Alternative Fakten

Ramses der Frosch lehnte gemütlich am warmen Dorfbackofen von Bärenleben, und Piggy das Schwein saß ihm gegenüber. Sie waren eifrig in eine Diskussion über die Vor- und Nachteile von Schwimmhäuten und Hufen vertieft und wurden dabei fast von Nanuk überrannt, den Eisbärenzwillingen.

Ramses

 

Piggy

„Oh, Entschuldigung, Tante Piggy, Onkel Ramses! Wr konnten weder Onkel Kulle noch Tante Atti finden. Dürfen wir Euch deshalb etwas fragen?“

Wie so oft sprachen die Zwillinge im Chor.

Na und Nuk

Piggy verzichtete ebenso wie Ramses darauf, die logische Konnotation des ‚deshalb‘ genauer zu untersuchen, und sagte nur: „Klar.“

„Wir möchten Euch Fotos zeigen,“ erklärte Na. „Ihr braucht uns nur zu sagen, was Ihr darauf seht.“

Nuk präsentierte ihnen zwei Aufnahmen, auf denen derselbe große Platz zu sehen war. Immer waren Menschen darauf versammelt, aber auf dem rechten Foto war der Platz fast voll, auf dem linken nur zu einem Drittel gefüllt.

„Auf welchem Foto sind mehr Menschen zu sehen?“ wollte Nuk wissen.

Ramses beugte sich vor, obwohl er dadurch auf die Ofenwärme verzichten musste, ließ sich aber nach einem schnellen Blick wieder zurückfallen.

„Was für einen dumme Frage!“ grummelte er. „Auf dem rechten natürlich!“

„Falsch!“ sagten Nanuk, wieder wie aus einem Munde.

„Wollt Ihr mich ver…, äh, wollt Ihr mich auf den Arm nehmen? Das sieht doch sogar jedes Säugetierauge, auf welchem Platz sich mehr Menschen aufhalten!“

„Entschuldigung, Onkel Ramses, aber Du hast Unrecht. Heute akzeptiert man alternative Fakten, und das tust Du nicht. Auf dem linken Foto sind mehr Menschen! Kannst Du das Gegenteil beweisen?“

„Klar,“ antwortete Ramses siegessicher. Wir fragen Piggy, wer Recht hat.“

„Und wenn Piggy sagt, dass Du Recht hast, steht es zwei zu zwei. Das beweist also gar nichts!“

Aber…“ stammelte Ramses.

„Genau darum geht es, Onkel Ramses! Wenn denkende Wesen sich weigern, intersubjektiv überprüfbare Fakten als Fakten anzuerkennen, und stattdessen darauf beharren, dass eine falsche, eine sogenannte ‚alternative‘ Sicht der Dinge nicht nur möglich, sondern auch richtig ist, ‚auch‘ richtig, versteht sich, dann ist alles falsch, was wir von Tante Atti und und Onkel Kulle gelernt haben. Deshalb suchen wir sie. Helft Ihr uns dabei?“

„Ganz gewiss!“ quiekte Piggy.

„Aber sicher!“ quakte Ramses.

„Ganz gewiss! Aber sicher!“

Ramses hüpfte zur Dorfbibliothek, denn er hoffte, Kulle dort zu finden. Er selbst hielt sich in letzter Zeit dort häufiger auf, hatte er doch ein Buch entdeckt, das ihm großes Vergnügen bereitete (Bernd Hüppauf, Vom Frosch. Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie. Bielefeld 2011). Aber während er sich auf den einen Titel beschränkte, wühlte Kulle sich durch alle möglichen Bände.

Kulle liest

„Schwieriges Thema,“ brummte Kulle, nachdem Ramses ihm das Problem, das Nanuk bewegte, dargelegt hatte. „Habe ich schon lange auf der Agenda, wusste aber nicht so recht, wie ich es anfassen sollte. Weiß ich immer noch nicht. Auf jeden Fall aber brauche ich die Hilfe von Manfred.“

Wie immer verbreitete sich in Bärenleben ein Gerücht mit Windeseile. Als es dunkel wurde, meinten alle zu wissen: Heute würde es einen spannenden Höhlenabend geben. Ganz besonders aufgeregt waren natürlich Na und Nuk.

Nach der Begrüßung forderte Bärdel alle Versammelten auf, ihre Smartphones zu holen, was zu unruhigem Gemurmel führte. Technische Geräte waren bei den täglichen Treffen am Abend nämlich verpönt.

„Das ist schon in Ordnung!“ beruhigte Bärdel. „Wir werden heute ein kleines Experiment machen.“

Als die Bärenlebener wieder vollzählig waren, wurden sie aufgefordert, ihre Social-Media-Accounts zu aktivieren. Alle taten brav, was sie tun sollten, bis auf den sehr alten Bären. Der hatte kein Handy in der Tatze und schaute drein, als wüsste er nicht, was um ihn herum passierte. Die alte Bärin neben ihm knuffte ihn in die Seite: „He, bist Du etwa nicht bei Facebook?“

„Ich bin immer bei mir selbst,“ brummte der Alte zurück. „Was für ein Buch soll das denn sein?“

Seine Nachbarin gab den hoffnungslosen Fall auf und konzentrierte sich auf ihren Account.

