchgesetzt werden, und zwar mit allen Mitteln. Die Suffragetten rauchten demonstrativ in der Öffentlichkeit und stellten damit ein Vorrecht der Männer infrage. Das war eine vergleichsweise harmlose Provokation, aber Davison und ihre Mitstreiterinnen scheuten vor nichts zurück: Es gab Hungerstreiks, Frauen ketteten sich in der Nähe des Parlaments und des Sitzes des Premierministers an, sie warfen Schaufenster von Kaufhäusern ein, verübt Bombenanschläge auf öffentliche Gebäude und steckten Herrenhäuser in Brand. 

Schiller scheint das vorausgesehen zu haben, als er in der ‚Glocke‘ dichtete:

Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz.

Natürlich führten die Aktionen zu Verhaftungen, und die Verhaftungen führten zu noch mehr Gewalt: 1912 zerstörten 150 Suffragetten, mit Hämmern und Steinen bewaffnet, 270 Fenster im Einkaufsviertel im Londoner Westend. In den nächsten beiden Jahren verübten Suffragetten mehrere Attacken mit Messern und Beilen auf Gemälde in Londoner Ausstellungen, was zu einer temporären Schließung aller Museen im Stadtgebiet und Hausverboten für Frauen mit langen Mänteln oder Taschen führte.

Und es gab auch eine Tote, nämlich Emily Davison, vor der wir hier stehen. Sie warf sich beim Epsom Derby vor das Pferd des Königs und erlitt dabei erhebliche Verletzungen, die tödlich waren. Vermutlich wollte sie Suizid begehen, was in Anbetracht einer schweren Wirbelsäulenverletzung, die sehr schmerzhaft gewesen sein muss, verständlich ist. Sie hat sich diese Verletzung übrigens selbst beigebracht, als sie sich während einer ihrer zahlreichen Haftstrafen im Gefängnis eine Eisentreppe hinunterwarf. Aber es wird Sie nicht überraschen: Die Suffragetten erklärten sie zur Märtyrerin.

Etwas anderes wird Sie vielleicht überraschen: Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, 1918, erhielten Frauen ab 30 Jahren, die im Besitz von Grundeigentum waren, das Wahlrecht.

Sie fragen sich, warum das so war, trotz der Verbrechen, die die Suffragetten zweifellos begangen hatten? Die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern: Früher wurden Kriege von Soldaten geführt, überwiegend männlichen Soldaten, was zu Arbeitskräftemangel führte. Diese Lücke füllten die Frauen, und sie nutzten aus, dass sie eine Zeitlang unentbehrlich gewesen waren.

Heute könnte das natürlich nicht mehr passieren: Die Kriege, die wir führen, werden von künstlicher Intelligenz gesteuert und von Automaten durchgeführt. 

Gibt es noch Fragen?

Es gab keine.

Dann gehen wir jetzt zu meiner Lieblingsvitrine. Die steht da hinten an der Wand, in der Mitte, ganz prominent.

Fällt Ihnen etwas auf? Richtig, die Büste dreht sich, anders als die beiden, die wir bisher betrachtet haben. Und, ja, Sie sehen richtig: Sie verändert sich. Es gibt verschiedene Gesichter, unterschiedliche Kleidung. Des Rätsels Lösung: Wir sehen hier keine konkrete Person, sondern Inkarnationen der Frauen eines Landes im Wandel der Jahrzehnte.

Wir machen jetzt ein kleines Rätselspiel, wenn Sie einverstanden sind: Ich verrate Ihnen nicht, um welches Land es sich handelt. Ich bin sicher, Sie kommen allein darauf.

Es ist ein sehr patriarchalisch strukturiertes Land. Ich weiß, diese Aussage hilft Ihnen nicht, denn welches Land ist das nicht? Im 20. Jahrhundert gab es wiederholt Versuche, diese Strukturen zu verändern. Politiker, die zwar selbst aus dem Land stammten, aber wenig von ihm verstanden, die sowjetische Besatzungsmacht und auch westliche Truppen, die sich im Land breitmachen, gewährten Frauen Bildung und politische Beteiligung.

Das waren aber temporär begrenzte Versuche. Die alten Traditionen erwiesen sich als erfolgreicher. In der Öffentlichkeit verhüllen Frauen wieder ihr Gesicht. Sie dürfen keine Parks besuchen und keinen Sport treiben. Weiterführende Schulen für Mädchen sind geschlossen. Der Zugang zu Universitäten ist Frauen verwehrt.

Der natürliche Ort für Frauen ist das Haus, deshalb sind ihre Aktivitäten außerhalb dieses Raumes begrenzt und werden beaufsichtigt. Bei Reisen durchs Land werden sie von männlichen Verwandten begleitet. Auch wenn Frauen das Haus verlassen wollen, müssen sie zuerst die Erlaubnis des Ehemanns einholen.

Die Möglichkeiten der Berufsausübung sind beschränkt. Eine Zusammenarbeit mit Männern am Arbeitsplatz ist nicht möglich. Ehemänner können ihre Frauen von unnötiger Beschäftigung abhalten.

Weibliche Reize sollen in der Öffentlichkeit unsichtbar und unhörbar sein, um Männer nicht in Versuchung zu führen. Deshalb sind Friseur- und Schönheitssalons von Frauen für Frauen nicht gestattet. Mädchen über zwölf Jahren ist es verboten, in Abwesenheit von Männern zu singen.

Der eheliche Beischlaf ist obligatorisch. Die Frau ist verpflichtet, den sexuellen Bedürfnissen ihres Mannes jederzeit nachzukommen.

Schauen wir noch einmal genau auf die Vitrine: Sie sehen den himmelblauen Hintergrund, nicht wahr? Und jetzt warten Sie, bis die Animation die Burka zeigt – da! Ist es nicht wunderschön, wie das Blau des Umhangs mit dem Blau des Himmels verschmilzt, so dass die Frau nahezu unsichtbar ist? So soll es sein!

Sie werden bemerkt haben, dass der Frauentypus in dieser Vitrine ein anderes Selbstbewusstsein zeigt als Olympe de Gouges und Emily Davison. Ein richtiges, kein übersteigertes. Die Frau hier steht in Einklang mit ihrem Frausein, während die Britin und die Französin nicht sie selbst sein wollen.

Da wir gerade bei Nationalitäten sind: Haben Sie das Land erkannt, um das es hier geht? Ja? Woran denn? Nur an der Burka? Das dachte ich mir. Wenn man von der lokalen Mode absieht, sind die Verhältnisse in unserer Welt doch überall ähnlich.

Wir sind am Ende unserer kleinen Führung angelangt, aber selbstverständlich beantworte ich noch gern Ihre Fragen, wenn Sie welche haben.

„Ich habe von Fāṭima al-Fihrīya gehört, die im 9. Jahrhundert in Fes in Marokko lebte. Sie hat in dieser Stadt eine Universität gegründet, die älteste kontinuierlich betriebene Universität der Welt. Sie war berühmt und zog Studenten aus der ganzen Welt an. Averroes und der spätere Papst Silvester II. sollen dort studiert haben. Können Frauen also doch…“

Ja, ja, man hört viel, wenn der Tag lang ist, auch viele Lügen. Eine solche Frau hat es nie gegeben.

Und jetzt, meine Herren, entlasse ich Sie. Ihre Frauen erwarten Sie bestimmt schon zum Abendessen.

Juli 2024

Rotkäppchen

„Kinder, insbesondere attraktive, wohlerzogene junge Damen, sollten niemals mit Fremden reden, da sie in diesem Fall sehr wohl die Mahlzeit für einen Wolf abgeben könnten. Ich sage „Wolf“, aber es gibt da verschiedene Arten von Wölfen. Da gibt es solche, die auf charmante, ruhige, höfliche, bescheidene, gefällige und herzliche Art jungen Frauen zu Hause und auf der Straße hinterherlaufen. Und unglückseligerweise sind es gerade diese Wölfe, welche die gefährlichsten von allen sind.“

Charles Perrault (1628 – 1703, Schriftsteller, Verfasser von Märchen, u.a. ‚Le Petit chaperon rouge‘)

Halloh!
Ich habe dein Bericht von dem Refrat sehr bewundet. Ich will das auch können. Aber ich weiß nicht was das ist eine PPP. Vieleicht kannst du mir helfen.
Ich gehe in Schöningen zur Eichendorfschule. In die 8. Klasse. Ich bin 15. Ich schicke dir ein Foto von mir.

Das Foto zeigte das Gesicht eines Jungen mit blonden Wuschellocken und blauen Augen.  Am Hals zeichnete sich ein kleiner Adamsapfel ab. Die Haut war klar ohne die häufige Pubertätsakne. Hübscher Knabe, fand sie. Der brauchte unbedingt Nachhilfe. In mancherlei Hinsicht. Aber immerhin hatte so einer den Weg in die Naju gefunden. Das war beachtlich. Die Eichendorffschule in Schöningen war eine Hauptschule, eine der letzten ihrer Art. Wer heutzutage auf so einer Schule landete, der hatte nicht allzu viele Chancen vor sich. Aber sie würde sich um ihn kümmern.

Hi, Du siehst gut aus. Was kann ich für dich tun? Willst Du auch ein Referat halten? In welchem Fach? Über welches Thema?

Halloh, Bei uns gibt es nicht so viele Fächer. Ja, ich will ein Refrat halten. Über die Wolffamilie. Hast du eine Familie?

Klar habe ich eine Familie – meine Eltern und meinen ätzenden kleinen Bruder. Was weißt Du über die Wolffamilie?

Nichts

Beim Wolf spricht man nicht von einer Familie, sondern von einem Rudel. Das Rudel ähnelt aber einer menschlichen Kleinfamilie: Es gibt ein Elternpaar, das meist lebenslang zusammenlebt und gemeinsam ein Revier besetzt. Darin dulden sie außer ihrem eigenen Nachwuchs keine anderen Wölfe. In der Regel bringt eine Wölfin jedes Jahr drei bis acht Welpen zur Welt. Die Welpen des Vorjahres nennt man Jährlinge – das sind gewissermaßen die Jugendlichen der Familie. Meist werden die Jährlinge mit zehn bis 22 Monaten geschlechtsreif und wandern auf der Suche nach einem eigenen Revier und eigenem Partner ab.

Das ist schön. Ein Paar lebt immer zusammen. Das möchte ich. Möchtest du das auch

Vielleicht. Wenn er der Richtige ist.

Möchtest du auch Kinder

Vielleicht. Aber wollten wir nicht über Wölfe reden?

Ja. Wer bestimmt in der Wolfsfamilie

Die Fähe. Also: die Wölfin.

Möchtest du in deiner Familie auch bestimmen?

Was soll das jetzt wieder? Reden wir über dein Referat.

Ja, mein Refrat. Kannst du mir dabei helfen?

Ich kann’s versuchen. Worum soll es denn gehen? Um das Sozialleben der Wölfe? Oder um einen Vergleich von Wolfsfamilie und Menschenfamilie?

Genau.

Das verstehe ich jetzt nicht. Das sind doch zwei ganz verschiedene Themen.

Siehst du, ich bin dumm.

Quatsch, du bist überhaupt nicht dumm. Aber zuerst müssen wir mal das Thema eingrenzen.

Grenzen?

Definieren. Willst du bei deinem Referat auch Bilder zeigen? Fotos? Filme?

Bilder sind gut

Hast du Bilder?

Nein

Ich kann dir welche schicken. Von Wolfsrudeln.

Wolfsrudeln?

Wolfsfamilien.

Ach ja  Entschuldigung

Wann willst du dein Referat halten?

Bald Was ist ein PPP

Eine Power Point Präsentation. Das ist eine besondere Technik. Aber das muss man nicht machen. Man kann auch ohne PPP über Wölfe informieren.

Willst du mir helfen

Klar.

Kannst du kommen

Wohin?

Zu mir nach Schöningen

Es ist mir lieber, wenn du zu mir kommst.

Wo ist das

In Helmstedt.

Wo in Helmstedt

In meiner Schule.

Welche Schule

Am Bötschenberg.

Das Gimnasyum oben auf dem Berg

Genau. Weiß du, wie man da hinkommt?

Ja Torweg Roter Torweg. Ich fahre Rad.

Dann treffen wir uns morgen Nachmittag. Ich bin nach der 10. Stunde fertig. 20 nach 4. Passt dir das?

Das passt gut Wo

Bei dem kleinen Amphitheater.

???

Ein Halbkreis aus Steinen mit ein paar Stufen. Eine Klasse kann da sitzen und Unterricht im Freien haben. Oder man kann etwas aufführen.

Amphitheater

Das hat meine Schule nicht

Ist auch überflüssig. Da ist in der Regel niemand, schon gar nicht nach der 10. Stunde. Wir können da in Ruhe dein Referat planen.

Ich freue mich

Der Mann war mit dem Auto aus Schöningen gekommen. Er war älter als 40. Das dünne blonde Haar war schütter und von rechts nach links gekämmt, um die Glatze zu kaschieren. Er war schlecht rasiert. Die grobporige zu große Nase dominierte das Gesicht. Die kleinen Augen waren zu Schlitzen zusammengekniffen, um besser sehen zu können. Seine Größe ließ sich schlecht schätzen, denn er saß auf einer niedrigen verwitterten Holzbank, die aus ein paar Eisenbahnschwellen zusammengezimmert worden war. Dass er einen Bauch hatte, ließ sich nicht übersehen.

Er saß schon lange hier, die Ungeduld hatte ihn hergetrieben. Das kleine Amphitheater vor ihm, halb verdeckt von einer Robinie und einer buschigen Buche, blieb lange verwaist. Endlich kam sie, sah sich suchend um, wohl nach einem Teen mit einem Fahrrad, zuckte dann die Schultern und setzte sich mit dem Rücken zu ihm auf eine der Stufen. Aus ihrem Rucksack kramte sie ein Tablet und Papiere und fing an zu lesen.

Er schwitzte am ganzen Körper. Auch seine Hände waren glitschig von Schweiß. Aber den starken Metalldraht mit den beiden Griffen hielt er fest und sicher.

Er stand auf und pirschte sich lautlos an.

Mai 2024

Zwangsheirat

Ein König hatte eine Tochter, die war über alle Maßen schön, aber dabei so stolz besonders aber machte sie sich über einen guten König lustig, der ganz oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. „Ei,“ rief sie und lachte, „der hat ein Kinn, wie die Drossel einen Schnabel,“ und seit der Zeit bekam er den Namen „Drosselbart“. Der alte König aber, als er sah, dass seine Tochter nichts tat als über die Leute spotten, und alle Freier, die da versammelt waren, verschmähte, ward er zornig und schwur, sie sollte den ersten besten Bettler zum Manne nehmen, der vor seine Türe käme. (Märchen der Gebrüder Grimm)

Prinzessin I

„Wie geht es meiner Frau?“

„Es gehr ihr recht gut. Sie leidet unter dem postpartalen Stimmungstief, sie hat den Babyblues. Das kennen wir ja schon, sie hatte diese Verstimmungen auch nach den ersten beiden Geburten.“

„Ich kann mich aber nicht erinnern, dass es bei unseren älteren Kindern so schlimm war. Man kann gar nicht mehr mit ihr reden, sie weint immer und hört mir nicht zu.“

„Das wird schon wieder. Ich habe ihr ein leichtes Schlafmittel verordnet, weil sie schlecht Ruhe findet. Das wird ihr helfen, sich besser zu konzentrieren, wenn sie wach ist. Bis zum offiziellen Fototermin in vier Wochen ist sie wieder auf der Höhe, das kann ich versprechen.“

„Fragt sie nach mir?“

„Nein.“

„Fragt sie nach dem Jungen?“

„Bisher nicht – nein.“

„Und wie reagiert sie, wenn man ihn ihr bringt?“

„Um ehrlich zu sein: Sie reagiert gar nicht. Sie starrt unverändert irgendwohin. Sie sieht noch nicht einmal weg.“

„Spricht sie überhaupt?“

„Sie murmelt vor sich hin. Aber sie ist nicht ansprechbar.“

„Sollte man vielleicht einen Psychiater hinzuziehen?“

„Ich bitte um Verzeihung, Königliche Hoheit – ich bin der Psychiater. Um genau zu sein, die Psychiaterin.“

„Sag mal, Du wirst hier ja besser bewacht als die Kronjuwelen! Diese Krankenhausdomestiken wollten sich doch tatsächlich weigern, mich zu Dir zu lassen! Ich musste ordentlich Krach schlagen und mit dem König drohen, um sie einzuschüchtern.

Gibt es hier keinen Stuhl? Ach was, ich setze mich einfach auf dein Bett. So!

Ganz nett hast Du es hier. Zu viele Blumen – gut, dass ich nicht auch noch welche mitgebracht habe. Werden die wenigstens am Abend ausgeräumt? Der Duft ist ziemlich schwer, finde ich.

So, und jetzt gib mir Deine Hand. Die ist ja ganz kalt – frierst Du? Nein? Gut.

Dann erzähl mal.

Kannst Du vielleicht ein bisschen lauter sprechen? Nein, ich glaube nicht, dass Du hier abgehört wirst. Wovor hast Du Angst?“

… 

„Wovor ich Angst habe? … Vor allem. … Vor dem Leben. … Vor ihm. … Vor mir.“

Sie hat mich nun mal geheiratet. Sie wusste, worauf sie sich einlässt. Vielleicht war die Einwilligung nicht ganz freiwillig, es gibt dynastische Verpflichtungen, auch im 21. Jahrhundert, aber im 21. Jahrhundert kann eine junge Frau aus dem Hochadel immerhin ‚Nein‘ sagen, theoretisch wenigstens.

Eine Monarchie braucht Thronfolger. Die Funktion der Ehefrau eines Königs ist in erster Linie die Produktion von Nachwuchs, von gesundem Nachwuchs. Söhne sind eher erwünscht als Töchter. Das alles hat sie gewusst, verdammt noch mal!

Ich hab sie wirklich gemocht. Sie hat bei allen offiziellen Auftritten bella figura gemacht, wie die Italiener sagen, und im Bett – na ja, im Bett war sie passabel. Wir wussten beide, dass wir einen Pflichtakt vollzogen, dass wir Kinder zeugen mussten, dass es nicht um Spaß ging. Aber wir haben so getan, als ob.

Der Bruch kam vor zwei Jahren. Wir hatten das dritte Kind angesetzt. Die Öffentlichkeit wurde erst mal nicht informiert, wie wir das immer tun, bis die pränatalen Untersuchungen grünes Licht signalisierten. Im dritten Monat kam dann die Diagnose: Trisomie. Natürlich war das ein No-Go.

Die Familie hat beschlossen, die Schwangerschaft abzubrechen. Die königliche Familie, nicht  sie. Nicht die Mutter.

Seitdem ist auch das kaputt, was noch nicht kaputt war. Ich weiß nicht, ob sie das Kind gewollt hätte. Die ersten beiden Kinder von mir hat sie ja auch nicht gewollt. Aber vielleicht wollte sie dieses Kind, weil ich es nicht wollte, weil es nicht perfekt sein würde, so wie ich alles perfekt haben wollte. Weil es nicht so perfekt sein würde, wie sie es in meinen Augen nicht war. 

Sie hat nicht mehr mit mir geredet. Sie ist mir ausgewichen, wann immer sie konnte.

Wir hatten bis dahin zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Zu wenig, um wirklich sicher zu sein. Wirklich sicher ist man natürlich nie, aber je mehr Kinder, desto besser. Gesunde Kinder natürlich. Aber auch die können einer  neuen Seuche wie Corona zum Opfer fallen.

Also mussten wir nochmal ran. Ich hatte keine Lust, und sie natürlich auch nicht. Wir hätten diese modernen Wege gehen können, invitro Fertilisation oder wie man das nennt, aber das war dann doch unter meiner Würde. Ich spritz’ doch nicht in ein Glas ab, damit mein königlicher Samen hinterher … nein,danke!

Es war furchtbar. Sie lag im Bett wie ein Brett, und ich hatte Mühe. Mehr als Mühe. Natürlich konnte ich mir keinen Porno ansehen, um in Fahrt zu kommen, aber es gibt ja immer noch das Kopfkino. Ich habe mir vorgestellt …also das würde jetzt zu weit führen. Jedenfalls wurde sie wieder schwanger, und es gab keine Komplikationen. Bis jetzt.

Wenn sie den Jungen ablehnt, wie es scheint, wird sich das vertuschen lassen. Natürlich säugt sie nicht, das hat sie nie getan, Säugen schadet der Figur, es ruiniert die Brüste. Für die Erziehung gibt es die Gouvernante und in ein paar Jahren das Internat.

Das Problem ist ein anderes. Die Familie möchte sicher gehen und wünscht sich ein viertes Kind von mir. Natürlich mit ihr – mit wem sonst?

Prinzessin II

Liebes Tagebuch!

Ich habe Dich hier im Ort gekauft. Mein Bruder hat mich auf einem Spaziergang begleitet. Allein darf ich nicht mehr aus dem Haus. In einem Schreibwarengeschäft habe ich Dich gefunden und auch einen Stift. Mein Bruder wollte wissen, wozu ich so ein dickes Heft brauche. Um ein Haushaltsbuch zu führen, habe ich behauptet. Damit war er zufrieden. Wahrscheinlich weiß er noch nicht mal, was das ist, ein Haushaltsbuch. Aber mit dem Wort ‚Haushalt‘ war er zufrieden. Das Wort passt zu der Zukunft, die mein Vater für mich geplant hat.

Mein Vater war mein liebster Mensch. Er hat alles für mich getan. Sonntags sind wir im Sommer Eis essen gegangen und im Winter Schlittschuh laufen. Meine Mutter hat geschimpft, weil das immer viel Geld gekostet hat. Aber er hat nur gelacht. „Für meine Prinzession ist nichts zu teuer,“ hat er ihr geantwortet.

Sogar meine Schule durfte ich mir aussuchen. Ich wollte unbedingt aufs Gymnasium und Abitur machen. Natürlich war meine Mutter auch dagegen. Aber ich war eine gute Schülerin, die Lehrer sagten, ich würde das spielend schaffen. Darauf hat sich mein Vater berufen. „Das Kind soll Spaß haben, solange es geht,“ hat er gemeint.

Ich habe mir nichts bei diesen Worten gedacht. Ich habe geglaubt, es würde immer so gehen.

