Anmerkungen zu Theorie und Realität des Freihandels

P. D. Kulle

Zu Zeiten, als freier Handel zwischen Ländern verpönt war, leistete der geschätzte Kollege David Ricardo 1817 Bahnbrechendes, um ihm zu Ehren zu verhelfen. Er entwickelte eine Theorie, bekannt geworden unter dem Namen der Theorie der komparativen Kosten, in der er bewies, dass sich freier Handel immer lohne, selbst dann, wenn die Produktionskosten in einem Land höher sind als in dem anderen.

Er bewies diese erstaunliche Behauptung tatsächlich, allerdings unter Annahmen, die einfache Bedingungen setzten: Er nahm zwei Länder an, die jeweils ein Produkt herstellten, das als Ware getauscht wird, Länder, in denen gleiche Arbeitskosten existierten und deren Kapital national gebunden war. Stellten sich beim Warenaustausch Verwerfungen ein, wurde ggf. eine Währung abgewertet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Jahr 2016 war Freihandel dagegen offiziell das Credo der kapitalistischen Wirtschaftswelt – bis der designierte US-Präsident Trump andere Prioritäten ankündigte. Mit diesem Clash of Priorities werden wir uns im Folgenden auseinandersetzen.

Auf der Erde gibt es knapp 200 sehr verschiedene Staaten, die meisten davon mit kapitalistischem Wirtschaftssystem, und alle treiben Handel mit anderen, wenn auch sehr unterschiedlich intensiv. Es existieren Ländergruppen, die zu Freihandelszonen, zu Zollunionen oder zu Staatenbünden zusammengeschlossen sind, dort ist der Austausch von Waren, Dienstleistungen und Kommunikation besonders intensiv. Zwischen verfeindeten Staaten(gruppen) findet dagegen kaum Handel statt
(1).

Ricardo konnte am Beginn des 19.Jahrhunderts zu Recht davon ausgehen, dass eine Ware komplett in einem Land gefertigt wird, in seinem Beispiel sind das Wein in Portugal und Wolltuche in England. Eine solche Art der Produktion stellt heute allerdings eher die Ausnahme als die Regel dar. Die zahllosen, oft nutzlosen (2) Produkte, mit denen der Weltmarkt überschwemmt wird, werden zumeist international im Auftrag supranationaler Unternehmen arbeitsteilig gefertigt: Die Rohstoffe stammen vielleicht aus dem Kongo, wie seltene Erden (3), oder aus Ägypten, wie Baumwolle (4), sie werden weiter verarbeitet zu High-Tech-Geräten in China oder zu Kleidungsstücken in Vietnam oder Bangladesh (5), und von dort finden sie ihren Weg zu Endverbrauchern in den USA oder der Europäischen Union.

Diese Art der Produktion bedarf natürlich eines funktionierenden, billigen Transportsystems, das auf der Langstrecke“ durch Frachtschiffe und Flugzeuge, über kürzere Distanzen durch LKWs realisiert wird (6).

Solch parzellierte Produktion, solch konzertierte Distribution bedarf der permanenten Kommunikation, der Planung und Überwachung. Mit der klassischen Briefpost ließe sich hier nichts ausrichten, auch nicht mit den modernen Mitteln der Telekommunikation wie etwa dem Telegrafen oder dem Fernschreiber: Zu groß sind die Datenmengen, zu dringend ist die Notwendigkeit der Verständigung ohne jeden Zeitverzug. Das Internet macht das möglich (7).

Es versteht sich von selbst, dass unter derartigen Bedingungen Kapital frei flottieren kann und muss: Als Investitionskapital allemal, aber auch als Spekulationssubjekt, trachtet es doch immer nach Profit und ist kühn genug, sich dem Glücksspiel anheim zu geben. (8)

1948 wurde das GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) gegründet, 46 Jahre später ersetzte die WTO (World Trade Organization) dieses Abkommen. Über 160 Unterzeichnerstaaten des WTO-Vertrages sind sich offiziell einig in dem Bemühen, tarifäre (9) und nicht tarifäre (10) Handelshemmnisse zu verringern und gegen Null zu reduzieren. De facto wird jedoch häufig versucht, die eigenen Produzenten vor Konkurrenz-Importen zu schützen. Dabei kommt es oft zu Ungleichgewichten (11). Auch ist es offiziell nicht gestattet, die Produktion oder den Export der eigenen“ Wirtschaft zu subventionieren. Diese Regel wird ebenfalls gern missachtet. (12)

Überschüsse und Defizite eines Staates bei Export und Import werden bilanziert. Auch hier muss zwischen einer offiziellen und einer tatsächlichen Zielsetzung unterschieden werden: Eine ausgeglichene Leistungsbilanz, also eine wertmäßige Gleichheit von importierten und exportierten Waren und Dienstleistungen, wäre in der Tat für alle Volkswirtschaften am vorteilhaftesten, aber unter dem Aspekt des nationalen Egoismus wünscht man natürlich einen Exportüberschuss, denn die Steuern aus dem Verkaufserlös der Im Inland produzierten Güter werden im Inland gezahlt. (13)

Die Defizite bzw. Überschüsse einiger Staaten beim Warenhandel stechen auffallend hervor. Nehmen wir das Jahr 2016: Das Handelsbilanzdefizit der USA betrug knapp 800 Milliarden US-Dollar, während die Volksrepublik China einen entsprechenden Überschuss von 510 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete. Der Überschuss Deutschlands belief sich auf 250 Milliarden Euro (14). Alle drei Staaten pflegen intensive Handelsbeziehungen miteinander. Ein Grundschulkind könnte auf die Idee kommen, dass das Defizit und die Überschüsse einander in etwa decken. Trump, der Amerika“ wieder groß machen möchte, kam auf die Idee, gegen die Importflut Strafzollmauern zu errichten (15). Wie sinnvoll sind solche Maßnahmen?

Das Handelsbilanzdefizit beruht zum großen Teil auf dem Import von Konsumgütern aus der VR China. Der Import von Rohöl, in früheren Jahren weitgehend aus dem Nahen Osten, ist dagegen zurückgegangen (16). Das ist dem Fracking zu verdanken, einer Horizontalborungmethode, die unter Zuhilfenahme von Wasser und chemischen Zusatzstoffen Gesteinsschichten aufbricht und so Öl und Gas gewinnen kann. (17) Dennoch wächst das Handelsbilanzdefizit, denn der Wert aller Exportwaren aus den USA nimmt beständig ab.

Das war bisher kein Grund zur Besorgnis. Die USA sind ein sogenannter Konsumentenmarkt, das heißt, dass das volkswirtschaftliche Wohl und Wehe primär vom binnenwirtschaftlichen Konsum abhängt, nicht vom Außenhandel. Und: Die monetären Verluste aufgrund der negativen Außenhandelsbilanz werden beständig kompensiert: Die VR China hält US-Staatsanleihen im Wert von mehr als einer Billion Dollar, allerdings ist die Tendenz rückläufig. Und die Petrodollars, die die Staaten des Nahen Ostens eingenommen haben, wurden gern wieder in den USA investiert. (18)

Richtig ist jedoch, dass in den USA in den letzten Jahrzehnten aufgrund des Strukturwandels zahlreiche Arbeitsplätze verloren gingen, so in der Automobilindustrie, in der Kohlgewinnung und Verarbeitung und in der Holzindustrie. Der sekundäre Sektor trägt nur noch 20% zum BIP bei, nahezu 80% werden im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet. (19)

Was könnte getan werden, um das US-Handelsbilanzdefizit zu verringern und im eigenen Land Arbeitsplätze zu schaffen?

Eine Abwertung des Dollars hätte keine Auswirkungen auf den Binnenmarkt, wohl aber auf den Außenhandel, denn amerikanische Produkte würden sich verbilligen. Eine derartige Maßnahme steht aber nur autoritären Regimes zu Gebote. Der Dollarkurs dagegen ist allein der Willkür der Devisenmärkte ausgesetzt und kann von der US-Notenbank nur indirekt durch die Höhe des Zinssatzes, zu dem sich Banken Geld leihen können, beeinflusst werden.

Also bietet sich die Möglichkeit an, die Trump ins Auge gefasst hat: (20) Schutzzölle auf Importwaren erheben.

Die Folgen einer solchen Maßnahme sind zahlreich. Aufgrund von Schutzzöllen steigen die Preise für Importwaren, was den Absatz dieser Waren und damit Importe verringert. Sollten die bisherige Importeure keine neuen Märkte erschließen können, führt das in ihren Ländern zu erhöhter Arbeitslosigkeit. Dagegen dürfte in den USA die Inlandsproduktion für den Eigenbedarf steigen. Die Produktion für den Export dürfte sich aber eher rückläufig entwickeln, denn die Geschichte (21) zeigt, dass die Staaten, deren Volkswirtschaften von Schutzzöllen betroffen sind, ihrerseits Zollmauern errichten (22). Werden immer mehr Staaten in diesen Strudel hineingezogen, nehmen die Weltproduktion und der Welthandel ab, damit werden Arbeitsplätze vernichtet, die Kaufkraft sinkt, und es entwickelt sich eine internationale Rezession.

Um den politischen Zustand der Welt ist es nicht sonderlich gut bestellt (23), um den sozialen ebenfalls nicht, aber die brummende Weltkonjunktur hat das Elend des Lebens immerhin für Millionen Bewohner der sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer erträglicher gemacht. Fallen die gegenwärtigen Erwerbsmöglichkeiten fort, so sind soziale Verwerfungen, soziale Unruhen, politische Instabilität absehbar. In einer Phase, in der die Menschheit sich weiterhin unkontrolliert vermehrt und in der der Klimawandel sich auszuwirken beginnt, sind deren Folgen kaum abzusehen.

Für die Natur, für die Umwelt“, wie die Menschen abschätzig zu sagen pflegen, wäre eine solche Entwicklung allerdings eine gute Nachricht. Die Übernutzung der irdischen Ressourcen könnte zumindest verlangsamt werden – gestoppt werden wird sie vermutlich nicht. (24)

April 2018


Fußnoten

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(1) Wäre es anders, brauchten die Menschen z.B.im Gaza-Streifen keinen Mangel zu leiden.

(2) Um diese Bewertung nachzuvollziehen, genügt es, das Sortiment eines beliebigen Billigkaufhauses in Augenschein zu nehmen, falls man es wagt, sich den olfaktorischen Attacken der Weichmacher der angepriesenen Waren auszusetzen.

(3) Rohstoffe aus dem Kongo, sei es Blut-Koltan oder seien es Blut-Diamanten, werden unter unsäglichen Bedingungen geschürft und finanzieren oft die Budgets von Warlords.

(4) Die Baumwollpflanze benötigt sehr viel Wasser – ein Gut, das in Ägypten nicht gerade im Überfluss vorhanden ist.

(5) Arbeiterrechte sind in den drei genannten Ländern unbekannt.

(6) Ob es sich um Tanker, Schüttgutfrachter oder Containerschiffe handelt: Sie alle werden mit „Bunker“, also mit Bitumen, betrieben. Flugzeuge vieler Staaten fliegen mit subventioniertem Kerosin. LKWs fahren mit Benzin oder Diesel. Alle Transportmittel befördern den Treibhauseffekt in hohem Maße.

(7) Ob es wirklich nur ein Zufall ist, dass das Internet seine Existenz der militärischen Kommunikation verdankt?.

(8) So muss Apple die Firma Foxconn in beiden Chinas finanzieren können und vorgeben, ein irisches Unternehmen zu sein, um im Heimatland USA kaum Steuern zu zahlen. So hat die Deutsche Bank sich von ihren Kleinanlegern verabschiedet und sich auf das Investmentgeschäft verlegt, um mindestens 25% Profit zu machen, das wollte zumindest der weiland Vorstandsvorsitzende Ackermann. Dass das Glücksspiel sich in ein Unglücksspiel verkehren kann, zeigt der gegenwärtige desolate Zustand des ehemaligen deutschen Bankenflaggschiffs.

(9) Zölle betreffend.

(10) nationale Bestimmungen betreffend, z. B. Vorschriften im Lebensmittelrecht. Besonders aktiv ist in diesem Bereich die Volksrepublik China, die ausländisches Kapital nur in Form von Beteiligungen an chinesischen Unternehmen gestattet.

(11) Die EU geht hier keineswegs mit leuchtendem Beispiel voran. Für Autos aus den USA müssen z. B. 10% Zoll gezahlt werden, während die USA im Gegenzug nur 2,5% erheben.

(12) Auch hier spielt zum Beispiel die Europäische Union eine unrühmliche Rolle. Die Massen-Geflügelhaltung dort generiert eine Überproduktion minderwertiger Fleischteile der Tiere, da auf dem europäischen Markt oft nur die Brustfilets nachgefragt werden. Flügel und Keulen werden zum großen Teil auf afrikanische Märkte verbracht, wo sie die nicht konkurrenzfähigen einheimischen Produzenten längst verdrängt haben. Die ihrerseits sehen keinen anderen „Ausweg“, als in der vergeblichen Hoffnung auf ein besseres Auskommen die städtischen Slums zu vergrößern.

(13) ein Mindestmaß an Steuerehrlichkeit vorausgesetzt

(14) alle Zahlen wurden großzügig gerundet.

