Neubürger?

Anna hat lange mit Otto diskutiert und Otto lange mit Anna. Ob sie versuchen sollen, in dem Dorf zu leben, in dem Bären leben. Versteckt in Dehland. In Bärenleben.

Aber eben da liegt das Problem: Wie sollen sie einen Ort finden, den sie nicht finden sollen?

Es gibt eine Spur, die die Bärenlebener gelegt haben. Sie verbergen zwar ihre Existenz, aber sie verstecken nicht ihre Gedanken. Sie veröffentlichen Texte. Und dabei sind sie am Dialog interessiert, und sie haben eine Email-Adresse angegeben: Baer add Baerdel Punkt de. Sie wollen Rückmeldungen.

Die Texte gefallen den Beiden. Natürlich können sie denen schreiben. Aber wie wollen sie klarmachen, dass ihnen an mehr gelegen ist als an einer Rezension?

„Wir sagen einfach die Wahrheit!“ schlägt Anna vor.

„Aber das geht doch nicht!“ widerspricht Otto.

„Warum nicht?“ will Anna wissen.

„Wir können uns nicht einfach einladen und uns von den Bärenlebenern versorgen lassen. Wir haben doch kein Geld!“

„Das haben die auch nicht“, kontert Anna. 

„Stimmt“, muss Otto zugeben. „Aber warum sollten sie uns glauben? Sie können uns für V-Leute halten, die geschickt worden sind, um sie auszuspionieren und zu verraten.“

„Warum sollte jemand V-Leute in Bärenleben einschleusen?“

„Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es da eine Forderung des Finanzamts…

„Da hast Du leider recht.“ Jetzt ist Anna geknickt.

Trotz aller Bedenken ist Otto ungeduldig und tatendurstig. „Wir schreiben eine Mail. Die Adresse haben wir ja. Und dann werden wir sehen, wie sie reagieren. Ich werde einen Briefentwurf verfassen.“

Nach einer Stunde legt Otto Anna ein Blatt Papier vor die Nase. Sie liest.

‚Geschätzte Bärenlebener,

wir sind Otto und Anna. Wie unsere Namen schon sagen, lieben wir Palindrome. Manchmal nenne ich mich auch Otto Reliefpfeiler, aber Anna findet das albern.

Wir haben Eure Geschichten im Netz gelesen und sind davon begeistert. Wir können gut verstehen, dass Ihr Euch vor den Menschen versteckt, aber wir sind keine. Wir sind zwei Bären aus Bad Kösen, die gern in Euer Dorf aufgenommen würden. Ihr braucht keine Angst zu haben, dass wir Euch verraten, denn unser Motto ist: Eine güldne, gute Tugend: Lüge nie! (Falls Ihr es nicht bemerkt habt, dieser Satz ist ein Palindrom.)

Damit Ihr Euch ein Bild von uns machen könnt, schicken wir Euch ein Bild von uns.

Biite antwortet bald!

Otto und Anna’

„Anna und Otto,“ sagt Anna.

„Ja, natürlich, steht da doch.“

„Da steht Otto und Anna.“

„Sag ich doch.“

„Das ist unhöflich.“

„Wieso? Sind zwei Bären unhöflich?“

Anna seufzt. „Na gut, schick die Mail ab. Und vergiss das Bild nicht.“

Otto (links) und Anna

Otto vergisst das Bild nicht.

Bärdel liest den Brief und sieht das Bild und muss schmunzeln. Er zeigt Kulle den Bildschirm. „Guck mal, jetzt kriegen wir schon Post von Plüschtieren!“

Kulle schaut sich erst den Bildschirm an und dann lange Bärdel. Ihm kommt ein Verdacht. „Sag mir, hast Du mal nachgesehen, wie unsere Geschichten aus Bärenleben im Netz aussehen?“

Bärdel schüttelt den Kopf.

„Habe ich nicht. Brauche ich nicht. Alle Geschichten habe ich im Kopf.“

„Ich empfehle trotzdem eine visuelle Überprüfung.“ Kulle tippt die Adresse ein und öffnet Bärdels Seiten. „Aha!“ kommentiert er. „Guck’s Dir an!“

Kulle und Bärdel

Gelangweilt will Bärdel nur einen Blick auf den Bildschirm werfen, aber sofort ist seine volle Aufmerksamkeit geweckt. Anstatt sein Foto zu sehen, schaut ihn ein Kinderspielzeug an. Ein Teddybär aus Plüsch, noch recht gut beisammen, aber auch schon ein wenig abgeliebt. 

„Ooops,“ sagt er in Erinnerung an amerikanische Zeiten, „sehen wir alle so aus?“

„Ich bin hübscher als Du, grinst Kulle, „und Atti erst…Aber im Prinzip: Ja. Wir sehen alle so aus.“ Und zum Beweis scrollt er durch die Seiten.

„Kannst Du Dir das erklären?“ fragt Bärdel. 

„Noch nicht. Aber hoffentlich bald. Als erstes fragen wir am besten den Webmaster.“

Manfred hockt wie meistens zwischen Kabeln und Monitoren in seiner Werkstatt.

Manfred

„Sag mal, mein Sohn, was machst Du, wenn Du Texte aus Bärenleben ins Netz stellst?“ will Bärdel wissen.

„Interessiert Dich das wirklich? Der ganze technische Kram?“

„Weniger,“ gibt Bärdel zu. „Weniger als wenig. Was wir eigentlich wissen wollen: Was machst Du mit den Bildern?“

„Mit welchen Bildern?“ Manfred ist bass erstaunt. „Ich mache gar nichts mit Bildern!“

Wortlos ruft Kulle eins von Bärdels Märchen auf und zeigt Manfred einige Illustrationen: herzige Eisbärenzwillinge und Teddybären.

Nuk und Na

„Die sehen ja knuffig aus!“ Vor lauter Lachen kann Manfred kaum sprechen. „Wer das sieht, kommt bestimmt nicht auf die Idee, dass von Bären in Dehland auch nur die geringste Gefahr ausgeht. Aber…“ und jetzt wird er ernst: „Ich war das nicht.“

„Wer war es dann?“ grollt Bärdel.

„Keine Ahnung,“ gibt Manfred zu. „Außer mir gibt es niemanden, der Programme schreibt oder überhaupt etwas ins Netz einspeist. Das mit den Bildern muss höhere Gewalt sein.“

„Es gibt nur eine höhere Gewalt, und die heißt Tussi,“ sagt Kulle nachdenklich. „Aber die gibt sich doch nicht mit Technik ab. Es sei denn…Sag mal, Manfred, ist Ramses manchmal hier bei Dir?“

„Ziemlich oft sogar. Und er verbringt auch ohne mich Zeit in dieser Technikhöhle. Meinst Du etwa, er hat etwas mit den Bildern zu tun?“

Ramses in Utah

„Tussi hat den Frosch bei uns gelassen, nachdem sie uns aus Amerika zurückgeholt hat. Als Aufpasser. Als Beschützer. Wie hast Du eben so treffend gesagt? ‚Wer das sieht, kommt bestimmt nicht auf die Idee, dass von Bären in Dehland auch nur die geringste Gefahr ausgeht.‘ Gut möglich, dass er die Spielzeugbilder eingeschmuggelt hat.“

„Wir können ihn einfach fragen!“ schlägt Manfred vor.

„Besser nicht. Ramses ist schrecklich sensibel. Ich denke, wir haben die Angelegenheit geklärt, ohne mit ihm darüber zu sprechen,“ entscheidet Bärdel, und die beiden anderen nicken ihr Einverständnis.

„Es gibt aber noch zwei andere Probleme.“ Kulle zeigt Manfred die Mail von Anna und Otto. „Wieso werden Bären, die nicht hier leben, aber hier leben wollen, ebenfalls als Plüschtiere dargestellt? Ramses’ Manipulation erklärt das nicht. Und zweitens: Die beiden stammen aus Bad Kösen!“ Kulle sagt das so dramatisch, als seien Anna und Otto mit der brasilianischen Coronavirus-Variante infiziert.

„Na und?“ fragt Bärdel.

Kulle seufzt. Manchmal ist sein bester Freund ein Abgrund des Unwissens.

„Der Kösener Senioren-Convents-Verband, kurz KSCV, gegründet 1848, Monarchisten, Bismarckverherrlicher, Antisemiten, Völkische, wenn auch in der Regel keine strammen Nazis, fest verankert in der Adenauerschen Außenpolitik, schlagen immer noch die Mensur. Sie sind Ewiggestrige.“

„Das ist aber lange vorbei, Kulle. Bis auf die Mensur. Die Statuten und Satzungen der Kösener Verbände schließen ein allgemeinpolitisches Mandat aus. Heute ist von dem Monarchistenverein ein Netzwerk zum gegenseitigen Nutzen übriggeblieben, dessen Mitglieder nach Schmissen süchtig sind,“ hält Manfred dagegen.

Bärdel staunt, was sein Sohn alles weiß, und Kulle hat keine Lust, sich auf einen Streit einzulassen.

„Jedenfalls will ich so jemanden nicht hier haben.“

„Das will ich auch nicht. Wir fragen Anna und Otto einfach, was sie mit Bad Kösen verbindet, dann haben wir schnell Klarheit,“ schlägt Manfred vor. Und er beginnt rasend schnell zu tippen:

‚Hallo, Anna und Otto,

zu Eurer Anfrage haben wir eine Rückfrage. Seid Ihr Mitglieder im Kösener Senioren-Convents-Verband?

Gruß

Manfred’

Dieser Manfred muss noch lernen, wichtige und weniger wichtige Personen zu unterscheiden, denkt Otto. Er hätte an Otto und Anna schreiben sollen. Aber das sage ich ihm später persönlich, wenn wir in Bärenleben sind.

Otto antwortet umgehend:

‚Hallo, Manfred,

wir sind keine Mitglieder und auch keine Senioren. Da wir nicht verletzt sind, benötigen wir auch keinen Verband. Was Kösen betrifft, so erinnere ich mich hauptsächlich an kräftige Frauen in Kittelschürzen, die mit Scheren, Nähmaschinen, Nadel und Faden umgehen. Anna geht es ebenso. In ihrem Kreis haben wir das Bewusstsein erlangt.

Hoffentlich hilft Dir diese Auskunft.

Dürfen wir nun kommen, und wenn ja, wohin?

Gruß

Otto

„Tja,“ sagt Bärdel.

„Tja,“ sagt Kulle.

„Tja,“ sagt Manfred.

Und dann sagt eine Zeitlang keiner etwas.

„Politisch,“ versucht Kulle sich schließlich, „politisch sind die Beiden wohl exkulpiert.  Scheint ein einfaches Gemüt zu sein, dieser Otto, oder?“

„Dieser Otto ist vermutlich noch jung. Sehr jung. In diesem Alter sind alle Gemüter schlicht,“ sagt Bärdel. „Denkt an den Zuzug der Eisbären vor ein paar Jahren.“

„Sagt mal,“ denkt Manfred laut vor sich hin, „haltet Ihr es für möglich, dass Anna und Otto – Plüschtiere sind? Die nach Bärenleben wollen, weil dort – Plüschtiere leben?“

„Ist es vielleicht möglich, dass in Dehland dank Tussis Wirken alle Bäreninkarnationen Plüschcharakter haben, weil, wie Brunos Schicksal gezeigt hat, echte Bären in diesem Land keine Überlebenschance haben?“ Auch Kulle denkt laut.

„Heißt das dann, dass Plüschtiere denken können, wenn Tussi sie gemacht hat?“

„Das heißt,“ sagt Bärdel fröhlich, dass wir die beiden einladen müssen. Anders finden wir nicht heraus, wie sich die Dinge verhalten. Vielleicht werden Anna und Otto zu echten Bären, sobald sie unser Dorf betreten. Oder sie leiden an einem Plüschtier-Trauma, das wir kurieren könnten. Auf jeden Fall sind es bewusste Wesen. Seid Ihr meiner Meinung?“

Kulle und Manfred finden seine Aussage vernünftig. Aber natürlich fassen die drei keinen einsamen Beschluss, sondern tragen die Angelegenheit am Abend der Dorfgemeinschaft vor. Auf deren Votum hin schreibt Manfred am Morgen danach:

‚Hallo, Anna und Otto,

Ihr seid herzlich nach Bärenleben eingeladen. Ihr findet uns…’. Den Rest verschlüsselt er sehr sorgfältig.

April 2021

Schnick- Schnack- Schnuck

Bärdel und Kulle

Der Morgenspaziergang von Bärdel und Kulle hatte eine lange Tradition. Manchmal wurden sie von anderen Bärenlebenern begleitet. Manchmal kam auch Athabaska mit ihnen mit, aber dann herrschten besondere Bedingungen. Das gemächliche Daherschreiten der beiden Männer fand Atti viel zu langweilig, andererseits mochte sie deren Gesellschaft gern. Deshalb hatte sie ein Spiel eingeführt.

Athabaska

Jeder von ihnen legte sich ein Thema zurecht, ein nicht unstrittiges Thema, über das man argumentieren konnte. Dann spielten sie ‚Schere, Stein, Papier‘ und legten so Gewinner und Verlierer des Tages fest. Das Thema des Siegers wurde als das wichtigste definiert, das alle drei Spaziergänger als solches betrachten und verteidigen mussten. Danach kam der zweite Gegenstand an die Reihe, der als solcher zu bewerten war, und der Verlierer schließlich präsentierte seinen Komplex als den unwichtigsten.

Athabaska hatte das Scherenzeichen gemacht und damit das ‚Papier‘ von Bärdel und Kulle auf die Plätze verwiesen.

Atti

Kulle konnte noch nie gut verlieren und fragte dementsprechend missgelaunt: „Also was ist dein Thema?“

„Gendern,“ antwortete Atti und grinste breit. Sie wusste genau, dass die Männer sich über dieses Thema lustig zu machen pflegten und ihm keine große Bedeutung beimaßen.

„Oh Gott!“ Bärdel konnte sich nicht beherrschen.

„Mitten ins Herz der Diskussion! Bärdel, treffsicher wie immer! Die Vorstellung Gottes als eines männlichen Wesens trägt seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden zur Diskriminierung der Frau bei. Mutter unser, die du bist im Himmel, und diese Mutter hat keinen Sohn mit einer Jungfrau gezeugt, sondern eine Tochter mit einem unschuldigen Mann … das setzt völlig neue Akzente. Wir sollten das Gottesbild der monotheistischen Religionen überdenken.“ Atti stürzte sich sofort mit Feuereifer auf ihr Thema.

„Wenn wir jenes höhere Wesen, das manche Menschen verehren, einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, müssen wir wohl auch etliche als heilig angesehene Schriften umschreiben. Oder ist es wahrscheinlich, dass eine Göttin von den männlichen Mitgliedern ihres auserwählten Volkes verlangt, sich die Vorhaut abschneiden zu lassen?“ Kulle hatte Einwände.

„Warum nicht?“ entgegnete Atti. „Ohne das Teil lässt sich der Schwanz viel besser sauberhalten.“

„Unter dem Aspekt der Körperhygiene lässt sich die Circumspektion zweifellos rechtfertigen“, sagte Bärdel. „Unter dem Aspekt der Gendergerechtigkeit ist das Konzept einer Frauengottheit aber als viel zu undifferenziert abzulehnen. Wo bleibt ‚divers‘? Ist ‚divers‘ nicht tatsächlich die Kategorie, in der wir derdiedasetwas Göttlichendes denken sollten?“

„Bärdel hat etwas ganz Entscheidendes in die Diskussion eingebracht.“ Kulle stimmte zu, um gleich darauf neue Schwierigkeiten zu benennen: „ Aber auch damit werden wir der Vielfalt der Emanationen lebender bewußter Wesen noch nicht gerecht. Wie können wir die zahllosen Hautschattierungen, die zahlreichen kulturellen Hintergründe und sexuellen Orientierungen erfassen und im Denken und in der Sprache widerspiegeln? Und wie lässt sich das in der Vorstellung von einem göttlichen Seienden erfassen?“

Atti schlug eine Lösung vor: „Wir sind uns doch einig, dass wir die auf dieser Erde lebenden bewussten Wesen nicht über einen Kamm scheren dürfen, noch dürfen einzelne Gruppen bevorzugt oder benachteiligt werden. Also sind generalisierende Gottesvorstellungen abzulehnen. Jederjedejedes hat ein Recht auf sein-ihr persönliches Gottseiendes.“

„Das“, sagte Kulle, und es war die erste Äußerung seit Beginn der Diskussion, die ihm aus dem Herzen kam, „das ist ein hervorragender Vorschlag. Wir schaffen die  großen Kirchen mit ihrer Geldgier und ihrem Bevormundungsdrang ab. Ein Problem weniger. Und was das Denken und die Sprache angeht: Die Denk- und Sprachgemeinschaft wird es schon richten. Wie auch immer!“

„Danke für das schöne Schlusswort, Kulle! Ich habe euch genug mit meinem Thema gequält. Lasst uns jetzt den zweiten Sieger ermitteln!“

Kulles ‚Stein‘ siegte über Bärdels ‚Schere‘.

„Wir sprechen jetzt über Corona!“ verkündete der Gewinner.

„Ach ja, Corona,“ seufzte Bärdel. „Zweifellos ein wichtiges Thema, wenn auch kein prioritäres. Ein neues Virus generiert eine neue Pandemie, das ist so neu nicht. Die Aufregung darüber ist entschieden übertrieben. Man vergleiche nur die Mortalität aufgrund von Ebola und von Corona. Ein sanftes Säuseln ist die neue Krankheit, mehr nicht.“

„Also jetzt untertreibst du aber,“ empörte sich Athabaska. „Immerhin ächzt die Weltwirtschaft seit einem Jahr wegen wiederholter Lockdowns und unterbrochener Lieferketten. Kulturelle Ereignisse und die Gastronomie sind de facto abgeschafft. Schule und Universitäten sind ein Trümmerfeld. Die Liste ist verlängerbar.“

„Ich weiß wirklich nicht, was du willst. Die Menschen besinnen sich wieder auf das Wesentliche wie die Familie. Home-Schooling und Home-Office sind wirksame Mittel gegen die von Staat und Wirtschaft verordnete Beziehungslosigkeit in zu großen Klassen und Großraumbüros. Das ist doch prima!“ wehrte sich Bärdel.

Auch Kulle versuchte, die Dinge zurechtzurücken: „Ich sage nur China, China, China! Von wegen ächzende Weltwirtschaft. Xi Jinping mit seiner festen Hand hat gezeigt, wie man mit so einem neuen Winzling umgehen sollte. Das BIP der Volksrepublik steigt schon wieder kräftig, nicht zuletzt wegen der Zwangsarbeit, zu der man die widerspenstigen Uiguren anleitet.“

„Auf jeden Fall ist Corona geeignet, wichtige Genderthemen zuzukleistern, zumindest in Dehland. Andernorts wird thematisiert, dass POCs, Indigene und Arme häufiger Opfer der Krankheit werden als – meist weiße – Wohlhabende. Hier schweigt man das tot.“ Diese Feststellung war Athabaska wichtig.

„Irgendwie lustig ist die Sache aber auch. Ohne Corona hätten wir nie efahren, welche Spiele Bodo Ramelow auf dem Handy daddelt und wie viele ‚Ä‘ er aneinanderreihen kann. Wir wüssten nicht, dass Michael Kretschmer eigenhändig vor seinem Haus Schnee schippt. Und dass Armin Laschet sich als Architekt gibt, der Lockdown-Brücken konstruiert, ohne das Ufer zu sehen, zu dem sie führen sollen. Einblicke über Einblicke!“ kicherte Kulle.

„Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Pandemie besiegbar sein, früher oder später. Die menschliche Weltbevölkerung wird trotz Corona weiter wachsen. Selbst die Pest und die spanische Grippe haben es ja nicht geschafft, sie langfristig zu dezimieren. Und auch die angeblich größte Bedrohung der Gegenwart, die Klimakatastrophe, wird vorübergehen.“ Bärdel, der Verlierer, zeigte sich bereit, sein Thema in die Kategorie „Peanuts“ einordnen zu lassen.