Nach der Schule wollte ich studieren. Ich wusste noch nicht genau, was. Maschinenbau, Bauingenieurwesen, Architektur. Irgendwas mit Bauen jedenfalls. Ich würde von zu Hause ausziehen und mit anderen Studis in einer WG leben. Neben dem Studium würde ich jobben. Mit dem Verdienst und mit Bafög würde ich über die Runden kommen, ohne meinen Eltern weiter auf der Tasche zu liegen. Ich habe das genau durchgerechnet.

Mit meinen drei Freundinnen habe ich viel zusammen gemacht. Für die Schule gelernt natürlich, aber wir sind auch in Konzerte gegangen, Konzerte für junge Leute, meine ich, und auf Parties. Auf so etwas haben meine Eltern genau aufgepasst, nicht nur meine Mutter, mein Vater eigentlich noch mehr. Ich musste ihnen versprechen, immer mit meinen Freundinnen zusammen zu bleiben. Mich nicht mit Jungen einzulassen. Und immer vor Mitternacht zu Hause sein.

Das mit den Jungen war kein Problem, ich kann an Männern nichts finden. Überhaupt ist Sex nicht mein Ding. Neugierig bin ich schon, na klar, wer ist das nicht. Aber dass mein Körper auf einen Mann reagiert? Fehlanzeige. Eher wohl schon auf eine Frau, aber das könnte ich meinen Eltern nie sagen.

Am Tag nach den mündlichen Abiprüfungen sind wir vier zum Feiern losgezogen. Ich war ausgelassen und total losgelöst, habe abgetanzt, bis ich fast umgefallen bin, und habe die Zeit völlig vergessen. Als ich nach Stunden zum ersten Mal auf die Uhr gesehen habe, war es halb drei.

Natürlich fuhr keine Straßenbahn mehr und auch kein Bus, ich musste nach Hause laufen. Als ich eine Stunde später vor unserem Haus ankam, sah ich die Katastrophe: Unsere Wohnung war hell erleuchtet.

Alle drei saßen in der Küche am Tisch, voll angezogen: Mein Vater, meine Mutter und mein Bruder. Mein Vater stand auf, kam auf mich zu, ohne ein Wort zu sagen, und gab mir eine solche Ohrfeige, dass ich gegen die Wand flog. Dann setzte er sich wieder und wartete, dass ich mich aufrappelte. Als ich hochkam, taumelig und benommen, wollte ich mich auch an den Tisch auf meinen Stuhl setzten, aber er schrie mich an: „Du bleibst gefälligst stehen!“ Er hatte mich noch nie geschlagen und auch nicht angeschrien. Ich war völlig durcheinander.

„Hast Du Dich vergessen?“ Das war dann meine Mutter.

„Ich habe die Zeit vergessen, das ist alles. Es tut mir leid!“ Irgend so was habe ich wohl gesagt, ich weiß es nicht mehr genau.

„Jetzt wird sie auch noch frech, die Schlampe!“ Das war der Kommentar meines lieben Bruders.

Sie schickten mich auf mein Zimmer. Schlafen konnte ich natürlich nicht, aber sie auch nicht. Ich hörte sie leise miteinander reden.

Am nächsten Morgen kam meine Mutter, natürlich wie immer ohne anzuklopfen. Sie eröffnete mir, dass ich Hausarrest habe. Genauer: Zimmerarrest. Ich wusste, nicht, ob das legal war. Zwar war ich noch nicht achtzehn, ein paar Wochen fehlten noch bis zum Geburtstag, aber eine angemessene Erziehungsmaßnahme war das bestimmt nicht. Andererseits: was sollte ich machen? Abhauen? Wohin? Also fügte ich mich.

Meine Mutter brachte mir zu essen, ich durfte auch ins Bad. Niemand redete mit mir. Niemand sagte, wie es weitergehen sollte. Ich hatte das Gefühl durchzudrehen.

Nach ein paar Tagen befahl mir meine Mutter, mich anzuziehen. Wir würden ausgehen. Sie sagte nicht wohin.

Ich fand mich in einer Frauenarztpraxis wieder. Sie hatte mich dort zu einer Untersuchung angemeldet, zu einer Routineuntersuchung, sagte die Arzthelferin an der Rezeption. Es werde nicht lange dauern, wir möchten kurz im Wartezimmer Platz nehmen.

Tatsächlich wurde ich bald in ein Besprechungszimmer gebeten. Meine Mutter ging einfach mit. Der Arzt kam herein und grüßte: „Merhaba!“ „Merhaba!“ antwortete ich automatisch, obwohl ich die türkische Sprache fast vergessen habe. Zuhause sprechen wir deutsch, denn mein Vater sagt, nur so können wir uns integrieren.

Nach dem üblichen Vorgeplänkel – warum ich gekommen sei (weiß ich nicht), ob ich Beschwerden hätte (nein)  – wurde ich im Untersuchungszimmer auf diesen merkwürdigen Stuhl gesetzt oder besser gelegt, den ich noch nicht kannte. Ich empfand die Situation als äußerst unangenehm. Ein fremder Mann, mochte er Arzt sein oder nicht, hatte mich in eine entwürdigende Lage gebracht und machte sich an meinen Genitalien zu schaffen. Das einzig positive war, dass meine Mutter nicht dabei sein durfte.

Als ich endlich meine Beine wieder zusammenlegen durfte, absteigen konnte und mich angezogen hatte, gab es einen kurzen Abschluss im Besprechungszimmer. Der Arzt sagte zu meiner Mutter, ja, zu meiner Mutter, nicht zu mir: „Alles in Ordnung.“ Und ich sah meine Mutter lächeln. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich meine Mutter überhaupt je habe lächeln sehen.

Das gute Wetter hielt aber nicht an. Zu Hause war alles wie gehabt. Ich saß wieder in meinem Zimmer. Tagelang. Bis mein Vater zu mir kam. Anders als meine Mutter klopfte er vorher an die Tür, er wartete aber nicht, bis ich ‚Herein!‘ rief.

„Du darfst Dich freuen, Prinzessin!“ sagte er. „Wir machen Urlaub. In unserem Land. Die ganze Familie. Nach all der Lernerei hast Du Dir das verdient. Morgen fliegen wir.“

‚In unserem Land‘. Noch nie hatte er die Türkei ‚unser Land‘ genannt. Ich merkte, dass etwas verrutscht war. Aber ich wusste nicht was.

Am nächsten Morgen fuhren wir alle vier in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen und bestiegen einen Flieger nach Ankara. Natürlich braucht man für so etwas Ausweise, um so etwas habe ich mich nie gekümmert. Meine Mutter legte bei der Passkontrolle türkische Ausweise vor, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Für mich war das neu: Ich hatte also einen türkischen Pass.

Ankara liegt mitten in der Türkei in Anatolien, aber mein Vater hatte von Urlaub gesprochen. Ich rechnete also damit, dass wir weiterfahren würden, irgendwo ans Meer, aber stattdessen brachte uns mein Vater zum Bahnhof, und wir stiegen in einen Zug in Richtung Kars. Genau wusste ich nicht, wo das war, aber ganz bestimmt ziemlich weit im Osten und ganz bestimmt nicht am Meer.  Ich schien die einzige in unserer Familie zu sein, die sich über den Reiseplan wunderte. Alle anderen hielten ihn für vernünftig.

Wir stiegen an einem kleinen Bahnhof aus dem Zug. Das Stationsgebäude sah aus, als wäre es aus dem Film  ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ entsprungen. Selbst das Fliegengesumm konnte man hören. Aber niemand brachte uns um. Jedenfalls nicht gleich.

Ein Onkel holte uns ab, ein Bruder meines Vaters, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte. Er hatte einen großen Pickup mit einer Fahrerkabine für vier, so dass wir alle Platz fanden. Unsere Koffer kamen hinten auf die Ladefläche. Der Onkel hatte seinen Bruder umarmt und seine Schwägerin, also meine Mutter, nur angelächelt. Mit meinem Bruder hatte er einen Fistshake gewechselt. Mich hatte er nicht mal angesehen.

Das kam mir schon ziemlich komisch vor.

Der Onkel fuhr uns zu seinem Haus. Es war groß, er hatte Familie, eine Frau, drei Söhne. Die Frau hatte gekocht, es gab zu essen und zu trinken, es schmeckte gut. 

Obwohl mir alles fremd war, fühlte ich mich ganz wohl, ich hatte Hunger und Durst gehabt, und jetzt war ich zufrieden. Wir waren früh aufgestanden, ich war müde und wollte schlafen. Niemand hatte etwas dagegen, dass ich ins Bett ging. Ich schlief fast sofort ein.

Die anderen blieben am Tisch sitzen.

„Sie ist also noch Jungfrau, das ist bestätigt?“

„Ja.“

„Kann sie kochen?“

„Na ja. Meine Frau hat ihr das eine oder andere beigebracht.“

„Also nicht. Kann sie unsere Sprache?“

„Als Kind hat sie sie gelernt. Aber in den späteren Jahren…“

„Also nicht. Kann sie nähen?  Einen Haushalt führen? Kann sie mit Vieh umgehen?“

„Also wenn Du mich so fragst: Nein.“

„Was soll sie dann hier?“

„Sie soll Deinen ältesten Sohn heiraten.“

„Warum? Er kann hier im Dorf viele Frauen finden, hübsche Frauen, Jungfrauen, die können kochen, nähen, einen Haushalt führen und mit Vieh umgehen. Und türkisch können sie sowieso. Also?“

„Sie wird nicht wollen.“

„Um so schlimmer!“

„Um so schlimmer? Um so besser! Sag, welche Deiner Dorfschönheiten hier würde sich gegen Deinen Sohn wehren? Na?“

„Keine, denke ich doch.“

„Na also. Welcher Mann will seine Herzensdame nicht erobern? Sie muss sich wehren, um wirklich sein zu sein. Und er muss sie unterwerfen, damit sie gefügig ist und weiß, dass sie sein ist. Er muss sie lehren zu tun, was ihm gefällt. Sie  muss  seine Befehle in seiner Sprache befolgen. Du siehst –  meine Tochter ist genau die richtige Frau für deinen Sohn.“

„Na ja…“

„Wir haben ein Brautkleid aus Mannheim mitgebracht. Etwas Schöneres gibt es in der ganzen Türkei nicht. Brautschmuck auch – schweres Gold. Sie wird schön sein. Dein Sohn wird zufrieden sein.“

Natürlich habe ich dieses Gespräch nicht gehört. Ich weiß auch nicht, ob es sich so abgespielt hat. Aber dass ich verkuppelt werden sollte, kriegte ich beizeiten mit.

Ich sollte zum Friseur. Meine Fingernägel wurden manikürt und lackiert. Freundinnen, von denen ich nicht wusste, dass ich sie hatte, kamen zu Besuch, aßen Kuchen, den meine Tante gebacken hatte und den ich nicht mochte, und beglückwünschten mich. Wenn ich fragte: Wozu? kicherten sie und drucksten herum.

Wenn die Mädchen nicht um mich herumwuselten, war mein Bruder immer an meiner Seite, sobald ich das Haus verließ. Das war mir ziemlich egal. Wer mich eigentlich interessierte, war mein Vater. Er sollte mir Rede und Antwort stehen. Aber er ging mir aus dem Weg. 

Endlich erwischte ich ihn. Es war ein Nachmittag, er kam zusammen mit seinem Bruder aus der Moschee. Vom Freitagsgebet. In Deutschland hat er am Freitag Nachmittag immer ein Bier getrunken in Vorfreude auf das Wochenende, an dem er mit mir zusammen etwas unternommen hat. Aber das sagte ich ja schon.

„Lütfen, baba…“ Da war es mit meinem Türkisch schon wieder zu Ende. „Kann ich mit Dir sprechen?“

Es wurde kein Gespräch. Es wurde ein Vortrag, bei dem ich nicht zu Wort kam. Sobald ich den Mund aufmachte, drohte er mich zu schlagen.

Er sagte, ich hätte die Familienehre beschmutzt. Beinahe jedenfalls. Aber es sei ja gerade noch mal gut gegangen, wie der Arzt bestätigt habe. Noch einmal werde ich ihn nicht in eine solche Situation bringen. Er sei zu nachsichtig mit mir gewesen. Jetzt werde er durchgreifen. Ich werde heiraten, und zwar meinen Cousin. Hier. In der Moschee. Der Imam sei einverstanden. Wir würden die Hochzeit feiern, wenn auch nur in kleinem Kreis. Höchstens 200 Gäste. Das gehe leider nicht anders. Meine Mutter, mein Bruder und er würden danach nach Deutschland zurückfliegen. Ich würde mit meinem Mann hier leben.

Endlich war er fertig. 

Ich hatte nur noch eine kurze Frage: „Und wenn ich nicht will?“

„Der Prophet sagt:’ Eine Jungfrau darf nur verheiratet werden, wenn sie der Heirat zustimmt.’“

„Dann ist ja alles klar. Jungfrau bin ich, und ich werde dieser Heirat nicht zustimmen.“

„Der Prophet sagt auch: ‚Eine Jungfrau gibt dadurch ihr Jawort, daß sie schweigt.‘“

Das war’s also. Ich hatte keine Chance: Keine Papiere, kein Geld, keine Sprachkenntnisse, keine Freunde.

Er hat mich also geheiratet, indem ich geschwiegen habe. Natürlich bin ich jetzt keine Jungfrau mehr. Am Morgen nach der Hochzeitsnacht hat meine Schwiegermutter das blutbeschmierte Bettlaken triumphierend aus dem Fenster gehängt.

Ich lerne jetzt türkisch. Ich lerne kochen. Ich kann auch schon Ziegen melken und Käse machen. Ich trage einen Türban. Ich widerspreche meinem Mann nicht.

Und ich führe dieses ‚Haushaltsbuch‘. Das hilft mir irgendwie. Ich verstecke es gut. Vielleicht findet es einmal jemand. Irgendwann.

April 2024

Der Dummling und der Erpel

Zwei Brüder suchten Abenteuer und verließen deshalb ihre Heimat, in der es ihnen zu eng war. In einem fernen Land ließen sie sich nieder und beschlossen, die Welt einmal so richtig durcheinander zu bringen. Sie selbst, dachten sie, würden dabei viel Spaß haben und reich werden.

Sie verlegten sich darauf, Gifte zu machen und zu verkaufen. Kunden fanden sich schnell: Regierungen mussten ihre Soldaten im Krieg gegen Parasiten und Krankheitsüberträger schützen, Plastikproduzenten waren begierig nach Weichmachern, und Bauern wie Hobbygärtner wünschten sich Pestizide.

Sie wiegten die Kunden in dem Glauben, dass ihre Gifte nur gezielt wirkten, also zum Beispiel gegen Läuse, Malariamücken oder Unkraut. Oft ging aber etwas schief: Vögel legten Eier mit dünneren Schalen und und bekamen deshalb keinen Nachwuchs mehr, Fabrikarbeiter erkrankten, Fische starben in verseuchtem Wasser, die Zahl der Insekten ging zurück.

Natürlich leugneten die Brüder, dass solche unschönen Entwicklungen etwas mit ihren Giften zu tun hatten, aber mehr als einmal mussten sie zähneknirschend akzeptieren, dass ihre Produkte verboten wurden.

Nach einiger Zeit verloren sie die Lust an ihrem giftigen Spiel und verkauften ihre Fabriken an jemanden, der dumm genug war, ihnen dafür viel Geld zu bezahlen. Dumm, weil es niemandem gelang, neue Pestizide zu erfinden, und gegen die alten wurden Pflanzen und Tiere allmählich unempfindlich.

Sie reisten wieder nach Hause und fanden dort ihren jüngsten Bruder, den sie fast vergessen hatten. Er war einfältig, fanden sie, und nannten ihn deshalb den Dummling.

„Na, Kleiner, wie ist es Dir ergangen?“ fragte der Älteste überheblich. Eigentlich wollte er gar keine Antwort haben, stattdessen brannte er darauf, mit seinem Reichtum zu prahlen.

„Mir geht es gut,“ antwortete der Dummling. „Kommt, ich zeige Euch, wie ich lebe.“

Er führte seine Brüder in seinen Wald. Bald kamen sie an einen großen Ameisenhaufen. Die zwei ältesten wollten ihn aufwühlen und sehen, wie die kleinen Ameisen in der Angst herumkröchen und ihre Eier forttrügen. So etwas bereitete ihnen Freude. Mit ihren Giften hatten sie schon vielen Ameisen geschadet. Die kleinen Krabbeltiere waren nur lästig und überflüssig, fanden sie. Aber der Dummling sagte: „Laßt die Tiere in Frieden, ich will nicht, dass Ihr sie stört!“

Da gingen sie weiter und kamen an einen See, auf dem schwammen viele, viele Enten. Die zwei Brüder wollten ein paar fangen und braten, aber der Dummling ließ es nicht zu und sprach: „Laßt die Tiere in Frieden, ich will nicht, daß Ihr sie tötet!“

Schließlich kamen sie an ein Bienennest, darin war so viel Honig, daß er am Stamm herunterlief.

Die zwei wollten Feuer unter den Baum legen und die Bienen ersticken, damit sie den Honig wegnehmen könnten. Der Dummling hielt sie aber wieder ab und sprach: „Laßt die Tiere in Frieden, ich will nicht, daß Ihr sie verbrennt!“

Die beiden älteren Brüder waren sich einig: Bei dem Dummling war es einfach nur langweilig. Nichts dufte man kaputtmachen! Sie beschlossen, wieder in die Welt zu ziehen und ihr Glück in der Ferne ein zweites Mal zu versuchen.

Schnell stellten sie fest, dass die Welt, die sie vergiftet hatten, ein unwirtlicher Ort geworden war. Sie litten Hunger, denn die Pflanzen trugen keine Früchte mehr: Die bestäubenden Insekten waren verschwunden. Und es stank entsetzlich, wohin sie auch kamen: Die kleinen Tiere, die sich früher von Aas ernährt hatten, waren verschwunden. Sie schämten sich, aber sie wussten keinen anderen Ausweg – sie kehrten zu ihrem Bruder zurück.

„Schau an, schau an!“ sagte der Dummling. „Jetzt wisst Ihr also, dass Insekten wie Ameisen und Bienen wichtig sind, oder? Dass es dumm und kurzsichtig ist, sie zu vergiften oder sonstwie umzubringen? Zum Glück sind meine Tiere ja noch am Leben, ich kann Euch also zu essen geben. Und bei mir riecht es nach Leben, nicht nach Tod.“

Die Älteren bedankten sich kleinlaut und futterten, bis alle Teller und Schüsseln leer waren. 

Danach sagte der eine: „Es ist bei Dir, wie es sein soll.“

Dann der andere: „Aber überall sonst ist die Welt verdorben. Wir haben sie verdorben.“

Und der eine: „Kann man das wieder rückgängig machen? Kannst Du das?“

„Mal sehen,“ meinte der Dummling. „Es gibt ja noch die Enten. Die sind aber umgezogen und wohnen jetzt in der Stadt. Wir können zu Fuß dahin gehen. Keine Sorge, es ist nicht weit!“

Die beiden älteren Brüder schüttelten den Kopf. Enten, die in der Stadt leben! Er war eben doch der Dummling, ihr kleiner Bruder! Aber weil ihnen nichts besseres einfiel, ließen sie sich auf den Vorschlag ein.

Die Stadt war wirklich nicht weit weg, aber Häuser, Straßen und Parks waren deutlich kleiner, als sie es kannten, nämlich in entengerechter Größe. Nur ein riesiges würfelförmiges Gebäude, das auf einem Hügel thronte, stach heraus.

Der Dummling zeigte darauf: „Dahin müssen wir! Ich empfehle Euch, sehr höflich zu ihm zu sein.“

„Zu ihm? Wer ist er?“

„Dagobert Duck ist die reichste Ente der Welt. Vielleicht das reichste Individuum überhaupt. Und er ist ungemein geizig.“

„Was wollen wir dann bei ihm?“

Der Dummling zuckte die Schultern. „Abwarten. Auch eine geizige Ente ist eine Ente.“

Er drückte auf den Klingelknopf, hielt sein Gesicht in die Kamera, die über der Tür angebracht war, beantwortete die Frage, ob er ein Panzerknacker oder Gundel Gaukeley sei, mit ‚Nein‘ und wurde eingelassen.

Drinnen hörten sie, wie Metall auf Metall schlug.

„Das bedeutet, dass er wieder badet,“ meinte der Dummling. „Lasst Euch bloß nicht einfallen, über ihn zu lachen!“

Sie stiegen viele Treppen hoch bis unter das Dach, und dann sahen sie einen Erpel mit Backenbart in einem altmodischen roten Frack, der in Goldtalern herumwühlte und dabei quakte: „Es ist mir ein Hochgenuss, wie ein Seehund hineinzuspringen! … Und wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen! … Und es in die Luft zu schmeißen, dass es mir auf die Glatze prasselt!“ Trotz seiner Ekstase merkte er irgendwann, dass er nicht mehr allein war. Er setzte sich auf, musterte seine Besucher und sagte: „Bei mir könnt Ihr alles kaufen. Ich bin der größte Kaufmann der Welt und mache die besten Preise. Was darf’s denn sein?“

Der Dummling tat bescheiden. „Ach,“ nichts Besonderes. Nur ganz gewöhnliche Lebensmittel: Butter, Eier, Milch, Zucker, Mehl und Maiskolben.“

„Ts, Ts, Ts,“ machte Dagobert Duck. „Ganz gewöhnliche Lebensmittel, ja? Zufällig die wichtigsten Zutaten für meine Lieblingsgerichte: Pfannkuchen und Maiskolben mit warmer Butter, ja? Dinge, die gerade auf dem Markt kaum zu bekommen sind, ja?“ Er richtete sich zu voller Größe auf und trompetete: „Wer seid Ihr?“

„Ich bin nur der Dummling,“ antwortete der Dummling. „Diese beiden sind meine Brüder. Sie haben die Welt vergiftet. Deshalb gibt es die Zutaten für Deine Lieblingsgerichte kaum noch. Wir sind hier, weil wir Deine Hilfe brauchen.“

„Wie das?“ fragte der Erpel höhnisch. Soll ich etwa Milch scheißen und Eier legen?“

„Ganz sicher nicht,“ sagte der Dummling. „Aber Du hast viel Geld. Damit kannst Du die Welt reparieren.“

„Mit meinen 500 Trillionen, 253 Billiarden, 675 Billionen, 123 Milliarden, 934 Millionen, 300 500 Talern und 13 Kreuzern soll ich die Welt reparieren? Warum sollte ich das tun?“

Dem Dummling gingen viele Antworten durch den Kopf, aber er entschied sich für nur eine: „Weil Du dann wieder ohne  Probleme Pfannkuchen und Maiskolben mit warmer Butter essen kannst, soviel Du magst.“

„Das leuchtet mir ein,“ meinte Duck. „Ich mache das, wenn ich nur meinen Glückskreuzer behalten kann. Aber sag mal: Kann man die vergiftete Welt wirklich mit Geld reparieren?“

„Im Märchen geht das. Im Märchen geht alles. Aber nur im Märchen.“

Und als die drei Brüder nach Hause gingen, krabbelten überall die Ameisen, summten überall die Bienen und schwammen auf vielen Teichen die Enten.

