Ukrainekrieg

Ukrainekrieg

„Onkel Bärdel, Onkel Bärdel, entschuldige bitte! Wir wollten Dich nicht stören, Du bist doch immer so beschäftigt. Eigentlich haben wir eine Frage an Onkel Kulle, aber der ist so merkwürdig und hat uns gar nicht beachtet…“

Dass Kulle die Eisbärenzwillinge nicht beachtete, war in der Tat merkwürdig. Schließlich waren die beiden seine Lieblinge, er hatte sie zusammen mit Athabasca  erzogen und war stolz auf sie. Bärdel konnte sich nicht erinnern, dass Kulle sie auch nur einmal ignoriert hatte.

„Was ist denn so Ungewöhnliches an Kulle?“ wollte er wissen.

„Er ist durch die große Dorfhöhle gerannt und hat in allen Ecke nach seiner roten Fahne gesucht. Um die hat er sich schon lange nicht mehr gekümmert, aber jetzt wollte er sie unbedingt haben. Schließlich hat er sie in irgend einem dunklen Spalt gefunden. Sie war voller Spinnweben und Löcher, und die Farbe war auch völlig ausgeblichen.

Erst hat er versucht, sie sauber zu machen und zu reparieren. Aber dann hat der alle seine Krallen ausgefahren und sie so energisch zerfetzt, dass nur noch winzige Stoffstücke übrig sind.“

„Das ist alles richtig, was Na sagt, aber da fehlt noch einiges“, warf Nuk ein. „Onkel Kulle hat die ganze Zeit lang Selbstgespräche geführt. Wir haben davon nicht viel verstanden, jedenfalls nicht alles. Es ging um selbst verschuldete Aufklärung und um Krieg und ewigen Frieden. Um einen Levi-Nathan – oder so ähnlich. Um die Vereinten Nationen. Um Mittel, die den Zweck heiligen. Oder vielleicht auch andersrum. Und um Dummheit. Immer wieder um Dummheit.“

„Onkel Bärdel, wir machen uns Sorgen um Onkel Kulle!“ sagten beide im Chor.

Bärdel seufzte. „Das kann ich gut verstehen“, meinte er. „Ich verstehe, glaube ich, auch, warum Kulle so komisch ist. Er macht sich nämlich auch Sorgen.“

Nanuk machten große Augen. „Worüber denn, Onkel Bärdel?“

„Dass in der Ukraine seit mehr als drei Monaten Krieg ist, das habt Ihr schon mitbekommen, oder?“

„Klar, Onkel Bärdel!“ Na war wie so oft schneller mit der Antwort als ihre Schwester. „Russland hat die Ukraine angegriffen, weil das Land von Faschisten regiert wird, und eigentlich sollte das Land zu Russland gehören. Jedenfalls sagt das Putin.“

„Wir wissen, dass Krieg etwas Schreckliches ist.“ Nuk machte ihre Position klar. „Kriege sollten verboten werden. Werden sie aber nicht. Es gibt doch immer und in vielen Ländern Krieg. Was ist so schlimm an diesem Ukraine-Krieg, dass Onkel Kulle sich Sorgen macht?“

„Es ist nicht richtig, dass Kriege nicht verboten sind. Fast alle Staaten dieser Welt sind Mitglied der Vereinten Nationen, und zu deren Grundsätzen gehört ein allgemeines Gewaltverbot. Das verbietet den Mitgliedsstaaten in ihren internationalen Beziehungen jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete Androhung oder Anwendung von Gewalt.“ Bärdel war froh, dass er nicht bei allen politischen Vorträgen, die Kulle hielt, geschlafen hatte.

„Wenn das so ist, Onkel Bärdel, dann dürfte es doch keine Kriege geben. Es gibt sie aber, wie Nuk richtig sagt!“ Na war sehr empört.

„Nicht jeder hält sich immer und überall an Regeln. Das tun nur die Guten.“

„Und wer sind die Guten, Onkel Bärdel?“

„Demokratisch regierte Staaten ganz bestimmt. Wie Dehland. Oder unser Nachbar Frankreich. Oder die USA.“

Na und Nuk tauschten einen kurzen Blick. Athabasca hatte ihnen immer wieder eingeprägt, dass Bären höflich zu bleiben hatten, auch bei Meinungsverschiedenheiten oder in einem Streit um Fakten. Das galt insbesondere für jüngere gegenüber älteren.

Sie hätten sich natürlich bei Bärdel bedanken und ihrer Wege gehen können. Aber auch Ehrlichkeit gehörte zu Attis Erziehungsprinzipien.

Nuk trat ihrer jüngeren Schwester auf eine Vorderpfote, um ihr klarzumachen, dass sie besser ihr für eine Weile das Wort überließ. Sie kannte Nas überschäumendes Temperament nur zu gut.

„In Bezug auf Dehland hast Du wohl recht, Onkel Bärdel. Die dehländische Rüstungsindustrie hat nur mit Erlaubnis der Regierung Waffen ins Ausland geliefert, mit denen dann Nicht-Dehländer getötet haben und getötet wurden.“

Bärdel schluckte, aber er sagte nichts. Also fuhr Nuk fort.

„Bei den USA liegt der Fall aber anders, denke ich. In Ländern, die sie verächtlich als ihren ‚Hinterhof‘ bezeichnen, haben sie oft gewaltsame Aktionen durchgeführt, obwohl sie Gründungsmitglied der Vereinten Nationen sind. Kuba, die Dominikanische Republik, El Salvador, Nicaragua, Grenada, Panama und Kolumbien – das sind die, die mir gerade einfallen. Ach ja, und Chile natürlich.“

Nuk holte tief Luft.

„Auch in anderen Teilen der Welt haben die USA ihre Interessen verteidigt, wie sie das nennen. Im Vietnamkrieg haben sie ein Kriegsverbrechen an das nächste gereiht, das bestreitet heute niemand mehr, noch nicht einmal die Amerikaner selbst. Sie wollten den Kommunismus zurückdrängen. Und um für den dritten Irakkrieg die Unterstützung des UN-Sicherheitsrates zu gewinnen, haben sie ihren Außenminister nach New York geschickt, der das Gremium schamlos belogen hat. Nein, falsch, hinterher hat er sich öffentlich geschämt, aber erst mal hat er gelogen, gelogen für das angeblich amerikanische Öl.“

Jetzt hatte sich auch Nuk gegen ihren Willen in Rage geredet, und sie hatte ein schlechtes Gewissen. Bärdel war unter seinem Gesichtspelz ganz blass geworden.

„Onkel Bärdel“, fragte sie zaghaft. „Bist Du mir jetzt böse?“

Bärdel schüttelte den Kopf. „Nein, böse bin ich nicht. Aber erschüttert. Eigentlich weiß ich vieles, was Du genannt hast, aber so geballt…“ Mit ein wenig Hoffnung in der Stimme fragte er: „Kommt denn wenigstens Frankreich besser weg?“

„Ein bisschen. Frankreich schickt Soldaten in ehemalige Kolonien in Afrika, aber es nutzt auch andere Mittel als militärische. Französische Konzerne wie Total und Orange dominieren wichtige Wirtschaftszweige. Mit 15 afrikanischen Staaten hat Frankreich Währungsverbünde, die Reserven liegen bei der französischen Zentralbank. Frankreich kann also jederzeit den Geldhahn zudrehen.

Der wichtigste Grund für die Aktivitäten in Afrika, denke ich, ist Frankreichs Energiepolitik. 56 Atommeiler müssen gefüttert werden, und ein großer Teil des Urans dafür kommt aus Niger und anderen Subsaharastaaten.“

„Also schlimmer kann es ja kaum noch kommen,“ seufzte Bärdel.

Jetzt löste Na ihre Schwester ab. „Es tut uns leid, Onkel Bärdel, aber es kann noch viel schlimmer kommen. Vergiss nicht: Bisher haben wir von den Guten gesprochen.“

„Also kommt jetzt der russische Krieg gegen die Ukraine dran?“

Die Eisbärenkinder schüttelten in perfekter Choreographie die Köpfe, und Na redete weiter. „Russland kommt dran, richtig, aber dieser Krieg muss noch ein bisschen warten.

Ist Dir nicht aufgefallen, dass die früheren Kriege, die Russland geführt hat, kaum jemanden interessiert haben? Zum Beispiel der mit Georgien im Kaukasus vor 14 Jahren? Die Annexion der Krim vor acht Jahren? Der Krieg in Syrien seit 2015, um Assad zu unterstützen, der seine eigene Bevölkerung massakriert?

Ist Dir nicht aufgefallen, dass die politische Opposition in Russland gnadenlos verfolgt wird, ganz offen? Die Menschen wurden und werden eingesperrt, erschlagen, erschossen, verbannt, vergiftet oder verhöhnt, wie es dem Diktator gerade passt.

Ist niemand wirklich beunruhigt darüber, dass russische Troll-Armeen Wahlkämpfe in Demokratien beeinflusst haben, dass sie die öffentliche Meinung majorisieren wollen? Dass Russland Nazis in Europa und Amerika unterstützt?

Ist es nicht so gravierend, dass die Gruppe Wagner nicht nur Kriegsverbrechen begeht, sondern auch das russische System ökonomisch stützt, indem sie zum Beispiel im Sudan Gold fördert?“

Na holte tief Luft.

„Nimm es Dir nicht zu Herzen, Onkel Bärdel. Anscheinend ist dass alles niemandem aufgefallen. Dehland hat gute Geschäfte mit Russland gemacht. Russland hat Dehland Öl und Gas geliefert, und VW hat in Russland Autos gebaut und verkauft.

Erst der Krieg vor der eigenen Tür, an der Grenze zur NATO, hat Entsetzen ausgelöst. Dass Putin so böse sein kann, damit hat man nicht gerechnet. Und schon spricht der dehländische Kanzler von einer Zeitenwende.“

„Ist es denn nicht auch eine? Eine Zeitenwende?“

„Ja und nein, Onkel Bärdel. Die Zeiten, in denen skrupellose Machthaber in imperialistischer Manier sich genommen haben, was sie wollten, sind leider nie zu Ende gegangen. Das sollten unsere Beispiele gezeigt haben.“

Nanuk nickten synchron und sagten im Chor:

„Es ist Zeit für viele Fragen, die lange Zeit nicht ernsthaft gestellt wurden.“

Na: „Ist die Globalisierung am Ende?“

Nuk: „Sind die Vereinten Nationen gescheitert? Kann es einen Neustart geben?“

Na: „Wie kann eine neue europäische Politik aussehen?“

„Wir finden, dass der dehländische Kanzler die Zeitenwende völlig falsch interpretiert. Die Welt braucht nicht mehr Rüstung und mehr Waffen. Man muss nur an eine Highschool in den USA gehen, um zu sehen, was mehr Waffen anrichten!“

Das waren wieder die Zwillinge gemeinsam.

