

Anna und Otto
Bei alltäglichen Fragen wandte sich Onno an seine Mutter oder seinen Vater. Anna wusste, an welchen Büschen die leckersten Beeren reiften, und Otto zeigte ihm, wo es sich lohnte, nach saftigen Wurzeln zu graben. Wenn es ihm allerdings ums Erwachsenwerden ging, wichen beide ihm aus: „Dafür bist Du noch zu jung!“
Onno insistierte nicht weiter, sondern ging seiner Wege. Seine Wege führten ihn in diesen Fällen zu Na und Nuk. Die Eisbärenzwillinge waren kompetente Lehrerinnen in Bezug auf Sexualität, und er genoss ihre Lektionen in vollen Zügen.

Wenn es aber um wirklich Existenzielles ging, passten die Schwestern und schickten ihn zu Athabasca oder Kulle: „Die musst Du fragen. Uns haben sie auch erzogen!“
Vor Kulle hatte Onno gehörigen Respekt – Bärdels bester Freund wusste anscheinend alles, und er konnte ganz schön herablassend sein. Da schlich er sich doch lieber an Atti heran.

Er fand schnell heraus, dass sie es liebte, nachmittags, falls die Sonne schien, in einer Lichtung abseits von Bärenleben zu chillen und sich die warmen Strahlen auf den Bauch brennen zu lassen. Zwei Tage brauchte er, bis er genug Mut gesammelt hatte, um sich an sie heranzuwagen.

