Anmerkungen zu Theorie und Realität des Freihandels

P. D. Kulle

Zu Zeiten, als freier Handel zwischen Ländern verpönt war, leistete der geschätzte Kollege David Ricardo 1817 Bahnbrechendes, um ihm zu Ehren zu verhelfen. Er entwickelte eine Theorie, bekannt geworden unter dem Namen der Theorie der komparativen Kosten, in der er bewies, dass sich freier Handel immer lohne, selbst dann, wenn die Produktionskosten in einem Land höher sind als in dem anderen.

Er bewies diese erstaunliche Behauptung tatsächlich, allerdings unter Annahmen, die einfache Bedingungen setzten: Er nahm zwei Länder an, die jeweils ein Produkt herstellten, das als Ware getauscht wird, Länder, in denen gleiche Arbeitskosten existierten und deren Kapital national gebunden war. Stellten sich beim Warenaustausch Verwerfungen ein, wurde ggf. eine Währung abgewertet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Jahr 2016 war Freihandel dagegen offiziell das Credo der kapitalistischen Wirtschaftswelt – bis der designierte US-Präsident Trump andere Prioritäten ankündigte. Mit diesem Clash of Priorities werden wir uns im Folgenden auseinandersetzen.

Auf der Erde gibt es knapp 200 sehr verschiedene Staaten, die meisten davon mit kapitalistischem Wirtschaftssystem, und alle treiben Handel mit anderen, wenn auch sehr unterschiedlich intensiv. Es existieren Ländergruppen, die zu Freihandelszonen, zu Zollunionen oder zu Staatenbünden zusammengeschlossen sind, dort ist der Austausch von Waren, Dienstleistungen und Kommunikation besonders intensiv. Zwischen verfeindeten Staaten(gruppen) findet dagegen kaum Handel statt
(1).

Ricardo konnte am Beginn des 19.Jahrhunderts zu Recht davon ausgehen, dass eine Ware komplett in einem Land gefertigt wird, in seinem Beispiel sind das Wein in Portugal und Wolltuche in England. Eine solche Art der Produktion stellt heute allerdings eher die Ausnahme als die Regel dar. Die zahllosen, oft nutzlosen (2) Produkte, mit denen der Weltmarkt überschwemmt wird, werden zumeist international im Auftrag supranationaler Unternehmen arbeitsteilig gefertigt: Die Rohstoffe stammen vielleicht aus dem Kongo, wie seltene Erden (3), oder aus Ägypten, wie Baumwolle (4), sie werden weiter verarbeitet zu High-Tech-Geräten in China oder zu Kleidungsstücken in Vietnam oder Bangladesh (5), und von dort finden sie ihren Weg zu Endverbrauchern in den USA oder der Europäischen Union.

Diese Art der Produktion bedarf natürlich eines funktionierenden, billigen Transportsystems, das auf der Langstrecke“ durch Frachtschiffe und Flugzeuge, über kürzere Distanzen durch LKWs realisiert wird (6).

Solch parzellierte Produktion, solch konzertierte Distribution bedarf der permanenten Kommunikation, der Planung und Überwachung. Mit der klassischen Briefpost ließe sich hier nichts ausrichten, auch nicht mit den modernen Mitteln der Telekommunikation wie etwa dem Telegrafen oder dem Fernschreiber: Zu groß sind die Datenmengen, zu dringend ist die Notwendigkeit der Verständigung ohne jeden Zeitverzug. Das Internet macht das möglich (7).

Es versteht sich von selbst, dass unter derartigen Bedingungen Kapital frei flottieren kann und muss: Als Investitionskapital allemal, aber auch als Spekulationssubjekt, trachtet es doch immer nach Profit und ist kühn genug, sich dem Glücksspiel anheim zu geben. (8)

1948 wurde das GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) gegründet, 46 Jahre später ersetzte die WTO (World Trade Organization) dieses Abkommen. Über 160 Unterzeichnerstaaten des WTO-Vertrages sind sich offiziell einig in dem Bemühen, tarifäre (9) und nicht tarifäre (10) Handelshemmnisse zu verringern und gegen Null zu reduzieren. De facto wird jedoch häufig versucht, die eigenen Produzenten vor Konkurrenz-Importen zu schützen. Dabei kommt es oft zu Ungleichgewichten (11). Auch ist es offiziell nicht gestattet, die Produktion oder den Export der eigenen“ Wirtschaft zu subventionieren. Diese Regel wird ebenfalls gern missachtet. (12)

Überschüsse und Defizite eines Staates bei Export und Import werden bilanziert. Auch hier muss zwischen einer offiziellen und einer tatsächlichen Zielsetzung unterschieden werden: Eine ausgeglichene Leistungsbilanz, also eine wertmäßige Gleichheit von importierten und exportierten Waren und Dienstleistungen, wäre in der Tat für alle Volkswirtschaften am vorteilhaftesten, aber unter dem Aspekt des nationalen Egoismus wünscht man natürlich einen Exportüberschuss, denn die Steuern aus dem Verkaufserlös der Im Inland produzierten Güter werden im Inland gezahlt. (13)

Die Defizite bzw. Überschüsse einiger Staaten beim Warenhandel stechen auffallend hervor. Nehmen wir das Jahr 2016: Das Handelsbilanzdefizit der USA betrug knapp 800 Milliarden US-Dollar, während die Volksrepublik China einen entsprechenden Überschuss von 510 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete. Der Überschuss Deutschlands belief sich auf 250 Milliarden Euro (14). Alle drei Staaten pflegen intensive Handelsbeziehungen miteinander. Ein Grundschulkind könnte auf die Idee kommen, dass das Defizit und die Überschüsse einander in etwa decken. Trump, der Amerika“ wieder groß machen möchte, kam auf die Idee, gegen die Importflut Strafzollmauern zu errichten (15). Wie sinnvoll sind solche Maßnahmen?

Das Handelsbilanzdefizit beruht zum großen Teil auf dem Import von Konsumgütern aus der VR China. Der Import von Rohöl, in früheren Jahren weitgehend aus dem Nahen Osten, ist dagegen zurückgegangen (16). Das ist dem Fracking zu verdanken, einer Horizontalborungmethode, die unter Zuhilfenahme von Wasser und chemischen Zusatzstoffen Gesteinsschichten aufbricht und so Öl und Gas gewinnen kann. (17) Dennoch wächst das Handelsbilanzdefizit, denn der Wert aller Exportwaren aus den USA nimmt beständig ab.

Das war bisher kein Grund zur Besorgnis. Die USA sind ein sogenannter Konsumentenmarkt, das heißt, dass das volkswirtschaftliche Wohl und Wehe primär vom binnenwirtschaftlichen Konsum abhängt, nicht vom Außenhandel. Und: Die monetären Verluste aufgrund der negativen Außenhandelsbilanz werden beständig kompensiert: Die VR China hält US-Staatsanleihen im Wert von mehr als einer Billion Dollar, allerdings ist die Tendenz rückläufig. Und die Petrodollars, die die Staaten des Nahen Ostens eingenommen haben, wurden gern wieder in den USA investiert. (18)

Richtig ist jedoch, dass in den USA in den letzten Jahrzehnten aufgrund des Strukturwandels zahlreiche Arbeitsplätze verloren gingen, so in der Automobilindustrie, in der Kohlgewinnung und Verarbeitung und in der Holzindustrie. Der sekundäre Sektor trägt nur noch 20% zum BIP bei, nahezu 80% werden im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet. (19)

Was könnte getan werden, um das US-Handelsbilanzdefizit zu verringern und im eigenen Land Arbeitsplätze zu schaffen?

Eine Abwertung des Dollars hätte keine Auswirkungen auf den Binnenmarkt, wohl aber auf den Außenhandel, denn amerikanische Produkte würden sich verbilligen. Eine derartige Maßnahme steht aber nur autoritären Regimes zu Gebote. Der Dollarkurs dagegen ist allein der Willkür der Devisenmärkte ausgesetzt und kann von der US-Notenbank nur indirekt durch die Höhe des Zinssatzes, zu dem sich Banken Geld leihen können, beeinflusst werden.

Also bietet sich die Möglichkeit an, die Trump ins Auge gefasst hat: (20) Schutzzölle auf Importwaren erheben.

Die Folgen einer solchen Maßnahme sind zahlreich. Aufgrund von Schutzzöllen steigen die Preise für Importwaren, was den Absatz dieser Waren und damit Importe verringert. Sollten die bisherige Importeure keine neuen Märkte erschließen können, führt das in ihren Ländern zu erhöhter Arbeitslosigkeit. Dagegen dürfte in den USA die Inlandsproduktion für den Eigenbedarf steigen. Die Produktion für den Export dürfte sich aber eher rückläufig entwickeln, denn die Geschichte (21) zeigt, dass die Staaten, deren Volkswirtschaften von Schutzzöllen betroffen sind, ihrerseits Zollmauern errichten (22). Werden immer mehr Staaten in diesen Strudel hineingezogen, nehmen die Weltproduktion und der Welthandel ab, damit werden Arbeitsplätze vernichtet, die Kaufkraft sinkt, und es entwickelt sich eine internationale Rezession.

Um den politischen Zustand der Welt ist es nicht sonderlich gut bestellt (23), um den sozialen ebenfalls nicht, aber die brummende Weltkonjunktur hat das Elend des Lebens immerhin für Millionen Bewohner der sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer erträglicher gemacht. Fallen die gegenwärtigen Erwerbsmöglichkeiten fort, so sind soziale Verwerfungen, soziale Unruhen, politische Instabilität absehbar. In einer Phase, in der die Menschheit sich weiterhin unkontrolliert vermehrt und in der der Klimawandel sich auszuwirken beginnt, sind deren Folgen kaum abzusehen.

Für die Natur, für die Umwelt“, wie die Menschen abschätzig zu sagen pflegen, wäre eine solche Entwicklung allerdings eine gute Nachricht. Die Übernutzung der irdischen Ressourcen könnte zumindest verlangsamt werden – gestoppt werden wird sie vermutlich nicht. (24)

April 2018


Fußnoten

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(1) Wäre es anders, brauchten die Menschen z.B.im Gaza-Streifen keinen Mangel zu leiden.

(2) Um diese Bewertung nachzuvollziehen, genügt es, das Sortiment eines beliebigen Billigkaufhauses in Augenschein zu nehmen, falls man es wagt, sich den olfaktorischen Attacken der Weichmacher der angepriesenen Waren auszusetzen.

(3) Rohstoffe aus dem Kongo, sei es Blut-Koltan oder seien es Blut-Diamanten, werden unter unsäglichen Bedingungen geschürft und finanzieren oft die Budgets von Warlords.

(4) Die Baumwollpflanze benötigt sehr viel Wasser – ein Gut, das in Ägypten nicht gerade im Überfluss vorhanden ist.

(5) Arbeiterrechte sind in den drei genannten Ländern unbekannt.

(6) Ob es sich um Tanker, Schüttgutfrachter oder Containerschiffe handelt: Sie alle werden mit „Bunker“, also mit Bitumen, betrieben. Flugzeuge vieler Staaten fliegen mit subventioniertem Kerosin. LKWs fahren mit Benzin oder Diesel. Alle Transportmittel befördern den Treibhauseffekt in hohem Maße.

(7) Ob es wirklich nur ein Zufall ist, dass das Internet seine Existenz der militärischen Kommunikation verdankt?.

(8) So muss Apple die Firma Foxconn in beiden Chinas finanzieren können und vorgeben, ein irisches Unternehmen zu sein, um im Heimatland USA kaum Steuern zu zahlen. So hat die Deutsche Bank sich von ihren Kleinanlegern verabschiedet und sich auf das Investmentgeschäft verlegt, um mindestens 25% Profit zu machen, das wollte zumindest der weiland Vorstandsvorsitzende Ackermann. Dass das Glücksspiel sich in ein Unglücksspiel verkehren kann, zeigt der gegenwärtige desolate Zustand des ehemaligen deutschen Bankenflaggschiffs.

(9) Zölle betreffend.

(10) nationale Bestimmungen betreffend, z. B. Vorschriften im Lebensmittelrecht. Besonders aktiv ist in diesem Bereich die Volksrepublik China, die ausländisches Kapital nur in Form von Beteiligungen an chinesischen Unternehmen gestattet.

(11) Die EU geht hier keineswegs mit leuchtendem Beispiel voran. Für Autos aus den USA müssen z. B. 10% Zoll gezahlt werden, während die USA im Gegenzug nur 2,5% erheben.

(12) Auch hier spielt zum Beispiel die Europäische Union eine unrühmliche Rolle. Die Massen-Geflügelhaltung dort generiert eine Überproduktion minderwertiger Fleischteile der Tiere, da auf dem europäischen Markt oft nur die Brustfilets nachgefragt werden. Flügel und Keulen werden zum großen Teil auf afrikanische Märkte verbracht, wo sie die nicht konkurrenzfähigen einheimischen Produzenten längst verdrängt haben. Die ihrerseits sehen keinen anderen „Ausweg“, als in der vergeblichen Hoffnung auf ein besseres Auskommen die städtischen Slums zu vergrößern.

(13) ein Mindestmaß an Steuerehrlichkeit vorausgesetzt

(14) alle Zahlen wurden großzügig gerundet.

(15) Der Unternehmer Trump, der, wie inzwischen offensichtlich ist, weder vom politischen Geschäft noch von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen Ahnung, geschweige denn Kenntnisse hat, denkt rein betriebswirtschaftlich. Und unter betriebswirtschaftlichen Aspekten sind rote Zahlen schlecht, sie müssen in schwarze verwandelt werden. Im Rahmen seines beschränkten Denkhorizonts handelt Trump also folgerichtig. ⤾)

(16) Diese Entwicklung beruht nicht auf der vernünftigen Entscheidung der amerikanischen Autofahrer, das Fahrrad zu nutzen (was, zugegeben, bei manchen Entfernungen in den USA an naturräumliche Grenzen stößt) oder wenigstens auf weniger spritschluckende Modelle umzusteigen – ganz im Gegenteil.

(17) Dabei wird häufig das Grundwasser geschädigt, was Brunnen kontaminieren kann, und es entstehen Erdbeben.

(18) Das schafft übrigens Arbeitsplätze, und sei es nur für die Putzkolonnen in überwiegend ungenutzten Edelimmobilien in der Fifth Avenue, NYC.

(19) Im Dienstleistungsbereich sind etliche „personennahe“ Tätigkeiten vereint, die als gemeinsames Merkmal schlechte Bezahlung aufweisen und sich in Ballungszentren konzentrieren. Arbeitslose Bergleute im ländlichen Kentucky oder entlassene Logger in Washington werden sich darauf kaum vermitteln lassen. Es stellt sich auch die Frage, ob der „White Trash“, den eine skrupellose Medizinindustrie opioidabhängig gemacht hat, überhaupt noch fähig ist, Fast-Food-Burger zu braten.

(20) Oder zumindest ab und zu ins Auge fasst, wenn er nicht völlig Widersprüchliches verlautbart.

(21) Aus der die Menschen angeblich unbedingt lernen sollen, aber noch nie etwas gelernt haben.

(22) Man handelt also Zug um Zug, oder besser, Mauer um Mauer,wie es sich für einen richtigen Deal gehört. Hat Trump sich möglicherweise inzwischen auf diese Art von Mauern eingetwittert, weil er mit dem Bollwerk gegen Mexiko bisher gescheitert ist?

(23) Die Zahl der Staaten mit demokratischen Systemen nimmt seit einigen Jahren ab.

(24) Es sei, denn, Trump trifft sich nicht mit Kim Jong-Un zur friedlichen Teezeremonie, sondern beweist dem Nordkoreaner, dass sein Atomknopf größer ist. Dann beginnt das Spiel des Lebens von vorn. Auch kein Grund zur Aufregung: Im Laufe der irdischen Evolution, sagen die menschlichen Biologen, sind 98 Prozent aller Arten wieder ausgestorben.

 

Der zweite Untergang der Titanic

P. D. Kulle

 

Kulle

 

Der zweite Untergang der „Titanic“

 

“We’re going to have to come to grips with a long-term employment crisis and the fact that — strictly from an economic point of view, not a moral point of view — there are more and more ‘surplus humans.’” — Karl Fogel, partner at Open Tech Strategies, an open-source technology firm.

Vorwort

Das Passagierschiff „Titanic“; war bei der Indienststellung (1) am 2. April 1912 das größte Schiff der Welt und galt als unsinkbar. Auf ihrer Jungfernfahrt von Southampton nach New York kollidierte die „Titanic“ am 14. April 1912 etwa 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland allerdings mit einem Eisberg und sank zwei Stunden und 40 Minuten später. 1514 der über 2200 Passagiere starben, was große Teile der Besatzung aus egoistischen Motiven nicht zu verhindern suchten und was das Bordorchester nicht verhindern konnte, obwohl es bis zur letztmöglichen Minute optimismusfördernde Melodien spielte, um das Ertrinken in den eisigen Fluten angenehmer zu gestalten.
Der US-Kinofilm „Titanic“ aus dem Jahr 1997 gewann elf Oscars und hatte allein in den USA 131 Millionen Zuschauer. Das zeigt, wie sehr die damalige Katastrophe die Menschen der Gegenwart anspricht (2). Überhaupt beweist der Erfolg zahlreicher Hollywood-Produktionen, dass Menschen von Katastrophen magisch angezogen werden – solange sie nicht selbst davon betroffen werden.
Die Erkenntnis ist nicht neu:
Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen. (3)

Was aber hat der Untergang der „Titanic“ vor 105 Jahren mit einer kurzen Untersuchung der sozioökonomischen Gegebenheiten heute zu tun?
Wir werden sehen.

Anamnese

Wir benennen im folgenden einige globale und regionale Fakten beziehungsweise Trends.
• Täglich erhöht sich die Zahl der menschlichen Bewohner des Planeten Erde um etwa 80 Millionen. Am höchsten ist die Fertilitätsrate in Afrika, dem Kontinent, in dem Armut und Nahrungsmittelknappheit am größten sind, während an Diktaturen und Kriegen kein Mangel herrscht.
• Erwerbsarbeit, seit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals mit wenigen Ausnahmen überall die Grundlage für die Gewährleistung eines Lebensunterhalts (4), ist ein rares Gut geworden. Vermutlich sind 2017 mehr als 200 Millionen Menschen arbeitslos (5).
• Die Menschen schaffen qualitativ und quantitativ immer bessere Bedingungen dafür, einander umzubringen. Der weltweite – offizielle – Handel mit Waffen hat ein geschätztes Volumen von jährlich zwischen 40 und 50 Milliarden US-Dollar (6). Eine wichtige Importregion ist der Nahe und Mittlere Osten. Der durchschnittliche Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist weltweit nirgends höher als hier.
• Kriege und Konflikte in Afrika haben zwischen 1990 und 2005 ebenso viel Geld vernichtet, wie an Entwicklungshilfe in den Kontinent geflossen ist – 284 Milliarden US-$.
• Hunger und/oder Kriege sind Fluchtursachen. Weltweit sind über 60 Millionen Menschen auf der Flucht.
• Der Siegeszug der Demokratie ist beendet. Ein in europäischen Staaten wieder salonfähiger Nationalismus, eine russische Führung, die immer selbstbewusster ihr autoritäres Gegenmodell zur westlich-liberalen Demokratie propagiert, der Nahe Osten und der Maghreb, die wieder in Richtung Konflikt und Diktatur kippen, die Türkei auf dem Weg in die Präsidialdiktatur, China im Würgegriff seiner korrupten, alles beherrschenden Partei, die sich nicht entblödet, sich immer noch als kommunistisch zu bezeichnen, und nicht zuletzt die USA, deren Präsident die Unabhängigkeit der Justiz in Zweifel zieht, sind deutliche Indizien.
• Multilaterale Bündnisse und Verträge sind gefährdet, dafür stehen exemplarisch der Brexit“ und auch die Aufkündigung des TTP-Vertrages durch US-Präsident Trump.

Diagnose

Die Symptome zeigen unzweifelhaft ein Krankheitsbild der Weltgesellschaft. Die genannten Probleme werden durch Überfluss generiert, nämlich durch einen Überfluss an Angst.
Platt formuliert: Putin hat Angst, dass Russland von der NATO bedroht wird, Kim Jong-Un meint, sich als Diktator nur halten zu können, wenn er international Drohpotential aufbauen kann, Assad fürchtet sich davor, nicht mehr Diktator Syriens, sondern vielleicht Angeklagter vor dem Internationalen Strafgerichtshof zu sein, Erdogan fürchtet sich vielleicht wirklich vor Gülen… Die Liste ist verlängerbar.
Die Angst der Mächtigen ist beängstigend genug, vermögen doch etliche von ihnen, auf berüchtigte rote Knöpfe“ zu drücken, nachdem einer von ihnen eine rote Linie“ überschritten hat.
Vielleicht noch bedrohlicher ist die Angst der Machtlosen. Sie fürchten nicht um Pfründe. Sie fürchten um ihre Lebensgrundlage. Ihre Lebensgrundlage – das ist ihr Arbeitsplatz. Zumindest ein Arbeitsplatz.
Warum, so fragen sie sich, gibt es nicht genug Arbeitsplätze? Offizielle und offiziöse Antworten sind wohlfeil: Weil Ausländer die Arbeitsplätze gekapert haben (7). Weil zu viele Umweltschutzgesetze existieren. Weil subventionierte Importe die eigene nationale Wirtschaft schwächen (8). Bei derlei Erklärungen wird die Ursache wo auch immer behauptet, nur nicht bei den Unternehmen des eigenen Landes.
Vertreter der politischen und wirtschaftlichen Elite sprechen nur ungern darüber, dass die kapitalistisch organisierte Ökonomie des eigenen Landes zwangsläufig profitorientiert ist. Wenn man schon genötigt ist, Veränderungen im eigenen Land zu thematisieren, bedient man sich gern euphemistischer Formulierungen. Derzeit ist allerorts die Rede von „Industrie 4.0“. Das klingt gut, ist es doch eine Steigerung der „Industrie 3.0“, der Automatisierung durch Elektronik – was soll an Steigerungen negativ sein? Gemeint ist allerdings die Robotisierung des Arbeitsmarktes – das hört sich wesentlich schlechter an. Einer Studie der ING Diba zufolge sind 59% der Arbeitsplätze in Dehland in ihrer jetzigen Form davon bedroht. (9)
Weil diese Prognose so brisant ist, versuchen „Experten“ abzuwiegeln und beschwören für die nächsten Jahre einen drohenden Facharbeitermangel oder orakeln von einem Strukturwandel, der zwar zu höheren Anforderungen an die Arbeitskräfte, aber auch zu höheren Lohnsummen führe. (10)
Wer von den Menschen auch im Zeitalter sogenannter „sozialer Netzwerke“ noch bereit und in der Lage ist, über das hinauszuhorchen, was neuerdings als „Echokammer“ bezeichnet wird, der kommt nicht umhin, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Drohnen anstelle von Paketzustellern, Algorithmen als Autofahrer (11) oder Analysatoren juristischer Texte, elaborierte Schreibprogramme anstelle von Versicherungskaufleuten – die lebendige Arbeit war so effektiv, sich weitgehend durch tote zu ersetzen.
Vor diesen Armen und Arbeitslosen fürchten sich die Mächtigen und versuchen, sie zu beruhigen, indem sie Sündenböcke erfinden (12). Die Armen und Arbeitslosen in den Industriestaaten mit mehr oder weniger tragfähigen sozialen Netzen fürchten sich vor den noch Ärmeren aus Kriegs- und Krisengebieten, die aus ihrer Heimat zu flüchten versuchen.
Sie flüchten sich in die Arme starker „Männer“ (13). Die Ärmsten der Armen werden weiter, auch bei Gefahr ihres Lebens, ins gelobte Land zu gelangen versuchen.

Therapieversuch?

„Wir müssen dringend Maßnahmen zur Schaffung menschenwürdiger Arbeit ergreifen, ansonsten besteht die Gefahr erhöhter sozialer Spannungen und Unruhen“ so Guy Ryder von der ILO.
Woran denkt der Brite Ryder, wenn er so etwas sagt? An die Textilarbeiterinnen in Bangladesh und in Äthiopien? Oder an die Arbeitslosen in England?
Auf einem Planeten mit schon längst übernutzten Ressourcen und einer weiter exponentiell steigenden menschlichen Bevölkerung ist es nicht wahrscheinlich, dass Arbeit menschenwürdig gestaltet werden kann, zumal das bisher auch nicht gelungen ist, falls es überhaupt jemand in nennenswertem Umfang versucht hat.
Bleiben die entwickelten Länder, in denen Ressourcen zur Verfügung stehen, die zur Alimentierung der Bevölkerung genutzt werden können. Es stellt sich die Frage, ob in einer Welt, in der der immer größere Teil der Wertschöpfung von Maschinen geleistet wird, Einkommen teilweise von der klassischen Erwerbsarbeit getrennt werden sollte oder muss.
Es verblüfft, dass Gegner wie Befürworter des Konzepts eines bedingungslosen Grundeinkommens in allen politischen Lagern zu finden sind. Es ist bezeichnend, das viele Väter dieser Idee im Silicon Valley beheimatet sind – wer dort arbeitet, weiß, welche Revolution er befördert, und er ist sich wohl auch bewusst, welchen Sprengstoff sie in sich birgt.
Aber ist ein solches Grundeinkommen sinnvoll? Diese Frage impliziert auch die nach der Notwendigkeit. Wenn man (14) das Leben von Homo sapiens sapiens als notwendig betrachtet, auch dann, wenn er seine sozialökonomische Aufgabe der Weiterentwicklung der Produktionsmittel nicht mehr erfüllt, weil die Produktionsmittel diese Entwicklung selbst in die Metallhände genommen haben, dann lautet die Antwort „Ja“.
Was aber macht der Mensch mit seiner Freiheit, mit seiner Freisetzung, mit seinem überflüssigen Da-Sein? Pflanzt er einen Baum, zeugt er einen Sohn?(15) Verhilft die ausreichende Alimentierung dem Homo sapiens sapiens zum Reich der Freiheit, in dem er morgens Fischer und abends kritischer Kritiker sein kann, oder ist er tagfüllend Konsument des RTL-Fernsehprogramms beziehungsweise tummelt sich in der virtuellen Realität, in der er seine Perversionen ausleben kann?
Was auch immer der durch ein unabhängiges Grundeinkommen in den Industrieländern alimentierte Mensch tun wird, ob er gar nicht oder völlig in einer Echokammer gefangen sein wird, er wird sich Informationen von außen nicht völlig verschließen können. Er wird erfahren, dass die Flüchtlinge aus Afrika an seine europäische Tür klopfen. Er wird wissen müssen, dass Waffen eingesetzt werden, in seinem Haus oder „weit, in der Türkei“.
Er wird erleben, dass „seine“ Welt untergeht, „seine“ Titanic, und er wird die Lust an Katastrophen verlieren, falls seine mentalen Ressourcen noch ausreichen, um an Lust zu denken.
April 2017

Kulle

Fußnoten:

Wenn Sie die Maus kurz über der Fußnote verharren lassen, wird der Text der Fußnote angezeigt – falls das nicht klappt, hier sind noch einmal alle Fußnoten:

  1. Ein fürchterliches dehländisches Menschenwort!
  2. Auch wenn die Untergangsstory durch eine süßliche Liebesgeschichte geschmeidig gemacht wurde.li>
  3. Goethe, Faust. Erster Teil. Vers 860ff. Inzwischen ist die Türkei, in der die Völker immer noch aufeinander schlagen, dem dehländischen Spießer recht nahe gerückt.
  4. oder zumindest die Chance darauf
  5. Schätzung der ILO, der internationalen Arbeitsorganisation
  6. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2012, sind also viel zu niedrig.
  7. Das behauptet in Dehland zum Beispiel die NPD.
  8. Das behauptet in den USA zum Beispiel Donald Trump.
  9. vgl. ING Diba economic research 30.4.2015
  10. vg. IAB-Forschungsbericht 13/2016. Die IAB ist eine Forschungseinrichtung der Bundesanstalt für Arbeit.
  11. Der Begriff des Autofahrers bekommt hier eine ähnlich-andere Bedeutung, sagt der Chef. Eine genauere Erklärung wollte er nicht geben. Die Sekretärin
  12. siehe oben
  13. und auch starker Frauen, z. B. Marine LePen. Und dazu Trump, Putin, Erdogan…
  14. Wer immer das auch ist.
  15. Luther fand beides nützlich, der Chef und auch ich halten das zweite für schädlich. Die Sekretärin

Kulles kurzer Krisen-Kurs

Kulles grundlegende, leicht verständliche Erklärung der gegenwärtigen menschlichen Wirtschaftskrise, nicht nur für Bären, sondern für alle Wesen von ein wenig geringem Verstand, in wenigen Paragraphen

PD Kulle

§1 Alle Lebewesen haben Bedürfnisse. Der Mensch gehört zu den Lebewesen, hat also ebenfalls Bedürfnisse. Die Grundbedürfnisse eines jeden Lebewesens müssen befriedigt werden, sonst stirbt es vor dem Ende seiner möglichen Lebenszeit.