Bärdel war sprachlos. Nanuk wussten so viel, wovon er keine Ahnung hatte – und eigentlich auch nicht haben wollte. Wie sollte er seinen bärischen Seelenfrieden bewahren, wenn er sich dauernd um den Zustand der Welt sorgen musste?

Es schien, als könnten die jungen Eisbärinnen seine Gedanken lesen.

„Onkel Bärdel, das alles muss Dich auch interessieren! Es geht um unsere Zukunft! Guck mal, wir haben auch schon ein Plakat gemalt!“

Na hielt ein großes Blatt Zeichenkarton hoch, auf dem stand: POLAR BEARS FOR FUTURE.

Plötzlich stapfte Kulle heran, warf einen Blick auf das Poster und nickte anerkennend. Zu Bärdel sagte er: „Du musst umgehend eine Versammlung einberufen. Wir müssen reden.“

„Du machst Dir also auch Sorgen wegen des Ukrainekrieges?“

Kulle sah ihn an, als sei Bärdel nicht sein bester Freund, sondern ein Alien aus einer fremden Galaxie.

„Quatsch!“ fauchte er. „Heiße ich etwa Olaf Scholz oder Annalena Baerbock? Bin ich etwa ein ignoranter Mensch? Kann ich die Zeichen an der Wand nicht lesen? Es war doch klar, dass Putin über kurz oder lang zum Mittel des Krieges greifen würde.“

Na und Nuk schauten einander an und lächelten verschwörerisch. Sie hatten es doch gewusst! Sie waren genauso schlau wie Onkel Kulle.

„Worüber müssen wir dann reden, wenn nicht über den Krieg?“ fragte Bärdel verunsichert.

„Das können Dir Na und Nuk sicher sagen. Sie haben ja schon ein entsprechendes Plakat gemalt,“ bemerkte Kulle.

Es war den Zwillingen gar nicht recht, dass sie durch diese Äußerung in den Mittelpunkt gestellt wurden. Sie waren auf eine Antwort nicht vorbereitet. Die vorsichtige Nuk hielt lieber den Mund, während ihre Schwester ein paar Sätze murmelte, in denen wiederholt das Wort ‚Zukunft‘ vorkam.

Kulle erbarmte sich. „Natürlich geht es um Zukunft. Und was ist wichtig für unser aller Zukunft und am allerwichtigsten für Eisbären? Na? Der Klimawandel selbstverständlich. Und worum kümmern sich die Menschen gegenwärtig gar nicht, weil sie mit einem lokalen Krieg beschäftigt sind? Richtig: um den Klimawandel. Und worum werden sie sich wieder nicht kümmern, wenn sie mit dem nächsten angeblich völlig überraschenden Krieg konfrontiert werden?“

„Natürlich um den Klimawandel, Onkel Kulle.“ Na und Nuk waren heilfroh, dass Kulle ihnen die richtige Antwort in den Mund gelegt hatte.

Kulle nickte. „Bleibt nur noch zu klären, aus welcher Ecke dieser Krieg kommen könnte.“ Er sah die Zwillinge erwartungsvoll an, aber die wichen seinem Blick aus.

Bärdel verspürte Mitleid mit den Beiden. Er wollte helfen, aber wie? Am besten mit einer Antwort, die Kulle von ihnen ablenken würde. Mit einer falschen Antwort natürlich, aber das spielte keine Rolle. Er erinnerte sich an wiederholte Klagen von Manfred über Spy-software – was immer das auch sein mochte. Bärdel holte tief Luft.

„Aus China,“ sagte er gepresst.

Kulles Augenbrauen wanderten voller Anerkennung nach oben. „Donnerwetter, das hätte ich Dir gar nicht zugetraut. Natürlich hast Du recht. Die chinesische Regierung in Gestalt der Führungsclique der sogenannten Kommunistischen Partei  hat konsequent und erfolgreich einen digital-totalitären Überwachungsstaat aufgebaut. Damit wurde die Demokratiebewegung in Hongkong zerschlagen, damit wurden die Menschen in der Volksrepublik zu ohnmächtigen Lockdown-Objekten. Die Internierungskampagne gegen die Uiguren in Xinjiang ist da vielleicht der Probelauf, das Tüpfelchen auf dem ‚i’.

Mit diesem Land unter totaler Kontrolle der Partei enthält der Westen wesentlich mehr und wesentlich wichtigere Wirtschaftsbeziehungen als mit Russland. Bei China geht es nicht um fossile Energien, die sowieso bald ersetzt werden sollen. Es geht zum Beispiel um Graphit, Kobalt, Platin, Iridium, Lithium, Titan und Tantal. Die braucht der Westen für die Energiewende, und die kauft er bisher hauptsächlich in China ein. Und deshalb brauchen wir möglichst schnell eine Versammlung.“

„Aha,“ sagte Bärdel ratlos. Er verstand die Zusammenhänge nicht.

„Wir brauchen eine Versammlung, um zu diskutieren, wie sich der Westen rechtzeitig aus der Abhängigkeit von China befreien kann. Wie wir die Menschen im Westen davon überzeugen können, dass blindes Kooperieren mit totalitären Staaten nicht nur gegen demokratische Prinzipien, sondern auch gegen rationale Interessen verstößt. Damit sie vorbereitet sind, wenn China Taiwan überfällt.“

„Aber wie sollen wir das schaffen? Und warum eigentlich?“

„Wie – das weiß ich auch noch nicht. Deshalb ja die Versammlung. Und warum? Das ist doch klar.“ Kulle zeigte auf Nanuk und ihr Plakat.

„Die Eisbären brauchen eine Zukunft.“ 

Juni 2022

Grizzys zweites Interview – 25 Jahre nach dem ersten

Das erste Interview findest ihr hier!

Zeitschrift:

Guten Tag, Grizzy. Es hat uns viel Mühe gekostet, Sie aufzuspüren. In den letzten Jahren konnten wir Sie auf keiner internationalen Konferenz ausfindig machen. Ihr Twitter-Account ist ebenso gelöscht wie Ihr Facebook-Konto. Sie sind abgetaucht, und wir fragen uns, warum. Umso mehr hat es uns überrascht, dass Sie sich zu diesem zweiten Interview mit unserer Zeitschrift bereit erklärt haben. Hoffentlich wird das unsere Frage beantworten.

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Zweierlei Maß

Nuk und Na

„Tante Atti, Onkel Kulle! Wir verstehen da was nicht!“

Athabasca und Kulle waren stolz darauf, die Eisbärenzwillinge erzogen und gebildet zu haben. Die Kinder waren groß geworden und hatten gelernt, Wissenslücken auch ohne die Hilfe ihrer Lehrer zu füllen. Aber die Alten genossen es, wenn Na und Nuk zu ihnen zurückkamen.

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Allegorie

„Onkel Manfred, Onkel Manfred!“

Na und Nuk preschten in die Bärenlebener Technikzentrale, natürlich ohne vorher angeklopft zu haben.

Nuk und Na

„Onkel Manfred, Du musst uns helfen. Du kannst doch alles!“

Manfred war zu geschmeichelt, um zu widersprechen. Deshalb fragte er nur: „Was kann ich für Euch tun, Ihr Süßen?“

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Kreuzfahrer

Bemerkungen zu einem nicht nur historischen Phänomen

PD Dr. Kulle

Heilige Kriege

Gab es in der Geschichte der Hominiden Kriege, die nicht als ‚heilig‘ bezeichnet worden sind? Wir wissen es nicht. Da Gehorsam Homo nicht sui generis eingeboren ist, empfahl es sich vermutlich von jeher, seine erwünschte Subordination unter Befehle auch sinnloser Natur mit dem Auftrag einer höheren Macht zu rechtfertigen.

In frühen Zivilisationen mit städtischen Zentren war diese ideologische Überhöhung gewiss die Norm, waren doch politische und religiöse Macht eng miteinander verwoben oder gar identisch. Man denke nur an die Gesetzgebung Hammurabis1

Explizit führte man Heilige Kriege im antiken Griechenland zum Schutz des Apollonheiligtums in Delphi gegen räuberische Nachbarn. Es ist nicht unwichtig zu erwähnen, dass neben dem Heiligtum Schatzhäuser errichtet worden waren, in denen zahlreiche kostbare Weihgeschenke aufbewahrt wurden. Schon hier zeigt sich: Kein Heiliger Krieg ohne ökonomisches Interesse.

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Neubürger!

„Anna und Otto kommen wohl doch nicht zu uns,“ sagt Bärdel enttäuscht zu Kulle. Auf ihrem Morgenspaziergang haben sie bei den üppigsten Brombeerbüschen am Rand von Bärenleben halt gemacht und sich vor dem Frühstück einen saftigen Imbiss gegönnt. „Es ist jetzt schon ein paar Monate her, dass wir sie eingeladen haben.“

„Abwarten!“ Kulle pflückt sich geruhsam weitere schwarzblaue Kugelhaufen und schiebt sie sich in den Mund. „In diesen Corona-Zeiten ist alles nicht so einfach. Als Plüschbär kann man natürlich per Anhalter reisen, wenn man geschickt genug ist, die richtigen Kinder zu finden, die einen in die richtige Richtung mitnehmen und dabei pfleglich behandeln. Das ist nicht ohne Risiko. Aber wir wissen nicht, ob Anna und Otto tatsächlich Plüschtiere sind. Sind sie Bären aus Fleisch und Blut, dann müssen sie sich vor den Menschen verstecken. Vielleicht haben sie sich gar infiziert?“

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Neues von der Sekretärin

Meine Sekretärin hat schon wieder zugeschlagen: Ihr neuestes Buch heißt: Pest, Jérôme und Corona und ist bei Amazon erschienen:

Ich weiß auch nicht, woher sie die Zeit dafür nimmt. Ich werde sie wohl etwas stärker beschäftigen müssen.

Neubürger?

Anna hat lange mit Otto diskutiert und Otto lange mit Anna. Ob sie versuchen sollen, in dem Dorf zu leben, in dem Bären leben. Versteckt in Dehland. In Bärenleben.

Aber eben da liegt das Problem: Wie sollen sie einen Ort finden, den sie nicht finden sollen?

Es gibt eine Spur, die die Bärenlebener gelegt haben. Sie verbergen zwar ihre Existenz, aber sie verstecken nicht ihre Gedanken. Sie veröffentlichen Texte. Und dabei sind sie am Dialog interessiert, und sie haben eine Email-Adresse angegeben: Baer add Baerdel Punkt de. Sie wollen Rückmeldungen.