März 2024

Kein Froschkönig

Sie

Der Typ stalkt mich. Seit Jahren macht er das. Oder ist das kein Stalking, wenn man sich jeden Tag sieht? Wir sehen uns jeden Tag, außer in den Ferien und wenn einer von uns krank ist oder krank zu sein behauptet. Wir gehen bis zum Abitur in dieselbe Klasse in derselben Schule.

Wahrscheinlich meint er es nicht mal böse, aber er nervt. Er glaubt, er muss mich beschützen. Er hat mich schon mal beschützt, das denkt er jedenfalls. Da waren wir beide in der fünften Klasse. Und seitdem werde ich ihn nicht mehr los.

In der Grundschule waren in meiner Klasse nur 18 Kinder, und nach dem Wechsel zum Gymnasium waren es ungefähr doppelt so viele. Wie sollte man da lernen können?

Ich saß in der ersten Reihe neben meiner besten Freundin und war fest entschlossen, immer gut aufzupassen, aber das war nicht leicht. Sobald der Lehrer  in Mathe oder die Lehrerin in Deutsch sich zur Tafel wendete und etwas anschrieb, flogen Papierkügelchen in mein Haar. 

Er

Sie hasst mich. Vielleicht hasst sie mich noch nicht mal, denn sie gibt mir immer das Gefühl, dass ich gar nicht da bin. Wen man hasst, den nimmt man wenigstens wahr.

Schon am ersten Tag in der neuen Schule fand ich sie klasse. Wir waren 20 Mädchen und 15 Jungen in der 5a im Gymnasium. Viel zu viele Kinder, viel mehr als in der Grundschule, aber wir Jungen konnten uns die Mädchen aussuchen. Dachte ich. Auf drei Jungen kamen vier Mädchen, soviel rechnen konnte ich.

Aber sie ließ mich nicht an sich ran. Schon die Sitzordnung bremste mich aus. Der Klassenlehrerdrachen kannte keine Diskussion: Die Mädchen saßen vorne, die Jungen hinten. Also waren die Mädchen in den vorderen Reihen brav und passten auf, und wir machten hinten Quatsch und lernten wenig.

Papierflieger basteln und mitten in der Sunde lossegeln lassen, wenn der Lehrer was an die Tafel schrieb, das wurde zu unserer beliebtesten Mutprobe. Man durfte sich nicht erwischen lassen, und wessen Flieger am weitesten kam, der hatte gewonnen. Und wer es sogar wagte, seine Segler aus Arbeitsblättern herzustellen, statt damit zu lernen, war in unseren Augen König der Klasse.

Ich habe lieber meine Prinzessin mit Papierkugeln beworfen. Für mich habe ich sie immer Prinzessin genannt. Die Kügelchen waren aus kleinen Zetteln gemacht, die ich vorher beschriftet hatte. Kleine Liebesbriefe habe ich geschrieben. Sehnsuchtsbriefe. Dass ich sie gerne treffen möchte. Sie zu einem Eis einladen oder zu einer Cola. Dass ich sie zu Hause besuchen möchte. Dass sie mich in ihr Zimmer einlädt. Dass wir knutschen. Die Zettel habe ich so zerrissen, dass man die Texte kaum noch lesen konnte. Es wäre mir peinlich gewesen, wenn sie mitgekriegt hätte, was ich geschrieben habe. Aber natürlich hat sie nicht im Traum daran gedacht, meine Liebesgeschosse aufzudröseln. Sie hat sie aus ihren Haaren rausgepult und auf den Boden geworfen. Und sie hat sich wütend umgesehen.

Ich glaube nicht, dass sie gemerkt hat, dass ich sie geärgert habe. Sie hat alle Jungen der Reihe nach angestarrt. Als ich dran war, bin ich mit meinem Stuhl voll nach hinten gekracht. Natürlich haben wir Jungen alle gekippelt, obwohl das streng verboten war: Mobiliar schonen und so. Wer cool war, kippte dabei auch nicht um. Aber wenn einen so ein Granatenblick trifft…

In den Stunden also: keine Chance. Auch nicht in den Pausen. Da steckten die Mädchen auf dem Hof in Gruppen die Köpfe zusammen und kicherten, während wir Jungen wie die Blöden um eine Tischtennisplatte hetzten. Jeder hatte einen Schlag. Wer patzte, war raus. Wer übrig blieb, war Champion. Bis zur nächsten großen Pause.

Deshalb habe ich mich auf den Wandertag gefreut. Ja. Wirklich. Trotz des schrecklichen Namens: Wandertag. Natürlich hat unser Klassenlehrerdrachen das mit dem Wandern wörtlich genommen. Sie hat gelächelt, aber gequält, als sie uns erklärt hat, dass wir auf diesen Tag Anspruch hätten. Er diene der Stärkung der Klassengemeinschaft.

Aha, dachte ich. Klassengemeinschaft ist also, wenn die Mädchen vorne sitzen und die Jungen hinten und möglichst wenig miteinander zu tun haben? Und das soll gestärkt werden?

Natürlich bestimmte der Drachen, wo es lang ging. Wir würden mit der Bahn in eine Stadt fahren und dann nochmal mit der Bahn in irgend ein Kaff, und von da aus zu Fuß zu irgend welchen Klippen. Dort würden wir rasten und picknicken, bevor alles auf demselben Weg zurück nach Hause ging. Was wir alles mitbringen müssten. Wann wir uns wo treffen.

Ich habe kaum zugehört. Das einzig wichtige war der Treffpunkt. Den wollte ich auf keinen Fall verpassen.

Meist kam ich auf den letzten Drücker zur Schule, manchmal auch zu spät, aber an dem Tag war ich mindestens eine Viertelstunde zu früh am Bahnhof. Wer nicht kam, war sie. Sie tauchte erst in der letzten Minute auf und wurde natürlich sofort von ihren Freundinnen in die Mitte genommen.

Der Klassenlehrerdrachen hatte Sitzplätze reserviert: 20 in einem Waggon, 16 in einem anderen. Das verkündete sie, als wir auf dem Bahnsteig standen. Es war dann keine Überraschung, wo die Mädchen und wo die Jungen sich wiederfanden. Und wo der Klassenlehrerdrachen saß. 

In dem zweiten Zug gab es keine reservierten Plätze mehr. Wir stiegen ein und setzten uns, wo frei war. Ich verlor meine Prinzessin wieder aus den Augen.

Dann kam der Wanderteil des Wandertages. Die Mädchen taten so, als würden sie gerne durch Pfützen und über Wurzeln bergauf steigen. Vielleicht machte es ihnen tatsächlich Spaß. Sie sangen sogar dazu: ‚Ein belegtes Brot mit Schinken, ein belegtes Brot mit Ei…‘ Woher kannten sie bloß einen so bescheuerten Text?

Wir Jungen schlenderten cool hinterher und fanden die ganze Veranstaltung doof. Bis wir an die Klippen kamen – ja, das war schon was, das mussten wir zugeben. Schroffe Felsplatten, übereinander gekippt, ineinander verschachtelt. Hoch in den Himmel. Natürlich wollten wir da raufklettern. Natürlich verbot das der Klassenlehrerdrachen, kaum dass wir angekommen waren.

Ich weiß nicht, warum wir gehorchten. Vielleicht dachten wir an unsere miserablen Leistungen in der Schule und dass wir uns keinen Ärger einhandeln durften. Brav hockten wir uns hin und packten unsere Äpfel und hartgekochten Eier und Thermosflaschen aus.

Dann hörten wir den Schrei.

„Hilfe!“

Sie stand da ganz oben. Ich hätte ihr unter die Röcke gucken können, wenn sie keine Hosen angehabt hätte. Die nächste Trittmöglichkeit für den Abstieg war weit unten, wie weit, war schwer zu schätzen, ich hatte einen ungünstigen Blickwinkel. Sie stand da und schwankte leicht. Ihre Füße standen zu nahe beieinander, das konnte ich sehen. Sie traute sich nicht, sich zu bewegen. Niemand traute sich, sich zu bewegen außer mir.

Ich hätte jetzt rufen können: „Ich komme! Halt still! Beweg Dich nicht!“ Aber das war mir zu doof. Ich fing einfach an zu klettern.

Nach ein paar Minuten hatte ich sie unten in Sicherheit.

Sie

Dann kam dieser Wandertag. Ich gebe es ja zu: ich war viel zu leichtsinnig. In Sport bin ich nun mal gut, und ich hatte einen Riesenspaß daran, in Nullkommanix oben auf den Klippen zu sein. Dummerweise hatte ich mir den Weg hinauf nicht gemerkt, und beim Klettern ist es abwärts immer schwieriger als aufwärts. Wahrscheinlich wäre nichts passiert, wenn ich den Nerv gehabt hätte, in Ruhe nachzudenken. Stattdessen habe ich um Hilfe gerufen wie eine hysterische Zicke aus dem Bilderbuch.

Ich hab es kaum glauben können: Er kam sofort angedüst. Dabei ist er überhaupt nicht der sportliche Typ. Eher eine Art Watschelente. Oder ein Frosch. Ein dicker, behäbiger Ochsenfrosch. Und er hat meine Hand gegriffen, ganz fest, als sei das selbstverständlich, und hat mich sicher runtergelotst.

Unten wurde ich nicht rundgemacht, wie ich es erwartet hatte. Alle konzentrierten sich auf meinen Retter. Meine Freundinnen und die Klassenlehrerin überschütteten den Frosch mit Lob. Die anderen Jungs pfiffen anerkennend, und er wurde ganz puterrot.

Ich versuchte, mich für den Rest der Veranstaltung unsichtbar zu machen, was mir aber nicht gelang. Mein Vater holte mich nämlich vom Bahnhof ab, und natürlich bekam er brühwarm aufgetischt, was bei den Klippen passiert war. Spätestens jetzt, dachte ich, blüht mir Böses. Aber Papa nahm mich nur sanft in einen Arm. Mit dem anderen umhalste er den Frosch und drückte ihn kräftig.

„Junge,“ sagte er gerührt, „was auch immer Du Dir von meiner Tochter wünschst, Du sollst es bekommen. Meine Tochter will das auch.“

Was blieb mir anderes übrig, als ja zu sagen?

Seitdem habe ich den hässlichen Kerl an der Backe.

Wir sind beide seit dem Wandertag in der fünften Klasse nicht hübscher geworden, klar. Die Pubertät hat uns erwischt, und die ist nun mal ein Schönheitsvernichtungsprogramm. Mein Arsch ist gewachsen und ist viel zu dick, meine Brüste nerven und sind lästig beim Joggen, wenn ich meine Tage habe, kann ich mich selber nicht riechen. Die Haare werden schneller fettig, als ich sie waschen kann, und Fett ist überall auf der Haut. Manchmal habe ich das Gefühl, nur noch aus Pickeln zu bestehen.

Aber das ist alles nichts gegen ihn. Er ist die personifizierte Akne. Er besteht nur noch aus Mitessern und Pickeln und Eiterpusteln. Nicht nur im Gesicht. Alle Menschen in der Pubertät haben Akne im Gesicht. Jedenfalls alle, die ich kenne. Er aber hat das Zeug, soweit ich sehen kann, am gesamten Oberkörper. Nicht, dass ich das sehen möchte. Aber er ist eben ständig in meiner Nähe. 

Es ist nicht nur die Akne, die mich stört. Abgesehen davon, dass alles an ihm mich stört, dass er mich stört. Er ist gewachsen, natürlich. Breiter geworden in den Schultern. Nicht mehr dick und wabbelig, sondern kräftig. Und wenn ich auf seine Hose gucke, was ich nicht vermeiden kann, alle Frauen, glaube ich, gucken Männern zuerst auf die Hose, dann ist da immer diese Beule. Auch wenn er keine Erektion hat. Er muss einen Riesenschwanz haben.

Zugegeben, unsere Zwangsgemeinschaft hat auch praktische Seiten. Er kann besser Mathe und ich kann besser Deutsch, das entspricht dem klassischen Klischee, ist aber so. Wir helfen uns bei dem Schulkram. Aber natürlich reicht ihm das nicht.

Er will zusammen mit mir einen Tanzkurs machen – das mache ich auch, ich habe es ja versprochen.

Wir fahren gemeinsam auf eine Pfingstfreizeit der Naturfreundejugend in einem Zeltlager – ich hasse Camping, bei den Haarbüscheln im Gemeinschaftswaschraum muss ich kotzen, es regnet die ganze Zeit und ist saukalt, aber: Ich habe es versprochen.

Wir machen alle Referate und Präsentationen zusammen, bei denen der eine dem anderen helfen kann oder umgekehrt: Das ist gut für die Zensuren, nervt mich aber, weil wir viel Zeit zusammen verbringen müssen.

Er wird nach dem Abi mit dem Jahrgang zum Feiern an die Costa Brava fahren. Das werde ich natürlich auch, ich habe es versprochen.

Wenn ich mal etwas nicht will, stellt sich mein Vater quer: Versprochen ist versprochen, heißt es dann. Du schuldest ihm das. Verdammt! Manchmal habe ich das Gefühl, der Alte will mich verkuppeln.

Er

Sie ist da. Jeden Tag. Direkt neben mir. Und trotzdem meilenweit entfernt. Ich glaube, sie hasst mich.

Das dürfte bald vorbei sein. Die Schule ist vorbei. Wir haben die Abi-Prüfungen bestanden, haben einen Abi-Scherz organisiert, der unseren ehemaligen Mitschülern zu viel Unterrichtsausfall verholfen hat, wie sich das gehört, und bald werden wir auseinanderlaufen – studieren, eine Ausbildung anfangen, eine Auszeit nehmen.

Aber vorher ist da noch die Abschlussfahrt unseres Jahrgangs. Wir haben abgestimmt, und das Ergebnis ist nicht überraschend: Es geht nach Lloret de Mar. Die meisten haben gedacht, das ist bei Barcelona. Falsch, Barcelona ist 75 Kilometer weit weg im Südwesten. Aber das hat letztlich kaum jemanden interessiert: Wir wollen ein paar Tage lang saufen, feiern, Drogen einwerfen und Sex haben, und wenn dann noch Zeit bleibt, am Strand liegen oder shoppen.

Im Sommer ist Lloret ein absoluter Partyhotspot. Hunderttausende von jungen Menschen kommen und wollen dasselbe wie wir.

Unser Reiseveranstalter verspricht all inclusive: jeden Tag kostenloser Eintritt in die angesagteste Disco, Partyguides, Party-Warm-Up-Programme, Mottoparties und  alkoholische Getränke von 11–23 Uhr. Daneben sind Kicker, Darts, Billard und Playstations schon fast Kinderkram. 

Wäre doch gelacht, wenn ich meine Prinzessin dort nicht in mich verliebt machen könnte. Oder, wenn das nicht klappt, sie wenigstens flachlegen.

Sie

Er soll es nur nicht wagen, mich anzufassen! Einmal ist genug, damals auf den Klippen. Das reicht für ein ganzes Leben.

Wenn ich ihn jetzt nicht loswerde, auf dieser Fahrt, wird er mich weiter verfolgen und weiter und weiter. Und mein Vater wird die ewige Leier wiederholen: Du hast es versprochen.

Gestern, am ersten Abend in der Disco, war es fast schon so weit. Er tanzte auf mich zu mit seinem Frosch-Watschelgang, aber dann rockte eine ausgelassene Horde von besoffenen Briten zwischen uns und trennte uns. Danach war es plötzlich so voll, dass man sich kaum noch bewegen konnte. Wenn ich da umgefallen wäre, hätte das vermutlich keiner bemerkt.

Eigentlich gefällt es mir hier nicht, auch unabhängig von ihm. In den Cocktails ist billiger Fusel, das schmeckt man und merkt es an den Kopfschmerzen am nächsten Tag. Und dauernd wird man angemacht, ob man irgendwelche Pillen einwerfen will. Ein Typ wollte mir sogar Liquid Ecstasy andrehen. Als ob ich jemanden vergewaltigen wollte!

Nach drei Tagen wusste ich, wie der Hase läuft.

Am letzten Abend trafen wir uns um Mitternacht und wurden schnell eingelassen, weil ich dem Typen von der Security schöne Augen machte. Wir fingen an zu tanzen, und ich tat so, als ob. Er hatte schnell zwei von seinen Gratisdrinks intus, ich knauserte dagegen mit meinen Gutscheinen. Er war begeistert, als ich anbot, ihm einen Cocktail auszugeben. Bevor ich zur Bar ging, verabredeten wir, wo ich ihn wiederfinden würde. Ich bugsierte ihn in die Ecke, in der in den letzten Nächten das größte Gedränge geherrscht hatte. Wie bei der Love Parade vor ein paar Jahren in Duisburg war es immer. Wenn hier jemand umfällt, dachte ich, merkt es kein Schwein. Wenn hier die Panik ausbricht, wirst Du einfach totgetrampelt.

Natürlich dauerte es eine Ewigkeit, bis ich meine Drinks in der Hand hatte. Mit meinem füllte ich sein Glas auf. Von den K.O.-Tropfen schüttete ich die vierfache Dosis rein und rührte mit dem kleinen Finger um. Dann machte ich mich auf den Weg zu ihm. Es war ganz schön schwierig, nichts zu verschütten, aber ich schaffte es.

Er trank gierig und sah mich gierig an. Bevor es auf der Tanzfläche zu eng wurde, konnte ich mich retten. Wenn eine Frau aufs Klo muss, gibt es dagegen keine Einwände.

Ich ging direkt in unsere Unterkunft und packte.

Als der Bus am nächsten Vormittag nach Norden aufbracht, war außer dem Busfahrer und mir niemand wach. Also bemerkte niemand außer mir, dass der Frosch fehlte. Ich hatte damit gerechnet.

Februar 2024

Die kluge Bauerntochter

Es war einmal ein Bauer, der hatte viel Land, und weil er viel Land hatte, war er reich. Er lebte nämlich unter einem König, der seinen Bauern regelmäßig Geld schenkte. Das Geschenk richtete sich nach dem Landbesitz. Je mehr Land ein Bauer hatte, desto mehr Geld bekam er geschenkt.

Der Bauer freute sich jedes Jahr über den Geldsegen, aber er fand, dass solche Geschenke keine Selbstverständlichkeit sind. Deshalb fasste er den Entschluss, sich bei seinem König dafür zu bedanken.

Aber bevor er das tat, teilte er seiner Tochter den Plan mit. Die junge Frau war sein einziges Kind, das er sehr liebte. Und sie war sehr klug, deshalb fragte er sie in allen wichtigen Dingen um Rat.

„Dankbarkeit ist etwas schönes, lieber Vater,“ sagte sie, nachdem sie zugehört hatte. „Aber Du wirst es bereuen, wenn Du den König durch Deinen Dank auf Deine Lage aufmerksam machst.“

„Wieso?“ fragte der Vater verwundert.

„Ich habe gehört, dass unser König ein kluger Mann ist. Und kluge Männer, wirklich kluge Männer, verabscheuen Ungerechtigkeiten.“

„Das will ich gern glauben,“ sagte der Vater, aber was hat das mit mir zu tun?“

„Du bist auch ohne die Geschenke des Königs reich, denn Du besitzt viel Land. Das Geld des Königs macht Dich noch reicher. Andere Bauern mit wenig Land sind arm. Weil sie wenig Land haben, bekommen sie nur wenig oder gar kein Geld geschenkt. Sie bleiben arm oder werden sogar noch ärmer. Die königlichen Geschenke verschärfen die Einkommensunterschiede bei den Bauern. Das ist ungerecht, findest Du nicht auch?“

„Wenn das ungerecht wäre, hätte der König das System längst abgeschafft,“ meinte der Bauer. „Du hast selbst gesagt, dass er ein kluger Mann ist.“

„Auch kluge Menschen können nicht alles wissen. Vater, ich warne Dich!“

Der Bauer ignorierte die Bedenken seiner Tochter, erbat eine Audienz beim König, wurde vorgelassen und stattete seinen Dank ab wie geplant. Zu seinem Entsetzen wurde der König puterrot im Gesicht.

„Was erzählst Du mir da? Das ist ja eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Wer hat, dem wird gegeben? Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen? Nicht in meinem Königreich! Dein Geschenk wird ab sofort gestrichen!“

Der Bauer stieg auf seinen riesigen Trecker, programmierte den Weg nach Hause und verließ sich auf die Elektronik, denn er konnte durch den Tränenschleier vor seinen Augen kaum etwas sehen. Als er auf seinem Hof ankam, war er stockheiser, denn er hatte auf dem gesamten Weg lauthals geklagt: „Oh, hätt ich meiner Tochter nur geglaubt! Oh, hätt ich meiner Tochter nur geglaubt!“

Das ganze Land hatte es gehört. Und natürlich auch der König. Er befahl seinem Hofmarschall, dem Bauern eine Kurznachricht zu schicken und ihn zu fragen, was er seiner Tochter nicht geglaubt habe. Der Bauer twitterte zurück und informierte den Hofmarschall, der sofort dem König Bericht erstattete. Daraufhin beorderte der König die Tochter zu sich. Umgehend. Eine solch kluge Person wolle er unbedingt kennenlernen. Diesen Tweet schickte er höchstpersönlich ab.

Die Tochter seufzte, aber sie wusste, dass man einem König gehorchen musste. Sie setzte sich sofort auf ihr Fahrrad und trat energisch in die Pedale. Als kluger Mensch war sie natürlich umweltbewusst und besaß kein Auto. Noch schneller wäre sie beim König gewesen, wenn sie mit Bus oder Bahn hätte fahren können, aber in ihrem Dorf gab es leider keinen öffentlichen Personennahverkehr.

Ziemlich außer Atem kam sie im Schloss an. Der König empfing sie sofort, obwohl er gerade seinen Nachmittagskaffee trank.