(15) Der Unternehmer Trump, der, wie inzwischen offensichtlich ist, weder vom politischen Geschäft noch von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen Ahnung, geschweige denn Kenntnisse hat, denkt rein betriebswirtschaftlich. Und unter betriebswirtschaftlichen Aspekten sind rote Zahlen schlecht, sie müssen in schwarze verwandelt werden. Im Rahmen seines beschränkten Denkhorizonts handelt Trump also folgerichtig. ⤾)

(16) Diese Entwicklung beruht nicht auf der vernünftigen Entscheidung der amerikanischen Autofahrer, das Fahrrad zu nutzen (was, zugegeben, bei manchen Entfernungen in den USA an naturräumliche Grenzen stößt) oder wenigstens auf weniger spritschluckende Modelle umzusteigen – ganz im Gegenteil.

(17) Dabei wird häufig das Grundwasser geschädigt, was Brunnen kontaminieren kann, und es entstehen Erdbeben.

(18) Das schafft übrigens Arbeitsplätze, und sei es nur für die Putzkolonnen in überwiegend ungenutzten Edelimmobilien in der Fifth Avenue, NYC.

(19) Im Dienstleistungsbereich sind etliche „personennahe“ Tätigkeiten vereint, die als gemeinsames Merkmal schlechte Bezahlung aufweisen und sich in Ballungszentren konzentrieren. Arbeitslose Bergleute im ländlichen Kentucky oder entlassene Logger in Washington werden sich darauf kaum vermitteln lassen. Es stellt sich auch die Frage, ob der „White Trash“, den eine skrupellose Medizinindustrie opioidabhängig gemacht hat, überhaupt noch fähig ist, Fast-Food-Burger zu braten.

(20) Oder zumindest ab und zu ins Auge fasst, wenn er nicht völlig Widersprüchliches verlautbart.

(21) Aus der die Menschen angeblich unbedingt lernen sollen, aber noch nie etwas gelernt haben.

(22) Man handelt also Zug um Zug, oder besser, Mauer um Mauer,wie es sich für einen richtigen Deal gehört. Hat Trump sich möglicherweise inzwischen auf diese Art von Mauern eingetwittert, weil er mit dem Bollwerk gegen Mexiko bisher gescheitert ist?

(23) Die Zahl der Staaten mit demokratischen Systemen nimmt seit einigen Jahren ab.

(24) Es sei, denn, Trump trifft sich nicht mit Kim Jong-Un zur friedlichen Teezeremonie, sondern beweist dem Nordkoreaner, dass sein Atomknopf größer ist. Dann beginnt das Spiel des Lebens von vorn. Auch kein Grund zur Aufregung: Im Laufe der irdischen Evolution, sagen die menschlichen Biologen, sind 98 Prozent aller Arten wieder ausgestorben.

 

Maikäfer flieg!

Maikäfer, flieg!

„Onkel Kulle, Onkel Kulle, erzählst Du uns eine Geschichte?“

„Natürlich eine Geschichte, aus der wir etwas lernen können, bitte.“

„Schön gruselig soll sie sein!“

„Ja, gruselig, aber auch realistisch. Also ohne Vampire und Zombies.“

Na und Nuk

Kulle konnte dem Charme der Eisbärenzwillinge wie immer nicht widerstehen. „Nun gut!“ sagte er. „Ich erzähle Euch, wie auf einem Planeten einmal das Ökosystem zusammenbrach.“

Kulle und Atti

„Auf der Erde?“ fragte Na gespannt.

„Dumme Schwester, das geht doch nicht!“ wies Nuk sie zurecht. „Wenn auf der Erde das Ökosystem zusammengebrochen ist, sind wir Bären alle tot, und Onkel Kulle kann uns keine Geschichte erzählen, klar?“

„Sehr gut erkannt, kleine Nuk,“ schmunzelte Kulle. „Und deshalb erzähle ich Euch, wie ein alter Bär namens Elluk auf dem Planeten Edre neugierigen Eisbärenzwillingen vom Zusammenbruch des irdischen Ökosystems erzählt. Die beiden sind übrigens Schwestern und heißen An und Kun.“

„Es war einmal die Erde, und die war nicht wüst und leer, sondern es lebten auf ihren Kontinenten und in ihren Meeren Millionen von Pflanzen- und Tierarten. Die standen in vielerlei Wechselwirkungen zueinander: Sie fraßen und wurden gefressen, lebten in Symbiose, besetzten exotische Nischen oder waren weit verbreitet, und wenn es ihnen nicht gelang zu überleben, dann starben sie aus. Der der Evolution inhärente Fehler der Mutation sorgte dafür, dass neue Arten entstanden und so neue Netze geknüpft wurden.“

Nanuk nickten stolz: Dass ‚inhärent‘ ‚innewohnend‘ heißt, hatten sie schon gelernt. Und über Evolution und Mutationen wussten sie natürlich ebenfalls Bescheid.

„In späteren Jahrmillionen entwickelten sich Hominiden, eine besondere Art von Säugetieren. Sie waren wiederholt in ihrer Existenz bedroht, aber sie verfügten über eine erstaunliche Adaptionsfähigkeit. So gelang es ihnen, nahezu die gesamte feste Erdoberfläche zu besiedeln und sich als Art zu erhalten. Nach einer Jahrzehntausende andauernden numerisch recht stabilen Phase vermehrten sie sich dann explosionsartig.

Schlau war sie, die letzte überlebende Hominidenart, und so brauchte sie nicht zu verhungern. Denn sie hatte Methoden entwickelt, ertragreiche Nahrungspflanzen zu züchten, auch hielt sie Nutztiere für die Fleischproduktion. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein, wie es in einem ihrer sogenannten heiligen Büchern heißt, er muss sich kleiden und wärmen, denn er ist felllos, er braucht ein Dach über dem Kopf, denn er ist krallenlos und hat keine Reißzähne, er braucht das Salz der Erde, und er hat die uneingeschränkte Fähigkeit, immer neue Bedürfnisse zu entwickeln, wenn man ihm lange genug sagt, dass er sie hat.

Für all das braucht der Mensch Energie, und er fand sie auf seinem Planeten: Holz, Kohle, Öl und Gas hielt die Erde in großen Quantitäten vorrätig. Diese Stoffe kann man verbrennen und so Antriebsenergie gewinnen.“

„Und jetzt kommt der Treibhauseffekt!“ Natürlich konnte Na wieder einmal ihr Maul nicht halten.

„Richtig, kleine Na, aber für An und Kun muss Elluk den Treibhauseffekt erklären, denn die beiden kennen so etwas auf ihrem Planeten nicht.

Also: Beim Verbrennen entsteht in der irdischen Atmosphäre Kohlenstoffdioxid. Dieses Gas hat es auf der Erde schon sehr lange gegeben, aber aufgrund der zahlreichen menschengemachten Verbrennungsprozesse nahm es stark zu. CO2 ist lichtdurchlässig, die Sonnenstrahlen gelangten also ungehindert auf die Erdoberfläche. Von der aufgeheizten Erdoberfläche stieg Wärme nach oben, aber CO2 ist nicht wärmedurchlässig, und so wurde es auf der Erde immer wärmer. Das heißt: In heißen Gegenden wurde es noch heißer, oft zu heiß für die Menschen, Eispanzer am nördlichen und am südlichen Pol schmolzen ab, der Meeresspiegel stieg.

Da der Mensch schlau ist, wie ich schon sagte, hat er das natürlich gemerkt und gesehen, dass diese Entwicklung für ihn nicht gut ist. Schließlich haben sich alle Menschen zusammengetan und beschlossen, die Erderwärmung auf maximal 2°Celsius zu begrenzen. Es sah tatsächlich so aus, als könnte ihnen das gelingen, denn sie konzentrierten sich auf diese Aufgabe und arbeiteten ausnahmsweise einmal zusammen, nicht gegeneinander.“

„Eine Geschichte, in der die Menschen überleben, finde ich schon gruselig!“ maulte Nuk. „Ich habe mir aber etwas anderes erhofft.“

„Warte es nur ab! Elluk macht es ein bisschen spannend. Er erzählt weiter: Vor lauter Konzentration auf die Klimakatastrophe verloren die Menschen aus den Augen, dass nicht nur die Atmosphäre der Erde, sondern auch die Fauna der Erde aus den Fugen geraten war. Sie waren so stolz darauf, wie sehr sie ihren Planeten verändert hatten, dass sie ihrem Zeitalter einen neuen Namen gaben: Sie sprachen vom Anthropozän. Sie hätten bedenken sollen, dass ein neues Zeitalter immer mit einem signifikanten Artensterben einhergeht. Sie bemerkten aber nicht, dass die größte und artenreichste Klasse der Tiere innerhalb weniger Jahre verschwand: die Insekten. Als sie es schließlich registrierten, war es zu spät. Sie fanden sich in einer veränderten Welt wieder, in der sie sterben würden. Sehr schnell sterben. Vor der Klimakatastrophe brauchten sie sich nicht mehr zu fürchten.

Weil die Bestäuber verschwanden, gab es große Ernteausfälle – bei manchen wichtigen Nutzpflanzen bis zu 90 Prozent. Auch Pflanzenfutter für Wild- und Nutztiere fehlte. Viele Tiere und Menschen verhungerten. Wer überlebte, musste auf Kleidung aus gewohnten Materialien verzichten: Baumwolle, Wolle und Leder standen nicht mehr zur Verfügung. Den Ratten ging es dagegen blendend. Sie konnten sich noch stärker ausbreiten als bisher. Denn es gab keine Insekten mehr, die für sie tödliche Krankheiten übertrugen. Sie fraßen den Menschen die letzten Lebensmittel weg.

Insekten waren auch die wichtigsten Wiederverwerter auf der Erde; ohne sie sammelten sich immer grössere Dung- und Aasmengen an.

Im letzten Jahrzehnt des Anthropozäns musste sich der Mensch also fast ausschliesslich von Getreide ernähren, das von Feldern mit viel Unkraut und kargem Boden geerntet wurde und das er gegen die wachsenden Rattenpopulationen zu verteidigen versuchte. Mit von Skorbut blutendem Zahnfleisch und von anderen Mangelkrankheiten gebeugtem Körper suchten die Menschen behutsam zwischen den überall herumliegenden toten Körpern nach irgendwelchen verbliebenen Insekten, in der Hoffnung, sie wieder an ihren angestammten Platz in der Nahrungskette zu setzen. Vergeblich.“

Kulle sah sich nach seinen Zuhörerinnen um. Na versteckte ihren Kopf unter Nuk, und Nuk hielt sich die Ohren zu, so fest sie konnte. Er stupste beide an:

„Wie ich sehe, war die Geschichte gruselig genug, richtig?“

„Puh, Onkel Kulle, schrecklich gruselig. Was meist Du – dürfen wir ein bisschen Honig schlecken, um uns davon zu erholen?“

„Ganz bestimmt. Ich kann auch ein paar Tropfen vertragen. Noch gibt es ja Bienen…“

Als sich die Zwillinge wie auch der Erzähler von der Geschichte erholt hatten, wollten Nanuk wissen, warum Kulle den Menschen schlau genannt hatte, nicht aber klug.

„Das findet Ihr beiden gefälligst allein heraus. Ihr wisst ja, wo die Bibliothek ist!“

November 2017

Der zweite Untergang der Titanic

P. D. Kulle

 

Kulle

 

Der zweite Untergang der „Titanic“

 

“We’re going to have to come to grips with a long-term employment crisis and the fact that — strictly from an economic point of view, not a moral point of view — there are more and more ‘surplus humans.’” — Karl Fogel, partner at Open Tech Strategies, an open-source technology firm.

Vorwort

Das Passagierschiff „Titanic“; war bei der Indienststellung (1) am 2. April 1912 das größte Schiff der Welt und galt als unsinkbar. Auf ihrer Jungfernfahrt von Southampton nach New York kollidierte die „Titanic“ am 14. April 1912 etwa 300 Seemeilen südöstlich von Neufundland allerdings mit einem Eisberg und sank zwei Stunden und 40 Minuten später. 1514 der über 2200 Passagiere starben, was große Teile der Besatzung aus egoistischen Motiven nicht zu verhindern suchten und was das Bordorchester nicht verhindern konnte, obwohl es bis zur letztmöglichen Minute optimismusfördernde Melodien spielte, um das Ertrinken in den eisigen Fluten angenehmer zu gestalten.
Der US-Kinofilm „Titanic“ aus dem Jahr 1997 gewann elf Oscars und hatte allein in den USA 131 Millionen Zuschauer. Das zeigt, wie sehr die damalige Katastrophe die Menschen der Gegenwart anspricht (2). Überhaupt beweist der Erfolg zahlreicher Hollywood-Produktionen, dass Menschen von Katastrophen magisch angezogen werden – solange sie nicht selbst davon betroffen werden.
Die Erkenntnis ist nicht neu:
Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen. (3)

Was aber hat der Untergang der „Titanic“ vor 105 Jahren mit einer kurzen Untersuchung der sozioökonomischen Gegebenheiten heute zu tun?
Wir werden sehen.