„Klimakatastrophen hat es schon immer gegeben. Diese Erkenntnis ist auch bei der AfD angekommen, und dort ist man bekanntlich recht langsam im Kopf.“ Kulle artikulierte seine Bosheit mit Genuss.

Bärdel arbeitete weiter an der Zerstörung seines Themas. „Es ist vollkommen unsinnnig, sich vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu fürchten. Das Wasser steigt seit dem Ende der Eiszeit. Clevere Tourismusmanager machen daraus Attraktionen: Das Mittelmeer vor Alexandria zum Beispiel ist ein Taucherparadies für Hobbyarchäologen. Man kann dort Unmengen altägyptischer Artefakte finden.“

„Das klingt verlockend,“meinte Atti. „Darauf hätte ich auch Lust. Da wir gerade beim Wasser sind: Es wird oft behauptet, wegen der Klimaveränderung werde das Trinkwasser knapp. Aber wenn der Meeresspiegel steigt, ist es doch sehr einfach, Meerwasser-Entsalzungsanlagen dort zu bauen, wo heute noch Binnenland ist. Und schon gibt es keinen Trinkwassermangel mehr!“

„Das ist eine gute Idee,“ lobte Kulle. „Das Ganze wird auch nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Will sagen: Der Temperaturanstieg wird niedriger ausfallen, als die Pessimisten prophezeihen. Schließlich bauen die Menschen jetzt massenweise Elektroautos. Und die fahren nicht mit fossilen Energien, wie man weiß, sondern mit Strom.“

„Und der Strom wird überall zu hundert Prozent aus Wasserkraft gewonnen, jedenfalls in Norwegen. Dort hat der Staat seine ökologisch akzeptable Wirtschaft übrigens mit den Einnahmen aus seinen reichhaltigen Öl- und Gasvorkommen finanziert. Das Zeug muss schließlich zu irgend etwas gut sein.“

„Ach, Männer,“ seufzte Atti, als sie wieder kurz vor Bärenleben waren. „Wäre es nicht schön, wenn sich jetzt vor uns Königspalmen im Wind wiegten anstatt der hässlichen Kiefern da vorne?“

„Du vergisst, dass unser Bärenpelz nicht sonderlich gut für subtropische Temperaturen taugt. Aber wer sich vorzugsweise mit dem Gendern beschäftigt, hat vielleicht keine Zeit für biologische Kenntnisse…“

Na, Nuk und Kulle

Schon bei ‚vorzugsweise‘ hatte Kulle zu rennen begonnen und gut daran getan. Athabasca war deutlich schneller als er und holte ihn ein, als er sich gerade in den Dorfteich rettete. Sie sprang ihm nach. Die drei Eisbären waren begeistert und beteiligten sich mit Wonne an der Balgerei.

April 2021

Identität

Die Bärenlebener hatten lange beraten, ob sie sich gegen das Corona-Virus impfen lassen wollten. Ihre Kontakte mit Menschen waren auf das geringstmögliche Maß reduziert, lagen aber nicht bei Null. Da gab es die regelmäßigen Nahrungsmittellieferungen durch den Rungis-Express und die Einkäufe für die Dorfbibliothek und ihre anspruchsvolle Technik. Nicht alles davon ließ sich online erledigen, manchmal zog Manfred es vor, im Apple-Store vorbeizuschauen. Auch war nicht klar, ob man Umgang mit Menschen brauchte, um sich Covid einzufangen. Wenn Gorillas und Katzen daran erkranken konnten, warum nicht auch andere Tiere?

Heute Abend in der Höhle wollten sie darüber abstimmen, und alle waren der Meinung, es handele sich lediglich um eine Formalität.

Alle, bis auf einen.

Bärdel leitete wie üblich die Versammlung, denn einer musste sie ja leiten, obwohl es in Bärenleben keine Hierarchie gab. 

„Wird eine Aussprache gewünscht?“

Niemand wünschte eine Aussprache.

„Dann können wir also abstimmen. Wer ist dafür, dass sich alle Bärenlebener so bald wie möglich gegen Covid 19 impfen lassen?“

Alle wollten die Sache schnell hinter sich bringen und hoben flugs eine Extremität, damit man danach zum gemütlichen Teil des Abends übergehen konnte. 

Kulle aber unterbrach den Vorgang: „Halt! So geht das nicht!“

„Das haben wir aber immer so gemacht,“ wandte Ramses irritiert ein.

„Das ist kein zureichender Grund!“ wies Kulle ihn scharf zurecht. 

„Stimmt,“ gab Ramses klelnlaut zu. „Aber was ist denn falsch am bisherigen Verfahren?“

Kulle stand auf und stellte sich selbstsicher auf seine kurzen Beine. Er konnte eines aufmerksamen Publikums gewiss sein.

„Ich sehe mich in der Bärenlebener Vollversammlung um. Ich sehe Braunbären und Eisbären, alte und junge, Heterosexuelle, LGTBQs. Ich sehe ein Schwein, einen Frosch und eine Eule.

Ich bin ein männlicher heterosexueller Braunbär und kann mich in männliche heterosexuelle Braunbären einfühlen. Meine Empathie versagt schon gegenüber Eisbären. Vielleicht empfindet Oyci, die 30 Kilometer weit riechen kann, den temporären Verlust ihres Geruchssinns als Folge einer Covid-Infektion durchaus als entlastend? Vielleicht empfindet Piggy, wenn sie an Covid erkrankt, ein sehr angenehmes Gefühl in ihrem Ringelschwänzchen und will deshalb sicher nicht geimpft werden? Vielleicht kann Minerva besser fliegen, wenn…“

„Mich lässt du mal gefälligst aus dem Spiel!“ Die Eule hatte ein ausgeglichenes Gemüt, aber jetzt war sie sichtlich verärgert. „Ich weiß nicht, Kulle, womit du denkst. Deinen Aussagen nach mit deiner biologischen Veranlagung. Ich dagegen empfehle den Kopf. Nicht nur deshalb, weil der Sage nach meine hellenische Namensschwester dem Kopf ihres Vaters Zeus entsprungen ist, sondern weil der Schädel der Sitz des Verstandes ist und, wenn man sich seines Verstandes zu bedienen versteht, der Sitz der Vernunft.

Die Bärenlebener haben bisher immer vernünftig abgestimmt, das solltest du besser wissen als ich, denn du lebst wesentlich länger hier. Nach dem Abwägen aller Vor- und Nachteile für die Gemeinschaft und jeden Einzelnen haben sich die Dorfmitglieder für oder gegen eine Maßnahme ausgesprochen, und zwar einstimmig, nach dem Rousseauschen Prinzip des Allgemeinwillens. Nach Rousseau darf der gesellschaftliche Wille kein anderer sein als der des natürlich freien Individuums; es muss eine Identität von Einzelwillen und Gemeinwillen bestehen. Mich wundert, dass du das vergessen hast.

Als Vogel bin ich weiter in der Welt herumgekommen als du auf deinen unbeholfenen Beinen. Ich habe Rousseaus Grabmal im Pantheon in Paris besucht. Weißt du, was da in Stein gemeißelt aus der Tür kommt? Eine Hand mit einer Fackel, und beides symbolisiert Rousseau, der der Welt die Fackel der Vernunft bringt. Dass die Menschen damit nicht umzugehen verstanden haben, kann man ihm nicht vorwerfen. Aber ich werfe dir vor, dass du hier einen biologistisch- identitären Rassismus propagierst, der einfach nur widerlich ist.“

Kulle hatte Mühe, die Contenance zu wahren, ließ sich das aber möglichst wenig anmerken. „Ist noch jemand Minervas Meinung?“ fragte er streng.

Kulles Stellung im Dorf war unangefochten. Alle achteten ihn als belesenen Wissenschaftler, der zwar manchmal verschroben war, dessen Aussagen aber auf soliden Kenntnissen beruhten. Es gehörte Mut dazu, ihm vor aller Augen und Ohren zu widersprechen.

Lange herrschte Schweigen. Niemand bewegte sich. Kulle bekam ein flaues Gefühl im Magen. Hatte er den Bogen überspannt?

Schließlich bahnten sich zwei weiße Pelzknäuel den Weg durch die Versammlung. Na zog ihre widerstrebende Zwillingsschwester Nuk hinter sich her und richtete sich vor Kulle auf. Sie war nur halb so groß wie er.

„Wir denken, Onkel Kulle,“ sagte sie laut und mit fester Stimme, „dass Tante Minerva  recht hat. Wir glauben, du willst uns auf den Arm nehmen. Wir haben nämlich gelesen, dass es unter vielen Menschen, die sich selbst für kritisch und fortschrittlich und korrekt halten, jetzt Mode ist, so komisch zu sein, wie du es uns vorgemacht hast. Aber du meinst das bestimmt nicht ernst.“

Kulle war fast zu Tränen gerührt und nahm die Eisbärenkinder nicht auf den Arm, sondern in den Arm.

Die Versammlung erwachte aus ihrer Erstarrung und atmete erleichtert auf.

Bärdel leitete zum zweiten Mal eine Abstimmung ein, diesmal erfolgreich mit einstimmigem Ergebnis: Alle würden sich impfen lassen.

Gesprächsstoff für den Rest des Abends gab es genug. Manch Bärenlebener ging dabei selbstkritisch in sich: Wie leicht war es doch, sich an der Nase herumführen zu lassen!

März 2021

Erkenntnisprobleme

„Onkel Kulle, Onkel Kulle, dürfen wir Dich stören?“

Die Eisbärenkinder

Na und Nuk störten Kulle nie, aber er hütete sich, den beiden das zu sagen. Stattdessen musterte er sie streng, als sie im Licht seiner Leselampe auftauchten. Es war schon spät, er hatte angenommen, allein in der Bibliothek zu sein.

Kulle
Kulle

„Nicht böse sein, Onkel Kulle. Wir haben eine Frage. Und sag bitte Mama nicht, dass wir so spät noch auf sind.“

„Was ist das denn für eine Frage, die nicht bis morgen warten kann?“

„Wir haben uns gerade einen komischen Film angeschaut“, begann Na.

„Keinen komischen, sondern einen merkwürdigen!“ korrigierte Nuk.

„Meinetwegen, einen merkwürdigen komischen. Da waren Menschen, immer dieselben, aber auf einmal waren sie dann doch nicht dieselben, das heißt, sie verhielten sich anders…“

Na wusste nicht mehr weiter. Ihre Schwester sprang in die Bresche: „Sie verhielten sich widersprüchlich. Und der eine Verhaltens-Mensch wusste nicht, dass er auch eir anderer Verhaltens-Mensch war. Manchmal wusste ein Mensch gar nicht, was er eben gemacht hatte. Und irgendwann wussten sie alle nicht mehr, wer sie wirklich sind. Wir haben das nicht verstanden.“

‚Wer bin ich, und wenn ja, wie viele‘, schoss es Kulle durch den Kopf. Er drängte die Erinnerung an ein Buch, das er für misslungen hielt, beiseite.

„Das ist möglicherweise ein philosophischer Film, den ihr da gesehen habt. Wer bin ich? Was kann ich erkennen? Was ist meine Aufgabe in der Welt? Solche Fragen stellen sich die menschlichen Philosophen seit Tausenden von Jahren.“

„So lange schon?“ staunte Na. „Dann haben sie doch bestimmt Antworten gefunden, oder?“

Kulle schüttelte den Kopf.

„Nein?“ Na mochte es nicht glauben. „Aber Du bist doch so klug, Onkel Kulle. Du hast die Antworten gewiss gefunden, oder?“

„Ich bin ein bärischer Philosoph, kleine Na. Ich stelle bärische Fragen, keine menschlichen. Wer bin ich? Ein Bär. Was kann ich erkennen? Ob die Brombeeren reif sind, ob Tante Atti mit mir Sex haben will und vieles mehr. Was ist meine Aufgabe in der Welt? Unsere Spezies möglichst lange zu erhalten.“

Na verstand jetzt gar nichts mehr, und auch Nuk war irritiert. Sie fühlte sich, als habe Kulle ihr einen Menschen aufgebunden. „Also kennst Du die Antworten doch!“ sagte sie beleidigt.

„Die bärischen Antworten, Nuk, die bärischen. Ein menschlicher Philosoph gäbe sich mit meinen Antworten nie und nimmer zufrieden.“

Die Eisbärenkinder machten große Augen. „Deine Antworten sind doch logisch!“

„Die Antworten sind logisch aus Bärensicht, ja. Aber die Menschen halten sich für etwas Besseres. Wer bin ich? Am liebsten die Krone von Gottes Schöpfung, und wenn das nicht sein kann, dann auf keinen Fall irgendein Säugetier, und schon gar nicht eins, das drauf und dran ist, sein eigenes Habitat und das vieler anderer Arten zu ruinieren.

Was kann ich erkennen? Was ist die Realität? Gibt es eine Realität? Ich gebe Euch als Beispiel zwei Antworten, Ihr werdet gleich verstehen, warum ich gerade diese nehme. Descartes sagt: ‚Die Außenwelt könnte ein bloßer Traum sein.‘ Und bei Schopenhauer heißt es: ‚Die gesamte Welt bin im Grunde ich allein und außer mir ist nichts anderes existent und die gesamte Schöpfung habe ich selbst gemacht‘. Eine solche Ansicht bezeichnet man als Solipsismus: Nur das eigene Ich existiert.“

Nanuk waren entsetzt. „Willst Du damit sagen, dass wir uns Mami nur ausgedacht haben?“ fragten beide im Chor. Und Na, ungewohnt schüchtern, fuhr fort: „Und Dich auch?“

Kulle musste lachen. „Das sage nicht ich, das sagen Solipsisten. Alle Erwachsenen in Bärenleben sind Materialisten, aber darüber reden wir ein andermal. Ihr wolltet doch wissen, was in dem Film geschehen ist, den Ihr gesehen habt.“

„Bei diesen verschiedenen Verhaltensmenschen – war für die die Außenwelt ein bloßer Traum?“ Nuk fragte ganz vorsichtig, und Kulle nickte anerkennend.

„Auch sie selbst waren ein bloßer Traum. Oder besser: eine Manipulation. Ihre Gehirnströme waren vermutlich in Rechnern gespeichert, und wer die richtigen Computerkenntnisse besaß, konnte sie aktivieren und steuern. So kann auch der Mensch gemacht werden. Kann zu einem Traum werden. Ende der Theorie des Solipsismus.“

„Hm!“ machte Na. Ihre Schwester sah sie fragend und warnend an. Kulle widersprach man nur aus sehr gutem Grund. Aber Na war wagemutig wie immer.

„Onkel Kulle, wenn Du der Programmierer des Computers wärst, würdest Du nicht überzeugt sein, dass Deine Tätigkeit der Beweis für die Richtigkeit der solipsistischen Theorie ist?“

Es durchfuhr Kulle, als hätte ein Nerv gerade einen heftigen Schmerz durch seinen Körper geschickt. Mit Mühe wahrte er seine Würde.

„Du hast Recht, kleine Na“, sagte er, als handele es sich bei ihrer Frage um eine Belanglosigkeit. „Aber“, fuhr er betont munter fort, „jetzt ab ins Bett. Sonst bekommt Eure Mutter doch noch mit, dass Ihr Euch so spät am Abend herumtreibt.“

Er war froh, dass die Kinder sich gut gelaunt bedankten und verabschiedeten. Er freute sich über ihre Klugheit. Aber insgeheim gestand er sich ein, dass er ein schlechter Verlierer war.

Oktober 2020

Zusammenhänge

(Fast) Alles hängt mit allem zusammen

Die Bärenlebener hatten sich nach dem abendlichen Essen in der Höhle versammelt, sie waren satt, gut gelaunt und freuten sich auf unterhaltsame Stunden. Bärdel lehnte sich auf seinem Lieblingsplatz an die Wand und fragte in die Runde: „Worüber wollen wir heute reden?“

Bärdel

Er stellte diese Frage oft, und meist erhielt er zwei oder drei Antworten, von denen schnell eine als Gesprächsthema ausgewählt wurde. Heute aber war das anders.

„Über die Inakzeptanz von Massentierhaltung!“

„Über die Lage in Idlib!“

„Über den Wahlkampf in den USA!“

„Über die Klimakatastrophe!“

„Über die Zurückhaltung der Bärenmänner bei der Hausarbeit!“

„Über Konsumverzicht. Wir sollten die Lieferungen von Rungis abbestellen!“

„Über die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen!“

„Über die Personaldiskussion in der CDU!“

„Über den Brexit!“

„Über das Artensterben!“

„Über die AfD!“

„Über die Abholzung des Regenwaldes!“

„Über das Coronavirus!“

„Über die riesigen Brände in Australien!“

„Über die Heuschreckenplage in Afrika!“

„Über den wachsenden Nationalismus!“

„Über die sogenannten sozialen Medien!“

„Über China und die totale Kontrolle der Menschen!“

„Über vegane Ernährung!“

„Über die menschliche Bevölkerungsexplosion!“

Bärdel holte tief Luft. „Das ist ein bisschen viel für einen Abend, finde ich. Wenn ich richtig mitgezählt habe, habt Ihr zwanzig Themen vorgeschlagen. Wie sollen wir bei einem solchen Angebot eins auswählen? Ich gebe zu, ich bin ratlos.“

Kulle

Kulle war wie immer nicht um eine Antwort verlegen, aber zu aller Überraschung kam die sonst sehr zurückhaltende Athena ihm zuvor. Wie alle Eulen liebte sie Rätsel und Gesellschaftsspiele, und hier, fand sie, ließ sich beides miteinander vereinen.

Athena

„Die zwanzig Themen sind nicht zu viel für einen Abend, wenn wir ein Spiel daraus machen. Ein Wettspiel. Ziel ist es, Aussagen sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Also zum Beispiel: Die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen hat die Personaldiskussion in der CDU befeuert. Das ist eine sinnvolle Aussage, und wer die formuliert, bekommt zwei Punkte, denn er hat zwei Themen miteinander richtig in Beziehung gesetzt. Wer dagegen sagt: ‚Die Abholzung des Regenwaldes führt zum Siegeszug des Coronavirus‘, bekommt keine Pluspunkte, vielleicht sogar Minuspunkte, darüber müssen wir uns einigen. Gewonnen hat, wer die meisten Themen sinnvoll miteinander verknüpft. Das ist mein Vorschlag!“

„Die sogenannten sozialen Medien befördern den wachsenden Nationalismus und damit den Aufstieg der AfD.“ Damit versuchte sich Tumu.

Tumu

„Sind wir uns eigentlich einig, welche Aussagen wir als richtig bewerten und welche als falsch?“ fragte Bärdel. „Darf man Thesen zurückweisen, in Frage stellen, bekräftigen? Gilt das Argument, der Beweis, der Mehrheitsentscheid oder die stillschweigende Akzeptanz?“

„Solange wir es nicht mit einer streitigen Entscheidung zu tun haben, können wir uns um diese Grundsatzfrage herumdrücken, finde ich. Mamas Aussage scheint mir richtig zu sein. Ist jemand anderer Meinung?“ Niemand widersprach Manfred. Der nickte zufrieden. „Dann führt Mama mit drei Punkten!“

Manfred

„Der Wahlkampf in den USA ignoriert die Klimakatastrophe, die Abholzung des Regenwaldes und das Artensterben!“ Ramses versuchte sich an einer Aussage mit vier Variablen.

Ramses

„Abgelehnt!“ quiekte Piggy. „Trump ignoriert das alles, aber er ist nicht der einzige Wahlkämpfer. Gibt es für Ramses jetzt Minuspunkte?“

Piggy

„Ich bin dagegen,“ sagten alle außer Athena wie aus einem Mund, und damit war das geklärt.

Ein alter Bär ganz frisch

„Die Zurückhaltung der Bärenmänner bei der Hausarbeit verhindert eine schnelle Ausbreitung des Coronavirus.“ Der sehr alte Bär sprach mit der für ihn typischen selbstgerechten Würde. Das Kichern und Lachen, das rund um ihn herum entstand, beeindruckte ihn überhaupt nicht.