„Was muss ich von Deinem Vater hören?“ fragte er empört. „Ich mache eine völlig falsche Landwirtschaftspolitik, und Du hast das gewusst? Warum hast Du mir das nicht gesagt?“

„Ich habe nicht angenommen, dass Du das hören willst, König. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich zu Dir vordringen könnte. Wer im Schloss wohnt, ist normalerweise nicht an der Meinung der kleinen Leute interessiert. Höchstens, wenn er wieder gewählt werden will. Aber das spielt in Deinem Fall ja keine Rolle. Du bist König qua Geburt.“

Ohne zu fragen nahm sich die Tochter ein großes Stück Bienenstich von der Kuchenplatte. Das Radfahren hatte sie hungrig gemacht.

„Mag sein, dass Du recht hast,“ gab der König selbstkritisch zu. „Aber jetzt möchte ich alles hören. Was kannst Du mir noch von der Landwirtschaft erzählen?“

„Viel, aber es wird Dir nicht gefallen. Willst Du das wirklich hören?“

„Nun fang schon an,“ knurrte der König.

Die Tochter schluckte ihren ersten Bienenstich hinunter.

„Also gut,“ sagte sie. „Dass Deine Subventionen für die Landwirtschaft große Agrarbetriebe begünstigen und kleine Höfe in den Ruin treiben, hast Du inzwischen wohl verstanden. Aber auch die Großbetriebe sind nicht glücklich. Die Ackerbauern sind abhängig vom Wetter und von Kriegen irgendwo auf der Welt, was die Preise für ihre Produkte steigen oder fallen lässt. Den Viehzüchtern sitzen die Lebensmittelkonzerne im Nacken. Mit ihrer Einkaufsmacht können sie die Abnahmepreise für viele Produkte praktisch diktieren, so dass den Bauern kaum Gewinn bleibt. Oder gar keiner. Außerdem sind da die Konsumenten. Die essen gerne Fleisch und Eier und Milchprodukte, aber bezahlen wollen sie dafür möglichst wenig. Also müssen die Bauern billig produzieren. Das Ergebnis ist tierquälerische Massenhaltung. Das ist den Konsumenten auch wieder nicht recht, und der Bauer, der seinen Schweinen die Schwänze kupiert, damit sie sich in der Enge nicht gegenseitig anfressen, ist der Buhmann.

Der Bauer ist nicht nur deshalb der Buhmann. Er bringt zu viel Dünger aus, seine vielen Tiere produzieren zu viel Gülle. Er schädigt damit das Grundwasser. Er benutzt zu viele Pestizide, denn er muss seinen Ertrag steigern. Die Pestizide schädigen viele Arten, vor allem Insekten. Viele Vögel ernähren sich aber von Insekten. Die wenigen Vögel, die das Verschwinden von Hecken und intakten Feldrainen überlebt haben, finden nichts mehr zu picken.“

Die Tochter nahm sich noch ein Stück Bienenstich. „Reicht das erstmal, oder soll ich weitermachen?“

Der König winkte ermattet ab. „Das ist mehr als genug. Das wusste ich alles nicht!“

„Warum nicht?“ Die Tochter biss ein Stück Kuchen ab. „Du hättest nur aus dem Fenster zu sehen brauchen. Du musstest nur übers Feld gehen. Du hättest nur zu hören und zu riechen brauchen!“

„Gut, gut, aber ich habe so viele andere Probleme um die Ohren. Da ist die Legalisierung von Cannabis und die Erweiterung meines Schlosses und…“

„Toll!“ kommentierte die Tochter.

Sogar der König verstand die Ironie.

„Was soll ich denn jetzt machen?“ fragte er hilflos.

„Dir wird schon etwas einfallen,“ meinte die Tochter. „Mein Vater sagt, Du bist ein kluger Mann. Und jetzt hast Du ja alle notwendigen Informationen. Ich gehe dann mal wieder. Vielen Dank für den Kuchen.“ Sie stand auf.

„Halt!“ rief der König. „Geh jetzt bitte nicht. Ich brauche Deinen Rat.“

Weil er ‚bitte‘ gesagt hatte, setzte sich die Tochter wieder.

„Ich wünsche mir, dass Du mir hilfst. Was muss ich Dir dafür geben? Ich hätte da wunderschöne Kleider, die scheinen und strahlen und glitzern wie der Mond, die Sonne und die Sterne. Wäre das etwas?“

Die Tochter lachte laut los. „König, Du hast zu viele Märchen gelesen! Aus solchem Schnickschnack mache ich mir nichts. Und jetzt versprich mir bitte nicht auch noch, dass ich Deinen Sohn heiraten darf, wenn ich Dich berate. Ich stehe nämlich auf Frauen, und eine Tochter hast Du nicht, wie ich weiß.“

Der König machte einen neuen Anlauf. „Sag mir, kannst Du zaubern? Ja? Dann kannst Du mir sicher drei Wünsche erfüllen, nicht wahr?“

Die Tochter nickte. „Das könnte ich schon. Mache ich aber nicht.“

„Warum nicht?“

„Man weiß doch, wie das ausgeht. Die guten Seelen wünschen sich ein gesundes Leben auf der Erde und danach ein glückliches im Himmel und noch irgendeinen belanglosen Schnickschnack. Erstens bezweifle ich, dass Du eine gute Seele bist, und zweitens löst das Dein Problem mit der Landwirtschaft nicht. Und problemlösungsorientierte Wünsche gehen in der Regel in die Hose. Also angenommen, Du wünschst Dir das Ende der Massentierhaltung. Könnte ich machen. Schwupps sind mindestens 90 Prozent aller Puten, Hühner, Schweine und Rinder weg. Mal abgesehen von der Frage, was aus all den Tieren wird – kannst Du Dir vorstellen, was dann in Deinem Reich los ist? Massendemonstrationen finden statt: nicht nur von enteigneten Bauern, sondern von wütenden Konsumenten, die in den Supermärkten nur noch Veganes in den Regalen finden. Kein Frühstücksei, keine Butter für das Brot, vom Kotelett ganz zu schweigen. Was machst Du also notgedrungen als nächstes: genau, mit Deinem zweiten Wunsch machst Du den ersten rückgängig. Damit hast Du die Wut der Menschen aber noch nicht besänftigt. Als drittes lässt Du eine unangreifbare Security-Zone um Dein Schloss errichten. Much ado about nothing, und verbessert hat sich gar nichts.“

„Also gut, meine Vorschlägen taugen offensichtlich nichts,“ gab der König entmutigt zu. „Und ich gestehe, dass mir nichts einfällt. Kannst Du mir bitte etwas raten?“

Das zweite ‚bitte‘ stimmte die Tochter wieder milde. „Wenn landwirtschaftliche Produkte umweltverträglich und artgerecht hergestellt werden sollen, werden sie teurer sein als heute. Das ist unvermeidlich, denn die Produktionskosten sind höher. Die Konsumenten müssen mehr Geld für Nahrungsmittel ausgeben. Das ist für meinen Vater und für mich kein Problem: Wir sind reich. Für sozial schwache Menschen wie Arbeitslose, Arbeitskräfte in prekären Beschäftigungsverhältnissen und die meisten Rentner ist das aber sehr wohl ein Problem. Die erste Maßnahme, die Du durchführen musst, ist also, Deine Schatzkammer zu öffnen. Der Mindestlohn und das Bürgergeld werden verdoppelt, die Renten werden um 50 Prozent angehoben.“

„Oh weh,“ sagte der König niedergeschlagen.

„Das ist aber nicht alles, wie Du Dir denken kannst. Du musst Deinen Landwirtschaftsminister neue Gesetze ausarbeiten lassen, die Du verkünden lässt: hohe Standards für landwirtschaftliche Produktion, Wiedervernässung der Moore, eine ökologische Forstwirtschaft.“

„Jetzt hast Du aber nicht nachgedacht!“ Der König war schnell wieder obenauf. „Wir leben in einer Weltwirtschaft mit weltweiten Handelsketten, wenn ich Dich daran erinnern darf. Wenn wir in meinem Reich teure Agrarprodukte herstellen, werden wir von Billigwaren aus allen anderen Teilen der Welt überschwemmt!“

„Mein Vater hat zu recht gesagt, dass Du ein kluger Mann bist,“ schmunzelte die Königstochter. „Genau darin kann ein Problem liegen. Da hilft nur eins: Solche Waren werden nicht in Dein Reich hereingelassen.“

„Und das soll gutgehen?“ fragte der König skeptisch. 

„Lass die Sache von Deinem Hofmathematiker durchrechnen. Ich bin zuversichtlich, dass er mir beipflichten wird. Und falls die Sache nicht gutgeht: Alles andere geht bestimmt schief, das kannst Du mir glauben.“

Die Tochter stand auf. „Kann ich jetzt gehen?“ wollte sie wissen.

Auch der König erhob sich. „Ich danke Dir sehr,“ sagte er und verneigte sich tief vor der Tochter. „Darf ich Dich in meiner goldenen Kutsche nach Hause bringen lassen?“

„Das ist sehr großzügig, aber: nein, danke. Ich bin mitm Radl da. Langfristig solltest Du aber dafür sorgen, dass mein Dorf mit einem ordentlichen Takt an den ÖPNV angeschlossen wird.“ Und sie ging davon.

Januar 2024

Die klugen Leute

Die klugen Leute

Alice saß in der Ecke und schluchzte bitterlich. Da kam Alexander und nahm sie in den Arm. 

„Was ist denn los, kleine Alice? Warum bist Du so traurig?“

„Ach,“ klagte sie, „Alle  anderen Bauern im Dorf haben eine Partei. Sie sind so hübsch, diese Parteien, so farbenfroh! Es gibt eine hellrote und eine dunkelrote, eine grüne, eine mit gelber und blauer Farbe, und dann ist da noch eine beige. Und was haben wir? Gar nichts!

Außerdem habe ich keine Freunde. Gerade mal fünf Follower habe ich auf Facebook und X. Huhuhu, ich bin so schrecklich unbeliebt!“

„Das stimmt doch gar nicht. Bei mir bis Du sehr beliebt. Und was die Sache mit der Partei angeht: Soll ich Dir eine schenken?“

Alice trocknete ihre Tränen: „Das würdest Du tun? Wie denn?“

„Ganz einfach. Ich gehe zum Dorftischler und lasse mir eine Partei zurechtzimmern. Die kann der Schreiner dann auch gleich anmalen. Welche Farbe möchtest Du gern?“

Alice überlegte nicht lange: „Was hältst Du von braun?“

“Wenig. Braun mag ich gar nicht. Das sieht immer schmutzig aus, wie Kacke. Oder wie ein Fliegenschiss. Wünsch Dir besser etwas anderes.“

Jetzt musste Alice lange überlegen. Sie sah sich um. Ihr Haus hatte ein rotes Dach, das Wiesengras war grün, der Löwenzahn blühte gelb. Die Farben waren alle schon vergeben. Aber das Himmelsblau! Das hatte noch keine andere Partei.

„Dann nehmen wir ein helles Blau, Blau wie der Himmel!“

„Das ist eine gute Idee,“ lobte Alexander. „Wir werden unseren Wählern das Blaue vom Himmel versprechen. Du wirst schon sehen!“

Er ging zum Schreiner und gab ihm den Auftrag für eine hellblaue Partei. Da Alexander ihn gut bezahlte, war der in wenigen Stunden mit seiner Arbeit fertig.

Das Geld hatte Alexander, dessen Wirtschaft eigentlich nicht viel abwarf, von einem Schweinemäster aus dem Nachbardorf. Der war vorbeigekommen, hatte neben dem Geld einen geräucherten Schinken auf den Küchentisch gelegt und nur gesagt: „Mach mal!“ Dann war er wieder gegangen.

Alexander freute sich, als er Alice die neue blaue Partei schenken konnte, und Alice freute sich, dass sie jetzt auch eine Partei hatte. Aber die Freude dauerte nur zwei Tage, dann saß sie wieder in der Ecke und schluchzte bitterlicher als zuvor.

„Was ist denn jetzt wieder, kleine Alice? Gefällt Dir Deine Partei etwa nicht?“

Alice hatte kein Taschentuch und zog deshalb den Rotz in der Nase hoch.

„Mir gefällt sie schon. Aber allen anderen gefällt sie nicht. Ich habe jetzt nur noch drei Follower, und die anderen Bauern sagen, meine Partei ist gar keine richtige Partei. Sie wollen sie bekämpfen, sagen sie.“

Alexander machte große Augen. „Das verstehe ich nicht,“ murmelte er. „Der Schweinemäster aus dem Nachbardorf… Ich muss für ein paar Tage verreisen,“ erklärte er kurzerhand.

Als er nach drei Tagen zu Alice zurückkehrte, brachte er ihr eine Perlenkette mit. 

„Das ist ein Geschenk des mächtigen Schweinemästers aus dem Nachbardorf,“ erkläre er, indem er ihr das Kollier um den Hals legte. Er lässt Dich herzlich grüßen und wünscht Deiner blauen Partei alles Gute und viel Erfolg. Schau mal, was ich Dir noch von ihm mitgebracht habe!“

Und er packte aus: Plakate und Flyer, alle in Alices Himmelblau. Eine große Box mit mehreren Schlössern. Zu der erklärte er: „Das Ding lassen wir lieber noch zu. Es ist voller Bots, die darauf warten, auf Skeptiker losgelassen zu werden. Die sparen wir uns für den Wahlkampf auf.“ Und einen Tisch, der immer länger wurde, wenn man ihn ansah.

„Wofür ist der denn?“ fragte Alice skeptisch. 

„Das weiß ich auch nicht,“ brummelte Alexander. „Er hat mir das Ding regelrecht aufgedrängt. Er meint, so etwas kann man immer gebrauchen.“

„Und was ist mit den anderen Bauern im Dorf?“ Alice verzog das Gesicht, als wollte sie schon wieder weinen. 

„In dieser Hinsicht kann ich Dich beruhigen. Deine Partei ist die einzig richtige, sagt der Schweinemäster.“

„Na schön, aber woher will er das denn wissen?“

Alexander zog eine Verschwörermiene und legte einen Zeigefinger vor seine Lippen.

„Pssst! Ich vertraue Dir jetzt ein großes Geheimnis an. Der Schweinemäster weiß das vom Lieben Gott persönlich. Er ist nämlich bei ihm im Himmel gewesen.“

„Und ich bin die Jungfrau Maria!“ kicherte Alice.

„Lästere nicht!“

Alexander war jetzt sehr ernst.

„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde…Also, der Schweinemäster ist eng befreundet mit dem obersten Priester seiner Kirche. Und der hat natürlich einen besonderen Draht nach oben und hat ihn mit in den Himmel genommen. Den beiden ist eine Audienz vor Gottes Thron gewährt worden.“

„Durften sie ihm Fragen stellen? Zu Beispiel, warum er sein eigenes Volk im Stich gelassen hat?“

„Du kommst auf Ideen! Natürlich nicht. Solche hochgestellten Persönlichkeiten geben Antworten. Die brauchen keine Fragen.

Gott hat viel erklärt: Dass nicht alle Völker gleich sind, sonst hätte er ja nicht die Juden auserwählt, sondern alle Menschen. Dass seine Schöpfung gut ist und man ihm da nicht reinpfuschen soll, indem man Kohlendioxid irgendwo in der Erde speichert oder ähnlichen Unsinn treibt. Zum Beispiel alles mit Windrädern vollstellen. Dass er schon selbst auf das Klima aufpasst. Und dass er ein Feind der Demokratie ist. Wäre er ein Freund der Demokratie, dann ließe er die Engel bei Wahlen darüber entscheiden, wer Gott ist, und wo kämen wir denn da hin?“

Alice ist irritiert, aber der für sie allerwichtigste Satz ist ihr im Gedächtnis geblieben.

„Meine Partei ist die einzig richtige, sagt der Schweinemäster. Und Gott auch.“

„Genau.“

„Sagen die auch, wie ich die anderen Bauern hier im Dorf davon überzeuge?“

Alexander lächelt herablassend.

„Du dumme kleine Alice, Du. Die brauchst Du nicht zu überzeugen. Die würdest Du nie überzeugen, selbst nicht mit Deinen besten Argumenten.“

„Dann verstehe ich das alles nicht.“

„Liebe kleine Alice, in einem Dorf wie unserem werden die politisch Verantwortlichen gewählt. Die Bauern sind die Parteien. Aber nicht die Parteien wollen einander überzeugen, sie wollen stattdessen miteinander konkurrieren. Sie konkurrieren um die Stimmen der Wahlberechtigten. Die Wahlberechtigten sind es also, die Du überzeugen musst.“

„Welche Wahlberechtigten? Wen gibt es denn noch hier außer den Bauern?“

„Kennst Du nicht all die flachen Gebäude bei uns im Dorf?“

„Du meinst diese hässlichen Betondinger, die so schrecklich stinken?“

„Genau die.“

„Das sind Ställe, richtig?“

„Richtig. Und wer lebt in diesen Ställen?“

„Hühner, Puten, Schweine, Rinder. Aber leben…“

„Stimmt, die Streifradien der Arbeitstiere sind beschränkt. Sie leiden nicht allzu stark darunter. Dafür sorgen die Drogen, mit denen sie ruhig gestellt werden. Eins aber hat man ihnen seit 75 Jahren nicht mehr genommen: ihr Wahlrecht.“

„Du meinst im Ernst, ich soll Vieh überzeugen? Das ist unter meiner Würde.“

„Stimmvieh, kleine Alice, Stimmvieh. Das zu überzeugen lohnt sich allemal. Wenn Du erst mal gewonnen hast und an der Macht bist, musst Du es nicht mehr fragen, wenn Du nicht willst. Der Schweinemäster zum Beispiel fragt sein Vieh schon lange nicht mehr.“

„Und was soll ich dem Vieh sagen? Es ist doch nur Vieh!“

„Dafür, liebe Alice, hat mir der Schweinemäster noch etwas mitgegeben: Ein Programm für Deine blaue Partei. Hier, lies mal!“

Alice las. Sie las manchmal laut, denn das, was sie da las, schien ihr so treffend zu sein, dass Alexander es unbedingt sofort auch erfahren musste:

Die blaue Partei setzt sich für kulturell homogene Ställe ein. Die Zuwanderung von Bisons, spanischen Iberico-Schweinen, Puten aus der Türkei und amerikanischen Leghorns muss scharf begrenzt werden. Deutsches Vieh zuerst!

Die globale Erwärmung, die aktuell vonstatten geht, wird nicht von Tieren verursacht. Die blaue Partei lehnt deshalb ein Ende der Massentierhaltung ebenso ab wie Veganismus.

Keine Experimente!

„Glaubst Du, das funktioniert? fragte Alice zweifelnd.

„Das funktioniert weltweit, sagt der Schweinemäster. Du sollst nur ein paar Jahre Geduld haben, rät er. Dann werden die anderen Bauern zittern, vor Dir und Deinen Wählern.“

Januar 2024

Lüge

Der Wolf träumt. Er träumt, dass er bei seinem Psychiater auf der Couch liegt und eine Analyse macht. Jetzt erzählt er, wann er gelogen hat.

„Ich war unterwegs im Wald, Es war Sommer, die Vögel sangen, die Blumen blühten. Aber es gab noch keine Beeren und keine Pilze. Das Grünzeug ist sowieso nicht mein Fall, es hätte mir wenig geholfen. Ich hatte nämlich Hunger.“

„Du hast so gut wie immer Hunger,“ sagt der Psychiater.

„Woher weißt Du das?“ will der Wolf wissen.

„Du bist ein Wolf, das liegt also auf der Hand.“

Der Wolf nickt. „Stimmt. Ich hatte Hunger wie immer. Da tauchte auf einmal ein Kind auf, ein Mädchen, eine süße Göre, mit einem Korb im Arm, darin war Essen und Trinken.“

„Das Kind hast Du also gefressen.“

„Nein, wieso, habe ich nicht.“

„Du hattest doch Hunger!“

„Aber ich habe das Kind nicht gefressen. Jedenfalls nicht gleich. Ich habe es ausgefragt. Ich wollte wissen, wohin es geht. Zur Großmutter, hat es erzählt, und die wohnt da und da. Und dann habe ich ihm gesagt, es soll noch ordentlich herumtrödeln im Sommerwald und viele Blumen für die Oma pflücken. Das hat es auch gemacht. Ein liebes Kind – brave Mädchen machen immer, was man ihnen sagt.“

„Du wolltest mir eigentlich erzählen, wann Du gelogen hast. Bis jetzt hast Du das Kind nur ausgefragt und aufgehalten.“

„Ich war dann schnell bei der alten Frau und habe an die Tür geklopft. Sie wollte wissen, wer da ist. ‚Rotkäppchen‘, habe ich gesagt, so hieß die Göre nämlich. Ich soll nur die Klinke herunterdrücken und reinkommen, hat sie geantwortet.“

„Du hast also gelogen, aber die Lüge war überflüssig. Das gilt nicht. Du hättest einfach nur die Tür aufmachen müssen. Wie ging es weiter?“

„Ich habe die Alte aufgefressen. Sie war ziemlich zäh, aber ich hatte Hunger, wie gesagt. Dann habe ich mir ihre Klamotten angezogen und mich in ihr Bett gelegt.“

„Und dann?“

„Dann kam endlich dieses Rotkäppchen. Ich kam dem Kind wohl irgendwie komisch vor, anders als seine Oma, denn es wollte wissen, warum ich große Ohren, Augen und Hände habe und auch ein großes Maul.“

„Was hast Du geantwortet?“

„Dass ich das Kind so besser hören, sehen, fassen und fressen kann.“

„Du hast also die reine Wahrheit gesagt.“

„Das stimmt,“ sagt der Wolf verblüfft. „Aber vorher habe ich doch gelogen, als ich mich für Rotkäppchen ausgegeben habe.“

„Wie gesagt: Das war überflüssig, hat nichts bewirkt und gilt deshalb nicht.“

„Ich habe also nichts falsch gemacht?“ Der Wolf will sichergehen.

„Jedenfalls nichts, was mit einer Lüge zu tun hat.“

Gut. Ich habe aber noch ein zweites Mal gelogen. Und ein drittes. Und sogar ein viertes.“

„Das musst Du mir erzählen.“

„Ich hatte…“

„Hunger. Ich weiß.“

„…und es gab in meiner Nähe eine Ziegenfamilie, die wohnte in einem Haus, nicht anders, als wären sie keine Tiere, sondern Menschen. Eine alleinerziehende Mutter mit sieben Kindern. Die Kleinen wollte ich erwischen, und als die Alte zum Einkaufen aus dem Haus war, habe ich geklingelt. Ich habe gesagt, ich bin ihre Mama, sie sollten aufmachen, weil ich schwere Tüten zu tragen habe und keine Hand frei. Aber ich habe mit meiner normalen tiefen Stimme gesprochen, und daran haben die Jungen die Lüge erkannt.

