Soldaten

Es roch nach Reichtum: nach Sauberkeit, mit einem Hauch von Orangenblüte. Es sah aus wie Reichtum: die Kronleuchter, die fleckenlosen Glastischchen, die Flaschen in der Bar. Es fühlte sich an wie Reichtum: der Samt der Sessel, der seidige Teppich. Es hörte sich an wie Reichtum: das Kammerorchester im Nebenraum. Es schmeckte wie Reichtum: der Champagner, den der Gastgeber herumreichte.

Der Mann stand in der Mitte des Raumes. Er war schlank, in den Vierzigern, hatte volles schwarzes Haar und blaue Augen, trug keinen Bart, wiewohl der anscheinend starke Bartwuchs Wangen und Kinn dunkler erscheinen ließ als die übrige Gesichtshaut. Sein roter Smoking stand ihm hervorragend. 

„Ich grüße Euch!“ sagte er und hob seinen Kelch gegen jeden seiner vier Gäste. „Ihr habt es in mein Assessment-Center geschafft. Obwohl – Assessment-Center ist nicht der richtige Begriff. Ihr braucht Euch hier nicht zu bewerben. Ihr habt Euch nämlich schon bewiesen. Ob Ihr bleiben dürft oder gehen müsst, entscheide allein ich. Cheers!“

Man prostete einander zu, suchenden Blicks. Forschte nach bekannten Gesichtern. Trank dann.

Der Gastgeber schmunzelte. „Ich sehe, Ihr sucht Vertrautheit. Wer tut das nicht. Vor dem Fremden haben die Menschen Angst. Aber beunruhigt Euch nicht. Ihr seid einander sehr nah.“

Er wandte sich der einzigen anwesenden Frau zu. „Lynndie, Ladies first. So leid es mir tut – Du wirst mich wieder verlassen müssen. Und es tut mir wirklich leid, denn Du hast Fähigkeiten bewiesen, die den Ruf, in dem mein Haus steht, hätten mehren können. Aber der Ruf, den jemand hat, und sein tatsächliches Wesen sind nicht unbedingt deckungsgleich. Eure Motive spielen eine entscheidende Rolle für die Aufnahme oder die Ablehnung in meinem Haus. Deine Motive, liebe Lynndie, sind völlig falsch gewesen. Nicht völlig falsch per se, versteh mich bitte richtig, aber völlig ungeeignet, um hier bleiben zu können.“Leb wohl!“

Die kleine Frau, die er angesprochen hatte, hockte auf der Vorderkante ihres Sessels. Der Rücken war gekrümmt, sie lehnte sich nicht an. Die Beine hielt sie parallel, die Füße in groben Militärstiefeln standen auf dem Teppich. Der Kopf war gesenkt. Sie drehte ihn ein wenig, seitwärts, aufwärts, sah den Smokingträger fast an, nur fast, denn der Blick war auf die Smokingfliege fixiert, höher wagte er sich nicht, und fragte: „Warum?“

„Aber Lynndie, das kannst Du Dir doch selber beantworten! Wen wolltest Du beeindrucken? Wem wolltest Du gefallen?“

Die Augen wanderten von der Smokingfliege zurück auf den Teppich.

„Charles,“ flüsterte sie.

„Ja, Charles!“ bestätigte er. „Der brutale Charles, der Spaß daran hatte, Gefangene so lange zu foltern, bis der Arzt kommen musste – und der kam oft zu spät. Der auch manchmal ziemlich heftig wurde, wenn er es mit Dir trieb. Der Vater Deines Kindes. Den hast Du geliebt. Dem wollten Du imponieren und Dir gleichzeitig Respekt vor ihm verschaffen. Richtig?“

Lynndie nickte.

„Natürlich ist das richtig. Du wirst verstehen, dass jemand, dessen Motiv Liebe war, hier nichts zu suchen hat?“

Lynndie nickte wieder.

„Also darfst Du Dich verabschieden. Du gehörst nicht hierher, sondern nach West Virginia zu Deinen Eltern ins Mobilhome. Leb wohl!“

Nachdem die kleine Frau widerspruchslos verschwunden war, sagte der Gastgeber: „So! Jetzt sind wir unter uns. Unter Männern redet es sich doch immer leichter, besser über Frauen als mit Frauen. Und unser Geschäft hat ja häufig mit Frauen zu tun. – Aber zunächst lasst mich schauen, wer hier außer Lynndie nicht in unsere Runde passt.“

Er sah sich um, und sein Blick blieb an einem Mann hängen, der breit grinste.

„Du auch nicht!“ sagte er kalt.