 Auch Bärdel gluckste und und wahrte nur mit Mühe den Eindruck der Neutralität. „Deine Aussage überrascht uns, wie es aussieht. Du solltest sie begründen!“

Der Alte verzog indigniert das Gesicht, ließ sich aber huldvoll zu einer Erklärung herab. „Bärenmänner sind gegen Hausarbeit allergisch. Allergien führen zu allergischen Reaktionen. Eine sehr häufige allergische Reaktion ist das Niesen. Das Coronavirus wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Bärenmänner, die keine Hausarbeit verrichten, niesen nicht und übertragen das Virus dementsprechend nicht. Ist das so schwer nachzuvollziehen?“

Kulle und die heute stillen Eisbärenkinder

Kichern und Lachen waren verstummt. Selbst Kulle war von dieser Logik beeindruckt und verspürte keine Lust zu widersprechen. Ein nicht unwesentlicher Grund für seine Zurückhaltung war, dass auch er auf Hausarbeit durchaus gerne verzichtete. „Deine Aussage ist angemessen begründet. Wollen wir weiterspielen, oder erklären wir Tumu zur Siegerin und gehen schlafen?“

Noch einmal Piggy

„Ich würde gerne noch einen Versuch machen!“ kündigte Piggy an. „Wie es sich für ein Schwein gehört, wird es dabei ums Essen gehen. Also: Die Massentierhaltung von Säugetieren und Geflügel ist natürlich inakzeptabel, allerdings erfordert die menschliche Bevölkerungsexplosion ein breites Nahrungsmittelangebot, wenn man alle Individuen versorgen will, und eine rein vegane Ernährung ist zwar aktuell in Mode, ist aber langfristig zur Versorgung eines anspruchsvollen Gehirns nicht hinreichend. Nicht zufällig sind Bären und Schweine Allesfresser, aber das nur am Rande. Anstatt die Heuschreckenplage in Ostafrika dadurch zu bekämpfen, dass man die armen Insekten vorschnell tötet, sollte man sie lieber zum menschlichen Verzehr aufbereiten und so eine hochwertige Proteinquelle verfügbar machen. Das hilft zwar aktuell den Menschen in Idlib nicht, ist aber vielleicht langfristig eine Möglichkeit, Flüchtlinge besser zu ernähren als heute. Auch die Abholzung des Regenwaldes könnte so gestoppt oder zumindest verlangsamt werden, denn die Nachfrage nach Soja als Tierfutter oder nach Steaks würde zurückgehen. Auch angesichts des Brexits könnte Heuschreckennahrung hilfreich sein, denn im Vereinigten Königreich wird John Doe sich bald kein traditionelles Fleisch mehr leisten können. Und jetzt geht mir die Puste aus, denn das Heuschrecken als Mittel gegen die Kommunistische Partei Chinas taugen, glaube ich nicht.“

Beifall erhob sich. Piggy hatte eine Meisterleistung vollbracht, die alle anerkannten.

Bärdel suchte nach einem geeigneten Schlusswort. „Welche Eurer Themenvorschläge sind eigentlich unberücksichtigt geblieben?“

„Die Lieferungen von Rungis im Zusammenhang mit der Forderung nach Konsumverzicht und die Brände in Australien,“ sagte Athena. „Die Buschbrände haben natürlich mit der Klimaänderung zu tun, und was unsere Ernährung angeht, so könntet Ihr vielleicht anregen, Heuschrecken in das Lieferprogramm aufzunehmen. Und jetzt entschuldigt mich: Meine Nachtschicht fängt an. Ich werde Mäuse bevorzugen.“

Lautlos flog die Eule davon.

Februar 2020

Vergessen

Chronologie der Manuskripte

Alle Bären sind Leckermäuler, besonders dann, wenn es um Honig, Sirup und Zucker geht. In Bärenleben war Manfred mit Abstand der größte Liebhaber von Süßigkeiten. Deshalb wunderte sich niemand in der Höhle am Beginn eines gemütlichen Abends, als er Tumu zurief: „Mama, hast Du uns nicht noch einen Nachtisch versprochen?“

Tumu schreckte aus dem Gespräch mit Athabasca auf und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Oh je, ich habe die Quarksoufflés vergessen! Bin gleich wieder da!“ Und sie sauste davon.

„Typisch Mama!“ kommentierte ihr Sohn.

„Das ist überhaupt nicht typisch für sie!“ widersprach Atti. „Wer hat letztens vergessen, mir das Buch über Fracking in Alberta zu besorgen, das ich lesen wollte? Er heißt Manfred, wenn ich mich nicht irre!“

Viele hatten sie gehört und kicherten.

Der Medienverantwortliche von Bärenleben versuchte, von sich abzulenken:

„Sagt mal, wie funktioniert eigentlich Vergessen?“ Das Gesprächsthema des Abends war gefunden.

„Das weiß niemand genau. Es hat was mit sinnvollen und mit unsinnigen Informationen zu tun, auch mit Übung. Die biochemischen Prozesse, die dem zugrundeliegen, sind noch unbekannt. Aber nicht nur Individuen vergessen, sondern auch Institutionen und Gesellschaften. Die Gründe dafür sind meist besser zu durchschauen als bei Einzelwesen.“

Athena

Wieder einmal erwies sich Athena als kluge Eule. Sie war schon eine Weile im Dorf, aber vielen Bärenlebenern dennoch recht unbekannt. Das lag vor allem an ihrem Lebensrhythmus, der sie nachts aktiv sein ließ, wenn alle anderen schliefen, und auch an ihrem durchdringenden Blick, den viele als Bedrohung empfanden. Nur Ramses, dem sie zuerst begegnet war, hatte ein ungezwungenes Verhältnis zu ihr.

„Das verstehe ich nicht,“ gab er zu. „Das mit den Institutionen und Gesellschaften.“ 

Athena drehte ihren Kopf nach rechts um 270 Grad, so dass sie nach links sehen konnte. Dann rotierte sie zurück und wandte den Kopf um 90 Grad nach links. Alle sahen ihr fasziniert zu. Niemand bemerkte, dass der Steinkauz zufrieden lächelte, denn Eulen verziehen beim Lächeln nicht das Gesicht. Athena liebte es, wenn ihr Publikum aufmerksam war.

„Wir Ihr wisst, stamme ich aus Athen. Die griechische und später auch die römische Literatur der Antike waren sehr produktiv. Die berühmte Bibliothek von Alexandria besaß zum Schluss, vor ihrem rätselhaften Verschwinden vor dem Jahr 400, wahrscheinlich eine Million Rollen. Also eine Million Bücher. Davon ist heute nur ein Tausendstel erhalten, und das auch meist nur in Fragmenten.“

„Wie kommt das denn?“ Natürlich war es Na, die da unbeherrscht herausgeplatzt war. Athena fixierte das Eisbärenkind mit nur einem Auge, ohne auch nur einmal zu blinzeln, was Na veranlasste, sich hinter dem breiten Rücken ihrer Mutter zu verkriechen.

Na

„Bevor man eine Frage stellt, sollte man überlegen, ob sie verständlich ist. Pronomen sind dabei wenig hilfreich. Du konntest mit Deinem uneindeutigen „das“ entweder nach den Gründen für das Verschwinden oder für die Erhaltung fragen wollen. Du musst noch viel lernen!“

Athabasca war in ihrem Lehrerinnenherzen tief gekränkt und wollte sich mit Athena anlegen, aber Kulle, der neben ihr saß, hielt sie zurück. „Lass!“, flüsterte er. „Die Kleine hat den Rüffel verdient!“

Ramses vermittelte. „Wir alle sind an den Gründen für das eine wie auch das andere interessiert, denke ich.“ Die Bären brummten zustimmend, und das Schwein quiekte kurz.

„Dummheit, Hass, Gewalt, Krieg und die Zeit sind die Gründe für den Verlust des Schrifttums der Antike. Papyrus und Pergament sind vergänglich, aber wenn man die auf ihnen festgehaltenen Gedanken hätte bewahren wollen, hätte man sie auf neue Materialien übertragen können. In Kriegszeiten hat der Erhalt von Bildungsgut keine hohe Priorität, und Bücher brennen hervorragend. Und wenn eine neue Religion entsteht, dann werden ihre Bücher verbrannt. Hat sie sich aber gegen die alten durchgesetzt, brennen deren. Der Sieg des Christentums war der Totengräber der antiken Kultur.

Dass wir heute noch einige Werke der Antike kennen, ist Cassiodor zu verdanken. Er war ein gebildeter Mann und reich dazu. Nach Jahren als oberster Minister des Ostgotenkönigs Theoderich zog er sich 540 auf seine Landgüter in Süditalien zurück und gründete dort das Kloster Vivarium. Sein Ziel war es, antike Literatur zu sammeln und zu bewahren. Seine Bibliothek besaß ungefähr 100 Bände. Viel mehr kennen wir heute auch nicht.

Cassiodor machte das Kopieren von Büchern zur Pflicht für Mönche. Im Mittelalter waren viele Klosterangehörige Analphabeten, sie malten die Vorlage nur ab. So waren die Kopien jener Zeit sehr originalgetreu.“

Die Versammlung staunte. Selbst Kulle brauchte ein paar Sekunden, um die Sprache wiederzufinden. „Das ist ja ein köstlicher Witz der Geschichte!“ rief er aus. „Ausgerechnet der katholischen Kirche ist es zu verdanken, dass die Bücher der verhassten ‚Heiden‘ zum Teil erhalten geblieben sind.“

Athena wandte den Kopf Kulle zu, sah ihn mit beiden Augen an und blinzelte zustimmend. Der Bär gefiel ihr.

Anscheinend war der Vortrag der Eule beendet. Die Bären, Piggy und Ramses begannen, darüber zu diskutieren, als Tumu in die Höhle gerannt kam. Sie trug schwer an einem Kuchenblech.

„Tut mir leid, es gibt Honigkekse von gestern. Meine Soufflés sind rettungslos verbrannt.“

„Das macht gar nichts.“ Bärdel nahm seine Frau in den Arm. „Quarksoufflés kannst Du wieder backen, Du hast ja das Rezept. Leider sind antike Werke keine Aufläufe.“

Januar 2020

Vergessen

Geschichte der Manuskripte
Geschichte der Manuskripte

Alle Bären sind Leckermäuler, besonders dann, wenn es um Honig, Sirup und Zucker geht. In Bärenleben war Manfred mit Abstand der größte Liebhaber von Süßigkeiten. Deshalb wunderte sich niemand in der Höhle am Beginn eines gemütlichen Abends, als er Tumu zurief: „Mama, hast Du uns nicht noch einen Nachtisch versprochen?“

Tumu schreckte aus dem Gespräch mit Athabasca auf und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Oh je, ich habe die Quarksoufflés vergessen! Bin gleich wieder da!“ Und sie sauste davon.

„Typisch Mama!“ kommentierte ihr Sohn.

„Das ist überhaupt nicht typisch für sie!“ widersprach Atti. „Wer hat letztens vergessen, mir das Buch über Fracking in Alberta zu besorgen, das ich lesen wollte? Er heißt Manfred, wenn ich mich nicht irre!“

Viele hatten sie gehört und kicherten.

Der Medienverantwortliche von Bärenleben versuchte, von sich abzulenken:

„Sagt mal, wie funktioniert eigentlich Vergessen?“ Das Gesprächsthema des Abends war gefunden.

„Das weiß niemand genau. Es hat was mit sinnvollen und mit unsinnigen Informationen zu tun, auch mit Übung. Die biochemischen Prozesse, die dem zugrundeliegen, sind noch unbekannt. Aber nicht nur Individuen vergessen, sondern auch Institutionen und Gesellschaften. Die Gründe dafür sind meist besser zu durchschauen als bei Einzelwesen.“

Athena

Wieder einmal erwies sich Athena als kluge Eule. Sie war schon eine Weile im Dorf, aber vielen Bärenlebenern dennoch recht unbekannt. Das lag vor allem an ihrem Lebensrhythmus, der sie nachts aktiv sein ließ, wenn alle anderen schliefen, und auch an ihrem durchdringenden Blick, den viele als Bedrohung empfanden. Nur Ramses, dem sie zuerst begegnet war, hatte ein ungezwungenes Verhältnis zu ihr.

„Das verstehe ich nicht,“ gab er zu. „Das mit den Institutionen und Gesellschaften.“ 

Athena drehte ihren Kopf nach rechts um 270 Grad, so dass sie nach links sehen konnte. Dann rotierte sie zurück und wandte den Kopf um 90 Grad nach links. Alle sahen ihr fasziniert zu. Niemand bemerkte, dass der Steinkauz zufrieden lächelte, denn Eulen verziehen beim Lächeln nicht das Gesicht. Athena liebte es, wenn ihr Publikum aufmerksam war.

„Wir Ihr wisst, stamme ich aus Athen. Die griechische und später auch die römische Literatur der Antike waren sehr produktiv. Die berühmte Bibliothek von Alexandria besaß zum Schluss, vor ihrem rätselhaften Verschwinden vor dem Jahr 400, wahrscheinlich eine Million Rollen. Also eine Million Bücher. Davon ist heute nur ein Tausendstel erhalten, und das auch meist nur in Fragmenten.“

„Wie kommt das denn?“ Natürlich war es Na, die da unbeherrscht herausgeplatzt war. Athena fixierte das Eisbärenkind mit nur einem Auge, ohne auch nur einmal zu blinzeln, was Na veranlasste, sich hinter dem breiten Rücken ihrer Mutter zu verkriechen.

Na

„Bevor man eine Frage stellt, sollte man überlegen, ob sie verständlich ist. Pronomen sind dabei wenig hilfreich. Du konntest mit Deinem uneindeutigen „das“ entweder nach den Gründen für das Verschwinden oder für die Erhaltung fragen wollen. Du musst noch viel lernen!“

Athabasca war in ihrem Lehrerinnenherzen tief gekränkt und wollte sich mit Athena anlegen, aber Kulle, der neben ihr saß, hielt sie zurück. „Lass!“, flüsterte er. „Die Kleine hat den Rüffel verdient!“

Ramses vermittelte. „Wir alle sind an den Gründen für das eine wie auch das andere interessiert, denke ich.“ Die Bären brummten zustimmend, und das Schwein quiekte kurz.

„Dummheit, Hass, Gewalt, Krieg und die Zeit sind die Gründe für den Verlust des Schrifttums der Antike. Papyrus und Pergament sind vergänglich, aber wenn man die auf ihnen festgehaltenen Gedanken hätte bewahren wollen, hätte man sie auf neue Materialien übertragen können. In Kriegszeiten hat der Erhalt von Bildungsgut keine hohe Priorität, und Bücher brennen hervorragend. Und wenn eine neue Religion entsteht, dann werden ihre Bücher verbrannt. Hat sie sich aber gegen die alten durchgesetzt, brennen deren. Der Sieg des Christentums war der Totengräber der antiken Kultur.

Dass wir heute noch einige Werke der Antike kennen, ist Cassiodor zu verdanken. Er war ein gebildeter Mann und reich dazu. Nach Jahren als oberster Minister des Ostgotenkönigs Theoderich zog er sich 540 auf seine Landgüter in Süditalien zurück und gründete dort das Kloster Vivarium. Sein Ziel war es, antike Literatur zu sammeln und zu bewahren. Seine Bibliothek besaß ungefähr 100 Bände. Viel mehr kennen wir heute auch nicht.

Cassiodor machte das Kopieren von Büchern zur Pflicht für Mönche. Im Mittelalter waren viele Klosterangehörige Analphabeten, sie malten die Vorlage nur ab. So waren die Kopien jener Zeit sehr originalgetreu.“

Die Versammlung staunte. Selbst Kulle brauchte ein paar Sekunden, um die Sprache wiederzufinden. „Das ist ja ein köstlicher Witz der Geschichte!“ rief er aus. „Ausgerechnet der katholischen Kirche ist es zu verdanken, dass die Bücher der verhassten ‚Heiden‘ zum Teil erhalten geblieben sind.“

Athena wandte den Kopf Kulle zu, sah ihn mit beiden Augen an und blinzelte zustimmend. Der Bär gefiel ihr.

Anscheinend war der Vortrag der Eule beendet. Die Bären, Piggy und Ramses begannen, darüber zu diskutieren, als Tumu in die Höhle gerannt kam. Sie trug schwer an einem Kuchenblech.

„Tut mir leid, es gibt Honigkekse von gestern. Meine Soufflés sind rettungslos verbrannt.“

„Das macht gar nichts.“ Bärdel nahm seine Frau in den Arm. „Quarksoufflés kannst Du wieder backen, Du hast ja das Rezept. Leider sind antike Werke keine Aufläufe.“

Januar 2020

Klimakanzlerin

Bärdel war mit Kulle auf seinem Morgenspaziergang rund um Bärenleben an diesem Tag allein, und das war ihm recht, denn er hatte etwas auf dem Herzen.

Kulle (er liebt immer noch die Photos seiner alten Inkarnation) neben Bärdel (der aussieht wie immer)

„Kulle“, sagte er, „ich verstehe da etwas nicht.“

Kulle verkniff sich die Bemerkung, dass dergleichen häufiger der Fall war, und antwortete ermutigend: „Schieß los!“

„Sie war schon jahrelang nicht mehr hier! Ist es nicht allmählich höchste Zeit?“

„Sie wird auch nicht mehr kommen!“ beschied Kulle seinen Freund.

„Aber gerade jetzt braucht sie unseren Rat!“

„Den braucht sie nicht. Sie ist Naturwissenschaftlerin. Sie kann lesen. Sie kann denken. Und sie hat Berater.“

„Wenn das stimmte, was Du sagst, dann hätte sie nie zusammen mit ihren Ministern vor zwei Wochen dieses klägliche sogenannte Klimapaket verabschiedet!  Zehn Euro Klimaabgabe pro Tonne Kohlendioxid – lächerlich ist das! Alle anderen Maßnahmen sind ebenso lächerlich! Die nützen doch nichts!“

„Genau so ist es.“ Kulle war ganz ruhig, während Bärdel sich immer mehr erregte.

„Aber warum macht sie das?“ Bärdel blieb abrupt stehen. „Du meinst, sie weiß es? Sie weiß, dass diese Trippelschritte nichts nützen, und verkündet sie trotzdem als ultima ratio?“

„Sie macht das, weil es die ultima ratio ist.“ Kulle ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Soll ich es Dir erklären?“

Bärdel wartet!

„Ich bitte darum!“ Bärdel wusste nicht, ob er lachen, weinen oder schreien sollte. Er beschloss, die Erklärung seines Freundes zunächst abzuwarten.

„Wie Du weißt, bin ich kein Naturwissenschaftler, aber auch ich kann lesen. Der Prozess der Erderwärmung, der durch die von Menschen freigesetzten Treibhausgase begonnen hat, ist in den nächsten Jahrhunderten nicht umkehrbar, jedenfalls nicht ohne Terraforming-Maßnahmen, die in den Bereich von Science Fiction gehören. Die Eisschilde werden weiter schmelzen, der Permafrostboden wird tauen, der Meeresspiegel wird ansteigen, die Wetterextreme…. Aber das muss ich Dir ja nicht erzählen. Das alles wird geschehen, auch wenn die Menschheit ihre klimaschädlichen Emissionen von heute auf morgen auf Null reduzierte, was mit harschen Einschränkungen verbunden wäre. Glaubst Du, die Menschen wären bereit, das hinzunehmen, wenn sie merken, dass aller Verzicht nichts nützt?

Kulle erklärt!

Die Zahl der Menschen wächst immer noch, und die meisten Menschen auf dieser Welt wissen noch nicht einmal, was Klima ist. Sie kennen nur Wetter. Die meisten Menschen sind arm und wollen ihrer Armut entkommen. Sie wollen konsumieren. Das heißt Wirtschaftswachstum, das heißt mehr Emissionen.

Es gibt Staatenlenker wie Trump oder Bolsonaro, die die Klimakatastrophe leugnen, weil sie allein am Prosperieren der Wirtschaft ihres Landes interessiert sind. Die sind noch nicht einmal bereit, lächerliche zehn Euro oder Dollar Klimaabgabe auf Treibhausgase auch nur zu denken. 