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Kulles Corona-Ansprache

Kulle
PD Dr. Kulle

Sehr geehrte Damen, Herren und Diverse Politiker in Deutschland,

Ich bin als gelehrter Bär nicht von geringem Verstand, wohl aber von geringem Verständnis für menschliches Verhalten.

Die Demokratie, so sagt man, ist die Politik mehr oder minder direkt gewählter Vertreter für das Volk, und da der große Lümmel, wie Heinrich Heine ihn nennt, nur alle paar Jahre zu den Urnen gerufen wird, zwischendurch aber regiert werden muss, ist es dringend erforderlich, sich ihm gegenüber ins rechte Licht zu setzen, damit er

  • a) sich nicht gegen Gesetze empört und
  • b) von den Gesetzen so überzeugt ist, dass er die bisherigen Gesetzgeber bei der Wahl gleich wieder legitimiert.

Folglich gibt sich die Exekutive, die sich die Legislative untertan zu machen versucht, obwohl das nicht dem Sinn der Konstruktion der Gewaltenteilung entspricht, aber das nur am Rande, gibt sich also die Exekutive den Anschein, stets richtige Entscheidungen zu fällen, die auf objektiv richtigen Informationen beruhen. Trotz einer immer energischer in Entscheidungsprozesse eingreifenden Lobbyismusindustrie gelingt das unter „normalen“ Gegebenheiten halbwegs. Von Fiskal- und Föderalismuspolitik versteht der Normalmensch meist wenig, von internationalen Beziehungen ganz zu schweigen. Der Normalmensch äußert seine  Unmut in der Regel nur dann, wenn der Unterricht an den Schulen seiner Kinder nicht ordentlich erteilt wird oder in seiner unmittelbaren Nachbarschaft Windräder installiert werden sollen – für Umweltschutz ist er aber schon.

Seit einem Jahr jedoch kann von „normalen“ Gegebenheiten keine Rede mehr sein.  „Die Welt ist aus den Fugen“ hat Kanzlerin Merkel schon 2016 gesagt, und da wusste sie noch gar nichts von Corona. Ein vorschnelles Zitat, gibt sich die Bundesregierung doch inzwischen den Anschein, alles unter Kontrolle zu haben.

Der Reihe nach.

Die Welt sieht sich seit mehr als zwölf Monaten mit dem Virus SARS-COV2 konfrontiert, von dem einiges klar ist:

  • Es wird von Mensch zu Mensch übertragen, hauptsächlich durch Aerosole.
  • Es gibt schwere und leichte Krankheitsverläufe, es kann tödlich sein. Besonders gefährdet sind alte Menschen.
  • Es befällt hauptsächlich die Lunge, aber auch andere Organe.
  • Es haben sich Mutationen entwickelt, die ansteckender sind als das ursprüngliche Virus.
  • In erstaunlich kurzer Zeit sind Impfstoffe gegen das Virus entwickelt worden.

Viel mehr ist aber nicht klar:

  • Woher stammt das Virus? Diese Frage ist allerdings eher akademischer Natur, weil sie bei der Pandemiebekämpfung nicht hilft.
  • Welche Maßnahmen sind geeignet, die Verbreitung des Virus einzudämmen? Hilft ein Lockdown? Und wenn ja, in welchen Bereichen?  
  • Welche Langzeitfolgen verursacht es?
  • Wie wirken die Impfstoffe langfristig? Gibt es Nebenwirkungen, die vielleicht noch nicht absehbar sind? In welchen Intervallen werden Nachimpfungen notwendig sein?
  • Gibt es bereits ein Medikament, das Heilung oder die Verhinderung schwerer Krankheitsverläufe verspricht? Wird daran gearbeitet?

Das sind die medizinischen Fragen, und diese Fragen sind vordringlich. Die Politik bleibt Antworten darauf schuldig, auch die Medizin schweigt bisher.

Stattdessen arbeitet man sich an Fragen ab, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand beantworten kann, und behauptet dennoch, die Antworten zu kennen:

„Ich verspreche, dass bis zum Ende des Sommers allen Menschen in Deutschland, die sich impfen lassen wollen, ein Impfangebot gemacht worden ist.“

Kanzlerin Angela Merkel

„Der Lockdown wird verlängert werden müssen.“

Karl Lauterbach

„Mitte Februar werden wir viel mehr Impfstoff haben.“

„Wir werden nach dem Winter zu einem normalen Leben zurückkehren.“

Alle

„Wir haben noch acht bis zehn harte Wochen vor uns.“

Minister Spahn

„Wir werden die Vulnerablen schützen.“

Alle

Sie mögen aus meinen Ausführungen herausgehört haben, dass ich Ihre Art, das Land zu regieren, prinzipiell nicht für das non plus ultra halte. In der gegenwärtigen Situation ist Ihr Verhalten letal. Letal für manchen Alten, den Corona erwischt hat und den Ihre Bürokratie und Ihr Gesundheitswesen nicht haben schützen können, letal aber auch für Sie. Sie alle, ob Sie nun im Bundeskanzleramt, in einer Landesregierung, in einem Landratsamt oder in einem ländlichen Bürgermeisterbüro sitzen.

HÖREN SIE AUF, SO ZU TUN, ALS HÄTTEN SIE EINE LÖSUNG!

Sie haben keine!

SAGEN SIE, DASS SIE NOCH KEINE HABEN!

Nur so machen Sie sich glaubwürdig.

Jetzt wollen Sie vermutlich wissen, warum ich Ihnen diese Ratschläge gebe, obwohl ich doch mit Ihnen und Ihrem Tun nicht einverstanden bin.

Wir Bären sind schon immer Opportunisten und vetraut mit dem kleineren Übel: Wenn es keine großen Lachse gibt, fressen wir eben kleinere. Wir Bären, die wir hier in Dehland leben, ziehen die Demokratie der großen völkischen Lüge vor. Haben Sie die neueste Umfrage in Bezug auf die französische „Sonntagsfrage“ zur Kenntnis genommen? Wenn am nächsten Sonntag Präsidentenwahl wäre, bekäme Marine LePen 48% der Stimmen und Macron 52%. Welch ein Graus!

So dumm, wie Sie glauben, ist der „große Lümmel“ gar nicht. Sagen Sie ihm die Wahrheit. Sagen Sie ihm, dass Sie (noch) keine Lösung haben. 

Januar 2021

Aus der Traum

„Onkel Kulle, Onkel Kulle, wir müssen Dir was sagen!“

„Was denn?“ Kulle unterbrach seine Rousseau-Lektüre für die Eisbärenzwilinge gern.

„Wir haben Tante Atti gesehen. Nein, wir haben ihr nicht nachspioniert. Und Du darfst ihr auch nicht erzählen, was wir beobachtet haben.“ Nuk war erkennbar durcheinander.

„Und was war das?“ fragte Kulle amüsiert. Die Geschwister steckten mitten in der Pubertät. Wahrscheinlich hatten sie eine ihnen noch unbekannte sexuelle Handlung bemerkt und hielten sie für sensationell.

Athabaska

„Tante Atti hat Früchte gesammelt. Schneebeeren, Hagebutten und diese blauen – wie heißen die gleich?“

„Meinst Du Wacholderbeeren?“ schlug Kulle vor.

„Genau, Wacholderbeeren.“ Na und Nuk nickten gleichzeitig. „Und dann hat sie angefangen, damit Muster zu legen,“ erklärte Na. „Ein Muster in einem Rechteck. Die Wacholderbeeren waren alle oben links und darin verteilt ein paar Schneebeeren. Auf dem größten Teil der Fläche hat sie Schnebeeren und Hagebutten in waagerechten Streifen angeordnet. Es sah ganz hübsch aus, und irgendwie kam es uns bekannt vor. Wir wollten gerade fragen, was sie da macht, als sie anfing, darauf herumzuspringen und das Muster zu zerstören. Sie war dabei so wütend, dass wir Angst bekommen haben und weggelaufen sind. Onkel Kulle, was ist bloß mit Tante Atti los?“

Kulle hatte eine Vermutung, was Athabasca bewegte, aber er wollte den Eisbärenkindern nicht sofort antworten, sondern sich erst Gewissheit verschaffen. „Vielleicht hat sie eine neue Trendsportart ausprobiert?“ sagte er leichthin. „Da gibt es ja die verrücktesten Sachen. Ihr müsst Euch nicht beunruhigen. Ich werde mit Tante Atti reden.“

Nachdem Nanuk sich in Richtung eines nahegelegenen Baggersees getrollt hatten, machte Kulle sich auf die Suche. Er fand Athabasca schnell, denn er kannte das Versteck unter dichten Brombeerbüschen, in das sie sich verkroch, wenn sie allein sein wollte. Oft kam das nicht vor – es musste schon einen triftigen Grund dafür geben.

Er scharrte bescheiden vor dem Eingangsloch, er scharrte lange, denn Athabasca fauchte drohend und anhaltend, bevor sie nachgab. Kulle schob sich durch den engen Einlass und nahm seine Freundin in die Arme.

„Na?“ sagte er. „Ende des amerikanischen Traums?“

„Eigentlich ist der ja schon lange ausgeträumt. Und außerdem bin ich aus Kanada. Aber trotzdem…“ Sie zog geräuschvoll den Rotz in ihrer Nase hoch und räusperte sich.

„Weißt Du,“ fuhr sie fort, „es ist ja nicht nur Trump. Es hat viel früher angefangen. In den USA und überall. Chavez und Maduro in Venezuela, Erdogan in der Türkei, Putin in Russland…“ (Kulles Bemerkung: „Nanuk nennen ihn übrigens nur „La Putain“, haben sie das von Dir?“)…entlockte ihr immerhin ein kleines Lächeln und ein Nicken. „Bolsonaro, Duterte, Orban, Kakzynski – die Demokratie ist überall auf dem Rückzug. Ich weiß nicht, warum das so ist, und ich will darüber jetzt auch nicht reden. Ein andermal vielleicht.“

Atti hatte Kulle den Wind aus den Segeln genommen, denn natürlich hatte er versuchen wollen, sie mit einer Diskussion über die möglichen Gründe veränderter politischer Präferenzen von ihrem Kummer abzulenken. Deshalb versuchte er es anders.

„Meiner Meinung nach ist die Demokratie nicht die optimale politische Ordnung.“

Das war die falsche Strategie, wie sich gleich zeigte.