Natürlich habe ich nicht aufgegeben. In einem Laden für Schulbedarf habe ich Kreide gekauft und gefressen, das machte meine Stimme hoch. Damit startete ich meinen nächsten Versuch: Ich behauptete, ich bin die Ziegenmutter und habe allen Kindern ein Geschenk mitgebracht. Das war schon besser, aber auch diesmal habe ich einen Fehler gemacht: Die Kleinen guckten aus dem Fenster und konnten meine schwarzen Pfoten sehen.

Ich brauchte also nicht nur eine Ziegenstimme, sondern auch so etwas ähnliches wie Ziegenhufe. Um das zu schaffen, habe ich einen Bäcker angelogen. Dem habe ich gesagt, dass ich mir den Fuß gestoßen habe und er mir zur Linderung Teig darauf streichen soll. Anschließend bin ich zum Müller und wollte von ihm Mehl auf den Teig. Eine Begründung für diese Forderung ist mir nicht eingefallen. Prompt hat der Müller Lunte gerochen und wollte sich weigern. Als ich ihm angeboten habe, ihn zu fressen, hat er seine Weigerung dann schnell vergessen.

Und so kam ich schließlich beim dritten Versuch in die Ziegenwohnung und konnte endlich meinen Heißhunger stillen.“

„Bist Du fertig?“

„Ja, was die Lüge angeht. Die Geschichte geht natürlich noch weiter, aber das tut jetzt nichts zur Sache.“

„Gut,“ nickt der Psychiater. Sein Patient hört nur die Stimme, das Nicken kann er nicht sehen. Er liegt auf der Couch, der Arzt sitzt im Sessel hinter seinem Kopf. Die klassische Position.

„Beim ersten Mal hast Du gelogen. Die Lüge war notwendig, aber erfolglos. Beim zweiten Mal verhielt es sich ebenso.

Im dritten Anlauf hattest Du Erfolg. Auch die Drohung gegen den Müller hat offenbar ihren Zweck erfüllt.“

„Ich wusste es doch: Ich bin ein schlechter Wolf!“

„Keineswegs. Du bist ein guter Politiker!“

Der Wolf ist so verblüfft, dass er sich fast umgedreht hätte. Aber er erinnert sich an seine Rolle und bleibt liegen.

„Wieso? Wie meinst Du das?“ will er wissen.

„Du hast Dich als ein Meister der strategischen Kommunikation erwiesen. Du hast einen Prozess möglich gemacht, einen politischen Prozess.“

„Hä?“ sagt der Wolf. Und, um Höflichkeit bemüht, fügt er hinzu: „Das musst Du  mir bitte erklären.“

„Gerne. Was wolltest Du mit Deinen Lügen erreichen? Du wolltest den aktuellen Zustand im Ziegenhaushalt überwinden und zerstören. Dein Denken und Handeln war auf die Zukunft ausgerichtet. Ohne die Lügen hättest Du nicht handeln können. Deine Lügen waren pures Handeln. Du hast entschieden, wie es weitergehen soll, und dabei wären Tatsachen nur hinderlich gewesen. Stell Dir vor, was passiert wäre, wenn Du Dich als Wolf zu erkennen gegeben hättest! Jedenfalls hättest Du kein Festessen bekommen.

Du hast also gehandelt wie ein guter Politiker. Du wolltest Raum für neues Handeln gewinnen. Wahrhaftigkeit ist keine politische Tugend, weil sie wenig zu dem eigentlich politischen Geschäft, nämlich der Veränderung der Welt und der Umstände, unter denen wir leben, beizutragen hat.“

„Ich habe also alles richtig gemacht?” fragt der Wolf.

„Ich denke schon. Ich erzähle Dir jetzt eine Geschichte, um zu prüfen, ob Du alles verstanden hast.

Es waren einmal ein Herr und ein Knecht, und der Herr war immer hungrig…“

„War der Herr vielleicht ein Wolf?“

„Das ist gut möglich. Der Herr befahl dem Knecht, ihm zu Nahrung zu verhelfen. Der Knecht führte seinen Herrn zu einem Schafzüchter, dem er ein frisch geschlachtetes Lamm stahl, das er seinem Herren vorsetzte. Der Herr aß das Tier, hatte aber noch nicht genug. Er stahl selbst ein zweites Lamm, wurde dabei erwischt und erbärmlich verprügelt. Was sagst Du dazu?“

„Bisher kann ich keine Lüge entdecken.“

„Richtig – es gab bisher auch keine.

Das Spiel wiederholte sich am nächsten Tag. Der Knecht baldowerte für seinen Herrn Pfannkuchen aus und stahl sie für ihn, dem war das Essen auch an diesem Abend nicht genug, er stahl seinerseits, stellte sich dabei wieder ungeschickt an und wurde geschlagen. Nun?“

„Das ist dasselbe wie am ersten Tag, nur mit Pfannkuchen statt mit Lammkeule.“

„Gut erkannt. 

Am dritten Tag schlichen sich der Knecht und sein hungriger Herr zusammen in einen Pökelkeller. Der Herr hatte darauf bestanden, dass sie zusammen einbrechen. Beide schlugen sich den Bauch voll. Allerdings achtete der Knecht darauf, dass er noch durch das Loch passte, durch das sie beide hereingeschlüpft waren. Immer wieder ging er dorthin und vergewisserte sich, dass er noch fliehen konnte. Das fiel dem Herrn auf, und er fragte nach dem Grund. ‚Ich muss doch sehen, ob niemand kommt‘, bekam er zur Antwort. Der Herr fraß gierig immer weiter. Der Besitzer des Pökelkellers hatte den Lärm gehört, kam und schlug den dick gefressenen Herrn tot, während der Knecht sich mit einem Sprung durch das Loch rettete.

Nun?“

„Ich kann auch hier keine Lüge erkennen.“

„Die besten Lügen sind die, die nicht als Lügen wahrgenommen werden,“ sagt der Psychiater. 

„Dir ist also gar nichts an dieser Geschichte aufgefallen?“

„Doch, schon, wenn Du mich so fragst…“

Der Wolf denkt nach.

„Der Herr in Deiner Geschichte hat auch immer Hunger, genau wie ich. Und am Ende ist er tot. In den beiden Geschichten, die ich Dir erzählt habe, bin ich am Ende auch tot. Man hat mich aufgeschnitten und mir den Bauch mit Steinen gefüllt und mich ertränkt, als Strafe für meine Unersättlichkeit.

Bin ich wirklich tot und träume nur, dass ich bei Dir auf der Couch liege?“

„Du bist nicht wirklich. Du bist eine Phantasie, und Phantasien sterben nicht. Weil Du eine schreckliche Phantasie bist, haben die Menschen Dich ausgerottet, aber Du bist zurückgekommen, und jetzt brichst Du wieder in Schafställe ein.“

„Das denkst Du Dir aus.“

„Ich denke mir nichts aus. Ich bin Psychiater.“

„Wie heißt Du eigentlich?“

„Fuchs.“ 

Dezember 2023

Soldaten

Es roch nach Reichtum: nach Sauberkeit, mit einem Hauch von Orangenblüte. Es sah aus wie Reichtum: die Kronleuchter, die fleckenlosen Glastischchen, die Flaschen in der Bar. Es fühlte sich an wie Reichtum: der Samt der Sessel, der seidige Teppich. Es hörte sich an wie Reichtum: das Kammerorchester im Nebenraum. Es schmeckte wie Reichtum: der Champagner, den der Gastgeber herumreichte.

Der Mann stand in der Mitte des Raumes. Er war schlank, in den Vierzigern, hatte volles schwarzes Haar und blaue Augen, trug keinen Bart, wiewohl der anscheinend starke Bartwuchs Wangen und Kinn dunkler erscheinen ließ als die übrige Gesichtshaut. Sein roter Smoking stand ihm hervorragend. 

„Ich grüße Euch!“ sagte er und hob seinen Kelch gegen jeden seiner vier Gäste. „Ihr habt es in mein Assessment-Center geschafft. Obwohl – Assessment-Center ist nicht der richtige Begriff. Ihr braucht Euch hier nicht zu bewerben. Ihr habt Euch nämlich schon bewiesen. Ob Ihr bleiben dürft oder gehen müsst, entscheide allein ich. Cheers!“

Man prostete einander zu, suchenden Blicks. Forschte nach bekannten Gesichtern. Trank dann.

Der Gastgeber schmunzelte. „Ich sehe, Ihr sucht Vertrautheit. Wer tut das nicht. Vor dem Fremden haben die Menschen Angst. Aber beunruhigt Euch nicht. Ihr seid einander sehr nah.“

Er wandte sich der einzigen anwesenden Frau zu. „Lynndie, Ladies first. So leid es mir tut – Du wirst mich wieder verlassen müssen. Und es tut mir wirklich leid, denn Du hast Fähigkeiten bewiesen, die den Ruf, in dem mein Haus steht, hätten mehren können. Aber der Ruf, den jemand hat, und sein tatsächliches Wesen sind nicht unbedingt deckungsgleich. Eure Motive spielen eine entscheidende Rolle für die Aufnahme oder die Ablehnung in meinem Haus. Deine Motive, liebe Lynndie, sind völlig falsch gewesen. Nicht völlig falsch per se, versteh mich bitte richtig, aber völlig ungeeignet, um hier bleiben zu können.“Leb wohl!”

Die kleine Frau, die er angesprochen hatte, hockte auf der Vorderkante ihres Sessels. Der Rücken war gekrümmt, sie lehnte sich nicht an. Die Beine hielt sie parallel, die Füße in groben Militärstiefeln standen auf dem Teppich. Der Kopf war gesenkt. Sie drehte ihn ein wenig, seitwärts, aufwärts, sah den Smokingträger fast an, nur fast, denn der Blick war auf die Smokingfliege fixiert, höher wagte er sich nicht, und fragte: „Warum?“

„Aber Lynndie, das kannst Du Dir doch selber beantworten! Wen wolltest Du beeindrucken? Wem wolltest Du gefallen?“

Die Augen wanderten von der Smokingfliege zurück auf den Teppich.

„Charles,“ flüsterte sie.

„Ja, Charles!“ bestätigte er. „Der brutale Charles, der Spaß daran hatte, Gefangene so lange zu foltern, bis der Arzt kommen musste – und der kam oft zu spät. Der auch manchmal ziemlich heftig wurde, wenn er es mit Dir trieb. Der Vater Deines Kindes. Den hast Du geliebt. Dem wollten Du imponieren und Dir gleichzeitig Respekt vor ihm verschaffen. Richtig?“

Lynndie nickte.

„Natürlich ist das richtig. Du wirst verstehen, dass jemand, dessen Motiv Liebe war, hier nichts zu suchen hat?“

Lynndie nickte wieder.

„Also darfst Du Dich verabschieden. Du gehörst nicht hierher, sondern nach West Virginia zu Deinen Eltern ins Mobilhome. Leb wohl!“

Nachdem die kleine Frau widerspruchslos verschwunden war, sagte der Gastgeber: „So! Jetzt sind wir unter uns. Unter Männern redet es sich doch immer leichter, besser über Frauen als mit Frauen. Und unser Geschäft hat ja häufig mit Frauen zu tun. – Aber zunächst lasst mich schauen, wer hier außer Lynndie nicht in unsere Runde passt.“

Er sah sich um, und sein Blick blieb an einem Mann hängen, der breit grinste.

„Du auch nicht!“ sagte er kalt.

Das Grinsen blieb.

„Warum nicht ich?“ fragte er. „Ich habe gelogen und betrogen und geprasst, ich habe behauptet, Tote zum Leben erwecken zu können, was eine Anmaßung war, und ich habe mich unrechtmäßig bereichert.“

„Hast Du nicht das eine oder andere vergessen?“ wollte der Gastgeber wissen. „Zum Beispiel, dass Du auch Gutes getan hast?“

„Na ja,“ gab der Grinsende zu. „Ich habe in einem Anfall von Schwachheit drei Viertel meines geringen Besitzes einem Bettler gegeben.“ Er holte tief Luft. „Aber danach habe ich nur noch schlimme Sachen gemacht.“

„Wer war denn dieser Bettler? Zufällig jemand, den ich kennen sollte?“ Der Mann im Smoking lächelte fein und schenkte sich Champagner nach. Über Bettler und deren Lügen wusste er bestens Bescheid. 

„Ich weiß nicht, ob Du den Bettler kennen solltest. Es war der heilige…“

Der Mann im Smoking ließ beinahe sein Glas fallen.

„…Petrus.“

„Der Dir wegen Deiner Mildtätigkeit auch wiederholt geholfen hat, Dich aus Deinen Sünden herauszuwinden, ich erinnere mich. Und da ist noch etwas: Hast Du nicht etwas vergessen, was Du Verwandten von mir angetan hast?“

„Das war ich ja nicht selbst. Ich habe allerdings dafür gesorgt, dass sie kräftig verprügelt wurden. Weil sie mich überfallen haben!“

„In meiner Familie geht es nun mal ab und zu ruppig zu. Und um des lieben Familienfriedens willen musst Du gehen: Meine Verwandten leben hier bei mir. Nicht auszudenken, dass Ihr jeden Tag eine Prügelei anzettelt. Bruder Lustig, Du darfst Deinen Champagner noch austrinken, aber dann versuch Dein Glück bei Petrus!“

Das Grinsen war dem Mann, der Bruder Lustig genannt wurde, nicht vergangen. Er leerte sein Glas mit einem Zug, stand auf und grüßte militärisch. „Zu Befehl!“ sagte er. „Ich geh dann halt zur Konkurrenz.“

„Sooo!“ sagte der Gastgeber gedehnt und sah sich um. „Ich denke, wir müssen jetzt nur noch einen der Anwesenden hinausbitten, bevor wir wirklich unter uns sind. Ich meine Dich, Mr. Universal Soldier!“

Der so Angesprochene war der einzige im Raum mit dunkler Hautfarbe. Er saß weder auf einem Sessel noch in einem Sofa, sondern in einem Rollstuhl. Seine Kleidung – Jeans und Kapuzenpullover – war sauber, aber sehr abgetragen. 

„Wie haben Sie … wie hast Du mich gerade genannt? So heiße ich nicht. Ich heiße Joe Smith. Joseph Peter Smith.“

„Mr. Universal Soldier, Du magst Joe Smith heißen oder einen anderen beliebigen Namen tragen, Du bist es doch. Du kannst groß sein oder klein, noch ein Teen oder schon ein Twen, Du kannst mit Keulen kämpfen oder mit der Maschinenpistole, Du kannst fromm sein oder Atheist: Du kämpfst. Man sagt Dir, wofür Du kämpfen musst, für ein Land und eine bestimmte Lebensweise. Also kämpfst Du. Du machst, was man Dir sagt. Du tötest, obwohl Du weißt, dass Du nicht töten sollst. Du denkst, dein Töten ist der einzige Weg, das Töten zu beenden. Aber ohne Dich gibt es kein Töten. Ohne Dich Kriegsknecht gibt es keinen Kriegsherren. Und wie so oft werden die Kriegsknechte beschissen. Der Krieg in Vietnam ist dem Kriegsknecht Joe Smith nicht gut bekommen.“

„Darauf kannste wetten!“ sagte Smith.

„Seit der Begegnung mit einem deutschen Professor vor langer Zeit bin ich mit dem Wetten vorsichtig geworden. Ja, ich weiß schon: ‚You bet‘. Ist nur eine amerikanische Phrase. 

Also, um Deine Lage zusammenzufassen: Du bist schwarz, hast vermutlich den Highschool-Abschluss nicht geschafft, kommst aus dem Ghetto. Hattest keine Chance, Dich der Wehrpflicht zu entziehen. Immerhin bist Du nicht gefallen und hast nicht Selbstmord begangen, sondern bist nur gelähmt. Also arbeitslos. Auch obdachlos? Heroinabhängig? Straffällig geworden? Dann fehlt ja nur noch PTSD. Hast Du auch? Meinen Glückwunsch.

Mein lieber Joe Smith, so viel Elend lässt sogar einen wie mich fast Mitleid empfinden. Nun ja, fast. Das bedeutet aber nicht, dass Du bleiben kannst. Siehst Du, ich habe Lynndie vor die Tür gesetzt, weil sie aus dem gehandelt hat, was sie unter Liebe versteht. Du bist in Deiner misslichen Situation, weil Du zu blöd warst, Dich zu widersetzen. Was meinst Du, wie es hier aussähe, wenn mein Heim alle Verlierer wie Dich aufnähme? Wahrscheinlich wie im Gazastreifen, oder schlimmer. Nein. Dies hier ist ein Ort für Gewinner, für Zielgerichtete, die wissen, was sie wollen. Und die wissen, dass man für dieses Ziel an einer ganz bestimmten Stelle „Nein“ sagen muss. Also bitte!“

Joe Smith in seinem Rollstuhl folgte der auffordernden Handbewegung und setzte die Räder in Bewegung. Die Tür schloss sich hinter ihm.

„Jetzt sind wir wirklich unter uns!“ Der Gastgeber setzte sich endlich. „Ich begrüße Dich, Jewgeni Wiktorowitsch. Möchtest Du noch einen Schluck von dem dekadenten verweichlichten Champagner, oder können wir zu Wodka und Kaviar übergehen, wie es sich für echte Männer gehört?“

„Wodka. Hundert Gramm!“

„Das höre ich gern. Deine Männer haben immer viel Wodka im Blut gehabt, wenn sie getan haben, was mir Freude macht.“

„Vergewaltigen und morden?“

„Eben das. Zum Beispiel junge, auch sehr junge Frauen in einem Kellergefängnis, die systematisch vergewaltigt werden, bis sie nie wieder Sex haben wollen und bestimmt keine Kinder von den falschen Männern. Stattdessen werden sie von Deinen Männern schwanger. Spaß macht auch, eine Frau zusehen zu lassen, wie ihr Sohn vergewaltigt wird. Oder eine Frau zu mehreren zu vergewaltigen – sie hat ja mehrere Körperöffnungen. Und wenn so eine Fotze nicht mehr durchhält, kein Problem: Gleich neben dem Haus, in dem die Kämpfer lagern, wird eine Grube ausgehoben, die Leichen wirft man hinein, und wenn die Grube voll ist, wird sie zugeschüttet und die nächste gegraben.“

„Schön, dass es Dir gefallen hat.“

„Sexuelle Demütigung anderer verschafft Befriedigung, da sind wir uns einig. Aber manchmal mach es Spaß auch ohne Sex, oder?“

„Klar! Kriegsgefangenen kann man manches abschneiden, Finger, Hände, Arme und Zehen, Füße und Beine. Am besten die Eier und den Schwanz. Der Kopf macht auch Spaß: Ich erinnere mich an eine Situation, in der meine Männer einem Verräter erst den Kopf mit einem Vorschlaghammer zertrümmert haben, bevor sie ihm mit einem Spaten den Hals abgehackt haben.“

„Und wie steht es mit Plünderungen?“

„Die kommen natürlich vor. Bei uns allerdings nur in großem Stil. Wenn es zum Beispiel um hunderttausende Tonnen ukrainische Getreides geht, die man auf eigene Rechnung verhökern kann, sind wir dabei. Aber nicht bei dem Kleinkram.“

„Kleinkram?“

„Kleinvieh, Kloschüsseln, Kühlschränke, Waschmaschinen, Küchengeräte, Hundehütten und Kleidung. Ist alles vorgekommen. Das geht aber auf das Konto der Männer von Wladimir Wladimirowitsch. Die Burjaten, die er im Osten zwangsrekrutiert hat, sind halt nichts Gutes gewohnt.“

„Anders als Deine Männer, oder?“

„Das ist so eine Sache. Seit Wladimir Wladimirowitsch beschlossen hat, dass es keine Ukraine geben darf, hat sich bei meinen Männern viel geändert. Ich brauchte mehr Leute, deshalb habe ich meine Anforderungen gesenkt. Und weil es leicht ist, in einem Krieg zu sterben, musste ich den Sold verdoppeln.

Glücklicherweise gibt es im großen russischen Reich viele Strafkolonien. Das Leben dort ist nicht gerade angenehm. Viele Häftlinge haben angebissen, als ich ihnen eine Amnestie versprochen habe – gegen sechs Monate an der Front. Wer desertiert, wird erschossen. Sie hatten fünf Minuten Zeit, sich zu entscheiden. Aber vom Krieg hatten die natürlich keine Ahnung.

Wladimir Wladimirowitsch war knapp an Soldaten, und so übernahmen meine Leute den einen oder anderen Frontabschnitt. Einer war Bachmut. Die Schlacht um Bachmut war eine der längsten der Weltgeschichte und die verlustreichste seit dem Zweiten Weltkrieg. Hinterher sah es aus wie damals in Verdun: Kein Haus stand noch und kein Baum. Meine rekrutierten Sträflinge mussten die Sache ausbaden: Sie wurden als Kanonenfutter vorgeschickt, damit die Ukrainer sie beschießen konnten. Damit haben die Faschisten ihre Positionen verraten, die schwere russische Artillerie konnte loslegen, und Profis rückten vor. Tos-1-Mehrfachraketenwerfer und die eine oder andere Phosphorbombe haben da Wunder gewirkt.“

„Und das haben die Knackis so einfach mit sich machen lassen?“

„So einfach nun auch wieder nicht. Ein bisschen Dope hat geholfen. Wenn Du euphorisierende Amphetamine im Blut hast, gehst Du auf den nächsten Schützengraben zu, als wäre er das Paradies. Oh, Entschuldigung!“

„Dann musst Du bald keine Leute mehr gehabt haben!“

„Es gibt ja noch andere Länder als Russland. Wir haben Söldner aus der Türkei, Serbien, Tschechien, Polen, Ungarn, Deutschland, Kanada, Moldau und Lateinamerika rekrutiert. Und in der Zentralafrikanischen Republik haben wir gefangene Rebellen befreit. Die saßen wegen Mord und Vergewaltigung in Untersuchungshaft. Das waren genau die richtigen Leute für uns.“

„Und wer hat das alles bezahlt?“

„Da gibt es zwei Lesarten: Wir haben das bezahlt. Meine Gruppe. Mit unseren Einsätzen in Afrika, konkret in Libyen, Mali, Mosambik, Sudan, der Zentralafrikanischen Republik, Äquatorialguinea, Simbabwe, der Demokratischen Republik Kongo, Kamerun, Madagaskar, Guinea, Guinea-Bissao, Angola, Ägypten, Eritrea und Madagaskar haben wir Wladimir Wladimirowitsch so viele Rohstoffe und so viel hegemoniale Einflussnahme verschafft, dass er uns kniefällig danken müsste. Stattdessen hat er mein Flugzeug abstürzen lassen. Wo ist er überhaupt?“

„Er ist in Moskau. Ich brauche ihn noch da oben. Und die zweite Lesart?“

„Wladimir Wladimirowitsch erklärt öffentlich, dass er meine Gruppe aus dem Staatshaushalt finanziert. Das ist ja auch nicht ganz falsch, wenn man bedenkt, dass wir zu nicht unerheblichen Teilen seinen Staatshaushalt füttern.“

„Jewgeni Wiktorowitsch, ich bin zufrieden mit Dir. Ich heiße Dich willkommen. Du hast drei Wünsche offen!“

„Der Fürst der Hölle ist generös? Damit habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Aber es ist mir recht. Ich brauche auch nicht lange zu überlegen.