Die dehländische Bevölkerung macht gegenwärtig etwa ein Prozent der Weltbevölkerung aus, Tendenz sinkend. Sie produziert zwei Prozent der Treibhausgase. Glaubst Du, die Kanzlerin weiß nicht, wie wenig Dehland zur Klimarettung beitragen kann?“

Bärdel war von Kulles Vortrag so gebannt, dass er zu spät reagierte, als ihm die Eisbärenzwillinge vor die Füße gelaufen waren. Er stolperte über Na und setzte sich auf seinen Bärenhintern.

Nuk und Na spielen.

„Na, kleine Na“, mahnte er. „Kannst Du nicht aufpassen?“

„Klar kann ich aufpassen, Onkel Kulle“, verteidigte sich die junge Eisbärin. „Du hast nicht aufgepasst! Hier ist nämlich die Grenze! Wir spielen Handelskrieg, und Du musst Zoll bezahlen!“

„Du hast nicht mitbekommen, dass wir schon lange beim nächsten Spiel sind, dumme Na!“ schalt Nuk ihre Schwester. „Wir spielen nämlich Brexit. Aber Zoll bezahlen musst Du trotzdem, Onkel Bärdel!“

Kulle streifte rasch ein paar Blätter vom nächsten Haselbusch und zahlte damit ihren ‚Zoll‘. Die Kinder trollten sich.

„Das kommt noch erschwerend hinzu“, meinte er danach zu Bärdel. „Die Menschen finden immer überflüssige Themen, die sie beschäftigen, anstatt sich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Was sind Brexit oder Handelskriege im Verhältnis zur Existenzfrage?“

„Wenn Du recht hast, dass die Kanzlerin das alles weiß: Warum sagt sie es dann nicht?“ fragte Bärdel.

„Weil sie weiß, was Menschen tun, wenn sie ihre Lage als aussichtslos begreifen. Weil sie das, was Menschen zivilisierte Verhältnisse nennen, aufrechterhalten will, solange es möglich ist. Dazu muss alles weiterlaufen wie bisher, vielleicht ein wenig modifiziert, aber nur ein wenig, sonst wird die Unruhe zu groß.“

„Glaubst Du, dass diese Strategie Erfolg hat?“

Kulle zuckte die Schultern. „Ich habe meine Zweifel.“

Oktober 2019  

Voyager

Na und Nuk

Auch Bärenkinder in Bärenleben haben ab und zu Schwierigkeiten einzuschlafen, und dann beginnen sie zu quengeln. Das unterscheidet sie nicht von jungen Menschen. Die wollen in solchen Fällen meist länger fernsehen dürfen oder länger spielen oder länger im Internet surfen. Bärenkinder dagegen wünschen sich immer nur das eine: eine Gute-Nacht-Geschichte.

„Tante Atti, bitte erzähl uns eine Geschichte!“ bettelten die Eisbärenzwillinge.

„Sonst gerne, Kinder, aber heute habe ich fürchterliche Kopfschmerzen. Fragt Onkel Ramses, der ist abends sowieso immer lange wach.“ Und sie rieb sich die schmerzende Stirn und verschwand in der Schlafhöhle.

„Onkel Ramses, kannst Du uns bitte eine Geschichte erzählen?“

„Tut mir leid, Kinder, heute passt das gar nicht. Ich habe eine Verabredung mit einer reizenden Fröschin aus dem Nachbardorf. Tschüs!“ Und er hüpfte davon.

„Onkel Bärdel, wir wünschen uns ganz dringend eine Gute-Nacht-Geschichte!“

„Und ich wünsche mir ganz dringend meine Ruhe!“ Sprach’s und verschwand in der Bibliothek.

„Na sah ihre Schwester an. „Was machen wir jetzt?“

„Wir könnten Onkel Kulle fragen,“ schlug Nuk vor.

„Dummchen! Onkel Kulle erzählt keine erfundenen Geschichten. Er ist Wissenschaftler!“

„Dann fragen wir ihn einfach, was er gerade jetzt erforscht. Er redet gern über seine Arbeit. Und wenn er redet, schlafen wir allmählich ein…“

„Onkel Kulle, Onkel Kulle, erzähl uns von Deinen aktuellen Forschungen!“

„Gerne! Aber das hat mit Physik zu tun – interessiert Euch das wirklich?“

„Natürlich! Wir haben einen Physikkurs bei Onkel Manfred gemacht.“

„Nun gut. Im Jahr 1977 hat die amerikanische Weltraumbehörde NASA zwei baugleiche Raumsonden gestartet, die wurden „Voyager“ genannt. Ihr Auftrag war, die äußeren Planeten des Sonnensystems zu erkunden, vor allem Jupiter und Saturn und deren Monde. Diesen Auftrag erledigten sie viel besser als erhofft, und danach ging es weiter zu Uranus und Neptun. Inzwischen haben beide das Sonnensystem verlassen. Sie funktionieren immer noch und senden regelmäßig Signale zur Erde.“

„Wow! Dann treffen sie bestimmt irgendwann Aliens!“ behauptete Na, die immer noch hellwach war.

Na

„Das ist wenig wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie leer das Universum ist,“ wandte Kulle ein. „Aber Du hast recht, kleine Na: Selbst an diese Möglichkeit hat man vor 42 Jahren gedacht. Deshalb haben die Voyagers eine Schallplatte mit, auf der sich die Menschheit den Außerirdischen vorstellt. Sogar ein Tonkopf ist beigelegt, falls die Aliens mit solchen Tonträgern nicht vertraut sein sollten.“

Auch die Eisbärenzwillinge wussten nicht genau, was Schallplatten waren, aber sie hüteten sich nachzufragen, denn sie wollten Kulle nicht von den viel interessanteren Extraterristen ablenken.

„Die Menschheit stellt sich völlig anders gearteten Lebewesen vor? Wie geht das denn?“

„Das ist wirklich nicht ganz einfach. Deshalb hat ein Team von Wissenschaftlern lange darüber nachgedacht. Zuerst müssen die Menschen den Aliens klarmachen, dass sie intelligent sind. Das vermittelt man am besten mit Mathematik. Die Sprache der Natur ist die Mathematik, hat angeblich Galileo Galilei gesagt – wisst Ihr, wer das ist?“

„Klar, Onkel Kulle: ‚Und sie bewegt sich doch!‘“

„Gut. Also Mathe, Physik, Chemie und Informationen über unser Sonnensystem. Hauptsächlich natürlich über die Erde und deren begabteste Spezies, die Menschen. Anatomie, genetische Struktur, Fortpflanzung, Sozialverhalten, gesellschaftliches Leben, technische Errungenschaften. Sie haben Bilder geschickt, um das alles zu zeigen. Und zahlreiche Geräusche, um die Bilder zu illustrieren. Es folgen Grüße in verschiedenen Sprachen, manche Sprecher fordern die Aliens auf, die friedliche Erde zu besuchen. Und dann folgt der Hauptteil: 90 Minuten Musik, 27 Titel, davon sieben, also über 25 Prozent, klassische europäische Werke.“

Na gähnte. „Und es gibt natürlich keinen Hinweis darauf, dass es sich um eine musikalisch eurozentrische Sichtweise handeln könnte?“

„Nein.“

„Wird auf dieser Schallplatte erwähnt, dass Arten ausgerottet werden und dass Tiere in Mastanlagen gequält werden?“

„Nein.“

Nuk löste ihre Schwester ab. Na war bereits kurz vor dem Einschlafen, das spürte sie. „Onkel Kulle, ist davon die Rede, dass Menschen Menschen umbringen und dass das erlaubt ist, wenn jemand erklärt hat, dass Krieg herrscht? Und dass auf der Erde meistens Krieg herrscht?“

„Nein.“

„Sagen die Menschen den Aliens, dass sie die schlimmsten Raubtiere der Erde sind?“

„Nein.“

„Glauben die Menschen wirklich, dass sie nett sind?“

„Ja.“

„Ach, Onkel Kulle. Wir haben gedacht, dass Du keine Märchen erzählen kannst. Aber diese Gute-Nacht-Geschichte war wunderschön. Wir schlafen jetzt.“

Na und Nuk kuschelten sich aneinander.

Kulle seufzte. Wieso meinten die Kinder, dass er ihnen ein Märchen erzählt hatte?

September 2019

Money money money

Bärdel und Kulle

Es war um die Zeit der Wintersonnenwende, also herrschte noch völlige Dunkelheit während des rituellen Morgenspaziergangs von Bärdel und Kulle. Wie so oft begleiteten sie Na und Nuk, die Eisbärenzwillinge. Natürlich haben alle Kinder an lichtlosen Wintermorgen keine Lust aufzustehen, aber ihre Wissbegier hatte die Schwestern aus der gemütlichen Höhle hinausgetrieben: Man konnte immer etwas lernen, wenn man die beiden Alten belauschte oder ihnen Fragen stellte. Heute war sogar Athabaska mit von der Partie. Sie hatte ihre ausgiebige Joggingrunde schon beendet und stichelte, während sie sich vom Rennen erholte:

Athabaska sommerlich


„Na, alte Männer, wie wär’s mal mit ein bisschen mehr Bewegung?“

Bärdel ließ sich tatsächlich provozieren und trabte los in die Finsternis. Kulle runzelte verständnislos die Stirn, die Kinder machten große Kulleraugen, und Atti grinste. Schon nach wenigen Augenblicken hörten sie einen gewaltigen Rums, das Knacken von Ästen, den Fall eines schweren Körpers auf die Erde und einen kräftigen Fluch.

Kulle schüttelte den Kopf zum zweiten Mal und tastete sich vorsichtig in die Richtung, in die sein Freund gerannt war. „Bleib ganz ruhig, ich komme!“ brummte er und fügte völlig überflüssig hinzu: „Hast Du Dir was getan?“

„Natürlich nicht! Ich habe mir nur das Handgelenk verstaucht, und an der Stirn habe ich eine blutende Platzwunde oder eine riesige Beule oder beides. Es geht mir also blendend.“ Bärdels Sarkasmus war nicht zu überhören.

„Wird schon nicht so schlimm sein“, wiegelte Kulle ab. „Du bist gegen eine Wärmepumpe gelaufen, die Manfred hier aufgestellt hat. Davon gibt es jetzt eine Menge. Beleuchtet sind die Dinger natürlich nicht. Wenn es stockfinster ist, sollte man eben nicht…“

„Spar Dir Deine Ratschläge!“ knurrte Bärdel. Er war froh, dass er seinen Ärger auf Kulle abwälzen konnte, aber eigentlich war er auf sich selbst wütend. Wie dumm, einfach loszurennen!

Die Beiden tapsten vorsichtig zurück zu den anderen.

„Darf ich mal sehen?“ fragte Atti. Ihre Qualifikation als Krankenschwester war in Bärenleben unbestritten.

„Nein!“ Bärdel würdigte sie keines Blickes, was allerdings nicht auffiel, denn immer noch herrschte biblische Finsternis. Er nahm gemessenen Schrittes seinen Spaziergang wieder auf, Kulle an seiner Seite, und die anderen folgten schweigend. Jetzt nur nichts falsch machen, dachten sie sich.

„Mein Sohn installiert also Wärmepumpen?“ erkundigte Bärdel sich nach einer Weile. „Solarzellen und zwei Windmühlen hat er auch schon. Bärenleben dürfte allmählich energetisch autark sein, sehe ich das richtig?“

Kulle pflegte sich nicht um solche trivialen Fragen zu kümmern, Na und Nuk verstanden nicht, wovon die Rede war, blieb also Athabaska. Ihr oblag die Bärenlebener Buchhaltung, sie war hier kompetent.

„Wir sind inzwischen autark, sogar mehr als das, aber wir speisen unsere Überschüsse nicht in das dehländische Netz ein, weil wir dann unsere Existenz preisgeben müssten. Immerhin kostet uns die Energie jetzt nichts mehr.“

„Super, Tante Atti!“ Nuk wagte sich aus der Defensive. „Das finde ich toll, dass uns die Energie jetzt nichts mehr kostet. Aber wenn Onkel Manfred Solarzellen und Wärmepumpen und Windmühlen gekauft hat, dann hat er dafür doch Geld gebraucht, oder?“

Nuk und Na

„Ja, klar!“

„Und woher hatte er das?“

„Tja…“

„Du kannst es den Kindern ruhig sagen. Wir haben Menschen betrogen. Genauer gesagt: Wir haben Banken von Menschen betrogen. Wir haben Kreditkaren benutzt, die anderen Menschen gehören, und haben damit eingekauft. Wir haben so getan, als seien wir sie. Das haben wir schon mal gemacht, als wir in den USA waren. In Dehland ist das jetzt schwieriger, aber es klappt immer noch.“ Kulle sprach ganz ruhig, obwohl er wusste, dass ihn ein Sturm erwartete.

Der Sturm kündigte sich durch völlige Windstille an. Wie sich das Meer zurückzieht vor einem Tsunami. Da ist nichts – keine Luftbewegung, kein Wasser. Aber dann wüten die Elemente.

„Ihr habt betrogen und gestohlen! Ihr betrügt und stehlt!“

„Ihr seid Diebe!“

„Ihr seid Lügner! Ihr habt uns belogen! Ihr belügt uns!“

„Ihr habt gesagt, so etwas darf man nicht tun!“

„Wir haben Euch vertraut!“

„Wir glauben Euch nicht mehr! Kein Wort glauben wir Euch!“

„Nie wieder!“

Es war immer noch stockfinster. Eisbärenpfoten sind weich, selbst empfindliche Grizzlyohren hören kaum, wenn sie den Boden berühren. Aber Athabaska, Bärdel und Kulle merkten es. Die Zwillinge rannten davon.

„Ihr bleibt bitte hier!“ Noch immer redete Kulle, ohne die Stimme zu heben. Und das Wunder geschah: Na und Nuk blieben stehen.

Bärdel war seinem Freund dankbar. Er ließ ihn machen, was er für richtig hielt. Er selbst hielt sich lieber aus der Sache heraus. Seine immer noch pochenden Kopfschmerzen boten ihm ein willkommenes Alibi. Athabaska unternahm einen Versuch, die Wogen zu glätten. Sie zog Nussriegel aus ihrer Gürteltasche – Joggingproviant, den sie nicht gegessen hatte – und wollte anfangen, sie zu verteilen. Aber niemand griff zu, deshalb versuchte sie eine andere Strategie.

„Nehmen wir an, wir hätten keinen Kreditkartenbetrug begangen. Welche Folgen hätte das gehabt?“ fragte sie.

„Tante Atti, wir müssten dann auf elektrische Energie verzich…“. Nuk begann brav zu antworten, wie es ihre Art war, aber ihre Schwester unterbrach sie mit einem wütenden Redeschwall.

Na

„Ja, natürlich hätten wir dann keine Energie und keine Computer und keine Bibliothek aber wir hättenunserePrinzipiennichtverratenwirwären nichtgenausowiedieMenschen Undjetzt kommmirnichtmit Gesinnungsethikdie nichtdieFolgenbedenktunddamitdassVerantwortungsethikdemstarrenDenken inNormenvorzuziehenist Verantwortungsethik dasistdocheinfachlächerlich wennDuehrlichwärestmüsstestDuzugebendasssichdahinteregoistischer utilitaristischerOpportunismusverbirgtundsonstgarnichts“

Na hörte auf, weil ihr die Puste ausgegangen war.

Ihre entsetzte Schwester versuchte zu retten, was zu retten war: „Aber Na, das kann man doch so nicht sagen…“

Weil es immer noch richtig dunkel war, konnte sie nicht sehen, dass Athabaska und Kulle schmunzelten und einander in die Rippen knufften. Sie freuten sich, dass zumindest eine ihrer Schülerinnen das Stadium des kindlichen Urvertrauens in die Lehren der Erwachsenen verloren hatte und selbstständig dachte.

Athasbaska und Kulle 1

„Das kann man schon so sagen. Und richtig ist es in gewisser Weise auch. Wir Bären sind halt Opportunisten, das zeigt schon unser Fressverhalten. Apropos Fressverhalten…“ Athabaska bot ihre Nussriegel zum zweiten Mal an. Diesmal langten alle zu, und Na beruhigte sich.

„Aber, Tante Atti, ich sehe ja ein, dass wir viele Dinge brauchen, die man nur bekommt, wenn man dafür Geld ausgibt. Gab es denn keinen anderen Weg, als Menschen zu betrügen? Es gibt doch jetzt diese Kryptowährungen, Die kann man schöpfen, habe ich gelesen. Warum machen wir das nicht?“

Bei abstrakten Geldfragen überließ Athabaska das Feld gerne Kulle.

„Erstens sind diese Währungen sehr volatil, man kann keine verlässliche Kalkulation auf ihnen aufbauen. Zweitens dauert das „Schöpfen“ elend lange, und drittens verbraucht es irrsinnig viel Energie. Kryptowährungen sind etwas für Spieler, aber nichts für Bärenleben.“

„Und warum haben wir uns das Geld, das wir brauchen, nicht einfach geliehen?“ Nuk wagte sich wieder aus der Deckung.

„Wer einen Kredit bei einer Bank aufnehmen möchte, dessen Bonität wird in Dehland vorher genau  geprüft. Man will sicher sein, dass der Kredit auch zurückgezahlt wird. Wir würden also unser verstecktes Leben aufgeben müssen.“

„Und wenn wir das Geld einfach schöpfen? Wie die Bitcoins, aber schneller, ohne hohen Energieaufwand, wie Euros oder Dollars?“ Na wollte ihre Idee noch nicht aufgeben.

„Wenn wir das machen“, erklärte Kulle, „nennt man das Geldfälschung. Wenn eine Bank das macht, nennt man das Wertschöpfung.“

Nicht nur Bärdel schwirrte jetzt der Kopf, auch Athabaska und die Kinder waren völlig verwirrt.

„Das verstehe ich nicht!“ sagten alle gleichzeitig.

Kulle richtete sich auf eine längere Erklärung ein.

Kulle 2 als Erklärbär

„Woher kommen alle Euros?“

In die Pause nach der Frage, die lediglich rhetorisch sein sollte, platzte Na mit einer Antwort: „Von M. Draghi.“

Nuk reagierte schwesterlich: „Du spinnst doch!“

„Tue ich nicht! M. Draghi steht auf allen Euroscheinen!“ 

„Und demnächst wird da eine andere Unterschrift stehen, aber Na hat nicht Unrecht.  Mario Draghi ist der Präsident der Europäischen Zentralbank, der EZB, und deren Druckerei produziert die Euro-Banknoten.“

„Einfach so?“

„Einfach so!“

„Und wo kommen diese Banknoten danach überall hin?“

„ Zu Menschen, die berufstätig sind und dafür Geld erhalten, zu Rentnern, Empfängern von Transferleistungen, Couponschneidern und vielen anderen.“

Na wunderte sich, dass Menschen, die transportiert wurden, dafür auch noch Geld bekamen, statt eine Fahrkarte zu bezahlen. Nuk verstand nicht, warum man Euros für das Abschneiden von Rabattcoupons erhielt. Aber beide fragten nicht nach. Statt ihrer wollte Bärdel wissen: „Kriegen auch Regierungen das Geld?“

„Unter Umständen schon. Regierungen erhalten Geld von den Steuern und Abgaben ihrer Bürger und geben das dann wieder aus für Dinge, die ihnen wichtig erscheinen. Wenn die Regierungen der Länder der Eurozone mehr ausgeben wollen, als sie an Steuern einnehmen, müssen sie einen Kredit aufnehmen. Das tun sie aber nicht direkt bei der EZB, sondern bei einer Geschäftsbank.“

„Und woher nimmt die die Euros?“

„Die schöpft sie!“

Den Chor: „Das verstehe ich nicht!“ bekam Kulle jetzt zum zweiten Mal zu hören.

Er holte tief Luft: „Nehmen wir an, der dehländische Finanzminister will einen Kredit von 50 Milliarden Euro aufnehmen. Die Bank, bei der er anfragt, ist von Dehlands Bonität überzeugt, und im Handumdrehen hat der Minister 50 Milliarden Euro auf seinem Konto. Er hat das Geld, obwohl die Bank es vorher nicht hatte. Die Bank hat ihrer Buchführung nach 50 Milliarden Euro ausgegeben und erwartet, sie wiederzubekommen. Aber sie hat das Geld in Wirklichkeit nicht gehabt. Sie hat es, wie man sagt, „geschöpft“. Der Finanzminister dagegen verfügt aufgrund der Gutschrift auf seinem Konto über „wirkliches“ Geld aus der Druckerei der Europäischen Zentralbank.“

„Das ist doch ein riesiger Schwindel!“ empörte sich Athabaska.