Anamnese

Wir benennen im folgenden einige globale und regionale Fakten beziehungsweise Trends.
• Täglich erhöht sich die Zahl der menschlichen Bewohner des Planeten Erde um etwa 80 Millionen. Am höchsten ist die Fertilitätsrate in Afrika, dem Kontinent, in dem Armut und Nahrungsmittelknappheit am größten sind, während an Diktaturen und Kriegen kein Mangel herrscht.
• Erwerbsarbeit, seit der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals mit wenigen Ausnahmen überall die Grundlage für die Gewährleistung eines Lebensunterhalts (4), ist ein rares Gut geworden. Vermutlich sind 2017 mehr als 200 Millionen Menschen arbeitslos (5).
• Die Menschen schaffen qualitativ und quantitativ immer bessere Bedingungen dafür, einander umzubringen. Der weltweite – offizielle – Handel mit Waffen hat ein geschätztes Volumen von jährlich zwischen 40 und 50 Milliarden US-Dollar (6). Eine wichtige Importregion ist der Nahe und Mittlere Osten. Der durchschnittliche Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist weltweit nirgends höher als hier.
• Kriege und Konflikte in Afrika haben zwischen 1990 und 2005 ebenso viel Geld vernichtet, wie an Entwicklungshilfe in den Kontinent geflossen ist – 284 Milliarden US-$.
• Hunger und/oder Kriege sind Fluchtursachen. Weltweit sind über 60 Millionen Menschen auf der Flucht.
• Der Siegeszug der Demokratie ist beendet. Ein in europäischen Staaten wieder salonfähiger Nationalismus, eine russische Führung, die immer selbstbewusster ihr autoritäres Gegenmodell zur westlich-liberalen Demokratie propagiert, der Nahe Osten und der Maghreb, die wieder in Richtung Konflikt und Diktatur kippen, die Türkei auf dem Weg in die Präsidialdiktatur, China im Würgegriff seiner korrupten, alles beherrschenden Partei, die sich nicht entblödet, sich immer noch als kommunistisch zu bezeichnen, und nicht zuletzt die USA, deren Präsident die Unabhängigkeit der Justiz in Zweifel zieht, sind deutliche Indizien.
• Multilaterale Bündnisse und Verträge sind gefährdet, dafür stehen exemplarisch der Brexit“ und auch die Aufkündigung des TTP-Vertrages durch US-Präsident Trump.

Diagnose

Die Symptome zeigen unzweifelhaft ein Krankheitsbild der Weltgesellschaft. Die genannten Probleme werden durch Überfluss generiert, nämlich durch einen Überfluss an Angst.
Platt formuliert: Putin hat Angst, dass Russland von der NATO bedroht wird, Kim Jong-Un meint, sich als Diktator nur halten zu können, wenn er international Drohpotential aufbauen kann, Assad fürchtet sich davor, nicht mehr Diktator Syriens, sondern vielleicht Angeklagter vor dem Internationalen Strafgerichtshof zu sein, Erdogan fürchtet sich vielleicht wirklich vor Gülen… Die Liste ist verlängerbar.
Die Angst der Mächtigen ist beängstigend genug, vermögen doch etliche von ihnen, auf berüchtigte rote Knöpfe“ zu drücken, nachdem einer von ihnen eine rote Linie“ überschritten hat.
Vielleicht noch bedrohlicher ist die Angst der Machtlosen. Sie fürchten nicht um Pfründe. Sie fürchten um ihre Lebensgrundlage. Ihre Lebensgrundlage – das ist ihr Arbeitsplatz. Zumindest ein Arbeitsplatz.
Warum, so fragen sie sich, gibt es nicht genug Arbeitsplätze? Offizielle und offiziöse Antworten sind wohlfeil: Weil Ausländer die Arbeitsplätze gekapert haben (7). Weil zu viele Umweltschutzgesetze existieren. Weil subventionierte Importe die eigene nationale Wirtschaft schwächen (8). Bei derlei Erklärungen wird die Ursache wo auch immer behauptet, nur nicht bei den Unternehmen des eigenen Landes.
Vertreter der politischen und wirtschaftlichen Elite sprechen nur ungern darüber, dass die kapitalistisch organisierte Ökonomie des eigenen Landes zwangsläufig profitorientiert ist. Wenn man schon genötigt ist, Veränderungen im eigenen Land zu thematisieren, bedient man sich gern euphemistischer Formulierungen. Derzeit ist allerorts die Rede von „Industrie 4.0“. Das klingt gut, ist es doch eine Steigerung der „Industrie 3.0“, der Automatisierung durch Elektronik – was soll an Steigerungen negativ sein? Gemeint ist allerdings die Robotisierung des Arbeitsmarktes – das hört sich wesentlich schlechter an. Einer Studie der ING Diba zufolge sind 59% der Arbeitsplätze in Dehland in ihrer jetzigen Form davon bedroht. (9)
Weil diese Prognose so brisant ist, versuchen „Experten“ abzuwiegeln und beschwören für die nächsten Jahre einen drohenden Facharbeitermangel oder orakeln von einem Strukturwandel, der zwar zu höheren Anforderungen an die Arbeitskräfte, aber auch zu höheren Lohnsummen führe. (10)
Wer von den Menschen auch im Zeitalter sogenannter „sozialer Netzwerke“ noch bereit und in der Lage ist, über das hinauszuhorchen, was neuerdings als „Echokammer“ bezeichnet wird, der kommt nicht umhin, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Drohnen anstelle von Paketzustellern, Algorithmen als Autofahrer (11) oder Analysatoren juristischer Texte, elaborierte Schreibprogramme anstelle von Versicherungskaufleuten – die lebendige Arbeit war so effektiv, sich weitgehend durch tote zu ersetzen.
Vor diesen Armen und Arbeitslosen fürchten sich die Mächtigen und versuchen, sie zu beruhigen, indem sie Sündenböcke erfinden (12). Die Armen und Arbeitslosen in den Industriestaaten mit mehr oder weniger tragfähigen sozialen Netzen fürchten sich vor den noch Ärmeren aus Kriegs- und Krisengebieten, die aus ihrer Heimat zu flüchten versuchen.
Sie flüchten sich in die Arme starker „Männer“ (13). Die Ärmsten der Armen werden weiter, auch bei Gefahr ihres Lebens, ins gelobte Land zu gelangen versuchen.

Therapieversuch?

„Wir müssen dringend Maßnahmen zur Schaffung menschenwürdiger Arbeit ergreifen, ansonsten besteht die Gefahr erhöhter sozialer Spannungen und Unruhen“ so Guy Ryder von der ILO.
Woran denkt der Brite Ryder, wenn er so etwas sagt? An die Textilarbeiterinnen in Bangladesh und in Äthiopien? Oder an die Arbeitslosen in England?
Auf einem Planeten mit schon längst übernutzten Ressourcen und einer weiter exponentiell steigenden menschlichen Bevölkerung ist es nicht wahrscheinlich, dass Arbeit menschenwürdig gestaltet werden kann, zumal das bisher auch nicht gelungen ist, falls es überhaupt jemand in nennenswertem Umfang versucht hat.
Bleiben die entwickelten Länder, in denen Ressourcen zur Verfügung stehen, die zur Alimentierung der Bevölkerung genutzt werden können. Es stellt sich die Frage, ob in einer Welt, in der der immer größere Teil der Wertschöpfung von Maschinen geleistet wird, Einkommen teilweise von der klassischen Erwerbsarbeit getrennt werden sollte oder muss.
Es verblüfft, dass Gegner wie Befürworter des Konzepts eines bedingungslosen Grundeinkommens in allen politischen Lagern zu finden sind. Es ist bezeichnend, das viele Väter dieser Idee im Silicon Valley beheimatet sind – wer dort arbeitet, weiß, welche Revolution er befördert, und er ist sich wohl auch bewusst, welchen Sprengstoff sie in sich birgt.
Aber ist ein solches Grundeinkommen sinnvoll? Diese Frage impliziert auch die nach der Notwendigkeit. Wenn man (14) das Leben von Homo sapiens sapiens als notwendig betrachtet, auch dann, wenn er seine sozialökonomische Aufgabe der Weiterentwicklung der Produktionsmittel nicht mehr erfüllt, weil die Produktionsmittel diese Entwicklung selbst in die Metallhände genommen haben, dann lautet die Antwort „Ja“.
Was aber macht der Mensch mit seiner Freiheit, mit seiner Freisetzung, mit seinem überflüssigen Da-Sein? Pflanzt er einen Baum, zeugt er einen Sohn?(15) Verhilft die ausreichende Alimentierung dem Homo sapiens sapiens zum Reich der Freiheit, in dem er morgens Fischer und abends kritischer Kritiker sein kann, oder ist er tagfüllend Konsument des RTL-Fernsehprogramms beziehungsweise tummelt sich in der virtuellen Realität, in der er seine Perversionen ausleben kann?
Was auch immer der durch ein unabhängiges Grundeinkommen in den Industrieländern alimentierte Mensch tun wird, ob er gar nicht oder völlig in einer Echokammer gefangen sein wird, er wird sich Informationen von außen nicht völlig verschließen können. Er wird erfahren, dass die Flüchtlinge aus Afrika an seine europäische Tür klopfen. Er wird wissen müssen, dass Waffen eingesetzt werden, in seinem Haus oder „weit, in der Türkei“.
Er wird erleben, dass „seine“ Welt untergeht, „seine“ Titanic, und er wird die Lust an Katastrophen verlieren, falls seine mentalen Ressourcen noch ausreichen, um an Lust zu denken.
April 2017

Kulle

Fußnoten:

Wenn Sie die Maus kurz über der Fußnote verharren lassen, wird der Text der Fußnote angezeigt – falls das nicht klappt, hier sind noch einmal alle Fußnoten:

  1. Ein fürchterliches dehländisches Menschenwort!
  2. Auch wenn die Untergangsstory durch eine süßliche Liebesgeschichte geschmeidig gemacht wurde.li>
  3. Goethe, Faust. Erster Teil. Vers 860ff. Inzwischen ist die Türkei, in der die Völker immer noch aufeinander schlagen, dem dehländischen Spießer recht nahe gerückt.
  4. oder zumindest die Chance darauf
  5. Schätzung der ILO, der internationalen Arbeitsorganisation
  6. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2012, sind also viel zu niedrig.
  7. Das behauptet in Dehland zum Beispiel die NPD.
  8. Das behauptet in den USA zum Beispiel Donald Trump.
  9. vgl. ING Diba economic research 30.4.2015
  10. vg. IAB-Forschungsbericht 13/2016. Die IAB ist eine Forschungseinrichtung der Bundesanstalt für Arbeit.
  11. Der Begriff des Autofahrers bekommt hier eine ähnlich-andere Bedeutung, sagt der Chef. Eine genauere Erklärung wollte er nicht geben. Die Sekretärin
  12. siehe oben
  13. und auch starker Frauen, z. B. Marine LePen. Und dazu Trump, Putin, Erdogan…
  14. Wer immer das auch ist.
  15. Luther fand beides nützlich, der Chef und auch ich halten das zweite für schädlich. Die Sekretärin

Alternative Fakten

Ramses der Frosch lehnte gemütlich am warmen Dorfbackofen von Bärenleben, und Piggy das Schwein saß ihm gegenüber. Sie waren eifrig in eine Diskussion über die Vor- und Nachteile von Schwimmhäuten und Hufen vertieft und wurden dabei fast von Nanuk überrannt, den Eisbärenzwillingen.

Ramses

 

Piggy

„Oh, Entschuldigung, Tante Piggy, Onkel Ramses! Wr konnten weder Onkel Kulle noch Tante Atti finden. Dürfen wir Euch deshalb etwas fragen?“

Wie so oft sprachen die Zwillinge im Chor.

Na und Nuk

Piggy verzichtete ebenso wie Ramses darauf, die logische Konnotation des ‚deshalb‘ genauer zu untersuchen, und sagte nur: „Klar.“

„Wir möchten Euch Fotos zeigen,“ erklärte Na. „Ihr braucht uns nur zu sagen, was Ihr darauf seht.“

Nuk präsentierte ihnen zwei Aufnahmen, auf denen derselbe große Platz zu sehen war. Immer waren Menschen darauf versammelt, aber auf dem rechten Foto war der Platz fast voll, auf dem linken nur zu einem Drittel gefüllt.

„Auf welchem Foto sind mehr Menschen zu sehen?“ wollte Nuk wissen.

Ramses beugte sich vor, obwohl er dadurch auf die Ofenwärme verzichten musste, ließ sich aber nach einem schnellen Blick wieder zurückfallen.

„Was für einen dumme Frage!“ grummelte er. „Auf dem rechten natürlich!“

„Falsch!“ sagten Nanuk, wieder wie aus einem Munde.

„Wollt Ihr mich ver…, äh, wollt Ihr mich auf den Arm nehmen? Das sieht doch sogar jedes Säugetierauge, auf welchem Platz sich mehr Menschen aufhalten!“

„Entschuldigung, Onkel Ramses, aber Du hast Unrecht. Heute akzeptiert man alternative Fakten, und das tust Du nicht. Auf dem linken Foto sind mehr Menschen! Kannst Du das Gegenteil beweisen?“

„Klar,“ antwortete Ramses siegessicher. Wir fragen Piggy, wer Recht hat.“

„Und wenn Piggy sagt, dass Du Recht hast, steht es zwei zu zwei. Das beweist also gar nichts!“

Aber…“ stammelte Ramses.

„Genau darum geht es, Onkel Ramses! Wenn denkende Wesen sich weigern, intersubjektiv überprüfbare Fakten als Fakten anzuerkennen, und stattdessen darauf beharren, dass eine falsche, eine sogenannte ‚alternative‘ Sicht der Dinge nicht nur möglich, sondern auch richtig ist, ‚auch‘ richtig, versteht sich, dann ist alles falsch, was wir von Tante Atti und und Onkel Kulle gelernt haben. Deshalb suchen wir sie. Helft Ihr uns dabei?“

„Ganz gewiss!“ quiekte Piggy.

