Bemerkungen zum Untergang

P. D. Kulle

Der Mensch als zoon politikón ist zwar kein zwangsläufig staatenbildendes, wohl aber ein sich in Gesellschaften formierendes Tier. Seine Sozialgeschichte zeigt dabei Entwicklungsmuster, deren Gesetzmäßigkeiten es auf den Grund zu gehen gilt.

Unter Gesellschaft verstehen wir eine soziale Gemeinschaft, deren Mitglieder einen Wertekanon teilen 1. Zu diesem Kanon gehören also ideologische, ethische und ästhetische Aspekte, die qua Enkulturation von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Die aus diesem Kanon resultierenden Haltungen der der Gesellschaft angehörenden Individuen sind dementsprechend recht persistent.

Daneben ist für eine Gesellschaft ein bestimmter Entwicklungsstand der Produktivkräfte charakteristisch, woraus sich deren Produktionsverhältnisse ergeben. Diese wirtschaftlichen Gegebenheiten werden durch adäquate politische Rahmenbedingungen abgesichert 2.

Kleine menschliche Gesellschaften können statisch sein. Das ist der Fall, wenn ihr Stoffwechsel mit der Natur sehr gering ist, wenn sie als Jäger und Sammler leben. Wir beobachten dergleichen noch heute bei isolierten indigenen Gruppen in Lateinamerika und auf einigen Inseln.

Diese Gruppen sind aber aktuell nicht Gegenstand unseres Interesses 3. Wir fragen uns stattdessen: Was hat große, hoch entwickelte Gesellschaften wie z. B. die Maya, das Römische Reich, das minoische Kreta, die Anazasi, Angkor Wat, die Osterinsel, die Weimarer Republik oder die Sowjetunion zerstört?

Charakteristisch für solche Gesellschaften ist nicht ein geringer, sondern ein starker Stoffwechsel mit der Natur 4, bei dem die Gefahr, die eigene Lebensgrundlage zu zerstören, sehr hoch ist. Konkret: Gefahren sind Entwaldung und damit Lebensraumzerstörung, denn mit dem Holz verschwinden Rohstoffe und Nahrungsmittel, und Mikroklima und Wasserhaushalt können sich dramatisch verändern 5. Wesentlich sind auch Probleme mit Acker- und Weideland wie Erosion, Versalzung, abnehmende Fruchtbarkeit. Im Zusammenhang damit sind Fehler bei der Wasserbewirtschaftung zu nennen, die zu Versalzung wie auch zu Übernutzung führen können. Auch Proteinquellen werden aufgrund von übermäßiger Jagd und Überfischung nicht nachhaltig genutzt.

Je entwickelter die Gesellschaft, desto größer der Bedarf an Rohstoffen, desto höher die bei deren Gewinnung und Verarbeitung in die Umwelt entlassenen mehr oder minder toxischen Emissionen, desto größer also der ökologische Fingerabdruck des einzelnen Menschen 6.

Worin liegt die Ursache solcher menschengemachter Fehler? Sie liegt in der schieren Zahl der Gesellschaftsglieder. Während bei normalen Säugetieren körperliche Veränderungen oder Verhaltenssignale die fruchtbaren Phasen der Frauen anzeigen, wird der Eisprung bei Menschenfrauen bestenfalls vom betroffenen Individuum wahrgenommen. Der Geschlechtsakt beim Menschen ist dementsprechend nicht zwingend mit der Fortpflanzung verbunden 7, Menschen üben ihn wesentlich häufiger aus als andere Säugetiere und zeugen permanent Nachkommen. Ist es möglich, die Kinder zu ernähren, werden sie großgezogen. In entwickelten Gesellschaften ist das eher der Fall als in statischen. Das führt jedoch zur Zerstörung des Lebensraums.