Das Grinsen blieb.

„Warum nicht ich?“ fragte er. „Ich habe gelogen und betrogen und geprasst, ich habe behauptet, Tote zum Leben erwecken zu können, was eine Anmaßung war, und ich habe mich unrechtmäßig bereichert.“

„Hast Du nicht das eine oder andere vergessen?“ wollte der Gastgeber wissen. „Zum Beispiel, dass Du auch Gutes getan hast?“

„Na ja,“ gab der Grinsende zu. „Ich habe in einem Anfall von Schwachheit drei Viertel meines geringen Besitzes einem Bettler gegeben.“ Er holte tief Luft. „Aber danach habe ich nur noch schlimme Sachen gemacht.“

„Wer war denn dieser Bettler? Zufällig jemand, den ich kennen sollte?“ Der Mann im Smoking lächelte fein und schenkte sich Champagner nach. Über Bettler und deren Lügen wusste er bestens Bescheid. 

„Ich weiß nicht, ob Du den Bettler kennen solltest. Es war der heilige…“

Der Mann im Smoking ließ beinahe sein Glas fallen.

„…Petrus.“

„Der Dir wegen Deiner Mildtätigkeit auch wiederholt geholfen hat, Dich aus Deinen Sünden herauszuwinden, ich erinnere mich. Und da ist noch etwas: Hast Du nicht etwas vergessen, was Du Verwandten von mir angetan hast?“

„Das war ich ja nicht selbst. Ich habe allerdings dafür gesorgt, dass sie kräftig verprügelt wurden. Weil sie mich überfallen haben!“

„In meiner Familie geht es nun mal ab und zu ruppig zu. Und um des lieben Familienfriedens willen musst Du gehen: Meine Verwandten leben hier bei mir. Nicht auszudenken, dass Ihr jeden Tag eine Prügelei anzettelt. Bruder Lustig, Du darfst Deinen Champagner noch austrinken, aber dann versuch Dein Glück bei Petrus!“

Das Grinsen war dem Mann, der Bruder Lustig genannt wurde, nicht vergangen. Er leerte sein Glas mit einem Zug, stand auf und grüßte militärisch. „Zu Befehl!“ sagte er. „Ich geh dann halt zur Konkurrenz.“

„Sooo!“ sagte der Gastgeber gedehnt und sah sich um. „Ich denke, wir müssen jetzt nur noch einen der Anwesenden hinausbitten, bevor wir wirklich unter uns sind. Ich meine Dich, Mr. Universal Soldier!“

Der so Angesprochene war der einzige im Raum mit dunkler Hautfarbe. Er saß weder auf einem Sessel noch in einem Sofa, sondern in einem Rollstuhl. Seine Kleidung – Jeans und Kapuzenpullover – war sauber, aber sehr abgetragen. 

„Wie haben Sie … wie hast Du mich gerade genannt? So heiße ich nicht. Ich heiße Joe Smith. Joseph Peter Smith.“

„Mr. Universal Soldier, Du magst Joe Smith heißen oder einen anderen beliebigen Namen tragen, Du bist es doch. Du kannst groß sein oder klein, noch ein Teen oder schon ein Twen, Du kannst mit Keulen kämpfen oder mit der Maschinenpistole, Du kannst fromm sein oder Atheist: Du kämpfst. Man sagt Dir, wofür Du kämpfen musst, für ein Land und eine bestimmte Lebensweise. Also kämpfst Du. Du machst, was man Dir sagt. Du tötest, obwohl Du weißt, dass Du nicht töten sollst. Du denkst, dein Töten ist der einzige Weg, das Töten zu beenden. Aber ohne Dich gibt es kein Töten. Ohne Dich Kriegsknecht gibt es keinen Kriegsherren. Und wie so oft werden die Kriegsknechte beschissen. Der Krieg in Vietnam ist dem Kriegsknecht Joe Smith nicht gut bekommen.“

„Darauf kannste wetten!“ sagte Smith.

„Seit der Begegnung mit einem deutschen Professor vor langer Zeit bin ich mit dem Wetten vorsichtig geworden. Ja, ich weiß schon: ‚You bet‘. Ist nur eine amerikanische Phrase. 

Also, um Deine Lage zusammenzufassen: Du bist schwarz, hast vermutlich den Highschool-Abschluss nicht geschafft, kommst aus dem Ghetto. Hattest keine Chance, Dich der Wehrpflicht zu entziehen. Immerhin bist Du nicht gefallen und hast nicht Selbstmord begangen, sondern bist nur gelähmt. Also arbeitslos. Auch obdachlos? Heroinabhängig? Straffällig geworden? Dann fehlt ja nur noch PTSD. Hast Du auch? Meinen Glückwunsch.