„Aber sicher!“ quakte Ramses.

„Ganz gewiss! Aber sicher!“

Ramses hüpfte zur Dorfbibliothek, denn er hoffte, Kulle dort zu finden. Er selbst hielt sich in letzter Zeit dort häufiger auf, hatte er doch ein Buch entdeckt, das ihm großes Vergnügen bereitete (Bernd Hüppauf, Vom Frosch. Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie. Bielefeld 2011). Aber während er sich auf den einen Titel beschränkte, wühlte Kulle sich durch alle möglichen Bände.

Kulle liest

„Schwieriges Thema,“ brummte Kulle, nachdem Ramses ihm das Problem, das Nanuk bewegte, dargelegt hatte. „Habe ich schon lange auf der Agenda, wusste aber nicht so recht, wie ich es anfassen sollte. Weiß ich immer noch nicht. Auf jeden Fall aber brauche ich die Hilfe von Manfred.“

Wie immer verbreitete sich in Bärenleben ein Gerücht mit Windeseile. Als es dunkel wurde, meinten alle zu wissen: Heute würde es einen spannenden Höhlenabend geben. Ganz besonders aufgeregt waren natürlich Na und Nuk.

Nach der Begrüßung forderte Bärdel alle Versammelten auf, ihre Smartphones zu holen, was zu unruhigem Gemurmel führte. Technische Geräte waren bei den täglichen Treffen am Abend nämlich verpönt.

„Das ist schon in Ordnung!“ beruhigte Bärdel. „Wir werden heute ein kleines Experiment machen.“

Als die Bärenlebener wieder vollzählig waren, wurden sie aufgefordert, ihre Social-Media-Accounts zu aktivieren. Alle taten brav, was sie tun sollten, bis auf den sehr alten Bären. Der hatte kein Handy in der Tatze und schaute drein, als wüsste er nicht, was um ihn herum passierte. Die alte Bärin neben ihm knuffte ihn in die Seite: „He, bist Du etwa nicht bei Facebook?“

„Ich bin immer bei mir selbst,“ brummte der Alte zurück. „Was für ein Buch soll das denn sein?“

Seine Nachbarin gab den hoffnungslosen Fall auf und konzentrierte sich auf ihren Account.

Sie sah ein Video, in dem Menschen sehr verschiedene Alters in einem Mehrgenerationenhaus harmonisch zusammenlebten.

Auch alle anderen Bären bekamen Videos vorgespielt, aber jeder sah ein anderes.

  • Menschen lebten in Patchworkfamilien harmonisch zusammen.
  • Lesbische Paare und promiske Schwule lebten harmonisch zusammen.
  • Kinderlose Akademiker waren glücklich und lebten harmonisch zusammen.
  • Ein weißes Ehepaar mit vielen Kindern bildete eine glückliche große Familie.
  • Zwei Partner mit sehr unterschiedlichem Migrationshintergrund lebten harmonisch zusammen.
  • Partner adoptierten Kinder und waren glücklich.
  • Paare heirateten kirchlich.
  • Paare heirateten standesamtlich.
  • Paare heirateten gar nicht.

Aber am Ende aller Videos tauchte derselbe Schriftzug auf: ‚Leben, wie wir wollen. Unsere SPD‘.

„Gute Werbung!“

„Genau so wünsche ich mir das!“

„Ach, das wäre schön!“

Aber in das anerkennende Gemurmel mischte sich die Greisenstimme des sehr alten Bären, der laut kritisierte, dass er kein Video zu sehen bekommen hatte, in dem der Familienvater uneingeschränkt über Frau und Kinder herrschte. Er hatte seiner Nachbarin über die Schulter geschaut.

„Lauter zufriedene Bären und nur ein unzufriedener – wie ist das zu erklären?“ Manfred hatte sich zu Wort gemeldet.

Manfred

„Kann die SPD Gedanken lesen?“

„Die kennen uns vielleicht!“

„Quatsch, uns – wir sind doch ganz verschieden!“

„Kann es sein, dass die jeden einzelnen von uns kennen?“

„Das glaube ich nicht.“

„Das ist unmöglich.“

„Nein, das ist nicht unmöglich,“ mischte sich Manfred in die Diskussion ein. „Nur einer von Euch ist unzufrieden, und der ist nicht bei Facebook – dämmert es?“

„Aber Facebook kennt mich doch nicht…“

„Facebook kennt aber Deine Vorlieben. Es hat sich gemerkt, dass Du dauernd Fotos von süßen kleinen Kindern postest. Oder dass Du erotische Fotos von Dir postest. Es weiß, welche Parfums du magst und wie Du Dich kleidest. Es merkt sich Deine Likes. Es merkt sich alles, was mit Dir zu tun hat, und erstellt so ein Persönlichkeitsprofil. Ein solches Profil kann benutzt werden, um Dich zu beeinflussen, indem eine politische Partei im Wahlkampf zum Beispiel so tut, als verfolge sie genau die Ziele, die Du gut findest.“

„Ich kündige meinen Facebook-Account!“

„Na und? Facebook vergisst nichts.“

„Ich bin aber doch nicht bei Facebook, sondern bei WhatsApp!“

„Ha, ha, ha – WhatsApp gehört Mark Zuckerberg!“

„Ohhh…“

„Die sogenannten sozialen Medien haben im letzten Präsidentenwahlkampf in den USA eine große Rolle gespielt,“ meldete Kulle sich zu Wort. „Die Firma Cambridge Analytica, in deren Vorstand Steve Bannon war, hat die US-Bevölkerung in 32 Persönlichkeitstypen unterteilt und dementsprechend differenzierte Botschaften geschickt, vor allem via Facebook. Dabei ging es nicht nur darum, Trump-Wähler zu gewinnen, sondern auch darum, Clinton-Wähler von der Teilnahme an der Wahl abzuhalten.“

„Das habe ich verstanden, Onkel Kulle.“ Wie so oft wagte sich Na vor. „Das ist Manipulation: Man sagt jedem, was er hören will. Aber das erklärt noch nicht, warum Menschen sich weigern, das Offensichtliche zur Kenntnis zu nehmen. Wenn auf einem Platz einmal mehr und einmal weniger Menschen versammelt sind und wenn es von diesen Versammlungen Fotos gibt, dann sollte doch klar sein, was wahr ist!“

„Ja, das sollte es!“ seufzte Kulle. „Aber hier kommen wir zum Widerspruch von Erkenntnis und Interesse. Die Menschen – auch die Intellektuellen, ja, leider auch die intellektuellen Bären, suchen die Informationen, die in ihr Weltbild passen, und ignorieren die unpassenden. Ich weiß, warum ich die Schriften von Karl Marx studiere und die Werke von Oswald Spengler mit Verachtung strafe. Ich bitte, mir weitere Beispiele zu ersparen.

Wenn dieser Mechanismus schon in den Studien greift, so um so mehr in der Politik, handelt es sich hier doch um reinstes Interesse. Es geht nicht darum, was richtig ist, sondern was mir subjektiv – und manchmal auch objektiv – nützt.“

„Genau so macht das Nuk auch, wenn sie unbedingt Recht behalten will,“ sagte Na anklagend.

„Das ist gar nicht wahr, Du Lügnerin,“ fauchte Nuk. „Nur weil Du neidisch bist, dass ich…“

Athabasca fasste die kleine Eisbärin energisch am Nackenfell und verpasste ihr einen kräftigen Klaps. „Ruhe jetzt!“ forderte sie. „Eure kindischen Streitereien könnte ihr in Eurem Eiskasten austragen, aber nicht hier!“

Athabaska

Die älteren Bären lächelten. Sie waren derselben Meinung wie ihre amerikanische Schwester: Einen Klaps in Ehren kann niemand verwehren.

Na und Nuk machten sich ganz klein, steckten die Köpfe zwischen die Pfoten und schlossen die Augen. Wenn sie nichts sahen, waren sie für andere unsichtbar; davon waren sie fest überzeugt.

„Kommen wir zurück zu Trump,“ fuhr Kulle fort. Wer sind seine Adressaten, was sagt er ihnen, und wie sagt er es? Er sagt ‚wir‘, wenn er sich an seine wichtigste Klientel wendet: Das sind weiße, aus der Produktion gefallene Industriearbeiter in ehemals prosperierenden Regionen, aus dem Rostgürtel, aus den Appalachen, aus allen Fly-Over-States, die an den amerikanischen Traum geglaubt haben, an den Wert von Arbeit, an Familie und Gott. Die aufgrund des rasanten technologischen Wandels Arbeit und Brot verloren haben und wegen des gesellschaftlichen Wertewandels die moralische Orientierung zu verlieren drohen. Die einfach Angst haben. Hier präsentiert sich Trump als Erlöser, wenn er verspricht, Amerika wieder groß zu machen. Er sagt es nicht deutlich, aber alle verstehen ihn: Er will das weiße Amerika wieder groß machen. Zu den wichtigsten Vokabeln in seiner Inaugurationsrede gehörten: Volk, Fabriken, Arbeitsplätze, Reichtum, Grenzen; geschützt, groß, zusammen, zuerst. Seine Sätze sind kurz, die Botschaften sind simpel. Und sie kommen an.

Das liegt daran, dass Trump seine Zielgruppe richtig anspricht. Er sagt nicht: ‚Eure Qualifikation ist heute nicht mehr gefragt, Ihr müsst umschulen.‘, sondern: ‚Die Globalisierung ist an Eurer Situation schuld. Und die Mexikaner. Deshalb schaffen wir den freien Handel ab. Deshalb bauen wir eine Mauer.‘ Er wiederholt das immer wieder, die Medien verbreiten die Wiederholungen, und je öfter das geschieht, desto tiefer wird die Botschaft in den Gehirnen verankert. Die Menschen glauben, was sie hören, weil sie es hören wollen.“

„Junger Bär,“ grantelte der sehr alte Bär und meinte damit Kulle, „ junger Bär, ich habe Dir geduldig zugehört, weil ich von Natur aus geduldig bin, aber ich muss Dir sagen, dass Du heute ziemlich viel Unsinn erzählt hast. Dieser Trump widerspricht sich doch dauernd und macht einen Fehler nach dem anderen. Dem kann man unmöglich glauben!“

„Großvater, ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich muss Dir widersprechen. Einer der größten Schnitzer, den Trump sich erlaubt hat, war die Sache mit den Fotos von seiner Inauguration, die zeigen, dass sehr viel weniger Menschen vor dem Kapitol versammelt waren als bei der Amtseinführung Obamas. Trump behauptete trotzdem das Gegenteil. Sein Sprecher hat versucht, die Präsidentenaussage zu rechtfertigen, hat aber recht schnell aufgegeben. Trump selbst hat die Lüge nicht mehr wiederholt.

Der dehländische Kanzler Adenauer, den Du bestimmt noch persönlich gekannt hast, hat einmal gesagt: ‚Was schert mich mein Geschwätz von gestern.‘ Er hat ausgenutzt, was die Wissenschaft die ‚kognitive Dissonanz‘ nennt. Und er hatte damit recht.

Denn unlogische, widersprüchliche Aussagen schieben die Menschen weg, wenn sie ihnen nicht passen. Sie können sich nicht mehr daran erinnern, oder sie schwächen sie ab, weil sie angeblich nicht so gemeint gewesen seien. Seine Anhänger glauben Trump, glaub mir das!“

Der sehr alte Bär schüttelte seinen Kopf so energisch, dass das schüttere Fell flog. „Was für ein Unsinn!“ zeterte er. „So einen Quatsch kann kein vernünftiger Bär glauben. Das widerspricht dem gesunden Bärenverstand!“

Niemand entgegnete etwas, denn sie respektierten das Alter. Insgeheim aber schmunzelten sie alle. Kulle sagte so leise, dass nur er es hören konnte: „Quod erat demonstrandum.“

Februar 2017

Herbstdämmerung

Baerdel

Der Sommer war sehr groß, aber jetzt war es Zeit. Der Herr gab den letzten Früchten noch zwei südlichere Tage, aber dann legte er seinen Schatten auf die Sonnenuhren und ließ die Winde auf den Fluren los.

Und damit war den in ein Sonett gegossenen Forderungen Rilkes Genüge getan, wenn auch nur prosaisch.

Bärdel schlug das „Buch der Bilder“, eine wertvolle bibliografische Ausgabe, zu, kraulte sich den wohlgemästeten Bauch und blinzelte in die Morgendämmerung. Er wartete auf Kulle, den regelmäßigen Gefährten seiner Morgenspaziergänge, und hatte sich währenddessen mit der Jahreszeit entsprechender Lyrik unterhalten.

Manfred

Von Kulle war jedoch noch nichts zu sehen. Stattdessen tauchte Manfred aus der Richtung der Kommunikationszentrale von Bärenleben auf. Die Haare seines sonst sehr gepflegten Pelzes standen wirr in alle Richtungen ab, ein untrügliches Zeichen, dass er sehr aufgeregt war. Er war so außer sich, dass er seinen Vater überhaupt nicht wahrnahm, sondern blicklos an ihm vorbeirennen wollte. Erst dessen Stimme stoppte ihn:

„Manfred!“

„Oh, Papa! Ich hab Dich gar nicht…“

„Das war nicht zu übersehen. Was ist denn los?“

„Die Welt ist aus den Fugen!“

„Das ist sie erstens schon lange, und zweitens ist das Zitat falsch: ‚The time is out of joint‘, sagt Hamlet.“ Bärdel hatte erkennbar seine literarische Stunde, aber seine Reaktion regte Manfred nur noch mehr auf.

