Si vis pacem ???

Der Nieselregen der letzten Tage hatte den Schnee in und um Bärenleben schmelzen lassen. Die Erde roch wieder nach Erde und nach Wurzeln und nach keimendem Leben. Nach langer Winterruhe trieb es Bärdel zu einem Morgenspaziergang, aber den wollte er natürlich nicht allein unternehmen.

Baerdel

Er rief nach Kulle. Ein wenig artikulierter Laut aus einem Gebüsch am Dorfteich antwortete ihm. Bärdel trabte dorthin und begrüßte im Vorbeigehen Oicy, die wehmütig die letzten schmelzenden Eisschollenreste betrachtete. Ihre Kinder schlossen sich sofort Bärdel an, als sie ihn bemerkten.

Eisbaeren

Kulle hocke unter einem Forsythienbusch, dessen Knospenspitzen schon gelbe Farbe zeigten. Er freute sich aber nicht an der zarten Frühlingsankündigung, sondern schaute nach unten und werkelte an öligen Metallteilen herum, die er vor sich auf einem schmierigen Lederlappen ausgebreitet hatte. Weder Bärdel noch die Eisbärenzwillinge hatten jemals etwas Ähnliches gesehen.

Folgerichtig erkundigte sich Bärdel: ”Was ist das denn?” Vor lauter Verblüffung vergaß er sogar einen Morgengruß – dabei war er doch ein sehr höflicher Bär!

„Das ist eine Glock”, knurrte Kulle. Der Tonfall verriet, dass er auch noch hatte sagen wollen: ‚Frag nicht so blöd – das sieht man doch!’

Bärdel holte tief Luft und nutzte die damit gewonnene Zeit, um darüber nachzudenken, was er dazu sagen sollte.

So konnte Na ihm zuvorkommen: ”Aber nein, Onkel Kulle, Du schwindelst uns an. Eine Glocke sieht doch ganz anders aus!”

Bärdel hatte zu Ende überlegt, bevor Kulle explodieren konnte. ”Wozu brauchst Du eine halbautomatische Pistole?” fragte er. Na war zwar oft naseweis, aber auch sehr intelligent. Sie begriff sofort, und vor Überraschung kullerten ihr fast die Augen aus dem Kopf. Auch Nuk sah man ihre Verwirrung an.

„Zur Verteidigung. Zur Selbstverteidigung. Si vis pacem, para bellum!”

Die Zwillinge hatten genug Latein bei Kulle und Athabasca gelernt, um den Spruch mühelos übersetzen zu können: ‚Wenn Du Frieden willst, bereite den Krieg vor’. Sie verstanden die Aussage, nicht aber den Zusammenhang mit Kulles Tun. Bärdel ging es ebenso.

„Wer bedroht denn unseren Frieden” – er war klug genug, um ‚unseren’ zu sagen und nicht ‚Deinen’ -,”so dass wir uns gegen Aggressoren bewaffnen müssen?” fragte er.

„Jetzt tu bitte nicht so dumm!” fauchte Kulle.”Winterschlaf hin, Winterschlaf her, wir haben in diesem mal wieder zu warmen sogenannten Winter nicht durchgeschlafen und genug Nachrichten verfolgt, um zu wissen, dass die Welt aus den Fugen ist!”

Na konnte mit dem Wort ‚Fuge’ nur Musikstücke verbinden, deren Meisterkomponist Johann Sebastian Bach gewesen war, aber Nuk knuffte sie in die Rippen, bevor sie nachfragen konnte. Wir Kinder halten jetzt mal ein paar Minuten lang den Mund, sollte das heißen. Na gehorchte folgsam. Es ging anscheinend um die Welt, und da wussten die Erwachsenen bestimmt besser Bescheid als sie.

Bärdel hatte sich gerade intensiv mit Shakespeare beschäftigt und wusste deshalb, dass für Hamlet nicht die Welt, sondern die Zeit aus den Fugen war. Das war jetzt egal – das eine war so schlimm wie das andere. Und er wusste auch Bescheid über die aktuelle Politik.

„Natürlich weiß ich das. Die schöne ‚Friedensdividende’, an die die Menschen bei dem Ende des Kalten Krieges 1990 geglaubt haben, ist verspielt. Nine eleven. Irak. Afganistan. Libyen. Syrien. Ägypten. IS. Ukraine… es gibt genug böse Akteure auf der Welt!”

Kulle hatte seine Pistole erfolgreich zusammengebaut und konnte sich endlich auf ein Streitgespräch konzentrieren.

„Recht hast Du,” begann er harmlos. Und in mindestens genauso harmlosem Ton wollte er wissen: ”Wer sind denn die bösen Akteure?”

„Das liegt doch auf der Hand. Al Quaida. Die Taliban. Al Assad. Die Muslimbrüder. Putin. Die Liste ist verlängerbar.”

Bärdel war arglos in die Falle getappt. Er hätte es wissen müssen: Immer wenn Kulle ein ‚denn’ in eine Frage einbaute, führte er Böses im Schilde.

„Die Liste ist in der Tat verlängerbar.” Kulle genoss seinen Triumpf im Voraus, packte sorgfältig seine Pistole ein, ließ sich Zeit mit der Antwort.

„Wer Al Quaida sagt, darf Saudi Arabien nicht vergessen.