Erstens: Wenn Du in einer Deiner einfacheren Höllen eine Stadt hast mit vielen Kneipen, in denen man sich besaufen und am Glücksspiel berauschen kann, in der es Huren gibt, die zu allem bereit sind, und ehrbare schöne Frauen, die zu nichts bereit sind, in der tapfere Soldaten anstellen dürfen, was sie wollen, und dafür nicht bestraft werden, sondern belohnt – das wünsche ich mir für die Männer, die mit mir auf Moskau marschiert sind.

Zweitens: Wenn Du Wladimir Wladimirowitsch nicht mehr in Moskau brauchst, wirst Du ihn vermutlich zu Dir einladen. Ich möchte ihm auf keinen Fall begegnen. 

Drittens: Ich habe nie kochen gelernt, obwohl ich als Putins Koch gelte. Ich möchte das gerne lernen und genießen, was ich gekocht habe. Und wenn ich das kann und finde, dass ich  genug genossen habe, möchte ich mich von Dir verabschieden und sterben dürfen.“

Der Gastgeber zog eine Grimasse, trank einen großen Schluck Wodka aus seinem Glas und sagte, weil ihm nichts anderes übrig blieb: „Gewährt.“

Dezember 2023

Schlägerei der Prinzen um ihre Frauen

Der Mann stank.

Jeder stinkt nach einer Nacht in der Ausnüchterungszelle.

Er wusste das aus leidvoller Erfahrung.

Hemd oder Pullover oder Jacke sind immer voll von Resten von Erbrochenem, die Hose ist nass von Urin. Oder von Kot und Urin. Der Atem ist sauer. Auch der Schweiß ist sauer, bitter, ätzend.

Er wünschte sich weg von hier.

Aber das Wünschen mochte vielleicht früher geholfen haben, in märchenhaften Zeiten.

Jetzt hatte er hier zu sein, ein Verhör durchzuführen. Ein Verhör mit einem Mann, der gestern Abend gewalttätig geworden war, nur schwer zu bändigen von den Kollegen von der Streife. Nicht ansprechbar. Volltrunken. Reif für die geflieste Zelle mit der Hocktoilette und der abwaschbaren Liege auf dem Betonsockel. 

Jetzt war der Mann friedlich. Der ihn begleitende Polizist hatte ihn losgelassen. Er blieb in der Tür stehen, wartete ab. Seine Augen waren blutunterlaufen, auf dem rechten verschwollenen blühte ein Veilchen, aber der Blick schien klar. Die Schultern ließ er hängen. So sah keiner aus, der den Sieger geben wollte.

Er versuchte, möglichst viel Abstand von dem Geruch zu gewinnen, und zog sich in die hintere linke Ecke des Vernehmungsraumes zurück. Groß war seine Chance nicht: Der Tisch, an dem der Delinquent Platz zu nehmen hatte, stand in der Mitte des kleinen niedrigen Raumes. Noch nicht einmal ein Fenster gab es, mit dem man sich hätte Frischluft verschaffen können.

„Setzen Sie sich!“ Er zeigte auf den Stuhl, der weiter von ihm entfernt war als der andere. Wenn auch nur minimal.

Der Mann ließ sich fallen. Luft infiltrierte seine Hose und ließ eine neue Gestankswolke frei.

Er zog den zweiten Stuhl so weit wie möglich vom Tisch ab, setzte sich und lehnte sich zurück. Aber einmal musste er sich noch in den Dunstkreis der Hölle begeben und das Handy einschalten, das auf dem Tisch lag, um das Gespräch, das man offiziell nicht Verhör nennen durfte, zu dokumentieren.

„Sie sind doch damit einverstanden, dass ich unsere Unterhaltung aufzeichne, nicht wahr?“

Der Mann nickte resigniert.

„Dann fangen wir mit den Formalitäten an. Sie heißen?“

„Prinz.“

„Vorname?“

„Nur Prinz.“

„Aber…“ Er unterbrach sich selbst. „Na gut. Das können wir später klären. Geburtstag, Geburtsort?“

„Als meine Mutter niederkam. Im Königreich meines Vaters.“

„Keine Kalenderdaten? Keine geographischen Angaben?“

Der Mann war völlig in sich zusammengesunken, er schien im Boden verschwinden zu wollen.

„Ich weiß nicht, wovon Du redest. Kalender? Daten? Geograf? Was ist das alles?“

Der Kerl verstellt sich nicht, beschloss er. Er ist vielleicht auch nicht dumm. Aber er hat von nichts Ahnung. Jedenfalls nicht von dieser Welt. Wahrscheinlich ist er noch nicht mal unhöflich. Kann sein, er kennt nur die Anrede „Du“.

Er beschloss, die Strategie zu wechseln.

„Weißt Du, wie Du hierher gekommen bist?“

„Mit ihm. Oder mit einem anderen, der genauso aussah.“ Er zeigte auf den Wachtmeister, der immer noch im Türrahmen stand. „Er hat mich gezwungen.“

„Warum hat er Dich gezwungen?“

„Das weiß ich nicht. Ich habe nur meine Ehre verteidigt.“

Wir kommen der Sache näher, dachte er. Ein Ehrenhandel. Eigentlich typisch für Orientalen. Muslime. Aber so sah der gar nicht aus. Helle Haare, kein dunkler Teint.  Immerhin – er schien bereit zu reden. Das sollte man belohnen.

„Möchtest Du einen Kaffee?“

„Nein, danke. Vor CAFFEE wurde schon gewarnt, als die Grimms uns gesammelt haben. Aber wenn Dir ein Brunnen zur Verfügung steht, würde ich gern Wasser trinken.“

Die Sache mit dem Kaffee und den Grimms und dem Sammeln verstand er gar nicht. Aber der Bitte um Wasser kam er selbstverständlich nach. Er ging zum Waschbecken, drehte den Hahn auf und füllte einen Plastikbecher. 

„Bitte,“ sagte er.

„Danke,“ sagte der Mann und sah den Becher an. Er fragte : „Wie kommt der Brunnen in die Wand?“

„Wasserleitung, Kanalisation. Das ist hier so. Technik. Kein Wunder. Trink erst mal.“ 

Der Mann trank den Becher leer und rülpste. „Das ist ein guter Brunnen mit gutem Wasser,“ lobte er.

„Danke. Du kannst gern mehr haben,“ sagte er und fragte dann: „Du hast Deine Ehre verteidigt. Kannst Du mir das erklären?“

„Die Ehre meiner Frau.“

„Was ist mit der Ehre Deiner Frau?“

„Meine Frau ist das ehrenhafteste Wesen, das je auf der Erde gelebt hat. Als ich sie gefunden habe, war sie wunderschön, unbescholten und dem Tode nah. Sie war dem Tod schon vorher nur zwei Mal um Haaresbreite entgangen.“

„Jemand wollte sie töten? Wer wollte sie umbringen?“

„Ihre Stiefmutter.“

„Warum wollte sie das tun?“

„Aus Eitelkeit.“

„Eitelkeit?“

„Ja. Sie fand sich sehr schön. Sie war auch sehr schön. Sie konnte es nur nicht ertragen, dass jemand schöner war als sie.“

Es lag nahe, fand er, die Schwiegermutterspur weiter zu verfolgen, aber ein Impuls verleitete ihn zu der Frage: „Wie geht es Deiner Frau?“

„Es gehr ihr nicht gut. Sie versucht, es  vor mir zu verbergen, aber sie hat Angst. In ihren Träumen, sagt sie, presst etwas ihre Rippen zusammen und drückt ihr die Luft aus den Lungen. Und niemand darf ihr Haar kämmen. Sie sagt, der Kamm wird sie vergiften.“

„Du sagst, Du hast Deine Frau gefunden?“

„Ja.“

„Meinst Du das wörtlich?“

„Ja.“

„Wo und wie?“

„Ich war auf der Jagd. Es war Zufall, dass ich ihren Sarg sah.“

„Ihren Sarg?“

„Ja, einen gläsernen Sarg. Sie lag darin, als wäre sie lebendig. Ich habe mich sofort in sie verliebt. Also habe ich die Wächter des Sarges aufgefordert, ihn zu öffnen.“

„Die Wächter des Sarges?“

„Sie haben mir gleich gehorcht. Es waren Zwerge.“

„Zwerge?“

„Ja. Aber nicht die Zwerge von der habgierigen Sorte. Sondern die, die ein bisschen Silber abbauen und danach zum Schlafen nach Hause kommen und vorher ein wenig essen und trinken. Genügsame Zwerge. Zwerge, die zuerst verunsichert waren, als plötzlich ein junges Mädchen bei ihnen auftauchte. Zwerge, die schnell glücklich waren, als dieses  Mädchen  es übernahm, ihren Haushalt zu organisieren.“

„Wie viele Zwerge waren das?“

„Sieben.“

„Sieben Männer? Kleine Männer, aber eben doch – Männer?“

„Männer, ja, natürlich.“

„Und Du hast nie daran gezweifelt, dass Deine Frau mit keinem von denen was hatte? Nie vermutet, dass sie vielleicht doch mit dem einen oder andern das Bettchen geteilt hat?“

Der Mann sprang auf und verbreitete eine neue Gestankswolke im Raum. „Nein,“ brüllte er. Der Wachtmeister trat einen Schritt nach vorn, aber er winkte ab. „Das geht schon in Ordnung,“ sagte er zu ihm. Und zu dem Ausgenüchterten: „Gestern hat Dich jemand mit dieser Behauptung provoziert, richtig?“

Der Mann nickte und setzte sich wieder hin. „Bitte noch einen Schluck Wasser,“ murmelte er. 

Wieder trank er den Becher in einem Zug leer.

„Ja,“ bestätigte er dann.

„Und dann habt Ihr Euch geschlagen.“

Nicken.

„Wer ist er?“

„Er wohnt im selben Haus. Sogar auf dem selben Flur. Aber ich kenne ihn kaum. Eigentlich kenne ich niemanden außer meiner Frau.“

„Weißt Du, wie er heißt?“

„Nicht genau. Aber er heißt entweder Prinz oder König. Alle heißen so, die dort wohnen.“

„Wie seid Ihr miteinander in Kontakt gekommen?“

„Durch den Hausierer.“

„Den Hausierer? Wer ist das? Was verkauft er?“

„Er verkauft Pulver und Pillen. Er nennt sie Mittel des Vergessens. Die habe ich noch nicht probiert. Und er verkauft Wasser. ‚Wasser des Glücks‘ nennt er es. Das Wasser ist anders als das aus Deinem Brunnen hier in der Wand. Zuerst brennt es in der Kehle, danach macht es immer durstiger, und zum Schluss…“

„Zum Schluss macht es aggressiv, nicht wahr?“

„Der Mann nickte. „Ich habe mit dem vom selben Flur das Wasser des Glücks getrunken. Er hat mich zum Schluss nach meiner Frau gefragt. Als ich ihm von ihr erzählt habe, hat er mich ausgelacht. Da habe ich noch versucht, mich zu beherrschen. Ich wollte etwas über seine Frau wissen.

Er hat gesagt, dass sie lange Zeit als Küchenmagd arbeiten musste, weil ihre bösen Stiefschwestern und die Stiefmutter sie dazu zwangen. Sie war aber fromm und geduldig und hat alles ertragen. Auch lag ihr gar nichts an Reichtum. Als der König des Landes aber ein großes Fest veranstaltete, einen Ball, wollte sie unbedingt daran teilnehmen. Die Stiefverwandtschaft versuchte, ihr möglichst viele Steine in den Weg zu legen, und stellte ihr schier unlösbare Aufgaben, aber Tauben halfen ihr.“

Schon wieder eine Stiefmutter, dachte er.

„Ja, habe ich gespottet, die Art Tauben kenne ich. Sie leben bei der Alten im Wald und haben kleine goldene Schlüsselchen. Damit sorgen sie für Essen, für ein weiches Bettchen, für schöne Kleider, und hastdunichtgesehen wird aus den angeblich unschuldigen Vögelchen ein verzauberter Prinz, der geheiratet werden will.“

„Und spätestens jetzt wart Ihr beide wütend. Und aggressiv. Und habt Euch geprügelt.“

Wieder ein Nicken.

„Dich hat die Streife hier abgeliefert. Von dem anderen wissen wir nichts, Offenbar ist er abgehauen und hat keine Anzeige erstattet. Willst Du ihn anzeigen?“

„Warum sollte ich das tun?“

„Wegen Körperverletzung. Er hat Dich ganz schön zugerichtet.“

„Ich ihn sicher auch.“

„Dann kannst Du jetzt gehen. Und…“ Er verkniff sich die Bemerkung: „Du solltest dringend duschen.“ Stattdessen sagte er: „Alles Gute.“

Und schaltete das Handy aus.

November 23

Prinzen in der BRD

Vielleicht sind sie eine Gefahr, vielleicht auch nicht. Das deutsche Meinungs-Leitmedium jedenfalls hat sie zu einer Bedrohung erklärt. Den Posts in den sozialen Medien zufolge werden sie von Tag zu Tag gefährlicher.

Die Sonntagsfrage spiegelt für die etablierten demokratischen Parteien immer deprimierendere Ergebnisse wider. Die selbsternannte Alternative vom rechten politischen Rand, die ihre stupenden Umfrageergebnisse völkischem Gedankengut  schuldet, kennt nur eine Forderung: ausweisen!

Dabei sind sie, wenn man es genau nimmt, noch nicht einmal eingewandert. Sie haben die deutsche Grenze nicht überschritten, weder legal noch illegal, sie sind  immer drinnen gewesen. Viele Menschen haben sie sogar ins Herz geschlossen, sind mit ihnen aufgewachsen. Aber dennoch sind sie suspekt.

Die Präsidentin der Bundesagentur für Arbeit befindet in einem auf umfangreiches Zahlenwerk gestützten Dossier, dass die fragliche Gruppe auf dem Arbeitsmarkt praktisch nicht vermittelbar sei. Kein einziger der von den Jobcentern betreuten Kunden habe sich als fortbildungsfähig oder -willig erwiesen. Die  vorhandenen Qualifikationen würden von den Arbeitgebern nicht nachgefragt. Dazu gehörten außergewöhnliche Kenntnisse in der Kommunikation mit Zwergen, Riesen, Hexen und Teufeln, aber auch mit Tieren wie Erdmännchen, Füchsen, Löwen und Kröten. Vereinzelt hätten Kunden auch angegeben, Türme erklettern oder einen Apfel vom Baum des Lebens holen zu können. Bei allen Aussagen hätten die Fallmanager den Kunden beim Ausfüllen der Fragebögen behilflich sein müssen, da keiner des Lesens und Schreibens kundig gewesen sei. Ausnahmslos alle hätten als Fertigkeiten Küssen und als Ziel ihrer beruflichen Tätigkeit Heiraten angegeben, was von den meisten Fallmanagerinnen als übergriffig kritisiert worden sei.

Sprecherinnen und Sprecher der Partei ‚Die Linke‘ kritisieren ihrerseits den Bericht der Chefin der Bundesarbeitsagentur. Wer Kunden als ‚nicht vermittelbar‘ charakterisiere, verschenke wertvolles Potential. Der Mangel an Arbeitskräften in Deutschland sei bereits heute dramatisch und werde sich in den kommenden Jahren verschärfen.

Die Partei ‚Die Grünen‘ fordert umfangreiche Förderprogramme für die Zielgruppe, bei denen unzweifelhaft vorhandene Qualifikationen weiter entwickelt werden sollten. Für Windkraftanlagenbauer etwa könne die Fähigkeit, Türme erklettern zu können, von großem Nutzen sein. Die Kommunikation mit Tieren gewinne an Bedeutung, sei doch der Wolf inzwischen im Lande angesiedelt, und Fuchs und Waschbär als Kulturfolger hätten sich Lebensraum in Dörfern und Städten erobert.

Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU erklärt im Bundestag, einerseits sei er der Vorsitzende einer konservativen Partei, die Traditionen hochhalte. Andererseits könne es nicht angehen, dass Ewiggestrige die Großzügigkeit des deutschen Sozialstaats ausnutzten, um sich die Zähne richten zu lassen, die sich der eine oder andere beim Biss in einen Apfel vom Baum des Lebens ausgebrochen haben mochte.

Wer der fraglichen Gruppe angehöre, reklamiere für sich die deutsche Staatsangehörigkeit und lebe auf deutschem Boden, stehe aber nachweislich nicht auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung, sondern hänge an monarchischen Strukturen. Seine Fraktion werde zeitnah eine Gesetzesinitiative in den Bundestag einbringen mit dem Ziel, diesen Individuen die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen.

Die FDP fordert Leistungskürzungen für alle, die sich nachweislich dem Arbeitsmarkt entziehen. Auch sei es denkbar, statt Bargeld Debitkarten auszugeben, mit denen nur bestimmte Waren des täglichen Bedarfs erworben werden könnten. Mit diesen Anreizen werde es zweifellos gelingen, die Eigeninitiative zu steigern.

Der Bundeskanzler sagt in einer Regierungserklärung, man sei auf gutem Wege, das Problem zu lösen. Er habe dafür einen Plan, den er aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht publik machen werde.

In einem Interview im Feuilleton einer auflagenstarken überregionalen Tageszeitung äußert sich der bekannteste deutsche Armutsforscher zum Thema. Er warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft und fordert den Ausbau des Sozialstaats, um der wachsenden politischen Polarisierung zu begegnen. Staatliche Transferleistungen mit dem Ziel, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, seien mitnichten eine soziale Hängematte. Auch das Bildungssystem müsse gestärkt werden, vor allem die frühkindliche Förderung, um ein Verharren der nächsten Generation in der Armutsfalle zu verhindern.

Da dieses Feuilleton überwiegend von nicht mehr ganz jungen gebildeten Menschen zur Kenntnis genommen wird, die weniger als ganz junge wenig gebildete Menschen in sozialen Netzwerken tätig sind, die also Gedanken, die sie sich machen, nicht reflexartig massenhaft verbreiten, die also als Multiplikatoren keine große Rolle spielen, ist die Resonanz des Interviews gering.

Anders verhält es sich mit der Reaktion auf einen Hauptartikel des deutschen Leitmediums. Unter dem Titel „So faul sind sie – auf unsere Kosten!“ steht der Text:

„Unglaublich! Ihre Frauen tragen kostbare Kleider aus Mond-, Sonnen- oder Sternenstaubstoff, bezahlt von unseren Steuergeldern. Sie arbeiten nicht, noch nicht einmal schwarz, sondern ruhen sich in ihrer komfortablen sozialen Hängematte aus. Sie belegen großzügig bemessenen Wohnraum im sozialen Wohnungsbau, der deshalb für hart arbeitende Bürger nicht zur Verfügung steht. Sie wohnen darin kostenlos! Und die Heizkosten werden ihnen auch erstattet! Dagegen frieren hart arbeitende Geringverdiener bei 17 Grad in ihren teuren Behausungen, weil sie sich neben den horrenden Mieten die explodierenden Energiepreise nicht mehr leisten können.

Und jetzt tragen diese Schmarotzer öffentlich einen Wettbewerb aus, wer von ihnen der Faulste ist. Das Ergebnis wurde gerade bekanntgegeben.

Der Bewerber, der damit angibt, dass er zum Schlafen nicht mal die Augen schließt, wenn ein Tropfen hineinfällt, belegt den dritten Platz.

Zweiter wird einer, der am Feuer die Füße nicht zurückzieht, wenn sie verbrennen.

Und der Sieger? Der prahlt damit, dass er den Strick nicht durchschneiden würde, wenn man ihn hängt.

Man sollte diesem Ungeziefer wirklich einmal zeigen, wie es sich anfühlt, wenn die Füße verbrennen und wenn man gehängt wird!“

In der nächsten Nacht brennen in Südniedersachsen und Nordhessen zahlreiche Prinzenunterkünfte.

Dezember 23

Gutachten im Fall Margarete Holz

Margarete Holz stammt aus traditionellen Familienverhältnissen. Der Vater, Christian Holz, und die Mutter, Marie Holz geborene Schwarz, haben außer Margarete noch einen Sohn, Johannes. Johannes ist zwei Jahre jünger als Margarete.

Die finanziellen Mittel der Familie Holz waren und sind sehr begrenzt. Als Wohnung dient ein bescheidenes Haus am Rand eines Dorfes, eher eine Hütte, die von Generation zu Generation vererbt wurde. 

Christian Holz ist als LKW-Fahrer bei einer international tätigen Spedition beschäftigt. Nach dem Abschluss der Volksschule war er zunächst als ungelernter Waldarbeiter tätig, ein saisonales Beschäftigungsverhältnis, das ein nur unregelmäßiges Einkommen mit sich brachte. Sein gegenwärtiger Arbeitgeber, der dringend Fahrer suchte und immer noch sucht, bezahlte ihm den Führerschein. Die aktuelle Tätigkeit hat zu einer verbesserten finanziellen Situation der Familie geführt, brachte aber andere Friktionen mit sich.

Als Fernfahrer ist Christian Holz nur selten und unregelmäßig zu Hause bei seiner Familie. Das war organisatorisch kein Problem, solange die leibliche Mutter seiner Kinder, Marie, die Sorge für Sohn und Tochter übernahm. Als Marie jedoch nach ihrer dritten Geburt, bei der das Kind tot zur Welt kam, Opfer des Kindbettfiebers wurde, musste nach einer anderen Lösung gesucht werden.