Denn das Bevölkerungswachstum zwingt die Menschen zur Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion und zur Ausweitung der Produktionsflächen: Statt gut geeigneter Flächen muss man nun auch weniger gute bewirtschaften, um immer mehr hungrige Münder zu füttern. Nicht nachhaltige Methoden führen zu den zuvor aufgeführten Umweltschäden, mit der Folge, dass man landwirtschaftliche Flächen aufgeben muss. Daraus erwachsen für die Gesellschaft zahlreiche Folgen: Nahrungsknappheit, Hungersnöte, Krieg um knapp bemessene Ressourcen. Schließlich geht die Bevölkerungszahl durch Hunger, Krieg oder Krankheiten zurück, und die Gesellschaft verliert  einen Teil der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Komplexität, die sie in ihrer Blütezeit besessen hatte 8.

Natürlich gibt es auch andere Ursachen für den Niedergang oder Untergang entwickelter Gesellschaften als selbstindizierte. Etliche solcher Ursachen lassen sich nicht oder nur äußerst kurzfristig vorhersagen: Meteoriteneinschläge, Tsunamis, Erdbeben oder Vulkanausbrüche 9.

Der der eigenen Spezies geschuldete Verfall kündigt sich dagegen in der Regel durch eine drohende oder schleichende Verschlechterung der Lebensbedingungen 10 an, und das generiert Ängste. Die Menschen befürchten die Erosion gewohnter Strukturen, allen voran den Verlust ihrer Einkommensquellen (vulgo: Arbeit) und die Zerstörung ihrer privaten Beziehungen (vulgo: Familie),  auch ihrer Religion. In solchen Situationen suchen Menschen nach sogenannten „einfachen Lösungen“: Sie wittern allenthalben Verschwörungen, suchen Sündenböcke, die an „allem“ schuld sind, und gieren nach dem „starken Mann“ 11, der all die Unordnung in die gewünschte Ordnung zurückführen soll.

Der „starke Mann“ ist in der Regel in vielerlei Gestalt rasch bei der Hand. In der Türkei wird er durch Recep Tayyib Erdogan verkörpert, in Russland durch Wladimir Wladimirowitsch Putin, in Brasilien durch Jair Bolsonaro, in den USA durch Donald John Trump … die Liste ist verlängerbar. Wie er auch heißen mag, er propagiert und verspricht stets das Gleiche: Wir in unserem Land sind besser als die anderen. Wir halten alle zusammen und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Wir sind alle gleich – das trifft natürlich nur für die zu, die wirklich zu uns gehören. Wir haben denselben Glauben und praktizieren dieselben Rituale. Wenn wir alle zusammenstehen, stellen wir die guten alten Zustände wieder her. Was sie nicht sagen aber meinen, ist: Wir negieren Pluralismus.

Die vier Genannten haben bisher darauf verzichtet, die Demokratie (völlig) abzuschaffen. Sie haben sich bzw. die ihnen zugehörigen Institutionen also wählen lassen und können dementsprechend mit gewissem Fug und Recht behaupten, den Willen des Volkes zu exekutieren. Sie befinden sich in illustrer Gesellschaft: Auch Adolf Hitler hat sich bis zu seinem unseligen Ende auf das „Deutsche Volk“ berufen.

Um auf den Boden der politischen Theorie zurückzukehren: Wenn die Produktionsverhältnisse gefährdet sind, wird der gesellschaftliche Überbau instrumentalisiert, um die Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren.

Für eine Weile mag das gutgehen. Da die Existenzbedingungen der Menschen sich inzwischen jedoch nicht ameliorisiert, sondern peorisiert haben 12, kann diese Herrschaft nur von kurzer Dauer sein. Denn zu den oben genannten, von Menschen induzierten Gefährdungen sind andere gekommen: die Klimakatastrophe, die Anhäufung toxischer Stoffe und die „Herrschaft“ über die Biodiversivität, die in ein gigantisches Artensterben mündet. Mindestens ebenso bedeutend ist, dass die gewählten – oder auch ursupatorischen – Eliten und ihre Klientel Partikularinteressen vertreten, nämlich ihre eigenen, die auf ihr aktuelles Wohlleben ausgerichtet sind. Langfristige Perspektiven, Interessen anderer oder gar der gesamten Spezies sind da eher kontraproduktiv 13.

Für die aus Partikularinteressen resultierenden Konflikte kennen die Menschen seit Urzeiten eine Lösung: Krieg. 

Pfffffftttt

Dezember 2018

Ich danke – wie immer – meiner Sekretärin.

