Grizzys Plan

 

Wer steckt hinter „Murphy’s Law“? Wer sorgt dafür, daß immer alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann?
Grizzy, geheimnisvoller als seinerzeit Markus Wolf, hat sich bereit erklärt, unserer „Zeitschrift“ ein Interview zu gewähren.

 

Zeitschrift:

Grizzy, wer sind Sie und wo leben Sie?

Grizzy:

Wie mein Name schon andeutet, bin ich ein Grizzly. Im Sommer lebe ich in Grönland und im Winter in Kanada. Ich habe ein wenig Eisbärenblut in den Adern, deshalb liebe ich es kalt.

Zeitschrift:

Sie reisen sonst nicht?

Grizzy:

Doch, natürlich. Anderenfalls könnte ich mein Ziel wohl kaum erreichen. Allerdings ist das manchmal sehr unangenehm, vor allem wenn ich gezwungen bin, tropische Gegenden aufzusuchen. Sehen Sie sich doch mein Fell an – gegen meinen genetisch bedingten Winterpelz bin ich nun mal machtlos. Vor fünf Jahren in Rio habe ich echt gelitten. Alle halbe Stunde habe ich beim Zimmerservice einen Seesack voll Eis bestellt. Allerdings hat sich die Mühe gelohnt, wenigstens aus meiner Sicht. In Denver und New York vor ein paar Tagen war es dagegen sehr viel angenehmer. In Colorado hatte ich sogar Gelegenheit, nebenbei einen alten Bekannten zu treffen.

Zeitschrift:

Grizzy, Sie haben gerade Ihr Ziel erwähnt. Über dieses Ziel rätselt die ganze Welt. Wir alle kennen Sie nur als den geheimnisvollen Bären, der bei vielen internationalen Konferenzen erscheint. Offenbar verfügen Sie über Geld, denn Sie steigen nur in den besten Hotels ab. In der Regel sagen Sie kein Wort, niemand hat je beobachtet, daß Sie mit einem Konferenzteilnehmer ins Gespräch gekommen sind. Und irgendwann sind Sie wieder verschwunden.

Grizzy:

Stimmt.

Zeitschrft:

Also?

Grizzy:

Was also?

Zeitschrift:

Wir fragen Sie jetzt nicht, woher Sie das Geld haben…

Grizzy:

…diese Frage würde ich Ihnen auch nicht beantworten…(1)

Zeitschrift:

…sondern was Ihr Ziel ist. Was treibt Sie zu diesen Konferenzen?

Grizzy:

Die Sorge um die Welt. Um es kurz zu machen: Ich sorge für den Erfolg.

Zeitschrift:

Gestatten Sie, daß wir lachen. Vor fünf Jahren in Rio wurde die Agenda 21 unterzeichnet, wurden Absichtserklärungen bekundet. Es gab quasi-verpflichtende Erklärungen wichtiger Industrieländer. Und was ist passiert? Seit Rio gibt es 380 Millionen Menschen mehr, jetzt 5,85 Miliarden. 1,4 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu gutem Trinkwasser. Der Frischwasserverbrauch steigt schneller als das Wachstum der Weltbevölkerung. 1992 gab es 15 Millionen Flüchtlinge, heute sind es 26 Millionen. 1992 betrug die CO 2-Konzentration in der Luft 356 ppm, heute sind es 364 ppm. Der Waldverlust im Amazonasgebiet ist seit Rio von 11 000 Quadratkilometern im Jahr auf 15 000 gestiegen. Vor fünf Jahren gab es dreizehn Megastädte, heute mindestens 18 – sollen wir noch weitermachen?

Grizzy:

Gerne, wenn Sie möchten.

Zeitschrift:

Aber das kann Ihnen doch keinen Spaß machen?

Grizzy:

Warum nicht? Jeder hört schließlich gerne seine Erfolgsbilanz.

(Jeder Reporter wird natürlich vehement leugnen, daß es Momente gibt, in denen es ihm die Sprache verschlägt, aber hier war der Fall gegeben. Erst nach einer langen Pause kam die nächste Frage.)

Zeitschrift:

Sie wollen damit sagen..?

Grizzy:

Ich will damit sagen, daß ich auf diesen internationalen Konferenzen alles tue, um zu verhindern, daß sie Erfolg haben. Ja.

Zeitschrift:

Warum?

Grizzy:

Weil alle diese Konferenzen eine unausgesprochene Prämisse haben: Sie sind von anthropozentrischem Denken bestimmt. Das ist kein Vorwurf per se. Wenn Sie so wollen, denke ich ursozentrisch – also bärisch. Die bärische Philosophie hat aber immer gewußt, daß alles auf der Welt eine Lebensberechtigung hat, daß also nichts zerstört werden darf, auch nicht um des eigenen Vorteils willen. Bärische Erkenntnis sagt, daß die Beeren nachwachsen und die Lachse, die wir schlagen, uns verzeihen werden, denn sie haben gelaicht und sind todgeweiht.

Menschen denken anders. Zumindest die Menschen, die das Schicksal der Menschheit bestimmen. Das geschieht offenbar, wie ich gelernt habe, auf internationalen Konferenzen.

Zeitschrift:

Und wie denken diese Menschen?

Grizzy:

Ich habe gewisse Probleme, das zu begreifen. Velleicht können Sie mir helfen. Eine wichtige Rolle scheint Geld zu spielen. Ich habe zwar Geld, ich bezahle damit meine Hotelzimmer, aber ich weiß nicht, was es den Menschen bedeutet.