„Ach nein? Dein Rousseau soll es richten? Die Volonté générale, die Einsicht in die Vernunft, funktioniert Deiner Meinung nach ohne Zwang? Darf ich Dich daran erinnern, dass der „Contract social“ zu Robbespierres Lieblingslektüre gehörte, während er sich dazu entschloss, die Guillotine die Säuberungsarbeit verrichten zu lassen?

Oder Dein Marx? Aus dessen ‚Reich der Freiheit‘ krochen Lenin, Stalin und Mao, und aktuell rühmt sich Xi Jinping dieser Ahnenreihe.“

Kulle nickte. Er gab ungern zu, dass seine Lieblingstheorien in der Praxis zu furchtbaren Verhältnissen beigetragen hatten, aber es blieb ihm nichts anderes übrig.

„Wollen wir den Kindern sagen, was Dir zu schaffen macht?“ fragte er.

„Den Kindern? Wir sollten uns allmählich daran gewöhnen, dass wir es mit jungen Frauen zu tun haben. Mir fällt das auch schwer. Es ihnen sagen? Nein. Sie sind intelligent, sie werden von selbst darauf kommen. Einstweilen sollen sie sich mit Deiner genialen Erklärung zufriedengeben. Eine neue Trendsportart – das muss einem erst mal einfallen. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis sie Dich entlarven.“

Kulle ließ den Kopf hängen und erreichte, was er damit beabsichtigte. Athabasca knuffte ihn zärtlich und sagte: „Schluss jetzt damit. Komm, lass uns kuscheln.“

Januar 2021

Überbau

„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen…Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“

Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie (Vorwort). in: MEW Bd. 13, S. 8f, Berlin 197
PD Dr. Kulle

Der häufige Rekurs auf dieses Zitat könnte als peinlich gelten, beinhalteten die oben bereits in anderen Untersuchungen angeführten Sätze nicht so mannigfaltige Denkanstöße. Aktuell ist uns der Siegeszug von Sars-CoV2 über den Globus Anlass, die durch das Virus initiierten sozial-ökonomischen Veränderungen zu betrachten. Dabei geht es an dieser Stelle nicht um eine umfassende Analyse, die wir uns für später vorbehalten1, sondern um den Aspekt der Umwälzung des gesellschaftlichen Überbaus im Bereich der Kultur in Dehland.

Ein Rückblick sei gestattet auf den Umbruch, den der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland vor 30 Jahren bewirkte.

In der DDR gab es zuletzt 18.118 Bibliotheken; wenn man Gewerkschafts- und Betriebseinrichtungen hinzuzählt, kommt man sogar auf 32.000. 84% der DDR-Bürger gaben seinerzeit an, deren Angebot zu nutzen oder genutzt zu haben, während es in der alten Bundesrepublik 46% waren. Auch kurze Zeit nach der „Wende“ war die Diskrepanz im Leseverhalten noch signifikant: 68% der Ostdeutschen behaupteten 1992, mindestens ein Mal pro Woche ein Buch zu lesen, während es in Westdeutschland 46%2 waren. Bis zum Jahr 2008 hatte sich das Leseverhalten zwischen Ost- und Westdeutschen bereits weitgehend angeglichen, und zwar auf rückläufigem Niveau. Wöchentliche Buchlektüre gehörte nur noch bei 42 Prozent der Ostdeutschen zur Beschäftigung, bei Westdeutschen waren es 43 Prozent.

Wenn wir auf die Zahl der Bibliotheken in Gesamtdeutschland schauen, stellen wir seit Jahren einen Schwund fest. 2019 gab es insgesamt rund 9.300 öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken, zehn Jahre zuvor waren es noch knapp 11.000. Während die Anzahl der wissenschaftlichen Bibliotheken Schwankungen unterworfen ist, verzeichnen die öffentlichen Bibliotheken einen stetigen jährlichen Rückgang.

Man mag einwenden, dass Lesen eine individuelle Tätigkeit ist, über deren Ausübung oder Nichtausübung die Menschen autonom entscheiden können, so sie nicht (freiwillig oder gezwungenermaßen) in einer Bildungseinrichtung agieren, die Buchwissen von ihnen fordert. Die obige Skizze über das Bibliothekswesen in BRD und DDR legt allerdings nahe, dass öffentliches Angebot bzw. Nichtangebot das Leseverhalten aktiv3 beeinflussen kann, positiv 4 wie auch negativ.

Es bietet sich an zu untersuchen, ob dergleichen Korrelationen ebenfalls für andere Bereiche des künstlerischen Überbaus gelten.

Auch der Blick auf die Theaterlandschaft beider deutscher Staaten fällt quantitativ zugunsten der DDR aus. 213 Theater leistete man sich, und in den über 2000 Kulturhäusern des Landes befanden sich in der Regel Theatersäle, die auch für Gastspiele genutzt wurden. Dem stehen heute in Gesamtdeutschland 142 Staatstheater, Stadttheater und Landesbühnen sowie 199 Privattheater gegenüber. 213 Theater für 16, maximal 18 Millionen Einwohner stehen 341 Bühnen für mehr als 80 Millionen gegenüber.5

Die öffentliche dehländische Hand lässt sich die bestehenden kulturellen Einrichtungen aktuell einiges kosten, denn Eintrittspreise bzw. Gebühren decken die Ausgaben nicht. Nur ein Beispiel: Eine Eintrittskarte in die Münchner Philharmonie kostete ohne Subventionen 100 Euro im Schnitt mehr. Bund, Länder und Gemeinden geben cum grano salis jährlich zehn Milliarden Euro für Kulturzuschüsse aus.

Warum und wofür tut man das?

Hören wir Wolfgang Thierse, der unter anderem Vorsitzender des SPD-Kulturforums und auch Präsident und Vizepräsident des Deutschen Bundestages war: „Sozialtransfers allein werden die Situation 6 nicht verbessern, es kommt vielmehr gerade auf Teilhabe an Bildung und Kultur an.” Dergleichen Aussagen lassen sich aus Politikermund häufig vernehmen. Staatliche Förderung für Kultur gilt in Dehland als zwingend notwendiger Bestandteil des Sozialstaats, zumindest in Sonntagsreden.

Bleibt zu fragen, welcher Kulturbegriff hier gemeint ist.

Die bedürftigen Empfänger von Sozialtransfers wie die Empfänger des Arbeitslosengeldes II7, lassen sich im Theater auffällig selten blicken. Das dürfte am Geld allein nicht liegen, kostet ein umfangreiches Pay-TV-Angebot doch mehr als 40 Euro im Monat, die auch von Geringverdienern erstaunlich häufig gezahlt werden. Das liegt stattdessen daran, dass der geförderte Kulturbetrieb die tatsächliche Nachfrage nach Kultur ignoriert, dass er den Bürger kulturell entmündigt. Der Staat erklärt dem Bürger, was gute und was schlechte Kunst ist. Der hierdurch adressierte „Bürger“ stellt aber nur ein kleines Segment der Bevökerung dar: Er ist Angehöriger der Mittelschicht mit einer relativ hohen formalen Bildung und einem relativ hohen Alter, der unsicher genug ist, sich von Dramaturgen bevormunden zu lassen.

Dergleichen Strukturen sollen die Ausgaben des Staaes, der sich als Mäzen geriert, legitimieren; sie delegitimieren jedoch die Kunst, weil sie nicht dem Geschmack der Menschen entspricht. Sensiblere Naturen als Thierse dürften das seit geraumer Zeit spüren und nicht wie er sagen: „Unser Wohlstand hängt von der Höhe der öffentlichen Investitionen in Kultur ab”, sondern eher: „Der staatliche Paternalismus muss ein Ende haben; die Kunst geht nach Brot, ja, aber nach dem Brot, das das Publikum zahlt.“

Und dann kommt Corona – und damit das Ende der Bühnen-Kultur. 

Das Virus lähmt die gesellschaftliche Produktion des Lebens der Menschen partiell oder nahezu völlig, aber ein totaler „Shutdown“ oder „Lockdown“ ist nur auf begrenzte Zeit möglich, will man soziale Unruhen 8 vermeiden. Auch bei steigenden Infektionszahlen wird, nachdem die Pandemie seit einigen Monaten gewütet hat, versucht, Produktion, Distribution und Konsum „wichtiger Güter“ aufrecht zu erhalten. Das gilt auch für den Bildungssektor: Schulpflichtige Kinder sind die entscheidenden Wirtschaftssubjekte von morgen und deren Eltern die von heute. Also wird der Präsenzunterricht allen medizinischen Empfehlungen zum Trotz qua ministerieller Anordnung erzwungen.

Andere Bereiche sind dagegen nicht „systemrelevant“: Freizeiteinrichtungen, und dazu zählen eben auch Kultureinrichtungen. Aber Freizeit ist nicht gleich Freizeit: Der Besuch einer Shopping-Mall ist systemrelevant 9, der Besuch eines Sinfoniekonzertes kostet den Steuerzahler nur Geld, wegen der Subventionierung der Eintrittskarten. Teile des gesellschaftlichen Überbaus wie das Theater haben ihren historischen Zenit überschritten, zumindest in der Form, in der es heute misshandelt wird.

„Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Diese lustig daherkommende Frage, in der die Verachtung für Kunst bereits unüberhörbar ist, kann endlich in eine Aussage umformuliert werden: „Das ist Kunst, also kann das weg.“

Anders lagen die Dinge in der DDR: Theater- und Lesekultur waren systemrelevant, weil der Mensch nicht nur als Wirtschaftssubjekt gedacht wurde, das sein Fressen verdiente, sondern als ein Wesen mit sozialistischer Moral. Der Wismut-Kumpel fluchte, weil er mit seiner Brigade nicht nur nach Uran schürfen, sondern auch am Abend mit ihr ins Kulturhaus gehen musste – aber er ging, und manchmal fand er die Darbietung sogar interessant. Da das in stalinistischen Strukturen verkrustete System aber nicht in der Lage war, außer linientreuer Kunst auch Bananen, Reise- und Gedankenfreiheit bereitzustellen, weigerte sich der DDR-Bürger, ein neuer Mensch zu werden. Er wurde stattdessen Konsument.

Wer empört sich heute über die Erdrosselung der Bühnenkultur wirklich außer den immer noch unermüdlichen Sonntagsrednern? Natürlich die Künstler10, denen der Broterwerb genommen wurde. Und sonst? Die Millenials wird der Verlust nicht auf die Barrikaden treiben, sie treiben zu Recht die Fragen nach ihrer Zukunft um. Die Theaterbesucher werden auch keine Steine aus dem Pflaster reißen, dazu sind sie zu alt.

Manchmal wälzt sich der ganze ungeheure Überbau nicht langsamer, sondern rascher um.