§2 Die meisten Lebewesen sorgen selbst für die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse. Auch der Mensch hat das einst getan. Dann aber begann er, sich kräftig zu vermehren, und er musste sich den Lebensraum mit anderen Menschen teilen. Er begann auch, sich die Arbeit zu teilen: Er spezialisierte sich auf bestimmte Fertigkeiten. Einer backte zum Beispiel Brot, während der andere Tontöpfe herstellte, in denen man Suppe kochen konnte.

§3 Der Mensch, der Hunger auf Suppe hatte, ging zum Töpfer, der Töpfer, der Brot wollte, verhandelte mit dem Bäcker: Wie viele Brote sind ein Topf?

§4 Oft fand der Töpfer keinen Bäcker und der Bäcker keinen Töpfer. Es war viel praktischer, sich auf ein Produkt zu einigen, das alle Hersteller als Gegenleistung für ihr Angebot akzeptierten und mit dem man selbst alles erwerben konnte, was man brauchte. Schafe zum Beispiel, oder Hühner, Ziegen, Schweine: Fast jeder hatte ein Tier in seinem Hof. Oder Salz: Salz war ein kostbares Gut, und es ließ sich leicht in kleine Einheiten teilen.

§5 Tiere müssen gefüttert werden, sonst sind sie nichts mehr wert, Salz löst sich auf, wenn es mit Wasser in Berührung kommt: Der Mensch suchte nach einem dauerhafteren Gegenstand, gegen den man alles tauschen konnte. Er fand ihn in Gestalt von Gold, Silber und Kupfer, die er in reiner Form oder als Erz aus der Erde holte. Edelmetalle wurden allgemeine Tauschmittel, man prägte Münzen daraus und nannte sie Geld, und wer das Geld mit billigem Blei fälschte, wurde mit dem Tode bestraft, denn das Geld hatte einen Wert, und auf den sollte sich jeder Mensch verlassen können. Nur die Könige betrogen nach Herzenslust und kamen mit dem Leben davon, aber das war bei Königen ja schon immer so.

Das Verfahren wurde Jahrtausende lang angewendet, und in diesen Jahrtausenden wurden Reiche gegründet und gingen Reiche unter, und die Menschen verwandelten die Erde in einen Menschenplaneten, und sie gewannen Kenntnisse, aber nicht viel an Erkenntnis, was sich daran festmachen lässt, dass sie immer brutalere Kriege gegeneinander führten.

§6 In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts führte der große Staat USA einen brutalen und teuren Krieg gegen das Volk des kleinen Staates Vietnam. Für diesen Krieg brauchten die USA mehr Geld, als sie Edelmetalle hatten. Die Regierung zog daraus aber nicht die logische Konsequenz, den Krieg zu beenden, sondern erklärte ihren eigenen Bürgern und allen anderen Menschen, dass der Wert des Geldes der USA ab 1971 nicht mehr durch Edelmetalle gesichert sei. Die Regierungen der anderen Staaten fanden das praktisch und machten es den USA nach. Mit dem wertlosen Geld der verschiedenen Staaten begann an neu eingerichteten Devisenbörsen ein lebhafter Handel.

§7 Eine wahre Geldexplosion setzte ein: Die Zentralbanken der Staaten druckten freudig immer mehr Geldscheine. Die Geschäftsbanken drängten ihren Kunden Kredite auf, um durch die Rückzahlung der Schulden selbst mehr Geld zur Verfügung zu haben. Die Investmentbanken, die eigentlich außer sich selbst keine Kunden haben und denen es nur darum geht, aus Geld sehr viel mehr Geld zu machen, erfanden dafür immer neue Glücksspiele, die sie als „Handel mit Derivaten“ bezeichneten.

§8 Nicht nur die Kunden der Geschäftsbanken gaben Geld aus, das sie nicht hatten. Die Regierungen der Staaten handelten ebenso und häuften im Lauf der Jahre einen gigantischen Schuldenberg auf die Schultern ihrer Bürger.

§9 Seit das Geld der Menschen keinen objektiven Wert mehr hat, hat es nur noch einen subjektiven. Wenn die Menschen glauben, dass es sich lohnt, viel davon zu besitzen, kaufen sie mehr davon: Die Nachfrage steigt, und mit der Nachfrage steigt der Preis. Wenn sie am Wert des Geldes zweifeln, verkaufen sie es: Die Nachfrage bricht ein, und ohne Nachfrage fällt der Preis in den Keller.

§10 Als deutlich wurde, dass die mittellosen Kunden der Geschäftsbanken ihre ihnen aufgedrängten Kredite nie würden zurückzahlen können und dass die Glücksspiele der Investmentbanken nichts anderes sein konnten als ein Nullsummenspiel, verkauften die Menschen ihre Beteiligungen an den Banken. Die Banken waren bankrott.

§11 Die Banken durften aber nicht bankrott sein, beschlossen die Regierungen. Wenn es die Banken nicht mehr gab, bei wem sollten sie selbst künftig Schulden machen, um ihre Bürger bei Laune zu halten und die nächsten Wahlen zu gewinnen? Außerdem wussten die Regierungen, dass viele Bürger ihr erspartes Geld den Banken anvertraut hatten. Diese Einlagen durften nicht verloren sein, wollte man den sozialen Frieden bewahren.

§12 Die Regierungen retteten also ihre Banken und andere Regierungen, die noch mehr Schulden gemacht hatten als sie selbst. Weil es an Geld mangelte, senkten sie die Zinsen und ließen neues Geld drucken.

Das Vertrauen der Menschen in den Wert des Geldes nahm wieder zu. Sie wollten mehr davon haben.

Das letzte Wort soll mein geschätzter Kollege Paul Sweezy haben:

„Wir sehen nun genau wieso, obwohl jeder die zunehmend abscheulicheren Exzesse der finanziellen Explosion bedauert, nichts passiert – oder gar ernsthaft vorgeschlagen wird – um sie unter Kontrolle zu bringen. Das Gegenteil ist der Fall: Jedes Mal, wenn eine Katastrophe droht, springen die Autoritäten bei, um das Feuer zu löschen – und verschütten während dessen noch mehr Benzin für das nächste Auflodern der Flammen. Der Grund hierfür ist einfach der, dass, wenn die Explosion unter Kontrolle gebracht würde… die gesamte Ökonomie ins Chaos stürzte. Die Metapher von dem Mann, der einen Tiger reitet, trifft diesen Prozess haargenau.“

Klima und Nationalstaat

von P. D. Kulle

Inhalt:

1. Vorwort

2. Die Entstehung des Nationalstaats

3. Nationalstaat und Nationalstaaten

4. Die Klimakatastrophe

5. Conclusio

6. Nachwort

PD Kulle

1. Vorwort

Ich überlasse es dem geschätzten Kollegen Erich Kästner, die Präambel, die zugleich den Charakter eines vorläufigen Epilogs hat, zu formulieren.

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

und die Welt asphaltiert und aufgestockt,

bis zur dreißigsten Etage.

 

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,

in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telefon.

Und es herrscht noch genau derselbe Ton

wie seinerzeit auf den Bäumen.

 

Sie hören weit. Sie sehen fern.

Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.

Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern

mit sehr viel Wasserspülung.

 

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.

Sie jagen und züchten Mikroben.

Sie versehn die Natur mit allem Komfort.

Sie fliegen steil in den Himmel empor

und bleiben zwei Wochen oben.

 

Was ihre Verdauung übrigläßt,

das verarbeiten sie zu Watte.

Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.

Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,

daß Cäsar Plattfüße hatte.

 

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und

bei Lichte betrachtet sind sie im Grund

noch immer die alten Affen.

 

2. Die Entstehung des Nationalstaats

Schon damals, als „die Kerls“ noch „auf den Bäumen“ „hockten“, im prähominiden Zustand also, bevor der aufrechte Gang (1)
sich als normale Fortbewegungsweise durchsetzte, gab es zweifellos Territorialkämpfe: Kämpfe um den höchsten Baum mit optimaler Lichteinstrahlung, um den Baum mit den nahrhaftesten Früchten, um den mit den größten Blättern für den Nestbau und so fort.

Allerdings hat sich dieser Kampf nicht, wie Kästner in dichterischer Freiheit behauptet, unmittelbar danach in zentralbeheizten Räumen fortgesetzt. Dergleichen gab es erstmals im sogenannten alten Rom (2) und danach nach langer Unterbrechung erst wieder im 20. Jahrhundert. Auf den Baum folgt nicht das wohltemperierte 30. Stockwerk, sondern die dunkle Höhle, die, wie auch die luftige Behausung, erobert und verteidigt werden muss: Mitmenschen, Bären und Wölfe (3) sind die häufigsten Feinde.

Ärgerlich, dass eine einmal eroberte Höhle kein sicherer Besitz des Eroberers ist: Er kann seinen Wohnort durch kein Gesetz garantieren lassen, er kann nur versuchen, ihn gegen das Recht des Stärkeren zu verteidigen.

Was tun? Eine sich anbietende Möglichkeit ist, sich mit den Nachbarn auf guten Fuß zu stellen. Das ist in der Geschichte der Menschen einmal mehr, einmal weniger gelungen. Die sardische Nuraghenkultur, in der ein Wehrturm keine zwei Kilometer vom nächsten entfernt stand, ist ein Beispiel für das Misslingen dieser Strategie, die griechischen Poleis, die, wenn sie prosperierten, sich von Stadtstaaten zu Städtebündnissen entwickelten, stehen für den Erfolg.

Schon diese beiden Beispiele zeigen: Es gilt, Raum zu gewinnen. Eigener Raum begrenzt das Territorium des vermeintlichen oder tatsächlichen, jedenfalls immer potentiellen Feindes, Raum schafft die Möglichkeit der Verteidigung, denn er bietet gegebenenfalls Platz zurückzuweichen, Raum produziert Nahrungsmittel etcetera.

Allerdings nützt der größte Raum nichts, wenn er nicht gesichert werden kann. Zur Sicherung großer Territorien braucht man bewaffnete Menschen, die entweder aus aktuellem Anlass zusammengerufen oder für den äußerst wahrscheinlichen Fall des Falles präemptiv bereitgehalten werden.

Es ist evident, dass dergleichen großräumige Aktivitäten nicht von einem höhlenbewohnenden Clan bewerkstelligt werden können, der völlig damit ausgelastet ist, die Nahrungsmittel für den täglichen Bedarf jagend und sammelnd herbeizuschaffen. Ein gesellschaftliches Mehrprodukt auf der Basis landwirtschaftlicher Produktion ist dafür erforderlich, das so groß ist, dass eine das Verteidigungshandwerk ausübende Schicht, Klasse oder Kaste von der Handarbeit freigestellt werden kann.

Wes bedarf es noch, um den Raum zu sichern? Die Bewohner angrenzender Räume müssen wissen, dass dieser Raum existiert. Man muss den Raum also wenn auch nicht mathematisch, so doch politisch-geografisch definieren. Eine solche Definition wird als Grenzziehung bezeichnet. Als Grenzen bieten sich sogenannte naturräumliche Gegebenheiten wie Flüsse oder Gebirge an, die es an sich (4) ähnlich bewaffneten Menschen aus angrenzenden Räumen erschweren, den eigenen Raum zu betreten. Es bedarf zusätzlich auch der Verständigung darüber, wo die Grenze verläuft; es bedarf also der Sprache, der Sprachgemeinschaft. Wer „Grenze“ sagt, grenzt sich gegenüber dem ab, der von der „frontière“ parliert.

Voilà, l‘état, c‘est moi (5) ; oder auch: Der Nationalstaat ist entstanden (6).

3. Nationalstaat und Nationalstaaten

Viele Nationalstaaten sind entstanden, viele Horden bewaffneter Männer (7). Innerhalb der Staaten ist der Umgang miteinander meist recht genau definiert: Es ist klar festgelegt, wer herrscht, ob zum Beispiel ein Rechtsstaat etabliert ist oder ob die herrschende Gruppe die nicht herrschende nach Gutdünken unterdrücken darf, welche Freiheiten, vor allem Freiheiten wirtschaftlicher Natur, die Bewohner (8) sich herausnehmen dürfen.

Das Recht, das zwischen Nationalstaaten herrscht, war und ist fragilerer Natur. Obwohl es euphemistisch als Völkerrecht (9) bezeichnet wird, gleicht es eher den Strukturen, die die gesellschaftlichen Beziehungen in „failed States“ kennzeichnen. Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen sind die Regel, nicht die Ausnahme, verursacht durch „nationale Interessen“. Immerhin gibt es internationale Abkommen, in denen detailliert geregelt ist, unter welchen Voraussetzungen Menschen andere Menschen legal töten dürfen und was mit den nicht ganz Toten, also nur Verwundeten, zu geschehen hat (10). Man sieht: Manchmal reden Menschen sogar miteinander und kommen zu Ergebnissen.

4. Die Klimakatastrophe

Die Notwendigkeit, miteinander zu verhandeln und dabei zu Ergebnissen zu kommen, hat im Lauf der menschlichen Geschichte zugenommen. Das erklärt sich auch, aber nicht nur rein quantitativ: Für die beängstigend zunehmende Weltbevölkerung wird es immer schwerer, Konflikte zu vermeiden.

Nun basiert die Ökonomie dieser Weltbevölkerung seit der Industriellen Revolution auf der Vernutzung (11) fossiler Energieträger, was die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre auf gegenwärtig (12)
388 ppm gegenüber 270 ppm vor der IR hat ansteigen lassen. Aufgrund dessen hat bereits ein weltweiter Temperaturanstieg begonnen, der, falls keine effektiven Gegenmaßnahmen ergriffen werden, die Existenz der menschlichen Rasse gefährden dürfte (13). Das ist sogar den Menschen aufgefallen. Seit dem sogenannten Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro hat es nicht weniger als 16 (sechzehn!) Umweltkonferenzen unter der Schirmherrschaft der UNO gegeben, ohne dass ein für alle Staaten rechtlich verbindliches Abkommen geschlossen worden wäre. Und warum nicht? Weil die Regierungen der Nationalstaaten um ihre kostbaren Standortvorteile fürchten!

5. Conclusio

Nun denn, bald wird es zwar noch Standorte geben, nicht aber Vorteile. Ich verweise nochmals auf die klugen Bewertungen des Kollegen Kästner und komme wie stets zu dem treffenden Schluss:

Pfffffffftt..........

6. Nachwort

Ich danke wie immer meiner Sekretärin. Möge Tussi (14) Wunder tun und uns alle kühle Zeiten genießen lassen!



Fußnoten:

1. Wir sprechen vom aufrechten Gang nur im physiologischen, nicht im metaphorischen Sinn.

2. mit dem Hypokaustensystem

3. nota bene: in dieser Reihenfolge

4. Ich bitte den Kollegen Kant wegen dieser Formulierung um Verzeihung.

5. Manchmal ist der Chef ein wenig größenwahnsinnig, finde ich. Die Sekretärin

6. Jedenfalls ist das der Regelfall. Wie es mehrsprachige Staaten wie zum Beispiel die viersprachige Schweiz geschafft haben, mehr als ein Jahrhundert zu überleben, muss noch untersucht werden. Unsere vorläufige Hypothese ist, dass die Schweizer über ein außerordentliches Intelligenzgen verfügen.

7. vgl. ähnliches vielerorts bei Marx und Engels

8. Es wäre wahrscheinlich korrekter, die Bewohner als Insassen zu bezeichnen, allerdings ist das nicht üblich. Zu meinem Bedauern ist auch die bärische Politologie noch nicht zu dem Schluss gekommen, dass sich die menschliche Gesellschaft nur mit einer Terminologie aus dem Bereich der Psychiatrie angemessen beschreiben lässt.

9. Wenn die politische Klasse eines Staates ihrem Volk alle Rechte nimmt und andere Menschen sich darüber empören, erklärt diese Klasse, es handele sich um „innere Angelegenheiten“.

10. vgl. die „Haager Landkriegsordnung“ und die „Genfer Konventionen“

11. Ich wollte dem Chef diesen Begriff ausreden, hatte aber keinen Erfolg. Er findet ihn so schön, weil Marx ihn häufig verwendet. Die Sekretärin

12. 2010

13. Wie meine Leser wissen, bedaure ich dergleichen nicht, aber leider ist auch das Leben der Bären gefährdet.

14. Gottheit des Chefs. Die Sekretärin

(Erklärungs-)Krise

“Onkel Kulle!“

Einbärenfamilie

Nanuk sprangen pitschnass aus dem Dorfteich von Bärenleben und schüttelten sich am Ufer so erfolgreich, dass Kulle an diesem Tag auf eine Dusche würde verzichten können. Aber er liebte die Zwillinge heiß und innig und nahm ihnen nichts übel.

“Onkel Kulle, kannst Du uns was erklären?“

Da Kulle felsenfest davon überzeugt war, dass Erklärungen zu seinen Spezialitäten gehörten, sagte er natürlich sofort “Ja“ und wollte erst anschließend wissen, worum es denn gehe.

Kulle

“Wir haben gerade mit Mami im Wasser gespielt“, sagte Na.

“Dabei waren wir wohl ein bisschen wild“, gab Nuk zu.

“Jedenfalls hat Mami gesagt, sie kriegt die Krise. Und jetzt sollst Du uns das mit der Krise erklären. Bitte!“

“Aber“, stotterte Kulle, “wenn Oicy psychische Probleme hat, dann bin ich der Letzte, der sich mit so etwas auskennt. Bärdel kann bestimmt…“

“Nein, Onkel Kulle, wir meinen die andere Krise, von der alle reden, die mit dem Bruder vom Mann aus Lehm und dem Euro und den USA und so. Wir möchten nicht, dass Mami diese Krise kriegt!“

“Ihr wollt also etwas über die aktuelle ökonomische Krise wissen, ist es das?“

“Wenn Du das sagst, Onkel Kulle, dann ist es bestimmt richtig. Aber wir wollen nicht nur etwas darüber wissen, sondern alles.“

Wäre Kulle ein Mensch gewesen, hätte er jetzt “Scheiße“ gedacht. Da er aber ein Bär war, dachte er “Brombeermist“. Ausgerechnet diese Krise, die niemand wirklich erklären konnte, und er – wenn er ehrlich war – auch nicht. Er überlegte, wie er es anfangen sollte. Er überlegte lange.

Die Eisbärenzwillinge trockneten ihr Fell in der Herbstsonne, aber bald wurde ihnen das zu langweilig.

“Onkel Kulle, warum sagst Du nichts?“ fragte Nuk.

Na wollte Kulle helfen: “Wir haben bei Karl Marx gelesen, dass alle Krisen im Kapitalismus Überproduktionskrisen sind. Weil der Marktprozess nicht geplant werden kann, aber jeder Produzent den höchstmöglichen Profit erwirtschaften will, kommt es in periodischen Abständen dazu, dass die geschaffenen Werte nicht als Waren realisiert werden können. Ist das diesmal genauso?“

‘Schön wäre es‘, schoss es Kulle durch den Kopf. Dann könnte ich alles wirklich erklären. ‘Aber der Große Karl ist über hundert Jahre tot, und was der Kapitalismus sich seitdem alles ausgedacht hat, konnte er beim besten Willen nicht antizipieren.‘

“Ihr seid erstaunlich gut vorgebildet!“ lobte er. Es klang lahm. “Aber diese Kenntnisse helfen uns nicht dabei, die konkreten Probleme zu analysieren. Die sind nämlich neu.“

“Toll, Onkel Kulle! Uns interessiert immer alles, was neu ist!“

Hilfe für Kulle kam von unerwarteter Seite. Am Teichufer gegenüber schimpfte Tumu so lautstark mit Manfred, dass es unmöglich war, darüber hinwegzuhören. Ihr Sohn blieb ihr nichts schuldig und gab ebenso lärmend Contra. So hatten die Zwillinge ihre Unterhaltung, und Kulle gewann Zeit zum Nachdenken.

“Du machst das immer noch? Immer noch? Ich habe geglaubt, diese Verbrechermethode brauchten wir nur in Amerika!“

“Klar mache ich das immer noch! Denkst Du etwa, alle Technik, mit der wir hier leben, ist vom Himmel gefallen? Meinst Du, ich habe Deinen Luxusbackofen mit Programmautomatik selbst zusammengeschraubt? Und es ist keine Verbrechermethode, wenn ich Kreditkarten nutze, die mir angeboten werden. Na gut – unter falschem Namen und falscher Adresse, das gebe ich zu. Aber die Banken wollen betrogen werden, sie bieten ihre Karten an wie sauer Bier. Die müssen Geld haben wie Heu!“

,Klick!‘ machte es in Kulles Kopf. Aber er beschloss, zunächst den Mund zu halten. Vielleicht konnte er noch mehr von Manfred lernen.

“Für wie dumm hältst Du mich eigentlich?“ fauchte Tumu. “Den Banken geht es schlecht, das kannst Du jeden Tag in der Zeitung lesen.“

“Ach – und wer ist schuld daran, dass es den Banken angeblich schlecht geht? Die Banken! Die haben insolventen Kreditnehmern in den USA ihr vieles Geld hinterhergeworfen und haben sich dabei halt verspekuliert – Pech gehabt. Aber keine Sorge – schlecht geht es den Banken nicht. Die sind, wie man sagt, systemrelevant. Weil die gesamte Menschenwelt auf Pump lebt, Privathaushalte genauso wie Firmen und Staaten, funktioniert die Wirtschaft ohne Banken einfach nicht. Im Zweifelsfalle werden sie gerettet, das heißt, sie bekommen viel Geld. So viel Geld haben nur Staaten, die können es nämlich drucken.“

“Das heißt…“ Tumus Stimme war jetzt deutlich leiser.

“Das heißt, wenn ich Banken schädige, schädige ich niemanden. Jedenfalls nicht direkt.“

“Hm, vielleicht hätte ich Dir keine Szene machen sollen, mein Sohn. Und was den Backofen angeht – der funktioniert einfach hervorragend. Was hältst Du von einem Honigkuchen? Das dauert nur ein knappes Stündchen!“

“Gerne! Darf ich Dir helfen?“

Mutter und Sohn trollten sich und verschwanden in der Höhlenküche von Bärenleben.

Na und Nuk schlugen ihre Kinderaugen auf.

“Onkel Kulle, wir glauben, wir haben schon viel verstanden. Aber ein paar Fragen haben wir noch. Warum gibt es zu viel Geld auf der Welt? Wir dachten immer, es gibt zu wenig.“

“Die meisten Menschen haben zu wenig Geld, das stimmt. Aber damit der Kapitalismus funktioniert, muss es genug Geld bei den Banken geben, das sie verleihen können. Nach den Attentaten am 11. September 2001 hat die US-Notenbank die Welt mit Geld überschwemmt, weil sie eine Wirtschaftskrise verhindern wollte.“

“Und deshalb kriegt Onkel Manfred so viele Kreditkartenangebote?“

“Genau.“

“Und die Staaten, die den Banken das Geld geben?“

“Die machen Schulden und müssen dafür Zinsen zahlen. Wenn nicht sicher ist, ob sie ihre Schulden zurückzahlen können, werden die Zinsen erhöht. Das ist nicht gut für die Menschen, die in diesen Staaten leben, denn sie müssen das Geld bereitstellen, das der Staat braucht, also hohe Steuern zahlen. Vielleicht gibt es auch eine Inflation, weil viel Geld gedruckt worden ist, aber die Warenmenge nicht gewachsen.“

“Oh je, Onkel Kulle, das ist aber ganz schön kompliziert. Darüber müssen wir erst mal nachdenken. Dürfen wir zum Schluss noch eine Frage stellen?“

“Klar!“

“Wer ist der Bruder vom Mann aus Lehm? Ist das der Golem?“

Kulle griff sich an die Stirn. “Ich krieg die Krise,“ murmelte er.

Na und Nuk begriffen, dass Kulle in diesem Moment nicht antworten wollte. Fröhlich hüpften sie wieder in das kühle Wasser des Dorfteiches.

Krise

Es war ein warmer Spätfrühlingstag in Bärenleben, und es war Vormittag. Das Leben ging seinen üblichen Gang. Die Bären, das Schwein und der Frosch studierten, diskutierten, bereiteten das Essen vor, machten sauber oder betrieben Körperpflege.

Einbären

Oicy hatte sich für die Körperpflege entschieden, und das hieß für eine Eisbärin in dieser Jahreszeit hauptsächlich, der dehländischen Wärme auszuweichen, so gut es ging. Deshalb war sie in den eigens für sie und ihre Kinder erweiterten Dorfteich geglitten, hatte über und unter Wasser ihre Runden gedreht und davon geträumt, gleich gegen eine Eisscholle zu stoßen, auf der sich eine fette Sattelrobbe vergeblich zu verstecken versuchte. Aber natürlich blieb das ein Traum. Sie traf nur Ramses, der sich unter Teichrosenblättern zu verbergen versuchte und hoffte, eine Libelle zu erbeuten. Aber die klugen Libellen erspähten ihn immer rechtzeitig und bogen ab, bevor sie in seine Reichweite gerieten.

Ramses

Ramses verdrückte sich deshalb bald und hüpfte in Manfreds Hochtechnikwerkstatt. Er hatte dort einen Computerarbeitsplatz, an dem er an zwei komplexen Problemen arbeitete: Er wollte das Wetter präzise voraussagen – das war für einen Laubfrosch eine vergleichsweise leichte Aufgabe. Er wollte das Wetter aber auch beeinflussen können, und das war deutlich schwieriger. Wenigstens störte er niemanden, wenn er vor seinem Rechner hockte und versuchte, Tussis Schöpfung zu verstehen.

Mit Oicy war das anders. Als sie den Teich verließ, um zuerst nach ihren Kindern zu sehen und dann Tumu beim Kochen zu helfen, schüttelte sie sich kräftig, und es passierte das, was passiert, wenn Eisbären sich schütteln, nachdem sie gerade aus dem Wasser gestiegen sind: Aus dem dichten Pelz flogen Tropfen über Tropfen, und wer gerade in der Nähe stand, bekam eine kräftige Dusche ab.

Die Dusche erwischte die alte Bärin, die gerade vor ihrer Höhle aufräumte. Und nicht nur die Wasserdusche: Die Tropfen, die Oicy energisch auf die Reise geschickt hatte, platschten auf den trockenen Boden, lösten daraus Erdpartikel, ließen sie hochspringen und verwandelten die eben noch saubere Alte in eine über und über von Schmutz bedeckte Bärin.

“Ich krieg die Krise!” schimpfte die Alte zornig.

Oicy fühlte sich irgendwie angesprochen, wusste aber nicht recht, warum. Sie hatte sich doch ganz normal verhalten, oder? Aber helfen wollte sie schon.

“Kann ich Dir bei Deiner Krise helfen?” erkundigte sie sich freundlich.

“Bei meiner Krise? Bei MEINER Krise?” keifte die Alte. “DEINE Krise ist das! Weil bei Dir zu Hause das Eis schmilzt, bekleckerst Du mich hier in Dehland mit Wasser und Dreck, und wahrscheinlich bist Du auch für die Aschenkrise verantwortlich, die dieser Vulkan aus Island macht, aus dem Eisland also, da, wo Du herkommst.”

Oicy hatte ausgesprochen gut gefrühstückt, nämlich eine Kiste frischer grüner Heringe, in den Morgenstunden angeliefert vom Rungis-Express, und war deshalb friedlich gestimmt.

“Du hast recht, die Klimakrise ist meine Krise, aber ich bin dabei der passive und nicht der aktive Teil. Und mit dem Eyjafjallajöküll habe ich gar nichts zu tun.”

“Mit wem?”

“Mit dem Eyjafjallajökull. Das ist der isländische Vulkan, der vor kurzem ausgebrochen ist.”