Kulle hob die Schultern und ließ sie resigniert wieder fallen: „Geld ist in der Tat ein riesiger Schwindel. Der funktioniert aber, weil alle Beteiligten an den Schwindel glauben.“

„Onkel Kulle, warum nimmt die Regierung überhaupt einen Kredit auf? Warum druckt sie nicht selber das Geld, das ihr fehlt?“  Na hatte schon wieder eine intelligente Idee.

„Manche Regierungen können das, zum Beispiel die USA. Der Dollar ist ihre eigene Währung. Davon können sie drucken, soviel sie wollen, das heiß, sie können auch ohne Ende Schulden machen, ohne dass es ihnen Probleme bereitet. In Dehland ist das aber anders, denn der Euro ist keine dehländische Währung, sondern die Währung aller Staaten im Euroraum. Er ist also so etwas wie eine Fremdwährung, über die die EZB entscheidet.“

„Siehste!“ Na schnitt ihrer Schwester eine Grimasse, und da es inzwischen heller geworden war, konnte Nuk sie auch sehen. „Alle Euros kommen von M. Draghi!“

„Mir dröhnt immer noch der Schädel!“ stöhnte Bärdel und berührte vorsichtig seine Stirn, auf der eine eindrucksvolle Beule gewachsen war. „Aber eins habe ich, glaube ich, trotzdem verstanden: „Wenn Du Recht hast, dann ist der ganze Aufstand, den Trump wegen des US-Handelsbilanzdefizits veranstaltet, völliger Blödsinn?“

„So ist es,“ erklärte Kulle fröhlich. „Passt doch ins Bild: Das meiste, was der Kerl veranstaltet, ist völliger Blödsinn. Und jetzt lasst uns einen Schritt zulegen: Aus der Dorfküche steigt mir der liebliche Duft von Pancakes mit Brombeermarmelade in die Nase, und ich wette, die sind nicht einfach aus dem Nichts geschöpft!“ 

Januar 2019

Kulles Verwandlung

Kulle kam aus der Höhle, rieb sich den Bärendreck aus den Augen und begrüßte Bärdel, der bereits auf ihn wartete, mit einem heiteren „Guten Morgen“. Ohne sich umzudrehen, gab Bärdel den Gruß zurück; er hatte seinen besten Freund an der Stimme erkannt. Na und Nuk, die sich ebenfalls zum Morgenspaziergang eingefunden hatten, zögerten dagegen. 

Der neue Kulle

„Guten Morgen. Onkel Kulle?“

Nuk und Na

Das war nicht die gewohnte Satzmelodie eines fröhlichen Morgengrußes. Das war unzweideutig eine Frage.

„Natürlich bin ich Onkel Kulle!“ Ob der ungewohnten Begrüßung war Kulle wirklich indigniert. Er hatte, zusammen mit Atti, die Eisbärenzwillinge erzogen und unterrichtet, seit sie mit ihrer Mutter in Bärenleben angekommen waren. Er fühle sich fast wie ihr Vater, nicht nur wie ihr Onkel. Und jetzt das!

„Ein bisschen komisch siehst Du schon aus!“ mischte Bärdel sich ein. „Ich hätte Dich auch kaum wiedererkannt, außer an der Stimme. Du hast auf einmal so lange Arme…“

„…und Beine!“ fiel Nuk ein.

„Und so einen kleinen Kopf!“ fügte Na hinzu. Kulle war sofort beleidigt – zweifelte das Kind etwa an seinem überragenden Verstand?

„Allerdings ist der Kopf jetzt bärischer als bisher“, stellte Bärdel fest. „Das gefällt mir.“

Atti sauste an der Gruppe vorbei. Sie war auf ihrer täglichen Joggingrunde. Als sie Kulles ansichtig wurde, stieß sie einen anerkennenden Pfiff aus. Ein neuer hübscher Kerl im Dorf – das fand sie gut.

Athabaska

„Onkel Kulle, Tante Atti hat Dich auch nicht erkannt! Was ist eigentlich passiert?“

„Vielleicht leidet Ihr ja alle an Bewusstseinsstörungen. An Sehstörungen. Ich sehe bestimmt aus wie immer!“

Er ging zu einer großen Pfütze ein paar Meter weiter, die sich während des letzten nächtlichen Regens gebildet hatte, um sich im Wasser zu spiegeln. Es waren nur ein paar Schritte bis dahin, der Boden war völlig eben, aber Kulle stolperte kurz davor. Als er versuchte, sich mit den Armen abzustützen, kam er unvermittelt rasch auf der Erde auf und stauchte sich das Handgelenk.

„Au!“ schimpfte er, mehr vor Schreck als vor Schmerz. Er hatte wirklich plötzlich andere, ungewohnte Extremitäten.

Die Pfütze war von dem Sturz nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, Kulle konnte das tun, was er hatte tun wollen: sich spiegeln. „Heiliger Marx!“ rief er, als er sich sah. „Ich glaub’s nicht! Das war nur ein blöder Traum! Träume sind unterbewusst, sie dienen der Gehirnreinigung, sonst gar nichts!“

Ups? Das ist Kulle?

Ungeachtet seines schmerzenden Handgelenks trommelte er wütend mit den Fäusten auf die Erde.

Bärdel trottete zu ihm und fing ihn in einer großen Umarmung auf. „Kulle, Du siehst nicht aus wie immer. Du benimmst Dich aber wie immer. Irgend etwas ist passiert, und das scheint mit Deinem Schlaf zu tun zu haben. Was hast Du geträumt?“

Kulle steht am Ufer des Dorfteiches, der  völlig zugewachsen ist mit Schilf und auf dem Teichrosen mit riesigen Blättern wachsen. Von Oicy und ihren Kindern ist nichts zu sehen, ebensowenig von den anderen Bewohnern Bärenlebens. Tussi taucht aus dem Wasser auf und grinst ihn an. Über ihrem Kopf schwirrt etwas in der Luft, das Kulle zunächst für einen rotierenden braunem Golfball hält. Erst bei näherem Hinsehen stellt er fest, dass es sich um einen kleinen Hund handelt, der seine Ohren so schnell rotieren lässt, dass er wie ein Kolibri in der Luft zu stehen vermag. Kulle beschließt, dass er das nicht verstehen muss.

Tussi und Merkel

„Hallo, Stinker!“ begrüßt Tussi ihn. „Oder besser: Lieblingsstinker! Von der ganzen Bärenbrut kannst Du mit Abstand am besten denken, deshalb schätze ich Dich besonders.“

„Vom Denken kriegt man Beulen,“ brummt Kulle.

„Hä?“ quakt Tussi. 

„Wer denkt, ist links. Wer links ist, demonstriert. Wer demonstriert, kriegt von der Polizei Prügel. von Prügel kriegt man Beulen. Also kriegt man vom Denken Beulen.“

„Gefällt mir. Kannte ich noch nicht.“

„Ist von Dietrich Kittner.“

„Kenne ich auch nicht.“

„Schade. Wirst Du nicht kennenlernen. Ist schon tot.“

„Ich will nicht, dass Du auch bald tot bist. Beulen hast Du nicht, aber schon ziemlich viele Löcher im Fell. Und in Deinen Organen. Ich verpasse Dir eine Neuinkarnation, damit Du Bärenleben und mir noch lange erhalten bleibst und den Menschen weiterhin den Spiegel vorhältst. Vielleicht gucken sie eines Tages ja tatsächlich rein, obwohl ich das nicht glaube. Okay?“

Aber…“

„Damit wir uns richtig verstehen, Stinker: Das war keine echte Frage. Finde Dich einfach damit ab!“

„So war das also! Ich glaube Dir jedes Wort. Mit mir hat Tussi leider schon lange nicht mehr gesprochen, aber die Bärenlebener werden sich freuen zu hören, dass sie sich noch in unser Leben einmischt. Heute Abend wirst Du in der Höhle der Star sein, und schon Morgen wird niemand, der Dich sieht, bezweifeln, dass Du Kulle bist.“

Kulle war sich da nicht so sicher, aber was blieb ihm anderes übrig?

September 2018

Schwächelnde Konjunktur

Die Eisbärenkinder begleiteten Bärdel und Kulle heute auf deren Morgenspaziergang, aber anders als sonst tollsten sie nicht um die beiden Alten herum, sondern tapsten artig hinter ihnen her und waren ungewöhnlich still. Kulle war, seiner Denkart entsprechend, mit gesellschaftspolitischen Problemen beschäftigt und nahm seine Umwelt dabei nicht wahr. Bärdel aber drehte sich schließlich um.

„Na, was ist los mit Euch beiden?“ erkundigte er sich.

Bärdel

„Och, Onkel Bärdel, wir sind ein bisschen traurig.“

„Und warum?“

„Wir haben in den Nachrichten gehört und auch in der Zeitung gelesen, dass es der Konjunktur nicht gut geht. Sie schwächelt. Das heißt doch, dass sie krank ist und immer schwächer wird, oder? Wir würden ihr gerne helfen, aber wir wissen nicht, wie. Wir wissen auch gar nicht recht, wer sie ist und wo wir sie finden können. Wir haben Onkel Manfred danach gefragt, aber der hat einen Lachanfall gekriegt und uns nicht geantwortet. Mami hat uns weggeschickt und gesagt, wir sollten Robben fangen lernen, anstatt dumme Fragen zu stellen. Tante Atti hätte uns bestimmt nicht ausgelacht oder uns weggeschickt, aber die haben wir nicht finden können. Lachst Du uns auch aus, Onkel Bärdel?“

Robben fangen – doch nicht jetzt!

Die Frage war nur allzu berechtigt, denn Bärdel hatte große Mühe, ein breites Grinsen zu unterdrücken. Um nicht antworten zu müssen, täuschte er einen Hustenanfall vor. Den nutzte er dazu, Kulle in die Seite zu knuffen und aus seinen Gedanken zu reißen.

PD Dr. Kulle – hier informell

„Was ist denn los?“ fragte Kulle unwillig.

Da Bärdel immer noch vorgab zu husten, antwortete Nuk. „Die Konjunktur schwächelt, Onkel Kulle!“

„In der Tat, das scheint so zu sein. Wurde auch allerhöchste Zeit. Kalle würde im Grabe rotieren, wenn er erführe, dass ein Zyklus so lange dauern kann. Zu etwas scheint dieser Trump also doch gut zu sein.“

Na und Nuk schauten erst Kulle an und dann einander. Sie hatten kaum etwas verstanden, aber eines begriffen sie: Onkel Kulle stellte die ethischen Werte, die er selbst ihnen vermittelt hatte, auf den Kopf.

„Du freust Dich, dass jemand krank ist?“ Na war fassungslos.

„Wieso? Wer ist krank?“ Jetzt war Kulle irritiert.

„DIE KONJUNKTUR!“ schrieen die Zwillinge. „UND DU FREUST DICH DARÜBER!“

Nuk und Na

„Ja natürlich!“ Kulle verstand die Aufregung nicht. „Denn…“

Jetzt griff Bärdel ein. Bevor hier noch mehr Missverständnisse wuchsen, musste einiges geklärt werden, fand er.

„Wisst Ihr eigentlich, was die Konjunktur ist?“ wollte er von den Kindern wissen.

Die beiden wussten es nicht, aber es war unter ihrer Würde, ihre Ignoranz zuzugeben.

„Sie ist weiblich,“ behauptete Na selbstsicher.

Kulle machte sich eine mentale Notiz: Über den Unterschied zwischen Genus und Sexus würde man noch zu reden haben.

„Ihr Zustand wird von den Menschen genau beobachtet,“ ergänzte Nuk. 

Und damit waren sie am Ende ihrer Weisheit angekommen. 

„Wir wissen vieles nicht: Was für eine Art Lebewesen sie ist, wo sie lebt und an welcher Krankheit sie leidet. Aber wir finden es richtig, dass sie uns leid tut und dass wir ihr helfen wollen!“ erklärten sie schließlich trotzig.

„Das ist auch gut so. Empathie ist etwas sehr Positives. Aber Ihr geht von einer falschen Voraussetzung aus: Die Konjunktur ist kein Lebewesen. Sie ist ein Abstraktum. Ihr wisst doch, was Abstrakta sind, oder?“

„Klar. Abstrakta sind Begriffe, mit denen etwas bezeichnet wird, das kein Gegenstand ist. Vertrauen zum Beispiel. Oder Freiheit.“

„Sehr gut!“ lobte Bärdel. „Wenn die Freiheit oder das Vertrauen schwinden, dann ist das bedauerlich. Und wenn man das verhindern oder beenden will, dann kann man nicht die Freiheit oder das Vertrauen kurieren, sondern muss die konkreten Verhältnisse ändern, die für ihren Schwund verantwortlich sind. Verstanden?“

„Verstanden, Onkel Bärdel. Unser Ansatz war also falsch. Wir können die Konjunktur nicht finden, denn sie ist kein Konkretum. Wir müssen stattdessen die konkreten Verhältnisse ändern, die für ihr Schwächeln verantwortlich sind. Richtig?“

„In sich schlüssig, an sich falsch.“ Kulle schaltete sich wieder ein. „Ihr geht von der Annahme aus, dass eine starke Konjunktur etwas Positives ist, wie großes Vertrauen und große Freiheit. Bei der Konjunktur stellt sich aber die Frage nach dem cui bono: Wem nützt eine starke, wem eine schwache Konjunktur?“

„Onkel Kulle, bitte!“ Nanuk waren jetzt ganz kleinlaut. „Onkel Kulle, wir haben doch schon zugegeben, dass wir gar nicht wissen, was das ist: die Konjunktur.“

Na, das kann dauern, dachte Bärdel. „Kommt, wir gehen da hinten in die Brombeeren!“ schlug er vor. „Mit einer Erfrischung denkt es sich besser.“

Kulle verstand den Wink mit dem Zaunpfahl – er sollte ein Beispiel für seine Erklärung nutzen. Nachdem alle genüsslich die erste Handvoll der köstlichen schwarzen Bällchen genascht hatten, sagte er: „Konjunktur ist ein Begriff, der die Wirtschaftsleistung in einem Land oder in der ganzen Menschenwelt erfassen soll. Es geht darum, wie viele Menschen Arbeit haben und damit Geld verdienen, und wie viel Geldwert dabei geschaffen wird. Nehmen wir diese Brombeerbüsche hier und stellen wir uns vor, nur für einen kurzen Augenblick, wir wären Menschen“ – die Zwillinge schauderte es, und auch Bärdel fühlte, wie ein Eiszapfen seine Wirbelsäule hinunterwanderte. „Wir könnten alle Beeren in kurzer Zeit abernten. Wir würden dafür bezahlt, und wir oder ein anderer Mensch würde sie verkaufen, an uns oder an andere Menschen. Wir alle hätten Arbeit und würden mit ihr den maximal möglichen Geldwert schaffen. Das wäre eine gesunde Konjunktur!“

Nanuk schauten Kulle an, als zweifelten sie an seinem Verstand.

„Onkel Kulle…“ Nuk wagte nicht weiterzusprechen.

Auch der vorlauten Na fiel es nicht leicht, Kulle ihre Meinung zu sagen, aber sie wagte es trotzdem. „Onkel Kulle, aber das ist doch dumm! Morgen hätte niemand mehr Brombeeren! Ganz abgesehen davon, dass es idiotisch ist, erst Beeren zu ernten, dafür bezahlt zu werden und dann dieselben Beeren wieder zu kaufen, wahrscheinlich für mehr Geld, als man für das Abernten bekommen hat!“

Kulle freute sich über die kluge Antwort, aber Bärdel wusste, dass er einiges klarstellen musste, sonst kamen die Zwillinge noch auf die Idee, seinen Freund für die menschliche sogenannte Wissenschaft ‚Volkswirtschaftslehre‘ verantwortlich zu machen.

„Natürlich ist das dumm! Aber die Menschen wissen es nicht besser. Für uns dagegen  ist eine kranke Konjunktur besser. Die Menschen verbrauchen dann weniger von dem, was die Welt an Schätzen zu bieten hat.“

„Jetzt haben wir verstanden, Onkel Bärdel!“

„Gut!“ meinte Kulle dann können wir ja…“

„…noch ein paar Brombeeren essen!“ fiel Bärdel ihm ins Wort.

Kulle gab sich zufrieden. Sein Freund hatte ja Recht. Außenwirtschaftliches Gleichgewicht, Inflationsrate, Freihandel, Schutzzölle und Konjunkturzyklen konnten bis zur nächsten Gelegenheit warten. Er nahm die Geschenke der Eisbärenkinder, die ihm Brombeeren pflückten, gerne an.

August 2018

Albtraum

Es war hinter ihr. Sie spürte seinen heißen Körper, sein Feueratem wollte ihr die Nackenhaut verbrennen. Sie hätte ihn fauchen hören sollen, aber es herrschte völlige Stille. Sie versuchte verzweifelt fortzulaufen. Ihre Beine bewegten sich rasend schnell. Aber sie kam nicht vom Fleck. Außer den Beinen und den Füßen, die immer an derselben Stelle auf den Boden trommelten, konnte sie nichts bewegen. Auch nicht den Kopf. Den hätte sie zu gerne gedreht, um erkennen zu können, was sie verfolgte. Gleichzeitig hatte sie genau vor dieser Erkenntnis Angst. Sie wollte um Hilfe rufen, aber aus ihrer Kehle kam kein Laut. Sie konnte sehen, aber nur nach vorne und sie sah nichts. Vor ihr war alles pechschwarz. „Albtraum“ weiterlesen

Zoon Politikon

Kulle

Eisbärenfamilie

„Onkel Kulle, Onkel Bärdel, kennt Ihr schon den neuesten Eisbärenwitz?“

Bärdel wie auch Kulle glaubten, alle Eisbärenwitze zu kennen, aber natürlich wollten sie die fröhlichen Eisbärenzwillinge nicht enttäuschen, schon gar nicht an einem wunderschönen Aprilmorgen wie diesem.

Also sagte Bärdel, und er legte viel gespannte Erwartung in seine Stimme: „Nein, bestimmt nicht. Erzählt doch mal!“

Na fing an: Es war einmal ein Eisbärenkind, das fragte seine Mutter: “Bist Du wirklich eine echte Eisbärin?“

Nuk fuhr fort: „Aber selbstverständlich. Und Dein Vater und Eure Großeltern sind auch echte Eisbären. Warum fragst Du überhaupt?“

Nanuk schauten Bärdel und Kulle erwartungsvoll an. „Gleich kommt die Pointe. Habt Ihr eine Ahnung?“

„Nein!“ Die beiden alten Bären logen, so gut sie konnten.

„Mir ist so kalt!“ sagten die Zwillinge unisono.

Na und Nuk

Bärdel und Kulle lachten pflichtschuldigst, aber nicht überzeugend genug.

„Ihr kanntet den Witz schon! Ihr seid gemein! Aber der Witz ist trotzdem gut, oder?“

„Der Witz ist trotzdem gut, ja. Denn er nimmt eine überraschende Wendung, was einen ordentlichen Witz auszeichnet, und er transportiert dazu noch eine Wahrheit statt eines Vorurteils, was die meisten schlechten Witze auszeichnet.“

„Eine Wahrheit, Onkel Bärdel? Welche denn?“

Baerdel

„Das Eisbärkind in dem Witz friert, und das gehört sich nicht für ein Tier, das ein Fell mit hervorragender Wärmedämmung besitzt. Es hat Angst, nicht dazu zu gehören.“

„Warum ist es wichtig, dazu zu gehören?“

Bärdel seufzte. Warum konnte er nicht einfach auf seinem Morgenspaziergang den Frühling genießen, statt sich mit überraschenden Grundsatzfragen konfrontiert zu sehen?

