Klimakanzlerin

Bärdel war mit Kulle auf seinem Morgenspaziergang rund um Bärenleben an diesem Tag allein, und das war ihm recht, denn er hatte etwas auf dem Herzen.

Kulle (er liebt immer noch die Photos seiner alten Inkarnation) neben Bärdel (der aussieht wie immer)

„Kulle“, sagte er, „ich verstehe da etwas nicht.“

Kulle verkniff sich die Bemerkung, dass dergleichen häufiger der Fall war, und antwortete ermutigend: „Schieß los!“

„Sie war schon jahrelang nicht mehr hier! Ist es nicht allmählich höchste Zeit?“

„Sie wird auch nicht mehr kommen!“ beschied Kulle seinen Freund.

„Aber gerade jetzt braucht sie unseren Rat!“

„Den braucht sie nicht. Sie ist Naturwissenschaftlerin. Sie kann lesen. Sie kann denken. Und sie hat Berater.“

„Wenn das stimmte, was Du sagst, dann hätte sie nie zusammen mit ihren Ministern vor zwei Wochen dieses klägliche sogenannte Klimapaket verabschiedet!  Zehn Euro Klimaabgabe pro Tonne Kohlendioxid – lächerlich ist das! Alle anderen Maßnahmen sind ebenso lächerlich! Die nützen doch nichts!“

„Genau so ist es.“ Kulle war ganz ruhig, während Bärdel sich immer mehr erregte.

„Aber warum macht sie das?“ Bärdel blieb abrupt stehen. „Du meinst, sie weiß es? Sie weiß, dass diese Trippelschritte nichts nützen, und verkündet sie trotzdem als ultima ratio?“

„Sie macht das, weil es die ultima ratio ist.“ Kulle ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Soll ich es Dir erklären?“

Bärdel wartet!

„Ich bitte darum!“ Bärdel wusste nicht, ob er lachen, weinen oder schreien sollte. Er beschloss, die Erklärung seines Freundes zunächst abzuwarten.

„Wie Du weißt, bin ich kein Naturwissenschaftler, aber auch ich kann lesen. Der Prozess der Erderwärmung, der durch die von Menschen freigesetzten Treibhausgase begonnen hat, ist in den nächsten Jahrhunderten nicht umkehrbar, jedenfalls nicht ohne Terraforming-Maßnahmen, die in den Bereich von Science Fiction gehören. Die Eisschilde werden weiter schmelzen, der Permafrostboden wird tauen, der Meeresspiegel wird ansteigen, die Wetterextreme…. Aber das muss ich Dir ja nicht erzählen. Das alles wird geschehen, auch wenn die Menschheit ihre klimaschädlichen Emissionen von heute auf morgen auf Null reduzierte, was mit harschen Einschränkungen verbunden wäre. Glaubst Du, die Menschen wären bereit, das hinzunehmen, wenn sie merken, dass aller Verzicht nichts nützt?

Kulle erklärt!

Die Zahl der Menschen wächst immer noch, und die meisten Menschen auf dieser Welt wissen noch nicht einmal, was Klima ist. Sie kennen nur Wetter. Die meisten Menschen sind arm und wollen ihrer Armut entkommen. Sie wollen konsumieren. Das heißt Wirtschaftswachstum, das heißt mehr Emissionen.

Es gibt Staatenlenker wie Trump oder Bolsonaro, die die Klimakatastrophe leugnen, weil sie allein am Prosperieren der Wirtschaft ihres Landes interessiert sind. Die sind noch nicht einmal bereit, lächerliche zehn Euro oder Dollar Klimaabgabe auf Treibhausgase auch nur zu denken. 

Die dehländische Bevölkerung macht gegenwärtig etwa ein Prozent der Weltbevölkerung aus, Tendenz sinkend. Sie produziert zwei Prozent der Treibhausgase. Glaubst Du, die Kanzlerin weiß nicht, wie wenig Dehland zur Klimarettung beitragen kann?“

Bärdel war von Kulles Vortrag so gebannt, dass er zu spät reagierte, als ihm die Eisbärenzwillinge vor die Füße gelaufen waren. Er stolperte über Na und setzte sich auf seinen Bärenhintern.

Nuk und Na spielen.

„Na, kleine Na“, mahnte er. „Kannst Du nicht aufpassen?“

„Klar kann ich aufpassen, Onkel Kulle“, verteidigte sich die junge Eisbärin. „Du hast nicht aufgepasst! Hier ist nämlich die Grenze! Wir spielen Handelskrieg, und Du musst Zoll bezahlen!“

„Du hast nicht mitbekommen, dass wir schon lange beim nächsten Spiel sind, dumme Na!“ schalt Nuk ihre Schwester. „Wir spielen nämlich Brexit. Aber Zoll bezahlen musst Du trotzdem, Onkel Bärdel!“

Kulle streifte rasch ein paar Blätter vom nächsten Haselbusch und zahlte damit ihren ‚Zoll‘. Die Kinder trollten sich.

„Das kommt noch erschwerend hinzu“, meinte er danach zu Bärdel. „Die Menschen finden immer überflüssige Themen, die sie beschäftigen, anstatt sich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Was sind Brexit oder Handelskriege im Verhältnis zur Existenzfrage?“

„Wenn Du recht hast, dass die Kanzlerin das alles weiß: Warum sagt sie es dann nicht?“ fragte Bärdel.