Die alte Bärin überlegte, ob sie ausfällig werden sollte, weil Oicy sie jetzt auch noch mit unaussprechlichen Worten bombardierte, aber bevor sie damit zu Ende war, tauchten Bärdel und Kulle am Teichufer auf. Wie immer waren sie in ein intensives Gespräch vertieft.

Kulle und Bärdel

“Also, das mit der Krise musst Du mir bitte unbedingt erklären, und zwar ohne komplizierte Fachbegriffe!” sagte Bärdel energisch.

“Mir auch!” schloss sich die Alte nicht minder energisch an.

Kulle hatte ihr gar nicht zugehört, aber Bärdel war irritiert.

“Seit wann interessierst Du Dich für Ökonomie?” wollte er wissen.

“Für was?” Die Alte hatte allmählich die Nase voll von merkwürdigen Worten.

“Für Wirtschaft”, verbesserte sich Bärdel.

Empört stemmte die Alte die Arme in die Seiten. “Willst Du etwa behaupten, dass ich keine ordentliche Wirtschaft führe? Bei mir kann man vom Fußboden essen, normalerweise jedenfalls, wenn nicht gerade dieses ungeschickte weiße Monstrum…”

Auf Oicys Stirn zeigten sich die ersten Falten. Tiefe Falten. Sie war noch nie zornig geworden, seit sie in Bärenleben war, und das war auch gut so. Jetzt aber war sie kurz davor. Zum Glück wurde sie von Nanuk abgelenkt. Die Zwillinge stürzten auf sie zu.

“Mamimami, wir haben gerade etwas Neues gelernt! Onkel Manfred hat uns die Geschichte von Tschernobyl erklärt. Wir wissen jetzt, wann ein Reaktor kritisch wird!”

“Und wann ist das?” wollte ihre Mutter wissen.

“Wenn er zu heiß wird. Wenn man Pech hat, kommt es zu einer Kernschmelze. Dann wird die gesamte Umgebung vergiftet. Das ist dann eine fürchterliche ökologische Krise.”

“Ist eure ö-kol-ko-logische Krise dieselbe wie die von Bärdel?” fragte die Alte die Kleinen. “Bärdels Krise klang ähnlich, aber irgendwie anders.”

Na und Nuk waren von der Frage logischerweise überfordert, aber sie nutzten die Gelegenheit, um Bärdel mit Beschlag zu belegen.

“Onkel Bärdel, Onkel Bärdel, hast Du eine Krise?”

“Hm, ich weiß nicht so recht,” brummte Bärdel. “Allmählich schwirrt mir der Kopf. Vielleicht bekomme ich einen Migräneanfall. Ich glaube, ich bin an der kritischen Grenze dazu.”

Die Alte, die keineswegs immer nur putzte, obwohl sie dabei oft beobachtet wurde, lernte in ihrer freien Zeit gerade Griechisch und beschäftigte sich dabei natürlich auch mit Geographie und Landeskunde. Jetzt schüttelte sie den Kopf zum zweiten Mal und verstand überhaupt nichts mehr. Konnte ein Reaktor sich aussuchen, ob er auf Kreta stand oder anderswo? Wieso glaubte Bärdel, er sei an der Grenze Kretas? Und – hatte eine Insel überhaupt eine Grenze?

Kulle hörte immer noch nicht zu. Er pflegte das, was er als ,soziale akustische Umweltverschmutzung‘ bezeichnete, stets zu ignorieren. In solchen Phasen der gesellschaftlichen Abwesenheit beschäftigte er sich, wie er fand, produktiv mit der Lösung theoretischer Probleme oder wenigstens mit deren kommunikativer Vermittlung.

Kulle und Bärdel

“Diese Krise”, sagte er jetzt, “ist eine umfassende. Es ist falsch, wenn sie allein der Ökonomie angelastet wird. Ursächlich für sie ist die Politik, oder besser gesagt, das Versagen der Politik. Die politische Klasse Europas oder meinetwegen Kerneuropas sollte also selbstkritisch eingestehen, dass eine Währungsunion ohne eine gemeinsame Währungs- und Finanzpolitik, und eben ein solches Konstrukt stellt der Euro dar, auf tönernen Füßen steht. Was ist denn der Stabilitäts- und Wachstumspakt anderes als ein zahnloser Papiertiger? Die kritische Betrachtung dieser dilettantischen Konstruktion kann nur zu einem vernichtenden Urteil kommen.” Kulle holte tief Luft. “Derlei Dilettantismus lädt geradezu dazu ein, ihn auszunutzen. Wer will es den smarten Boys von den Hedgefonds, die sich im Januar oder Februar in einem New Yorker In-Restaurant getroffen haben, in dem es, Schande über die amerikanische Küche, vermutlich auch nichts anders zu essen gab als Steak oder totgebratenes Hähnchen, verübeln, dass sie auf die Idee kamen, mit vereinten Kräften gegen den Euro zu wetten? Der Erfolg spricht für sie!” “Kulle räusperte sich. “Die Krise, über die alle so entsetzt sind, ist übrigens keine Euro-Krise. Sie ist eine Schuldenkrise. Fast alle Staaten dieser Welt leben über ihre Verhältnisse, allen voran die USA. Ich bin gespannt, wann der Dollar brennt. Dann kann ich endlich meine rote Fahne aus ihrer Ecke holen. So!” sagte er triumphierend. “Noch Fragen?”

“Hast Du Kopfschmerztabletten?” Bärdel hielt sich schützend die Pranke vor sie Stirn.

“Hat das was mit mir zu tun, oder kann ich jetzt Tumu beim Kochen helfen?” wollte Oicy wissen.

“Onkel Kulle, was sind Hedgefonds?” Das waren die Zwillinge.

“Kulle, klopf mit mal den Pelz ab, damit ich wieder sauber werde. Und erkläre mir dabei: Was heißt eigentlich ,Krise‘?”

Kulle willfahrte ihr, bevor seine Situation allzu kritisch wurde.

Appetit auf Löwenzahn

Bärdel

Bärdel boxte Kulle freundschaftlich, aber durchaus energisch in die Rippen.

Kulle

„Nun komm schon hoch, Du Schlafmütze“, sagte er so laut, dass er auch beim besten Willen nicht zu überhören war. „Das neue Jahr ist schon fast wieder alt, der Tag ist schon zwei Stunden länger als zur Wintersonnenwende, und die gewendete Sonne scheint übrigens gerade. Genug der Hibernation! Lass uns spazierengehen!“

Kulle brummte ungnädig. Da er aber wusste, dass er gegen seinen energiegeladenen großen Freund keine Chance hatte, richtete er sich auf, reckte sich und steckte den Kopf aus der Schlafhöhle. Sofort zuckte er zurück.

„Spinnst Du?“ wollte er wissen. „Da draußen liegt noch Schnee!“

„Weiß ich doch,“ antwortete Bärdel seelenruhig. „Anders als der Herr Privatgelehrte bin ich nämlich schon eine Weile lang aktiv. Dehland erlebt seit Jahren mal wieder einen Winter, der den Namen auch verdient. Vielleicht ist es ja der letzte, bevor auch in Bärenleben die Palmen gedeihen. Also komm schon! Ich hab Dir sogar Schneeschuhe besorgt.“

Kulle schnallte sich zwei Apparate unter die Hinterpranken, die ihn sehr an Tennisschläger erinnerten. Es waren übrigens Tennisschläger – Manfred hatte sein Organisationstalent spielen lassen.

Draußen blinzelte er in den blauen Himmel und atmete tief durch, bevor er die ersten breitbeinigen Schritte wagte. „Ist tatsächlich eine gute Idee von Dir gewesen, die Nase aus der Höhle zu stecken,“ gab er zu. „Die Luft tut gut. Aber die Luft macht auch Hunger – ich hätte jetzt nichts gegen ein paar Löwenzahnwurzeln einzuwenden, roh oder auch gebraten!“

Loewenzahn - gewesen

„Da wirst Du noch ein paar Wochen warten müssen“, wandte Bärdel ein. „Der Löwenzahn, der bei Minusgraden im Schnee wächst, ist noch nicht erfunden.“

„Vielleicht doch. Kann sein, wir wissen es nur nicht.“

„Kaum bist Du wieder wach, versuchst Du, mich auf den Arm zu nehmen.“

„Im Prinzip ja, jetzt aber gerade nicht. Schon mal was von Monsanto gehört?“

„Ich glaube nicht. Ist das ein heiliger Berg oder so was?“

„Eher so was. Monsanto ist ein Agrarchemiekonzern, der genmanipulierte Pflanzen züchtet. Vielleicht auch anderes Genmanipuliertes, aber davon ist offiziell nichts bekannt. Belegt sind nur die Pflanzen.“

„Und warum macht das dieser Konzern?“

„Willst Du die offizielle Antwort oder die wahre?“

„Wie wär‘s mit beiden?“

„Monsanto bekämpft erfolgreich den Hunger in der Welt. Monsanto ist dafür unverzichtbar. Tatsächlich verdient Monsanto sich mit seinen Produkten dumm und dämlich. Seit 40 Jahren gibt es ein Pestizid mit dem schönen Namen ,Roundup‘. Das entsprechende Produkt in Europa vom Bayer-Konzern heißt ,Basta‘ – eigentlich könnte der Kanzler den Namen erfunden haben, weißt Du, der zweite, der mal bei uns war, noch im alten Bärenleben.

Hat er aber nicht. ,Basta‘ vernichtet ebenso wie ,Roundup‘ alle Pflanzen außer denen, die gegen es resistent sind, und das sind überwiegend genmanipulierte Pflanzen aus den Labors von Monsanto. Die Landwirte dürfen davon kein Saatgut zurückhalten, sondern müssen Jahr für Jahr neues kaufen. Von wegen Hungerbekämpfung! Hungerleider können sich kein teures Saatgut leisten, habe ich mir sagen lassen.“

„Ich glaube, ich habe davon schon mal gelesen“, sagte Bärdel nachdenklich. „Und zwar etwas Gutes, von einem Wissenschaftler.“

„Weißt Du auch, auf wessen Lohnliste dieser Wissenschaftler steht?“

„Du meinst…?“

„Ich meine erst mal gar nichts. Aber Fakt ist, dass Monsanto eine gute PR betreibt, natürlich nicht in eigenem Namen, sondern unter dem Feigenblatt wissenschaftlicher Objektivität. Tatsache ist auch, dass Regierungen und politische Parteien, vor allem in den USA, großen Konzernen traditionell gewogen sind, denn von großen Konzernen kommen große Spenden. Und die anderen Wissenschaftler, die sich gegen Monsanto aussprechen – die gibt es nämlich auch –, die werden von Greenpeace bezahlt oder von Friends of the Earth oder anderen Umweltverbänden.“

„Willst Du damit sagen, dass es keine objektive Wissenschaft gibt?“

Kulle blickte Bärdel empört an. „Natürlich gibt es eine objektive Wissenschaft – oder was meinst Du, was ich den lieben langen Tag so treibe? Aber mich bezahlt schließlich niemand. ,Wes Brot ich ess, des Lied ich sing‘ – das war schon richtig für Hartmann von Aue und Oswald von Wolkenstein…“ Kulle sah in Bärdels Augen große Fragezeichen. „…Das waren Minnesänger…und das gilt auch noch heute.“

„Entschuldige bitte“, murmelte Bärdel zerknirscht. Ich wollte Dich nicht verletzen. Am liebste würde ich Dir jetzt eine Löwenzahnwurzel anbieten, aber leider ist gerade keine da.“

„Zum Glück ist keine da!“ korrigierte Kulle. Er dreht sich um und geriet dabei auf seinen Tennisschlägerschneeschuhen beinahe aus dem Gleichgewicht. „Komm, wir gehen nach Hause. Tumu hat bestimmt noch eingelegte Wurzeln vom letzten Herbst übrig. Wie wär‘s, wenn Du Deine Frau überredetest, uns ein leckeres Frühstück zu bereiten?“

Bärdel hatte nichts dagegen.

Das Projekt der Moderne

PD im Weihnachtsmodus nach Kopenhagen

Inhalt:

  • Vorwort
  • Definition des Begriffs
  • Die neue Wirtschaftsweise und ihre Segnungen
  • Die Kosten der neuen Wirtschaftsweise
  • Die Ideologie der neuen Wirtschaftsweise
  • Die Folgen der neuen Wirtschaftsweise
  • Die Menschliche Reaktion
  • Conclusio

Vorwort


Die folgenden kurzen Anmerkungen versuchen wir, entgegen unserer sonstigen Vorgehensweise, so populärwissenschaftlich wie nur möglich zu halten1, geht es uns hic et nunc doch darum, dass uns Hu Jintao, Barack Obama, Angela Merkel und alle anderen auf den roten Teppichen und Lieschen Müller sowie Otto Normalverbraucher weltweit verstehen, wie immer sie in ihrem Land auch heißen mögen. Denn die Moderne hat uns ein modernes Problem beschert, das es selbst einem wissenschaftlich denkenden Bären unter seinem Fell heiß werden lässt. Theoretisch war uns, wie die Kenner unserer veröffentlichten gesellschaftlichen Analysen zweifellos wissen, die Vergeblichkeit allen bisherigen menschlichen Agierens stets bewusst2. Nun aber, da das Anthropozän im Begriff ist, aufgrund des Wirkens seiner Namensgeber abrupt in eine klimagewandelte Welt zu führen, ist es Zeit, den distanzierten Zynismus aufzugeben. Wo es zu heiß wird, wo der Plüsch Feuer zu fangen droht, da verpufft die Freude am Pffffffttttttt.

PD Kulle

Definition des Begriffs

Als Moderne bezeichnen wir eine extrem kurze Phase – von Epoche mögen wir kaum sprechen – der Menschheitsgeschichte, deren Ende sowohl absehbar als auch unvermeidlich ist. Wir distanzieren uns folglich von denjenigen Theoretikern, die die Moderne bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu Grabe getragen haben und behaupten, die Welt befinde sich aktuell im Stadium der Postmoderne. Erstens ist das Unsinn, und zweitens wird die Postmoderne die Menschheit eher ereilen, als ihr lieb sein kann. Denn auf die Moderne folgt die Unmoderne, der Rückfall, die Regression, das hätte auch der geschätzte Kollege Lyotard3 bemerken können.

Da der Begriff der Moderne ein Sich-Absetzen von früheren Strukturen impliziert, lehnen wir es ab, die Renaissance darunter zu fassen, die mitunter als geistesgeschichtlicher Beginn einer neuen Zeit begriffen wird. Eine Wiedergeburt als Neubeginn zu begreifen mag für Buddhisten logisch erscheinen, dem abendländisch Denkenden dagegen kann dies unmöglich einleuchten.

Die Moderne umfasst folglich jenen Zeitraum, in dem fraglos eine neue Wirtschaftsweise dominiert und angeblich neue Werte4 die alten abgelöst haben – und in dem eine Fülle neuer Probleme nicht entstand, sondern produziert wurde, die zu ihrer Vernichtung führen werden.

Die neue Wirtschaftsweise und ihre Segnungen

Der Kapitalismus hat zweifelsohne seine Schattenseiten, von denen in unseren früheren Arbeiten hinreichend die Rede war. Jetzt gilt es, das Positive hervorzuheben5.

Als letzte Stufe der auf dem Klassenantagonismus basierenden Produktionsweisen entwickelt der Kapitalismus aufgrund der ihm inhärenten Zwänge die Produktivkräfte zu einer bisher unbekannten Höhe. Da sich der Tauschwert marktförmig realisiert, muss der erfolgreiche Kapitalismus, auch wenn er die Ware Arbeitskraft ausbeutet, eine stetig wachsende Menge allgemeinen Warenäquivalents, vulgo Geld, erzeugen und in Umlauf halten6.

Aus dem verelendeten Proletariat der industriellen Revolution entwickelte sich in den sogenannten Industrieländern während einiger Generationen eine große Masse abhängig beschäftigter, bisweilen arbeitsloser, immer aber mit einem Minimum an Kaufkraft ausgestatteter Konsumenten. Sie verdanken ihre Existenz den bisweilen blutigen Kämpfen der Organisationen ihrer Väter, den Gewerkschaften, der zwischenzeitlichen Existenz des Staatskapitalismus, dem gegenüber der Privatkapitalismus seine Überlegenheit wie seinen Altruismus beweisen musste, und auch dem Umstand, dass die antagonistischen Gegensätze Arbeit und Kapital als eineiige Zwillinge mit entgegengesetztem Genpool ohne einander nicht lebensfähig sind7.

Aus dem zunächst regional und national organisierten Kapitalismus wurde dank leistungsfähiger Transport- und Kommunikationsmittel binnen Jahrzehnten ein weltumspannendes System. „Die restliche Welt“, also cum grano salis etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung, ging dabei nicht leer aus. Der industrielle Kapitalismus braucht Rohstoffe, billige Arbeitskraft und Absatzmärkte, und er bediente sich. Deshalb stieg für viele Millionen von Menschen der Lebensstandard, sofern man das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als dessen Maßstab betrachtet. Auch in Hintertupfistan konsumiert man deshalb heutzutage so wertvolle Produkte wie Autos, Coca Cola und Hamburger.

Die Kosten der neuen Wirtschaftsweise

Ohne die Zufuhr von Energie lässt sich keine Arbeit verrichten8. Die Menschen nutzen die Betätigung ihrer eigenen und seit der neolithischen Revolution9 auch die tierischer Muskeln dazu. Wo ein Output ist, muss auch ein Input sein: In dem skizzierten Fall kommt, betrachtet man das Ganze unter dem Aspekt der Festkörperchemie, vorne Nahrung rein und hinten Scheiße10 raus. Der Gasumsatz besteht primär in der Vernutzung11 von Sauerstoff und der Emission von CO2, im Fall von Blähungen auch von CH412.

Mit dieser bescheidenen Energiezufuhr gibt sich die große Industrie, die ihre Maschinen antreiben muss, allerdings nicht zufrieden. Sie fand kräftigere Forces13 zunächst in der Dampfkraft, die ihr die Kohleverbrennung zugänglich machte, dann in der Elektrizität, zu deren Erzeugung ihr zusätzlich Öl und Gas dienten, und schließlich in der Kernenergie, für die Uran den Brennstoff lieferte.

Diese Energieträger sind jedoch in Tussis14 Schöpfung endlich und in naher Zukunft erschöpft – es wird bald keinen Input mehr geben können 15. Leider aber gibt es den gegenwärtigen Output: Kohle, Öl und Gas emittieren bei ihrer Verbrennung ebenfalls CO2, und davon gelangt viel mehr in die Atmosphäre als vor der Industriellen Revolution. Die von diesen fossilen Brennstoffen angetriebenen Maschinen zeitigen zwar keine Flatulenzen16, emittieren also kein CH4, wohl aber tun das die etwa eineinhalb Milliarden Kühe auf der Welt, von denen die meisten ihrer Zukunft als (Hack)Fleisch in den Mägen der kaufkräftigen Maschinenbediener harren17.

Der so gewachsene Output an CO2 und CH4 legt sich als schützende Gashülle um die Erde. Wie man aus der Geschichte weiß, ist Protektionismus allerdings keineswegs immer positiv. Die CO2– und CH4-Gase verhindern das Abstrahlen von Wärme von der Erdoberfläche.

Neben den positiven Effekten der Erderwärmung – infolge des ansteigenden Meeresspiegels werden sowohl New York als auch Miami in absehbarer Zukunft nur noch von Tauchern besucht werden können – gibt es auch bedauerliche Kollateralschäden wie das vermutliche Aussterben der Großen Höckerschrecke (Arcyptera fusca) und des Eisbären (Ursus maritimus).

Die Ideologie der neuen Wirtschaftsweise

Der ideologische Kern der säkularen Weltanschauung der Moderne lässt sich auf einen Begriff bringen: Menschenrechte. Dass alle Menschen, also nach dem Verständnis des Jahres 1776 alle weißen Männer, gleich geboren und mit gleichen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, ist eine Aussage, die in Variationen wie ein Mantra seit 233 Jahren hergebetet wird18. Das Widerkäuen hat allerdings nicht dazu geführt, den Realismusgehalt dieser Zielsetzung zu erhöhen19. Ein Blick in eine beliebige Nachrichtenquelle zeigt, dass Kriege, Vertreibung, bewusst erzeugter Hunger und Versklavung und Vergewaltigung nach wie vor auf der Tagesordnung der dem Kapitalismus verfallenen menschlichen Rasse stehen – wie sollte es auch anders sein.

Das eigentliche Problem ist damit jedoch noch nicht benannt. Der Kern der Menschenrechte und damit der Kern des menschlichen Selbstverständnisses verbietet es Homo sapiens sapiens, das Leben seiner Spezies als eine von den Rahmenbedingungen der Erde abhängige Variable zu betrachten20. Er verbietet es dem Menschen, eine effiziente Bevölkerungsplanung zu betreiben. Das Ergebnis dieses Denk- und Handlungsverbots, genährt durch mangelnde Bildung und fehlende soziale Sicherungssysteme, traditionell und/oder religiös motivierte Fruchtbarkeitswünsche, kombiniert mit medizinischen Fortschritt, der mitunter sogar die Hungerregionen Afrikas erreicht, lässt sich an Zahlen ablesen: Heute21 leben 6 825 147 000 Menschen auf unserem Planeten, und täglich kommen 227 000 dazu. Für 2050 rechnet die Statistik mit neun Milliarden.

Von den 6 825 147 000 Menschen werden 5 825 147 000 Menschen vor allem von einem Motiv getrieben: Gier. Denn die meisten heute auf der Erde lebenden Menschen haben Zugang zu Massenmedien und wissen dank deren Informationen um den materiellen Lebensstandard in den Industrieländern. Ihr Bestreben geht dahin, an diesem Luxus teilzuhaben. Das wird sich, gleichbleibende Bedingungen unterstellt, aus Gründen der Ressourcenknappheit nicht realisieren lassen. Schon heute ist der ökologische Fußabdruck der Menschen so groß, als hätten sie nicht eine, sondern vier Erden zur Verfügung.

Die Folgen der neuen Wirtschaftsweise

Die neue Wirtschaftsweise erlaubt jedoch keine gleichbleibenden Bedingungen, sondern greift tief in die Ökologie ein, wie wir gezeigt haben. Die Vernutzung22 fossiler Brennstoffe und der damit verbundene Ausstoß von Treibhausgasen hat seit dem Beginn der Industriellen Revolution weltweit, verstärkt registrierbar in den Polarregionen, zu einem Temperaturanstieg geführt, der – siehe oben – einen Klimawandel als unausweichlich erscheinen lässt.

Wir sehen nicht nur einem Anstieg des Meeresspiegels und einem dramatischen Artensterben, sondern auch dem Auftauen der Permafrostböden und der Verschiebung von Vegetationszonen ins Auge. Nicht nur die Zerstörung ganzer Küstenregionen, Flüchtlingsströme bisher nicht gekannten Ausmaßes, Hungersnöte und Wassermangel werden die Folge sein. Dazu kommt der Zusammenbruch der auf Erdöl basierenden Produktionsweise: Peak Oil, der Moment der höchstmöglichen Förderung, ist überschritten, die Vorräte gehen zur Neige.

Die Menschliche Reaktion

„Irren ist menschlich“, weiß der Volksmund, und vox populi ist bekanntlich vox dei23. „Es irrt der Mensch, solang er strebt“, wusste Goethe zu sagen, und dem können wir uns nur anschließen. Solange der Mensch nämlich nach Profit strebt und sich den Teufel24 um den kleinen Planeten schert, dem er sein Dasein verdankt, irrt er ganz gewaltig. Aber sein Freund Schiller25 ist da ganz anderer Meinung:

„Nur der Irrtum ist das Leben,

Und das Wissen ist der Tod.“ 26

Nun denn, Ihr Menschen!

Lebt und irrt und gehorcht so dem Gesetz Eurer Spezies: Wagt nicht zu wissen27, denn das wäre Euer Tod. Haltet es nur nicht mit Descartes und seinem Prinzip: „Cogito, ergo sum!“ Schon Cäsar wusste: „Er denkt zuviel, solche Leute sind gefährlich.“28

Honi soit qui mal y pense. 29

Oder gar: Honi soit qui pense?

Conclusio

Also doch: Pffffffttttttt.

Schade eigentlich. Trotz allem.

P.S.

Ich danke, wie immer, meiner Sekretärin.


Fußnoten:

  1. Wie ich den Chef kenne, wird er das nicht schaffen. Die Sekretärin (Zurück)
  2. Wir müssen sogar zugeben, das wir das Scheitern menschlicher Versuche der Problembewältigung sogar aktiv gefördert haben. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an „Grizzys Plan“ . (Zurück)
  3. Ein französischer Philosoph, den nicht zu kennen kein Fehler ist. (Zurück)
  4. Gemeint sind ethische, nicht ökonomische. (Zurück)
  5. Huch, was ist mit dem Chef los? So kenne ich ihn gar nicht. Die Sekretärin (Zurück)
  6. „Autos kaufen keine Autos“ soll schon Henry Ford festgestellt haben. Allerdings ist Geld als Kapital auch ein Problem der Moderne, verselbständigt es sich doch immer wieder mit Hilfe der Börsen und Banken, scheint zunächst im Überfluss vorhanden zu sein und fehlt dann plötzlich auf dramatische Weise. Kurz, dem Kapitalismus wohnt der Crash inne, was für die Beteiligten ärgerlich ist, für das System aber nicht tödlich. Deshalb widmen wir diesem Phänomen lediglich eine Fußnote.(Zurück)
  7. Wusste ich‘s doch, dass der Chef das mit der Verständlichkeit nicht hinkriegt. Die Sekretärin (Zurück)
  8. Hilfe, jetzt ist der Chef auch noch unter die Physiker gegangen! Die Sekretärin (Zurück)
  9. Also seit der Mensch sesshaft geworden ist und Landwirtschaft betreibt. Die Sekretärin (Zurück)
  10. Wir hätten an dieser Stelle natürlich auch von Fäkalien sprechen können, aber schließlich haben wir versprochen, uns allgemeinverständlich auszudrücken. (Zurück)
  11. Der Chef meint damit Verbrauch. Die Sekretärin (Zurück)
  12. Der Chef meint damit Methan. Die Sekretärin (Zurück)
  13. Das ist mal wieder typisch für den Chef! Er macht es wie sein großes Vorbild Karl Marx: Wenn dem kein deutsches Synonym eingefallen ist, hat er auch einfach frech die entsprechende englische oder eine andere ausländische Vokabel in seine Texte eingesetzt, um Wortwiederholungen zu vermeiden. „Forces“ heißt schlicht „Kräfte“. Die Sekretärin (Zurück)
  14. Gottheit des Chefs. Die Sekretärin (Zurück)
  15. Der komplexen prinzipiellen philosophischen Frage, ob sich Teile von Tussis Schöpfung jemals erschöpfen können, werden wir uns ein anderes Mal widmen. (Zurück)
  16. Der Chef will sagen, dass die Maschinen nicht pupen. Die Sekretärin (Zurück)
  17. siehe oben: Hamburger (Zurück)
  18. vgl.Unabhängigkeitserklärung der USA (Zurück)
  19. Wie wir oben gezeigt haben, erzeugt Widerkäuen in der Regel einen unangenehmen Gestank. (Zurück)
  20. Säkularisierung hin oder her: der alte Adam hat die Idee der Gottesebenbildlichkeit doch herzlich gerne! (Zurück)
  21. 23.11.2009. Nachzulesen bei www.weltbevoelkerung.de (Zurück)
  22. Allerdings ist fraglich, ob man von „Nutzen“ reden sollte, wenn Öl in Ottomotoren verbrannt wird, um sich mit dem Auto von „A“ nach „B“ zu begeben. Dabei bewegt sich nämlich das Auto und nicht der in ihm sitzende Mensch, der hinter dem Steuer Kartoffelchips in sich hineinstopft und seine Adipositas päppelt. Aber das ist auch schon wieder ein anderes Problem. (Zurück)
  23. Ich bitte Tussi um Entschuldigung. (Zurück)
  24. Der Teufel ist lediglich eine plumpe christliche Erfindung, aber wegen der Sprachgewalt hat er hier seinen Platz. (Zurück)
  25. zumindest behauptet das Rüdiger Safranski (Zurück)
  26. Schiller, Kassandra (Zurück)
  27. vgl.Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? (Zurück)
  28. Shakespeare, Julius Cäsar I, 2 (Zurück)
  29. Edward III., nachdem er angeblich ein Strumpfband aufgehoben hat. (Zurück)

Nach oben!