Mein lieber Joe Smith, so viel Elend lässt sogar einen wie mich fast Mitleid empfinden. Nun ja, fast. Das bedeutet aber nicht, dass Du bleiben kannst. Siehst Du, ich habe Lynndie vor die Tür gesetzt, weil sie aus dem gehandelt hat, was sie unter Liebe versteht. Du bist in Deiner misslichen Situation, weil Du zu blöd warst, Dich zu widersetzen. Was meinst Du, wie es hier aussähe, wenn mein Heim alle Verlierer wie Dich aufnähme? Wahrscheinlich wie im Gazastreifen, oder schlimmer. Nein. Dies hier ist ein Ort für Gewinner, für Zielgerichtete, die wissen, was sie wollen. Und die wissen, dass man für dieses Ziel an einer ganz bestimmten Stelle „Nein“ sagen muss. Also bitte!“

Joe Smith in seinem Rollstuhl folgte der auffordernden Handbewegung und setzte die Räder in Bewegung. Die Tür schloss sich hinter ihm.

„Jetzt sind wir wirklich unter uns!“ Der Gastgeber setzte sich endlich. „Ich begrüße Dich, Jewgeni Wiktorowitsch. Möchtest Du noch einen Schluck von dem dekadenten verweichlichten Champagner, oder können wir zu Wodka und Kaviar übergehen, wie es sich für echte Männer gehört?“

„Wodka. Hundert Gramm!“

„Das höre ich gern. Deine Männer haben immer viel Wodka im Blut gehabt, wenn sie getan haben, was mir Freude macht.“

„Vergewaltigen und morden?“

„Eben das. Zum Beispiel junge, auch sehr junge Frauen in einem Kellergefängnis, die systematisch vergewaltigt werden, bis sie nie wieder Sex haben wollen und bestimmt keine Kinder von den falschen Männern. Stattdessen werden sie von Deinen Männern schwanger. Spaß macht auch, eine Frau zusehen zu lassen, wie ihr Sohn vergewaltigt wird. Oder eine Frau zu mehreren zu vergewaltigen – sie hat ja mehrere Körperöffnungen. Und wenn so eine Fotze nicht mehr durchhält, kein Problem: Gleich neben dem Haus, in dem die Kämpfer lagern, wird eine Grube ausgehoben, die Leichen wirft man hinein, und wenn die Grube voll ist, wird sie zugeschüttet und die nächste gegraben.“

„Schön, dass es Dir gefallen hat.“

„Sexuelle Demütigung anderer verschafft Befriedigung, da sind wir uns einig. Aber manchmal mach es Spaß auch ohne Sex, oder?“

„Klar! Kriegsgefangenen kann man manches abschneiden, Finger, Hände, Arme und Zehen, Füße und Beine. Am besten die Eier und den Schwanz. Der Kopf macht auch Spaß: Ich erinnere mich an eine Situation, in der meine Männer einem Verräter erst den Kopf mit einem Vorschlaghammer zertrümmert haben, bevor sie ihm mit einem Spaten den Hals abgehackt haben.“

„Und wie steht es mit Plünderungen?“

„Die kommen natürlich vor. Bei uns allerdings nur in großem Stil. Wenn es zum Beispiel um hunderttausende Tonnen ukrainische Getreides geht, die man auf eigene Rechnung verhökern kann, sind wir dabei. Aber nicht bei dem Kleinkram.“

„Kleinkram?“

„Kleinvieh, Kloschüsseln, Kühlschränke, Waschmaschinen, Küchengeräte, Hundehütten und Kleidung. Ist alles vorgekommen. Das geht aber auf das Konto der Männer von Wladimir Wladimirowitsch. Die Burjaten, die er im Osten zwangsrekrutiert hat, sind halt nichts Gutes gewohnt.“

„Anders als Deine Männer, oder?“

„Das ist so eine Sache. Seit Wladimir Wladimirowitsch beschlossen hat, dass es keine Ukraine geben darf, hat sich bei meinen Männern viel geändert. Ich brauchte mehr Leute, deshalb habe ich meine Anforderungen gesenkt. Und weil es leicht ist, in einem Krieg zu sterben, musste ich den Sold verdoppeln.