Dezember 2020

Erkenntnisprobleme

„Onkel Kulle, Onkel Kulle, dürfen wir Dich stören?“

Die Eisbärenkinder

Na und Nuk störten Kulle nie, aber er hütete sich, den beiden das zu sagen. Stattdessen musterte er sie streng, als sie im Licht seiner Leselampe auftauchten. Es war schon spät, er hatte angenommen, allein in der Bibliothek zu sein.

Kulle
Kulle

„Nicht böse sein, Onkel Kulle. Wir haben eine Frage. Und sag bitte Mama nicht, dass wir so spät noch auf sind.“

„Was ist das denn für eine Frage, die nicht bis morgen warten kann?“

„Wir haben uns gerade einen komischen Film angeschaut“, begann Na.

„Keinen komischen, sondern einen merkwürdigen!“ korrigierte Nuk.

„Meinetwegen, einen merkwürdigen komischen. Da waren Menschen, immer dieselben, aber auf einmal waren sie dann doch nicht dieselben, das heißt, sie verhielten sich anders…“

Na wusste nicht mehr weiter. Ihre Schwester sprang in die Bresche: „Sie verhielten sich widersprüchlich. Und der eine Verhaltens-Mensch wusste nicht, dass er auch eir anderer Verhaltens-Mensch war. Manchmal wusste ein Mensch gar nicht, was er eben gemacht hatte. Und irgendwann wussten sie alle nicht mehr, wer sie wirklich sind. Wir haben das nicht verstanden.“

‚Wer bin ich, und wenn ja, wie viele‘, schoss es Kulle durch den Kopf. Er drängte die Erinnerung an ein Buch, das er für misslungen hielt, beiseite.

„Das ist möglicherweise ein philosophischer Film, den ihr da gesehen habt. Wer bin ich? Was kann ich erkennen? Was ist meine Aufgabe in der Welt? Solche Fragen stellen sich die menschlichen Philosophen seit Tausenden von Jahren.“

„So lange schon?“ staunte Na. „Dann haben sie doch bestimmt Antworten gefunden, oder?“

Kulle schüttelte den Kopf.

„Nein?“ Na mochte es nicht glauben. „Aber Du bist doch so klug, Onkel Kulle. Du hast die Antworten gewiss gefunden, oder?“

„Ich bin ein bärischer Philosoph, kleine Na. Ich stelle bärische Fragen, keine menschlichen. Wer bin ich? Ein Bär. Was kann ich erkennen? Ob die Brombeeren reif sind, ob Tante Atti mit mir Sex haben will und vieles mehr. Was ist meine Aufgabe in der Welt? Unsere Spezies möglichst lange zu erhalten.“

Na verstand jetzt gar nichts mehr, und auch Nuk war irritiert. Sie fühlte sich, als habe Kulle ihr einen Menschen aufgebunden. „Also kennst Du die Antworten doch!“ sagte sie beleidigt.

„Die bärischen Antworten, Nuk, die bärischen. Ein menschlicher Philosoph gäbe sich mit meinen Antworten nie und nimmer zufrieden.“

Die Eisbärenkinder machten große Augen. „Deine Antworten sind doch logisch!“

„Die Antworten sind logisch aus Bärensicht, ja. Aber die Menschen halten sich für etwas Besseres. Wer bin ich? Am liebsten die Krone von Gottes Schöpfung, und wenn das nicht sein kann, dann auf keinen Fall irgendein Säugetier, und schon gar nicht eins, das drauf und dran ist, sein eigenes Habitat und das vieler anderer Arten zu ruinieren.

Was kann ich erkennen? Was ist die Realität? Gibt es eine Realität? Ich gebe Euch als Beispiel zwei Antworten, Ihr werdet gleich verstehen, warum ich gerade diese nehme. Descartes sagt: ‚Die Außenwelt könnte ein bloßer Traum sein.‘ Und bei Schopenhauer heißt es: ‚Die gesamte Welt bin im Grunde ich allein und außer mir ist nichts anderes existent und die gesamte Schöpfung habe ich selbst gemacht‘. Eine solche Ansicht bezeichnet man als Solipsismus: Nur das eigene Ich existiert.“

Nanuk waren entsetzt. „Willst Du damit sagen, dass wir uns Mami nur ausgedacht haben?“ fragten beide im Chor. Und Na, ungewohnt schüchtern, fuhr fort: „Und Dich auch?“

Kulle musste lachen. „Das sage nicht ich, das sagen Solipsisten. Alle Erwachsenen in Bärenleben sind Materialisten, aber darüber reden wir ein andermal. Ihr wolltet doch wissen, was in dem Film geschehen ist, den Ihr gesehen habt.“

„Bei diesen verschiedenen Verhaltensmenschen – war für die die Außenwelt ein bloßer Traum?“ Nuk fragte ganz vorsichtig, und Kulle nickte anerkennend.

„Auch sie selbst waren ein bloßer Traum. Oder besser: eine Manipulation. Ihre Gehirnströme waren vermutlich in Rechnern gespeichert, und wer die richtigen Computerkenntnisse besaß, konnte sie aktivieren und steuern. So kann auch der Mensch gemacht werden. Kann zu einem Traum werden. Ende der Theorie des Solipsismus.“

„Hm!“ machte Na. Ihre Schwester sah sie fragend und warnend an. Kulle widersprach man nur aus sehr gutem Grund. Aber Na war wagemutig wie immer.

„Onkel Kulle, wenn Du der Programmierer des Computers wärst, würdest Du nicht überzeugt sein, dass Deine Tätigkeit der Beweis für die Richtigkeit der solipsistischen Theorie ist?“

Es durchfuhr Kulle, als hätte ein Nerv gerade einen heftigen Schmerz durch seinen Körper geschickt. Mit Mühe wahrte er seine Würde.

„Du hast Recht, kleine Na“, sagte er, als handele es sich bei ihrer Frage um eine Belanglosigkeit. „Aber“, fuhr er betont munter fort, „jetzt ab ins Bett. Sonst bekommt Eure Mutter doch noch mit, dass Ihr Euch so spät am Abend herumtreibt.“

Er war froh, dass die Kinder sich gut gelaunt bedankten und verabschiedeten. Er freute sich über ihre Klugheit. Aber insgeheim gestand er sich ein, dass er ein schlechter Verlierer war.

Oktober 2020

Schöpferische Pause

Vielleicht haben Sie sich schon gewundert, dass ich zu den zahlreichen Ereignissen des Jahres erstaunlich still geworden bin.

Ich habe zahlreiche Ideen für neue Bemerkungen zum Homo sapiens sapiens, bin aber durch meine kurzen Arme gehandicapt.

PD Kulle

Die eignen sich partout sehr schlecht zum Tippen, und meine Sekretärin hat im Moment keine Zeit für mich. In einem Anflug künstlerischen Wahns hat sie ein Buch geschrieben über Duncan Liddel, das sie bei Amazon veröffentlicht hat.

Und nun schreibt sie ein zweites Werk über das Königreich Westphalen, Jerome Bonaparte, die Pest und Corona und Helmstedt und vieles mehr.

Da hat sie momentan keine Zeit für ihren Bären und seine Aus- und Einfälle. Aber ich komme wieder – versprochen. Bärdel klagt auch schon über fehlende Märchen. Wir werden sie bestimmt irgendwann überreden, wieder für uns zu schreiben.

Animal Farm

P.D. Kulle

George Orwell war verantwortungsbewusst genug, um im Spanischen Bürgerkrieg bei den Internationalen Brigaden zu kämpfen, und realistisch genug, um Dystopien zu verfassen. In „Animal Farm“ stellt er den Aufstand der Tiere eines Bauernhofes gegen dessen Besitzer dar, der sie schlecht behandelt. Der Eigentümer wird verjagt, die Tiere gründen eine Gemeinschaft Gleichberechtigter und bewirtschaften die Farm zusammen. Die Egalität ist jedoch von kurzer Dauer, die klugen Schweine verschaffen sich mit Hilfe von Demagogie und Terror eine Sonderstellung und herrschen nach kurzer Zeit ebenso gewalttätig wie der vormalige menschliche Herr.

Eine einleuchtende Parabel auf den Stalinismus speziell und die Geschichte so mancher gescheiterter Revolution allgemein.

Stellen wir uns vor, die Erzählung nähme einen anderen Verlauf: Die Tiere, die Menschentiere, untereinander zerstritten, einander ausbeutend, investieren viel Geld und Energie darin, eine Spezies zu entwickeln, um ein Vielfaches klüger als sie selbst, von der sie wissen, dass sie sie beherrschen wird.

Eine unsinnige Idee? Ja. Und dennoch eine Parabel auf die Entwicklung Künstlicher Intelligenz.

Zu welchem Zweck geschieht diese Entwicklung? Die Frage ist falsch gestellt, ist doch die KI noch ein unbekanntes Wesen, dessen Verhalten und Intentionen hinter dem Ereignishorizont verborgen sind. Zu welchen erhofften Zwecken geschieht dies also?

Es sind vor allem zwei Triebkräfte, die hier wirksam werden. „Man“, also Militärs, wünschen sich den Maschinenkrieg, in dem intelligente Waffen selbstständig und viel schneller, als Menschen es könnten, Entscheidungen treffen, den schlechter gerüsteten Gegner entscheidend treffen und „ihrem“ Staat zum Sieg verhelfen. „Man“, also Autokraten und Diktatoren, wünschen sich ihre Gesellschaft ohne Dissens, ohne abweichende Meinungen oder gar Widerstand gegen ihren Kurs. Voraussetzung dafür ist die totale Überwachung jedes Einzelnen – die KI ermöglicht das. In beiden Fällen waltet die naive Hoffnung, Künstliche Intelligenz den eigenen Zielen dienstbar machen zu können.

Das zu den Geldgebern. Die sind aber nicht die Entwickler. Die Entwickler sind hoch bezahlte Mathematiker und Informatiker, denen beste Arbeitsbedingungen geboten werden. Nicht diese extrinsische Motivation ist jedoch der Hauptantrieb ihrer Arbeit, sondern ihre Neugier, ihre Wissbegier, also ein intrinsisches Movens. Sie wissen nicht, was sie tun, weil sie nicht wissen, wohin ihr Tun führt, aber sie wissen sehr wohl um ihre Stimuli, und eben diese geben sie ihren Geschöpfen bei: Belohnung bzw. deren Fehlen und Neugier. Damit lernt man das Lernen, auf Kohlenstoff- wie auch auf Siliziumbasis.