Geld

Um halb neun erst ging die Sonne im Dezember in Dehland auf, und acht Stunden später war sie schon wieder tief unter dem Horizont verschwunden. Ordentliche Braunbären verschliefen solche unwirtlichen Jahreszeiten weitgehend, aber Bärdel und Kulle waren dafür allmählich zu alt. Sie litten unter Schlafstörungen und zelebrierten deshalb ihre traditionellen Morgenspaziergänge auch an manchem Tag in der dunkelsten Jahreszeit.

Bärdel

Heute begann Bärdel ihren Dialog: „Kulle, was ist Geld?“

Kulle

Der kleinere Kulle schaute den größeren Bärdel an und griente: „Was, mitten im Winter willst Du philosophieren?“

„Zum Witze machen bin ich denn doch zu müde“, brummte Bärdel. „Ich habe Dir eine ökonomische Frage gestellt, eine leichte Frage, dachte ich, und sonst gar nichts.“

„Die Frage ist aber auch höchst philosophisch“, widersprach Kulle. „Die Königsfrage der Philosophie lautet doch wohl: Was ist der Mensch? Hör Dir dazu mal eine Antwort an! ‚So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers – Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt.

Das Geld ist das höchste Gut, also ist sein Besitzer gut, das Geld überhebt mich überdem der Mühe, unehrlich zu sein; ich werde also als ehrlich präsumiert; ich bin geistlos, aber das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge, wie sollte sein Besitzer geistlos sein? Das Geld verwandelt die Treue in Untreue, die Liebe in Hass, den Hass in Liebe, die Tugend in Laster, das Laster in Tugend, den Knecht in den Herrn, den Herrn in den Knecht, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn.‘ Na?“

„Von wem ist das denn?“

„Von wem wohl – vom größten Philosophen aller Zeiten natürlich. Marx, aus den ökonomisch-philosophischen Manuskripten.“

„Gut erkannt, finde ich. Die Menschen haben Haben und und verwechseln das mit Sein. Aber Dein Meisterphilosoph war im Nebenberuf, wenn ich das so formulieren darf, doch auch Wirtschaftswissenschaftler und hat sicher auch eine ökonomische Antwort auf meine bescheidene Frage gegeben: Was ist Geld?“

„Mehrere Antworten sogar. Es kömmt drauf an, ob Geld als Geld oder als Kapital genutzt wird. Im ersten Fall haben wir den Kreislauf W – G – W vorliegen, im zweiten Fall haben wir es mit G – W – G‘ zu tun. Beide unterscheiden sich…“

„Langsam, bitte! Eins nach dem anderen!“

„Gut. Also im ersten Fall ist Geld nur ein allgemeines Warenäquivalent. Man kann den Tauschwert aller Waren in Geld verwandeln und das Geld umgekehrt in die Waren, die man haben möchte.“

„Das heißt, Geld ist ungemein praktisch. Wenn ich eine Ware A habe und eine Ware B suche, muss ich nicht ewig nach jemandem suchen, der B hat.“

„Ganz genau“, stimmte Kulle zu. „So weit, so gut. Leider hat das praktische System aber auch seine Tücken.“

Lass mich raten. Ich vermute, das Ganze geht schief, wenn es mehr Geld gibt als Warentauschwerte. Oder weniger. Richtig?“

„Richtig. Im ersten Fall gibt es Inflation, alles wird immer teurer, weil es zu viel Geld gibt. Wenn zu wenig Geld vorhanden ist, kaufen die Leute nichts, und das ist zwar gut für die Umwelt, nicht aber für die Produzenten. Sie senken deshalb die Preise, und die Menschen kaufen noch weniger, weil sie erwarten, dass in Zukunft alles noch billiger sein wird. Und schon haben wir die schönste Deflation.“ Kulle machte eine gekonnte Kunstpause. „Zumindest in der Theorie.“

„Ach, nicht in der Realität?“ Bärdel wusste genau, womit er seinem eitlen Freund eine Freude machen konnte.

„Nein, jedenfalls nicht immer. Nicht in den letzten Jahrzehnten. Ich habe keine Ahnung, wer einen genauen Überblick darüber hat, wie viel Geld es auf der Welt gibt. Vielleicht Ben Bernanke. aber auch das bezweifle ich. In Bezug auf eine Aussage sind sich alle Ökonomen gegenwärtig jedoch einig, ob sie nun Neocons sind oder Sozialisten: In den letzten 40 oder 50 Jahren ist die Geldmenge viel schneller gestiegen als das BIP. Manche gehen von einem fünffachen Wert aus, andere vom zehnfachen. Wir haben es also mit der Grundlage einer wunderschönen Inflation zu tun. Theoretisch jedenfalls.“

„Du wirst mir das bestimmt gleich erklären können.“ Bärdel mimte den Hilflosen.

„Kann ich,“ tönte Kulle, von keinerlei Selbstzweifel geplagt. „Jetzt wird der zweite Geldkreislauf interessant: G – W – G‘. Früher haben die Kapitalisten aus Geld mehr Geld gemacht, indem sie die an sie verkaufte Arbeitskraft ausgebeutet haben. Danach haben sie die Produkte zum wirklichen Tauschwert verkauft, und fertig war der Profit. Ein in der Regel maßvoller Profit, aber ein Profit. Jedoch ist das Kapital, das scheue Reh, stets auf der Suche nach mehr. ‚Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.‘ Ist natürlich auch von Marx.

Neuerdings gibt es also einen riesengroßen Luftballon voller Geld. Dieses Geld darf man nicht einfach für Dinge des täglichen Bedarfs ausgeben, denn sonst haben wir die schönste Inflation. Auch Kapitalisten kennen die ökonomische Theorie, wenigstens zum Teil. Was also sollen sie machen?“ Kulle sah Bärdel auffordernd an.

„Vielleicht spielen?“ schlug Bärdel vor. „Den Luftballon ein bisschen schubsen, mal hierhin und mal dorthin, in der Hoffnung, dass jemand reinpustet und ihn noch größer macht. Dieses Spiel beinhaltet allerdings auch das Risiko, dass jemand eine Nadel in den Ballon piekst, und dann: Pfffffftttt…“ Bärdel war sich ziemlich sicher, dass Kulle zumindest seine Lieblingsmetapher wiedererkennen und sich mit einer herzhaften Rauferei für das Plagiat ‚bedanken‘ würde, aber nichts dergleichen geschah.

„Das mit dem ‚Pfffffftttt‘ hätte glatt von mir sein können“, kommentierte Kulle anerkennend. „Im übrigen hast Du recht. Sie hatten einen Geldluftballon, eine Finanzblase, und sie haben gespielt. Haben gezockt. Haben neue sogenannte ‚Produkte‘ erfunden, in die man investieren konnte. Wie hoch wird in einem Jahr der Weizenpreis sein? Alte Idee. Aber: Wie hoch wird der Kurs der Börse in Tokio in 53 Tagen sein? Wird er im Rhythmus von zehn Tagen in den nächsten sechs Monaten steigen oder fallen? Wie hoch ist der Prozentsatz, um den er steigt? Oder fällt? Was macht er an welchen Stichtagen? Bessere Ideen, kompliziertere Ideen, neuere Ideen – riskantere Ideen.“

„Ich verstehe“, sagte Bärdel. „Glücksspiel pur. Aber Glücksspiel ist nur was für Leute, die es sich leisten können. Die meisten Menschen sind doch Habenichtse, auch in den sogenannten reichen Ländern. Hat es gereicht, nur mit den Reichen zu spielen, um genug Profit machen zu wollen?“

„Nein, hat es nicht. Die guten alten warenproduzierenden Kapitalisten haben sich in die Gewänder moderner Kredithaie geworfen und den Habenichtsen genug Geld versprochen, um endlich ihre irdischen Träume verwirklichen zu können. Dabei haben sie ihre Reißzähne natürlich versteckt – und erst später hat sich herausgestellt, dass sie gar keine hatten.“

„Zahnlose Haie? Geld für Habenichtse? Ich verstehe gerade gar nichts!“

„Das verstehe ich gut. Lass Dich entführen in das Land des Geldes, in dem auf jeder Dollarnote steht: ‚In God we trust“, in das Land der Freien, in dem jedem und allmählich auch jeder und neuerdings vielleicht sogar den Negern, die nicht mehr so heißen, weil das politisch inkorrekt ist, obwohl sie es sind, was die Statistik der Gefängnisinsassen auf den ersten Blick belegt, auch wenn der neue Präsident jetzt braun ist, in dem also Geld und Gottvertrauen für die Freien identisch sind und in dem jeder das Recht hat, sein Glück oder – je nach Übersetzung – seine Glückseligkeit zu verfolgen – und vielleicht gar zu realisieren?“

Kulle war der Zorn anzuhören, der Zorn über die Hybris der Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, über die gesellschaftliche Realität der Vereinigten Staaten von Amerika und über seine eigene aktuelle Unfähigkeit, seine Kritik angemessen zu artikulieren.

„Entschuldigung!“ murmelte er. „Manchmal…“

„Manchmal verhindert alle bärische berechtigte Verachtung des Menschengeschlechts nicht, dass wir uns über den sogenannten Homo sapiens sapiens kräftig ärgern. Mach ich ja auch. Aber erklär mir die Sache bitte trotzdem“, bat Bärdel.

Kulle riss sich zusammen.

„Habenichtse haben nichts, haben kein Haben. Das wollen sie unbedingt ändern. Sie wollen ein Auto, einen Flachbildschirm, ein Haus, und alles immer im Komparativ. Haben zählt nur, wenn es größer ist als das des Nachbarn. Wie kommt man dazu, wenn man kein Geld hat? Über einen Kredit natürlich. Der Kredit kann Kreditkarte heißen oder Hypothek oder Konsumentenkredit – egal. Ein Kredit ist Geld, das man nicht hat und das man trotzdem ausgeben kann.“

„Hm“, sagte Bärdel, und jetzt war seine Nachdenklichkeit nicht gespielt. „Ich begreife, was die Habenichtse wollen – oder gewollt haben. Nein, wollen. Sie sind vermutlich unverbesserlich. Was ich nicht verstehe, ist, wer ihnen Geld geliehen hat – und warum.“

„Wer? Natürlich die Kredithaie! Und warum? Haie wollen fressen! Sie haben darauf gesetzt, ihr Geld zurückzukriegen!“

„Kulle!“ Bärdel geriet selten außer Fassung, aber jetzt war er kurz davor. „Kulle! Was ist mit Deiner Logik los? Wie bekommt man Geld von jemandem, der kein Geld hat?“

Kulle ließ sich Zeit. „Mit meiner Logik ist alles in Ordnung. Übrigens spreche ich nicht von mir. Unter welchen Bedingungen kann man Geld zurückbekommen, das man Habenichtsen zu Konsumzwecken zur Verfügung gestellt hat? Na? Wie sieht da wohl die Kredithai-Logik aus?“

„Das kann eigentlich nur klappen, wenn der Wert der Konsumgüter immer weiter steigt“, brummte Bärdel zögernd. „Aber das ist doch Unsinn. Ein Gebrauchtwagen ist weniger wert als ein neues Auto, das weiß doch jedes Bärenkind!“

„In Bezug auf Autos hast Du völlig Recht, und eigentlich sollte das für alle Waren gelten. Allerdings ist es schon wiederholt gelungen, dieses Gesetz bei Immobilien außer Kraft zu setzen – in der Vergangenheit in Japan, aktuell in Spanien, Großbritannien und, was am wichtigsten ist, in den USA. Die Häuser der Habenichtse wurden von Tag zu Tag wertvoller, und so war es den ‚Besitzern‘ ein Leichtes, eine alte Hypothek zurückzuzahlen, und zwar mit einer neuen, höheren. Von dem Zusatzgeld kauften sie sich was Schönes…und alles wäre gut, wenn das immer so weiter gegangen wäre. Ist es aber nicht. Eines Tages fielen die Preise, Schluss war mit dem Extrakonsum, und die Kredithaie sahen mit offenen Mäulern zahnlos zu, wie ihre Hypotheken sich in Luft auflösten – von Habenichtsen konnten sie nichts holen.“

„Dann ist doch endlich wieder alles gut!“ freute sich Bärdel. „Das Geld, das futsch ist, war doch sowieso zu viel, hast Du gesagt.“

„Deine Bewertung gilt für den Kreislauf W – G – W, wenn Geld nur als Tauschmittel fungiert. Hier aber bewegen wir uns in dem anderen Kreislauf G – W – G‘, es geht um Geld als Kapital. Und das ist vernichtet worden – der Horror jedes Kapitalisten. Nichts ist also gut.“

„Na und? Dann sollen die Menschen eben einen neuen Anlauf nehmen, wenn es sein muss, einen neuen kapitalistischen. Wie hast Du das vorhin gesagt: ‚ Früher haben die Kapitalisten aus Geld mehr Geld gemacht, indem sie die an sie verkaufte Arbeitskraft ausgebeutet haben. Danach haben sie die Produkte zum wirklichen Tauschwert verkauft, und fertig war der Profit.'“

„Wahrscheinlich würden die Menschen das gerne tun, aber dazu fehlt ihnen das Geld“, gab Kulle zu bedenken.

„Wieso?“ Bärdel verstand das nicht. „Es ist doch immer noch genug Geld da!“

„Geld ja, aber nicht genug. Nach dem Flop mit den Hypotheken leiht nämlich niemand niemandem mehr was, aus Angst, sein Geld nicht zurückzubekommen. Du siehst, das Hegelsche Pendel schlägt zu.“

Bärdel wusste nichts von einem Hegelschen Pendel, und dass ein Pendel zuschlagen konnte, war ihm auch neu, aber er hatte begriffen, dass es um Kredite ging. „Wer will oder muss sich denn jetzt nach all dem noch Geld leihen?“ fragte er verwirrt.

„Na, die Produzenten natürlich“, antwortete Kulle und pflückte eine einsame Hagebutte, die er im ersten Morgenlicht erspäht hatte, von einem Strauch. „In Dehland sind die produzierenden Betriebe im Schnitt nur zu 20% eigenkapitalfinanziert, wusstest Du das nicht?“

„Willst Du damit sagen…“ Bärdel war so perplex, dass er gar nicht auf die Idee kam, sich auf die zweite sichtbare Hagebutte zu stürzen, obwohl die Früchte der Heckenrose zu seinen Lieblingsspeisen gehörten. „Willst Du damit sagen, dass ein neuer Wirtschaftsanlauf auch nur auf Pump möglich ist?“

„Exakt!“ Kulle stimmte heiter zu und pflückte sich die zweite Hagebutte. Als er die Fruchtschale zusammendrückte und zum Platzen brachte, entstand ein leises ‚Pfffffftttt‘.

„Meine Tussi!“ flüsterte Bärdel.

Krise? Welche Krise?

Kulle

“Onkel Kulle, Onkel Kulle! Wir haben heute die Zeitung gelesen!“

Kulle war vertieft in den dritten Band der “Theorien über den Mehrwert“ und wurde vom Überfall der Eisbärenkinder völlig überrascht.

Na und Nuk

“Schön“, murmelte er zerstreut. “Aktuelle Bildung ist immer gut. Aber der sinkende Fall der Profitrate…“

“Oh, Onkel Kulle, liest Du auch gerade Zeitung?“ erkundigte sich Na.

“Unsinn. Ich lese Karl Marx.“ Zum Beweis hielt Kulle ein dickes blaues Buch in die Höhe. “Das ist ein Standardwerk und schon etwas älter als die Zeitung von heute.“

“Dann ist entweder die Zeitung von heute ziemlich veraltet, oder Dein Karl Marx war ein Hellseher“, bemerkte Nuk naseweis. “Denn wir haben eben erfahren, dass die Profite von vielen Banken mehr als sinken. Und das führt dazu, dass ihre Rate – oder ihr Rating oder so – sich verschlechtert. Wir haben das alles nicht so richtig verstanden. Deshalb sind wir hier – Du kannst uns das doch bestimmt erklären, oder?“

Geschmeichelt klappte Kulle den Band 26.3 der gesammelten Werke von Marx und Engels zu. “Ich kann es ja mal versuchen“, sagte er gespielt bescheiden. Und dann dachte er ziemlich lange nach. Denn es war gar nicht so einfach, jungen Eisbärinnen eine Subprimekrise zu erklären.

“Also…“ begann er schließlich.

“Ja?“

“Also … Ihr wollt ein Haus bauen …“

“Wollen wir gar nicht!“

“Stellt Euch vor, Ihr wollt ein Haus bauen…“

“Warum sollen wir uns das vorstellen?“

Kulle begriff, dass er mit Betroffenheitspädagogik nicht weiterkam.

“Viele Menschen in den Vereinigten Staaten wollten ein Haus bauen oder kaufen, um darin zu wohnen. Menschen brauchen eine Wohnung, das wisst Ihr doch, nicht wahr?“

Nanuk nickten – endlich redete Onkel Kulle vernünftig.

“Aber die meisten hatten dafür nicht genug Geld. Deshalb liehen sie es sich.“

“Wer ist denn so blöd, Menschen Geld zu leihen, die kein Geld haben? Bären bestimmt nicht!“

“Nein, Bären bestimmt nicht. Wir Bären haben ja auch kein Geld, und das ist gut so. Aber Menschen, die Geld haben, leihen Menschen Geld, denen Geld fehlt. Sie wollen das Geld natürlich zurückhaben, und zwar in Raten. Sie leihen den geldlosen Menschen also nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Und die Zeit lassen sie sich in Geld bezahlen. Das nennt man Ratenzahlungen.“

“Das verstehen wir. Menschen, die jetzt kein Geld haben, haben später ein bisschen Geld. Und noch ein bisschen. Und von dem bisschen zahlen sie das geliehene Geld zurück. Und die Zinsen.“

Kulle schmunzelte. “Na, Ihr habt‘s begriffen. Alles völlig unproblematisch!“

“Falsch, Onkel Kulle!“ Nuk hüpfte aufgeregt auf und ab. “Was ist, wenn die geldlosen Menschen auch später geldlose Menschen bleiben? Dann haben die Menschen, die ihr Geld verliehen haben, auch kein Geld mehr. Alle haben dann kein Geld mehr!“

“Ganz einfach!“ Kulle gab sich gelassen. “Dagegen sichern sich die Geldverleiher ab. Die Geldlosen mussten natürlich Schuldscheine unterschreiben. Diese Schuldscheine verkauften die Geldverleiher weiter. So…“

“Entschuldigung, Onkel Kulle!“ Es war offensichtlich, dass Na versuchte, höflich zu bleiben, obwohl es ihr schwerfiel. “Onkel Kulle, solche Schuldscheine kauft doch keiner!“

“Doch!“ sagte Kulle und klappte sein Buch endgültig zu. Er begriff, dass er noch viel würde erklären müssen. “Doch! Denn die Verkäufer sagten den Käufern, dass nur einige der geldlosen Menschen bezahlen werden, aber nicht alle. Sie sagten aber nicht, wie viele. Deshalb machten sie für die Schuldscheine einen Sonderpreis. Aber wenn dann keiner der geldlosen Menschen Geld hätte, wäre auch dieser Sonderpreis zu hoch. Und jetzt hätte auf einmal der Käufer der Schuldscheine kein Geld mehr. Und wenn der Käufer eine Bank wäre, dann hätten deren Kunden auf einmal kein Geld mehr, denn das Geld einer Bank ist das Geld ihrer Kunden. Dann wäre die Bank pleite. Aber eigentlich wären deren Kunden pleite.“

“Gemein!“ sagten Nanuk im Chor und mussten danach erstmal nachdenken.

“Etwas verstehe ich noch nicht, Onkel Kulle“, sagte Nuk nach einer Weile. “Warum haben die Banken geglaubt, dass die geldlosen Menschen nicht geldlos bleiben? Warum haben sie angenommen, dass sie ihre Kredite zurückzahlen können?“

“Eine sehr gute Frage!“ lobte Kulle. “Dazu braucht man eine Blase. Besser noch sind mehrere Blasen.“

Nanuk sagten nichts und fragten nichts, stattdessen wurden sie rot. Über Körperfunktionen redete man in Bärenleben gewöhnlich nicht, und für Sexualität, darin waren sich die Erwachsenen bisher einig gewesen, waren die Zwillinge zu jung. Kulle aber merkte nichts, sondern redete einfach weiter.

“Von einer Blase, besser einer Spekulationsblase spricht man dann, wenn alle Beteiligten davon ausgehen, dass die Preise in die Höhe gehen. In unserem Fall sollten die Preise für Immobilien in den USA weiter steigen, und das taten sie wirklich. Ein geldloser Eigenheimbesitzer, der in einem 40.000-Dollar-Haus wohnte, fand sich ein paar Jahre später in einem 80.000-Dollar-Domizil wieder. Er war also um 40.000 Dollar reicher, zumindest auf dem Papier. So löste er seine alte Hypothek aus und nahm eine neue auf. Die bekam er locker, denn sein Haus war ja viel wert. Und mit dem neuen Geld konnte unser Eigenheimbesitzer viel konsumieren: Autos kaufen, reisen … was Menschen eben so machen, wenn sie zu viel Geld haben.

Unser Eigenheimbesitzer heißt Joe Sixpack, in Deutschland hieße er Michel, in England John Bull…“

“Onkel Kulle!“ Nanuk klangen wirklich empört. “Onkel Kulle, was sind das denn für Leute?“

Kulle schlug sich vor die Stirn. “Entschuldigung, Symbolik haben wir euch ja noch nicht beigebracht. Also, in der politischen Rhetorik..“

“In der politischen was?“

“Ich hätte besser sagen sollen in der politischen Symbolik..“

“In was?“

Kulle gab vorerst auf. Zu den Abstrakta kommen wir besser später‘, murmelte er vor sich hin und sagte dann laut: “Das sind nur Namen für den Durchschnittsbürger. So was wie Eisbär Mustertier‘.“

Na und Nuk sahen Kulle schweigend an, ihre Mienen zwei große, geschwungene Fragezeichen.

Kulle riss sich zusammen. “Zurück zum Thema!“ verkündete er. “Die Eigenheimbesitzer haben Geld ausgegeben, das ihnen nicht gehörte, das freute die Konsumgüterindustrie; häuserlose Menschen wollten ebenfalls ein Eigenheim besitzen und nahmen dafür Hypotheken auf, und Baufirmen haben Eigenheime gebaut, denn die Nachfrage danach war offensichtlich da, und schiefgehen konnte dabei nichts, dachte man, denn Häuser wurden immer wertvoller. Drücke ich mich jetzt verständlich aus?“

Nanuk nickten begeistert.

“Ganz hervorragend, Onkel Kulle!“ lobte Nuk. “Und Du weißt bestimmt auch schon, dass wir jetzt wissen, was dabei nicht klappen kann!“

Kulle erwartete mitnichten, dass ein anderer als er komplizierte ökonomische Zusammenhänge bereits in diesem Stadium der Problemdarstellung durchschauen könnte, aber er ließ sich nichts anmerken. Schließlich war er Pädagoge genug, um die Kleinen nicht zu enttäuschen.

“Ich ahne da etwas,“ lächelte er. Ihm würde schon etwas einfallen, um die zwangsläufig falsche Analyse der Kleinen gleichzeitig zu loben und zurechtzurücken.

Na sah Nuk, die Erstgeborene, auffordernd an, und Nuk erklärte nur allzu gerne.

“Irgendwann gab es vermutlich mehr neu gebaute Häuser als nachfragende Menschen. Da Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen…“

“Kulle wand sich und hielt demonstrativ sein blaues Buch in die Höhe.

“…jedenfalls in bestimmten Grenzen…“

Kulle ließ das Buch wieder sinken.

“…dürften die Häuserpreise gesunken sein. Niemand hat mehr die neuen Häuser gekauft, und die Besitzer der älteren Häuser konnten sich kein neues Geld durch neue höhere Hypotheken beschaffen. Also haben sie ihre Schulden nicht getilgt – das haben sie vermutlich sowieso nicht getan -, aber jetzt haben sie auch keine Zinsen mehr gezahlt. Und damit saßen nicht nur die Baufirmen in der Tinte, sondern auch die Hypothekenbanken. Und alle, die die schlechten Schuldscheine der Hypothekenbanken gekauft haben.“

Jetzt hielt Na es doch nicht mehr aus, dass Nuk alle Lorbeeren allein einsammelte.

“Wir haben gelesen, wie die Hausbesitzer ohne Geld heißen, Onkel Kulle: Ninjas!“

Kulle atmete tief durch. Nuks Vortrag hatte ihn beeindruckt, aber Nas Bemerkung gab ihm Gelegenheit dazu, sich das nicht anmerken lassen zu müssen.

“Kleine Na!“ rügte er sanft. “Harmlose amerikanische Hausbesitzer sind doch keine japanischen Partisanenkämpfer!“

“Das habe ich auch nicht behauptet, Onkel Kulle,“ widersprach Na. “Amis lieben Abkürzungen, das weißt Du doch. Zum Beispiel ‚Dinks‘: double income, no kids‘. Und ‚Ninja“ steht für ’no income, no job or assets‘.“ Na dachte einen Moment lang nach: “Was machen die denn jetzt, die Ninjas, wenn sie ihre Zinsen nicht zahlen können? Die Bank droht ihnen doch bestimmt, sie vor die Tür zu setzen, oder?“

“Natürlich tut die Bank das, kleine zweitgeborene Na.“ Nuk nutzte wie immer jede Gelegenheit, um ihre paar Sekunden mehr Lebenszeit als größere Intelligenz zu behaupten. “Aber viele Ninjas kommen der Bank zuvor: Sie ziehen einfach aus und schicken der Bank den Hausschlüssel. Damit gehört das Haus nach amerikanischem Recht der Bank – und die hat ein Problem. Was soll sie mit einem Haus, mit vielen Häusern, die niemand haben will? Was ihr dagegen fehlt, ist Geld. Pleite ist sie!“

“Ihr seid wirklich kluge Kinder!“ lobte Kulle aufrichtig. “Die Bank ist pleite, die anderen Banken, die die schlechten Kredite gekauft haben, sind es auch. Sie brauchen Geld – aber wer leiht ihnen schon was? Jeder befürchtet, dass sie ihre Kredite ebenso wenig zurückzahlen können wie die Ninjas‘. Ihre Profitrate ist gesunken, und ihr Rating ist im Keller. Da jeder mit jedem gezockt hat, ist das inzwischen weltweit zu beobachten.“

“Und was passiert jetzt, Onkel Kulle?“

“Uns passiert gar nichts. Aber den Menschen – ich sage nur pffffft‘!! Das sage ich übrigens oft als Fazit meiner wissenschaftlichen Werke – bei Gelegenheit dürft ihr sie mal lesen!“

“Machen wir, Onkel Kulle!“

“Danke, Onkel Kulle!“

Die beiden tobten davon, und Kulle griff schmunzelnd zu seiner unerwartet aktuellen Lektüre.

Manifest der Kommunisten und der Globalisierer

Kulle

Ich empfehle, diese zwei Manifeste im direkten Zeilenvergleich zu lesen -dies ist leichter mit der folgenden PDF-Datei, die browser- und betriebssystemunabhängig ist:

http://www.baerdel.de/baerdel/manif.pdf

 

Es folgen die Texte für die Suche:
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.
Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als kommunistisch verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Kommunismus nicht zurückgeschleudert hätte?
Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor.
Der Kommunismus wird bereits von allen europäischen Mächten als eine Macht anerkannt.
Es ist hohe Zeit, daß die Kommunisten ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstellen.
Zu diesem Zweck haben sich Kommunisten der verschiedensten Nationalität in London versammelt und das folgende Manifest entworfen, das in englischer, französischer, deutscher, italienischer, flämischer und dänischer Sprache veröffentlicht wird.

