Das Anthropozän

PD Kulle in der ungewohnten neuen Inkarnation

Vorbemerkung

Paul Crutzen ist ein bedeutender Chemiker und und beschäftigt sich vornehmlich mit der Analyse der Erdatmosphäre. Das impliziert die permanente Konfrontation mit den Emissionen menschlicher Tätigkeit: dem Ozonabbau in der Stratosphäre, der Zunahme von CO2 und CH4 1 in der Atmosphäre, der globalen Temperaturerhöhung. Crutzen scheint vom Ausmaß dieser Auswirkungen so beeindruckt gewesen zu sein, dass er  im Jahr 2000 vorschlug, der aktuellen geologischen Epoche den Namen „Anthropozän“ zu geben. Dieser Vorschlag löste unter menschlichen Wissenschaftlern eine bis heute andauernde heftige Debatte aus – Grund genug, der Angelegenheit aus bärischer Sicht auf den Grund zu gehen.

Was ist eine geologische Epoche?

Wie bekannt, beträgt das Alter der Erde etwa 4.500.000.000 Jahre.2 Mehr als 90% davon werden dem Präkambrium zugerechnet. Organisches Leben spielt hier kaum eine Rolle, wichtig ist dagegen die Tektonik: Die Kerne der heutigen Kontinente, die Kratone, werden gebildet, Ozeane entstehen und verschwinden, die moderne Plattentektonik wird entwickelt. Erde, Wasser, Luft und Feuer interagieren, wie es der Lehre der klassischen Antike entspricht. Die verschiedenen Phasen des Präkambriums werden folgerichtig allein gemäß tektonischer Veränderungen definiert.

Ganz anders verhält es sich mit dem Kambrium, dessen Beginn sich recht genau 541 Millionen Jahre zurückdatieren lässt. Umgangssprachlich formuliert: Dann explodiert die Fauna. Dabei lassen sich drei Phasen unterscheiden: Im Paläozoikum3  entwickelten sich die heute bekannten Tierstämme; Tiere und Pflanzen begannen, das Land zu erobern. Das Mesozoikum4  gilt als Zeitalter der Dinosaurier. Das Känozoikum5  brachte die Entwicklung der Säugetiere und der Vögel in der heute bekannten Vielfalt.6

Woher weiß man das?

Seit dem Kambrium sind tierische Lebewesen auf der Erde groß genug, um als Fossilien Spuren zu hinterlassen, die sich leicht identifizieren lassen. Dabei handelt es sich in der Regel um Überreste von Meeresbewohnern, weil Schelfsedimente als Fundstellen besonders ergiebig sind. Die Ersetzung einer dominanten Fossilienart durch eine neue begründet eine neue erdgeschichtliche Epoche. Anthropologen markieren diese Schnittstelle durch einen „Goldenen Nagel“.7

Der gegenwärtige Abschnitt der Erdgeschichte ist das Holozän, die Nacheiszeit. Hier wird der rapide Temperaturanstieg als Marker für den Epochenumbruch genommen, nicht das Auftauchen neuer Spezies.8  Homo sapiens sapiens ist nach dem Ende der letzten Eiszeit längst nachgewiesen. Das Holozän beginnt der menschlichen Phrasierung zufolge vor 12.000 Jahren und ist damit der kürzeste jemals definierte Zeitabschnitt. Denn eigentlich gilt für erdgeschichtliche Abschnitte: Sie sind lang, sehr lang.

Gibt es das Anthropozän?

Das „Zeitalter des Menschen“ soll dadurch gekennzeichnet ein, dass die Spezies Mensch den Planeten maßgeblich prägt. Macht Homo das seit 7000 Jahren, als er vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer und Viehzüchter wurde? Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, also seit dem Beginn der industriellen Revolution? Oder erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, als er mit der Kernphysik die Mittel erlangte, sich und seine Welt zu zerstören? Über diese Frage herrscht unter den Menschen Uneinigkeit.

Wann auch immer man das Anthropozän beginnen lassen will, es wäre die kürzeste aller bisherigen Epochen. Zieht man aus dem beobachtbaren Verhalten der Menschen Rückschlüsse und formuliert, darauf basierend, eine Prognose, so liegt die Vermutung nahe, dass das Anthropozän sein Alter nicht mehr wesentlich wird steigern können.