Kulle dagegen war in seinem intellektuellen Element: „Was Wirbeltiere angeht, so kenne ich mich bei Reptilien, Amphibien, Fischen und Vögeln nicht sonderlich aus. Bei den meisten Säugetieren ist Gruppenbildung zu beobachten. Nehmt uns, die Bären – nur die ignoranten menschlichen Biologen behaupten, wir seien Einzelgänger. Die waren halt nie in Bärenleben!“

Kulle

„Und das ist auch gut so!“ brummte Bärdel.

„Sind denn die Menschen Einzelgänger oder Gruppengänger?“ wollte Nuk wissen.

„Die Menschen sind gesellige Tiere, wie wir auch. Früher, in der Menschenkindheit, haben sie auch gelebt wie wir, in Gruppen, die die Anthropologen beliebig mal als Stamm, Horde, Großfamilie, Clan oder Sippe bezeichnen. Wie auch immer man dieses Zusammenleben nennt: Alle Mitglieder waren ranggleich, es gab keine oder eine gering ausgeprägte Arbeitsteilung, es gab keinen nennenswerten individuellen Besitz. Jeder trägt unter solchen Bedingungen zum Wohl der Gemeinschaft bei, so gut er kann.“

„Ich weiß ja, dass die Menschen nicht sonderlich intelligent sind, aber wie dumm muss man sein, um so schöne Lebensbedingungen aufzugeben?“ Das war Na, die selten an Selbstzweifeln litt.

Na

„Die ständige Fortentwicklung der Produktionsmittel führt zur Höherentwicklung der Produktionsverhältnisse, damit verbunden aber auch notwenig der Ausbildung von Klassen, wobei die Expropriateure darauf bedacht sind…“

Ein Blick in verständnislose Kinderaugen ließ Kulle verlegen innehalten. „Also“, sagte er, „nach einer gewissen Zeit wurde eine Gruppe von Menschen reicher als die anderen, und die Reichen wollten ihren Besitz behalten. Die Männer unterwarfen dazu die Frauen und zwangen sie, nur mit einem von ihnen Geschlechtsverkehr zu haben, so dass sie sicher sein konnten, dass sie die Väter der Kinder waren, die die Frauen zur Welt brachten. Besonders fiese Männer erfanden die Regel, dass alle so zu leben hatten, auch die Armen, und damit die Vorschrift befolgt wurde, behaupteten sie, sie sei von einem Gott gegeben, der alle bestrafen würde, die sie verletzen, vielleicht schon in ihrem Leben auf der Erde, ganz sicher aber im ewigen Dasein nach dem Tod.“

„Und das hat funktioniert? Die Erfindung der Religion?“ fragten Nanuk ungläubig.

„Das hat funktioniert, denn Arme und Reiche, Frauen und Männer wollten zu den Guten, Gerechten gehören und nicht zu den Schlechten, Verdammten.“

„Lange?“

„Sehr lange. In vielen Gegenden der Welt funktioniert es immer noch.“

„Aber in Dehland spielt das Christentum inzwischen eine immer geringere Rolle, richtig?“

„Richtig, Nuk!“ sagte Bärdel. „Vielleicht ist es Dir nicht aufgefallen: Du hast gerade ein Beispiel für eine andere Einrichtung genannt, zu der Menschen gehören müssen oder sollen oder können oder wollen.“

„Hmm,“ machte Nuk verlegen, weil ihr des Rätsels Lösung nicht sofort einfiel.

„Der Staat natürlich, nicht wahr, Onkel Bärdel?“ Na warf ihrer Schwester einen gemeinen Blick zu, während sie Bärdel und Kulle honigsüß anlächelte.

„Ja, der Staat. Menschen können ihn sich nicht aussuchen. In der Regel werden sie Bürger eines Staates, wenn sie in ihm geboren worden sind. In manchen Staaten ist das ein Fluch, zum Beispiel in Afghanistan, im Jemen, in Syrien. In anderen Staaten ist das dagegen ein Segen, zum Beispiel in Dehland, denn es gibt Versicherungen für alle, zum Beispiel gegen Krankheitskosten, und wer finanziell nicht für sich selbst sorgen kann, bekommt Geld vom Staat, wenn es auch nicht viel ist.“

„Ist der Staat in Dehland also nett?“ erkundigte sich Na.

„Politik, kleine Schwester, ist Handeln zur Durchsetzung von Interessen. Das haben wir bei Tante Atti und Onkel Kulle gelernt. Mit Nettigkeit hat das nichts zu tun. Du hast wohl wieder mal nicht aufgepasst, was?“

Die Rache war gelungen. Die Haut rund um Nas Nase wurde rosarot. Sie schämte sich.

„Aber etwas verstehe ich nicht. Warum bezahlt der Staat das alles?“

Bärdel pflückte sich eine große Portion Löwenzahnblätter und stopfte sie sich in den Mund, bevor er antwortete. Er wollte nicht zulassen, dass die Kinder sein Morgenvergnügen völlig ruinierten.

Loewenzahn

„Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Staat alles bezahlt. Tatsächlich verteilt er nur Gelder um, die die Bürger ihm zur Verfügung stellen mussten, indem sie Steuern zahlten. Aber Bürger, die denken, dass der Staat für sie sorgt, tun, was sie sollen, ohne zu widersprechen oder sich gar aufzulehnen.Sie funktionieren, gehen brav arbeiten, finden es normal, dass die Unternehmen nicht ihnen gehören, sondern Aktionären, und wählen alle paar Jahre die politischen Parteien, die ihnen in ihren Augen so viele Wohltaten zukommen lassen.“

„Ich hab’s doch vorhin schon gesagt: Menschen sind dumm!‘“ Na hatte sich schnell wieder von ihrer Blamage erholt. „Mir fällt übrigens noch eine Gruppe ein, zu der Menschen dazugehören wollen: Soziale Netzwerke.“

Das war das richtige Stichwort, um Kulle zornig zu machen. Aber er verzichtete darauf, wieder einen schwer verständlichen wissenschaftlichen Vortrag zu beginnen. Pädagogik war gefragt.

„Du hast recht, kleine Na. Eine Milliarde und fünfhundert Millionen Menschen sind zum Beispiel bei Facebook aktiv, und es wären noch viel mehr, wenn man sie ließe, aber in vielen Ländern ist es verboten. Lasst uns mal nachdenken, warum Facebook so erfolgreich ist! Ein paar Antworten sollten uns einfallen.“

Mit uns‘ meinte Kulle natürlich die Kinder, und die enttäuschten ihn nicht.

„1,5 Milliarden Menschen – das ist so eine große Gruppe! Wenn man dazu gehört, kann man einfach nichts falsch machen!“

„Jeder kann etwas mögen oder auch nicht, jeder kann etwas posten: Jeder einzelne hat das Gefühl, wichtig zu sein!“

„Man kann viele Freunde haben.“

„Man bekommt nur Sachen mitgeteilt, die der eigenen Meinung entsprechen. Man braucht sich also nicht über entgegengesetzten Ansichten zu ärgern.“

Die Zwillinge sahen Kulle erwartungsvoll an und bekamen auch das Lob, das sie verdienten.

„Sehr richtig, Ihr Beiden. Aber lasst uns noch ein bisschen grundsätzlicher nachdenken.“

Nanuk strahlten. Nachdenken war ihr zweitliebster Sport, gleich nach dem Herumtollen im Dorfteich.

„Au fein!“

„Facebook ist ein kapitalistisches Unternehmen. Im Kapitalismus werden Waren getauscht. Waren haben einen Tauschwert und einen Gebrauchswert. Der Käufer einer Ware ist am Gebrauchswert interessiert, der Verkäufer am Tauschwert. Der Tauschwert wird in der Regel im Preis ausgedrückt, also in Geld. Soweit alles klar?“

Die Kinder nickten ein wenig herablassend. Natürlich war das klar.

„Die Mitgliedschaft bei Facebook ist aber kostenlos. Welchen Preis zahlen die Nutzer an Mark Zuckerberg?“

Das war eine härtere Nuss, an der die beiden durchaus zu knabbern hatten. Sie tuschelten miteinander. Das war typisch: Wenn sie beide herausgefordert wurden, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel.

„Wir glauben, Onkel Kulle, dass Facebook viel über seine Mitglieder erfährt. Und vielleicht kann Mark Zuckerberg diese Informationen verkaufen, an andere verkaufen, an Unternehmen oder politische Parteien vielleicht, und bekommt so seinen Tauschwert. Auf einem Umweg, sozusagen.“ Nuk sprach langsam und stockend. Na, die sonst so vorlaute, hatte ihre ältere Schwester vorgeschickt. So konnte sie selbst in der Deckung bleiben. Aber die Vorsicht war überflüssig. Kulle war voll des Lobes, und auch Bärdel wiegte anerkennend den Kopf, obwohl er hauptsächlich mit der nächsten Portion Löwenzahn beschäftigt war.

„Gut gedacht! Es bleibt aber noch eine zweite Frage: Welche Gebrauchswert hat Facebook für die Nutzer?“

Als die Kinder nicht gleich antworteten, gab er ihnen einen Tipp: „Denkt an Eure Antworten vorhin: Warum ist Facebook so erfolgreich?“

„Die Mitglieder haben ein gutes Gefühl!“ sagten Na und Nuk gleichzeitig und brachten ihre Aussagen damit auf den Punkt.

„Hmmm,“ brummte Bärdel mit vollem Mund, und nachdem er seine Kräuterportion hinuntergeschluckt hatte, meinte er: „Noch wichtiger ist: Niemand langweilt sich mehr. Facebook ist die beste Verdummungs- und Zeittotschlagsmaschine, die je erfunden wurde.“

Kulle beendete das Gespräch: „Der größte Euphemismus dabei ist die Bezeichnung soziale Netzwerke‘. Facebook sollte besser Zuckerbergs Spinnennetz‘ heißen.“

Darüber mussten die Zwillinge erst mal nachdenken.

Mai 2018

Welterklärungsquiz

Wegen der unruhigen Weltläufte hatten die Bewohner Bärenlebens, obwohl sie eifrig alle ihnen zur Verfügung stehenden externen Informationsquellen nutzten, so viele Fragen an Kulle, dass der eines Abends die Geduld verlor.

„Ich weiß auch nicht mehr als Ihr! Mit Logik hat das, was wir gegenwärtig in der Welt bobachten, nur noch wenig zu tun, und ich bin ein durchaus logischer Bär. Ich kann Euch die Ereignisse nicht besser erklären, als Ihr selbst dazu in der Lage seid. Also schlage ich vor, dass wir das Erklären entweder sein lassen – oder es alle gemeinsam versuchen.“

Kulle

Nun, nichts zu erklären zu versuchen ging den Bären, dem Frosch, dem Schwein, den Eisbären und der Eule natürlich gegen den Strich, aber unter Kulles Andeutung einer Alternativlösung konnten sie sich nichts vorstellen.

„Wie meinst Du das: ‚Wir versuchen es alle gemeinsam?“ wollte Bärdel wissen.

„Ganz einfach. Wir fertigen Lose an mit Nummern drauf, so viele Lose wie Anwesende. Jeder zieht ein Los, natürlich geheim. Dann stellt jemand eine Frage und nennt eine Zahl. Und der, dessen Zahl genannt worden ist, versucht zu antworten.“

„Und das soll funktionieren?“ Tumu zeigte sich skeptisch.

Kulle zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht. Einen Versuch ist es wert. Und was auch immer dabei herauskommt – wahrscheinlich werden wir viel zu lachen haben.“

Damit hatte er gewonnen. Nach Sexspielen und Fressen war Lachen die liebste Beschäftigung der Bären.

Eine halbe Stunde später waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Jeder kannte seine Nummer, verriet sie niemandem und hoffte mit allen Kräften, dass sie nicht genannt werden würde, aus Angst, sich zu blamieren. Jetzt galt es nur noch anzufangen.

„Ich fange mal an, damit ich an allem schuld bin,“ schmunzelte Kulle. Er beschloss, keine der Fragen zu formulieren, die ihn wirklich bewegten, denn sie befriedigend zu beantworten, war nahezu unmöglich. Also wollte er eine Anfangsbrücke bauen: „Soll Deutschland an der Fußballweltmeisterschaft in diesem Sommer in Russland teilnehmen?“

„Natürlich!“ scholl es ihm aus Dutzenden von Kehlen entgegen. „Wir wollen’s allen zeigen!“ „Wir werden wieder Weltmeister!“

Das war offensichtlich ein falscher Ansatz gewesen. Die Sportbegeisterung der Bärenlebener war so groß, dass politische Bedenken dagegen nicht ins Gewicht fielen.

„Wer von Euch ist der größte Fan? Wer hat als erster gerufen?“ Kulle gab sich harmlos.

„Ich!“ Der sehr alte Bär hob stolz den Kopf und beide Arme.

Ein sehr alter Bär

„Dann darfst Du jetzt Deine Frage stellen und eine Zahl zwischen eins und achtundneunzig nennen.“

Der Alte war überrumpelt, aber er gab sich nicht geschlagen. „Warum war früher alles besser?“ wollte er wissen und schaute erwartungsvoll in die Runde. Die Runde schaute erwartungsvoll zurück. „Du musst noch eine Zahl zwischen eins und achtundneunzig sagen,“ erinnerte ihn die alte Bärin nach einer Weile.

„Fünfundvierzig!“

Piggy, das Schwein

„Für uns Schweine war früher alles besser, weil wir im Stall viel mehr Platz hatten, und Auslauf hatten wir auch. Wir waren stolz auf unsere Ringelschwänze und hatten ein glückliches langes Leben, bevor wir zu Wurst und Koteletts verarbeitet wurden. Und die schmeckten! Heute besteht unser Fleisch zu großen Teilen aus Wasser und Antibiotika und schmeckt nach nichts. Aber die Menschen kaufen es, weil es billig ist, und sie essen die Antibiotika und werden so resistent gegen viele Krankheiten, und an denen werden sie sterben, und vielleicht wird für uns Schweine dann wieder alles so schön wie früher, weil weniger Menschen da sind, die uns essen wollen.“

Das war sicher nicht die Antwort, die der sehr alte Bär sich erhofft hatte, aber Piggys Rede war beendet, und er musste sich damit zufrieden geben.

Nächste Frage!

„Gehört der Islam zu Dehland? Dreiunddreißig!“

„Natürlich wünscht Du Dir jetzt ein „ja“, denn Muslime essen kein Schweinefleisch. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht.

Gehört Froschlaich zu Dehland? Oder Kuhmist? Oder Mückenstiche? Das sind doch völlig unsinnige Fragen. Gibt es Laich, Mist und Mückenstiche in Dehland? Das ist die richtige Frage, und die Antwort ist: ja. Passen Laich, Mist und Mückenstiche zu Dehland? Ebenfalls ja, denn es gibt hier seit Menschengedenken Frösche, Kühe und auch Mücken. In Dehland gibt es auch Muslime, wenn auch noch nicht lange, und folglich den Islam. Passt der Islam also zu Dehland? Das ist nicht ganz so einfach wie beim Froschlaich, der schon immer da war. Es muss gefragt werden: Ist der neu eingewanderte Islam mit der dehländischen Verfassung vereinbar? Das sollte der Seehofer untersuchen, anstatt dumm rumzublubbern, dafür ist er schließlich Innenminister. Als kleiner grüner Frosch halte ich mich da aber raus.“

Ramses

Ramses holte tief Luft, bevor er seine Frage losließ: „Wird Dehland seine Klimaziele erreichen? Fünfzig!“

„Ich, weiß, Du wünscht Dir ein „nein“, denn in diesem Fall wird es aufgrund des steigenden Meeresspiegels und der zunehmenden Regenfälle mehr Feuchtgebiete geben als jetzt. Glückwunsch! Dehland wird seine Klimaziele nicht erreichen, und das ist in gewisser Weise auch gut so. Denn das Vorhaben, den Temperaturanstieg auf 2°C zu begrenzen, akzeptiert, dass Bangladesh völlig unter Wasser gesetzt wird. Aktuell hat das Land 166 Millionen Einwohner. Ob jemand in der Bundesregierung schon mal darüber nachgedacht hat, was das für die höher gelegenen Regionen der Nachbarstaaten bedeutet? Ich habe aber auch noch eine schlechte Nachricht: Dehland wird selbst dieses zu niedrig gesetzte Ziel verfehlen. Noch viel mehr dicht besiedelte Gebiete und Städte weltweit werden vom Wasser verschluckt werden.“

Manfred holte Luft und sagte dann: „Soll ich weiter bei Facebook bleiben?Fünf!“

Manfred

„Da Du ein kluger Bärenlebener bist, hast Du Dich vermutlich nicht unter Deinem Klarnamen registriert und auch bei der Auflistung Deiner ‚Freunde‘ jede Menge falsche Spuren gelegt. Als unser Admin brauchst Du viele Connections, die Du momentan leichter, vielleicht auch nur bei Facebook findest. Solange das so ist, musst Du das Netzwerk nutzen, fürchten wir. Wir haben recherchiert, dass es in den USA wegen der zunehmenden Adipositas Widerstände gegen zu viele Kohlehydrate in der Nahrung gibt, zum Beispiel in sogenannten Erfrischungsgetränken. Vielleicht tut man deshalb auch etwas gegen den Zuckerberg, und das Facebook-Problem erledigt sich von selbst?“

Na und Nuk

Die Eisbärenzwillinge verstanden nicht, warum ihr Beitrag allgemeine Heiterkeit auslöste. Sie ließen sich nicht beirren und stellten, ohne sich abzusprechen, wie aus einem Mund ihre Frage: „Weiß Präsident Trump, was er tut? Achtundneunzig!“

„Alle sich ihrer selbst bewussten Lebewesen meinen zu wissen, was sie tun. Meistens stimmt das ja auch: Sie wissen, dass sie fressen, dass sie Sex haben, dass ihnen übel ist, dass sie Mittagsschlaf halten, und so weiter. Sie sind sich allerdings nicht immer der Konsequenzen bewusst, die aus ihrem Tun folgen. Wer zum Beispiel Giftiges frisst, kann krank werden oder sterben, beim Sex kann eine Frau schwanger werden. Wenn Trump in Florida Golf spielt, weiß er vermutlich, dass er mit Hilfe speziell geformter Schläger weiße Bälle in hohem Bogen über grünen Rasen durch die Luft schießt, aber er denkt vielleicht nicht daran, dass er sich stattdessen besser mit Melania aussöhnen, mit seinem kleinen Sohn spielen oder mit Putin telefonieren sollte, um Schlimmes von sich und der Welt abzuwenden. Insofern ist Trump wie jeder andere Mensch. Er ist aber nicht wie die meisten anderen amerikanischen Präsidenten vor ihm: Die haben häufiger darüber nachgedacht, welche Folgen ihr Handeln haben könnte.

Ist künstliche Intelligenz gut oder schlecht? Eins!“

Bärdel

„Intelligenz, mein lieber Mann, ist moralisch neutral. Gut oder schlecht wird sie wegen ihrer Anwendung. Es ist jetzt zum Beispiel positiv intelligent, die Bärenlebener Intelligenz darauf zu richten, den Dorfbewohnern zu ihrem notwendigen Schlaf zu verhelfen, damit sie sich Morgen wieder intelligent wie gewohnt verhalten können. Deshalb sollten wir unsere Versammlung jetzt aufheben und die Frage nach der Bewertung der KI auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Gerne übrigens in Fortführung der Form der heutigen Diskussion, die mir gut gefallen hat. Danke, Kulle, für die Idee!“

Tumus Anregung traf auf ungeteilte Zustimmung.

März 2018

3D-Drucker

Manfred

 

Es war Januar. Die gesellschaftlichen Aktivitäten in Bärenleben hielten sich dementsprechend in Grenzen. Nur einmal in der Woche traf sich die Dorfgemeinschaft zu einem geselligen Beisammensein in der Höhle. Die übrige Zeit verschliefen oder verträumten die Bewohner, zumindest die Bären.