Die USA haben die Taliban gepäppelt, solange sie noch willige Kämpfer gegen die UdSSR waren, die damals Afghanistan besetzt hatten.

Al Assad ist ein Chamäleon, jetzt schillert er schon fast wieder gut, weil der IS schlimmer ist als er.

Ist der Mubarak-Nachfolger Al-Sisi besser als die Muslimbrüder? Die Folterkeller hat er nicht geöffnet, wie man sagt, aber der ‚Westen’ arbeitet gern mit ihm zusammen.

Und Putin macht nichts anderes als die angeblich zivilisierten Menschenrechtler in der westlichen Welt.”

Der letzte Satz kam so handzahm, so beiläufig, so unbedeutend, dass er an Nanuks Ohren harmlos vorbeidriftete. Die Eisbärenkinder hatten Hunger auf ein ordentliches Frühstück bekommen – was scherte sie da Putin?

Eisbaeren

Bärdels Ohren waren dagegen gezückt. Jetzt waren sie offen für jeden Unterton von Kulles Aussagen. Und: Er war bereit, sich zu wehren.

„Putin hat das Völkerrecht verletzt! Putin hat Staatsgrenzen gewaltsam verschoben, und zwar in Europa! Putin führt einen unerklärten Krieg gegen die Regierung der Ukraine!”

„Yo!” sagte Kulle. Er klang so selbstsicher wie Jesse Pinkman, der gerade eine ordentliche Charge Chrystal hergestellt hatte. ”Hat er getan!” Nach einer Pause fügte er beiläufig hinzu: ”Wie ich schon sagte: Er hat gemacht, was alle anderen auch machen.”

Bärdels Ohren sanken. Wenn Kulle so sicher auftrat, dann hatte er entweder völlig gute oder völlig schlechte Karten und pokerte einfach hoch. Jetzt, schien es ihm, war Kulle obenauf.

„Die USA haben das Völkerrecht verletzt, als sie 2003 den Iran angriffen. Die Begründung dafür, der Staat besitze Massenvernichtungswaffen, war erlogen.

Die USA suchen mit militärischen Mitteln, vor allem mit Drohnen, führende Köpfe islamistischer Vereinigungen und töten sie. Das geschieht jenseits rechtsstaatlicher Prinzipien. Das ist Mord. Sogenannte ‚Kollateralschäden’ werden billigend in Kauf genommen.

Frankreich verletzt permanent das Völkerrecht, denn die französische Armee maßt sich an, in afrikanischen Staaten zu intervenieren, die ehemalige Kolonien sind.

Deutschland ignoriert internationale Konventionen, indem es Waffen in Krisengebiete liefert.

Eine von der UN nicht autorisierte Militärallianz bekämpft den IS und versorgt die Peschmerga mit Waffen. Die Peschmerga sind keine offizielle Armee und agieren innerhalb keines offiziellen Staates.

Die Liste ist verlängerbar.”

Kulle schwieg und gab sich Mühe, nicht zu grinsen.

Bärdel gab sich Mühe, seine Gedanken zu ordnen.

„Aber … aber Putin handelt aus Eigennutz!”

„Wer nicht?” konterte Kulle kalt.

„Aber…” Na wusste nicht weiter.

„Was: Aber?” fragte Kulle. Er fragte warm. Er mochte die Kleinen.

„Aber gibt es nicht den guten Eigennutz und den bösen Eigennutz?” fragte Na .”Ich meine, gibt es nicht das Handeln, das allen oder zumindest den meisten nutzt, und das entgegengesetzte?”

„Alle Handelnden behaupten, Gutes zu wollen. Alle wollen auch Gutes, aber nur für sich selbst.”

„Gibt es keine Menschen, die etwas tun, damit es allen Menschen und allen Bären und allen überhaupt nützt?”

„Nicht mehr.” Kulle dachte an die rote Fahne in der hintersten Ecke seiner Höhle, aber er verdrängte die Erinnerung.

Na ließ den Kopf hängen. In einer Ecke ihres Gehirns steckte jedoch das ‚aber’ und ließ sich nicht vertreiben. Mit dem Gespür, über das nur eineiige Zwillinge verfügen, wusste Nuk das. Und sie half:

„Onkel Kulle, Tante Atti hat uns noch einen ähnlichen lateinischen Spruch beigebracht. ‚Si vis pacem, cole iustitiam’. (Wenn Du den Frieden willst, pflege die Gerechtigkeit) Der steht als Motto über dem Friedenspalast in Den Haag, dem Sitz des Internationalen Strafgerichtshofs. Der bestraft Kriegsverbrechen und andere schlimme Sachen. Ist das nicht ein besserer Leitfaden als Dein ‚para bellum’?”

Kulle reagierte sofort :”Ein viel besserer Leitfaden! Kommt her, Ihr Beiden, lasst Euch knuddeln!”

Zufrieden sprangen die Eisbärenschwestern in Kulles Arme und ließen sich streicheln. Mehr sagte Kulle nicht, und dafür war Bärdel ihm sehr dankbar.

Natürlich wussten die alten Bären, dass weder die USA noch Russland den Internationalen Strafgerichtshof als Institution anerkannten. Die beiden Kleinen würden das früh genug erfahren.