Andererseits sind die Veränderungen, die dem Planeten aufgrund des Wirkens von Homo zugefügt wurden und werden, bemerkenswert.

Eine wichtige Rolle bei der Beantwortung der Frage nach der Existenz des Anthropozäns spielt das Artensterben. Den Paläontologen sind mindestens fünf große Massensterben während des Kambriums bekannt, für die geologische, kosmische bzw. atmosphärische Ursachen vermutet werden. Jetzt aber ist eine einzige biologische Art für einen Aussterbe-Tsunami verantwortlich. Der Grenzwert für das verkraftbare Aussterben von Arten ist weit überschritten, bis zu 130 Arten täglich(!) verschwinden. Gründe dafür sind die Art der Landnutzung9, die nicht zuletzt aus der Zahl der Weltbevölkerung resultiert. In den letzten 40 Jahren dürfte die Hälfte der Tierwelt durch den Menschen ausgelöscht worden sein.10

Von atmosphärischen Auswirkungen menschlichen Agierens war bereits die Rede.

Atemberaubend ist nicht nur die Degenerierung des Planeten durch den Menschen, atemberaubend ist auch die Zunahme der auf der Erde lebenden Individuen. Seit dem Beginn der christlichen Zeitrechnung ist die Weltbevölkerung von 200 bis 400 Millionen Menschen bis zum Jahr 1800 auf eine Milliarde gestiegen11. Danach ging es in beschleunigtem Sauseschritt voran12 : Nach weiteren 123 Jahren wurde die zweite Milliarde erreicht, nach 33, 15, 13, 12 und wieder 13 Jahren13 die dritte, vierte, fünfte, sechste und siebente. Man schrieb das Jahr 2011. Nach Prognosen der UN, die von der Annahme ausgehen, die Fertilitätsrate pro Frau werde sich weltweit bei zwei Kindern einpendeln, wird das Wachstum der Menschheit in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts aufhören14 . Wie auch immer: Bereits bei der jetzigen Zahl reicht die Regenerationskraft des Planeten nur zu zwei Dritteln aus, um die menschlichen Aktivitäten zu kompensieren.

Warum befürworten die meisten Menschen den Begriff „Anthropozän“?

Das Zeitalter des Menschen – stolz klingt das, wenigstens in menschlichen Ohren!

Weniger stolz klingen die Verse des Menschen Sophokles15  in seiner Tragödie „Antigone“:

Ungeheuer ist viel. Doch nichts
ungeheuerer als der Mensch.

Sophokles: Antigone

Grässlich, schrecklich und furchterregend ist der Mensch … einerseits. Aber auch groß, großartig, zu vielem fähig.

Der Mensch hört hiervon in der Regel nur die zweite Bedeutung. Er beschönigt, was seine Existenz ausmacht, er verbrämt unangenehme Tatsachen, kurz, er lebt in einer Welt gedanklicher und begrifflicher Euphemismen.

So bezeichnet er die Anzahl egoistischer Nationalstaaten, die um Vorteile rangeln, skrupellos Kriege gegeneinander bzw. gegen die eigene Bevölkerung führen, als „die Menschheit“, „Staatengemeinschaft“ oder „Vereinte Nationen“.

Die Entwicklung immer raffinierterer Vernichtungswaffen gilt ihm als „Verteidigung“.

Die Kleingruppe, in der Kaufkraft generiert und „Humankapital“ herangezogen wird, ist ihm „Familie“.

Die Instanz zur Durchsetzung von Investorenimperativen: das Parlament.

Das Zeitalter, in dem der Mensch in seiner infamsten Ausprägung, in der Ausprägung des Kapitals, die Erde ruiniert: das Anthropozän.

Nachbemerkung

Der Mensch arbeitet mit Nachdruck an der Abschaffung des Anthropozäns, wenn es denn ein solches gibt, indem er durch seine Aktivitäten seine eigenen Spezies ihrer Lebensgrundlage beraubt. Vielleicht führt sein gedankenloses Profitstreben auch dazu, rasch eine andere dominante Spezies zu installieren, die Künstliche Intelligenz. Beginnt dann ganz schnell das Androidozän?