  1. Marx bezeichnet diesen Kanon als gesellschaftlichen Überbau.
  2. Für menschliche Leser, denen diese Einführung zu abstrakt sein mag, gebe ich ein Beispiel: Für eine kapitalistische Gesellschaft, in der das Arbeitsverhältnis auf einem Vertrag zwischen Bourgeois und Proletarier fußt, kann es keinen Sklavenhalterstaat geben, in dem die Arbeitskraft keine Ware, sondern der die Arbeitskraft innehabende Mensch Eigentum seines Besitzers ist.
  3. Schade eigentlich. Es wäre doch spannend zu erfahren, wie Menschen tausende von Jahren leben und überleben können, ohne die Erde zu ruinieren. Die Sekretärin
  4. Es scheint angebracht, diesen ausgeprägten Stoffwechsel als Ausbeutung zu bezeichnen, auch wenn der verehrte Kollege Marx diesen Begriff wesentlich enger fasst.
  5. Der Chef möchte zu gern wissen, was die noch überlebenden Bewohner der Osterinsel gedacht haben, als sie den letzten Baum fällten, nur um die allerletzte, allergrößte Moai ihres Lokalfürsten aufstellen zu können. Ich auch. Die Sekretärin
  6. Diese Mechanismen gelten ebenso für moderne Gesellschaften, wobei Kausalzusammenhänge durch die Geldform des Tausches und internationale Arbeitsteilung verschleiert werden. Sie gelten auch für den Verfall und letztlich Zerfall der Sowjetunion.
    Die staatskapitalistischen Planer setzten auf den Export von Rohöl, um Devisen einnehmen zu können. Damit sollten für die Ernährung der Bevölkerung unabdingbare Weizenimporte bezahlt werden. Der Barrelpreis für Rohöl sank zwischen 1980 und 1987 allerdings auf (auf, nicht um!) 25%, und gleichzeitig sank die Produktionsleistung sowjetischer Ölfelder um (um, nicht auf!) ein Drittel. Es fehlten also die Mittel zur Ernährung der Bevölkerung, ebenso zur Finanzierung des von den USA oktroyierten Wettrüstens wie auch zur Führung des selbst verschuldeten Krieges in Afghanistan. Auch der Verkauf des staatlichen Goldschatzes – 1985 immerhin noch 2500 Tonnen – konnte den Bankrott nicht verhindern.
  7. Manche Kirchen sähen das allerdings gern anders.
  8. Wie gering die Menschen in entwickelten Gesellschaften geschätzt wurden und werden, zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der sie zugrunde gerichtet werden. Im Aztekenreich opferte man den Göttern Menschenherzen. Im europäischen Mittelalter beseitigte die Inquisition die Repräsentantinnen der Pflanzenheilkunde, die sie Hexen nannte. Während des Nationalsozialismus vernichteten die deutschen Faschisten alle Menschen, die sie als Juden bezeichneten. Und was ist der Einsatz von Soldaten anderes, als ihren Tod ins Kalkül zu ziehen? Die seit der amerikanischen und französischen Revolution so oft in Sonntagsreden beschworenen Menschenrechte sind oft nichts anderes als wohlfeile Lüge.
  9. Die minoische Kultur auf Kreta ist vermutlich dem Ausbruch eines Vulkans auf der Insel Santorini zum Opfer gefallen.
  10. In der Regel, aber keineswegs immer. In ihrem dystopischen Roman „Der Bericht der Magd“ schildert Margaret Atwood eine patriarchalische Theokratie, entstanden durch einen Staatsstreich, in der Herrschaft durch Terror ausgeübt wird und die wenigen noch fruchtbaren Frauen zu rechtlosen Sexwerkzeugen erniedrigt werden.
  11. Warum eigentlich nicht nach der „starken Frau“? Die Sekretärin
  12. Der Chef kann sich immer noch nicht einfach ausdrücken. Er meint „nicht verbessert, sondern verschlechtert“. Die Sekretärin
  13. Den Bären kann das freuen, kann er doch hoffen, dass der Mensch sich umbringt, ehe er das Ökotop auslöscht.