„Dann redet Hamlet Quatsch! Zeit und Raum sind a priori, das kannst Du bei Kant nachlesen, und können gar nicht aus den Fugen sein! Aber die Welt…“

„Was findet Du denn gerade so schlimm?“ Bärdel merkte, dass Manfreds Gemütszustand mit Bildungsbärentum nicht beizukommen war.

Manfred fasste sich tatsächlich: „Ich habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen und das erste Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump verfolgt, und ich war entsetzt. Zwei Menschen im Greisenalter, als Präsidentschaftskandidaten von ihren jeweiligen Parteien nominiert, reden aneinander vorbei. Clinton hat jahrzehntelange Politikerfahrung, vielleicht ein Konzept, aber bestimmt kein Charisma, ihre Reaktionen sind einstudiert, ihre Antworten auswendig gelernt. Trump hat Geld und Selbstbewusstsein, aber kein Selbstbewusstsein – weißt Du, was ich meine?“

Bärdel nickte. „In der deutschen Sprache gibt es da keine Differenzierung. Trump ist self-confident, aber nicht self-conscious. Er ist selbstsicher, aber er ist sich seiner selbst nicht bewusst.“

„Danke, genau das meine ich. Er lügt erkennbar, aber er scheint das gar nicht zu merken. Er ist unbeherrscht. Und er hat von Politik und Wirtschaft keine Ahnung.“ Manfred holte tief Luft. „Ich verstehe nicht, dass Demokraten und Republikaner keine besseren Kandidaten gefunden haben. Und ich verstehe schon gar nicht, dass möglicherweise Trump am achten November zum Präsidenten gewählt wird.“

Bärdel wünschte sich jetzt dringend seinen Freund Kulle herbei, der weniger als er von Literatur verstand, dabei aber um so mehr von Politik. Von Kulle war allerdings immer noch nichts zu sehen. Also fing er mit den einfacheren Erklärungen an.

„In Dehland werden politische Spitzenkandidaten auch von ihren Parteien nominiert, genau wie in den USA, aber anders als in den USA bezahlen die Parteien auch den Wahlkampf. In den USA muss jeder Kandidat um Spenden werben und/oder seine Ausgaben aus eigener Tasche bezahlen, und deshalb gibt es im Wahlkampf meist nur reiche Menschen, wie Clinton, oder Superreiche, wie Trump.“

Kulle

„Die beiden großen Parteien in den USA sind nicht mehr zeitgemäß. Sie verstehen sich immer noch als Vertreter der WASPs, der White Anglo-Saxon Protestants, die nach der Gründung der USA die intellektuell, wirtschaftlich und politisch dominierende Schicht stellten. Auch wenn die Demokraten vorgeben, sich für African Americans und Hispanics einzusetzen, wenn sie sogar acht Jahre lang einen schwarzen Präsidenten gestellt haben, bleibt ihre Politik doch alten Schemata verhaftet. Aber das ist Parteipolitik. Viel spannender ist die Meinung der Bevölkerung.“ Die bekannte Stimme kam zunächst aus dem Gebüsch, aber Kulle teilte die Zweige, während er sprach, und stand jetzt vor ihnen.

„Guten Morgen! Entschuldigung, ich habe mich ein wenig verspätet, ich habe verschlafen. Ich habe mir nämlich den Tort angetan, heute Nacht diese sogenannte Fernsehdebatte zu verfolgen – nun ja. Wie ich höre, war ich nicht der einzige. Manfred, Du hast gerade sehr interessante Fragen aufgeworfen.“

Kulle glättete seine Fliege und fuhr fort. „Wenn es Euch recht ist, möchte ich eine Antwort darauf versuchen.“ Wie zufällig streifte sein Blick Bärdel, und er registrierte mit Genugtuung, dass dessen Gesichtszüge sich entspannten. Manfred sah ihn begeistert an. Kulles Ego vollführte einen begeisterten Salto.

„Ich werde dazu weiter ausholen. Der intelligente Mensch Stanislaw Lem hat eine Theorie über das Wesen der Menschen aufgestellt, deren Kernaussagen er in den Mund einer intelligenten Maschine legt. Dieser Theorie zufolge hat die Evolution des tierischen Lebens auf der Erde auf einer recht hohen Stufe zu einem Zustand geführt, der eine Lücke evozierte: Nicht alle Handlungen wurden mehr rein instinktiv gesteuert. Dass Lem rein instinktives Handeln uns Tieren unterstellt, ist natürlich Unsinn und allein seiner menschlichen Borniertheit geschuldet, aber seine Aussagen über seine eigene Spezies sind zweifellos nachdenkenswert.

Die Lücke bedeutet, sich zwischen Alternativen entscheiden zu können. Die Lücke ist das, was der Mensch selbstgerecht als ‚Verstand‘ bezeichnet.

Nun ist das Entscheiden ein anstrengender Prozess, dauernde Entscheidungen überfordern auch Bären, ganz gewiss aber Menschen. Deshalb, so Lem, organisieren die Menschen ihr Leben in regelhaften Gemeinschaften, die sie selbst als ‚Kulturen‘ bezeichnen. Die Vorschriften darin, die sie selbst gemacht haben, die sie aber schnell als von überirdischen oder irdischen Mächten gegeben betrachten, nehmen ihnen die Notwendigkeit der Entscheidung ab: in toleranten Kulturen nur zum Teil, in doktrinären vollständig. Soweit Lem.

‚Die Welt ist aus den Fugen‘ hat Manfred vorhin gesagt. Das ist zwar ein nicht korrektes Zitat, wohl aber eine korrekte Zustandsbeschreibung. Die technologischen Veränderungen in der Menschenwelt, allen voran die Revolution der Kommunikation und der Berufswelt, stellen tradierte Kulturen in Frage. Die gesellschaftliche Antwort darauf ist ein Auseinanderdriften der Menschengesellschaften: Doktrinär bestimmtes Leben wird noch doktrinärer, permissive Kulturen verzichten zunehmend auf verbindliche Regeln. Und die Gesellschaften mit fixen Grundsätzen und die Gesellschaften ohne fixe Grundsätze werfen den jeweils anderen vor, am fugenlosen Zustand der Welt schuld zu sein.“

„Ist ja alles schön und gut!“ murrte Manfred. „Aber ich weiß immer noch nicht, warum ein Amerikaner Donald Trump wählen sollte.“

Kulle schüttelte den Kopf so leise, dass nur Bärdel es sehen konnte. „Die USA sind eine zumindest in Teilen tolerante Kultur. In ihr zu leben erfordert Entscheidungen. Trump versprich den Menschen, ihnen die Entscheidungen abzunehmen, indem er ihnen sagt, wer böse ist und wer gut. Er verspricht ihnen das Ende der wirtschaftlichen Unsicherheit, indem er die ‚fugenlose‘ Welt von den USA fern hält: Durch eine Mauer gegen Mexiko, durch Protektionismus. Er ist der reiche Onkel, der es ganz nach oben geschafft hat und der verspricht, dass alles für alle gut wird. Wie man Kindern leichtfertig unhaltbare Versprechungen macht.“

Alle schwiegen lange, bis Manfred leise fragte: „Auf der Welt gibt es gerade viele Kinder unter den Menschen, oder?“

„Ich fürchte, ja.“

„Jetzt gehen wir aber endlich spazieren!“ forderte Bärdel gewollt heiter, obwohl ihm das Herz ebenso schwer war wie Manfred. „Wer kommt mit?“

Sie wanderten zu dritt durch die dehländische Ebene, aber anders als sonst begleiteten sie keine munteren Reden.

September 2016

Über Empathie und deren Missbrauch

Was ist Empathie?

Kulle

Der Duden liefert eine sehr enge Definition: Er bezeichnet Empathie als die „Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“. Demzufolge ist Empathie also eine Empfindung, die nur Menschen anderen Menschen entgegenbringen können.

Wikipedia 1 geht scheinbar weiter:

„Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Zur Empathie gehört auch die Reaktion auf die Gefühle Anderer wie zum Beispiel Mitleid, Trauer, Schmerz oder Hilfsimpuls. Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung; je offener man für seine eigenen Emotionen ist, desto besser kann man die Gefühle anderer deuten.“

Und schließlich lesen wir bei „empathie-lernen.de:“2 „Empathie ist die Fähigkeit, wahrzunehmen, was in einem anderen vorgeht.“

Wer also ist fähig zur Empathie wem gegenüber?

Dem Duden zufolge ist das der Mensch gegenüber dem Mitmenschen, bei Wikipedia ist von Personen und Persönlichkeitsmerkmalen die Rede, die Empathie-Seite spricht von „anderen.“ Gemeint ist, wie auch immer formuliert wird, präzise oder unpräzise, der Mensch.

Dieser Logik zufolge kann Tieren keine Empathie entgegengebracht werden, es sei denn, man schreibt ihnen Persönlichkeitsmerkmale zu, was Homo nur sehr zögerlich zu tun bereit ist, sieht er doch dadurch seine behauptete Stellung als Krone der Schöpfung gefährdet.3

Die jahrhunderttausendelange Beziehung zwischen Menschen und Tieren hängt weitgehend von der Zahl der Beine der Tiere ab: Alles, was acht oder sechs Beine hat, mit Ausnahme der Bienen, gilt als lästig und ist es oft auch. Fische sind nahrhaft. Vögel sind nützlich, sofern sie domestizierbar sind, Eier legen und zum Verzehr geeignet. Vierbeiner sind willkommen, wenn sie ähnliche Kriterien erfüllen: Wenn sie Milch und Fleisch geben und/oder ihre Kraft als Zug- bzw. Lasttiere genutzt werden kann. Auch das Raubtier Katze und das teildomestizierte Raubtier Wolf als Hund werden haushaltsnah als Mäusefänger und Wächter gehalten. Als Maxime gilt der ökonomische Nutzen; folgerichtig spricht man von Nutzvieh.

Im Widerspruch zu den eingangs zitierten Definitionen gibt es sehr wohl emotionale, empathische Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Seit der private Wohlstand in den Industrienationen so angewachsen ist, dass der homo oeconomicus sich den Luxus leisten kann, nicht nur wirtschaftlich zu handeln, gesellte er sich das Haustier bei, das eine deutlich andere Position einnimmt als das Nutzvieh. Das Haustier ist Gesellschafter, nicht eierlegende Wollmilchsau.

Man sollte annehmen, dass Homo positive Gefühle gegenüber nahen Verwandten hegt, dem ist aber keineswegs so. Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang Utans werden in Zoos eingesperrt und dort ausgestellt. Zeugt dergleichen von Mitleid, Trauer, Schmerz oder Hilfsimpuls4?

Auch gegenüber genetisch kaum weniger Nahestehenden ist der Mensch gefühlsresistent. Schweine werden unter tierunwürdigen Verhältnissen binnen möglichst kurzer Zeit so zu Tode gebracht, dass sie möglichst viele, wenn auch nach nichts schmeckende Koteletts unters Schlachtmesser bringen.

Anders verhält es sich mit den Haustieren. Der Hund hat seine Ketten verloren und ist auf den Schoß geklettert. Die Katze jagt Mäuse nur noch zum Entsetzen ihrer Halter, die nicht verstehen, warum „Sheba“ et alii das Raubgelüst nicht befriedigen. Das Haustier liebt der Mensch so sehr, dass er nicht davor zurückschreckt, es nach seinem Geschmack zu verstümmeln.

Da ist der rassereine Hund, dessen Becken nicht mehr geeignet ist zu gebären, der asthmatisch ist und dessen Beine ihn nicht mehr tragen, teurer Dauerkunde beim Kleintierarzt und Grund vieler Tränen. Da ist die Katze, die kastriert wird, um nicht ihr, sondern ihrem Besitzer die Kätzchen im nächsten Frühjahr zu ersparen.

In allerjüngster Zeit hat der Mensch weitere Lebewesen entdeckt, die seiner Liebe bedürfen und ihrer würdig sind, wie er meint.

Die Polkappen schmelzen, woran Homo nicht ganz unschuldig ist. In der Antarktis sind die Pinguine bedroht, das ist bedauerlich, meint er, aber letztlich trifft es nur Vögel.

Jedoch: Auch die Arktis schmilzt! Die Eisbären verlieren ihr Habitat! Sie verhungern! Sie ertrinken!

Bilder von abgemagerten Eisbären, die ziellos umherschwimmen, bringen Menschen tatsächlich zum Weinen, und das ist erstaunlich, denn Eisbären sind die größten Landraubtiere. Eisbären bedrohen Menschen nördlich des Polarkreises. Eisbären haben oft blutrote Schnauzen, daran erkennt man, was sie gefressen haben. Eisbären flößen Angst ein. Eisbären jagen Robben, und die haben nach Meinung der meisten Menschen sehr süße Babies.

Was wäre so schlimm daran, wenn es keine Eisbären mir gäbe? Wer hat den Menschen die merkwürdige Liebe zu diesen gefährlichen Räubern eingepflanzt?