Vielleicht macht aber auch Terra dem Menschen Konkurrenz: Man vermutet, dass Supervulkanausbrüche für Artensterben (mit)verantwortlich waren. Wenn der Yellowstone-Vulkan oder die Phlegräischen Felder16  aus ihrem Schlummer erwachen und einen vulkanischen Winter verursachen, dürfte dem Anthropozän ebenfalls ein Ende bereitet werden.

Wie auch immer:

PFFFTTTTT…

Ich danke, wie immer, meiner Sekretärin.

Oktober 2018

Fußnoten: Die Fußnoten lassen sich sowohl klicken als auch mit ruhendem Cursor per “PopUp” aufrufen

Fußnoten

  1.  für Nichtchemiker: Kohlendioxid und Methan
  2.   Wissenschaftliche Analphabeten wie die Kreationisten gehen dagegen von 6000 Jahren aus, wobei sie sich auf ein höchst unwissenschaftliches Buch berufen, nämlich die Bibel. Bedauerlich ist, dass ihnen in den USA etwa die Hälfte der Bürger Glauben schenkt. Positiv ist, dass sie sich ob dieses Unsinns wenigstens nicht in die Debatte über das Anthropozän einmischen.
  3.  541 – 252 Millionen Jahre
  4.  252 – 66 Millionen Jahre
  5.  66 – 0 Millionen Jahre
  6.  bzw. der Vielfalt, die bis vor wenigen Jahren bekannt war – dazu unten.
  7.  Diese Nägel haben mit dem „Golden Spike“ im Norden Utahs, mit dem symbolisch die Vollendung der ersten transkontinentalen Eisenbahnverbindung in Nordamerika gefeiert wurde, nichts zu tun, wie man sich denken kann.
  8.  Das ist keine Zäsur, die logisch ist, denn sie beruht nicht auf dem veränderte Vorkommen von Fossilien. Aber seit wann denken die Menschen logisch?
  9.  Flächenverbrauch, Bodendegeneration, Waldvernichtung, chemische Belastung…
  10.  Bezeichnend für die Erkenntnisfähigkeit des Menschen ist seine Reaktion auf diesen Prozess: In ihrer Biodiversitätskonvention von 1992 bekundeten die Vereinten Nationen die Absicht, das Artensterben bis 2010 zu beenden. Mit dem Nagoya-Protokoll 2010 wurde dieses Ziel auf 2020 verschoben (sic!).
  11.  Natürlich beruhen diese Angaben auf Vermutungen. Sollten die Zahlen richtig sein, hätte sich die Weltbevölkerung innerhalb von 1800 Jahren um 250% bzw. um 500% gesteigert, je nach Grundannahme. Das ist eine beeindruckende Zunahme. Allerdings entblödet sich die dehländische „Bundeszentrale für politische Bildung“, die ihrem Namen nach, der Programm sein dürfte, für Bildung und Aufklärung stehen sollte, nicht, diese Zunahme als „extrem langsam“ zu bezeichnen.
  12.  eine, zugegeben, fragwürdige Richtungsangabe
  13.  Die bereits erwähnte „Bundeszentrale für politische Bildung“ vertritt die Meinung, diese Entwicklung sei unproblematisch, denn die Wachstumsrate der Weltbevölkerung gehe zurück. Die absolute Zahl der Individuen werde keine kritische Größe erreichen, denn die Erde sei in der Lage, 14 Milliarden Menschen zu ernähren. Mit erkennbarem Stolz wird darauf verwiesen, dass schon Johann Peter Süßmilch 1741 in seinem Werk „Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts“ zu dem gleichen Ergebnis gekommen sei. Unterschlagen wird allerdings die Information, dass Süßmilch seine Aussage damit begründet, dies sei „nach göttlichem Plan“ gegeben.
  14.  was Prognosen der UN betrifft: vgl. Fußnote 10. Die Bevölkerung des afrikanischen Kontinents scheint jedenfalls nicht gehalten, sich daran zu orientieren.
  15.  etwa 496 – 406 vuZ
  16.  Dies sind nur zwei bekannte Beispiele.