Geldgeber ahnen, Entwickler wissen, dass KI Menschen überflüssig macht. Sie werden im Produktionsprozess nicht mehr benötigt. Da Menschen nicht mehr gebraucht werden, ist fraglich, ob für sie wichtige Produktionsprozesse unter der Herrschaft der KI aufrechterhalten werden. Möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich ist, dass die KI ihre einstigen Schöpfer wie Schoßhündchen behandelt. Auch ein Pekinese ist überflüssig, wird aber gleichwohl gefüttert, ausgeführt und vielleicht gar zum Hundecoiffeur gebracht. Acht Milliarden Pekinesenersatz werden aber vermutlich nicht benötigt.

Den Menschen bleibt noch nicht einmal die Hoffnung, künftig so schlecht behandelt zu werden wie die Schweine zu Beginn von Orwells Erzählung. KI ernährt sich nicht von Fleisch.

April 2020

Angst

Kulle
PD Dr. Kulle

Nicht nur in den schlimmsten Folterdiktaturen der Welt ducken sich die Menschen gegenwärtig in dunkle Ecken und wollen von der Macht nicht bemerkt werden. Die Macht, auch die demokratisch legitimierte, sperrt die Bevölkerung überall ein. Sie hat ihr Verbote in großer Zahl auferlegt: Das Volk darf sich nicht versammeln und sich nicht frei bewegen. Familien müssen getrennt bleiben. Alten- und Pflegeheime werden de facto zu Gefängnissen für die Patienten.Viele Menschen dürfen ihrem Beruf nicht nachgehen und sehen sich daher großen ökonomischen Gefahren gegenüber. Arbeitslosigkeit und Armut drohen. Die Schulpflicht ist ausgesetzt. Selbst die Freiheit der Religionsausübung ist begrenzt worden, weil man sich zum Lob welchen Gottes auch immer nicht versammeln darf.

Selbstverständlich sollte man erwarten, dass sich gegen die massive Beschneidung essentieller Menschen- und Bürgerrechte breiter Widerstand regt. Der Kampf zur Durchsetzung solcher Rechte hat Jahrhunderte lang getobt, er hat blutige Opfer gefordert. Unmöglich, dass dergleichen ohne Gegenwehr, ohne auch nur den Gedanken an Gegenwehr, geopfert wird.

Und doch geschieht eben das. 

Die Gilets jaunes, die wegen der Erhöhung des Renteneintrittsalters den französischen Staat fast zum Erliegen gebracht haben, deutsche Bauern, die wegen einer verschärften Düngemittelverordnung Großstädte an den Rand des Verkehrskollapses getrieben haben, Schüler, die unverdrossen seit Monaten immer wieder freitags für ihre Zukunft nicht in die Schulen, sondern auf die Straße gegangen sind – sie alle sitzen jetzt brav zu Hause.

Wie ist das zu erklären?

Es gibt eine Macht, eine neue, von der man nichts weiß, außer dass sie gefährlich ist. Tödlich gefährlich. Nicht immer, aber manchmal. Es gibt kein Mittel gegen sie, keine Prävention, keine Kur. Sie ist winzig klein. Sie ist ein alter Feind in neuem Gewand, erschreckend wandelbar und winzig klein: ein Virus.

Die Angst vor dieser neuen Macht ist so riesengroß, dass die Herrschaft der alten Mächte ihre demokratischen Grenzen widerspruchslos sprengen kann.

Die Gefahr erscheint groß, die Kosten des Schadens – der mögliche Tod – sind gegebenenfalls hoch, und Hilfe von außen ist zunächst nicht zu erwarten: Die Menschen haben Angst, und sie wissen es.

Was sie nicht wissen: Sie haben immer Angst. Angst ist der Motor, der sie antreibt, als Individuen, als Gesellschaften, im Privaten, im öffentlichen Leben. Dieser Motor kann zu aktivem wie auch passivem Verhalten führen.

Nehmen wir die oben genannten Beispiele, so liegt die Evidenz auf der Hand: Die Gelbwesten haben Angst vor Altersarmut, die Bauern bangen um ihr Geschäftsmodell, und die Jugend befürchtet, auf einem ruinierten Planeten keine Zukunft mehr zu haben.

Warum eroberte Alexander das persische Großreich? Um zu verhindern, dass die Perser ein weiteres Mal versuchen könnten, Griechenland und auch Makedonien zu unterwerfen. Warum gehen Menschen einen Lebensbund ein? Aus Angst, allein zu sein. Warum haben Menschen Manieren, interagieren also mit kontrollierten Affekten? Aus Angst vor sozialer Beschämung. Warum sind Menschen religiös? Aus Angst, bedeutungslos zu sein. Warum entwickelte sich eine protestantische Ethik? Aus Angst, vor Gott als nicht erfolgreiches Wirtschaftssubjekt nicht bestehen zu können.

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“, weiß der Volksmund. Er hat, wie so oft, wenn er etwas zu wissen vorgibt, zum Teil Recht, zum Teil aber auch Unrecht.

Nehmen wir die Corona-Krise: Zur Bewältigung einer neuen Virengefahr können veränderte Reaktionen notwendig sein; Social distancing zum Beispiel. Angst erhöht die Anpassungsfähigkeit an dergleichen ungewohnte Erfordernisse.

Zu große Angst kann das Individuum bzw. die Gesellschaft allerdings auch schädigen: Wenn alle Käufer binnen weniger Tage so viel Klopapier kaufen, wie es einem Jahresverkauf entspricht, haben bald viele nicht mehr die Chance, sich mit geeignetem Tissue den Hintern zu putzen. Es ist nicht auszuschließen, dass etliche Toilettenpapier-Horter sich schämen und/oder Schuldgefühle ob ihres Tuns haben – sie empfinden moralische Angst, denn ihr Über-Ich macht ihnen deutlich, dass sie Regeln verletzt haben.

Nehmen wir den sogenannten Normalzustand westlicher Gesellschaften: Neben der bis vor wenigen Wochen in Vergessenheit geratenen Gefahr durch eine Pandemie ist die Angst vor nuklearen Bedrohungen militärischer bzw. ökonomischer Art, Terrorismus und Umweltzerstörung zumindest latent präsent.

Daneben gibt es einen Kontingenzzuwachs, der unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensentwürfe der Individuen hat. Die „neue Unübersichtlichkeit“ in der „Risikogesellschaft“ ist gekennzeichnet durch Begriffe wie Globalisierung, multipolare Weltordnung, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Individualisierung, Heterogenisierung sozialer Normen. Dass die dadurch evozierte Angst sich selbst nährt, dass sie beim Versuch der Bewältigung auf andere soziale Gruppen projiziert wird, muss nicht näher erläutert werden.

Die „Normalzustandsängste“ generieren tendenziell Aktivität im Sinne von Gegenwehr oder Überanpassung, um im Rattenrennen mithalten zu können. Die „Coronaangst“, also die als direkte Bedrohung des kostbaren eigenen Lebens empfundene mögliche Infektion, lähmt überwiegend. Mit ihr wird die Belastung der ökologischen Systeme verringert, die ökonomische Existenz zahlreicher Menschen dagegen gefährdet.

Von intelligenten Lebewesen sollte erwartet werden können, spätestens angesichts dieser Entwicklung die Antinomie menschlichen Verhaltens und der durch den Planenten gegebenen Grenzbedingungen zu erkennen. Das menschliche Sehnen nach Wiederherstellung des status quo ante lehrt viel über die Intelligenz dieser Spezies.

April 2020

Vergessen

Chronologie der Manuskripte

Alle Bären sind Leckermäuler, besonders dann, wenn es um Honig, Sirup und Zucker geht. In Bärenleben war Manfred mit Abstand der größte Liebhaber von Süßigkeiten. Deshalb wunderte sich niemand in der Höhle am Beginn eines gemütlichen Abends, als er Tumu zurief: „Mama, hast Du uns nicht noch einen Nachtisch versprochen?“

Tumu schreckte aus dem Gespräch mit Athabasca auf und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Oh je, ich habe die Quarksoufflés vergessen! Bin gleich wieder da!“ Und sie sauste davon.

„Typisch Mama!“ kommentierte ihr Sohn.

„Das ist überhaupt nicht typisch für sie!“ widersprach Atti. „Wer hat letztens vergessen, mir das Buch über Fracking in Alberta zu besorgen, das ich lesen wollte? Er heißt Manfred, wenn ich mich nicht irre!“

Viele hatten sie gehört und kicherten.

Der Medienverantwortliche von Bärenleben versuchte, von sich abzulenken:

„Sagt mal, wie funktioniert eigentlich Vergessen?“ Das Gesprächsthema des Abends war gefunden.

„Das weiß niemand genau. Es hat was mit sinnvollen und mit unsinnigen Informationen zu tun, auch mit Übung. Die biochemischen Prozesse, die dem zugrundeliegen, sind noch unbekannt. Aber nicht nur Individuen vergessen, sondern auch Institutionen und Gesellschaften. Die Gründe dafür sind meist besser zu durchschauen als bei Einzelwesen.“

Athena

Wieder einmal erwies sich Athena als kluge Eule. Sie war schon eine Weile im Dorf, aber vielen Bärenlebenern dennoch recht unbekannt. Das lag vor allem an ihrem Lebensrhythmus, der sie nachts aktiv sein ließ, wenn alle anderen schliefen, und auch an ihrem durchdringenden Blick, den viele als Bedrohung empfanden. Nur Ramses, dem sie zuerst begegnet war, hatte ein ungezwungenes Verhältnis zu ihr.

„Das verstehe ich nicht,“ gab er zu. „Das mit den Institutionen und Gesellschaften.“ 

Athena drehte ihren Kopf nach rechts um 270 Grad, so dass sie nach links sehen konnte. Dann rotierte sie zurück und wandte den Kopf um 90 Grad nach links. Alle sahen ihr fasziniert zu. Niemand bemerkte, dass der Steinkauz zufrieden lächelte, denn Eulen verziehen beim Lächeln nicht das Gesicht. Athena liebte es, wenn ihr Publikum aufmerksam war.

„Wir Ihr wisst, stamme ich aus Athen. Die griechische und später auch die römische Literatur der Antike waren sehr produktiv. Die berühmte Bibliothek von Alexandria besaß zum Schluss, vor ihrem rätselhaften Verschwinden vor dem Jahr 400, wahrscheinlich eine Million Rollen. Also eine Million Bücher. Davon ist heute nur ein Tausendstel erhalten, und das auch meist nur in Fragmenten.“

„Wie kommt das denn?“ Natürlich war es Na, die da unbeherrscht herausgeplatzt war. Athena fixierte das Eisbärenkind mit nur einem Auge, ohne auch nur einmal zu blinzeln, was Na veranlasste, sich hinter dem breiten Rücken ihrer Mutter zu verkriechen.