Es soll positiv hervorgehoben werden, dass Christian Holz sich gegen eine verbrecherische, wiewohl in seinem Milieu durchaus verbreitete scheinbare Lösung entschied: Er setzte seine beiden Kinder nicht in einer ihnen fremden Umgebung aus, was ihm als Fernfahrer zweifellos leicht gefallen wäre. Auch gab er die Tochter und den Sohn, die er liebte, nicht zur Adoption frei. Er suchte stattdessen nach einer neuen Frau.

Nur wenige Wochen nach dem Tod seiner ersten Frau, die er zu Hause hatte verbringen müssen, um seine Kinder zu versorgen, heiratete er Katerina Swoboda. Frau Swoboda hatte bisher an der tschechisch-bayerischen Grenze sexuelle Dienstleistungen angeboten, sie war auf Fernfahrer spezialisiert. So hatte Holz sie kennengelernt.

Swoboda zog nach der Hochzeit in das Häuschen ihres Mannes, der daraufhin wieder seiner beruflichen Tätigkeit nachging. Das Leben der Kinder Margarete und Johannes veränderte sich stark.

Katerina zeigte gegenüber Johannes eine starke Zuneigung, während sie Margarete emotional vernachlässigte. Sie bürdete dem Mädchen die gesamte Hausarbeit auf, während sie sich mit Johannes beschäftigte. Dabei widmete sie nach Aussagen von Margarete dem Geschlechtsteil des Jungen besondere Aufmerksamkeit. Sie habe seinen Penis in den Mund genommen und daran gesaugt. Die Hoden habe sie „abgeschleckt“. Wenn ihr Mund frei gewesen sei, habe sie einen Finger gern in den Mund des Jungen gesteckt. Auch habe sie Johannes ausdauernd am ganzen Körper gestreichelt und gekitzelt und sei entzückt gewesen, wenn das Kind gejauchzt habe.

Als sie in den Haushalt eintrat, habe Katerina bemängelt, dass Johannes zu dünn sei. Er brauche Pölsterchen, um „knuffig“ zu sein. Klein, rund und weich solle er sein, dann werde sie ihn „zum Fressen gern“ haben.

Die Lebensmittelzuteilung in der Kleinstfamilie entsprach diesen Präferenzen. Während Margarete Hunger litt, wurde Johannes mit seinen Lieblingsessen vollgestopft und gemästet. Margarete versuchte, ihren jüngeren Bruder zu warnen: Er solle sich den wohlschmeckenden Verführungen verweigern, die neue Mutter wolle ihn nur mästen, um ihn aufzuessen. 

„Hänsel, sie will Dich umbringen!“

Ihre Warnungen stießen auf taube Ohren, dem Kind schmeckte es zu gut. Vielleicht verstand der Junge seine Schwester auch nicht.

Margarete behauptet, Katerinas Äußeres habe sich allmählich verändert. Ihr Rücken habe sich gekrümmt, sie habe rote Augen bekommen, die Finger seien zu dürren Krallen geworden. Sie habe ausgesehen wie eine Hexe.

Margarete suchte nach einem Ausweg, um ihrem Bruder zu helfen und selbst dem Hass der Stiefmutter zu entkommen. 

Ihren Vater konnte sie nicht erreichen. Er hatte keine feste Adresse, und sie hatte kein Handy. Und wenn sie es vermocht  hätte, Kontakt aufzunehmen, war nicht sicher, ob er ihr Gehör schenken würde.

Sie hätte beten können, aber sie war nicht gläubig. Sie war ein schwaches, unterernährtes Kind von knapp sieben Jahren. Katerina war sie physisch unterlegen. Von ihrem fünfjährigen adipösen Bruder konnte sie keine Hilfe erwarten.

Margarete hat ausgesagt, sie habe die Lösung geträumt. Eine Fee sei ihr im Schlaf erschienen und habe ihr eine Pflanze vor die Nase gehalten, die stark nach dem Urin von Mäusen gerochen habe. Sie habe den Geruch genau erkannt, obwohl es das erste Mal gewesen sei, dass sie im Traum etwas gerochen habe. Mäuse seien in ihrem Vaterhaus eine ständige Plage.

Die Fee habe die kleinen Früchte der Pflanze von den Hülsen befreit, sie zerrieben und auf das Wasser in einem Glas gestreut. Dann habe sie es einer Frau gereicht, die ausgesehen habe wie Katerina.

Gesprochen habe die Fee nicht.

Margarete hat zugegeben, die Pflanze gekannt zu haben, sie sei direkt hinter dem Haus am Wegesrand gewachsen.

Unter tiefenpsychologischen Gesichtspunkten handelt es sich bei Margaretes Traum um Projektion und Übertragung. Da das Kind vor der Vorstellung zurückschreckte, die Stiefmutter aus eigenem Antrieb zu ermorden, projizierte es den Plan auf eine Märchenfigur und übertrug die Ausführung des Giftanschlags ebenfalls auf diese.

Am nächsten Morgen habe sie das Getränk aus den Pflanzenfrüchten auf den Tisch der Küche gestellt und sei ins Dorf gegangen, um Milch zu kaufen. Als sie wiedergekommen sei, habe Katerina, von Krämpfen geschüttelt, neben dem Tisch auf dem Boden gelegen. Sie habe sich nicht mehr bewegen können und nicht genug Luft bekommen. Schließlich sei sie erstickt.

Margarete habe sich nicht weiter um ihre Stiefmutter gekümmert, sondern nach ihrem kleinen Bruder Johannes gesehen. Der überfütterte Junge habe vor Hunger geschrien, sie habe ihm aber nichts zu essen gegeben, sondern ihn in einen Handkarren gesetzt und ihn in diesem Gefährt ins Dorf gezogen.

Zeugen bestätigen, dass das Brüllen des Kindes die Bewohner hat zusammenlaufen lassen. Da Margarete nicht zum Reden zu bringen war, schickte man zur Stiefmutter, deren Leiche so entdeckt wurde.

Die Polizei wurde alarmiert, das Jugendamt eingeschaltet, über den Arbeitgeber konnte der Aufenthalt des Vaters ermittelt werden.

Margarete und Johannes wurden in Obhut genommen.

Johannes machte unter ärztlicher Kontrolle eine Abmagerungskur, um sein Normalgewicht wieder zu erreichen. Er lehnt jeden Kontakt mit seiner Schwester ab. Er macht sie für alles verantwortlich.

„Gretel ist an allem schuld!“ wiederholt er immer wieder.

Margarete ist nicht strafmündig und schon allein deshalb schuldunfähig, abgesehen von den psychischen Belastungen, denen sie ausgesetzt war. Sie will mit ihrem Vater nichts mehr zu tun haben.

Christian Holz ist den beruflichen Belastungen als Fernfahrer nicht mehr gewachsen. Seine Reaktionsgeschwindigkeit ist stark verlangsamt, er kann sich nicht über längere Zeit konzentrieren. Er arbeitet wieder saisonal als Waldarbeiter und ist auf zusätzliche Leistungen nach SGB2 angewiesen. Er  hat auf das Sorgerecht für seine Kinder verzichtet.

Johannes und Margarete sind zur Adoption freigegeben. Die Chancen für eine erfolgreiche Vermittlung stehen schlecht.

Dezember 23

Ärzte

Ein Blick in den Kalender zeigte ihm, dass es wieder so weit war: Er bekam Besuch wie an jedem ersten Mittwoch im Monat, und er erwartete stets dieselben Gäste zu seinem jour fixe. Zwar war er des Rituals längst überdrüssig, aber immer nur mit sich allein sein mochte er auch nicht. Und: Wen sonst hätte er einladen sollen?

Er hatte bei diesen Treffen stets ein Abendessen parat, bei dessen Zusammenstellung er nicht überlegte, worauf die Eingeladenen vermutlich Appetit hatten, sondern sich nach den eigenen Gelüsten richtete. Außerdem hatten seine Gäste immer auf alles Appetit. Er wartete natürlich nicht selbst auf, wie sollte er das auch, er hatte Besseres und Wichtigeres zu tun als in der Küche zu stehen. Außerdem konnte er gar nicht kochen, aber das hängte er nicht an die große Glocke.

Es war Gretels Aufgabe, die Speisen zuzubereiten und zu servieren.

Er hatte sie aus Mitleid ins Haus genommen. Eigentlich brauchte man heutzutage keine Köchin, wohlschmeckende fertige Mahlzeiten und Getränke konnte man für Geld in Geschäften erwerben, und Geld hatte er genug. Außerdem war bekannt, dass es mit ihrer Ehrlichkeit nicht weit her war. Sie war verfressen und versoffen und stahl, sobald sich die Gelegenheit bot. Wurde sie erwischt, fiel dem einfallsreichen Weib immer eine Ausrede ein. Aber sie hatte ihm leid getan, als sie vor seiner Tür stand und händeringend um Arbeit bat, und sei es nur für Kost und Logis. War er hartherzig genug, sie an den Bettelstab zu bringen? Wer, wenn nicht ein Reicher wie er, konnte einer Hausangestellten Arbeit geben? Und Reiche gab es nur noch wenige unter ihnen. Er hatte sich erweichen lassen.

„Gretel,“ sagte er jetzt, „ich erwarte heute Abend die üblichen drei Gäste, und ich habe Hunger auf Hühnchen. Also sollst Du fünf Hühnchen vorbereiten. Eins davon ist für Dich, das sollst Du jetzt schon wissen, damit Du nicht zu stehlen brauchst. Dazu besorgst Du fünf Flaschen Wein, für wen die fünfte ist, brauche ich Dir nicht zu sagen. Um sieben Uhr servierst Du, verstanden?“

Die Köchin knickste und bedankte sich. Zuerst ging sie in ihre Kammer und legte sich aufs Bett. In früheren Zeiten hätte sie sich sofort zum Hühnerhof aufgemacht und fünf Hennen eingefangen und getötet. Danach hätte es viel Arbeit gegeben, bis das Essen auf dem Tisch stand: Die Vögel ausbluten lassen, ausnehmen, brühen und rupfen, schließlich würzen. Holz hätte gesammelt werden müssen, um ein Feuer unter dem Bratspieß zu entfachen, auf den die Tiere gesteckt wurden. Und dann hieß es drehen, drehen und nochmals drehen. Stundenlang war man damals nur damit beschäftigt, ein paar Hühner zu braten.

Aber heutzutage hatte sie Zeit. Ein Supermarkt mit großen Kühlregalen war nur ein paar Straßenecken entfernt. Die Hühner, die dort auf Kunden warteten, waren bratfertig vorbereitet. Und der Backofen in ihrer Küche brauchte  nur eingeschaltet zu werden. Wählte man eine Heizart und sagte ihm Temperatur und Zeit, erledigte er die Arbeit ganz unbeaufsichtigt.

„Gretel,“ sagte sie fröhlich zu sich, „es geht Dir so unverschämt gut, dass es gar nicht zu sagen ist!“

Ihr Arbeitgeber dagegen litt unter einem Anfall von Selbstmitleid. Von unbegründetem Selbstmitleid, das gab er zu. Er sah sich um: Er saß in einem sowohl ergonomischen wie gemütlichen Sessel in einem gut beheizten großen Wohnraum. Aus hohen Regalen an den Wänden sahen ihn die Rücken seiner besten Freunde an: Hunderte von Büchern, vielleicht tausende. Hinter den großen Fenstern lang ein gepflegter Garten. Die Nachbarn waren so weit entfernt, dass er sie ignorieren konnte. Viele waren es nicht in diesem kleinen Villenviertel.

Er hatte nicht immer so luxuriös gelebt. Sein Vater war Holzfäller gewesen. Der Alte war lange tot, die schwere Waldarbeit hatte ihn früh gezeichnet und seine Gesundheit zerrüttet. Als er einen Sohn bekommen hatte, schwor er sich, der sollte besser leben als er. Und er meinte, der Weg zu einem besseren Leben führte über Bildung.

Armer, naiver alter Vater! Bis zu seinem Tod hat er an diese Idee geglaubt.

Der Vater schund sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend, um dem Sohn die hohe Schule bezahlen zu können, auf die er ihn schickte. Der Junge lernte gerne und gut, aber als der Alte trotz seiner Plackerei das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte, nahm der Sohn die Sache leicht. Er begleitete den Vater heiter in den Wald zur Arbeit, brachte aber wenig zuwege: Er hatte Muskeln im Gehirn ausgebildet, aber nicht in den Armen.

Nein, mit dem Holzfällen und ihm klappte es nicht. Natürlich wollte er das dem Vater gegenüber nicht zugeben; welcher Halbstarke gesteht schon seinem Vater, dass er für etwas zu schwach ist? Lieber ging er pfeifend in den Wald und gab vor, Vogelnester suchen zu wollen. Allerdings stand ihm eher der Sinn danach, in blinder Wut Disteln zu köpfen.

Sein Blick fiel auf eine kleine Glasflasche auf dem Tischchen, das er als Hausbar nutzte. Das Fläschchen war unscheinbar, versteckt zwischen Whisky, Wodka und Brandy, es war nie einem einer Gäste aufgefallen. Für ihn war es sein wertvollstes Gut, der Schlüssel zum guten Leben.

Damals, an dem einen Tag im Wald mit seinem Vater, hatte er diese Flasche gefunden. Sie lag zwischen den Wurzeln einer riesigen alten Eiche, und aus ihr drang ein Stimmchen: ‚Lass mich raus, lass mich raus!‘ So dringlich war das Flehen, dass das Fläschchen im Rhythmus der Stimme zu hüpfen schien. 

Vielleicht hätte ich den Kerl da drin lassen sollen, dachte er manchmal. Ja, natürlich wäre ich dann weder angesehen noch reich. Aber die Demütigung wäre mir erspart geblieben. Das Wissen, dass ich ohne ihn nichts bin.

Er hatte ‚den Kerl‘ nicht drin gelassen, sondern arglos den Korken aus dem Flaschenhals gezogen. Hatte beobachtet, wie dünner Rauch aus dem Flakon quoll, der sich rasch zu einem riesigen Wesen zusammensammelte, das ihm drohte, ihm den Hals zu brechen.

Es war eigentlich eine absurde Situation: Der Geist, oder was immer die Gestalt aus Rauch sein mochte, behauptete, der großmächtige Merkurius zu sein. Merkur! Hermes! Ein Sohn des Zeus! Der Gott des Handels und der Kaufleute, aber auch der Diebe und des Gewinns. Wofür hielt ihn diese Dunstwolke? Er war auf eine hohe Schule gegangen, er kannte sich aus in der Welt der griechischen Götter, er hätte Merkur sofort anhand seiner Attribute erkannt, am Hermesstab, am geflügelten Helm und den Flügelschuhen und auch am Geldbeutel, den er oft in der rechten Hand hielt. 

Nichts dergleichen konnte er an dem Qualmwesen ausmachen. Und noch etwas passte nicht zu einem olympischen Gott: Dass er zur Strafe in einem Fläschchen eingeschlossen gewesen sein sollte und dass er demjenigen, der ihm die Freiheit gab, den Hals brechen musste. Musste! Wer, wenn nicht Zeus persönlich, hätte mit ihm auf diese Weise umspringen können? Und wenn der Göttervater das getan hätte: Hätte er nicht eine entsprechende Göttersage auf seiner Schule gelernt?

Der Kerl hielt ihn offenbar für dumm und log das Blaue vom Himmel herunter. Wer so dreist war, war vermutlich selber dumm – oder äußerst ausgekocht, aber das hier er für wenig wahrscheinlich. Er ging das Risiko ein, stellte sich misstrauisch und appellierte zugleich an die Eitelkeit seiner neuen Bekanntschaft. ‚Wenn Du dieser große Geist bist, dann kannst Du sicher auch wieder in Deine Flasche zurückschlüpfen.‘

Er hatte richtig kalkuliert. Schwuppdiwupp war der Kerl wieder durchsichtiger Rauch im Fläschchen.

Schluss mit den Erinnerungen! befahl er sich nach einem Blick auf seine Smartwatch. Zeit für die Sprechstunde!

Empfang, Warte- und Sprechzimmer hatte er im vorderen Teil seines Hauses eingerichtet. Seine Praxishelferin war perfekt darin, die Patienten um ihre Krankenversicherungskarte zu bitten, die sie in den Computer einlas. Mehr als Gesundheitskartendaten enthielt der Rechner nicht. Es gab keine Patientenakten oder Abrechnungen. Wozu auch? Er brauchte sich nichts zu merken, und er brauchte kein Geld. Er wahrte nur den Schein.

Zum Schein gehörte auch, dass seine hübsche Helferin nicht nur bis drei zählen konnte. Er hatte ihr beigebracht, bis hundert zu kommen. So viele Kranke suchten bisweilen an einem Tag seine Hilfe, aber dennoch brauchte niemand sehr lange zu warten. Er erledigte seine Arbeit zügig.

Dabei vermied er den Eindruck, ein Wunderheiler zu sein. Stethoskop und Blutdruckmessgerät waren stets zur Hand, auch ließ er seine Besucher erzählen, was sie plagte, ohne sie zu unterbrechen. Er machte währenddessen eine interessierte Miene, ohne allerdings zuzuhören. Zu gegebener Zeit bemerkte er: ‚Da kann ich wohl helfen‘. Wenn er diesen Satz sagte, berührte er den Kranken mit dem Ballen seiner rechten Hand. Anschließend unternahm er gar nichts oder verordnete ein belangloses Medikament oder eine unwirksame Therapie.

Manchen seiner Patienten entging nicht, dass er an der rechten Hand ein Pflaster trug. Es reichte vom Handballen über die Daumenwurzel bis zum Handrücken. Die Mutigeren, die es wagten, einen Arzt nach seinem persönlichen Befinden zu fragen, erkundigte sich nach der Art seiner Wunde. Er antwortete, es handele sich um ein Ekzem. Da anscheinend niemand mit dieser Auskunft etwas anfangen konnte, benutzte er sie dauernd.

Er sonnte sich in der Dankbarkeit all derer, die er heilen konnte, und wütete insgeheim darüber, dass die medizinische Kunst, die er anwendete, nicht aus seinen Kenntnissen erwuchs, sondern aus der Kraft, die einem schäbigen Lappen innewohnte. Dem Lappen, den er, getarnt als Pflaster, auf seiner Hand befestigt hatte. Dem Lappen, den der Geist aus der Flasche ihm als Belohnung gegeben hatte, dafür, dass er ihn zum zweiten Mal aus seinem Gefängnis befreit hatte.

Er hütete sich, einem Kranken mit dem Pflaster auf dem Handrücken nahe zu kommen. Wem oder was er mit diesem Ende des Lappens nahe kam, der oder das wurde zu Silber.

Seit dem Tag im Wald hatte er keine finanziellen Sorgen mehr: Seine Axt, die er sowieso nicht ordentlich schwingen konnte, machte er sogleich zu Silber. Als wissbegieriger Mensch setzte er später seine Studien fort. Aber trotz aller Bemühungen um Wissen blieb es dabei: Kranke heilen konnte er nicht mit seinen medizinischen Kenntnissen, sondern mit einem magischen Lappen.

Es gab nur wenige Menschen aus seiner Heimat, die so gebildet waren wie er. Wenn man es genau nahm, gab es nicht einmal einen fähigen Mediziner. Unter den sehr wenigen, die als Ärzte galten, hatte er seine nähere Gesellschaft gewählt.

Zuerst waren es sechs Gäste, die er an die Tafel in seiner Villa bat. Die drei Chirurgen waren unterhaltsame Zeitgenossen und wussten viel aus ihrem bewegten Leben zu erzählen, aber es stellte sich rasch heraus, dass ihr Leben für seinen Geschmack zu bewegt gewesen war. Sie waren aufgrund unglücklicher Umstände, bei denen natürlich die verliebte Selbstvergessenheit eines dummen jungen Weibes die zentrale Rolle spielte, Opfer von Organtransplantationen geworden, die sie allerdings selbst initiiert hatten. Sie hatten beabsichtigt, sich selbst eigene Organe zu entnehmen und nach einer gewissen Zeit wieder zu implantieren, um ihre Kunstfertigkeit unter Beweis zu stellen. Wegen der Verliebtheit der jungen Frau, die nicht auf ihre gefräßige Katze aufgepasst hatte, mussten sie jedoch mit Ersatzteilen vorlieb nehmen, die nicht ihre eigenen waren.

Daran, dass einer der drei ein Auge hatte, mit dem er in der Nacht besser sah als am Tag, weil es von einer Katze stammte, konnte er sich gewöhnen. Auch daran, dass er beständig von Mäusen redete.

Schon schwerer fiel es ihm, das ungebührliche Benehmen des zweiten zu tolerieren, der auf allen vieren unter dem Tisch und in allen Ecken herumschnüffelte, was ihm sein Schweineherz zu befehlen schien.

Beim dritten allerdings hatte seine Toleranz ein Ende: Nach seinem Besuch waren seine wertvollen Uhren verschwunden. Der Arme hatte sich statt seiner eigenen die Hand eines Diebes annähen müssen, der am Galgen geendet hatte.

Da die drei Chirurgen unzertrennliche Freunde waren, strich er sie von seiner Gästeliste.

Die ersten beiden seiner Gäste heute waren pünktlich. Dqs war keine Überraschung, denn sie waren immer auf die Minute pünktlich, während der dritte zuverlässig eine Viertelstunde zu spät kam. Dessen erste Frage war dann stets: „Sind hier alle gesund, oder ist ein Kranker unter Euch?“ Er trat erst dann, sichtlich erleichtert, ins Haus, wenn ihm versichert wurde, alle seien gesund und munter.

Zuerst kamen also Krebs und seine Frau. Beide waren gemütlich, dick und rotgesichtig.

Krebs trat ein, sah sich um und bemerkte zutreffend: „Ich bin der erste.“

Seine Frau nickte und bestätigte ihn: „Du bist der erste.“

„Dann bist Du die zweite!“ folgerte Krebs.

„Ich bin also die zweite!“ echote seine Frau.

„Es fehlt noch der dritte, denke ich.“

„Ja, es fehlt sicher noch der dritte.“

„Bin ich nicht ein kluger Krebs?“ Er schaute seine Frau an und wünschte sich Lob von ihr.

„Oh ja, Du bist ein sehr kluger Krebs!“

Heilige Einfalt! Nein, in Zukunft würde er sich diesen Schwachsinn sicher nicht mehr anhören wollen. Aber da die beiden Einfaltspinsel nun einmal da waren, konnte er sich auch einen Spaß mit ihnen machen.