Es waren der WWF, Greenpeace und ähnliche Organisationen, und für sie dient der Eisbär dem Fundraising. Wer für den Erhalt der Umwelt kämpft, benötigt in der menschlichen Gesellschaft Geld. Es bedarf geschickter Strategien, es dem homo oeconomicus zu entlocken. Er muss sich der Illusion hingeben können, einen angemessenen Gegenwert zu erhalten, und sei es ein immaterieller. Sagte man ihm, dass sein Konsumverhalten maßgeblich verantwortlich für die Klimaerwärmung ist, so wäre das zwar richtig, hätte aber keinerlei positiven Aspekt. Eine Argumentation gegen das gerade erworbene SUV erweckte die Empathie für das SUV in einem bisher nicht bekannten Umfang. Also lässt man dem Menschen seine klimaschädigenden Konsumartikel und verschafft ihm zugleich ein gutes Gewissen, wenn er für bedrohte Teile des Ökosystems Geld zur Verfügung stellt – und Tiere mit dichtem Fell, deren Junge dem Kindchenschema entsprechen, sind als Repräsentanten solcher „bedrohten Teile“ bestens geeignet.

Empathie, so lernen wir, bezieht sich auf jeden und jedes, wenn Menschen wollen, dass sie dafür Empathie empfinden.5

Die Vermutung liegt nahe, dass Homo seine Empathie zunehmend anderen Subjekten als Vertretern der eigenen Spezies widmen wird. Die Fähigkeit, sich in andere Wesen hineinzuversetzen, ist verständlicherweise numerisch begrenzt. Die zunehmende Zahl der Menschen ist dafür schlechter, die abnehmende Zahl der Eisbären besser geeignet.

Dezember 2015


Fußnoten: („< " führt zum Text zurück)

  1. Der Chef hat Wikipedia lange Zeit verabscheut. Die wissenschaftliche Qualität sei niedrig, die Fehlerquote hoch, behauptete er. Das hat sich geändert. Inzwischen erachtet er Wikimedia als eine wichtige Zugangsmöglichkeit zu Informationen (auch) für wissenschaftlich nicht gebildete interessierte Personen und spendet regelmäßig für deren Erhalt. Die Sekretärin
  2. Die Prämisse des Site-Namens, es handele sich bei Empathie um eine kognitive Fähigkeit, ist so naiv, dass sie schon wieder amüsant ist.
  3. Lediglich Primaten und Walen werden inzwischen Zugeständnisse gemacht.
  4. vgl. Wikipedia
  5. Wir erwarten nicht, diese Erkenntnis demnächst in einem menschlichen Lexikon zu lesen.
  6. Dezember 2015

Zwischengeburtstag

An einem 22. Oktober, dem Tag also, der genau sechs Monate vor und sechs Monate nach ihrem Erinnerungstag, dem Tag, an dem sie erinnert werden wollte oder, wenn es niemanden gab, der sie erinnerte, sich erinnern wollte, nämlich daran erinnern, dass sie die Bewegerin dieses einen Universums unter anderen zahllosen Universen war, deren Bewegerinnen zahllose andere Entitäten waren, am 22. April also, denn aus Gründen, die nur Tussi, denn von ihr ist die Rede, hell sein konnten, legt sie Wert darauf, ihren Erinnerungstag an dem Datum zu begehen, an dem Immanuel Kant und Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, das Licht dieser Welt, also des dritten Planeten des Solarsystems am Rand ihres Universums, erblickt haben, an dem Tag  zwischen den Erinnerungstagen lädt Tussi alle Bewohner Bärenlebens zum Robbenreiten vor der Insel Norderney ein.

Tussi und Merkel

Kulle fand wenig Vergnügen am Reiten von Robben, nicht in der Vergangenheit und auch nicht beim aktuellen Anlass. Er hasste kaltes Wasser, und er glitschte immer wieder von den dicken Tieren mit ihrem fettigen Fell, das keinen festen Griff erlaubte, hinunter. So stapfte er nach einem kurzen Intermezzo im Meer erleichtert wieder an den Inselstrand.

Kulle

„Na, kleiner Stinker? Schon die Nase voll vom Dorfvergnügen?“

Kulle zuckte zusammen, ertappt und schuldbewusst. Einer Göttin zeigt man nun einmal nicht, dass man ihr Unterhaltungsprogramm nicht schätzt. Aber Tussi gab sich huldvoll.

„Schon gut. Ich sollte mir vielleicht was Neues einfallen lassen, solange noch Zeit ist.“ 

Vor der großen Fröschin materialisierte sich ein silberner Kübel, aus dem der Hals seiner Champagnerflasche ragte, daneben stand ein schlanker Kelch. Vor Kulle erschienen zwei irdene Töpfchen.

„Sanddornhonig und Sanddorncreme für dich, Champagner für mich. Recht so?“

Kulle nickte. Süßherbe Düfte stiegen ihm in die Nase. Er hatte Mühe, sich zu beherrschen, nicht sofort Pfote und Schnauze in die Leckereien zu stecken, sondern zu warten, bis Tussi den ersten Schluck genommen hatte, wie es sich gehörte. Aber noch viel mehr Beherrschung kostete es ihn, Tussi nicht sofort mit Fragen zu überfallen. Tussi war hier! Mit ihm allein! Tussi wusste alles! Er konnte alles erfahren! Er musste es nur geschickt anstellen…

„Sag mal…“

„Sag mal…“

Beide hatten gleichzeitig zu sprechen angefangen. Beide sahen einander an. Beide nickten. Und beide fuhren gleichzeitig fort:

„Was wolltest Du fragen“?

„Was wolltest Du fragen?“

Kulle war verwirrt, aber er gab sich galant: „Du hast natürlich den Vortritt!“

„Sag mal – wie gefällt es Dir auf meiner Welt?“

Oh weh! Eine solche Frage eines Gottes oder einer Göttin wagt nur der Teufel ehrlich zu beantworten, und Kulle suchte bei ihm Zuflucht.

„Von Sonn‘ und Welten weiß ich nichts zu sagen,

Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.

Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,

Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.

Ein wenig besser würd er leben,

Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;

Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“

„Ja,“ sagte Tussi nachdenklich und nippte am Champagner, „Goethe war ganz schön klug. Dem hätte ich gerne Gesellschaft geleistet, aber ich habe von seiner Existenz erst erfahren, als er schon tot war. Man kann eben nicht alles haben!“

„Aber ich dachte, Du seist allwissend!“

„Das hast Du nicht gedacht, sondern gemutmaßt. Aber das nur am Rande. Und was den Inhalt Deiner Annahme angeht: Ich bin doch nicht verrückt! Glaubst Du im Ernst, ich könnte hier sitzen und es mir gut gehen lassen, wenn ich alles wüsste, was vorgeht?“

„Aber ich denke – äh, ich nehme an, Du machst alles?“

„Präteritum, mein Lieber, Präteritum! Ich habe alles gemacht, vor langer Zeit, als es Eurer Physik zufolge noch gar keine Zeit gab, und seitdem gucke ich nur zu, was passiert, oder ich schaue auch weg, wenn es zu fürchterlich ist. Um ehrlich zu sein, ich sehe meistens weg.“

„Es gefällt Dir also auch nicht auf der Erde, wo ‚sich die Menschen plagen’ und mit ihrem Verstand überfordert sind, wie Mephisto sagt?“

„Nein. Im Prinzip ist die Erde ein ‚Failed Planet’. Aber man muss nehmen, was man hat, auch als Schöpferin: Allzu viele Planeten mit annehmbaren Umweltbedingungen haben sich in meinem Universum nicht entwickelt, um es vorsichtig zu formulieren. Terra nimmt eindeutig diesbezüglich eine Spitzenposition ein. Ein paar akzeptable Ecken gibt es hier schon.“

„Europa zum Beispiel?“

„Nicht zum Beispiel.  Nur Europa. Nur ein paar europäische Länder.“

„Dann ist Dein Kriterium nicht Reichtum!“

„Richtig erkannt. Du bist ein kluger kleiner Stinker. Ginge es um Reichtum, hätte ich mich in den USA niedergelassen. Habe ich aber nicht.“

„Also geht es um Frieden?“

„Natürlich.“

„Welche europäischen Länder meinst Du?“

„Frankreich, Benelux, Italien, Norwegen, Schweden, Dänemark, Schweiz, Westdeutschland…“

„Also nicht die DDR? Nicht zum Beispiel Spanien, Portugal, Griechenland?“

„Nein.“

„Also nur die Länder, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges demokratische Strukturen entwickeln konnten, in denen es keine Diktaturen gab?“

„Du bist wirklich ein kluger Stinker. Iss von Deinem Honig und Deiner Creme – die sind gut für Dein Gehirn.“

Kulle war jedoch zu aufgeregt zum Essen.

„Wirst Du länger hierbleiben?“

„70 Jahre Frieden. Das ist in Europa ein einmalig langer Zeitraum. Die europäischen Länder, in denen so lange Frieden herrscht, machen etwa zwei Prozent der Kontinentallandmasse aus – die Antarktis lasse ich außer Acht, weil sie nicht von Menschen besiedelt ist. Wenn ich unterstelle, dass der heutige Mensch die Erde seit 70.000 Jahren besiedelt;­ ein Durchschnittswert, in Afrika lebt der Mensch viel länger, in den Amerikas erschien er erst später , dann entsprechen 70 Jahre einem Promille.“

Jetzt griff Kulle doch in den Honigtopf.

„Du wirst also nicht länger hierbleiben?“

„Die Stochastik spricht dagegen.“

„Vielleicht“, sagte Kulle und sah aufs Meer hinaus, wo Bärdel und Atti und Manf sich, auf dem Rücken von Seehunden reitend, mit Wasser bespritzten, „vielleicht sollte ich jetzt doch noch die Freuden des Meeres genießen. Wer, weiß, wie lange es die noch gibt.“

Oktober 2015

Kulle über das Reisen

Über das Reisen

P. D. Kulle

Kulle

»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Weichensteller.
»Was machst du da?« sagte der kleine Prinz.
»Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpaketen«, sagte der Weichensteller. »Ich schicke die Züge, die sie fortbringen, bald nach rechts, bald nach links.«
Und ein lichterfunkelnder Schnellzug, grollend wie der Donner, machte das Weichenstellerhäuschen erzittern.
»Sie haben es sehr eilig«, sagte der kleine Prinz. »Wohin wollen sie?«
»Der Mann von der Lokomotive weiß es selbst nicht«, sagte der Weichensteller.
Und ein zweiter blitzender Schnellzug donnerte vorbei, in entgegengesetzter Richtung.
»Sie kommen schon zurück?« fragte der kleine Prinz…
»Das sind nicht die gleichen«, sagte der Weichensteller. »das wechselt.«
»Waren sie nicht zufrieden dort, wo sie waren?«
»Man ist nie zufrieden dort, wo man ist«, sagte der Weichensteller.
(aus: Antoine de Saint-Exupéry, Der Kleine Prinz, Kap.22)

Inhalt:

  • Vorwort
  • 1. Die Großen Reisen
  • 1.1. Die Reise zur Eroberung der Landmasse
  • 1.2. Die Reise zur Eroberung fremden Territoriums
  • 1.3 Was kennzeichnet Große Reisen?
  • 2. Was kennzeichnet dem gegenüber Kleine Reisen?
  • 2.1. Geschäfts- und Bildungsreise
  • 2.2. Entdeckungs- und Eroberungsreise
  • 2.3. Die Pendelreise
  • 2.4. Die Urlaubsreise
  • Conclusio

Vorwort

Reisen ist eine Tätigkeit, die von Homo sapiens sapiens (im Folgenden auch: HSS) so umfassend und aus so unterschiedlichen Gründen ausgeübt wird wie von keiner anderen Spezies. Deshalb behalten wir die Bezeichnung „Reisen“ ihm vor, während wir bei anderen Tieren von „Wandern“ sprechen. Wanderungen ermöglichen Fortpflanzung und Zugang zu Nahrung, andere Triebkräfte dafür existieren nicht. Das Motiv der Nahrungssuche haben Reisende und Wanderer mitunter gemein, wie wir sehen werden.

1. Die Großen Reisen

1.1. Die Reise zur Eroberung der Landmasse

Fossile Zeugnisse von unterschiedlich entwickelten Hominiden sind sowohl in Asien wie in Europa und Afrika nachgewiesen worden, es ist jedoch nach gegenwärtigem Wissenstand unbestritten, dass die „Wiege der Menschheit“ 1 im nordöstlichen Afrika zu suchen ist. Von dort reiste der Mensch los und durchstreifte die „Alte Welt“ zu Fuß, erst als er die Fähigkeit entwickelt hatte, die Meere zu befahren, machte er Australien zu seinem Lebensraum. Die Bereisung des amerikanischen Doppelkontinents erfolgte noch später als die der Terra australis und fand wiederum auf dem Landweg, über die zu jener Zeit trocken gefallene Beringstraße, statt. So war schließlich auch die gesamte „Neue Welt“ 2 zum Reiseterritorium des Menschen geworden.

Das Motivbündel für diese Jahrhunderttausende währende Reise wohl überwiegend kleiner Gruppen ist zweifellos vielfältiger Natur. Die allenthalben verbreitete nomadisierende Lebensweise, die sich aus der Jäger- und Sammlertätigkeit zur Nahrungsbeschaffung zwangsweise ergab, ist schon an sich eine Reisebetätigung. Regionale Erschöpfung von Ressourcen, kurzfristige Wetterunbilden, Naturkatastrophen und einschneidende klimatische Veränderungen gaben ebenfalls Anlass, einen anderen Lebensraum in der Hoffnung auf bessere Bedingungen zu suchen. Und gewiss spielte die Bedrohung durch Artgenossen eine Rolle, und zwar um so mehr, je weiter HSS sich verbreitete. Und damit kommen wir zur zweiten Form der großen Reisen.