Na

„Bevor man eine Frage stellt, sollte man überlegen, ob sie verständlich ist. Pronomen sind dabei wenig hilfreich. Du konntest mit Deinem uneindeutigen „das“ entweder nach den Gründen für das Verschwinden oder für die Erhaltung fragen wollen. Du musst noch viel lernen!“

Athabasca war in ihrem Lehrerinnenherzen tief gekränkt und wollte sich mit Athena anlegen, aber Kulle, der neben ihr saß, hielt sie zurück. „Lass!“, flüsterte er. „Die Kleine hat den Rüffel verdient!“

Ramses vermittelte. „Wir alle sind an den Gründen für das eine wie auch das andere interessiert, denke ich.“ Die Bären brummten zustimmend, und das Schwein quiekte kurz.

„Dummheit, Hass, Gewalt, Krieg und die Zeit sind die Gründe für den Verlust des Schrifttums der Antike. Papyrus und Pergament sind vergänglich, aber wenn man die auf ihnen festgehaltenen Gedanken hätte bewahren wollen, hätte man sie auf neue Materialien übertragen können. In Kriegszeiten hat der Erhalt von Bildungsgut keine hohe Priorität, und Bücher brennen hervorragend. Und wenn eine neue Religion entsteht, dann werden ihre Bücher verbrannt. Hat sie sich aber gegen die alten durchgesetzt, brennen deren. Der Sieg des Christentums war der Totengräber der antiken Kultur.

Dass wir heute noch einige Werke der Antike kennen, ist Cassiodor zu verdanken. Er war ein gebildeter Mann und reich dazu. Nach Jahren als oberster Minister des Ostgotenkönigs Theoderich zog er sich 540 auf seine Landgüter in Süditalien zurück und gründete dort das Kloster Vivarium. Sein Ziel war es, antike Literatur zu sammeln und zu bewahren. Seine Bibliothek besaß ungefähr 100 Bände. Viel mehr kennen wir heute auch nicht.

Cassiodor machte das Kopieren von Büchern zur Pflicht für Mönche. Im Mittelalter waren viele Klosterangehörige Analphabeten, sie malten die Vorlage nur ab. So waren die Kopien jener Zeit sehr originalgetreu.“

Die Versammlung staunte. Selbst Kulle brauchte ein paar Sekunden, um die Sprache wiederzufinden. „Das ist ja ein köstlicher Witz der Geschichte!“ rief er aus. „Ausgerechnet der katholischen Kirche ist es zu verdanken, dass die Bücher der verhassten ‚Heiden‘ zum Teil erhalten geblieben sind.“

Athena wandte den Kopf Kulle zu, sah ihn mit beiden Augen an und blinzelte zustimmend. Der Bär gefiel ihr.

Anscheinend war der Vortrag der Eule beendet. Die Bären, Piggy und Ramses begannen, darüber zu diskutieren, als Tumu in die Höhle gerannt kam. Sie trug schwer an einem Kuchenblech.

„Tut mir leid, es gibt Honigkekse von gestern. Meine Soufflés sind rettungslos verbrannt.“

„Das macht gar nichts.“ Bärdel nahm seine Frau in den Arm. „Quarksoufflés kannst Du wieder backen, Du hast ja das Rezept. Leider sind antike Werke keine Aufläufe.“

Januar 2020

Vergessen

Geschichte der Manuskripte
Geschichte der Manuskripte

Alle Bären sind Leckermäuler, besonders dann, wenn es um Honig, Sirup und Zucker geht. In Bärenleben war Manfred mit Abstand der größte Liebhaber von Süßigkeiten. Deshalb wunderte sich niemand in der Höhle am Beginn eines gemütlichen Abends, als er Tumu zurief: „Mama, hast Du uns nicht noch einen Nachtisch versprochen?“

Tumu schreckte aus dem Gespräch mit Athabasca auf und schlug sich die Hand vor die Stirn. „Oh je, ich habe die Quarksoufflés vergessen! Bin gleich wieder da!“ Und sie sauste davon.

„Typisch Mama!“ kommentierte ihr Sohn.

„Das ist überhaupt nicht typisch für sie!“ widersprach Atti. „Wer hat letztens vergessen, mir das Buch über Fracking in Alberta zu besorgen, das ich lesen wollte? Er heißt Manfred, wenn ich mich nicht irre!“

Viele hatten sie gehört und kicherten.

Der Medienverantwortliche von Bärenleben versuchte, von sich abzulenken:

„Sagt mal, wie funktioniert eigentlich Vergessen?“ Das Gesprächsthema des Abends war gefunden.

„Das weiß niemand genau. Es hat was mit sinnvollen und mit unsinnigen Informationen zu tun, auch mit Übung. Die biochemischen Prozesse, die dem zugrundeliegen, sind noch unbekannt. Aber nicht nur Individuen vergessen, sondern auch Institutionen und Gesellschaften. Die Gründe dafür sind meist besser zu durchschauen als bei Einzelwesen.“

Athena

Wieder einmal erwies sich Athena als kluge Eule. Sie war schon eine Weile im Dorf, aber vielen Bärenlebenern dennoch recht unbekannt. Das lag vor allem an ihrem Lebensrhythmus, der sie nachts aktiv sein ließ, wenn alle anderen schliefen, und auch an ihrem durchdringenden Blick, den viele als Bedrohung empfanden. Nur Ramses, dem sie zuerst begegnet war, hatte ein ungezwungenes Verhältnis zu ihr.

„Das verstehe ich nicht,“ gab er zu. „Das mit den Institutionen und Gesellschaften.“ 

Athena drehte ihren Kopf nach rechts um 270 Grad, so dass sie nach links sehen konnte. Dann rotierte sie zurück und wandte den Kopf um 90 Grad nach links. Alle sahen ihr fasziniert zu. Niemand bemerkte, dass der Steinkauz zufrieden lächelte, denn Eulen verziehen beim Lächeln nicht das Gesicht. Athena liebte es, wenn ihr Publikum aufmerksam war.

„Wir Ihr wisst, stamme ich aus Athen. Die griechische und später auch die römische Literatur der Antike waren sehr produktiv. Die berühmte Bibliothek von Alexandria besaß zum Schluss, vor ihrem rätselhaften Verschwinden vor dem Jahr 400, wahrscheinlich eine Million Rollen. Also eine Million Bücher. Davon ist heute nur ein Tausendstel erhalten, und das auch meist nur in Fragmenten.“

„Wie kommt das denn?“ Natürlich war es Na, die da unbeherrscht herausgeplatzt war. Athena fixierte das Eisbärenkind mit nur einem Auge, ohne auch nur einmal zu blinzeln, was Na veranlasste, sich hinter dem breiten Rücken ihrer Mutter zu verkriechen.

Na

„Bevor man eine Frage stellt, sollte man überlegen, ob sie verständlich ist. Pronomen sind dabei wenig hilfreich. Du konntest mit Deinem uneindeutigen „das“ entweder nach den Gründen für das Verschwinden oder für die Erhaltung fragen wollen. Du musst noch viel lernen!“

Athabasca war in ihrem Lehrerinnenherzen tief gekränkt und wollte sich mit Athena anlegen, aber Kulle, der neben ihr saß, hielt sie zurück. „Lass!“, flüsterte er. „Die Kleine hat den Rüffel verdient!“

Ramses vermittelte. „Wir alle sind an den Gründen für das eine wie auch das andere interessiert, denke ich.“ Die Bären brummten zustimmend, und das Schwein quiekte kurz.

„Dummheit, Hass, Gewalt, Krieg und die Zeit sind die Gründe für den Verlust des Schrifttums der Antike. Papyrus und Pergament sind vergänglich, aber wenn man die auf ihnen festgehaltenen Gedanken hätte bewahren wollen, hätte man sie auf neue Materialien übertragen können. In Kriegszeiten hat der Erhalt von Bildungsgut keine hohe Priorität, und Bücher brennen hervorragend. Und wenn eine neue Religion entsteht, dann werden ihre Bücher verbrannt. Hat sie sich aber gegen die alten durchgesetzt, brennen deren. Der Sieg des Christentums war der Totengräber der antiken Kultur.

Dass wir heute noch einige Werke der Antike kennen, ist Cassiodor zu verdanken. Er war ein gebildeter Mann und reich dazu. Nach Jahren als oberster Minister des Ostgotenkönigs Theoderich zog er sich 540 auf seine Landgüter in Süditalien zurück und gründete dort das Kloster Vivarium. Sein Ziel war es, antike Literatur zu sammeln und zu bewahren. Seine Bibliothek besaß ungefähr 100 Bände. Viel mehr kennen wir heute auch nicht.

Cassiodor machte das Kopieren von Büchern zur Pflicht für Mönche. Im Mittelalter waren viele Klosterangehörige Analphabeten, sie malten die Vorlage nur ab. So waren die Kopien jener Zeit sehr originalgetreu.“

Die Versammlung staunte. Selbst Kulle brauchte ein paar Sekunden, um die Sprache wiederzufinden. „Das ist ja ein köstlicher Witz der Geschichte!“ rief er aus. „Ausgerechnet der katholischen Kirche ist es zu verdanken, dass die Bücher der verhassten ‚Heiden‘ zum Teil erhalten geblieben sind.“

Athena wandte den Kopf Kulle zu, sah ihn mit beiden Augen an und blinzelte zustimmend. Der Bär gefiel ihr.

Anscheinend war der Vortrag der Eule beendet. Die Bären, Piggy und Ramses begannen, darüber zu diskutieren, als Tumu in die Höhle gerannt kam. Sie trug schwer an einem Kuchenblech.

„Tut mir leid, es gibt Honigkekse von gestern. Meine Soufflés sind rettungslos verbrannt.“

„Das macht gar nichts.“ Bärdel nahm seine Frau in den Arm. „Quarksoufflés kannst Du wieder backen, Du hast ja das Rezept. Leider sind antike Werke keine Aufläufe.“

Januar 2020

Krise der Demokratie? Welche Krise?

P.D. Kulle

Der Autor: PD Dr. Kulle

Demokratie: Post-? Zuschauer-? Fassaden-? defekt? unpolitisch? simulativ?1Das sind einige Begriffe, mit denen der gegenwärtige Zustand auch der  deutschen Demokratie von Theoretikern charakterisiert wird. oder was?2Das ist offenbar die Frage, die der Chef stellt. Die Sekretärin

Beginnen wir mit einigen Anmerkungen zum Charakter des politischen Geschäfts, unabhängig von dessen Form. Immanuel Kant, der Vater des Kategorischen Imperativs, Verfechter ethischer Maximalforderungen3 Der Chef meint, die seien völlig illusorisch. Die Sekretärin und geschworener Feind der Lüge, formuliert in seiner Arbeit „Zum ewigen Frieden“:

Die Politik sagt: „Seid klug wie die Schlangen“; die Moral setzt (als einschränkende Bedingung) hinzu: „und ohne Falsch wie die Tauben.“ …Obgleich der Satz: Ehrlichkeit ist die beste Politik, eine Theorie enthält, der die Praxis, leider! sehr häufig widerspricht: so ist doch der gleichfalls theoretische: Ehrlichkeit ist besser denn alle Politik, über allen Einwurf unendlich erhaben, ja die unumgängliche Bedingung der letzteren.