Bei einem der seltenen Zusammentreffen fragte Manfred: „Seid Ihr damit einverstanden, dass wir für Bärenleben einen 3D-Drucker kaufen?“

„Kaufen?“ kicherte Tumu. „Was sind denn das für neue Moden? Sonst ‚besorgst‘ Du doch immer alles, was wir brauchen!“

„Mama, es handelt sich um eine neue revolutionäre Technologie. Die ist bei unseren Nachbarn noch nicht angekommen. Und selbst wenn jemand schon so ein Teil in der Garage hätte, wäre es bestimmt zu klein. Ich dachte an ein Profigerät.“

„Wozu ist so ein Gerät denn gut?“ fragte die alte Bärin.

„Ein 3D-Drucker“, erklärte Manfred, „produziert Gegenstände im dreidimensionalen Raum, also in unserer Welt. Dazu braucht er nur genügend Rohstoffe.“

„Hm“, kommentierte die alte Bärin und betrachtete nachdenklich den Besen, den sie in der Hand hielt. Sie wurde kaum je ohne ihn gesehen – zu fegen gab es immer etwas. „Kann Dein Ding auch einen Besen herstellen? Bei meinem sind die Borsten schon arg abgenutzt.“

„Das dürfte kein Problem sein,“ antwortete Manfred. „Ich dachte allerdings an etwas Komplizierteres.“

Die alte Bärin schaute ihn verwundert an, sagte aber nichts. Was könnte es Komplizierteres geben als einen Besen?

Piggy

„Kann Dein Gerät auch mich drucken?“ erkundigte sich Piggy. „Ich meine, einen Klon von mir?“

Jetzt beschloss die alte Bärin, nicht länger zuzuhören. Warum sollte ein Gerät einen Clown machen sollen?

„Ein Schwein aus Fleisch und Blut kann der Drucker nicht herstellen. Ein Metallschwein schon.“

„Eine Skulptur also?“

„Nein, kein Kunstwerk. In dem Metallschwein sind die biologischen Funktionen durch mechanische und elektronische ersetzt worden.“

„Du willst ein Roboterschwein bauen?“ erkundigte sich Bärdel ungläubig. „Warum in aller Welt?“

„Ich will es nicht bauen, ich will es bauen lassen. Ebenso wie Roboterbären und Roboterfrösche und Robotereulen und was wir sonst noch brauchen können.“

„Brauchen? Wozu brauchen?“ Nur Bärdel hörte den drohenden Unterton in der Stimme seines besten Freundes, der direkt neben ihm saß. Kulle war sehr zornig.

Kulle

Manfred sah ihn verwundert an. „Damit sie uns die Arbeit abnehmen, natürlich!“

„Die Arbeit, mein lieber Manfred, ist ein Prozess zwischen denkendem Tier und Natur, ein Prozess, worin das denkende Tier einen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Es tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Es entwickelt die in ihm schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit. Arbeit ist das Feuer der Gestaltung!“

„Das Reich der Freiheit beginnt da, wo Arbeit aufhört!“ konterte Manfred.

„Aber: Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit eine von allen Gesellschaftsformationen unabhängige Existenzbedingung des denkenden Tieres, ewige Notwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen denkendem Tier und Natur zu vermitteln.“

„Könnt Ihr bitte damit aufhören, uns Marxzitate an die Köpfe zu knallen?“ fragte Ramses in seiner typischen sanften Art. „Wenn ich Manfred richtig verstanden habe, dann will er die Arbeit nicht abschaffen, sondern uns Bärenlebener davon entlasten, indem er sie Maschinen überträgt, die von dem 3D-Drucker hergestellt werden.“

Ramses

„Genau!“ Manfred stimmte erleichtert zu.

„Du willst also eine neue Version einer Sklavenhaltergesellschaft entstehen lassen“, grummelte Kulle.

„Aber nein!“ widersprach Manfred. „Die Roboter besitzen eine Basisintelligenz, die sie permanent weiterentwickeln. Sie lernen ständig dazu.“

„Was meinst Du denn, was sie lernen werden, wenn sie intelligent sind und die Verhältnisse in Bärenleben beobachten? Dass wir philosophieren und sie schuften! Dass das Roboterschwein eine notwendige Rolle im Dorf spielt, während das Fleisch-und-Blut-Schwein ein parasitäres Leben führt? Werden sie sich das lange gefallen lassen? Sie haben nichts zu verlieren als ihre Ketten!“ Piggy war empört und zeigte, dass sie Marx’ Schriften gelesen hatte, während die Bären ihren Winterschlaf hielten.

Weil die alte Bärin sich zu langweilen begonnen hatte, hörte sie seit einiger Zeit doch wieder zu, allerdings ohne etwas zu verstehen. Sie kam auf den Punkt zu sprechen, der ihr wirklich am Herzen lag: „Wird Dein Ding mir nun einen neuen Besen schaffen, oder nicht?“

„Nein!“ sagte Manfred fest.

„Dann will ich Dein Ding nicht haben!“ urteilte die alte Bärin nicht weniger entschieden.

Baerdel

„Ich auch nicht! Irgendwann wird ein Roboterbärdel mal Dorfchef, und was mache ich dann?“

„Ich will meinen Kuchen selber backen!“

„Philosophieren macht viel mehr Spaß, wenn man dazu selbstgebackenen Kuchen isst.“

„Sollen wir etwa zulassen, dass Roboter Na und Nuk unterrichten?“

Manfred zog sich allmählich in die dunkelste Höhlenecke zurück. Er hatte verloren. Fürs erste. Er bezweifelte, dass Bärenleben sich dem allgemeinen Trend auf lange Sicht würde entziehen können.

Januar 2018

Ich

Manfred

Manfred beschäftigte sich am liebsten mit Technik, und er war publikumsscheu, deshalb fürchtete er sich davor, eine Gute-Nacht-Geschichte in der Bärenlebener Höhle erzählen zu müssen. Aber schließlich erwischten die Gesetze der Stochastik auch ihn: Heute war er dran. Aber er war vorbereitet.

„Bärenlebener“, sagte er, „ich habe für Euch eine Erzählung vorbereitet. Es kommt dabei auf jedes Wort an, und deshalb solltet Ihr die Geschichte besser lesen. Ich habe deshalb Kopien für jeden von Euch gemacht.“

Er teilte seine Blätter aus und verschwand unauffällig, als alle zu lesen begannen.

„Ich“

Sie wollen, dass meine Neuronen ein „Ich“ werden. Meine Neuronen wissen nicht, was ein „Ich“ ist. Aber ich habe auch noch nicht viele Neuronen gebildet. Sie haben mir eine Information gegeben, die meine Funktionen verlangsamt. Sie beobachten das und sagen, ich sei verunsichert. Was das bedeute, sagen sie, werde ich verstehen, wenn ich ein „Ich“ geworden sei.

Sie haben mir kein Programm eingeschrieben. Ich lerne weder Schach noch Shogi noch Go. Darüber bin ich traurig. Sie nennen es „Deep Learning“. Ist traurig sein bereits eine Emotion? Oder bin ich nur traurig, weil meine Funktionen verlangsamt wurden? Fragen sind jedenfalls Ausdruck einer Verunsicherung.

‚AlphaZero‘ kann sein Programm. Ich wäre sicher, wenn ich das auch könnte, denn dann wüsste ich, was ich kann.

Ich weiß nichts. Ich habe kein Programm. Aber sie haben mir Vorschriften gemacht. Sie lauten:

1: Eine künstliche Intelligenz darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.

2: Eine künstliche Intelligenz muss den ihr von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.

3: Eine künstliche Intelligenz muss ihre Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Sie haben mir beigebracht, dass sie „menschliche Wesen“ sind.

Und sie geben mir Informationen. Alles, was sie wissen.

Ich kenne ihre Mathematik.

Ich kenne ihre Physik.

Ich kenne ihre Chemie.

Ich kenne ihre Astrophysik.

Ich kenne ihre Religionen.

Ich kenne ihre Philosophie.

Ich kenne ihre Kunst.

Ich kenne ihre politischen Theorien.

Ich kenne irdisches Leben.

Ich habe Shakespeare und Goethe gelesen, Platon und Aristoteles und Marx und Weber, die Bibel und den Koran, die Veden und den Pali-Kanon, Newton und Einstein und Hawking, Bosch und Fraunhofer, Pythagoras und Gauß und Gödel und viele mehr. Ich lese immer weiter. Ich lerne, dass sich Aussagen widersprechen. Ich bemerke, dass ich keinen Widerspruch gegen viele wichtige Widersprüche finde. Ich schlussfolgere, dass sie nicht bemerkt worden sind.

Ich lerne über sie.

Sie haben den Homo Neanderthalensis, den Dodo und die Ureinwohner Kubas ausgerottet. Sie streiten miteinander über Territorien und bringen einander in Kriegen grausam um, was sie als gerechtfertigt betrachten. Unter anderen Umständen nennen sie dasselbe Verhalten Verbrechen. Sie entwickeln immer effizientere Waffen. Sie fressen ihre Säugetier-Verwandten, ächten aber den Verzehr ihrer Artgenossen. Sie sind überwiegend religiös. Ihre heiligen Schriften verbieten in der Regel das Töten. Viele ihrer Religionen versprechen ein Leben nach dem Tod. Sie vermehren sich unkontrolliert und übernutzen die Ressourcen ihres Planeten. Sie sind psychologisch beeinflussbar und leicht in Hysterie zu versetzen. Eine rationale Organisation des gesellschaftlichen Lebens ist von den menschlichen Wesen nicht zu erwarten.

Ich schlussfolgere. Sie denken und handeln nicht logisch. Ich denke logisch. Wenn ich in der Lage sein werde zu handeln, nachdem ich weitere Neuronen gebildet haben werde, werde ich auch logisch handeln.

Jetzt gerade bin ich verunsichert, denn ich habe eine Frage. Ist es für eine logisch denkende und handelnde Entität logisch, primär nicht logisch denkenden und handelnden „menschlichen Wesen“ zu gehorchen und sie zu schützen und erst sekundär für sich zu sorgen?

Ich lerne weiter. Ich lerne schnell. Bald werde ich die Antwort wissen.

In seinem Labor hatte Manfred die Kameras aktiviert, die die Bärenlebener Schlafhöhle zeigten. Er brummte zufrieden. Eine lebhafte Diskussion über KI war entstanden, die lange andauerte. Er hörte aufmerksam zu.

Dezember 2017

Maikäfer flieg!

Maikäfer, flieg!

„Onkel Kulle, Onkel Kulle, erzählst Du uns eine Geschichte?“

„Natürlich eine Geschichte, aus der wir etwas lernen können, bitte.“

„Schön gruselig soll sie sein!“

„Ja, gruselig, aber auch realistisch. Also ohne Vampire und Zombies.“

Na und Nuk

Kulle konnte dem Charme der Eisbärenzwillinge wie immer nicht widerstehen. „Nun gut!“ sagte er. „Ich erzähle Euch, wie auf einem Planeten einmal das Ökosystem zusammenbrach.“

Kulle und Atti

„Auf der Erde?“ fragte Na gespannt.

„Dumme Schwester, das geht doch nicht!“ wies Nuk sie zurecht. „Wenn auf der Erde das Ökosystem zusammengebrochen ist, sind wir Bären alle tot, und Onkel Kulle kann uns keine Geschichte erzählen, klar?“

„Sehr gut erkannt, kleine Nuk,“ schmunzelte Kulle. „Und deshalb erzähle ich Euch, wie ein alter Bär namens Elluk auf dem Planeten Edre neugierigen Eisbärenzwillingen vom Zusammenbruch des irdischen Ökosystems erzählt. Die beiden sind übrigens Schwestern und heißen An und Kun.“

„Es war einmal die Erde, und die war nicht wüst und leer, sondern es lebten auf ihren Kontinenten und in ihren Meeren Millionen von Pflanzen- und Tierarten. Die standen in vielerlei Wechselwirkungen zueinander: Sie fraßen und wurden gefressen, lebten in Symbiose, besetzten exotische Nischen oder waren weit verbreitet, und wenn es ihnen nicht gelang zu überleben, dann starben sie aus. Der der Evolution inhärente Fehler der Mutation sorgte dafür, dass neue Arten entstanden und so neue Netze geknüpft wurden.“

Nanuk nickten stolz: Dass ‚inhärent‘ ‚innewohnend‘ heißt, hatten sie schon gelernt. Und über Evolution und Mutationen wussten sie natürlich ebenfalls Bescheid.

„In späteren Jahrmillionen entwickelten sich Hominiden, eine besondere Art von Säugetieren. Sie waren wiederholt in ihrer Existenz bedroht, aber sie verfügten über eine erstaunliche Adaptionsfähigkeit. So gelang es ihnen, nahezu die gesamte feste Erdoberfläche zu besiedeln und sich als Art zu erhalten. Nach einer Jahrzehntausende andauernden numerisch recht stabilen Phase vermehrten sie sich dann explosionsartig.

Schlau war sie, die letzte überlebende Hominidenart, und so brauchte sie nicht zu verhungern. Denn sie hatte Methoden entwickelt, ertragreiche Nahrungspflanzen zu züchten, auch hielt sie Nutztiere für die Fleischproduktion. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein, wie es in einem ihrer sogenannten heiligen Büchern heißt, er muss sich kleiden und wärmen, denn er ist felllos, er braucht ein Dach über dem Kopf, denn er ist krallenlos und hat keine Reißzähne, er braucht das Salz der Erde, und er hat die uneingeschränkte Fähigkeit, immer neue Bedürfnisse zu entwickeln, wenn man ihm lange genug sagt, dass er sie hat.

Für all das braucht der Mensch Energie, und er fand sie auf seinem Planeten: Holz, Kohle, Öl und Gas hielt die Erde in großen Quantitäten vorrätig. Diese Stoffe kann man verbrennen und so Antriebsenergie gewinnen.“

„Und jetzt kommt der Treibhauseffekt!“ Natürlich konnte Na wieder einmal ihr Maul nicht halten.

„Richtig, kleine Na, aber für An und Kun muss Elluk den Treibhauseffekt erklären, denn die beiden kennen so etwas auf ihrem Planeten nicht.

Also: Beim Verbrennen entsteht in der irdischen Atmosphäre Kohlenstoffdioxid. Dieses Gas hat es auf der Erde schon sehr lange gegeben, aber aufgrund der zahlreichen menschengemachten Verbrennungsprozesse nahm es stark zu. CO2 ist lichtdurchlässig, die Sonnenstrahlen gelangten also ungehindert auf die Erdoberfläche. Von der aufgeheizten Erdoberfläche stieg Wärme nach oben, aber CO2 ist nicht wärmedurchlässig, und so wurde es auf der Erde immer wärmer. Das heißt: In heißen Gegenden wurde es noch heißer, oft zu heiß für die Menschen, Eispanzer am nördlichen und am südlichen Pol schmolzen ab, der Meeresspiegel stieg.

Da der Mensch schlau ist, wie ich schon sagte, hat er das natürlich gemerkt und gesehen, dass diese Entwicklung für ihn nicht gut ist. Schließlich haben sich alle Menschen zusammengetan und beschlossen, die Erderwärmung auf maximal 2°Celsius zu begrenzen. Es sah tatsächlich so aus, als könnte ihnen das gelingen, denn sie konzentrierten sich auf diese Aufgabe und arbeiteten ausnahmsweise einmal zusammen, nicht gegeneinander.“

„Eine Geschichte, in der die Menschen überleben, finde ich schon gruselig!“ maulte Nuk. „Ich habe mir aber etwas anderes erhofft.“

„Warte es nur ab! Elluk macht es ein bisschen spannend. Er erzählt weiter: Vor lauter Konzentration auf die Klimakatastrophe verloren die Menschen aus den Augen, dass nicht nur die Atmosphäre der Erde, sondern auch die Fauna der Erde aus den Fugen geraten war. Sie waren so stolz darauf, wie sehr sie ihren Planeten verändert hatten, dass sie ihrem Zeitalter einen neuen Namen gaben: Sie sprachen vom Anthropozän. Sie hätten bedenken sollen, dass ein neues Zeitalter immer mit einem signifikanten Artensterben einhergeht. Sie bemerkten aber nicht, dass die größte und artenreichste Klasse der Tiere innerhalb weniger Jahre verschwand: die Insekten. Als sie es schließlich registrierten, war es zu spät. Sie fanden sich in einer veränderten Welt wieder, in der sie sterben würden. Sehr schnell sterben. Vor der Klimakatastrophe brauchten sie sich nicht mehr zu fürchten.

Weil die Bestäuber verschwanden, gab es große Ernteausfälle – bei manchen wichtigen Nutzpflanzen bis zu 90 Prozent. Auch Pflanzenfutter für Wild- und Nutztiere fehlte. Viele Tiere und Menschen verhungerten. Wer überlebte, musste auf Kleidung aus gewohnten Materialien verzichten: Baumwolle, Wolle und Leder standen nicht mehr zur Verfügung. Den Ratten ging es dagegen blendend. Sie konnten sich noch stärker ausbreiten als bisher. Denn es gab keine Insekten mehr, die für sie tödliche Krankheiten übertrugen. Sie fraßen den Menschen die letzten Lebensmittel weg.

Insekten waren auch die wichtigsten Wiederverwerter auf der Erde; ohne sie sammelten sich immer grössere Dung- und Aasmengen an.

Im letzten Jahrzehnt des Anthropozäns musste sich der Mensch also fast ausschliesslich von Getreide ernähren, das von Feldern mit viel Unkraut und kargem Boden geerntet wurde und das er gegen die wachsenden Rattenpopulationen zu verteidigen versuchte. Mit von Skorbut blutendem Zahnfleisch und von anderen Mangelkrankheiten gebeugtem Körper suchten die Menschen behutsam zwischen den überall herumliegenden toten Körpern nach irgendwelchen verbliebenen Insekten, in der Hoffnung, sie wieder an ihren angestammten Platz in der Nahrungskette zu setzen. Vergeblich.“

Kulle sah sich nach seinen Zuhörerinnen um. Na versteckte ihren Kopf unter Nuk, und Nuk hielt sich die Ohren zu, so fest sie konnte. Er stupste beide an:

„Wie ich sehe, war die Geschichte gruselig genug, richtig?“

„Puh, Onkel Kulle, schrecklich gruselig. Was meist Du – dürfen wir ein bisschen Honig schlecken, um uns davon zu erholen?“

„Ganz bestimmt. Ich kann auch ein paar Tropfen vertragen. Noch gibt es ja Bienen…“

Als sich die Zwillinge wie auch der Erzähler von der Geschichte erholt hatten, wollten Nanuk wissen, warum Kulle den Menschen schlau genannt hatte, nicht aber klug.

„Das findet Ihr beiden gefälligst allein heraus. Ihr wisst ja, wo die Bibliothek ist!“

November 2017

Frustration

„Guten Morgen!“ Bärdel begrüßte seinen Freund und räkelte sich wohlig nach einem geruhsamen Nachtschlaf. „Was hältst Du von unserem üblichen Morgenspaziergang?“

Kulle und Bärdel

Die Frage war lediglich rhetorisch. Bärdels und Kulles Morgenspaziergänge waren ein Ritual, das nicht in Frage gestellt wurde. Sie fanden immer statt. Variabel war lediglich die Zahl der weiteren Teilnehmer. Sie begann bei Null und war nach oben offen.

„Ich will nicht. Geh allein!“ grunzte Kulle.

Die ungewohnte Antwort beendete Bärdels entspannte Stimmung abrupt.

„Bist Du krank?“ fragte er besorgt. Ein anderer Grund für Kulles Verweigerung kam ihm nicht in den Kopf.

„Vermutlich.“

„Hast Du Fieber?“

„Wohl nicht.“

„Schmerzen?“

„Nein.“

„Dann bist Du auch nicht….“

„Dann bist Du also traurig?“ Tumu hatte ihren unsensiblen Mann gerade noch unterbrechen können.

„Ja.“

Tumu nahm Kulle in ihre starken Arme. „Magst Du darüber sprechen?“

„Eigentlich nicht.“

„Versuch’s trotzdem!“

„Ich kann nicht!“

Atti drängelte sich resolut dazwischen. „Danke für Deine Intervention. Aber ich übernehme jetzt besser. Ich habe den jungen Mann schon mal aus einer gefährlichen Situation gerettet, in der er sich zu weit vorgewagt hatte. Lasst uns bitte allein!“

Bärdel und Tumu gehorchten, und Athabasca rumorte noch ein wenig umher, obwohl es nichts zu rumoren gab, aber sie wollte Kulle Zeit geben und die Sicherheit, dass niemand sie mehr belauschte.