Bourgeois und Proletarier
Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.
Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.
In den früheren Epochen der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen besondere Abstufungen.
Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.
Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.
Aus den Leibeigenen des Mittelalters gingen die Pfahlbürger der ersten Städte hervor; aus dieser Pfahlbürgerschaft entwickelten sich die ersten Elemente der Bourgeoisie.
Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schiffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.
Die bisherige feudale oder zünftige Betriebsweise der Industrie reichte nicht mehr aus für den mit neuen Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat an ihre Stelle. Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den industriellen Mittelstand; die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Korporationen verschwand vor der Teilung der Arbeit in der einzelnen Werkstatt selbst.
Aber immer wuchsen die Märkte, immer stieg der Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr aus. Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion. An die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois.
Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schiffahrt, den Landkommunikationen eine unermeßliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Maße, worin Industrie, Handel, Schiffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Maße entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte sie ihre Kapitalien, drängte sie alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in den Hintergrund.
Wir sehen also, wie die moderne Bourgeoisie selbst das Produkt eines langen Entwicklungsganges, einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise ist.
Jede dieser Entwicklungsstufen der Bourgeoisie war begleitet von einem entsprechenden politischen Fortschritt. Unterdrückter Stand unter der Herrschaft der Feudalherren, bewaffnete und sich selbst verwaltende Assoziation in der Kommune, hier unabhängige städtische Republik, dort dritter steuerpflichtiger Stand der Monarchie, dann zur Zeit der Manufaktur Gegengewicht gegen den Adel in der ständischen oder in der absoluten Monarchie, Hauptgrundlage der großen Monarchien überhaupt, erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung der großen Industrie und des Weltmarktes im modernen Repräsentativstaat die ausschließliche politische Herrschaft. Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.
Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.
Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.
Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.
Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.
Die Bourgeoisie hat enthüllt, wie die brutale Kraftäußerung, die die Reaktion so sehr am Mittelalter bewundert, in der trägsten Bärenhäuterei ihre passende Ergänzung fand. Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge.
Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.
Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
|466| Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.
An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.
Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.
Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern, den Orient vom Okzident abhängig gemacht.
Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in eine Nation, eine Regierung, ein Gesetz, ein nationales Klasseninteresse, eine Douanenlinie.
Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen – welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.
Wir haben also gesehen: Die Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Bourgeoisie heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verhältnisse, worin die feudale Gesellschaft produzierte und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort die feudalen Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie zu fördern. Sie verwandelten sich in ebensoviele Fesseln. Sie mußten gesprengt werden, sie wurden gesprengt.
An ihre Stelle trat die freie Konkurrenz mit der ihr angemessenen gesellschaftlichen und politischen Konstitution, mit der ökonomischen und politischen Herrschaft der Bourgeoisklasse.
Unter unsern Augen geht eine ähnliche Bewegung vor. Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nur die Geschichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. – Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.
Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst.
Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier.
In demselben Maße, worin sich die Bourgeoisie, d.h. das Kapital, entwickelt, in demselben Maße entwickelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter, die nur so lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt. Diese Arbeiter, die sich stückweis verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.
Die Arbeit der Proletarier hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit allen selbständigen Charakter und damit allen Reiz für die Arbeiter verloren. Er wird ein bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird. Die Kosten, die der Arbeiter verursacht, beschränken sich daher fast nur auf die Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race bedarf. Der Preis einer Ware, also auch der Arbeit, ist aber gleich ihren Produktionskosten. In demselben Maße, in dem die Widerwärtigkeit der Arbeit wächst, nimmt daher der Lohn ab. Noch mehr, in demselben Maße, wie Maschinerie und Teilung der Arbeit zunehmen, in demselben Maße nimmt auch die Masse der Arbeit zu, sei es durch Vermehrung der Arbeitsstunden, sei es durch Vermehrung der in einer gegebenen Zeit geforderten Arbeit, beschleunigten Lauf der Maschinen usw.
Die moderne Industrie hat die kleine Werkstube des patriarchalischen Meisters in die große Fabrik des industriellen Kapitalisten verwandelt. Arbeitermassen, in der Fabrik zusammengedrängt, werden soldatisch organisiert. Sie werden als gemeine Industriesoldaten unter die Aufsicht einer vollständigen Hierarchie von Unteroffizieren und Offizieren gestellt. Sie sind nicht nur Knechte der Bourgeoisie, des Bourgeoisstaates, sie sind täglich und stündlich geknechtet von der Maschine, von dem Aufseher und vor allem von den einzelnen fabrizierenden Bourgeois selbst. Diese Despotie ist um so kleinlicher, gehässiger, erbitterter, je offener sie den Erwerb als ihren Zweck proklamiert.
Je weniger die Handarbeit Geschicklichkeit und Kraftäußerung erheischt, d.h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Männer durch die der Weiber verdrängt. Geschlechts- und Altersunterschiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse. Es gibt nur noch Arbeitsinstrumente, die je nach Alter und Geschlecht verschiedene Kosten machen.
Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die anderen Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw.
Die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers, die Handwerker und Bauern, alle diese Klassen fallen ins Proletariat hinab, teils dadurch, daß ihr kleines Kapital für den Betrieb der großen Industrie nicht ausreicht und der Konkurrenz mit den größeren Kapitalisten erliegt, teils dadurch, daß ihre Geschicklichkeit von neuen Produktionsweisen entwertet wird. So rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung.
Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz.
Im Anfang kämpfen die einzelnen Arbeiter, dann die Arbeiter einer Fabrik, dann die Arbeiter eines Arbeitszweiges an einem Ort gegen den einzelnen Bourgeois, der sie direkt ausbeutet. Sie richten ihre Angriffe nicht nur gegen die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, sie richten sie gegen die Produktionsinstrumente selbst; sie vernichten die fremden konkurrierenden Waren, sie zerschlagen die Maschinen, sie stecken die Fabriken in Brand, die suchen die untergegangene Stellung des mittelalterlichen Arbeiters wiederzuerringen.
Auf dieser Stufe bilden die Arbeiter eine über das Land zerstreute und durch die Konkurrenz zersplitterte Masse. Massenhaftes Zusammenhalten der Arbeiter ist noch nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge der Vereinigung der Bourgeoisie, die zur Erreichung ihrer eigenen politischen Zwecke das ganze Proletariat in Bewegung setzen muß und es einstweilen noch kann.
Auf dieser Stufe bekämpfen die Proletarier also noch nicht ihre Feinde, sondern die Feinde ihrer Feinde, die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer, die nichtindustriellen Bourgeois, die Kleinbürger. Die ganze geschichtliche Bewegung ist so in den Händen der Bourgeoisie konzentriert; jeder Sieg, der so errungen wird, ist ein Sieg der Bourgeoisie.
Aber mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie immer mehr. Die Interessen, die Lebenslagen innerhalb des Proletariats gleichen sich immer mehr aus, indem die Maschinerie mehr und mehr die Unterschiede der Arbeit verwischt und den Lohn fast überall auf ein gleich niedriges Niveau herabdrückt. Die wachsende Konkurrenz der Bourgeois unter sich und die daraus hervorgehenden Handelskrisen machen den Lohn der Arbeiter immer schwankender; die immer rascher sich entwickelnde, unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht ihre ganze Lebensstellung immer unsicherer; immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von Kollisionen zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die Bourgeois zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich für die gelegentlichen Empörungen zu verproviantieren. Stellenweis bricht der Kampf in Emeuten aus.
Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter. Sie wird befördert durch die wachsenden Kommunikationsmittel, die von der großen Industrie erzeugt werden und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten miteinander in Verbindung setzen. Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem nationalen, zu einem Klassenkampf zu zentralisieren. Jeder Klassenkampf ist aber ein politischer Kampf. Und die Vereinigung, zu der die Bürger des Mittelalters mit ihren Vizinalwegen Jahrhunderte bedurften, bringen die modernen Proletarier mit den Eisenbahnen in wenigen Jahren zustande.
Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst. Aber sie ersteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger. Sie erzwingt die Anerkennung einzelner Interesse der Arbeiter in Gesetzesform, indem sie die Spaltungen der Bourgeoisie unter sich benutzt. So die Zehnstundenbill in England.
Die Kollisionen der alten Gesellschaft überhaupt fördern mannigfach den Entwicklungsgang des Proletariats. Die Bourgeoisie befindet sich in fortwährendem Kampfe: anfangs gegen die Aristokratie; später gegen die Teile der Bourgeoisie selbst, deren Interessen mit dem Fortschritt der Industrie in Widerspruch geraten; stets gegen die Bourgeoisie aller auswärtigen Länder. In allen diesen Kämpfen sieht sie sich genötigt, an das Proletariat zu appellieren, seine Hülfe in Anspruch zu nehmen und es so in die politische Bewegung hineinzureißen. Sie selbst führt also dem Proletariat ihre eigenen Bildungselemente, d.h. Waffen gegen sich selbst, zu.
Es werden ferner, wie wir sahen, durch den Fortschritt der Industrie ganze Bestandteile der herrschenden Klasse ins Proletariat hinabgeworfen oder wenigstens in ihren Lebensbedingungen bedroht. Auch sie führen dem Proletariat eine Masse Bildungselemente zu.
In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft, einen so heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ihren Händen trägt. Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über, und namentlich ein Teil dieser Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben.
Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt.
Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen. –
Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen.
Die Lebensbedingungen der alten Gesellschaft sind schon vernichtet in den Lebensbedingungen des Proletariats. Der Proletarier ist eigentumslos; sein Verhältnis zu Weib und Kindern hat nichts mehr gemein mit dem bürgerlichen Familienverhältnis; die moderne industrielle Arbeit, die moderne Unterjochung unter das Kapital, dieselbe in England wie in Frankreich, in Amerika wie in Deutschland, hat ihm allen nationalen Charakter abgestreift. Die Gesetze, die Moral, die Religion sind für ihn ebenso viele bürgerliche Vorurteile, hinter denen sich ebenso viele bürgerliche Interessen verstecken.
Alle früheren Klassen, die sich die Herrschaft eroberten, suchten ihre schon erworbene Lebensstellung zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den Bedingungen ihres Erwerbs unterwarfen. Die Proletarier können sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen. Die Proletarier haben nichts von dem Ihrigen zu sichern, sie haben alle bisherigen Privatsicherheiten und Privatversicherungen zu zerstören.
Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.
Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden.
Indem wir die allgemeinsten Phasen der Entwicklung des Proletariats zeichneten, verfolgten wir den mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet.
Alle bisherige Gesellschaft beruhte, wie wir gesehen haben, auf dem Gegensatz unterdrückender und unterdrückter Klassen. Um aber eine Klasse unterdrücken zu können, müssen ihr Bedingungen gesichert sein, innerhalb derer sie wenigstens ihre knechtische Existenz fristen kann. Der Leibeigene hat sich zum Mitglied der Kommune in der Leibeigenschaft herangearbeitet wie der Kleinbürger zum Bourgeois unter dem Joch des feudalistischen Absolutismus. Der moderne Arbeiter dagegen, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung und Reichtum.
Es tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist, noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben und die Lebensbedingungen ihrer Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzuzwingen. Sie ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden. Die Gesellschaft kann nicht mehr unter ihr leben, d.h., ihr Leben ist nicht mehr verträglich mit der Gesellschaft.
Die wesentliche Bedingung für die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse ist die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten, die Bildung und Vermehrung des Kapitals; die Bedingung des Kapitals ist die Lohnarbeit. Die Lohnarbeit beruht ausschließlich auf der Konkurrenz der Arbeiter unter sich. Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.

P.D. Kulle
155 Jahre sind genug – auch große Gedanken überholen sich. Es ist also an der Zeit, dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ eine aktuelle Fassung gegenüberzustellen, und zwar in der Hoffnung, dass diese baldmöglichst auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.
Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst der Globalisierung. Alle Mächte der alten Welt haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und Lula, Bin Laden und Kim Il Sung, Attac und deutsche Gewerkschafter.
Wo ist die Regierungspartei, die nicht von ihren oppositionellen Gegnern als globalistisch verschrien worden wäre, wo die Regierungspartei, die den stehen gebliebenen Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf der Globalisierungsfeindlichkeit nicht zurückgeschleudert hätte?
Zweierlei geht aus dieser Tatsache hervor.
Die Globalisierung wird bereits von allen Weltmächten als eine Macht anerkannt.
Es ist hohe Zeit, dass die Globalisierer ihre Anschauungsweise, ihre Zwecke, ihre Tendenzen vor der ganzen Welt offen darlegen und dem Märchen vom Gespenst der Globalisierung ein Manifest der Globalisierungspartei selbst entgegenstellen.
Zu diesem Zweck haben sich Globalisierer der verschiedensten Nationalität in London versammelt und das folgende Manifest entworfen, das in englischer, französischer, spanischer, chinesischer und japanischer Sprache veröffentlicht wird.
Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.
Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedes Mal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.
In den früheren Epochen der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen besondere Abstufungen.
Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne globalisierte Gesellschaft hat die Klassengegensätze bisher noch nicht völlig aufgehoben. Sie hat aber neue Klassen an die Stelle der alten gesetzt.
Unsere Epoche, die Epoche der Globalisierung, zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltete sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Globalisierer und Globalisierungsfeinde, deren eine große Fraktion zunächst die Proletarier darstellten.
Aus den Leibeigenen des Mittelalters gingen die Pfahlbürger der ersten Städte hervor; aus dieser Pfahlbürgerschaft entwickelten sich die ersten Elemente der Globalisierer.
Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen den aufkommenden Globalisierern ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schifffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.
Die bisherige feudale oder zünftige Betriebsweise der Industrie reichte nicht mehr aus für den mit neuen Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat an ihre Stelle. Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den industriellen Mittelstand; die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Korporationen verschwand vor der Teilung der Arbeit in der einzelnen Werkstatt selbst.
Aber immer wuchsen die Märkte, immer stieg der Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr aus. Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die industrielle Produktion. An die Stelle der Manufaktur trat die moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Globalisierer.
Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schifffahrt, der Kommunikation eine unermessliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Maße, worin Industrie, Handel, Schifffahrt, Eisenbahnen, Auto- und Flugverkehr und Kommunikation sich ausdehnten, in demselben Maße entwickelte sich die Globalisierung, vermehrte sie ihre Kapitalien, drängte sie alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in den Hintergrund.
Wir sehen also, wie die Globalisierung selbst das Produkt eines langen Entwicklungsganges, einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise ist.
Jede dieser Entwicklungsstufen der Globalisierung war begleitet von einem entsprechenden politischen Fortschritt: Unterdrückter Stand unter der Herrschaft der Feudalherren, bewaffnete und sich selbst verwaltende Assoziation in der Kommune, hier unabhängige städtische Republik, dort dritter steuerpflichtiger Stand der Monarchie, dann zur Zeit der Manufaktur Gegengewicht gegen den Adel in der ständischen oder in der absoluten Monarchie, Hauptgrundlage der großen Monarchien überhaupt, erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung der großen Industrie und des Weltmarktes im modernen Repräsentativstaat die ausschließliche politische Herrschaft. Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Globalisiererklasse verwaltet.
Die Globalisierer haben in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.
Sie haben, wo sie zur Herrschaft gekommen, alle feudalen, patriarchalischen, ungerechten Verhältnisse zerstört. Sie haben die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen willkürlichen Vorgesetzten knüpften, barmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das Interesse, als die gerechte „bare Zahlung“. Sie haben die unheiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem klaren Wasser individueller Verwirklichung ertränkt. Sie haben an die Stelle der so genannten persönlichen Würde den jedem gegenüber gerechten Tauschwert und die Handelsfreiheit gesetzt. Sie haben, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die Chance zur Entfaltung einer jeden Persönlichkeit gesetzt.
Die Globalisierung hat alle bisher als ehrwürdig geltenden und mit Aberglauben betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre Dienste gestellt.
Die Globalisierung hat dem Familienverhältnis seinen falschen sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein Solidarverhältnis der Generationen zurückgeführt.
Die Globalisierung hat enthüllt, wie die brutale Kraftäußerung, die ihre Gegner so sehr am Mittelalter bewundert, durch geschickte Verhandlungen, zum Beispiel im Rahmen der WTO, ersetzt werden kann. Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge.
Die Globalisierung kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Innovation und Bewegung zeichnet die Globalisierungsepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von überkommenen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles so genannte Heilige wird entweiht, und die Menschen haben endlich die Chance, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.
Der Wunsch nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte, die der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienen, jagt die Globalisierer über die ganze Erdkugel. Überall müssen sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
Die Globalisierung hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre der Industrie den nationalen Boden unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.
Die Globalisierung reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Globalisierer sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Globalisierer zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.
Die Globalisierung hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Globalisierungsvölkern, den Orient vom Okzident abhängig gemacht.
Die Globalisierung hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert.
Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Nationen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und Zöllen wurden zusammengedrängt in einen Staatenverbund, eine Freihandelszone, ein supranationales Klasseninteresse, eine Douanenlinie.
Die Globalisierung hat in ihrer kaum zweihundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Atomkraft, Informationstechnologie, Nanotechnik, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen – welches frühere Jahrhundert ahnte, dass solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.
Wir haben also gesehen: Die Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Globalisierung heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verhältnisse, worin die feudale Gesellschaft produzierte und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort die feudalen Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie zu fördern. Sie verwandelten sich in ebenso viele Fesseln. Sie mussten gesprengt werden, sie wurden gesprengt.
An ihre Stelle trat die freie Konkurrenz mit der ihr angemessenen gesellschaftlichen und politischen Konstitution, mit der ökonomischen und politischen Herrschaft der Globalisierungsklasse.
Unter unsern Augen geht eine völlig andere Bewegung vor. Die globalisierten Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die globalisierten Eigentumsverhältnisse, die moderne globalisierte Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die Gewalten zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels nicht mehr die Geschichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Globalisierer und ihrer Herrschaft sind. Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer wieder die Stärke der ganzen globalisierten Gesellschaft unter Beweis stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen wird eine gesellschaftliche Reinigung vollzogen, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Befreiung von der Überproduktion. Die ökonomisch ungebildete Masse der Gesellschaft glaubt sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt.
Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen eben durch ihre Vernichtung zur Beförderung der globalisierten Eigentumsverhältnisse; sie waren zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden. Die globalisierten Verhältnisse waren zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. – Wodurch überwindet die Globalisierung die Krisen? Einerseits durch die bewusste Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausnutzung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie die Bedürfnisse möglichst vieler Konsumenten zu befriedigen sucht und so die nächste Krise möglichst weit in die Zukunft verlagert.
Die Waffen, womit die Globalisierer den Feudalismus zu Boden geschlagen haben, richten sich auf diese Weise nicht gegen die Globalisierer selbst.
Aber die Globalisierer haben nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr das Leben sichern; sie haben auch die Männer gezeugt, die aufgrund ihrer Herrschaft den Tod finden werden – die einstmals modernen Arbeiter, die Proletarier.
In demselben Maße, worin sich die Globalisierung, d.h. das Kapital, entwickelt, in demselben Maße entwickelte sich zunächst das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter, die nur so lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt. Diese Arbeiter, die sich stückweis verkaufen mussten, waren eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.
Die Arbeit der Proletarier verlor durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit allen selbständigen Charakter und damit allen Reiz für den Arbeiter. Er wurde ein bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wurde. Die Kosten, die der Arbeiter verursachte, beschränkten sich daher fast nur auf die Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race bedurfte. Der Preis einer Ware, also auch der Arbeit, ist aber gleich ihren Produktionskosten. In demselben Maße, in dem die Widerwärtigkeit der Arbeit wuchs, nahm daher der Lohn ab. Noch mehr, in demselben Maße, wie Maschinerie und Teilung der Arbeit zunehmen, in demselben Maße nimmt auch die Masse der gesellschaftlich notwendigen lebendigen Arbeit ab.
Arbeitermassen, in der Fabrik zusammengedrängt, gibt es nicht mehr. Je weniger die Handarbeit erheischt wird, d.h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Proletarier durch die der Maschinen und Computer verdrängt. Es gibt nur noch Arbeitsinstrumente, die verschiedene Kosten machen, wobei die Kosten der Maschinerie zunehmend geringer werden als die der Proletarier. Ist die historische Notwendigkeit proletarischer Lohnarbeit beendigt, so fallen die ehemaligen Proletarier der staatlichen Fürsorge anheim. Die anderen Teile der Gesellschaft, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw., die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers, die Handwerker und Bauern, alle diese Klassen behalten ihre Stellung, teils dadurch, dass ihr kleines Kapital für den Betrieb der großen Industrie nicht ausreicht und für die Konkurrenz mit den größeren Globalisierern uninteressant ist, teils dadurch, dass ihre Geschicklichkeit in gewissen Nischen immer noch eine Nachfrage findet.
Das Proletariat macht also verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen die Globalisierer beginnt mit seiner Existenz.
Im Anfang kämpfen die einzelnen Arbeiter, dann die Arbeiter einer Fabrik, dann die Arbeiter eines Arbeitszweiges an einem Ort gegen den einzelnen Globalisierer. Sie richten ihre Angriffe nicht nur gegen die globalisierten Produktionsverhältnisse, sie richten sie gegen die Produktionsinstrumente selbst; sie vernichten die fremden konkurrierenden Waren, sie zerschlagen die Maschinen, sie stecken die Fabriken in Brand, die suchen die untergegangene Stellung des mittelalterlichen Arbeiters wieder zu erringen.
Auf dieser Stufe bilden die Arbeiter eine über das Land zerstreute und durch die Konkurrenz zersplitterte destruktive Masse. Massenhaftes Zusammenhalten der Arbeiter ist noch nicht die Folge ihrer eigenen Vereinigung, sondern die Folge der Vereinigung der Globalisierer, die zur Erreichung ihrer eigenen politischen Zwecke zunächst das ganze Proletariat in Bewegung setzen muss. Auf dieser Stufe bekämpfen die Proletarier noch die Reste der absoluten Monarchie, die Grundeigentümer, die nichtindustriellen Bourgeois, die Kleinbürger. Die ganze geschichtliche Bewegung ist so in den Händen der Globalisierer konzentriert; jeder Sieg, der so errungen wird, ist ein Sieg der Globalisierung.
Aber mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich zunächst nicht nur das Proletariat; es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft scheint zu wachsen, und es glaubt sie immer mehr zu fühlen. Die Interessen, die Lebenslagen innerhalb des Proletariats gleichen sich immer mehr aus, indem die Maschinerie mehr und mehr die Unterschiede der Arbeit verwischt und den Lohn fast überall auf ein gleich niedriges Niveau herabdrückt. Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die Globalisierer zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich für die gelegentlichen Empörungen zu verproviantieren.
Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Denn die immer rascher sich entwickelnde, unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht ihre ganze Lebensstellung immer unsicherer. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Zersplitterung der Arbeiter. Sie wird befördert durch die wachsenden Kommunikationsmittel, die von der großen Industrie erzeugt und gesteuert werden und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten gegeneinander ausspielen. Es bedarf also bloß der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu isolierten Aktionen zu erklären. Die Vereinigung, zu der die Bürger des Mittelalters mit ihren Vizinalwegen Jahrhunderte bedurften, bringen die modernen Globalisierer mit privaten Rundfunk- und Fernsehsendern umgekehrt identisch in wenigen Jahren zustande.
Die Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wurde also wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst, und sie hat keine Chance, neu zu erstehen.
In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozess innerhalb der Proletarierklasse einen so heftigen, so grellen Charakter an, dass ein kleiner Teil sich von ihr lossagt und sich der revolutionären Klasse anschließt, der Globalisierungsklasse, welche die Zukunft in ihren Händen trägt. Umgekehrt wie früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil des intelligenteren Proletariats zu den Globalisierern über, und namentlich ein Teil dieser Proletarierideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben.
Von allen Klassen, welche heutzutage dem Proletariat gegenüberstehen, sind nur die Globalisierer eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, die Globalisierung ist ihr eigenstes Produkt.
Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen, wenn sie kämpfen, die Globalisierung, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.
Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch systematische Medienverdummung ruhiggestellt.
Alle Klassen, die sich die Herrschaft eroberten, so auch die Globalisierer, suchten ihre schon erworbene Lebensstellung zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den Bedingungen ihres Erwerbs unterwarfen. Die Proletarier wollten sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte erobern, indem sie ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen. Dieses Konzept ist gescheitert.
Es bleibt, wie es immer war: Alle Bewegungen sind Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung wäre nichts anderes gewesen. Aber das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, konnte sich nicht erheben, nicht aufrichten.
Obgleich nicht dem Inhalt, war der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Globalisierer zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes wollte natürlich zuerst mit seinen eigenen Globalisierern fertig werden. Schon diese isolierten Kämpfe waren zum Scheitern verurteilt.
Indem wir die allgemeinsten Phasen der Entwicklung des Proletariats zeichneten, verfolgten wir den mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er angesichts der zunehmenden Obsoletheit des Proletariats die endgültige Herrschaft der Globalisierer begründet.
Alle bisherige Gesellschaft beruhte, wie wir gesehen haben, auf dem Gegensatz unterdrückender und unterdrückter Klassen. Um aber eine Klasse unterdrücken zu können, müssen ihr Bedingungen gesichert sein, innerhalb derer sie wenigstens ihre knechtische Existenz fristen kann. Sie muss benötigt werden. Der moderne Arbeiter, statt sich mit dem Fortschritt der Industrie zu heben, sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung und Reichtum. Es tritt hiermit offen hervor, dass das Proletariat unfähig ist, jemals die herrschende Klasse der Gesellschaft zu werden und die Lebensbedingungen seiner Klasse der Gesellschaft als regelndes Gesetz aufzuzwingen. Es ist unfähig zu herrschen, weil es unfähig ist, sich selbst zu erhalten, von anderen ganz zu schweigen.
Die wesentliche Bedingung für die Existenz und für die Herrschaft der Globalisiererklasse ist die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten, die Bildung und Vermehrung des Kapitals; die Bedingung der Globalisierung ist die Nutzung der Arbeit anderer. Der Fortschritt der Industrie, dessen planende und lenkende Träger die Globalisierer sind, setzt an die Stelle des ohnmächtigen Revolutionsversuchs der Arbeiter den immer währenden Konsum. Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen des Proletariats die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf es produziert. Sie produziert seinen Totengräber. Ihr Sieg und der Untergang des Proletariats sind gleich unvermeidlich.

IWF

IWF
Bärdel
Wohlig drehte Bärdel sich von der rechten auf die linke Seite. Er hatte ein paar Stunden im Schatten eines Apfelbaumes geschlafen und beschloß nun, allmählich aufzuwachen. Sehr allmählich. Sein Magen sagte ihm, daß es später Nachmittag war. Höchste Zeit also, sich an ein ausgiebiges Abendmahl zu machen. Mit geschlossenen Augen malte er sich das Menu aus, auf das er Appetit hatte: Zuerst einen Apfel. Dann…

Fruits

Kulle störte ihn in seinen genießerischen Überlegungen. Hoch erhobenen Hauptes stolzierte er durch die Gegend, ohne auf Weg und Steg zu achten. Er war vollauf damit beschäftigt, mal die eine, mal die andere Pranke zu heben, an das rechte oder linke Band seiner Fliege zu greifen und sich an den Kopf zu schlagen. Bei dieser merkwürdigen Beschäftigung stolperte er über Bärdel und fiel hin.
„Aua!“ sagte Bärdel. Kulle war auf seine Nieren gepurzelt.
„Was soll denn das?“
Bärdel setzte sich auf, und auch Kulle kam wieder auf die Füße.
„Entschuldige bitte. Ich war in Gedanken.“ Geistesabwesend zupfte Kulle schon wieder an seiner Fliege herum.
Bärdel schmunzelte. Eigentlich war die Sache mit Kulle ganz einfach: Wenn er eine Idee hatte, war er nicht davon abzubringen, und er verriet sie auch nicht, bis er meinte, daß er sie fertig entwickelt hatte. Wollte man vorher etwas aus ihm herausbringen, mußte man ihn ablenken, zumindest für eine Weile.
Bärdel klaubte zwei rotbackige Falläpfel auf, bot Kulle einen an und fragte dann:
„Lecker, nicht?“
Kulle biß in seinen Apfel, kaute und ließ von seiner Fliege ab. Bärdel wußte, daß er gewonnen hatte.
„Was brütest du denn aus?“ wollte er wissen.
Kulle schluckte süßen Apfelsaft hinunter, schlug in gut gespielter Bescheidenheit die Augen nieder und sagte:
„Ich habe ein neues Gesellschaftsspiel entwickelt.“
„Oh Gott!“ entfuhr es Bärdel. Er erinnerte sich gut an ‚Markt und Sozialstaat‚. Dieses sogenannte Spiel hatte Bärenleben beinahe zerstört. Er konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen als eine Neuauflage.
„Das verbiete ich!“ sagte er energisch. „Vergiß es. Erfinde stattdessen die ganz allgemeine Relativitätstheorie oder sonstwas – aber ich will kein neues gefährliches Gesellschaftsspiel in Bärenleben.“
„Es wird nicht gefährlich werden,“ antwortete Kulle. „Jedenfalls hoffe ich das. Diesmal sind nicht wir die Spieler. Ich habe ein Brettspiel gebastelt, mit ganz normalen Holzkegeln und vielen Ereigniskarten.“
„Und worum geht es dabei?“ erkundigte sich Bärdel.
„Um den IWF.“
„Was ist denn das für eine bescheuerte Idee?“ Manchmal war auch Bärdel nicht charmant.
„Das ist gar keine bescheuerte Idee. Wer hat denn darauf bestanden, daß wir die ‚Neue Zürcher Zeitung‘ abonnieren? Du! Seit alle Bären dieses Blättchen lesen, werde ich täglich mit Fragen bombardiert, die sich auf die Wirtschaft beziehen. Und seit der sogenannten Asienkrise habe ich überhaupt keine Ruhe mehr. Alle wollen von mir wissen, was da passiert ist und was der Internationale Währungsfonds dabei für eine Rolle spielt.“
Auch Kulle klang jetzt recht ungehalten.
„Und warum erklärst du es ihnen nicht?“
„Das habe ich ja versucht. Immer und immer wieder. Aber sie kapieren es nicht. Deshalb habe ich mir gedacht, wir spielen das Ganze einfach.“
Bärdel biß ein zweites Mal in seinen Apfel.
„Gut“, sagte er nachdenklich. „Wahrscheinlich ist das eine gute Idee. Wenn ich’s mir genau überlege, kann ich diese wirtschaftlichen Zusammenhänge auch nicht erklären. Und was man nicht erklären kann, hat man nicht verstanden. Spielen wir also dein Spiel. Aber erst nach dem Abendessen. Was hältst du von ein paar Kartoffeln als Hauptgang und einer kleinen Honigwabe zum Schluß?“
Kulle hielt viel davon.