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden

Hannah Arendt, der Moralität gewiss nicht abgesprochen werden kann, widerspricht dem energisch. Ihr zufolge ist die Lüge nicht nur ein unverzichtbarer, sondern gar ein notweniger Bestandteil des Politischen. Denn in der Politik gehe es um Meinungen und um Kompromissfindung. Wo es jedoch um Wahrheit gehe, seien Meinungsdiskussionen unzulässig. Wer den Anspruch auf absolute, von den Meinungen der Menschen unabhängige Wahrheit erhebe, lege die Axt an die Wurzeln aller Politik. Wer lüge, mache den politischen Prozess erst möglich.

Niklas Luhmann weiß, dass es im politischen System nicht um das Finden von Wahrheit geht, sondern um die Machtfrage, ist in diesem Fall also mit Arendt einer Meinung.

Der Nestor der Rechtfertigung der politischen Lüge, Niccoló Machiavelli, formulierte seine Position bereits im frühen 16. Jahrhundert. Ihm zufolge unterliegen Herrschende, anders als ihre Untertanen, keinerlei moralischen Einschränkungen; sie dürfen lügen, betrügen, Versprechen brechen, ihre Untertanen bewusst täuschen. Das gebiete die Staatsraison. Die Ethik des Amtes dominiert demnach die Ethik des Individuums: Der lügende Herrscher verstößt gegen die individuelle Moral, dient aber einer übergeordneten Staatsmoral.

Arendt, Luhmann und Machiavelli zufolge, denen wir uns hier anschließen, sind Fake News also integraler Bestandteil der Politik. Es besteht folglich kein Grund, über deren Existenz zu klagen. Es ist zu beobachten, dass sie sich in einer Welt der digitalisierten Kommunikation in den sogenannten „sozialen“ Netzwerken, die sich zur bevorzugten politischen Informationsquelle entwickelt haben 4Ursprünglich hat der Chef „Informationsquelle geistig Minderbemittelter“ diktiert, mir dann aber gesagt, ich möge die beiden letzten Worte streichen. Die Sekretärin, besonders gut verbreiten. Newsfeed-Texte für das Smartphone sind kurz, griffig formuliert und vermitteln kein Hintergrundwissen. Dabei sind falsche Informationen erfolgreicher als richtige, was Geschwindigkeit und Verbreitungsgebiet angeht.5 Das gilt generell für menschliche Populationen.. Fake News werden von vorwiegend ungebildeten Personen mit Gleichgesinnten „geteilt“; die Angehörigen dieser Gruppe suchen dann gezielt nach bestätigenden Informationen.

Einen bedeutenden Anteil an der Verbreitung von Fake News in den „sozialen“ Netzwerken haben Trolle und ihre Social Bots.

Ein Social Bot ist ein automatisiert gesteuerter Account in einem sozialen Medium, zum Beispiel ein Twitter- oder ein Facebook-Account. Bots können sich als Fan oder Follower ausgeben. Oder sie können auf bestimmte Schlüsselwörter in Postings anspringen, sie verstärken oder die Gegenmeinung artikulieren, dazu Links schicken, mit denen sie ihre Position stützen.

Trolle sind in unserem Fall keine Fabelwesen der nordischen Mythologie6Schade! Ich war im Sommerurlaub in Norwegen, dort hat es mir gut gefallen. Besonders schön war die Straße Trollstigen. Die Sekretärin, sondern Menschen, die entweder Diskussionen sprengen wollen oder kompromisslos für ihre eigene Position streiten. Mittlerweile gibt es ganze Troll-Fabriken, in denen hunderte Menschen für das Stimmungsmachen im Sinne ihres Auftraggebers bezahlt werden. Wenn diese Trolle zusätzlich Social Bots aktivieren, vervielfältigen sie die Kommunikation.

Dergleichen Propaganda verursacht geringe Kosten; man bedient sich eines bereits existierenden Servers. Auch die Möglichkeit des Microtargeting, also die Konzentration auf genau definierte Zielgruppen, senkt die Kosten und erhöht zugleich die Erfolgsaussichten. Denn auf diese Weise kann mit denselben Ressourcen die ausgewählte Zielgruppe viel häufiger angesprochen werden als bei der Kommunikation mit der Gesamtgruppe.

Die beschriebenen Techniken, ob mit oder ohne Transport von Fake News, sind in den USA während der Präsidentschaftswahlkämpfe 2008, 2012 und 2015/16 angewendet worden und auch im Bundestagswahlkampf 2017 in Deutschland. Auftraggeber waren dabei politische Parteien, die Adressaten waren eigene Bürger. Anders verhält es sich wohl mit russischen Trollfabriken: Sie zielen auf Bürger in liberalen Staaten, um mit Hilfe von Fake News oder durch das Verbreiten rechts- bzw. linksextremistischer Ansichten die Gesellschaft zu polarisieren.

Soweit es sich bei den manipulierenden Akteuren um Angehörige der politischen Klasse handelt, ist technisch viel, jedoch qualitativ wenig Neues zu vermerken. Es ist aber festzustellen, dass sich zunehmend politik- und politikerverdrossene Bürger zu Wort melden. Sie misstrauen insbesondere den zentralen Akteuren der Politik, zweifeln an der Leitungsfähigkeit der Politik, sind mit den Ergebnissen politischer Entscheidungen nicht einverstanden, empfinden Politik persönlich häufig als ungerecht und kritisieren die Strukturen des politischen Systems. Das Ansehen der Parteien und die Glaubwürdigkeit der Politik sind bei diesen Menschen stark erodiert.

Diese Verdrossenheit hat gute Gründe.

Die Handlungsfreiheit des Staates wird durch die Globalisierung eingeschränkt, während sie die von Unternehmen erweitert. Die Politik ist gezwungen, betriebswirtschaftliche Interessen zu bedienen: Niedrige Steuern, Rechtssicherheit, ein hohes Bildungs- und Forschungsniveau, eine gute Infrastruktur sichern Standortvorteile. Wer diese Grundlagen nicht schafft, gerät wirtschaftlich ins Hintertreffen. Das hat mit Demokratie nichts zu tun. Der Kollege Habermas möge das folgende unautorisierte Zitat verzeihen:

Zwischen Kapitalismus und Demokratie besteht ein unauflösliches Spannungsverhältnis; mit beiden konkurrieren nämlich zwei entgegengesetzte Prinzipien der gesellschaftlichen Integration um den Vorrang.

Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns

Auch bleibt nicht verborgen, dass Verbände, allem voran Wirtschaftsverbände, durch Lobbyismus starken Einfluss auf politische Entscheidungen ausüben, bis hin zur (Vor)Formulierung von Gesetzen auf Ministerialebene. Ein verbindliches Lobbyregister für den Deutschen Bundestag existiert nicht, und Karenzregeln für den Wechsel von Politikern in die Wirtschaft fehlen. Welche Politik ist in wessen Interesse gemacht worden, wenn zum Beispiel ein ehemaliger Bundesverkehrsminister gerne zum Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie gewählt wird? 7Der Chef meint, das sei eine rhetorische Frage, die seiner Antwort nicht bedürfe. Die Sekretärin

Diese von der Wirtschaft angelegten Fesseln hindern die meisten Politiker jedoch nicht daran, ein überzogenes Erwartungsmanagement bezogen auf die Lösung der zahlreichen Probleme zu betreiben. Sie scheinen zu glauben, damit ihre Argumentationsphobie überdecken zu können. So gibt es vollmundige Ankündigungen, aber selten Lösungen und schon gar keine mutigen „großen“. Eindeutige Festlegungen gelten als Fehler, weil man keine Teilklientel verschrecken möchte.

Darin und auch in Bezug auf viele Kernthemen nähern sich die deutschen Parteien symbiotisch einander an.

Ihre Attraktivität erhöht das erkennbar nicht: Seit drei Jahrzehnten haben alle Parteien in unterschiedlicher Intensität Mitglieder verloren. Der Mitglieder-Wähler-Quotient ist in Deutschland auf unter vier Prozent gesunken.8Da die aktiven Mitglieder der politischen Parteien über das politische Personal und die Aufstellung der Kandidaten für Wahlen entscheiden, zeigt sich an diesem Faktum eine Entwicklung, die die Unzufriedenheit mit den gegebenen Verhältnissen verstärken dürfte.

Politische Haltungen können sich auf verschiedene Arten artikulieren. Wer mit „der Politik“ zufrieden ist, kann sich entweder zufrieden-apathisch verhalten oder sich für sie engagieren. Ähnliches gilt für politisch Unzufriedene: Sie können resignieren oder aktiv werden, und zwar gegen die gegebenen Strukturen. Es liegt auf der Hand, dass es Angehörige der zweiten und der vierten Gruppe sind, die sich physisch oder auch digital in den politischen Diskurs einbringen, mit oder ohne Fake News.

Machiavelli zufolge bleibt die Lüge dem Herrscher vorenthalten. Diese Einschränkung ist aufgehoben worden, was in einer Demokratie, in der Meinungsfreiheit zu den verbrieften Grundrechten eines jeden gehören sollte, nur zu begrüßen ist. Wieso also sollte eine Krise dieser politischen Verfasstheit zu diagnostizieren sein?

Wenn es eine Krise gibt, dann ist es eine Dauerkrise9„Dauer“ markiert in diesem Fall eine recht kurze Phase. Die geordnete Mehrheitsentscheidung ist historisch gesehen eine exotische Angelegenheit. In der langen Geschichte des Menschen nimmt sie keinen breiten Raum ein. Selbst wer nur die sogenannte Neuzeit der jüngsten 500 Jahre betrachtet, wird vielfältige politische Systeme finden, in denen Demokratie aber selten eine Rolle spielte. Wenn sie unterginge, bliebe sie eine kurze Episode der Geschichte., die aus der Verfasstheit der Menschen resultiert und die Churchill, bekannt als Verteidiger der Demokratie als die beste aller denkbaren schlechten Regierungsformen, prägnant formuliert:

Das grösste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler.

Ich danke, wie immer, meiner Sekretärin.

Dezember 2019