1.2. Die Reise zur Eroberung fremden Territoriums 3

Verteidigung, Bekehrung der Heiden, Lebensraum in welcher Himmelsrichtung auch immer schaffen, Kreuzzug, präventives oder präemptives Handeln – der Mensch war schon immer sehr phantasievoll, wenn es galt, das brutale, organisierte Töten eigener Artgenossen durch speziell dafür geschulte Kämpfer und mit speziell dafür hergestellten Waffen zu beschönigen: den Krieg.

Krieg besteht darin, dass eine Armee in ein von einer anderen Armee kontrolliertes Territorium reist; kann sie es erobern, erweitert sie ihren Kontrollbereich, und die gegnerische Gruppe verliert die Kontrolle über diese Region. Die nicht kämpfende Bevölkerung flieht vor den Kampfhandlungen, reist also fort, oder wird nach deren Beendigung entweder vertrieben, unterdrückt oder assimiliert.

Flüchtlinge oder Vertriebene versuchen, sich ein neues Territorium zu suchen, das aber ist in der Regel menschlich besiedelt, so dass sie entweder abgewiesen werden oder, falls sie akzeptiert werden, zumindest für einen gewissen Zeitraum einen Störfaktor darstellen, da sie wertvolle Ressourcen verbrauchen und enkulturiert werden müssen.

Warum werden Kriege geführt? Auch hier finden wir vielfältige Gründe, die sich aber letztlich auf einen Begriff bringen lassen: Ressourcen. Ob Land, Bodenschätze, landwirtschaftliche und /oder industrielle Produkte, Arbeitskraft, Know-how oder Sexualobjekte der eigenen Verwertung unterworfen werden können: Die Macht des Eroberers wird gesteigert und so seine Herrschaft gesichert. 4

1.3. Was kennzeichnet Große Reisen?

Die Antwort hat der intelligente Leser gewiss bereits gefunden, für den nicht so begabten einen oder anderen menschlichen Interessierten sei sie explizit formuliert: Große Reisen werden unternommen, um zu bleiben.

2. Was kennzeichnet dem gegenüber Kleine Reisen?

Auch diese Antwort liegt antithetisch auf der Hand: Kleine Reisen werden nicht unternommen, um am Reiseziel zu bleiben. Nach kürzerer oder längerer Zeit kehrt der Reisende in seine Ausgangsregion zurück. Was Zwecke und Motive anbetrifft, so ist bei den Kleinen Reisen die Vielfalt erheblich größer als bei den Großen. Wir werden einen Überblick über die wichtigsten geben.

2.1. Geschäfts- und Bildungsreise

Die Geschäfts- und die Bildungsreise sind die ältesten Kleinen Reisen und zudem eng miteinander verwandt, gilt es doch bei beiden, Güter zu erwerben, im ersten Fall materielle, im zweiten immaterielle. In einer Welt knapper und regional unterschiedlich verteilter Güter liegt es nahe, gegen Tausch von Waren oder allgemeinen Warenäquivalenten eine bessere Versorgung in allen Gebieten zu erreichen. Diese Aufgabe übernahmen die Fernkaufleute, aber auch die Höker, die kleinräumig agierten.

Wo sich mit dem Beginn von Zentren unterschiedliche Kulturen entwickelten, entsandten die Herrschenden junge Menschen, oft Angehörige des eigenen Geschlechts, um fremde Sitten und Gebräuche kennenzulernen und die heimische Polis 5 davon profitieren zu lassen 6. Diese Art des Informationserwerbs setzte sich nach der Gründung von Hochschulen bis zum heutigen Tag fort.

Das Motiv derartiger Reisen ist zum einen Gewinnstreben, das, in abgewandelter Form, als Suche nach Vorteilen auch Großen Reisen inhärent ist. Bei Bildungsreisen aber finden wir eine neue, bisher unbekannte Triebkraft: Neugier 7 .

2.2. Entdeckungs- und Eroberungsreise

Ebenfalls eng miteinander verknüpft sind die Entdeckungs- und die Eroberungsreise. Solange die Erde für eine Scheibe gehalten wurde, von deren Rand man ins Nichts herunterfallen konnte, hielt sich die menschliche Lust auf Unbekanntes in Grenzen, aber neue, wenn auch falsche Weltkarten, denen zufolge Terra eine Kugel ist und denen zufolge man Profit versprechende Territorien 8 auf dem Seeweg erreichen zu können glaubte, veranlasste HSS zum Besegeln der bisher gefürchteten Ozeane9.

Ausgestattet mit der richtigen Ideologie, also der Überzeugung, der wahren Religion teilhaftig zu sein und alle menschlichen Wesen, die man „entdeckte“, zu dieser bekehren zu müssen, sorgten die unreinlichen Europäer für ein doppeltes Massaker: die Bestrafung der „Heiden“, die sich dem „Heil“ widersetzten, mit dem Tode, und den Seuchentod.

Mindestens ebenso wie an überirdischen Gütern waren die Entdecker und ihre Geldgeber 10 an irdischen Werten interessiert. Jeder jagte dem „Dorado“ hinterher und fand es in mancherlei Gestalt: im Gold und Silber Lateinamerikas, in der Arbeit der aus Afrika entführen Sklaven auf den Baumwollfeldern der Amerikas und letztlich auch in den Weiten des scheinbar leeren Südkontinents, in denen sich Straftäter entsorgen und so Kosten sparen ließen.

2.3. Die Pendelreise

Eine neue Quantität und auch Qualität des Reisens entstand mit der Industriellen Produktionsweise, zerstörte doch die Fabrik die lokale Einheit von Wohnen und Arbeiten, wo sie sich entwickelte. Diese Zerstörung erheischte eine Beschleunigung und eine quantitative Ausweitung des Reisens, die beide durch die Entwicklung des Lokomobils und einige Jahrzehnte später des Automobils möglich wurden. Die Notwendigkeit des „Pendelns“ von Berufstätigen und Waren ist die Grundlage einiger wichtiger Wirtschaftszweige und zugleich ein Faktor, der die Ökonomie negativ beeinflusst, führt doch die zunehmende Überlastung der Verkehrswege und -mittel zur Vergeudung von toter wie lebendiger Arbeit.

2.4. Die Urlaubsreise

Diese Überlastung beeinträchtigt jene Art der Kleinen Reise, die sich bei den Reisenden höchster Beliebtheit erfreut. In allen sogenannten Industrie- wie auch in vielen Schwellenländern 11 haben beruflich tätige Menschen Anspruch auf eine mehr oder minder lange Spanne arbeitsfreier Tage, und wer über die Mittel dazu verfügt, verbringt diesen „Urlaub“ gerne an einem anderen Ort als dem gewohnten. Es versteht sich von selbst, dass auch diese Kleinen Reisen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind: Transportmittel, Unterkünfte und Möglichkeiten zur Nahrungsaufnahme müssen bereitgestellt werden.

Conclusio

Wie sich gezeigt hat, ist das Reisen zwar kein ontogenetisches, wohl aber ein phylogenetisches Merkmal von Homo sapiens sapiens. Er muss also danach trachten, dieses Verhalten zu perpetuieren, was ihm aber zusehends schwerer fällt, verhindert doch die schiere „Masse Mensch“ 12 das Fortkommen und, was die Urlaubsreise angeht, den Genuss.

Also auch hierbei: Pfffffffffffff…


Fußnoten: („<“ führt zum text zurück)

  1. Die euphemistische Formulierung stammt von menschlichen Anthropologen, nicht von bärischen.
  2. Dem Menschen, der die Amerikas nach deren „Entdeckung“ durch den Italiener Colombo 1492 als „Neue Welt“ bezeichnete, scheint bis heute nicht aufgefallen zu sein, dass er mit diesem Namen den Nagel auf den Kopf getroffenen hatte.
  3. Gemeint ist natürlich fremdes menschliches Territorium. Anderen Tieren den Lebensraum zu nehmen hat dem Menschen selten Probleme bereitet.
  4. Bei der ersten Fassung des Manuskripts hat der Chef formuliert: „Der Usurpator hat bewiesen, dass er den längsten hat.“ Das musste ich leider streichen. Die Sekretärin
  5. Wir beziehen diesen Begriff nicht nur auf griechische Poleis, sondern auf Stadtstaaten allgemein.
  6. Dass diese Reisen nicht immer von Erfolg gekrönt waren, zeigt zum Beispiel die Geschichte von Ödipus.
  7. Gewinnstreben, kombiniert mit Neugier, sind übrigens die Triebkräfte, die dazu geführt haben, dass die Erde sich inzwischen im Elend des Anthropozän befindet – aber das ist eine andere Geschichte.
  8. Indien
  9. Nicht belegte, sondern nur behauptete Entdeckungsfahrten wie die der Wikinger haben vielleicht ebenfalls stattgefunden. Seekarten eines Torricelli-Vorfahren hatte Erik der Rote aber gewiss nicht zur Verfügung.
  10. Wir denken hier an die „katholischen“ spanischen Könige, die dringend Mittel für die Reconquista benötigten.
  11. Der Begriff nährt die Illusion, die etablierten Industrieländer würden ein Überschreiten der „Schwelle“ auf ihr Niveau durch andere Länder tolerieren.
  12. Ernst Toller konnte 1919 noch keine Ahnung haben, wie massenhaft seine Gattung binnen kurzem präsent sein würde: Damals lebten weniger als 2 Milliarden Menschen auf dem Globus.

September 15

Eisbärenabitur – oder: Kant für Anfänger

Eisbärenkinderabitur

Eisbärenfamilie

„Tante Atti, Onkel Kulle, können wir heute bitte Abitur spielen?“

Athabasca und Kulle sahen einander verwundert an. Was war wohl jetzt wieder in Nanuk gefahren?

„Wie kommt ihr denn auf die Idee?“ wollte Atti wissen.

Athabaska

„In ganz Dehland finden jetzt mündliche Abiturprüfungen statt, haben wir in der Zeitung gelesen. Wenn man die besteht, darf man studieren. Das wollen wir auch machen!“

Kulle schüttelte sanft den Kopf. „Man muss auch schriftliche Prüfungen bei den Menschen bestehen, wenn man studieren will. Aber das nur nebenbei. Ihr braucht diese Voraussetzungen nicht: Hier in Bärenleben dürft ihr studieren, wozu immer ihr Lust habt!“

„Das wissen wir doch, Onkel Kulle! Aber wir möchten so gerne spielen….“

„Na gut! Tante Atti und ich werden uns eine Aufgabe für euch ausdenken. Da ihr aber zweifellos klüger seid als die Menschen, werden wir euch nur mit Material versorgen. Die Aufgaben dazu müsst ihr euch selbst überlegen. Mit dem Material dürft ihr euch zwanzig Minuten lang beschäftigen, und danach folgt eine Prüfung von einer halben Stunde. Einverstanden?“

„Super, Onkel Kulle! Wir sind jetzt gleich bei Mami im Wasser. Sagt uns Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Und schon sausten zwei weiße Blitze davon zum Dorfteich.

Athabasca bot Kulle ein paar frisch gepflückte Kräuter an und erkundigte sich: „Was wollen wir den beiden geben? Du hast doch bestimmt schon eine Idee, du Schlaumeier!“

Kulle

Es gab nur einen Bären auf der Welt, genauer gesagt, eine Bärin, von der sich Kulle despektierlich „Schlaumeier“ nennen ließ. Atti war die Frau seiner Träume, seit er sie kennengelernt hatte. Deshalb bedankte er sich artig für den vegetarischen Imbiss und sagte: „Kant. Kurz und knackig. Da ist alles drin und alles draus zu machen.“

Atti mopste sich ein paar Rucolablätter aus Kulles Faust und nickte zustimmend. „Gute Idee. Aber bitte gekürzt.“

„Versteht sich. Die Kleinen werde auch so genug zu knabbern haben.“

Kulle trollte sich in die Bibliothek und kam wenig später mit bedrucktem Papier zurück.

„Nanuk!“ rief er.

Voller Begeisterung sprangen die Zwillinge ans Ufer, schüttelten sich das Wasser aus dem Fell und griffen nach den Zetteln.

„Zwanzig Minuten!“ erinnerte Kulle.

„Viel Spaß!“ wünschte Atti.“

Beantwortung der Frage:

Was ist Aufklärung?

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich…Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: Räsonniert nicht! Der Offizier sagt: Räsonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: Räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: Räsonniert nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: Räsonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht!) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich, welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? – Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten oder Amte von seiner Vernunft machen darf. Wenn denn nun gefragt wird: leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung. Daß die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im ganzen genommen, schon imstande wären oder darin auch nur gesetzt werden könnten, in Religionsdingen sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines andern sicher und gut zu bedienen, daran fehlt noch sehr viel. Allein, daß jetzt ihnen doch das Feld geöffnet wird, sich dahin frei zu bearbeiten und die Hindernisse der allgemeinen Aufklärung oder des Ausganges aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit allmählich weniger werden, davon haben wir doch deutliche Anzeigen. In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung…

„Ganz schön viel Text“, stellte Nuk beeindruckt fest.

„Ach nee“, kommentierte Na ironisch. „Komm, lass uns arbeiten: Von wem ist der Text, was steht drin, sind die Aussagen richtig – einverstanden?“

Nuk antwortete nicht – sie war schon in das Material vertieft. Zwanzig Minuten lang war es still – eisbärenarbeitsstill.