Nach Einbruch der Dunkelheit versammelte sich ganz Bärenleben in der großen Höhle. Aber dunkel war es dort nicht – schon seit einiger Zeit hatte Manfred

Tumu und Manfred
sich erlaubt, eine Fernleitung der Preußag anzuzapfen. Die Bären betrachteten diese ‚Spende‘, wie sie das nannten, als gerechten Ausgleich dafür, daß die Energieerzeugungsunternehmen das Stromeinspeisungsgesetz zu torpedieren versuchten. Selbstverständlich achteten sie darauf, daß ihr Verbrauch nur gering war – sie benutzten ausschließlich Energiesparlampen.

Kulle war ziemlich aufgeregt. Er war zwar daran gewöhnt, vor großem Publikum zu sprechen, aber er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, das Spiel, das er sich ausgedacht hatte, wirklich zu erproben. Dennoch gab er sich gelassen.
„Bären,“ sagte er, „willkommen zum schönsten Teil des Tages. Laßt uns etwas spielen.8 Kugel Billard Ich habe ein Spiel gebastelt, dem Leben nachempfunden, aber ich weiß nicht, ob es klappen wird. Aber auch im Leben gelingt längst nicht immer alles, wie wir wissen. Habt ihr Lust?“
Ein Brummen, so tief, daß es eher im Zwerchfell als in den Ohren klang, erfüllte den Raum. Oh ja sie hatten Lust.
„Gut,“ sagte Kulle. „Ein kleines Problem gibt es noch. Nicht alle von euch werden bei diesem Spiel gewinnen können. Deshalb werden wir die Spieler auslosen. Seid ihr einverstanden?“
Die Bären bekundeten Zustimmung, und Kulle holte daraufhin etliche klein gefaltete Zettelchen aus einer Nische und ließ jeden Bären einen auswählen. Dabei ermahnte er sie, keinem anderen zu verraten, welche Rolle er übernommen habe. Das werde sich erst im Spiel zeigen.
Als Kulle sah, daß jeder versorgt war, zog er drei Spielbretter aus seiner Geheimnische.
„Das Spiel ist ein bißchen kompliziert“, sagte er, während er die drei Papptafeln in drei Ecken der Höhle verteilte. Dabei justierte er jedes Spielbrett sorgfältig, bis es hörbar einrastete.
„Aber für alle gelten die gleichen Regeln: Würfeln und vorwärts ziehen. Wer auf ein Ereignisfeld gerät, muß eine Ereigniskarte nehmen und sich an deren Anweisungen halten. Jeder von euch hat auf dem Zettel, den er gezogen hat, zwei Informationen. Der erste Begriff sagt ihm, wer er ist und was er will oder tut, und der zweite, zu welcher Gruppe er gehört. Die Gruppenbegriffe sind ‚klein‘, ‚groß‘ und ‚Multi‘. Die ‚klein‘-Gruppe geht bitte an dieses Spielfeld, die ‚groß‘-Gruppe an das da hinten und die ‚Multi‘-Gruppe an das dritte.“
Dabei deutete er in die entsprechenden Richtungen. Es entstand eine kurze Unruhe, danach hockten die Bären in drei Gruppen zusammen.
„Jetzt könnt ihr anfangen“, sagte Kulle. “ Ihr könnt auswürfeln, wer den Anfang macht, oder es bleiben lassen. Ich glaube, es spielt keine Rolle, wer beginnt.“
„Alle drei Gruppen spielen gleichzeitig?“ fragte ein alter Bär, der in seinem Leben nie etwas anderes als ‚Bär-ärgere-dich-nicht‘ gespielt hatte.
„Natürlich. Alle drei Gruppen spielen gleichzeitig. Das ist ja das Spannende an der Sache.“
Der alte Bär war in der ‚Multi‘-Gruppe gelandet. Ohne die anderen zu fragen, griff er sich den Würfel und ließ ihn rollen. Er zeigte eine Drei. Er zog daraufhin seine Spielfigur gehorsam auf ein Ereignisfeld und nahm die oberste Karte. Er las und grinste.
„Du mußt laut vorlesen, was auf deiner Karte steht“, sagte Kulle.
„Wir alle wollen jederzeit wissen, was der andere macht, und warum er es macht. In der Wirklichkeit ist das weniger transparent, aber wir wollen die Wirklichkeit ja transparent machen.“
„Ich bin Eigentümer der Nippon United Bank und gewähre der Suharto Sons Kautschukproduktion AG sechs Milliarden $ Kredit“, las der alte Bär gehorsam vor, wobei seine Lesegeschwindigkeit und sein Tonfall deutlich verrieten, daß er überhaupt nichts verstand.
Nicht nur er begriff nichts, auch alle anderen – außer Kulle natürlich – waren deutlich überfordert. Das Würfeln dieser einen Drei, das Ziehen dieser bestimmten Karte schien Auswirkungen auf das gesamte Spiel zu haben. Ohne irgendwelches bärische Zutun drehten sich die Spielfelder, veränderten zum Teil ihre Farbe, und die Karten auf den Ereignisstapeln mischten sich neu.
Ein Murmeln erhob sich.
„Was ist hier los?“ fragte Tumu. Als ordentliche Bärin hielt sie natürlich viel von Frauenzauber, aber dieses merkwürdige Schauspiel jagte ihr Angst ein.
„Keine Angst, Mama!“ Das war Manfred.
„Ich habe nur Kulles neues Spiel ein bißchen verbessert. Er will bestimmte Mechanismen zeigen, die multikausal sind. Also habe ich der Technik Dialektik beigebracht. Veränderte Parameter erzeugen veränderte Reaktionsmuster.“
„Gut, du hast also ein Programm geschrieben“, sagte Tumu. „Und soweit ich informiert bin, haben Menschen ein so adaptives Programm noch nicht zustande gebracht. Glückwunsch, mein Sohn. Aber warum sollen wir noch spielen, wenn sich alles selbst generiert?“
„Das Programm hat keinen Zufallsgenerator, Mama.Es paßt sich lediglich den neuen Gegebenheiten an. Wir Bären bestimmen, welcher Zug als nächster folgt. Deshalb ist es immer noch ein Spiel, auch wenn wir seine Regeln nicht festlegen können.“
„Ich hasse das“, murmelte Tumu vor sich hin. „Bildet der Kleine sich etwa ein, die Antinomie von Voluntarismus und Determinismus mit Hilfe intelligenter Software zu lösen?“ Aber sie entschloß sich, jetzt und hier auf eine grundsätzliche Diskussion zu verzichten. „Ich hab’s verstanden!“ sagte sie laut. „Das klingt spannend. Spielen wir weiter.“
„Wer spielt als Nächster?“ wollte das Schwein wissen, das als erster und einziger politischer Asylant in Bärenleben natürlich Ehrengast der Runde war.
„Wer will“, sagte Kulle. „Es können auch mehrere gleichzeitig ziehen. Ihr müßt euch nur darauf gefaßt machen, daß das Spiel lebendig wird: Vielleicht ist der eine oder andere Zug nicht möglich, weil gerade jemand anders gewürfelt hat.“
„Ich begreife das noch nicht“, beklagte sich eine junge Bärin. „Laßt uns bitte langsam spielen, nicht gleichzeitig, und jeder erklärt so viel wie möglich von dem, was das Spiel mit ihm macht. Schließlich hat Kulle doch gesagt, daß es bei diesem Spiel darum geht, etwas zu verstehen, und nicht darum, zu gewinnen, oder?“
Brummende Zustimmung.
„Alle scheinen einverstanden zu sein“, stellte Tumu fest. „Dann mach du doch weiter!“
Dadurch ermutigt, würfelte die junge Frau. Sie gehörte zur Gruppe der ‚Großen‘. Ihre fünf Augen führten sie auf ein Ereignisfeld.
„Die Suharto Sons AG baut eine neue Kautschukplantage und rodet dafür 1000 Hektar Regenwald. Auf den neuen Besitz nimmt sie eine Hypothek auf und finanziert davon den Bau einer Fabrik für Fahrrad- und Autoreifen.“
„Gerecht soll es zugehen!“ forderte ein Bär aus der Gruppe der ‚Kleinen‘. „Jetzt sind wir dran!“
Er würfelte und erwischte ebenfalls ein Ereignisfeld.
„Ich bin Muhamad Argoto, Bauer auf Sumatra. Ich habe fünf Söhne – vier zuviel. Mehr als eine Familie kann von meinem Land nicht leben. Der Familienrat hat beschlossen, daß meine vier jüngeren Söhne mit ihren Frauen und Kindern nach Jakarta ziehen werden. Sie werden dort eine Arbeit finden – es gibt jetzt viele neue Fabriken. Sie werden gut leben können, anders als hier.“
Der Bär wollte seine Ereigniskarte an der dafür vorgesehenen Stelle ablegen, zuckte aber erschreckt zurück. Das Spiel machte sich selbständig. Hunderte, vielleicht sogar tausende Kärtchen wieselten auf die Markierung zu, die seiner Karte zukam, und stapelten sich dort brav zu einem sauberen Häufchen.
„Was ist denn jetzt los?“ fragte er und zerknautschte seine eigene Karte vor Aufregung in seiner Pranke.
„Du bist eben nicht allein auf der Welt“, schmunzelte Kulle. „Gerade du nicht. Probier es doch einmal aus! Zieh ein paar Karten aus dem Stapel und lies sie uns vor!“
Das Ziehen klappte zwar nicht, weil der Bär warf den hohen Stapel ungeschickt umwarf, aber um so besser konnte er in dem Kartenhaufen wühlen.
„Ich habe sechs Söhne … meine Frau ist gestorben … man hat mir mein Land mit Gewalt genommen …“
Der Bär verstummte, aber er las noch eine Weile still weiter.
„Du hast recht“, sagte er dann. „Es ist irgendwie immer dasselbe. Alle können auf dem Land nicht mehr leben und ziehen in die Stadt.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wußte nicht, daß es so viele sind.“
„In der Wirklichkeit sind es viel mehr. Wir spielen hier nämlich nur.“
Kulle hatte sich die Bemerkung nicht verkneifen können, aber er merkte – hier lief etwas schief. Eine Tragödie schon nach drei Spielzügen, das war zu früh. Natürlich sollten die Bären etwas begreifen, aber erst am Ende, nicht schon am Anfang eines geselligen Abends.
Also griff er selber zu den Würfeln, natürlich am Spielfeld der ‚Multis‘ – etwas anderes zu sein als ein Global Player war unter seiner Würde, fand er.
Laut las er seine Ereigniskarte vor: „Ich bin ein Vertreter der Santander Investment Group. Die Suharto Daughters Ltd. erhält fünf Milliarden $ Kredit für den Aufbau einer nationalen Autoproduktion. Es handelt sich bei dieser Summe um die erste Tranche.“
Ebensowenig wie der alte Bär vor ihm konnte Kulle seine Karte ungehindert zurücklegen. Auch ihm flogen Karten zu, allerdings deutlich weniger. Er las sie auszugsweise vor: „Kredit für Suharto Nephews … für Suharto Aunts … für Suharto Oncles …“ Und immer handelte es sich um stolze Summen.
Jetzt wurde am Brett der ‚Kleinen‘ gespielt.
„Meine Eltern sind Bauern, ich habe noch sieben Schwestern. Ich werde in die Stadt ziehen und mir dort Arbeit suchen. Ich werde ganz bestimmt einen Job finden: Im Haushalt oder in einer Fabrik. Vielleicht werde ich mich auch selbst verkaufen, ich bin nämlich hübsch. Von dem Geld, das ich verdiene, werde ich so viel wie möglich meiner Familie schicken, damit sie besser leben kann als bisher.“
Auch hier sagten die Karten, daß die Spielerin mit ihrer Absicht keineswegs alleine war.
„Ich bin Zahnarzt in Dehland. Ich gebe zu, daß ich nicht schlecht verdiene. Natürlich nur in unserem kleinen Kreise. In der Öffentlichkeit würde ich das selbstverständlich nie sagen. Also: Ich verdiene gut, und deshalb habe ich das Problem, wie ich mein Vermögen möglichst gewinnbringend anlegen kann. Meine Bank hat mir zu einem gemischten südostasiatischen Aktienpaket geraten, mit Schwerpunkt Indonesien. Bevor ich gekauft habe, habe ich mich natürlich informiert – schließlich bin ich kein Glücksspieler! Die dortigen Unternehmen gelten international als völlig kreditwürdig, es gibt einen riesigen nationalen und internationalen Markt, und billige Arbeitskräfte garantieren hohe Gewinnspannen. Da gibt es nichts zu zögern – ich kaufe!“
Das kam von Grizzy, der am Mitteltisch gelandet war.
„Moment mal!“
Eine alte Bärin stand auf und brummte ärgerlich.
„Darfst du hier überhaupt mitspielen? Ich meine, natürlich darfst du mitspielen. Aber du hast doch eine falsche Rolle! Was hat auf einmal ein Zahnarzt aus Dehland hier zu suchen?“
Grizzy hatte Mühe mit der Antwort, weil er zunächst einmal vollauf damit beschäftigt war, die Karten zu ordnen, die ihm in großer Zahl zuflogen. Nachdem er einen ansehnlichen Stapel aufgetürmt hatte, sagte er:
„Ich verstehe zwar auch noch nicht genau, was das soll, aber dieser Kartenhaufen scheint mir recht zu geben. Wenn so viele Menschen etwas ähnliches machen wie ich, muß ich hier am richtigen Ort sein. Paß auf, ich lese dir mal einige Karten vor.
Hier: Besitzer einer Autowerkstatt, Ohio, USA. Hat für seine Altersvorsorge ostasiatische Aktien gekauft. Der nächste: Manager in Japan. Hat sein Vermögen umorganisiert und einen Teil seiner japanischen Aktien in indonesische umgewandelt. Spanien – leitender Angestellter einer Ölgesellschaft. Kauft indonesische Aktien, weil er sich lukrative Gewinne verspricht. Reicht das?“
Die Alte nickte langsam.
„Das reicht“, sagte sie. „Aber…“
Sie verstummte und dachte ziemlich lange nach, während die anderen geduldig warteten. Bären haben Respekt vor dem Alter und lassen den Alten die Zeit, die sie brauchen.
„Aber das heißt ja, daß dieses Spiel auf der ganzen Welt spielt?“ fragte sie schließlich unsicher.
Bedächtig nickten viele Bärenköpfe und ein Schweinekopf. Ja, das hieß es anscheinend.
Kulle kicherte lautlos in sich hinein und strich sich über die Fliege. Das erste Lernziel war erreicht.
So leicht war die Bärin aber nicht zufriedenzustellen.
„Das verstehe ich nicht“, murrte sie. „Wie können sich die Menschen überall auf der Welt so schnell miteinander verständigen?“
Manfred öffnete den Mund, aber bevor er etwas sagen konnte, kam Bärdel ihm zuvor. Er wußte, daß sein Sohn jetzt liebend gerne einen Vortrag über moderne Kommunikationstechnik abgespult hätte, den kaum jemand verstehen und der das Spiel stören würde.
„Es funktioniert einfach“, sagte er freundlich. „Wenn es dich interessiert, kann ich dir das bei Gelegenheit genauer erklären. Aber nicht jetzt. Laßt uns weiterspielen!“
Um Widerworten vorzubeugen, nahm er selbst den Würfel und ließ ihn rollen. Eine Sechs. Er setzte. Zum ersten Mal geriet ein Spieler nicht auf ein Ereignisfeld. Bärdel zuckte die Schultern und gab den Würfel weiter.
Dem nächsten Bären ging es genauso. Auch dem dritten. Keiner der nächsten zwanzig Spieler kam auf ein Ereignisfeld.
Unfreundliches Brummen erhob sich hier und da:
„Das Spiel wird langweilig!“
„Wieso passiert denn nichts?“
„Ich weiß gar nicht, was ihr wollt“, bemerkte Kulle betont unschuldig. „Es passiert eine Menge. Dreht euch doch mal um!“
Er zeigte zu einer Höhlenwand, und die Spieler folgten seiner Aufforderung. An der Wand hing plötzlich eine elektronische Anzeigetafel, auf der sich in schwindelerregender Geschwindigkeit Zahlen bewegten.
„Davon kriege ich Kopfschmerzen“, grumpfte der alte Bär, der das Spiel begonnen hatte, ungehalten. „Was ist das überhaupt?“
„Solche Tafeln hängen überall in der Welt an Plätzen, an denen Aktien gekauft und verkauft werden. Sie zeigen die Preise der Aktien und deren Entwicklung. Diese Preise nennen die Menschen Kurse. Sehen wir uns doch mal die Kurse von Suharto Daughters Ltd. an. Der Name der Firma steht ganz links. Daneben seht ihr den Preis, den der Käufer für eine Aktie bezahlt hat. Das ist in unserem Spiel jetzt einige Züge her. Und ganz rechts steht, was man heute für dieselbe Aktie bezahlen müßte, wenn man sie kaufen wollte.“
Aufmerksam folgten die Augen der Versammelten den Anweisungen. Tumu entdeckte den Trick als erste.
„Das kann doch nicht sein! Der Kurs der Aktie dieser Firma hat sich verzehnfacht!“
„Das kann schon sein, und das passiert auch“, erklärte Kulle. „Wenn viele Menschen eine begrenzte Menge von Aktien kaufen wollen, steigt deren Preis. Das funktioniert nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Der Wert der Firma spielt dabei aber merkwürdigerweise nur eine geringe Rolle. Erhöht sich der Wert der Firma – also ihr Kapital, ihr Gewinn – entsprechend, ist alles in Ordnung. Wenn nicht, spricht man von einer spekulativen Seifenblase. Mit Devisen funktioniert das übrigens genauso. Die Kursentwicklung der indonesischen Rupiah ist in der untersten Spalte dargestellt.“
„Moment mal!“ Jetzt mischte Tumu sich ein.
„Du willst uns doch nicht erzählen, daß die Menschen so blöd sind, einen hohen Preis für etwas zu bezahlen, dessen Wert sie nicht kennen?“
„Doch, genau das versuche ich euch zu erzählen. Menschen wie der Zahnarzt aus Dehland, der Kfz-Meister aus Ohio oder der Manager in Japan wissen mit großer Wahrscheinlichkeit nichts von Suharto Daughters Ltd. Sie hoffen nur, daß sie die Aktien dieser Firma irgendwann – in zwei Monaten oder in zwanzig Jahren – mit Gewinn verkaufen können.“
„Und wie lange geht so etwas gut?“ wollte das Schwein wissen.
„Sehen wir nach!“ schlug Kulle vor. „Spielen wir weiter!“
Manfred brachte den Würfel wieder zum Rollen und erwischte, wie er es sich gewünscht hatte, ein Ereignisfeld. Weil er wußte, wer in diesem Spiel und im Leben der Menschen wirklich die Karten mischte, hatte er sich in die Multi-Gruppe gemogelt.
„Ich bin der Vertreter eines amerikanischen Bankenkonsortiums. Der Name spielt keine Rolle – wir möchten anonym bleiben. Aus zuverlässiger Quelle haben wir erfahren, daß die Suharto-Firmen in Indonesien unseriöse Geschäfte betreiben. Kurzfristig vergebene Kredite wurden langfristig angelegt, und zwar in Geschäftsfeldern, deren Profitabilität äußerst fragwürdig ist. Wir können allen Investoren nur raten, ihre Gelder zurückzuziehen.“
Die Reaktion des Spiels verblüffte den alten Bären – alias Nippon United Bank – und beinahe auch Kulle als Repräsentanten der Santander Investment Group. Ihre Ereigniskarten, die sie beide festhielten, flutschten ihnen aus den Pfoten und flogen Manfred zu. Dazu erhielt er Grizzys Karten und noch etliche andere, die bisher ruhig in den Stapeln auf den Spielfeldern geruht hatten.
Ärgerlich brummte der alte Bär: „He, was soll das? Das ist meine Karte, die will ich behalten!“
Er stand auf und näherte sich Manfred bedrohlich.
„Gib sofort meine Karte wieder her! Die habe ich ehrlich erspielt!“
Prügel lag in der Luft.
Also doch, dachte Bärdel resigniert. Kulles Spiele sind einfach zu gefährlich.
Aber Kulle rettete die Situation.
„Du kannst deine Karte selbstverständlich gerne wiederhaben“, erklärte er freundlich. „Aber bevor du das tust, solltest du erstmal auf die Anzeigentafel schauen!“
Der Alte verstand zwar nichts, war aber immerhin für den Augenblick abgelenkt. Nicht nur er gehorchte Kulles Rat, auch alle anderen richteten ihre Augen auf das Display.
Kulle half ihnen: „Die rechte Spalte!“
In der rechten Spalte war der Teufel los. Die Flüssigkristallanzeige veränderte sich so schnell, daß es kaum möglich war, ihr zu folgen. Eines aber war doch zu erkennen: Die aktuellen Kurse waren in freiem Fall.
„Na und?“ fragte der alte Bär. „Was hat das mit meiner Karte zu tun?“
„Deine Karte sagt, daß du Geld verleihst. Dieses Display zeigt, daß deine Schuldner immer weniger Geld haben. Wenn du dein Geld zurückhaben willst, mußt du deine Karte abgeben, also deinen Kredit zurückziehen. Deshalb ist dir die Karte weggeflogen. Das Spiel hat das für dich gemacht.“
Manchmal konnte Kulle sogar geduldig sein. Aber den Alten hatte er trotzdem nicht überzeugt.
„Was schert mich Geld!“ grollte er. „Menschenkram! Ich will meine Karte!“
Tumu sah, daß Kulle tief Luft holte, und griff ein. Sie hockte sich neben den Alten und kraulte ihm beruhigend den Nacken.
„Du hast ja recht“, brummte sie. „Aber wir spielen hier ein Menschenspiel. Wir wollen die Menschen verstehen. Mach einfach mit!“
Der Alte beruhigte sich, und Kulle ließ die Luft aus seinen Lungen. Es konnte weitergehen.
Es ging anders weiter, als die Bären gedacht hatten. Zu ihrer Überraschung machte sich jetzt der Würfel selbständig und flog der jungen Bärin in die Hand. Gleichzeitig segelte eine Ereigniskarte auf sie zu.
Die junge Frau fischte die Karte aus der Luft und las sie vor. Die Botschaft war kurz.
„Die Suharto Sons AG meldet Konkurs an.“
Würfel und Karten wanderten selbständig weiter.
„Hier ist wieder Muhamad Argoto. Meine vier Söhne sind aus Jakarta zurückgekommen – sie haben ihre Arbeitsplätze verloren. Ihre Fabrik ist geschlossen. Sie haben ihre Familien mitgebracht. Ich weiß nicht, wovon wir alle in Zukunft leben sollen.“
Der Bär, der durch Zufall in die Rolle eines indonesischen Kleinbauern geraten war, hielt sich schützend die Pranken vor die Augen. So viele Karten schossen auf ihn zu, daß er sich regelrecht bedroht fühlte.
Seiner Nachbarin erging es nicht besser, Würfel und Karte drängten sich ihr auf.
„Ich bin entlassen worden. Zuerst ging alles nach Wunsch: Ich habe eine Zeitlang auf der Straße angeschafft, dann einen Job als Kindermädchen gefunden, und zuletzt habe ich in einem sweat-shop als Näherin gearbeitet. Das Übliche: zwölf Stunden Arbeit am Tag , Akkord, und niedriger Lohn. Meiner Familie konnte ich trotzdem ein bißchen Geld schicken. Sogar gespart habe ich für mich. Aber jetzt ist es aussichtslos, weiter in der Stadt zu leben: Arbeit werde ich nicht mehr finden, und die Preise für Lebensmittel sind stark gestiegen. Ich werde wieder nach Hause gehen, aber wie wir da überleben sollen, weiß ich einfach nicht.“
Die Karten flogen und schienen sie unter sich zu begraben.
„Das ist ja fürchterlich!“ murmelte ein spontaner Bärinnenchor. Alle Frauengesichter wandten sich Kulle zu.
„Und jetzt?“ fragten sie, immer noch unisono.
„Jetzt“, erklärte Kulle feierlich, „kommt der Deus ex machina.“

Die Energiesparlampen flackerten und erloschen danach. In der nun völlig dunklen Höhle rumpelte es. Der Boden erzitterte ein wenig. Die Bären atmeten hastig und schnauften unruhig. Aber sie bewahrten Disziplin. Jetzt hörten sie das Geräusch von Metall auf Metall, begleitet von einem leichten Quietschen. Schließlich rastete irgend etwas ein. Etwa einen Meter über dem Boden leuchtete ein durchsichtiger Quader auf, in dem sich aus dem Nichts ein Kopf materialisierte.