„Weil sie weiß, was Menschen tun, wenn sie ihre Lage als aussichtslos begreifen. Weil sie das, was Menschen zivilisierte Verhältnisse nennen, aufrechterhalten will, solange es möglich ist. Dazu muss alles weiterlaufen wie bisher, vielleicht ein wenig modifiziert, aber nur ein wenig, sonst wird die Unruhe zu groß.“

„Glaubst Du, dass diese Strategie Erfolg hat?“

Kulle zuckte die Schultern. „Ich habe meine Zweifel.“

Oktober 2019  

Albtraum

Es war hinter ihr. Sie spürte seinen heißen Körper, sein Feueratem wollte ihr die Nackenhaut verbrennen. Sie hätte ihn fauchen hören sollen, aber es herrschte völlige Stille. Sie versuchte verzweifelt fortzulaufen. Ihre Beine bewegten sich rasend schnell. Aber sie kam nicht vom Fleck. Außer den Beinen und den Füßen, die immer an derselben Stelle auf den Boden trommelten, konnte sie nichts bewegen. Auch nicht den Kopf. Den hätte sie zu gerne gedreht, um erkennen zu können, was sie verfolgte. Gleichzeitig hatte sie genau vor dieser Erkenntnis Angst. Sie wollte um Hilfe rufen, aber aus ihrer Kehle kam kein Laut. Sie konnte sehen, aber nur nach vorne und sie sah nichts. Vor ihr war alles pechschwarz. „Albtraum“ weiterlesen

Die Kanzlerin

Ramses

Die Kanzlerin

„Entschuldige bitte, Joachim! Ja, natürlich möchte ich lieber zusammen mit Dir in den Alpen wandern, wie jeden Sommer. Und ich habe nun mal nur knapp drei Wochen Urlaub vom Regieren, das ist wenig genug. Du als Prof mit Deinen opulenten Semesterferien – davon kann unsereins nur träumen. Die paar Tage muss ich jetzt für meine Zukunft nutzen. Kannst Du vielleicht mit Deinem Sohn wandern gehen?“ „Die Kanzlerin“ weiterlesen

Der schon wieder

Der Kanzler war jetzt nicht mehr, wie schon lange, nur verzweifelt, er war superverzweifelt, ultraverzweifelt, hyperverzweifelt. Deshalb hatte er im Deutschen Bundestag die Vertrauensfrage gestellt und war wunschgemäß gescheitert. Nun war es am Bundespräsidenten, die Neuwahlen zu erlauben, die der Kanzler damit bezweckte. Aber was bezweckte er mit dem Zweck? Konnte er mit diesem Zweck-Mittel das Ziel erreichen, wiedergewählt zu werden, ja, wollte er überhaupt wieder gewählt werden, da er doch klar gemacht hatte, dass er jetzt weder weiter regieren konnte noch wollte? Schlaflos wälzte er ich nachts auf zerwühlten Bettlaken herum, bis er zumindest einen Entschluss fasste. Am nächsten Morgen suchte er seinen alten zerschlissenen Rucksack, der alle Umzüge überstanden hatte, aus einer Kellerecke hervor. „Der schon wieder“ weiterlesen

Kultes Kanzler-Interview

Kulles Kanzler-Interview

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Kulle
Kulle:
Guten Morgen, Herr Kanzler. Haben Sie gut geschlafen?
Kanzler:
Danke, ausgezeichnet.
Kulle:
Das wundert mich. Denn die Gewinneinkommen sind in den vergangenen sechs Jahren um netto 44 Prozent gestiegen, und die Einkommen aus abhängiger Beschäftigung netto um 3 Prozent. Der hohen Staatsverschuldung auf der einen Seite steht eine ungeheure Anhäufung der privaten Geldvermögen gegenüber. 30 Prozent des Geldvermögens waren 1996 auf drei Prozent der privaten Haushalte konzentriert. Und das läßt einen sozialdemokratischen Kanzler ruhig schlafen? „Kultes Kanzler-Interview“ weiterlesen

…. und sein Nachfolger

Kulles Vorlesung
Bestimmt erinnert ihr euch daran, daß es einem Menschen auf der Welt gibt, der nicht nur weiß, wo das Beerental genau liegt, sondern der auch erlebt hat, wie es dort zugeht. Richtig – der Kanzler. Er hatte sich nach seinem bärigen Abenteuer nur noch gesund ernährt – abgesehen von dem einen oder anderen Glas Champagner, aber das ist ja, wie man in vielen anderen Märchen lesen kann, letztlich auch Medizin -, war viel Fahrrad gefahren und so sehr alt geworden. Aber eines Tages stand Freund Hein auch auf seiner Türschwelle, und der Kanzler ließ sich friedlich davonführen. „…. und sein Nachfolger“ weiterlesen

Der Kanzler

baum

Es war einmal ein Kanzler, der war der mächtigste Mann in seinem Land. Und weil er so mächtig war, hatte er Angst vor allen Menschen. Deshalb versuchte er, sich vor ihnen zu schützen: Wenn er unterwegs war, benutzte er immer ein großes gepanzertes Auto mit kugelsicheren Scheiben, er ließ sich von Killern bewachen – die nannte man vornehm „Bodyguards“ -, und überdies begleitete ihn stets eine Polizeieskorte. „Der Kanzler“ weiterlesen