Sie sah ein Video, in dem Menschen sehr verschiedene Alters in einem Mehrgenerationenhaus harmonisch zusammenlebten.

Auch alle anderen Bären bekamen Videos vorgespielt, aber jeder sah ein anderes.

  • Menschen lebten in Patchworkfamilien harmonisch zusammen.
  • Lesbische Paare und promiske Schwule lebten harmonisch zusammen.
  • Kinderlose Akademiker waren glücklich und lebten harmonisch zusammen.
  • Ein weißes Ehepaar mit vielen Kindern bildete eine glückliche große Familie.
  • Zwei Partner mit sehr unterschiedlichem Migrationshintergrund lebten harmonisch zusammen.
  • Partner adoptierten Kinder und waren glücklich.
  • Paare heirateten kirchlich.
  • Paare heirateten standesamtlich.
  • Paare heirateten gar nicht.

Aber am Ende aller Videos tauchte derselbe Schriftzug auf: ‚Leben, wie wir wollen. Unsere SPD‘.

„Gute Werbung!“

„Genau so wünsche ich mir das!“

„Ach, das wäre schön!“

Aber in das anerkennende Gemurmel mischte sich die Greisenstimme des sehr alten Bären, der laut kritisierte, dass er kein Video zu sehen bekommen hatte, in dem der Familienvater uneingeschränkt über Frau und Kinder herrschte. Er hatte seiner Nachbarin über die Schulter geschaut.

„Lauter zufriedene Bären und nur ein unzufriedener – wie ist das zu erklären?“ Manfred hatte sich zu Wort gemeldet.

Manfred

„Kann die SPD Gedanken lesen?“

„Die kennen uns vielleicht!“

„Quatsch, uns – wir sind doch ganz verschieden!“

„Kann es sein, dass die jeden einzelnen von uns kennen?“

„Das glaube ich nicht.“

„Das ist unmöglich.“

„Nein, das ist nicht unmöglich,“ mischte sich Manfred in die Diskussion ein. „Nur einer von Euch ist unzufrieden, und der ist nicht bei Facebook – dämmert es?“

„Aber Facebook kennt mich doch nicht…“

„Facebook kennt aber Deine Vorlieben. Es hat sich gemerkt, dass Du dauernd Fotos von süßen kleinen Kindern postest. Oder dass Du erotische Fotos von Dir postest. Es weiß, welche Parfums du magst und wie Du Dich kleidest. Es merkt sich Deine Likes. Es merkt sich alles, was mit Dir zu tun hat, und erstellt so ein Persönlichkeitsprofil. Ein solches Profil kann benutzt werden, um Dich zu beeinflussen, indem eine politische Partei im Wahlkampf zum Beispiel so tut, als verfolge sie genau die Ziele, die Du gut findest.“

„Ich kündige meinen Facebook-Account!“

„Na und? Facebook vergisst nichts.“

„Ich bin aber doch nicht bei Facebook, sondern bei WhatsApp!“

„Ha, ha, ha – WhatsApp gehört Mark Zuckerberg!“

„Ohhh…“

„Die sogenannten sozialen Medien haben im letzten Präsidentenwahlkampf in den USA eine große Rolle gespielt,“ meldete Kulle sich zu Wort. „Die Firma Cambridge Analytica, in deren Vorstand Steve Bannon war, hat die US-Bevölkerung in 32 Persönlichkeitstypen unterteilt und dementsprechend differenzierte Botschaften geschickt, vor allem via Facebook. Dabei ging es nicht nur darum, Trump-Wähler zu gewinnen, sondern auch darum, Clinton-Wähler von der Teilnahme an der Wahl abzuhalten.“

„Das habe ich verstanden, Onkel Kulle.“ Wie so oft wagte sich Na vor. „Das ist Manipulation: Man sagt jedem, was er hören will. Aber das erklärt noch nicht, warum Menschen sich weigern, das Offensichtliche zur Kenntnis zu nehmen. Wenn auf einem Platz einmal mehr und einmal weniger Menschen versammelt sind und wenn es von diesen Versammlungen Fotos gibt, dann sollte doch klar sein, was wahr ist!“

„Ja, das sollte es!“ seufzte Kulle. „Aber hier kommen wir zum Widerspruch von Erkenntnis und Interesse. Die Menschen – auch die Intellektuellen, ja, leider auch die intellektuellen Bären, suchen die Informationen, die in ihr Weltbild passen, und ignorieren die unpassenden. Ich weiß, warum ich die Schriften von Karl Marx studiere und die Werke von Oswald Spengler mit Verachtung strafe. Ich bitte, mir weitere Beispiele zu ersparen.