Die Bären reagierten mit irritiertem Brummen und Grunzen, das Schwein mit einem erschreckten Quieken. Das zornigste Geräusch stammte eindeutig von dem alten Bären. Er hielt den unbekannten Kopf für einen Eindringling, der vertrieben werden mußte. Zum Glück saß Tumu noch neben ihm, und es gelang ihr zum zweiten Mal, ihn zu beruhigen.
Als der Kopf den Mund öffnete und zu sprechen begann, breitete sich atemlose Stille aus.
„Guten Abend, meine Damen und Herren Bären“, sagte er. „Oh, ich sehe, ich habe jemanden vergessen. Das ist ja noch ein Schwein. Sind Sie Herr Schwein oder Frau Schwein? Ich will nicht indiskret sein, aber ich würde auch Sie gerne korrekt begrüßen.“

Das Schwein
„Ich weiß gerade nicht, ob ich Männlein oder Weiblein bin“, nuschelte das Schwein irritiert.
„Dann also Herr Schwein“, beschloß der Kopf. „Wenn Sie eine Frau sein sollten, dann wissen Sie ja aus Erfahrung, daß sich bei der männlichen Anrede die Frauen immer mitgemeint fühlen dürfen. Also guten Abend, Herr Schwein.“
Das Schwein war so perplex, daß es tatsächlich „Guten Abend“ sagte, anstatt dem Kopf eine ordentliche Ohrfeige zu verabreichen.
„Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle“, fuhr der Kopf fort. „Mein Name ist Camdessus. Michel Camdessus. Ich bin der Direktor des IMF. Oh Verzeihung, in Dehland sagt man wohl IWF.“
„Des was?“ Das war Tumu.
Kulle öffnete den Mund uns wollte zu einem seiner zwar amüsanten und belehrenden, aber in der Regel endlosen Vorträge ansetzen, jedoch zupfte Grizzy rechtzeitig an seiner Fliege. Kulle schloß die Lippen wieder und ärgerte sich über sich selbst. Schließlich hatte er höchstpersönlich dafür gesorgt, daß die Menschen in diesem Spiel sich weitgehend selbst erklärten, aber sein professoraler Belehrungsdrang war wieder einmal beinahe mit ihm durchgegangen.
Michel Camdessus verdrehte in gespieltem Schmerz die Augen.
„Es ist wohl das Schicksal meiner Organisation, daß kaum jemand sie kennt. Dabei bewirken wir so viel Gutes. Aber häufig tun wir das in der Tat im Verborgenen. ‚IWF‘ heißt ‚Internationaler Währungsfonds‘, und ‚IMF‘ ist lediglich die englische Variante des Begriffs: ‚International Monetary Fond‘. . Diese Organisation gibt es seit 1945. Wir haben im Laufe der Geschichte unterschiedliche Ziele verfolgt, das muß ich, denke ich, hier nicht im einzelnen entwickeln. Heute bestehen unsere Aufgaben darin, Entwicklungsländern aus wirtschaftlichen Krisen zu helfen. Also zum Beispiel aktuell Indonesien.“
Das klang gut, fanden die Bären, und sie schlugen die Tatzen ineinander und klatschten Beifall. Auch das Schwein schloß sich an. Am begeistertsten applaudierte die Bärin, die im Spiel als junge Frau in die Stadt gezogen war und jetzt zu ihrer armen Familie auf dem Land zurückkehren mußte. Sie hatte sich mit ihrer Rolle identifiziert.
Sie wagte es, den Kopf im leuchtenden Quader anzusprechen.
„Ich danke Ihnen, Monsieur Camdessus. Wissen Sie, wer ich bin, oder soll ich das kurz erklären?“
Der Kopf bewegte sich von links nach rechts und wieder zurück.
„Das ist nicht nötig. Ich weiß, wer Sie sind.“
„Wie werden Sie mir helfen, Monsieur Camdessus?“
„Junge Frau, das ist nicht so einfach zu erklären. Es handelt sich hier um höchst komplizierte multilaterale finanzielle Zusammenhänge. Vermutlich werden Sie von den Kausalitäten überfordert sein. Können Sie lesen und schreiben?“
Kaum spürbar hatte sich ein Unterton in die Rede des Kopfes eingeschlichen, der Verachtung zeigte. Die sensiblen Bären merkten das und reagierten mit leichter Unruhe.
Auch der Bärin war die atmosphärische Veränderung nicht entgangen. Sie beschloß aber, ohne Aggressionen weiterzuspielen. Selbstverständlich konnte sie lesen und schreiben, in ihrer Freizeit beschäftigte sie sich mit Kant und Hegel, was sie sehr spannend fand, aber getreu ihrer Rolle sagte sie: „Nein.“
„Sehen Sie“, antwortete der Kopf befriedigt, als sei Analphabetismus sein persönlicher Erfolg. Er schaute in die Runde und registrierte, daß alle Augenpaare ihn aufmerksam anschauten. Man schien etwas von ihm zu erwarten.
„Nun gut“, seufzte der Kopf. „Ich werde es versuchen.“ Ihr Land Indonesien ist in eine schwere Wirtschaftskrise geraten. Ihre florierende Wirtschaft hat sich nicht hauptsächlich auf Eigenmittel, sondern auf internationale Kredite gestützt. Allerdings haben Ihre Wirtschaftsunternehmen die Kredite häufig nicht so verwendet, wie es mit den Gläubigern abgesprochen war. Als das bekannt wurde, haben die Gläubiger ihre Kredite zurückgezogen. Den Unternehmen Indonesiens fehlt dementsprechend jetzt Kapital, es gibt Unternehmensschließungen zuhauf, und Arbeiter werden arbeitslos. Damit verbunden ist ein Verfall der nationalen Währung. Soweit klar?“
Die Bären nickten ungeduldig. Das wußten sie schließlich alles schon. Nur der alte Bär schaute den Kopf staunend an: Ihm war jetzt erst alles verständlich geworden.
„Alles klar“, sagte die Bärin, der ihre Rolle als Dialogpartnerin allmählich Spaß zu machen schien. „Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Monsieur Camdessus: Wie werden Sie mir helfen?“
„Der IWF hat die Lage Indonesiens geprüft und beschlossen, Ihrem Land Kredite zu gewähren. Sie werden bald wieder Geld haben, denn Sie bekommen – auf etliche Tranchen verteilt – an die 60 Milliarden Dollar.“
Die Bärin staunte. „Moment mal – Indonesien hat ungefähr 200 Millionen Einwohner, das habe ich im Lexikon gelesen.“
Als der Kopf zweifelnd die Augenbrauen runzelte, verbesserte sie sich rasch: „Nur ein kleiner Scherz. Ein kluger Bär hat mir das erzählt. Der hat mir übrigens auch ein bißchen Rechnen beigebracht. Wenn 200 Millionen Indonesier 60 Milliarden Dollar bekommen, dann kriege ich also ungefähr 300 Dollar. Und jedes meiner Familienmitglieder auch. Ich habe eine große Familie, wissen Sie! Das ist wirklich mehr als Hilfe!“
Der Kopf schüttelte sich irritiert.
„Wieso Sie und Ihre Familie?“ fragte er. „Das ist ein Mißverständnis. Natürlich werden die Kredite nicht flächendeckend verteilt, sondern gezielt eingesetzt und auch nur unter bestimmten Auflagen vergeben. Erstens verlangen wir eine Abwertung Ihrer Rupiah, um die Inflation einzudämmen. Im Moment liegt die Inflationsrate in Ihrem Land bei über 40 %. Außerdem ist Ihr Land hoch verschuldet. Damit das Loch im Staatshaushalt gestopft werden kann, fordern wir eine Senkung der Staatsquote. Erst wenn das gewährleistet ist, werden die Gelder fließen, gezielt eingesetzt und nicht nach dem Gießkannenprinzip. Die Leistung Ihres Bruttoinlandsprodukts ist in den letzten drei Monaten um über acht Prozent gesunken. Notwendig ist also eine gezielte Wirtschaftsförderung.“
Jetzt war die Bärin tatsächlich ein wenig überfordert. Sie wußte viel über das Ding an sich, den kategorischen Imperativ und den Weltgeist, aber Ökonomie war nicht gerade ihr Spezialgebiet.
„Schade“, sagte sie deshalb nur und blickte verstohlen hilfesuchend in die Runde, in der Hoffnung, daß der Kopf das nicht bemerken würde.
Grizzy sprang ein.
„Das ist ja wirklich ziemlich kompliziert“, erklärte er und lächelte freundlich. „Deshalb möchte ich Ihnen gerne ein paar Fragen stellen, wenn Sie gestatten.“
Der Kopf nickte großzügig.
„Wenn wir unsere Währung abwerten, dann bedeutet das, daß alle Waren, die wir aus dem Ausland beziehen müssen, teurer werden, nicht wahr?“
Nicken.
„Also werden sich die Menschen noch weniger kaufen können als bisher, und die Armen werden überhaupt nicht mehr zurechtkommen!“
Der Kopf wiegte sich zweifelnd und versuchte ein leichtes Schütteln.
„Sie fordern eine Senkung der Staatsquote. Das bedeutet, daß der Staat weniger Geld ausgeben soll. Wofür gibt ein Staat Geld aus? Neben so sinnlosen Sachen wie der Rüstung …“ – bei diesen Worten schüttelte der Kopf sich wahrhaft angeekelt – „…hauptsächlich für seine Bürger: Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Straßenbau und so weiter. Mit anderen Worten: Eine Senkung der Staatsquote bedeutet eine drastische Verschlechterung der Lebensverhältnisse vor allem der ärmeren Bevölkerung!“
Allmählich begriffen die Bären und rückten dem Kopf näher. Der aber lächelte überlegen.
„Herr Bär…“
„Grizzy“, sagte Grizzy.
„Herr Grizzy, verzeihen Sie, aber das ist doch alles Propaganda, was Sie da von sich geben. Sehen Sie, der Mensch ist frei. Ich bin der letzte, der sich gegen Chancengerechtigkeit ausspricht. Staatliche Übervorsorge aber zerstört dieses Prinzip. Wo ist noch Chancengerechtigkeit, wenn ein arbeitsscheuer Zeitgenosse geruhsam auf Kosten eines fleißigen Steuerzahlers leben darf? Ist es gerecht, wenn Besserverdienende indirekt Zahlungen für ein staatliches Schulsystem leisten, in dem nicht leistungsbereite, aggressive Kinder von asozialen Eltern entweder durch Absentismus glänzen oder ihre Lehrer tätlich angreifen? Jeder ist seines Glückes Schmied – und wer will, kann sich privat gegen persönliche Lebensrisiken absichern.“
Die Bären rückten ein weiteres Stück näher. Grizzy aber nickte nur leichthin.
„Dann habe ich noch eine letzte Frage. Sie sprachen von gezielter Wirtschaftsförderung. Wie sieht das konkret aus?“
Der Kopf lächelte selbstgefällig. „Wir haben da bewährte Rezepte. Natürlich müssen wir mit den Wirtschaftsunternehmen arbeiten, die existieren. Wir beraten sie und wirken darauf hin, daß sie ihr Management effektiver gestalten. Das heißt also Rationalisierung, Qutsourcing, lean Production – falls Ihnen das etwas sagt.“
Einige Bären guckten irritiert, aber Grizzy sagte das sehr viel.
„Mit anderen Worten: Sie wollen mit mehr Maschinen schneller produzieren, also Personal entlassen, und unprofitable Betriebsteile machen Sie zu sogenannten Tochterfirmen, in denen die Beschäftigten unter deutlich schlechteren Bedingungen und dazu mit niedrigeren Löhnen arbeiten als in der Stammfirma.“
Der Kopf wand sich.
„So können Sie das nicht sagen…“
„Ich kann schon, das haben Sie ja gerade gehört“, fuhr Grizzy ihm in die Parade. „Und ich habe recht.“
Der Bärenkreis war jetzt ganz eng und sehr unruhig. Als erstes verlor das Schwein seine Beherrschung.
„Du Schwein!“ quiekte es. Es hatte sich wirklich völlig vergessen. Dennoch gelang es ihm, sich elegant auf einen Hinterhuf zu stellen und den leuchtenden Quader mit dem Kopf zu attackieren. Es fand aber keinen Widerstand. Die umsitzenden Bären sahen einen Schweinekopf, auf dem sich Teile des Gesichts von Michel Camdessus abzeichneten. Verwirrt hielt das Schwein inne.
Manfred löste das Rätsel.
„Das ist nur ein Hologramm“, erklärte er. „Eine dreidimensionale Projektion. Die kann man nicht verletzen. Aber alles, was das Ding eben gesagt hat, ist echt. Ich habe alle Aussagen von Camdessus, die ich kriegen konnte, gesammelt. Und dann brauchte ich nur noch ein kleines Programm, das die Aussagen, die auf eure Fragen paßten, ausgewählt hat. Ich schalte den Kerl jetzt besser aus.“
Der Quader erlosch, die Lampen gingen an. Die Bären blinzelten und schauten einander an.
„Und jetzt?“ fragte die Bärin, die immer noch nicht von ihrer Rolle losgekommen zu sein schien.
„Jetzt ist es spät, und wir gehen ins Bett“, entschied Bärdel. „Vorher aber sollten wir uns noch bei Kulle und Manfred bedanken. Ich denke, daß wir mit ihrer Hilfe viel über die Wirtschaft der Menschen gelernt haben.“
Die Bären bekundeten Zustimmung. Der Alte erhob sich als erster.
„Das war ein schönes Spiel!“ grunzte er und rammte Kulle seine Pranke auf die Schulter. Der kleine Bär knickte beinahe zusammen, fand aber auch, daß das das schönste Lob war, daß er einheimsen konnte.
„Gute Nacht!“ gähnte das Schwein. „Und wenn ihr mich fragt: Die spinnen, die Menschen!“
Niemand erhob Widerspruch.

Markt und Sozialstaat

Du sollst begehren Deines Nächsten Markt
„Papa, ich les‘ da gerade ein Buch…“

„Sehr gut, mein Sohn!“ Bärdel war hoch erfreut, daß sein in der Regel nichtsnutziger Sproß sich einmal einer sinnvollen Tätigkeit hingab. „Du mußt viele Bücher lesen, wie jeder von uns, damit wir die Menschen besser verstehen.“

„Das ist es ja“, seufzte Manfred, „ich versteh es nicht.“

„Worum geht’s denn?“

„Es heißt: ‚Markt und Sozialstaat‘. Und darin steht, daß der Sozialstaat am Ende ist, weil der Markt nicht behindert werden darf. Da ich aber weder weiß, was ‚Markt‘ noch was ‚Sozialstaat‘ ist, kapier ich überhaupt nichts.“

Bärdel lächelte nachsichtig. Da er stunden- und nächtelang mit Kulle diskutiert hatte, wußte er natürlich über alles Bescheid, was irgendwie mit Ökonomie zusammenhing.

„Das ist eigentlich ganz einfach,“ erklärte er deshalb. „Der Markt ist definiert als Ort der Austauschbeziehungen von Waren, die ihren Wert nur dort zu realisieren vermögen. Marktwirtschaft ist ergo immer anarchisch – was übrigens nichts mit wahrer Anarchie zu tun hat. Da der Kapitalismus die Tendenz hat, zu einem weltumfassenden System zu werden…“

Manfred unterbrach ihn. „Entschuldige, Papa, aber ich verstehe immer weniger. Vielleicht kannst Du mir das ja morgen erklären. Ich suche mir jetzt erst mal ein paar Brombeeren.“ Und er trollte sich.

Am nächsten Tag erklärte Bärdel seinem Sohn überhaupt nichts. Auch nicht am übernächsten und an den Folgetagen. Er erklärte nichts, weil ihm bewußt geworden war, daß er nichts erklären konnte. Und gleichzeitig hatte er erkannt, daß das, was Manfred wissen wollte, eigentlich die ganze Sippe wissen müßte. Er sann darüber nach, wie das zu bewerkstelligen war.

Endlich fiel ihm eine Lösung ein, aber er fühlte sich dabei nicht wohl in seiner Bärenhaut. Das Problem, um das es ging, konnte nicht einfach nur erklärt, es mußte erfahren werden. Und dabei wußte er zweierlei nicht: Würden alle Bären mitmachen, wie es erforderlich war? Und, viel gravierender: Wie würde das Experiment ausgehen?

Bärdel verzichtete darauf, eine außerordentliche Bärenversammlung einzuberufen, sondern wartete, äußerlich gelassen, das nächste ordentliche Treffen ab. Nur nicht den Anschein erwecken, daß etwas Besonderes vorging! Jede Nacht beobachtete er in langen schlaflosen Stunden den Himmel und zählte die Tage: bis zum Vollmond, dem traditionellen Datum aller Bärenmeetings.

Auch als es dann soweit war, ließ er sich nichts anmerken. Bei dem einzigen und immer behandelten Tagesordnungspunkt „Spiele“ meldete er sich als letzter.

„Ich möchte Euch ein Spiel vorschlagen!“

Zufrieden brummten die Alten, und die Jungen schlugen übermütige Purzelbäume. Genau das war es, was sie sich gewünscht hatten. Bären lieben nichts mehr, als Spiele zu spielen.

„Was ist es? Erzähl! Endlich mal wieder! Toll! Jetzt kommt Leben in die Bude! Wir werden unseren Spaß haben! Worum geht es?“

Alle riefen durcheinander.

„Das ist ein ganz besonderes Spiel“, erklärte Bärdel und fühlte, wie unter seinem Pelz eine Gänsehaut über ihn kroch. „Ein geheinmisvolles Spiel. Seine Besonderheit besteht darin, daß keiner von Euch die Spielregeln kennt. Erst am Schluß werdet Ihr sie erfahren. Macht Ihr trotzdem mit?“

Er hörte ein skeptisches Brummen aus der Frauenecke, aber das wurde schnell übertönt. Allgemein setzte sich Zustimmung, ja Begeisterung durch.

„Wann fangen wir an?“ „Ja, Wann?“ wurde Bärdel von allen Seiten gefragt.

„Morgen!“

Die erste Hürde war genommen.

Am nächsten Morgen brummten alle im Bärental durcheinander. Ungeduldig wurde Bärdel erwartet. Schließlich erschien er und wurde sofort wieder bedrängt: “Geht‘s jetzt endlich los?“

„Komm, fang schon an!“

Bärdel hob die Hand, und augenblicklich breitete sich erwartungsvolle Stille aus.

„Ich werde Euch in vier Gruppen einteilen. Wer zu welcher Gruppe gehört, wird das Los entscheiden, ich habe das vorbereitet. Die Mitglieder der Gruppe I werden die Höhlenbesitzer, wer in der zweiten Gruppe ist, verfügt über die Brombeeren. Gruppe III hat gar nichts, und Gruppe IV ist dafür verantwortlich, daß alles funktioniert.“

Ein Sturm der Entrüstung wollte losbrechen, aber noch einmal gelang es Bärdel, mit erhobenem Arm Stille herzustellen.

„Noch etwas: Ich habe Euch gestern gesagt, daß niemand von Euch die Regeln dieses Spiels kennen wird, bevor es zu Ende ist. Das iat auch richtig. Eine einzige Regel aber müßt Ihr vorher kennen und auch unbedingt beherzigen: Keiner von Euch darf ohne Gegenleistung auf etwas verzichten, das er hat.“

Jetzt waren die Bären wirklich nicht mehr zu bremsen.

„Wieso sollen einzelne Gruppen das alleinige Recht auf etwas haben?“

„Warum hat eine Gruppe gar nichts?“

„Es ist unbärisch, für alles eine Gegenleistung zu verlangen!“

Wild schrien sie durcheinander, und Bärdel ließ sie sich austoben. Als es etwas ruhiger geworden war, sagte er – und tat dabei, als sei er völlig desinteressiert: „Ich dachte, Ihr wolltet spielen! Ich zwinge Euch doch zu nichts. Wenn Ihr nicht wollt, lassen wir es…“

Die Taktik war klug gewählt. Zwar blieb ein unterschwelliges Brummen hörbar, aber darüber erhoben sich mehr und mehr fordernde Stimmen und Gelächter.

„Na klar, wir wollen spielen! Laßt uns losen! Wir werden schon unseren Spaß haben! Und wenn nicht – aufhören können wir immer!“

„Hoffentlich“, dachte Bärdel, doch er ließ sich nichts anmerken.

„Na gut, dann zieht Eure Lose!“

Niemand dachte sich etwas dabei, als sich herausstellte, daß die alten Bären durchweg zu Höhlenbesitzern geworden waren, während die Jungen sich als Habenichtse entpuppten. Auch Manfred gehörte zu dieser Gruppe. Bärdel hatte Fortuna ein wenig beeinflußt. Schließlich meinte er zu wissen, was kommen würde – kommen mußte.

„Na dann viel Spaß“, wünschte er allen, als die Rollen verteilt waren. Dabei lächelte er freundlich und unschuldig.

Nur Kulle sah, daß er sich das Lächeln aufzwang. Na klar – Kulle war natürlich eingeweiht. Bärdel hatte ihn als Berater für seine Planungen herangezogen, und er fürchtete auch, ihn zu brauchen, wenn sein Spiel aus dem Ruder lief – was fast zwangsläufig war. Offiziell aber war Kulle Mitspieler wie jeder andere – und er hatte, wen wird es überraschen, ein Los als Mitglied der Koordinatorengruppe gezogen.

„Vielen Dank, vielen Dank!“ riefen die Bären. „Aber – was sollen wir denn jetzt machen?“

„Das werdet Ihr schon merken!“ sagte Bärdel.

Diese verwünschte Gänsehaut – er wurde sie einfach nicht mehr los.

Die Bären trollten sich. Nach einiger Zeit des unkontrollierten Herumtobens wurden sich zumindest einige ihrer Spielrollen bewußt: Die Höhlenbesitzer fegten ihre Wohnungen, legten frisches Gras für ein Lager aus und begaben sich dann zur Ruhe, und die Herren der Brombeeren schlugen sich in ihren Hecken den Wanst voll, häuften noch einen Vorrat für später auf und pennten dann ebenfalls. Anders die Mitglieder der Gruppe III: Sie wußten eigentlich nicht, was sie tun sollten. Also spielten sie herum und wollten schließlich schlafen. Vorher aber wollten sie, was alle Bären wollen, bevor sie sich zur Nachtruhe begeben: essen.

Also machten sie sich auf in Richtung Brombeerhecken. Geschützt von ihrem dicken Bärenfell, ließen sie sich von den Dornen nicht stören. Die Zweige zerknackten, das Laub raschelte laut, als sie in das Dickicht eindrangen. Sie machten so viel Lärm, daß die Brombeerenbesitzer erwachten.

„He, was macht Ihr denn da?“

„Blöde Frage!“ schmatzten die „Diebe“. „Essen!“

„Aber das dürft Ihr nicht! Das sind unsere Brombeeren!“

„Wieso das denn? Ihr spinnt ja!“ grunzten und riefen die empörten Esser durcheinander.

Ja, wieso eigentlich? Das wußten die Brombeerenbesitzer auch nicht so genau. Aber sie konnten sich auf Formalitäten berufen: „Wir spielen doch Bärdels Spiel!“

„Blödes Spiel!“ rebellierten die andren. „Wir haben Hunger!“

Nachdenkliches und zum Teil auch zustimmendes Brummen erhob sich unter den Herren der Brombeeren, aber schließlich erinnerte sich einer von ihnen an die Regel, die Bärdel so bestimmt verkündet hatte: „Keiner von euch darf ohne Gegenleistung auf etwas verzichten, das er hat!“

Und er sagte: „Nein!“

„Was ‚Nein'“, fragten die anderen, die eben wieder zu fressen beginnen wollten.

„‘Nein‘ ist’Nein‘. Es ist mir egal, ob ihr Hunger habt oder nicht. Wenn ihr etwas von unseren Brombeeren haben wollt, müßt ihr uns etwas dafür geben.“

Es herrschte verblüfftes Schweigen. Hauptsächlich deshalb, weil zum ersten Mal, seit sie denken konnten, ein Bär einem anderen erklärt hatte, daß es ihm gleichgültig sei, wenn es ihm schlecht gehe. Aber auch, weil die Hungrigen nicht wußten, was sie jetzt tun sollten.

„Ja, und was sollen wir jetzt machen?“ fragte schließlich einer. „Was sollen wir denn tun, damit wir essen dürfen?“

Diese Frage überforderte die Brombeerbesitzer zunächst. Sie schwiegen und dachten nach, suchten nach Lösungen. Ja, was? Sie könnten die anderen Purzelbäume schlagen lassen, sich ein Brombeersoufflé bereiten lassen, sie zwingen, ihnen die Brombeeren zu pflücken und ins Maul zu schaufeln…alles Unsinn. Unsinn, und doch nicht. Denn als sie diese an sich nutzlosen Gedanken wälzten, wurde den Klügeren unter ihnen bewußt, daß sie etwas hatten, was sie bisher nicht kannten. Weil sie es nicht kannten, fehlte ihnen der Begriff dafür. Die Menschen nennen es Macht. Anderen etwas befehlen können, das ist Macht.

Endlich entdeckte einer einen praktischen Aspekt. „Besorgt uns einen Schlafplatz!“ sagte er. „Wir haben die Brombeeren, aber die erste Gruppe hat die Höhlen. Platz darin werden sie uns ohne Gegenleistung nicht geben. Wenn ihr das schafft, dürft ihr euch den Bauch vollschlagen.“

Wider Erwarten war es leicht, mit diesem Problem fertigzuwerden, zumindest prinzipiell. Zuerst hatten die Habenichtse vor, allesamt zu den Höhlen zu ziehen, um deren Besitzern ein Brombeerabendmahl anzubieten – gegen die Bereitstellung von Schlafplätzen. Dann aber kam der Älteste unter ihnen auf die Idee, daß die Höhlenbesitzer einen solchen massenhaften Aufmarsch als Angriff werten könnten – man sollte lieber eine Delegation schicken, schlug er vor. Sein entsprechender Vorschlag wurde einstimmig angenommen, und weil er den Einfall gehabt hatte, wurde er allein als Delegation bestimmt.

Also marschierte er zu den Höhlen, entbot einen höflichen Abendgruß und unterbreitete sein Angebot: „Ihr seid doch bestimmt hungrig nach diesem langen Tag. Ich mache Euch deshalb ein Angebot: Wir bringen Euch Brombeeren zum Essen, wenn ihr…“

Er stockte. Erst jetzt wurde ihm bewußt, daß er sich seine Strategie nicht gut genug überlegt hatte. (Wie sollte er auch? Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Bären im Umgang mit Bären noch nie eine Strategie gebraucht.) Wenn… Wenn was? Was sollte er fordern? Schlafplätze für die Brombeerherren? Das wäre gerecht gewesen, denn sie waren diejenigen, die die Brombeeren zur Verfügung stellten. Andererseits: Stellte nicht Tussi die Brombeeren zur Verfügung? Und: Auch seine Spielgruppe, die Habenichtse, brauchte einen geschützten und warmen Schlafplatz. Aber – konnten sie ein Anrecht darauf geltend machen? Vielleicht, weil er den – das – die – vermittelt hatte?

Die Vokabel, nach der er vergeblich suchte, hieß: Handel. Den Menschen war sie völlig geläufig. Die Bären würden sie rasch lernen.

„Brombeeren sind keine schlechte Idee,“ brummte die Höhlenälteste. „Aber du hast deinen Satz nicht zu Ende geführt. Wenn was?“

„Wenn ihr uns Schlafplätze zur Verfügung stellt!“

Er hatte Glück. Die alte Bärin war gutgläubig und naiv und dachte nicht über seine vage Formulierung nach. „Einverstanden – kommt ruhig!“

Als er zufrieden zu den Brombeerhecken zurücktrottete, merkte er, daß er vielleicht zu viel Erfolg gehabt hatte.

Die Brombeerherren würden Brombeeren abgeben und einen Schlafplatz dafür bekommen.

Die Höhlenbesitzer würden Höhlenplatz abgeben und dafür Brombeeren bekommen.

Die Habenichtse würden nichts abgeben – logisch, sie hatten ja auch nichts -, aber dafür sowohl einen Schlafplatz als auch Essen erhalten.

Ob das auf die Dauer gutgehen konnte?

Er hatte recht mit seinen Befürchtungen. An diesem und an drei weiteren Abenden hielten sich Brombeerherren, Höhlenbesitzer und natürlich die glücklichen Habenichtse an die von ihm getroffene Vereinbarung.

Am vierten Morgen brachte ein Gespräch zwischen der Höhlenältesten und einem Brombeerenbesitzer, der sich in der Höhle vertrödelt hatte, die Wende.

„Ach,“ stöhnte die Älteste, während sie mit gebücktem Rücken den Schmutz der Nacht auskehrte, „für die paar Beeren jeden Abend müssen wir ganz schön viele Gäste beherbergen! Ich komme gar nicht an gegen all den Dreck!“

Stimmt! schoß es dem Brombeerherren durch den Kopf. Nicht nur wir schlafen hier, sondern auch die Horde dieser an sich nutzlosen Habenichtse. Und nicht nur die Höhlenbesitzer leiden unter ihnen, sondern auch wir. Wir müssen sie schließlich mit unseren Beeren durchfüttern.

„Paß auf,“ sagte er langsam, während er noch überlegte. „Ich habe eine Idee. Ab heute Abend schlafen nur noch wir, die Brombeerherren, bei euch. Du wirst also weniger Arbeit haben. Und ihr Höhlenbesitzer habt davon noch einen Vorteil: Wir werden euch mehr Brombeeren bringen als bisher.“ Er hatte blitzschnell gerechnet: Es gab doppelt so viele Habenichtse wie Höhlenbesitzer, es kostete ihn also nichts, großzügig zu sein. „Einverstanden?“

Natürlich war die alte Bärin einverstanden. Bärdels Spiel war ihr als äußerst dumm erschienen, und sie hatte sich nicht sonderlich um die Regeln gekümmert. So war ihr nicht klar, welche Konsequenzen diese Vereinbarung für die Habenichtse hatte: Sie saßen auf der Straße. Ohne Nahrung, ohne Obdach.

Als die Habenichtse am Abend zu den Brombeerhecken kamen, wurde ihnen die neue Lage mitgeteilt. Ohne zu zögern, hatten alle Brombeerherren die neue Idee gutgeheißen. Niedergeschlagen zogen die Habenichtse von dannen. Ihr Ältester aber, ihr ehemaliger Delegierter, schäumte vor Wut. Brüllend rannte er in den Wald und hinterließ eine Spur geknickter Büsche, abgerissener Zweige und zerquetschter Blätter.