Glücklicherweise gibt es im großen russischen Reich viele Strafkolonien. Das Leben dort ist nicht gerade angenehm. Viele Häftlinge haben angebissen, als ich ihnen eine Amnestie versprochen habe – gegen sechs Monate an der Front. Wer desertiert, wird erschossen. Sie hatten fünf Minuten Zeit, sich zu entscheiden. Aber vom Krieg hatten die natürlich keine Ahnung.

Wladimir Wladimirowitsch war knapp an Soldaten, und so übernahmen meine Leute den einen oder anderen Frontabschnitt. Einer war Bachmut. Die Schlacht um Bachmut war eine der längsten der Weltgeschichte und die verlustreichste seit dem Zweiten Weltkrieg. Hinterher sah es aus wie damals in Verdun: Kein Haus stand noch und kein Baum. Meine rekrutierten Sträflinge mussten die Sache ausbaden: Sie wurden als Kanonenfutter vorgeschickt, damit die Ukrainer sie beschießen konnten. Damit haben die Faschisten ihre Positionen verraten, die schwere russische Artillerie konnte loslegen, und Profis rückten vor. Tos-1-Mehrfachraketenwerfer und die eine oder andere Phosphorbombe haben da Wunder gewirkt.“

„Und das haben die Knackis so einfach mit sich machen lassen?“

„So einfach nun auch wieder nicht. Ein bisschen Dope hat geholfen. Wenn Du euphorisierende Amphetamine im Blut hast, gehst Du auf den nächsten Schützengraben zu, als wäre er das Paradies. Oh, Entschuldigung!“

„Dann musst Du bald keine Leute mehr gehabt haben!“

„Es gibt ja noch andere Länder als Russland. Wir haben Söldner aus der Türkei, Serbien, Tschechien, Polen, Ungarn, Deutschland, Kanada, Moldau und Lateinamerika rekrutiert. Und in der Zentralafrikanischen Republik haben wir gefangene Rebellen befreit. Die saßen wegen Mord und Vergewaltigung in Untersuchungshaft. Das waren genau die richtigen Leute für uns.“

„Und wer hat das alles bezahlt?“

„Da gibt es zwei Lesarten: Wir haben das bezahlt. Meine Gruppe. Mit unseren Einsätzen in Afrika, konkret in Libyen, Mali, Mosambik, Sudan, der Zentralafrikanischen Republik, Äquatorialguinea, Simbabwe, der Demokratischen Republik Kongo, Kamerun, Madagaskar, Guinea, Guinea-Bissao, Angola, Ägypten, Eritrea und Madagaskar haben wir Wladimir Wladimirowitsch so viele Rohstoffe und so viel hegemoniale Einflussnahme verschafft, dass er uns kniefällig danken müsste. Stattdessen hat er mein Flugzeug abstürzen lassen. Wo ist er überhaupt?“

„Er ist in Moskau. Ich brauche ihn noch da oben. Und die zweite Lesart?“

„Wladimir Wladimirowitsch erklärt öffentlich, dass er meine Gruppe aus dem Staatshaushalt finanziert. Das ist ja auch nicht ganz falsch, wenn man bedenkt, dass wir zu nicht unerheblichen Teilen seinen Staatshaushalt füttern.“

„Jewgeni Wiktorowitsch, ich bin zufrieden mit Dir. Ich heiße Dich willkommen. Du hast drei Wünsche offen!“

„Der Fürst der Hölle ist generös? Damit habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Aber es ist mir recht. Ich brauche auch nicht lange zu überlegen.

Erstens: Wenn Du in einer Deiner einfacheren Höllen eine Stadt hast mit vielen Kneipen, in denen man sich besaufen und am Glücksspiel berauschen kann, in der es Huren gibt, die zu allem bereit sind, und ehrbare schöne Frauen, die zu nichts bereit sind, in der tapfere Soldaten anstellen dürfen, was sie wollen, und dafür nicht bestraft werden, sondern belohnt – das wünsche ich mir für die Männer, die mit mir auf Moskau marschiert sind.

Zweitens: Wenn Du Wladimir Wladimirowitsch nicht mehr in Moskau brauchst, wirst Du ihn vermutlich zu Dir einladen. Ich möchte ihm auf keinen Fall begegnen. 

Drittens: Ich habe nie kochen gelernt, obwohl ich als Putins Koch gelte. Ich möchte das gerne lernen und genießen, was ich gekocht habe. Und wenn ich das kann und finde, dass ich  genug genossen habe, möchte ich mich von Dir verabschieden und sterben dürfen.“

Der Gastgeber zog eine Grimasse, trank einen großen Schluck Wodka aus seinem Glas und sagte, weil ihm nichts anderes übrig blieb: „Gewährt.“

Dezember 2023