Onno und Athabasca
„Bitte entschuldige, Athabasca, dass ich Dich störe.“
Atti öffnete die Augen und blinzelte in das grelle Licht. Sie mochte den Kleinen. Ihre eigenen Kinder waren längst erwachsen und lebten in ihrer alten Heimat, in Amerika. Sie hatte gern junges Blut um sich
„Du störst mich überhaupt nicht, Onno. Kann ich etwas für Dich tun?“
„Das kannst Du bestimmt. Ich habe da ein paar Fragen.“
„Dann mal los!“
„Das wichtigste Tier auf der Erde ist der Mensch. Ich möchte gern wissen, woher er kommt. Also, wie er zu dem geworden ist, was er ist“.
„Der Mensch ist vielleicht nicht das wichtigste Tier auf der Erde, aber das dominante. Er selbst hält sich auch für das klügste Tier. Manche Menschen halten sich für so klug und so bedeutend, dass sie behaupten, gar kein Tier mehr zu sein. Oder zumindest ein ganz besonderes.“
„Hat der Mensch auch eine Antwort auf meine Frage?“
„Er hat nicht nur eine Antwort, sondern ganz viele.“
„Au weia!“
„Das kannst Du laut sagen! Die Antworten lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: Religion und Wissenschaft. Die Wissenschaft haben die Menschen erst recht spät entdeckt, die Religion ist viel älter.“
„Warum?“
Atti wünschte sich Kulle herbei: Der könnte bei dieser schwierigen Frage sicher helfen. Aber Kulle hockte bestimmt in der Bibliothek wie fast immer, statt die wärmende Sonne zu genießen.
„Weil die Menschen sich wohl schon immer gefragt haben, was der Sinn des Lebens ist. Damit meinten sie nicht eine solche Selbstverständlichkeit wie die Arterhaltung. Sie wollten eine Erklärung, die die Bedeutung ihrer Spezies betonte. Und deshalb schufen sie Erzählungen, in denen höhere Wesen sie erschaffen haben: Götter oder nur ein einzelner Gott. Und in dem meisten Erzählungen wird der Mensch dann natürlich als Prachtexemplar dargestellt. Nicht in allen. Aber in den meisten.“
„Und was ist mit der Wissenschaft?
„Das ist die Evolutionstheorie. Sie beschreibt, dass biologisches Leben sich entwickelt und an Umweltbedingungen anpasst. So entstehen neue Arten, und existierende Arten verändern sich. Die Theorie besagt, dass der Mensch ein Glied in dieser Entwicklungsgeschichte ist und nichts Besonderes.“
„Und welche Antwort ist die richtige?“
Atti runzelte die Stirn. So blöd konnte der Junge doch nicht sein!
„Was denkst Du denn?“ stellte sie die Gegenfrage.
„Die Evolutionstheorie, logisch. Aber ich dachte, das könnte nicht richtig sein. Weil die Theorie doch von Menschen ist!“
Jetzt schmunzelte Atti. Der Junge musste noch viel lernen! „Nicht alles ist falsch, was Menschen tun!“
„Ach so…“ Onno dachte nach. Nach einer Weile fragte er: „Das All ist doch ziemlich groß, oder?“
„Ziemlich!“ bestätigte Atti.
„Kennst Du die Geschichte ‚Die achte Reise‘ aus den ‚Sterntagebüchern‘ von Stanislaw Lem?“
„Nein, kenne ich nicht. Geht es darin um das Universum?“
„Nicht direkt. Es geht um einen galaktischen Kongress. Die Menschheit will in die interstellare Gemeinschaft aufgenommen werden, und das geht völlig schief. Extraterrestrische Experten charakterisieren Homo sapiens zutreffend und zeigen darüber hinaus, wie Leben auf der Erde überhaupt entstehen konnte: Weil zwei Mitglieder einer Raumschiff-Crew den Planeten mit organischem Abfall kontaminiert haben.“
„Das ist aber gemein!“ kommentierte Atti. „Wenn das stimmen sollte, sind ja auch wir Bären biologischer Müll!“
„Das stimmt natürlich so nicht. Die Geschichte ist eine Satire. Aber vielleicht ist was dran.“
„Vielleicht ist was dran,“ wiederholte Atti nachdenklich. „Das Fermi-Paradoxon – sagt Dir das was?“
Onno schüttelte den Kopf.
„Enrico Fermi war ein berühmter Physiker. Er nahm an, dass es extraterrestrische Intelligenzen gibt, die technisch hoch entwickelte Zivilisationen über Millionen von Jahren aufrechterhalten können. Theoretisch hätten sie mittels interstellarer Raumfahrt die gesamte Galaxie kolonisieren können, das wäre jedenfalls wahrscheinlich. Es sind aber keine Spuren davon zu finden, das fand er paradox. ‚Where is everybody?‘ hat er gefragt.“
„Vielleicht sind sie vorsichtig und verstecken sich,“ meinte Onno. „Wir hier in Bärenleben sind ja auch intelligent genug, um uns vor den Menschen zu verbergen.“
„Das ist ein guter Gedanke!“ lobte Atti.
„Ich habe noch eine Frage zu den Erzählungen der Menschen. Gibt es eine Geschichte, in der der Mensch von einem Bösewicht erschaffen wurde? Von einem teuflischen Wesen?“
Atti schüttelte den Kopf. „Davon ist mir nichts bekannt. Aber folgerichtig wäre eine solche Sicht schon. Schließlich sagen die Menschen ja auch ‚Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm‘. Allerdings geben die wenigsten Menschen zu, einer Spezies voller Niedertracht anzugehören. Hast Du zufällig was zu schreiben dabei?“
Onno hatte immer etwas zu schreiben dabei, und das keineswegs zufällig. Er war ein wissbegieriger junger Bär und machte sich dauernd Notizen: darüber, was er sich merken wollte, und darüber, was er genauer erforschen wollte. Er gab Atti Block und Stift und sah zu, was sie schrieb.
„Hier hast Du drei Meinungen von Menschen über Menschen,“ sagte sie, als sie fertig war.
Onno las:
Jean-Jacques Rousseau glaubte, der Mensch sei von Natur aus gut und friedlich. Erst die Gesellschaft und das Eigentum würden ihn korrumpieren und gierig machen.
Von Thomas Hobbes stammt der berühmte Satz ‚Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf‘. Er besagt, dass Menschen im Naturzustand egoistisch und gewalttätig sind. Nur ein starker Staat könne Ordnung schaffen.
John Locke meinte, der Mensch sei bei der Geburt ein unbeschriebenes Blatt, eine ‚Tabula rasa‘. Menschen werden weder gut noch böse geboren, sondern durch Erfahrungen und Erziehung geformt.
„Hui,“ sagte Onno, „da habe ich aber Stoff zum Nachdenken!“
„Das sollst Du auch. Und wenn Du allein nicht weiterkommst, kannst Du mit mir darüber reden. Oder mit Kulle – der denkt gern über solche Fragen nach.
Und jetzt wäre es nett, wenn Du mir aus der Sonne gingest.“
April 2026