Wenn dieser Mechanismus schon in den Studien greift, so um so mehr in der Politik, handelt es sich hier doch um reinstes Interesse. Es geht nicht darum, was richtig ist, sondern was mir subjektiv – und manchmal auch objektiv – nützt.“

„Genau so macht das Nuk auch, wenn sie unbedingt Recht behalten will,“ sagte Na anklagend.

„Das ist gar nicht wahr, Du Lügnerin,“ fauchte Nuk. „Nur weil Du neidisch bist, dass ich…“

Athabasca fasste die kleine Eisbärin energisch am Nackenfell und verpasste ihr einen kräftigen Klaps. „Ruhe jetzt!“ forderte sie. „Eure kindischen Streitereien könnte ihr in Eurem Eiskasten austragen, aber nicht hier!“

Athabaska

Die älteren Bären lächelten. Sie waren derselben Meinung wie ihre amerikanische Schwester: Einen Klaps in Ehren kann niemand verwehren.

Na und Nuk machten sich ganz klein, steckten die Köpfe zwischen die Pfoten und schlossen die Augen. Wenn sie nichts sahen, waren sie für andere unsichtbar; davon waren sie fest überzeugt.

„Kommen wir zurück zu Trump,“ fuhr Kulle fort. Wer sind seine Adressaten, was sagt er ihnen, und wie sagt er es? Er sagt ‚wir‘, wenn er sich an seine wichtigste Klientel wendet: Das sind weiße, aus der Produktion gefallene Industriearbeiter in ehemals prosperierenden Regionen, aus dem Rostgürtel, aus den Appalachen, aus allen Fly-Over-States, die an den amerikanischen Traum geglaubt haben, an den Wert von Arbeit, an Familie und Gott. Die aufgrund des rasanten technologischen Wandels Arbeit und Brot verloren haben und wegen des gesellschaftlichen Wertewandels die moralische Orientierung zu verlieren drohen. Die einfach Angst haben. Hier präsentiert sich Trump als Erlöser, wenn er verspricht, Amerika wieder groß zu machen. Er sagt es nicht deutlich, aber alle verstehen ihn: Er will das weiße Amerika wieder groß machen. Zu den wichtigsten Vokabeln in seiner Inaugurationsrede gehörten: Volk, Fabriken, Arbeitsplätze, Reichtum, Grenzen; geschützt, groß, zusammen, zuerst. Seine Sätze sind kurz, die Botschaften sind simpel. Und sie kommen an.

Das liegt daran, dass Trump seine Zielgruppe richtig anspricht. Er sagt nicht: ‚Eure Qualifikation ist heute nicht mehr gefragt, Ihr müsst umschulen.‘, sondern: ‚Die Globalisierung ist an Eurer Situation schuld. Und die Mexikaner. Deshalb schaffen wir den freien Handel ab. Deshalb bauen wir eine Mauer.‘ Er wiederholt das immer wieder, die Medien verbreiten die Wiederholungen, und je öfter das geschieht, desto tiefer wird die Botschaft in den Gehirnen verankert. Die Menschen glauben, was sie hören, weil sie es hören wollen.“

„Junger Bär,“ grantelte der sehr alte Bär und meinte damit Kulle, „ junger Bär, ich habe Dir geduldig zugehört, weil ich von Natur aus geduldig bin, aber ich muss Dir sagen, dass Du heute ziemlich viel Unsinn erzählt hast. Dieser Trump widerspricht sich doch dauernd und macht einen Fehler nach dem anderen. Dem kann man unmöglich glauben!“

„Großvater, ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich muss Dir widersprechen. Einer der größten Schnitzer, den Trump sich erlaubt hat, war die Sache mit den Fotos von seiner Inauguration, die zeigen, dass sehr viel weniger Menschen vor dem Kapitol versammelt waren als bei der Amtseinführung Obamas. Trump behauptete trotzdem das Gegenteil. Sein Sprecher hat versucht, die Präsidentenaussage zu rechtfertigen, hat aber recht schnell aufgegeben. Trump selbst hat die Lüge nicht mehr wiederholt.

Der dehländische Kanzler Adenauer, den Du bestimmt noch persönlich gekannt hast, hat einmal gesagt: ‚Was schert mich mein Geschwätz von gestern.‘ Er hat ausgenutzt, was die Wissenschaft die ‚kognitive Dissonanz‘ nennt. Und er hatte damit recht.

Denn unlogische, widersprüchliche Aussagen schieben die Menschen weg, wenn sie ihnen nicht passen. Sie können sich nicht mehr daran erinnern, oder sie schwächen sie ab, weil sie angeblich nicht so gemeint gewesen seien. Seine Anhänger glauben Trump, glaub mir das!“

Der sehr alte Bär schüttelte seinen Kopf so energisch, dass das schüttere Fell flog. „Was für ein Unsinn!“ zeterte er. „So einen Quatsch kann kein vernünftiger Bär glauben. Das widerspricht dem gesunden Bärenverstand!“

Niemand entgegnete etwas, denn sie respektierten das Alter. Insgeheim aber schmunzelten sie alle. Kulle sagte so leise, dass nur er es hören konnte: „Quod erat demonstrandum.“

Februar 2017