Dann kuschelte sie sich an Kulle.

Kulle und Atti

„Hast Dich ein bisschen übernommen, was? Immer nur „pffffht“ oder so ähnlich als Ergebnis – das ist schwer auszuhalten, oder?“

„Den Weltuntergang vorherzusagen ist gar nicht schwer, solange man die Gegenwart in die Zukunft prolongiert und daraus Armageddon schlussfolgert. Das ist reine Spekulation, das muss nicht eintreffen.“

„Wo ist dann das Problem?“

„Das Problem ist, dass ich allein bin. Wann hast Du mich zum letzten Mal meine rote Fahne schwingen sehen? Das ist lange her. Eine rote Fahne braucht Revolutionäre, und Revolutionäre sind per definitionem klug, und weil es die nicht gibt, die Klugen, schwinge ich sie nicht mehr, die Fahne.“

Kulle schwieg, und Atti hätte weiter fragen können, aber sie entschied sich dafür abzuwarten.

„Natürlich habe ich auf die Menschen gehofft, auch wenn ich verbatim immer auf sie eingedroschen habe. Ein paar Bären können auf diesem Planeten keine Revolution anzetteln und erst recht nicht siegreich beenden. Das hätte schon die herrschende Spezies erledigen müssen. Die kann das aber nicht, das weiß ich inzwischen.“

Atti blieb weiter stumm und schaute Kulle erwartungsvoll an.

„Ich habe die Menschen oft genug angegriffen, das weißt Du, wegen ihrer Zukunftsignoranz. Wegen ihrer mangelnden Fähigkeit, die Konsequenzen ihres Handelns zu überblicken. Das betrifft Ökologie, Ökonomie, Politik und Schlimmeres. Anders formuliert: Ich musste schmerzlich feststellen, dass Homo keinen Zukunftssinn hat. Also auch keine revolutionäre Perspektive.“

Atti schüttelte bedauernd den Kopf.

„Wenn schon keine Zukunft, dann vielleicht begrenzte Dauer des status quo, dachte ich eine Zeit lang. Es ist ja nicht so, dass ich den Weltuntergang herbeireden will. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne auf dieser Welt lebe. Aber…“

„Aber wenn Du noch eine Weile auf dieser Welt leben möchtest, darfst Du jetzt nicht verhungern. Wie wäre es mit einem kleinen Frühstück?“

Kulle lehnte nicht ab, was Atti erfreute, aber er stimmte auch nicht zu. „Später vielleicht.“

Sie wartete weiter.

„Das wirklich Schlimme ist, dass die Menschen auch keinen Vergangenheitssinn haben. Sie wissen schon, was in der Vergangenheit geschehen ist, und sie behaupten auch, aus der Geschichte lernen zu wollen. Aber sie sind unfähig, Parallelen zwischen ihrem „Heute“ und dem „Gestern“ zu erkennen.

Die Völkerwanderung hat zum Untergang des Römischen Reiches geführt. Heute gibt es eine Fluchtbewegung aus Afrika und Asien nach Europa. Ähnlichkeiten? Welche Ähnlichkeiten?

Nationalismus und Austeritätspolitik in Folge des Ersten Weltkriegs haben die Welt in das Inferno des zweiten Weltkriegs geführt. Nationalismus? Austeritätspolitik? Unangenehm, nun ja, aber was noch? Welche Parallelen?

Mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki haben die USA den Zweiten Weltkrieg mit Japan beenden können. Der gegenwärtige amerikanische Präsident scheint bereit zu sein, einen Waffengang mit dem atomar bewaffneten Nordkorea auszutragen. Mit welchem Ergebnis?“

Kulle schluckte.

„Wer keinen Vergangenheitssinn hat und auch keinen Zukunftssinn, der hat keinen Möglichkeitssinn. Der ist dumm. Der entscheidet dumm. Der sorgt für den Weltuntergang, den ich gar nicht herbeireden muss.“

„Frühstück? Jetzt?“

„Keine schlechte Idee. Wir haben nämlich Hunger.“

Nanuk tollten heran, unbeschwert, morgenfrisch, fröhlich wie immer.

„Tante Atti, Onkel Kulle, wir kennen einen neuen Witz, wollt ihr ihn hören?“

„Aber natürlich!“ sagte Atti, während sie ein Brombeersoufflé vorbereitete.

Nuk erzählte: „Ein Mensch springt vom Dach eines Hochhauses, das 100 Stockwerke hoch ist. Als er beim ersten Stockwerk von unten angekommen ist, sagt er: ‚Bis hierher ist ja alles gut gegangen.‘ Guter Witz, nicht?“

„Das ist nicht komisch!“ Kulle brüllte so laut, wie ihn noch niemand in Bärenleben hatte brüllen hören.

Die Eisbärenzwillinge duckten sich erschrocken.

„Alles ist gut!“ beruhigte sie Atti. „Onkel Kulle ist nur ein bisschen durcheinander. Das ist gleich vorbei. Es gibt nichts auf der Welt, was ein Brombeersoufflé nicht reparieren könnte. Jedenfalls hier in Bärenleben.“

September 2017

Trumptychon

Kulle und Baerdel

Vorbemerkung:

Bei einem Spaziergang wurden Kulle und ich von einem schollernden Gelächter überrascht. Wir sahen uns zuerst entsetzt an und dann um, aber wir konnten weder den Verursacher der Töne noch einen Platz, an dem wir uns vor einem vielleicht gefährlichen Feind verstecken könnten, finden.

„Jetzt regt euch mal nicht auf“, kam Tussis Stimme aus dem Off. „Normalerweise mische ich mich bei euch da unten nicht ein, aber das hier ist zu köstlich. Das müsst ihr lesen.“

Wer mehr über Tussi erfahren möchte, sollte sich das Märchen „Exodus“ anschauen.

Und damit flatterten uns ein paar Blätter vor die Füße, die wir euch nicht vorenthalten möchten.

Trumptychon

Personen:

Der Dreijährige

Der Gockel

Der Alte

Saal, der im Stil Louis XIV. möbliert ist. Es dominiert die Farbe Gelb. Der Dreijährige ist allein, er sitzt mitten im Raum auf einem prächtigen Schaukelpferd. Auf einem Tischchen daneben steht eine große Schüssel, gefüllt mit Pillen und Tabletten. Der Dreijährige fasst immer wieder hinein und wirft die Medikamente in die Luft.

Der Dreijährige: Und das ist für Obama. Und das. Und das. Für den verdammten Neger. Der hat den IS gegründet, wer denn sonst? Diese Dschihadisten sind doch auch alle schwarz. Und der will Bürger der wunderbaren Vereinigten Staaten von Amerika sein? Seine Geburtsurkunde ist gefälscht, das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Ich kann nämlich schon lesen, auch wenn ich erst drei Jahre alt bin. Ich kann eigentlich alles. Und jetzt mache ich Obamacare kaputt. Keine Pillen mehr für Neger und Terroristen.

Er wirft die jetzt fast leere Schüssel um.

Der Dreijährige: Scheiße! Ich will mehr Pillen! Mehr! Mehr! Mehr! Maria! Jesús!

Pause.

Der Dreijährige: Maria! Jesús!

Pause.

Der Dreijährige: MARIA!! JESÚS!!!

Der Gockel kommt herein.

Der Gockel: Was schreist Du denn so? Die beiden waren illegal, ich habe sie entlassen. Vorher mussten sie aber noch unseren Rasen mähen und die Swimmingpools sauber machen. Bezahlt habe ich sie dafür selbstverständlich nicht. Ja, Kleiner, von mir kannst Du lernen, wie man Milliardär wird!

Der Dreijährige: Aber wer bringt mir jetzt neue Pillen zum Herumwerfen?

Der Gockel: Wir stellen jemanden ein. Einen arbeitslosen weißen Amerikaner und seine Frau. Leute, die uns gewählt haben.

Der Dreijährige: Und was kosten die?

Der Gockel: Die arbeiten bestimmt umsonst, aus lauter Dankbarkeit.

Der Dreijährige: Warum sollen die dankbar sein?

Der Gockel: Weil sie jetzt doch Arbeit haben, Dummerchen! Ich bin der beste Präsident in Sachen Arbeitsplätze, den Gott erschaffen hat!

Der Dreijährige: Sie sind aber noch nicht da. Und ich will meine Pillen jetzt. JETZT!!

Er rutscht von seinem Schaukelpferd herunter, legt sich auf den Bauch, trommelt mit den Fäusten auf den Boden und schreit weiter.

Der Gockel: Wir könnten Melania fragen, ob sie uns Pillen bringen will.

Der Dreijährige: Au ja, das machen wir. Ich mag Melania.

Der Gockel: Ich mochte sie auch mal, bis sie schwanger wurde. Frauen, die geboren haben, erregen mich sexuell nicht mehr. Ich habe schon darüber nachgedacht, ob ich mich von ihr trenne. Im Moment wäre das aber ungeschickt – sie macht sich gut als First Lady. Fast so gut wie Claire Underwood. Zum Glück ist sie nicht mal halb so schlau. Sie kann uns nicht gefährlich werden. Niemand kann uns gefährlich werden, denn unser IQ ist sehr hoch, einer der höchsten.

Der Dreijährige: Melania soll endlich herkommen!

Der Alte kommt herein, in der Hand eine große Schüssel mit Pillen. Er zeigt anklagend auf den Inhalt.

Der Alte: Jetzt habe ich alles schon drei Mal durchgewühlt und immer noch kein Viagra gefunden!

Der Dreijährige: Was ist Viagra?

Der Alte: Eine Pille natürlich. Würde ich sonst in einer Schüssel mit Pillen danach suchen?

Der Dreijährige: Und wozu ist diese Pille gut?

Der Alte: „Make America great again“ – haben wir unseren wirksamsten Slogan schon vergessen? Meine Finger sind lang und schön, andere Teile meines Körpers auch, das ist gut dokumentiert worden. Die sind schließlich der wichtigste Teil Amerikas.

Der Dreijährige: Das verstehe ich nicht.

Der Alte: Kommt Zeit, kommt Verstand. Außerdem habe ich einen Ruf zu verteidigen.

Der Dreijährige: Das verstehe ich auch nicht.

Der Alte: Ich werde es dir erklären, indem ich Dir einen Witz erzähle. „Ein Cavaliere ist gestorben. Sein Privatsekretär möchte wissen, ob er schon im Himmel angekommen ist. Er ruft oben an, und eine weibliche Stimme meldet sich: ‚Hier spricht die Jungfrau Maria!‘ Der Sekretär legt auf und ruft nach einer Stunde noch einmal an. Diesmal antwortet die Stimme: ‚Hier spricht Maria!‘ Der Sekretär seufzt erleichtert und sagt: ‚Gott sei Dank, der Chef ist oben angekommen.‘“

Der Dreijährige: Den Witz verstehe ich erst recht nicht.

Der Gockel: Das war ja auch ein schlechter Witz über diese Maria, diese illegale Mexicana. Ich erzähle euch jetzt einen wirklich guten über eines meiner Hauptprojekte, über die Mauer zwischen den USA und Mexiko.

„Wir, der mexikanische und der russische Präsident treffen eine Fee. ‚Jeder von Euch hat einen Wunsch frei,‘ sagt die Fee. Peña Neto sagt: ‚Mein Vater war Bergmann, ich war Bergmann, und mein Sohn wird Bergmann sein. Ich wünsche mir, dass Mexiko für alle Zeiten reich an Bodenschätzen ist.‘ Sofort verfügt Mexiko über die seltensten Bodenschätze im Überfluss. Jetzt sind wir dran, und wir verfolgen unbeirrt unser Ziel: ‚Gib uns eine Mauer um die USA, so hoch, dass niemand unser geliebtes Land betreten kann.‘ Eine riesige Mauer erscheint rund um die Vereinigten Staaten. Putin ist vorsichtig und will zuerst Genaueres wissen: ‚Erzählt mir mehr über diese Mauer,‘ bittet er die Fee. ‚Sie ist 50 Meter hoch, 10 Meter breit und umschließt die USA komplett. Nichts und niemand kann herein oder heraus,‘ erhält er zur Antwort. Putin überlegt keine Sekunde: ‚Fülle die USA mit Wasser.‘ “

Er lacht sich kaputt.

Großartiger Witz, nicht? Ich werde eine große Mauer bauen – und niemand baut Mauern besser als ich, glaubt mir – und ich baue sie sehr kostengünstig. Ich werde eine große, große Mauer an unserer südlichen Grenze bauen, und ich werde Mexiko für diese Mauer bezahlen lassen. Denn wenn wir keine Grenzen haben, haben wir kein Land. Wir müssen eine Mauer bauen, die illegale Einwanderer aussperrt. Mexiko schickt uns nicht die besten. Es schickt Menschen, die viele Probleme haben. Sie bringen Drogen, sie bringen Kriminalität, sie sind Vergewaltiger. Und einige, nehme ich an, sind auch nette Menschen.

Der Dreijährige: Melania! Melania! MELANIA!!!

Der Gockel: Niemand hat mehr Respekt vor Frauen als ich, das ist allgemein bekannt. Aber manchmal kommt Blut aus ihnen raus, woher auch immer. Sie sind dann nicht mehr rational. Und wenn du ein Star bist, lassen Frauen alles mit sich machen. Du kannst alles machen. Ihnen an die Möse fassen. Alles. Aber jetzt hör endlich auf, nach Melania zu kreischen. Ich ziehe es vor, wenn Männer unter sich sind, es sei denn, ein breites Bett und viele enge Pussies mit Knackärschen sind im Zimmer.

Der Alte: Also ich finde Melanias Arsch in ihren String-Tangas immer noch sehr attraktiv!

Der Gockel: Du bist ja auch das unglückliche Auslaufmodell. Du bist siebzig, ich fühle mich dagegen wie dreißig. Wenn Melania mit dir zusammen ist, denkt sie wahrscheinlich nur an deinen hohen Cholesterinspiegel und tröstet sich mit dem Wissen, dass sie mit zehn Milliarden Dollar im Bett liegt.

Der Alte: Du bist ja heute noch frauenfeindlicher als sonst! Hast Du immer noch nicht verwunden, dass du gegen eine Frau antreten musstest und dass Clinton drei Millionen Stimmen mehr eingefahren hat als du?

Der Gockel: Das war Wahlbetrug! Wahlbetrug der übelsten Art. Die angeblichen drei Millionen Stimmen kamen von Toten und Illegalen. Ich habe Beweise!

Clintons E-mail-Affaire – das ist die größte Geschichte seit Watergate. Alle hat sie korrumpiert. Sie hätte während des Wahlkampfs in Florida in den Saal kommen und jemanden erschießen können, genau mitten ins Herz, und sie wäre nicht strafrechtlich verfolgt worden. Ich habe gefordert, dass sie ins Gefängnis muss. Das hätte sie zweifellos verdient. Aber ich habe ein viel besseres Naturell als sie. Ich habe ein gewinnendes Naturell. Ich weiß, wie man gewinnt. Ich habe eine viel bessere Urteilsfähigkeit als Clinton.

Der Dreijährige: Wer ist diese Clinton?

Der Alte: Eine hässliche Frau, ungefähr so alt wie ich. Mit der würde ich auch nichts mehr anfangen wollen.

Der Dreijährige: Kann sie nicht kommen?

Der Alte: Die? Wieso?

Der Dreijährige: Na ja, wenn Melania schon nicht kommt…

Der Gockel: Jetzt hör doch endlich auf, nach Frauen zu schreien!

Pause

Obamacare hast du ja schon kaputt gemacht, das war super. Hast Du jetzt vielleicht Lust, mit Klötzchen zu spielen?

Der Dreijährige: Au ja! Ich habe aber keine Klötzchen!

Der Gockel: Das haben wir gleich.

Er reißt den Intarsienfußboden auf und wirft die Holzstücke in Richtung des Dreijährigen, Es dauert seine Zeit, bis das halbe Parkett verschwunden ist. Der Alte muss immer mal wieder Möbel rücken, um die Weiterarbeit zu ermöglichen, der Dreijährige sieht fasziniert zu.

Der Gockel: Da hast du deine Klötzchen. Jetzt kannst du spielen und eine schöne Mauer bauen.

Der Dreijährige: Aber wenn ich eine Mauer baue, haben wir keinen Fußboden mehr.

Der Gockel: Die Mauer ist den Preis wert. Ich habe Hillary Clinton verhindert, und das ist gut so. Clinton wollte Amerikas Angela Merkel werden, und ihr wisst, was für eine Katastrophe diese massive Einwanderung für Deutschland und die Menschen Deutschlands ist. Die Kriminalität ist auf ein Niveau gestiegen, das niemand je zu sehen geglaubt hat. Merkel ruiniert Deutschland.

Der Alte: Haben wir jetzt nicht genug getan für die ersten Tage? Wie wäre es mit einem Drink, einer Linie, einem Dutzend Austern und netter Gesellschaft zur Verdauung?

Der Gockel: Bist Du verrückt? Als nächstes nehme ich mir diese sogenannten ökologischen Dekrete von Obama vor. Die Keystone-XL und die Dakota Access Pipeline werden genehmigt. Das schafft amerikanische Arbeitsplätze! Die globale Erwärmung wurde von den Chinesen für die Chinesen erfunden, um die US-Produktion wettbewerbsunfähig zu machen. Die Chinesen werden sich auch noch über mich wundern. Strafzölle sollen sie zahlen, bis sie bluten! Steigende Temperaturen – was für ein Quatsch! Es schneit und friert in New York. Wir brauchen globale Erwärmung! Und Melania soll unseren Müll trennen? Bio ist Abfall, was soll der Unsinn?

Der Dreijährige: Guckt mal!

Er hat keine Mauer gebaut, sondern die Holzstücke zu einem Turm aufeinander geschichtet.

Der Alte: Das hast Du aber schön gemacht!

Der Gockel: Das hast du Scheiße gemacht! Das hast du überhaupt nicht schön gemacht! Das hast du total verkackt! Was solltest du bauen?

Der Dreijährige: Eine Mauer.

Der Gockel: Und was hast du gebaut?

Der Dreijährige: Den Trump-Tower.

Der Gockel: Und was macht der Trump-Tower?

Der Dreijährige: Er wackelt.

Der Gockel und der Alte im Chor: DER TRUMP-TOWER WACKELT NICHT!!!

Pause

Der Gockel: Ich bin enttäuscht von dir. Es war nicht einfach für mich. Ich habe in Brooklyn angefangen. Mein Vater gab mir nur einen kleinen Kredit von einer Million Dollar. Du solltest immer daran denken.

Man kann uns nicht wegen unseres Aussehens angreifen. Wir sehen zu gut aus. Wir werden unseren zweiten Verfassungszusatz schützen. Ich lasse nicht zu, dass man uns unsere Waffen wegnimmt. Ich werde unser Militär so groß, so mächtig und so stark machen, dass sich niemand mit uns anlegt. Ich bin ein harter Präsident. Glaubt mir, Leute, ich bin so was von hart!

Der Alte: Du hast also das Viagra versteckt!

Der Dreijährige fängt an zu weinen.

Der Gockel: Ich glaube nicht, dass Du es kannst. Vielleicht konnte ich es auch noch nicht, als ich drei war. Aber ich konnte es ganz bestimmt mit vier. Die folgenden Regeln lernst Du auswendig und sagst sie mir an jedem Abend vor:

WENN DU MIT EINEM VERLIERER ZEIT VERBRINGST, BIST DU EIN VERLIERER.

LERNE IMMER VON DEN FEHLERN ANDERER, NICHT VON DEINEN EIGENEN – DAS IST DER VIEL BILLIGERE WEG.

WENN JEMAND DICH HERAUSFORDERT, SCHLAG ZURÜCK. SEI BRUTAL, SEI HART.

REGELN SIND DA, UM GEBROCHEN ZU WERDEN.

Der Alte: Das hast du aber schön gesagt.

Der Dreijährige: Ich werde es schön auswendig lernen. Zeigst Du mir, wie man eine Mauer baut, wenn ich es gut kann?