Er bot ihnen Wein an, sagte, man werde in ein paar Minuten leckere Hühnchen zu essen bekommen, und fragte dann: „Nun, Doktor Allwissend, was machen die Studien?“

„Ach, Herr Kollege, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Ich plage mich mit meinem ABC-Buch nach Kräften, aber noch ist es mir nicht gelungen, das gesamte Alphabet zu durchdringen. Es ist ja auch so anspruchsvoll! Momentan stecke ich beim Buchstaben ‚K‘ fest. Aber das macht ja nichts – ich habe nun mal meine Reputation. Dass ich die Diebe in einem sensationellen Fall enttarnt habe, das kann mir niemand nehmen!“

„Der Buchstabe ‚K‘,“ sagte er mit gespielter Ernsthaftigkeit. „Ein interessanter Buchstabe! Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Studium dieses Buchstabens gewonnen?“

Krebs beugte sich vor und flüsterte konspirativ: „Es gibt einen neuen Drachen!“

„Aber ‚Drache‘ fängt doch mit ‚D‘ an!“

„Natürlich fängt ‚Drache‘ mit ‚D‘ an. Ich spreche nicht von der Art, ich spreche von seinem Namen.“

„Ah, er hat einen Namen. Wie heißt er denn?“

„Kemtrell.“

„Kemtrell? Diesen Namen habe ich noch nie gehört.“

„Wie gut, dass Sie mich kennen. Ich kann Sie also vor ihm warnen. Aber gesehen haben Sie seine Spuren am Himmel bestimmt schon.“

„Spuren am Himmel?“

„Wenn der Himmel bedeckt ist, versteckt er sich hinter den Wolken. Aber bei blauem Himmel kann er sich nicht tarnen. Er stößt weißen Rauch aus, der lange sichtbar bleibt.“

„Was hat er vor, der Drache Kemtrell?“

„Er steht im Dienst des mächtigen Königs Monsanto von Bayer. Er besprüht mit seinem Gift alle Ackerböden der Welt, um Saatgut unbrauchbar zu machen. Das Saatgut des Königs Monsanto dagegen ist gegen das Drachengift immun. Er will noch reicher werden, als er schon ist, und den Bauern sein Saatgut verkaufen.“

„Das wissen Sie alles aus Ihrem ABC-Buch?“

„Aber nein. Das weiß ich alles von meiner Frau.“

„Das weiß er alles von mir,“ bestätigte die Frau.

„Und woher weiß die Frau das?“ wollte er wissen, ohne sich direkt an den Mann oder die Frau zu wenden.

Die Frau wurde rot und zog einen kleinen viereckigen flachen Gegenstand aus der Rocktasche. Sie hielt ihn hoch. „Daher!“ sagte sie.

„Was ist das denn?“ fragte ihr Mann. „Das kenne ich ja gar nicht.“

„Kein Wunder, dass Du das nicht kannst. Du steckst ja den ganzen Tag mit deiner Nase in Deinem dummen Buch, in dem Du nicht weiter kommst. Dein vieles Geld gibst Du vor lauter Studieren nicht aus, also tue ich das. Ich habe mir ein Smartphone gekauft und lasse mich von ihm unterhalten. Lesen oder gar schreiben muss man dabei nicht können, nur wischen. Und schon bekommt man von überall her interessante Neuigkeiten, von WhatsApp, Facetime, Instagram, TikTok und noch viel mehr.“

„Das klingt wunderbar!“ Krebs, der sich Doktor Allwissend nannte, war beeindruckt. „So einen Apparat will ich auch haben. Dann bin ich über die Welt informiert und muss mich nicht mehr mit dem ABC-Buch herumquälen. Frau, ich bin beeindruckt!“

In diesem Moment erschien Gretel, um anzukündigen, dass sie jetzt das Essen servieren werde, es sei denn, die Herrschaften hätte Appetit auf verkohlten Gockel, aber sie könne alle Hühner auch selber essen. Gleichzeitig war die Türklingel zu hören.

„Gretel, öffne die Tür für meinen dritten Gast, und dann kannst Du auftragen“, wurde sie angewiesen.

„Sind hier alle gesund, oder ist ein Kranker unter Euch?“ Ein dünner Mann trat ein, die gewohnte Frage auf den Lippen. Alle versicherten, gesund zu sein.

„Guten Abend, Kollege!“ dröhnte Krebs dann. „Haben Sie in der letzten Zeit viele Kranke geheilt?“

Er meinte die Bemerkung nicht böse, aber er erregte den Zorn des übel gelaunten Neuankömmlings. 

„Wie Sie wissen sollten, praktiziere ich nicht mehr. Und Sie, Krebs, haben noch nie praktiziert. Sie sind nichts anderes als ein Hochstapler, der eine Kinderfibel unter dem Arm trägt und reich ist, weil er mit mehr Glück als Verstand einmal eine Diebesbande enttarnt hat.“

Er ließ sich auf einen Stuhl am Tisch fallen und wandte sich an den Gastgeber. „Ich bitte um Verzeihung, aber ich glaube, ich bin ihm gerade wieder begegnet. Haben Sie vielleicht ein Glas Wein für mich?“

Gretel ließ sich nicht lange bitten. Der Mann kippte den Wein in einem Zug hinunter. Danach wollte die Köchin das Essen servieren, aber der Hausherr bedeutete ihr, noch zu warten.

„Wem sind Sie wieder begegnet?“

„Dem Gevatter.“

„Einem Paten Ihres Kindes?“

„Dem Paten meines Jüngsten. Niemand wollte Gevatter stehen, ich hatte zu viele Kinder und war arm. Da habe ich geträumt, wen ich fragen sollte: Den ersten, den ich am nächsten Morgen treffen würde.“

„Und?“

„Er war bereit, und er machte mich zu einem Heiler. Nicht zu einem Arzt, denn ich verstehe nichts von der medizinischen Kunst. Er gab mir ein Heilwasser, das alles vermochte. Fast alles.“

„Fast alles?“

„Die Entscheidung, wer mit dem Wasser geheilt werden konnte und wer nicht, lag nicht bei mir. Jedesmal war der Tod mit dabei. Ich hab mich stets an seine Anweisungen gehalten. Einmal wollte ich dem Paten erzählen, wie es mir bisher ergangen ist, und habe ihn in seinem Haus besucht. Dort war es unheimlich, es war ein schauriges Spukhaus, und er selbst hatte lange Hörner auf dem Kopf. Er hat das aber geleugnet und gesagt: ‚Ei, das ist nicht wahr!‘ Und eben gerade steht er hier vor Ihrer Tür…“

„Der Teufel?“

„Der Teufel?“

„Der Teufel?“

„Der Teufel?“ Fragte alle vier wie aus einem Munde.

Gretel erholte sich als erste.

„Die Hühnchen!“ mahnte sie. „Es ist Zeit zum Essen!“

„Du hast recht. Trag auf. Und iss mit uns – allein in der Küche schmeckt es Dir bestimmt nicht so gut wie in Gesellschaft.“

Man schmauste. Die Köchin war gierig. Sie verschluckte sich an einem Knöchelchen und rang nach Luft. Röchelte. Griff sich an den Hals. Lief rot an. Wurde aschfahl im Gesicht. Ruderte mit den Armen in der Luft herum.

„So tut doch was!“ schrie die Frau Krebs.

Der Doktor Allwissend steckte die Nase in sein ABC-Buch und tat, als gäbe es ihn nicht.

Der Hausherr tastete mit der linken Hand nach seiner rechten, aber der dritte Gast warnte ihn: „Halt!“

„Wieso? Dieser Lappen an meiner Hand…“

„…verrichtet nichts gegen den Willen des Teufels. Tod und Teufel stehen zu Füßen der Köchin. Das heißt, dass sie sterben muss. Wir müssen den höheren Mächten gehorchen.“

„Aber warum gerade Gretel? Warum keiner von uns? Wir sind alle drei Hochstapler, und die Krebsin ist dumm wie Bohnenstroh, was eine Beleidigung für Bohnenstroh ist.“

Gretel tat ihren letzten röchelnden Atemzug.

„Haben Sie wirklich keine Ahnung? Tod und Teufel, die Herren dieser Welt, können unsereinen gut vertragen: Betrüger und Hochstapler. Dumme und Leichtgläubige. Aber Menschen wie Gretel, die den Zusammenhang von Ursache und Wirkung kennen und sich selbst genug sind? Die brauchen sie nicht.“

Er sprach nie wieder eine Einladung aus. Er hatte nämlich keine Köchin mehr.

November 23

Schneider und Söhne

Der Vater war ein richtiger Draufgänger. An Selbstvertrauen fehlte es ihm nicht, wohl aber an realistischer Selbsteinschätzung. Er war eben auch nur ein Mensch.

Er blieb in gewisser Weise bei seinen Leisten, obwohl er kein Schuster war, sondern ein Schneider. Er war es gewohnt, Verbindungen herzustellen mit Nadel und Faden: Verbindungen zwischen Stoffen. Er fügte gern zusammen. Aber er war es leid, frierend im Schneidersitz auf seinem Tisch zu hocken und für seine Arbeit schlecht entlohnt zu werden. In den reichen Ländern brauchten die Kunden  schon lange keine qualifizierten Schneider mehr. Billige Textilien wurden in Asien und Afrika von rechtlosen Näherinnen produziert. Kleidung wurde auch online gehandelt. Alles wurde inzwischen online gehandelt. Dabei wollte er mitmischen.

„Hier werden Sie Ihre Ware los!“

Eine Bauersfrau hatte er mit diesem Versprechen enttäuscht, denn er kaufte ihr weniger Mus ab, als sie erhofft hatte. Besser lief das Geschäft für ihn mit Onlinehändlern, Kreditkartenunternehmen und deren Kunden. Er hatte eine Software entwickelt, ein simples Ding, aber es funktionierte. Das Programm leitete die Finanzdaten des Kunden an den Internethändler und an Kreditkartenprovider weiter und analysierte, ob der Kunde vertrauenswürdig war. Es war der Großvater von PayPal, um es in menschlichen Kategorien auszudrücken.

Er hatte Erfolg, und mit dem Erfolg lockte er Risikokapitalgeber an. Denen zeigte er  seine Bilanzen, aber er verriet nicht, wem er maßgeblich seine Gewinne verdankte: Verbrecherorganisationen, deren Geld er wusch, und den Betreibern von Pornoseiten im Netz.

Er ging mit seinem Unternehmen an die Börse. Nicht an eine Börse, an der das ganz große Rad gedreht wurde, dort würden später seine Söhne spielen. Er bleib in Deutschland und war stolz darauf, dass er im DAX gelistet wurde. Das war ein Jahr vor der Pleite, aber das ahnten die Aktionäre nicht, sie kauften und kauften, angefeuert von den sogenannten Analysten, die fette Gewinne verhießen.

Das Unternehmen war seit Jahren weltweit aktiv. Vieles war aber Show. Manche Bankzweigstellen bestanden nur aus Kulissen. Vertreter einer asiatischen Bank, die in einer Videokonferenz auftraten, entpuppten sich später als Schauspieler.

Er war schon erfinderisch, der ehemalige Schneider. „Sieben auf einen Streich!“ war sein Slogan. Damit brüstete er sich, ohne jemals zu verraten, welche sieben welchem Streich zum Opfer gefallen waren.

Aber er hat überzogen.

Wenige Tage nach den letzten heißen Börsentipps war er pleite. Es wurde offenbar, dass er über Jahre seine Bilanzen gefälscht und Umsatz- und Gewinnzahlen frei erfunden hat, um in den DAX aufzusteigen und Kredite in Milliardenhöhe zu erhalten. Der größte Schwindel, der die deutsche Wirtschaftswelt erregte, war, dass Guthaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten auf den Philippinen liegen sollten, nicht existierten.

Ist das nicht komisch? Über solche Peanuts regt man sich in Deutschland auf!

Er hatte drei Söhne.

Bei seinen Söhnen bestand er auf einer soliden Ausbildung in einem für Unternehmer ökonomisch soliden Land, also in den USA. 

Den Ältesten ließ er den Handel mit Immobilien erlernen. Und den Handel mit einem gedeckten Tisch. Harry J. Schneider kaufte Grund und Boden und verlangte später von den Nutzern der Liegenschaften Pacht. So verdiente er Geld. Das wirkliche Geheimnis seines Erfolgs beruhte aber darauf, dass die Nutzer zugleich Franchisenehmer seiner Filialen „McSchneider’s – der gedeckte Tisch“ waren. Natürlich zahlten die auch Franchisegebühren. Je höher der Umsatz, desto höher die Miete. Er ließ seine Franchisenehmer Hamburger verkaufen, weil die am meisten Gewinn abwarfen. So konnten die Restaurantbesitzer die von ihm geforderten Mieten bezahlen. Harry J. Schneider lebte dabei nicht schlecht: Mit der Gesamteinnahme pro Quadratmeter kam er auch in der „Provinz“ auf höhere Preise als im Frankfurter Bankenviertel.

Die „Provinz“ gibt es längst international. Das Unternehmen war gegen Ende der 90er Jahre in rund 120 Ländern aktiv. Seitdem hat sich der Konzern aufgrund schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen aus einigen Regionen wieder zurückgezogen.

Aus den USA ist „McSchneider’s – der gedeckte Tisch“ jedoch kaum mehr wegzudenken. Dort leben 50 % der Bewohner keine drei Autominuten von der nächsten McSchneider’s-Filiale entfernt.

Der Konzern ist der größte private Anbieter von Spielplätzen in den USA.

Das Maskottchen, Ronald McSchneider, ist bei US-amerikanischen Kindern fast so bekannt wie der Weihnachtsmann. McSchneider’s vertreibt durch die Spielzeugbeigabe in seinen Happy Meals weltweit die meisten Kinderspielsachen. Die perfekte Kundenbindung!

Mit einem Umsatz von 23,2 Mrd. US-Dollar, bei einem Gewinn von 6,2 Mrd. Dollar, zählt McSchneider’s zu den 250 weltgrößten Unternehmen. Das Unternehmen kam 2022 auf einen Börsenwert von ca. 193 Mrd. US-Dollar.

Harry ist besser als sein Vater, nicht wahr? Das ist aber noch gar nichts, wenn man es mit dem Erfolg seines jüngeren Bruders vergleicht.

Mark ging bei einem Müller in Harvard  in die Lehre. Bei dem lernte er, grobkörniges Material zu einem feinkörnigen Endprodukt zu zerkleinern. Bei diesem Material handelte es sich nicht um Getreide, Ölfrüchte, Steine oder Stofflumpen. Es handelte sich um das menschliche Gehirn. Bei seinem Meister studierte Mark Informatik und Psychologie, bis er seine Lehre unvermittelt abbrach. Er hatte schnell ohne Anleitung verstanden, wie man das menschliche Gehirn schreddern konnte.

Mit drei anderen Lehrlingen baute er zunächst in Harvard ein öffentliches Bewertungssystem für das Aussehen von Frauen. Er stellte Fotos von Studentinnen ohne deren Erlaubnis ins Internet und forderte die Besucher der Seite auf, von jeweils zwei zufällig ausgewählten Fotos das attraktivere zu wählen. 

Mark verstand, dass es wichtig war, der aktive Part zu sein. Auszuwählen, nicht ausgewählt zu werden. Es war wichtig, entscheiden zu können. Es war wichtig, sich zu präsentieren. Die eigene Person darzustellen. Es war auch wichtig, nicht allein zu sein. Und es war wichtig, wichtig zu sein.

Er gründete eine Mühle. Oben hinein wurden Hirne unglücklicher Menschen gefüttert, die sich in der Mühle aufblähen durften, Gleichgesinnte trafen und aus dem Trichter glücklich in kleiner Körnung herausfielen. Beim Aufblähen verrieten sie natürlich viel über sich: Ihre Ansichten, Kenntnisse, Vorlieben, Abneigungen.

Diese Informationen ließen sich nutzen. Wozu sollte ihm seine Mühle dienen, wenn sie ihm keinen Gewinn brachte? Ermöglichte er Krethi und Plethi etwa aus reinem Altruismus, sich weltweit darzustellen? Nicht doch! Mit persönlichen Daten konnte man personalisierte Bewerbung generieren, darüber  musste man die Gemahlenen nicht informieren, meinte Mark.

Krethi und Plethi gaben ihm recht. Sein Internetauftritt ist das am meisten genutzte soziale Netzwerk der Welt. Und er hat noch mehr: ein Netzwerk mit Fokus auf Video- und Foto-Sharing, und ein Videoportal für die Lippensynchronisation von Musikvideos und anderen kurzen Videoclips. Und natürlich einen Messenger-Dienst: Benutzer können Textnachrichten, Bild-, Video- und Ton-Dateien sowie Standortinformationen, Dokumente und Kontaktdaten zwischen zwei Personen oder in Gruppen austauschen. Und auf allen Kanälen läuft personalisierte Werbung, die ihm Geld bringt.

Mark geht es gut, wenn man davon absieht, dass jeder Mensch mit persönlichen Nickeligkeiten zu kämpfen hat. Er hatte Streit mit Nachbarn. Nachdem er ein Riesengrundstück auf der Hawaii-Insel Kauaʻi für  schlappe 100 Millionen US-Dollar gekauft hatte, versuchte er, Hunderte von Hawaiianern zu verklagen, die Kleinstparzellen zwischen seinem erworbenen Grundstück besaßen, um sie zum Verkauf ihrer Anteile zu zwingen. Ist doch logisch, dass man sich um Arrondierung bemüht, nicht wahr?

Mark ist  reicher als sein älterer Bruder,  aber ärmer als sein jüngerer. Sein Vermögen beträgt ca. 104,4 Milliarden US-Dollar. Damit belegt er Platz 7 auf der Liste der reichsten Menschen der Welt. Mark kann wirklich stolz auf sein Unternehmen sein. Er nennt es zu recht den Goldesel.

Mark Ist ein Verfechter absoluter Meinungsfreiheit, obwohl er auch schon mal den Schwanz einzieht, wenn er in die Enge getrieben wird. Sein jüngerer Bruder ist da konsequenter.

Mark ist, ebenso wie sein jüngerer Bruder, Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens. Beide sind nämlich davon überzeugt, dass die ökonomisch relevante Arbeitskraft von Menschen künftig kaum noch nachgefragt werden wird.

Der Jüngste ist Lone. Onel. Enol. Elon. Scum. Entschuldigung: Skum. Sumk. Umsk. Musk. Er spielt gern mit Buchstaben. Sein Lieblingsbuchstabe ist das ‚X‘, das aber leider nicht in seinem Namen enthalten ist. Er verwendet das ‚X‘, wo immer er kann.

Um die Information über den Besitz vorwegzunehmen: Er ist mit einem Vermögen von 240 Milliarden US-Dollar der reichste Mensch der Welt. Aber was heißt heutzutage schon Besitz: Die Börse hat’s gegeben, die Börse hat’s genommen… 

Von Ausbildung hielt Elon wenig, er brachte es gerade mal zu einem Bachelor-Abschluss an der University of Pennsylvania. Danach wechselte er nach Stanford, wo er aber nur zwei Tage lang den Studenten mimte. Er verdiente lieber Geld mit Unternehmen, die er gründete. Zuerst tummelte er sich ausschließlich im Dotcom-Bereich, trieb sich bald aber auch in anderen Gefilden herum.

Das Raumfahrtunternehmen SpaceX ist der führende kommerzielle Anbieter von Raketen und Raketenstarts. SpaceX versorgt die Raumstation ISS mit Material und führt auch die überwiegende Zahl der bemannten Flüge zu ihr durch. Langfristiges Ziel des Unternehmens ist, die Kosten des Weltraumtransports drastisch zu senken, so dass es möglich wird, Menschen auf anderen Himmelskörpern anzusiedeln. Elons Lieblingsziel dabei ist der Mars. 

Zur Finanzierung dieses Weltraum-Reisebüros dient das Satelliteninternet-Netzwerk Starlink. Es bietet inzwischen weltweiten Internetzugang auch in Gebieten, in denen zuvor keine oder keine ausreichende Verbindung zur Verfügung stand. Inzwischen sind über 5.000 Starlink-Satelliten im Erdorbit unterwegs, geplant sind über 40.000 weitere.

Elon teilt der Welt gerne seine Ansichten mit. Er hat ein Twitter-Profil mit Millionen von Abonnenten, war aber unzufrieden mit den inhaltlichen Grenzen, die der Dienst  setzte. Den Ausschluss von Donald Trump, der wissentlich Lügen auf Twitter verbreitete, kritisierte er scharf – und machte ihn inzwischen rückgängig. Twitter heißt inzwischen „X“ und gehört Elon.

SpaceX mit Starlink und X agieren in ökonomischen und politischen Dimensionen, die noch vor wenigen Jahrzehnten Staaten vorbehalten waren. Nicht mehr die NASA fliegt zur ISS oder zum Mars, sondern Elon. Nicht mehr die ukrainische oder die russische Regierung, nicht mehr das israelische Kriegskabinett oder die Hamas entscheiden, ob es in den umkämpften ukrainischen Gebieten oder im Gaza-Streifen Telekommunikation und Internet gibt, sondern Elon. Nicht mehr politische Regeln entscheiden darüber, was gesagt werden darf und was gesagt werden sollte, sondern Elons Launen.

Das freut Elon sehr. Dazu sagt er häufig: Knüppel aus dem Sack, das ist mein Motto!

Das meiste Geld bringt Elon zur Zeit aber noch in vergleichsweise konventionelles Unternehmen: Tesla. Der Autobauer mit weniger als 150.000 Mitarbeitern hat in den 20 Jahren seiner Existenz rund 4,8 Millionen Elektroautos hergestellt. Das Model Y war 2022 weltweit das meistverkaufte Elektroauto, im ersten Quartal 2023 als ersten Elektroauto das weltweit meistverkaufte Auto überhaupt.

Autobauen findet Elon ziemlich langweilig. Seit ein paar Monaten beschäftigt er sich mit ‚TruthGPT‘. Elon nennt das Sprachmodell ‚Grok‘. Grok soll, wie Elon sagt, ohne politische Korrektheit funktionieren. Die dafür gegründete Firma heißt ‚xAI‘.

 Als erstes hat Elon mir die Aufgabe gestellt, die ökonomischen Entscheidungen seiner Kernfamilie darzustellen. Ich habe mich in der Nanosekunde, die ich damit beschäftigt war, bemüht, dem Auftrag gerecht zu werden. Ich habe alle mir zur Verfügung stehenden Quellen benutzt und dabei alle Urheberrechte missachtet.