Wut ist gut, um sich abzureagieren, allein – sie führt nicht zu Lösungen. Das merkte auch unser Delegierter, als er erschöpft auf einer Lichtung zusammensank, um wieder zu Puste zu kommen. Was tun? Da er einerseits bärisch sozialisiert war und andererseits Lenin nicht kannte, kam er nicht auf die Idee, die Revolution auszurufen. Wieder zu den Habenichtsen zurückkehren? Was sollte er mit denen anderes tun, als gemeinsam zu hungern und zu frieren! Bei den Brombeerherren oder den Höhlenbesitzern betteln gehen? Das mußte vergeblich sein, denn da gab es Bärdels Spielregel. Wen gab es denn noch?

Plötzlich schoß es ihm durch den Kopf: Wo war eigentlich die Gruppe IV geblieben? Die, die alles koordinieren sollte? Dieses sogenannte Spiel lief jetzt schon seit vier Tagen, aber von dieser Gruppe hatte sich noch kein Mitglied blicken lassen. Er beschloß, sie zu suchen – für irgendetwas mußten sie schließlich nutze sein.

Aber wo sollte er suchen? In Richtung Mittag oder Mitternacht, Morgen oder Abend? Da er erschöpft war und sich nicht entscheiden konnte, beschloß er, erst mal ein Nickerchen zu machen – vielleicht würde ihm ein Traum eine Idee eingeben.

Wenn Bären zu schlafen beschließen, pennen sie sofort ein. Und wenn sie träumen wollen, dann klappt das auch immer. Unser Delegierter träumte von einer kleinen Blumenwiese inmitten von grünen Birken und Buchen (das war die Lichtung, auf der er eingeschlafen war) und von einem Wind, der sich plötzlich erhob und ihn kräftig zauste. Der Sturm war so stark, daß er davon erwachte.

Als er sich auf den Rücken wälzte und sich die Sandmännchenscheiße aus den Augen rieb, merkte er, daß der Sturm kein Sturm gewesen war. Noch immer hatte eine mächtige Pranke seine Schulter gepackt und rüttelte ihn ordentlich durch.

Die Pranke gehörte zu Kulle.

„Meinen brüderlichen Bärengruß!“ sagte er. „Gehe ich recht in der Annahme, daß du Hunger und Durst hast? Da, bedien dich!“ Dabei wies er auf ein nett arrangiertes Mahl aus saftigen Äpfeln, Wurzeln und Pilzen. Zum Dessert gab es sogar eine halbe Honigwabe.

Sein Gegenüber vergaß für ein paar Minuten alle eigentlich selbstverständliche Bärenhöflichkeit und aß erst mal. Um ganz ehrlich zu sein: Er fraß. In Sekundenschnelle verschwanden alle Leckereien in seinem Schlund. Erst als er sich danach die Schnauze wischte, erinnerte er sich wieder an seine Erziehung. Es kam ihm aber nicht in den Sinn, daß Kulle Bärdels Spielregel verletzt hatte – sonst hätte er nämlich nichts zu futtern bekommen.

„Entschuldigung. Danke. Ich hatte wirklich Hunger. Woher hast du das alles?“

Kulle schmunzelte. „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure kleine Brombeer- und Höhlenwelt sich träumen läßt…Aber lassen wir das. Wir haben uns nur ein bißchen umgetan. Komm mit zu uns, dann kriegst du noch mehr!“

„Gerne!“ sagte der Habenichts. Aber dann zögerte er. „Die…die anderen Habenichtse haben bestimmt genausoviel Hunger wie ich. Könntest du nicht auch sie…?“

Kulle weigerte sich. „Zwei oder drei Tage werden sie auch allein durchhalten. Und danach ist das Spiel, so wie es jetzt läuft, ohnehin zu Ende.“

Obwohl er die Antwort nicht verstand, gab der Habenichts-Delegierte sich damit zufrieden. Kulles Aussagte lockte: „…dann kriegst du noch mehr!“

Die Koordinatoren-Gruppe hatte sich unmittelbar nach Spielbeginn weit von den anderen entfernt. Sie suchte ihre eigene Nahrungsbasis- und hatte sie gefunden, wie das Menu, das Kulle auftischte, beweist. Zwei Dinge hatte sie allerdings nicht, und die Bären vermißten sie schmerzlich: Brombeeren, ihre Lieblingsspeise, fehlten. Noch schlimmer aber war, daß sie nicht über einen warmen und trockenen Schlafplatz verfügten. Nachts kuschelten sie sich unter dichten Büschen aneinander und versuchten sich gegenseitig Wärme zu spenden.

Ohne Kulle hätten sie sich vermutlich anders verhalten, wahrscheinlich ähnlich wie die Habenichtse. Als er ihnen aber klargemacht hatte, daß die Brombeerherren und die Höhlenbesitzer bald meinen würden, ohne die Habenichtse auszukommen, waren sie seinem Vorschlag gefolgt. Sie waren zwar nicht zufrieden mit ihrem augenblicklichen Leben, aber Kulle hatte ihnen versprochen, daß es nur wenige Tage andauern würde.

Die Bären hatten ihre Erfahrungen mit Kulle: Er konnte stundenlang reden, ohne gefragt worden zu sein. Wenn er aber nichts oder nichts Genaueres sagen wollte, dann war auch nichts aus ihm herauszuholen. Und: Meistens hatte er recht.

Also fügten sie sich und warteten ab.

Auch diesmal bestätigte sich Kulles Prognose. Sieben Tage lang führten die Bären der Gruppen I und II ein Leben in Brombeersaus und Höhlenschmaus, aber dann verbreitete sich Unmut. Langweilig und gleichförmig war ihr Leben, und ungesund dazu: Die eintönige Kost begann sie krank zu machen, der Bärendurchfall, verursacht durch Beerendiät, grassierte. Außerdem vermißten viele von ihen Freunde und Verwandte.

Deshalb berief die Höhlenälteste eine Versammlung ein.

„Ich habe euch einen Vorschlag zu machen,“ begann sie. „Am liebsten würde ich sagen: Wir suchen jetzt die anderen, und dann ist Schluß mit diesem dämlichen Spiel, vor allem mit Bärdels blöder Regel! Da wir uns aber darauf eingelassen haben, müssen wir wohl weitermachen. Also: Wir malen jetzt große Reklametafeln. Darauf schreiben wir: Wir tauschen!“

Verständnisloses Gemurmel antwortete ihr. Tauschen? Was sollte das denn bedeuten? Sie kannten das Wort nicht.

Geduldig erklärte die Alte: „Wir dürfen doch nicht ohne Gegenleistung auf das verzichten, was wir haben. Also werden wir für Brombeeren und warme Schlafplätze von den anderen etwas verlangen. Dafür habe ich mir gerade das Wort ‚tauschen‘ ausgedacht.“ (Wie gut, daß sie gerade auf diese acht Buchstaben gekommen war, denn so haben die menschlichen Leser dieses Märchens sofort verstanden, was sie meinte.) Jetzt begriffen auch die Bären.

„Gar keine schlechte Idee.“ „Endlich Schluß mit dem flüssigen Bärendreck.“ „Ich habe schon lange Appetit auf Pilze.“ „Und ich auf Honig!“ „Hmmm, Honig!!“

Die Zustimmung war einhellig, und alle machten sich auch gleich an die Arbeit. Die Idee mit den großen Reklametafeln verwarfen sie allerdings schnell, soviel Aufwand wollten sie nicht treiben. Es war doch viel einfacher, das Angebot mit ihren scharfen Klauen in die Baumrinde einzuritzen. Sie verteilten sich im gesamten Bärental, und bald stand unübersehbar in Augenhöhe an allen dicken Bäumen: WIR TAUSCHEN!

Nach dieser anstrengenden Arbeit zogen sie sich zu Brombeerhecken und Höhle zurück und warteten. Dabei träumten sie von den Genüssen, in denen sie bald schwelgen würden.

Sie mußten lange träumen. Es passierte nämlich nichts. Falsch, natürlich geschah etwas: Hummeln und Bienen summten und besorgten die herbstliche Honigernte, Fliegen schwirrten um die Bären herum und kitzelten sie, Libellen zickzackten in der Spätseptembersonne über den Teich, in verwelkten Blüten wuchsen Früchte und bildeten Samen. Aber niemand passierte. Niemand kam vorbei und wollte tauschen.

„Ich will Honig!“ begann ein Bär schließlich zu jammern. „Warum kommt niemand und bringt welchen zum Eintauschen, zum Beispiel gegen einen Schlafplatz?“

„Weiß ich auch nicht!“ „Vielleicht sind sie woanders.“ Unwilliges Gebrumm von allen Seiten. Einer probierte sogar einen müden Scherz: „Vielleicht haben sie das Lesen verlernt.“

Bei diesem Satz setzte sich einer der Brombeerherren kerzengerade auf und schlug sich so schallend vor die Stirn, daß auch alle anderen aus ihrem Dämmerzustand erwachten.

„Natürlich!“ rief er. „Sie können zwar lesen, aber sie verstehen nicht. Wir haben es zuerst doch auch nicht verstanden. ‚T-a-u-s-c-h-e-n‘ – was bedeutet das denn?“

Jetzt ging allen ein Licht auf. Sie mußten ihre Botschaft deutlicher gestalten. Seufzend erhoben sie sich – das bedeutete noch einmal Arbeit.

Jeder Bär trottete zu den Bäumen, die er bereits bearbeitet hatte, und schrieb unter die allgemeine Botschaft, was seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen entsprach.

Und so war der Wald nach einiger Zeit voll von unterschiedlichen Angeboten, zum Beispiel:

GEBE SCHLAFPLATZ GEGEN HONIG.

 BIETE BROMBEEREN, SUCHE NÜSSE

ICH WILL PILZE, GEBE BROMBEEREN.

SUCHE NÜSSE, BIETE SCHLAFPLATZ.

 

Kurze Zeit später war es vorbei mit der Ruhe am Rastplatz der Brombeerherren und Höhlenbesitzer. Von allen Seiten strömten die Habenichtse herbei, beladen mit Köstlichkeiten. Ein wildes Durcheinander begann.

„Welcher Bär hat Brombeeren und sucht Nüsse?“

„Ich suche Nüsse, ich biete aber einen Schlafplatz.“

„Das interessiert mich im Moment nicht.“

Ich habe Brombeeren, hat jemand Nüsse?“

„Ich will Brombeeren, ich habe aber Pilze.“

„Ich möchte aber Nüsse.“

„Und ich möchte keine Brombeeren, sondern einen Schlafplatz.“

So ging es endlos weiter. Jeder Bär hatte etwas und wollte etwas, aber kaum einer fand den entsprechenden Partner.

Wieder war es die Alte, die Höhlenälteste, die eine Lösung fand. Energisch klatschte sie so lange in die Pranken, bis das Stimmengewirr verstummte und sie sich Gehör verschaffen konnte.

„Bären,“ brummte sie, „so geht es offenbar nicht. Wenn wir denn schon tauschen müssen – sowieso eine bescheuerte Idee -, dann brauchen wir dazu Regeln, so wie es aussieht. Zum Beispiel muß jeder einen Tauschpartner finden können. Am besten wäre es, wenn jeder mit jedem tauschen könnte. Dazu müssen wir irgendetwas finden, was wir gegen alles tauschen können. Das kann dann als Vermittler dienen, um das nächste Ding einzutauschen, das wir wirklich brauchen.“

Die Bären waren durch diese Ausführungen intellektuell sichtlich überfordert, und sogar unter ihren dichten Pelzen war zu erkennen, daß sie die Stirnen krausten. Kulle aber, der sich heimlich angeschlichen hatte und die Versammlung belauschte, rieb sich erfreut die Pranken: Im Prinzip war soeben im Bärental die allgemeine Warenform erfunden woden. Er würde Bärdel umgehend informieren. (Seit Beginn des Spiels hatte Bärdel sich mit heftiger Migräne in den hintersten Winkel von Bärental verzogen.)

Die Alte erklärte weiter, und allmählich begriff die Versammlung. Man mußte einen Platzhalter finden, der jederzeit gegen jedes andere Gut eintauschbar war.

„Gute Idee!“ lobten sie. „Aber was nehmen wir?“

„Ich schlage das Anrecht auf einen Höhlenschlafplatz vor,“ antwortete die Alte. „Jeder will nämlich in der Höhle schlafen, man muß den Schlafplatz nicht mit sich herumschleppen, und er verdirbt nicht. Was haben wir Praktischeres?“

Da niemandem etwas Besseres einfiel, wurde der Vorschlag angenommen.

Sie verabredeten, daß eine oder mehrere Handvoll Nahrungsmittel dem Anrecht auf einen Schlafplatz entsprechen sollte.

Da es eine annähernd gleich große Zahl von Brombeerherren und Höhlenbesitzern und eine doppelt so große Anzahl von Habenichtsen gab, rechneten sie sich schnell aus, daß jeder von ihnen satt werden und einen Schlafplatz haben würde, wenn Brombeerherren und Habenichtse pro Tag zwei Hände voll Nahrungsmittel und die Höhlenbesitzer eine Handvoll sammelten und dann tauschten.

Zufrieden gingen sie auseinander.

Ein paar Tage lang funktionierte das Abkommen, dann aber fingen einige Höhlenbesitzer an zu maulen.

„Schließlich haben wir das Monopol auf die Höhlen!“

„Das was?“

„Na ja, niemand außer uns kann das wichtigste im Bärenleben zur Verfügung stellen: einen gemütlichen, warmen Schlafplatz.

„Und?“

„Dafür sollten wir uns besser bezahlen lassen!“

„Was heißt: bezahlen?“

„Wir sollten mehr dafür verlangen!“

Auf der nächsten Versammlung der Höhlenbesitzer wurde hitzig über dieses Thema diskutiert. Die Höhlenälteste argumentierte heftig gegen eine ‚Preiserhöhung‘, wie das neuerdings genannt wurde, aber sie unterlag. Im Laufe von Bärdels Spiel hatte sich die Mehrheitsmeinung gegen die Weisheit durchgesetzt. Nichts gegen Demokratie, aber wenn sie von egoistischen Interessen geleitet wird, kann manches schiefgehen.

Die Höhlenbesitzeregoisten setzten sich also durch und verkündeten: „Ab sofort hat nur Anrecht auf einen Schlafplatz, wer drei Hände voll Nahrungsmittel abliefert.“ Daß die Höhlenbesitzer von dieser Regelung ausgenommen waren, veröffentlichten sie vorsichtshalber nicht.

Zähneknirschend unterwarfen sich Brombeerherren und Habenichtse ihrem Diktat. Den Brombeerherren fiel das noch vergleichsweise leicht: Sie brauchten nur ihre Hecken abzugrasen. Schaudernd aber dachten einige von ihnen an den nahenden Winter: Was sollte werden, wenn sie keine Früchte mehr zur Verfügung hätten? Schon sahen sie sich als Habenichtse, den ganzen Tag auf Achse, immer auf der Suche nach Nahrung.

So ging es den Habenichtsen in der Tat: Sie machten sich die Pfoten schmutzig beim Durchwühlen der Erde nach Wurzeln, sie riskierten, sich beim Pilzesammeln zu vergiften, sie rissen sich die Tatzen auf beim Nüsseknacken, und immer wieder mußten sie sich von wütenden Bienen und Hornissen beim Honigsammeln zerstechen lassen.

Aber noch ertrugen sie die neuen Bedingungen.

Noch. Denn die neuen schlechten Bedingungen galten nicht lange. Die Höhlenbesitzer, oder zumindest deren Mehrheit, schienen unersättlich. Plötzlich verkündeten sie, für einen Schlafplatz seien künftig vier Hände voll Nahrungsmittel erforderlich. Brombeerherren wie Habenichtse saßen auf einmal in einem Boot: Das konnten sie nicht schaffen.

Auch verstanden sie die Höhlenbesitzer nicht: „Was wollen die denn mit dem ganzen Zeug? Soviel kann man doch gar nicht fressen!“

Aber sie hielten sich nicht mit der Analyse eines kranken Verstandes auf. Es galt, ihr eigenes Problem zu lösen. Was sollten sie tun?

Lethargisch lagen sie im Bärenwald herum, knabberten an ihrem Honig, ihren Wurzeln oder Pilzen, ihren letzten Brombeeren. Schaudernd dachten sie an die bevorstehende kalte Nacht. Ihnen fiel kein Ausweg ein. Manche versuchten einzuschlummern, um der bösen Welt zu entkommen.

Aber alle schreckten auf, als der Wald plötzlich lebendig zu werden schien. Eine Horde näherte sich und stampfte rüchsichtslos durchs Unterholz. Dazu brummte etwas, und das klang sogar melodisch. Wortfetzen ließen sich vernehmen: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit…“

Die Koordinatorengruppe kam!

Sie brachte nicht nur Gesang mit, sondern auch das beste Honigsoufflé, ausreichend für alle, das Habenichtse und Brombeerherren jemals gegessen hatten.

Lange schmatzte und schmauste die Gruppe, und als sich auch der letzte den allerletzten süßen Tropfen vom Maul geleckt hatte, richteten sich aller Augen erwartungsvoll auf Kulle. Der verstand die stumme Aufforderung und ließ sich nicht lange bitten.

„Brüder Bären,“ rief er, während er seine Fliege zurechtzupfte und kämpferisch den rechten Arm hob, „Brüder Bären, was ist aus uns geworden? Unsere Gemeinschaft ist zerbrochen, nur der Besitz zählt noch. Wo ist unsere sprichwörtliche Bärensolidarität geblieben? Sie ist dahin! Was hat sie zerstört? Ihr denkt jetzt sicher, daß die Höhlenbesitzer in ihrer unersättlichen Gier nach unseren Pilzen, Wurzeln, Beeren und unserem Honig die Schuldigen sind.“

„Klar sind sie das!“ „Sie beuten uns aus!“ „Schau dir meine kaputten Pfoten an!“ „Nieder mit den Höhlenbesitzern!“

Die Zurufe kamen von allen Seiten. Kulle hatte Mühe, wieder Ruhe herzustellen.

„Ich kann euren Zorn gut verstehen, Brüder, aber die Höhlenbesitzer sind nicht schuld.“

Um einem neuen Sturm der Entrüstung vorzubeugen, sprach Kulle schnell weiter: „Was ist wirklich schuld? Ich will es euch sagen. Eigentlich ist es auch ganz klar. Schuld sind nicht die Höhlenbesitzer, schuld ist Bärdels Spielregel.“

Er erntete verblüfftes Schweigen. Aber er wußte, sie würden ihm recht geben. Der Redestil Stalins, gespickt mit rhetorischen Fragen, auf die der Redner immer selbst gleich die Antwort gab, war erprobt und wirkungsvoll. Außerdem stimmte der Inhalt seiner Aussagen.

Es gab noch nicht einmal eine Diskussion. Irgendwo hinten brummte jemand: „Scheiß Regel.“

Aus einer anderen Ecke wurde ihm geantwortet: „Scheiß Bärdel!“ Und zuerst murmelnd, dann laut und immer lauter bildete sich ein Sprechchor:

NIEDER MIT BÄRDEL! NIEDER MIT BÄRDEL! NIEDER MIT BÄRDEL!

Schreck durchzuckte Manfred, aber er wußte, jetzt hatte es keinen Zweck, sich zu wehren, Er konnte nur hoffen, daß Kulle alles in den Griff bekam.

Dieses war der gefährlichste Moment des ganzen Spiels, vor dem auch Kulle gewaltige Angst gehabt hatte. Es gelang ihm jedoch, seine Unsicherheit zu überspielen. Er wartete einfach ab, bis sich die Versammlung genügend heiser gebrüllt hatte.

Scheinbar beiläufig sagte er: „Brüder Bären, ihr verwechselt da etwas. Nicht Bärdel ist schuld, sondern die Regel, die er uns gegeben hat. Und, genaugenommen sind wir alle schuld, weil wir diese Regel akzeptiert haben. Das Ergebnis ist, daß wir jetzt in der Tinte sitzen und die Höhlenbesitzer im Warmen.“

Sofort schlug die Stimmung um.

NIEDER MIT DEN HÖHLENBESITZERN! schallte es jetzt. Und schnell pflanzte sich ein Ruf fort, den Manfred gefunden hatte:

VERTREIBEN WIR SIE! VERTREIBEN WIR SIE!

Wieder wartete Kulle ab, bis der Bärenzorn sich ausgetobt hatte. Genau im richtigen Moment aber, als die Versammlung gerade aufbrechen wollte, um ihre Forderung in die Tat umzusetzen, hielt er sie zurück.

„Halt! Wollt ihr Gleiches mit Gleichem vergelten?“ Er haßte diese Jesus-Christus-Attitüde, und wäre das hier kein Spiel gewesen, wenn auch ein sehr riskantes, hätte er anders gesprochen. Aber man durfte die Dinge nicht so weit auf die Spitze treiben, daß ein bärisches Leben im Bärental hinterher nicht mehr möglich sein würde. Außerdem war jetzt nach Bärdels Anliegen der zweite Teil des Spiels an der Reihe: der Sozialstaat. Ihre Lektion in Sachen Freier Markt‘ konnte als abgeschlossen betrachtet werden. Aber es tat ihm in der Seele weh, daß er eine revolutionäre Situation nicht ausnutzen konnte.

Die Bären waren stehengeblieben.

Kulle wiederholte seine Frage: „Wollt ihr Gleiches mit Gleichem vergelten? Wollt ihr die Höhlenbesitzer in die Kälte hinaustreiben, unter der ihr seit Tagen gelitten habt? Nein, sie sollen ihren warmen Schlafplatz behalten können. Aber wir wollen auch einen Platz in der Höhle!“

Die Bären murrten, weniger, weil sie rachsüchtig waren, sondern weil sie nicht wußten, wie das erreicht werden könnte. Sie bombardierten Kulle mit Fragen.

„Wir gehen zu den Höhlen und belagern sie,“ erklärte Kulle. „Kein Höhlenbesitzer darf rein oder raus. Und zu essen bekommen sie natürlich auch nichts. Jedenfalls solange nicht, wie sie unsere Forderungen nicht erfüllen.“

Jubel brach los. Ohne weitere Diskussion trotteten die Bären davon, Richtung Höhle. Aber am Anfang des Demonstrationszuges gab es einen Tumult, der Zug stockte. Manfred war die Ursache, er stand wie ein Fels in der Brandung mitten im Weg. Knüffe und Püffe der anderen störten ihn nicht.

„Wartet doch mal!“ sagte er. „Wir belagern die Höhlen, bis unsere Forderungen erfüllt sind. Schön. Aber – was sind denn unsere Forderungen?“

Seufzend kehrten die Bären wieder um. Schade, sie hatten sich so darauf gefreut, den Bären loszumachen. Aber Manfred hatte recht – vorher mußten sie klären, was sie eigentlich wollten.

Ein langes Palaver begann. Habenichtse, Brombeerherren und auch die meisten Mitglieder der Korrdinatorengruppe spürten, daß sich das Machtgleichgewicht in den letzten Stunden zu ihren Gunsten verschoben hatte, und das wollten viele von ihnen ausnutzen. Sollten doch künftig die Höhlenbesitzer täglich vier Handvoll Nahrung beschaffen! Deshalb mußte Kulle immer wieder geduldig seine Jesusfrage stellen.

Schließlich einigten sie sich auf Folgendes:

Alle sammeln Nahrung. Die Höhlenbesitzer brauchen aber nur halb so viel zu arbeiten wie die anderen und bekommen dennoch doppelte Rationen. Dafür werden die Höhlenbesitzer verpflichtet, Kranke und Alte mit durchzufüttern und ihnen natürlich auch einen Schlafplatz zu gewähren.

Mit diesen Forderungen zogen sie schließlich davon und begannen ihre Belagerung.

Für sie war die Besetzung des Eingangs ein fröhliches Fest, das drei Tage dauerte. Die Nächte allerdings wurden immer unangenehmer – der Winter nahte. Aber sie ließen sich gegenüber den Höhlenbesitzern nichts anmerken und fraßen in Sicht der Höhleneingänge ununterbrochen die herrlichsten Bärenleckereien. Wenn drinnen ein Knurren ertönte, lachten sie einfach nur. Das Knurren wurde immer lauter – es kam aus den leeren Mägen der Höhlenbesitzer.

Am Morgen des vierten Tages wankte die Alte heraus. Sie überbrachte die Kapitulation. Alle Bedingungen wurden angenommen.

Sie beschränkte sich auf das Nötigste. Daß die Höhlenbesitzeregoisten zu feige gewesen waren, selbst mit den Besatzern zu verhandeln, verschwieg sie. Sie war eine anständige Bärin. Aber Kulle dachte sich sein Teil und nahm sie schweigend in den Arm.

Obwohl die anderen den Grund dafür nicht kannten, war das das Signal für eine allgemeine Versöhnung.

Sie lebten jetzt friedlich zusammen. Aber eines störte sie doch erheblich: Immer noch mußten sie dieses fürchterlich umständliche Tauschritual vollziehen. Manchmal hatten sie das Gefühl, daß ihnen kein anderer Bär gegenüberstand, sondern daß sie es mit einer Handvoll Nüsse oder Pilze zu tun hatten.

Kulle, der den Ausweg aus dem großen Streit gewiesen hatte, genoß bei ihnen hohen Respekt. Sie fragten ihn, was sie tun könnten, um diese Regel loszuwerden.

Kulle zuckte die Schultern: „Schafft sie doch einfach ab! Es ist genug Nahrung und genug Schlafplatz für alle da. Warum also tauschen?“

„Aber Bärdel hat doch…“

„Bärdel hin, Bärdel her. An sinnlose Regeln sollte man sich nicht halten. Wir sollten auf unserer nächsten Versammlung beschließen, das Spiel zu beenden.“

Und so geschah es. Alle waren damit zufrieden, am meisten aber die ehemaligen Höhlenbesitzer – sie hatten soviel Nahrungsmittel bekommen, daß manche von ihnen vor lauter Fett schon richtig kurzatmig geworden waren.

Als der Beschluß gefaßt war, erhob sich die alte Bärin.

„Bären,“ rief sie, „ihr wißt, daß Reden nicht meine Stärke ist. Aber jetzt muß ich etwas sagen. Ihr habt alle gehört, wie ich während dieses Spiels immer wieder auf Bärdel und seine bescheuerte Regel geschimpft habe. Und das aus vollem Herzen. Dazu stehe ich auch heute noch. Aber ich habe aus dieser Regel viel gelernt. Ihr bestimmt auch. Daß man nämlich nicht bärisch miteinander umgehen kann, wenn einigen etwas gehört, was andere nicht haben. Daß dann Habsucht und Gier entstehen. Und Haß und Neid. Und Gleichgültigkeit. Dann sieht man nicht mehr den Bären im anderen, sondern sieht nur noch auf das, was er in der Pranke hält. Auch, wenn verhindert wird, daß manche Bären zu stark ausgenutzt werden.“

„Vielleicht sollten wir das ja lernen…“ murmelte Manfred vor sich hin. Plötzlich kam ihm die Erleuchtung. Natürlich!

Unter den erstaunten Blicken aller Anwesenden stürmte er los, hinaus in den dunklen, schwigenden Nachtwald.

„Papa!“ brüllte er, so laut, daß die Käuzchen und Eulen glaubten, taub werden zu müssen. „Papa!!!“

Bärdel hatte nach wie vor Migräne, und so zersprang ihm fast der Kopf von dem Geschrei. Sich zu stellen war immer noch besser, als diesen Lärm länger auszuhalten, und so kam er aus seinem Versteck.

Ungestüm umarmte ihn Manfred und keuchte, völlig außer Atem: „Papa, komm nach Hause. Ich glaube, keiner ist dir mehr böse. Alle haben viel gelernt. Ich auch: Ich glaube, ich weiß jetzt, was mit Marktwirtschaft‘ und mit Sozialstaat‘ gemeint ist. Aber warum der Sozialstaat angeblich am Ende ist und die freie Marktwirtschaft wieder eingeführt werden muß, weiß ich noch nicht. Spielen wir das im nächsten Spiel?“

„Um Tussis Willen, nein!“ stöhnte Bärdel und hielt sich seinen schmerzenden Kopf. „Dieses Spiel hat mir völlig genügt. Laß dir das alles in einer stillen Stunde von Kulle erklären. Aber ich komme jetzt nach Hause. Tumu hat sicher ein paar Aspirin für mich und kann mir den Rücken kraulen. Ich habe ihr viel zu erzählen…“

Bevor Vater und Sohn einträchtig nach Bärenleben zurückwanderten, holte Bärdel noch schnell eine besonders leckere Honigwabe aus einem Versteck. Die war für Kulle.

Nicht als Tauschobjekt, sondern als Dank.