Zeitschrift:

Alles.

Grizzy:

Alles? Beeren, Lachse, Wasser, Wälder, Meere…?

Zeitschrift:

In gewisser Weise schon. Alles hat seinen Preis.

Grizzy:

Damit haben Sie recht. Trotzdem muß nicht alles Geld kosten. Aber lassen wir das.

Natürlich weiß ich, daß Sie Ihre Gesellschaft als Tauschgesellschaft organisiert haben und alsTauschmittel Geld benutzen. An sich schon schlimm genug – wer kein Geld hat, kann in der modernen Menschenwelt nicht leben. Ich begreife aber nicht, warum die Mächtigen der Menschen alles daran setzen, mehr Geld zu besitzen, als sie jemals werden ausgeben können.

Zeitschrift:

Das dürfte in einem gewissen Sicherheitsbedürfnis begründet sein.

Grizzy:

Sicherheitsbedürfnis?

Zeitschrift:

Nun ja – Vorbeugung. Zum Beispiel vor Inflation, Kriegs- oder Katastrophenfolgen.

Grizzy:

Dagegen hilft Geld? Menschen denken also, bei einer Inflation werden sie ihre wertlosen Geldscheine kochen und verspeisen, im Krieg ihre Verletzten mit Dollarnoten verpflastern und die Opfer einer Flutkatastrophe auf Flößen aus Yenbündeln bergen?

Zeitschrift:

Verzeihung, Grizzy, aber das sehen Sie wohl doch etwas zu banal. Wir sollten wohl wieder zu unserem eigentlichem Thema zurückkommen: Ihrer Anwesenheit auf wichtigen Konferenzen und Ihrem Erfolgsrezept. Ganz direkt: Warum nehmen Sie an hochkarätigen internationalen Treffen teil?

Grizzy:

Aus Sicherheitsbedürfnis.

Zeitschrift:

Das verstehen wir nicht.

Grizzy:

Dann lassen Sie mich Ihnen helfen. Welches ist das Ziel solcher Konferenzen, zum Beispiel der 1992 in Rio?

Zeitschrift:

Das Überleben zu gewährleisten, selbstverständlich. Sustainable development…

Grizzy:

Wessen Überleben?

Zeitschrift:

Natürlich das der Menschheit.

Grizzy:

Danke.

Zeitschrift:

Wieso?

Grizzy:

Ich bin ein Bär.

Zeitschrift:

Oh.

(Pause)

Aber wir alle wissen doch, daß das Überleben der Menschheit…

Grizzy:

…ohne das Überleben der Bären undenkbar ist! Nicht wahr, das wollten Sie doch sagen? Soll ich Ihnen jetzt wirklich eine Vorlesung über den Umgang von Menschen mit Bären halten? Sie dürften ebenso wie ich wissen, daß das eine Geschichte grausamer Ausrottung ist, weil die Menschen in ihrem überbordenden Fortpflanzungsdrang uns unseren Lebensraum mehr und mehr streitig machten. Falls Ihre Gattung tatsächlich glaubt, meiner Gattung möglicherweise noch einmal zu bedürfen, wird sie unsere wichtigsten Erbinformationen in Genbanken konservieren – das war’s aber auch.

Zeitschrift:

Wollen Sie damit andeuten…?

Grizzy:

Andeuten wollte ich eigentlich gar nichts. Ich wollte laut und deutlich folgendes sagen: Die bisherige Geschichte der Menschheit zeigt, daß zwischen Bären und ihr eine friedliche Koexistenz nicht möglich ist. Folglich muß eine der beiden Spezies verschwinden. Ich versuche zu erreichen, daß das nicht die Bären sind. Also ist jedes Scheitern einer Konferenz, die zum Ziel hatte, die Anwesenheit der Gattung Homo sapiens sapiens auf diesem Planeten zu verlängern, für mich ein Erfolg. Rio, Denver und New York haben gezeigt, daß Ihr primäres Ziel darin besteht, sich zu Tode zu verdienen. Ich arbeite daran, daß Sie dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Zeitschrift:

Ganz leuchtet uns das nicht ein. Wenn Sie daran arbeiten, daß wir uns weiterhin schrankenlos vermehren und diesen Planeten ruinieren, arbeiten Sie doch auch an Ihrem eigenen Untergang?

Grizzy:

In gewisser Weise: ja. Sie werden mich als Individuum, vielleicht auch uns Grizzlys vernichten. Aber wir haben viele kleine Verwandte. Zur Not fangen wir bei den Ratten wieder an. Uns alle werden Sie nicht schaffen.

Zeitschrift:

Grizzy, wir wollen nicht mißtrauisch sein. Sie behaupten tatsächlich, all das zu erreichen, indem Sie einfach nur da sind?

Grizzy:

Haben Sie eigentlich Angst vor mir?


Zeitschrift:

Wir geben es zu: ein bißchen schon. Sie sind groß, haben eindrucksvolle Zähne und Tatzen und duften nicht gerade nach Aftershave…

Grizzy:

Sehen Sie. Mehr brauche ich doch gar nicht. Ich verbreite Wildnisgeruch – und schon werden die Menschen nervös. Ich signalisiere ihnen: Noch haben sie sich die Erde nicht ganz untertan gemacht. Also arbeiten sie weiter daran – wie sie es verstehen…

(1) Wer wissen will, wo das Geld vielleicht herkommen könnte, der schaue hier! (Zurück)