„Seid ihr so weit?“ Athabasca hatte eine Holunderblüten-Honig-Limonade angesetzt und wollte den Kindern davon einschenken, aber Nuk wehrte dankend ab: „Später, bitte, Tante Anti.Erst müssen wir reden!“

„Wir gehen davon aus, dass der Text von einem Aufklärer stammt, also auf das späte 18.Jahrhundert zu datieren ist. Die häufige Verwendung des Verbs ‚räsonnieren‘ und die Anspielung auf einen einzigen Herrn in der Welt, der sagt: ‚Räsonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht‘ sind eindeutige Hinweise auf Preußen und Friedrich II. Der Verfasser des Essays ist vermutlich Immanuel Kant.“

Lehrerin und Lehrer nickten anerkennend.

„Wir könnten jetzt den Textinhalt referieren, wenn ihr möchtet,“ bot Na an. „Wir fänden das, ehrlich gesagt, aber langweilig. Spannender wäre es, den Text politisch einzuordnen, denn Aufklärung ist beziehungsweise war eine intellektuell-politische Bewegung, die ihrer Natur nach bestehende Herrschaftsstrukturen in Frage stellt. Außerdem reizt es uns, die Textaussagen auf ihre aktuelle Relevanz abzuklopfen.“

„Athabasca seufzte vor Glück. Kulle freute sich ebenso, dachte aber wehmütig daran, dass er wohl lange auf die nächste Generation ähnlich begabter Eleven würde warten müssen.

„Wir sind ganz Ohr,“ sagten beide im Chor.

„Ein Revolutionär war der Königsberger Professor Kant nicht gerade. Ist ja auch menschlich: ‚Wes Brot ich ess, des Lied ich sing…‘ Ohne Bevormundung denken sollen die Menschen seiner Meinung nach schon, aber dabei bloß nicht die öffentliche Ordnung und das Gefüge des Gemeinwesens stören, auch wenn es darum nicht zum Besten bestellt sein mag. Deshalb unterscheidet er zwischen öffentlicher und privater Freiheit. Der Privatmensch, ob nun als Soldat oder in einem zivilen Beruf tätig, hat zu gehorchen, öffentlich darf er dagegen seine Gedanken kundtun – gemein formuliert, Kant postuliert die Freiheit der Stammtischmeinung.“

Kulle dachte. ‚Das hätte von mir sein können.‘

„Der Text, den wir bekommen haben, ist mehr als zweihundert Jahre alt, wenn unsere Einschätzung stimmt.“ Nuk schien laut zu denken, für sich zu überlegen, nicht zu ihren Lehren zu sprechen.

„Ich habe gelernt, dass der Optimismus, den er ausdrückt, erst am Beginn des 20. Jahrhunderts zerstört worden ist, durch den Großen Krieg.

Es gab einen zweiten Optimismus-Aufguss mit dem Sieg der Oktoberrevolution 1917, bis sich allmählich herausstellte, dass die Revolution ein Putsch war und die Herrschaft der Arbeiterklasse die Willkürdiktatur der Nomenklatura.

Es gab einen dritten Aufguss nach dem Ende der Bipolarität. Für kurze Zeit sah es so aus, als könnte die Welt nach dem Ende des Kalten Krieges Schwerter zu Pflugscharen schmieden.“

„Aber“, fuhr Na ebenso träumerisch fort, „das war die Sicht der satten Reichen, die meinten, immer weiter gut leben zu können mit den billigen Rohstoffen der Armen. Denn die Armen waren ruhig gestellt unter der Herrschaft von Diktatoren, mit denen die Reichen hervorragend Handel treiben konnten. Aber die Armen hatten selten Brot und immer keine Arbeit, kein Auskommen, und als manche von ihnen die Diktatoren vertrieben, jubelten die satten Reichen sogar, denn sie meinten, nun würden die Armen das Regierungssystem der Reichen einführen, und dann ließe sich mit ihnen noch besser Handel treiben. Weit gefehlt.“

„Denn,“ spann Nuk den Faden fort, „denn die Aufständischen begaben sich nicht unter die Fuchtel der kapitalistischen Vormünder, sondern, was Kant, wenn er denn der Verfasser des uns vorliegenden Textes ist, verabscheut hätte, unter die Vormundschaft der Imame und der Muftis. Nicht die Vernunft regiert, stattdessen ist die öffentliche Freiheit ein Opfer der Scharia. Die schlimmsten Auswüchse, wenn wir der Presse trauen dürfen, produziert der IS mit Morden und Vergewaltigungen in einem Ausmaß, wie sie – in Europa – seit dem dreißigjährigen Krieg nicht mehr vorgekommen sind.“

„Das soll aber nicht heißen, dass die Menschen in den Industrie- und Schwellenländern rationaler agieren,“ sagte Na. „Die kleinen digitalen Helferlein haben sich längst in die Rolle der Vormünder gedrängelt und sind auf dem besten Weg, die Diktatur zu übernehmen. Der elektronische Assistent ist der elektronische Kontrolleur, und dessen Boss – Google, Apple oder wie such immer – weiß alles über dich. Aber die ‚User‘ scheinen es zu wollen – Netzsucht ist bereits als Krankheit definiert.“

„Und dann sagte Na: „Jetzt habe ich Durst.“

„Ich auch“, setzte Nuk hinzu.

Beide tranken einen herzhaften Schluck, rülpsten nach Bärenart. und danach fragte Nuk: „Sollen wir noch weitermachen?“

Athabasca sah Kulle an. Kulle sah Athabasca an. Beide schüttelten den Kopf.

„Ihr dürft gerne weitermachen, wenn ihr möchtet. Eure gewünschte Prüfung ist aber zu Ende. Ihr habt mit Auszeichnung bestanden und seid an jeder Bärenuniversität der Welt zugelassen. Wobei wir zugeben, dass es so viele Bärenuniversitäten nicht gibt.“

„Danke! Wir studieren gerne weiter in Bärenleben. Für heute Abend haben wir einen Vorschlag: Können wir alle gemeinsam darüber reden, warum die Menschen Aufklärung aufgegeben haben?“

Kulle war von dem Vorschlag angetan. „Gute Idee! Ich werde Bärdel sagen, dass er das Thema ansprechen soll.“

„Danke, Onkel Kulle!“

Zwei Minuten später lieferten sie einander eine erbitterte Wasserschlacht. Oicy freute sich, dass ihre Kinder ganz normale Eisbären waren, keine verkopften Grizzlys.

Arabellion

PD Kulle

Arabellion

US-Präsident Barak Obama hielt im Mai 2011 eine Grundsatzrede, in der er die Revolution des „Arabischen Frühlings“ als historische Gelegenheit für die USA bezeichnete:

„Wir haben die Chance zu zeigen, dass Amerika die Würde eines Straßenverkäufers in Tunesien höher achtet als die rohe Macht des Diktators.“

Obama zog eine Parallele zwischen den Aufständen in arabischen Ländern und der Geburt der USA im Kampf gegen die britische Herrschaft. Amerika könne daher nicht anders(,)[1] als sich auf die Seite der arabischen Völker zu stellen.[2]

Vorwort:

Nun, wir werden sehen…

Die Behauptung, die Würde eines Straßenverkäufers in Tunesien werde von den USA geachtet, erweckt Skepsis, hat sich Mohamed Bouazizi doch bereits am 17.Dezember 2010 cremiert, und erst fünf Monate später entdeckt Obama dessen Würde.

Auch wird die Würde von Straßenverkäufern, Kriegsveteranen, mittellosen Menschen jeder Provenienz im Mutterland des Manchesterkapitalismus keineswegs geachtet, sondern mit Füßen getreten.

Die Selbstverbrennung buddhistischer Mönche während des Vietnamkrieges, die erste 1963 durch Thích Qung Đức, hat die Regierung der USA nicht beeindruckt, soweit uns bekannt ist.

Mit Diktatoren haben die USA dagegen mehr als einen Pakt geschlossen. Das soll jetzt auf einmal vorbei sein?

Die Ereignisse

In der Tat sorgten in zwei nordafrikanischen Ländern am Ende des Jahres 2010 Unruhen dafür, dass für lange Zeit stabile politische Verhältnisse ins Wanken gerieten. Massenproteste bewirkten in Tunesien und in Ägypten die Absetzung von jahrzehntelang autokratisch regierenden Machthabern.

Die Blütenpollen des „Arabischen Frühlings“ schwärmten aus uns befruchteten mit ihrer umstürzlerischen Potenz auch mehr oder weniger eng benachbarte Länder:

Im Jemen trat der Präsident nach über 30jähriger Herrschaft zurück.

In Algerien behauptete sich die Regierung. Im April 2012 verbrannte sich auch hier ein Straßenhändler, ohne dass sich der Präsident der USA unseren Informationen nach dazu äußerte.

Nach mehrmonatigem Bürgerkrieg wird der libysche Machthaber – mit NATO-Unterstützung – gestürzt.

In Syrien herrscht seit dem Sommer 2011 Bürgerkrieg.

In Algerien, Bahrain, Dschibuti, Jordanien, Kuwait, Marokko, Mauretanien, Oman und Saudi-Arabien kam es zu mehr oder minder ausgeprägten Protesten, denen mehr oder minder brutal begegnet wurde, nicht aber zu grundlegenden politischen Veränderungen.[3]

Die Ergebnisse

In Tunesien hat die Regierung seit 2011 vier Mal gewechselt. Im Februar 2014 wurde mit überwältigender parlamentarischer Mehrheit eine demokratische Verfassung verabschiedet. Sie garantiert Glaubens- und Gewissensfreiheit und die Gleichstellung von Mann und Frau. Das ist zu begrüßen, aber wie man weiß, ist Papier geduldig. Die Sicherheitslage in den Grenzgebieten zu Algerien und Libyen ist dramatisch. Im Land agiert die islamistische Gruppe Ansar-al-Scharia, die sich zur Ideologie der al-quaida bekennt. Im August 2013 wurde sie von der tunesischen Regierung als terroristische Organisation eingestuft.

In Ägypten kamen nach dem Sturz von Husni Mubarak für wenige Monate sogenannte Muslim-Brüder an die Macht, die durch einen Militärputsch, den man innerhalb des Ägyptischen Machtbereichs besser nicht als solchen bezeichnet, entmachtet wurden. (Ex-)General Sisi sorgte für eine Restauration der diktatorischen Verhältnisse. Die Kontrolle über den Sinai hat das ägyptische Militär indessen verloren, hier schaltet und waltet der maghrebinische Arm von al Kadja nach Gutdünken.

Der Jemen ist ein zerfallender, wenn nicht gar bereits ein zerfallener Staat. Seit Jahren führen drei Parteien Krieg gegeneinander und gegen die Bevölkerung: Die Regierung, die USA, die mit Drohnen Terroristen jagen und denen dabei nicht selten massive Kollateralschäden unterlaufen, und al Kaida, die nicht zuletzt wegen der US-Kriegsführung immer mehr Zulauf hat. Aktuell[4] wird die Hauptstadt Sanaa von Zehntausenden schiitischer Huthi-Rebellen überrannt, die Autonomie für ihre im Norden gelegenen Stammesgebiete fordern und der sunnitischen Regierung mit Segregation drohen, sollte ihrem Ansinnen nicht entsprochen werden.[5]

Libyen ist zweifellos ein zerfallener Staat. Zahlreiche marodierende Banden, bewaffnet mit effektiven Mitteln aus den Arsenalen des verblichenen Autokraten-Schauspielers Muammar-al-Ghaddafi, bekämpfen einander gegenseitig und finanzieren ihre Kämpfe durch Erträge aus eroberten Ölfeldern und Raffinerien. Der wichtigste Flughafen des Landes in Tripolis wurde von Marodeuren erobert[6] und samt den dort geparkten Flugzeugen zerstört.

In Syrien tobt seit 2011 ein Bürgerkrieg, bei dem ein Teilnehmer permanent mitmischt: die syrische Armee. Die Truppen des gelernten Augenarztes Assad setzten Giftgas und Fassbomben gegen dessen Untertanen ein, sie riegelten Stadtviertel ab, in denen sie Aufständische vermuteten oder vorgaben, das zu tun, und ließen die darin gefangenen Menschen mitleidlos verdursten und verhungern. Die anderen Kriegsteilnehmer unterliegen demgegenüber einem Wandel: Waren sie, zumindest nach westlicher Wunsch-Lesart, zuerst demokratisch orientiert, setzten sich in den letzten Monaten zunehmend die „Steinzeit-Islamisten“[7] der IS durch, die ein Kalifat errichten wollen und zu diesem Behuf sich bereits weite Teile des syrischen Staatsgebiets[8] unter die ungereinigten Nägel gerissen haben.

Die Interessen

Wie ist zu erklären, dass eine Vielzahl nordafrikanischer und vorderasiatischer Staaten, die jahrzehntelang wenn nicht prosperierend, so doch relativ stabil waren, in der irritierenden Unordnung „moderner“ Kriege, die mit den Regeln der Genfer Konventionen nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben, versinken können? Welche Kräfte haben die Menschen in diesen Ländern in diesen Strudel getrieben?

Wir wollen versuchen, verschiedene Triebfedern zu benennen, ohne den Anspruch zu erheben, ein befriedigendes Gesamtbild zu zeichnen.

Vor Politik, sogar vor Wirtschaft, muss hier Religion genannt werden.[9]

Sunniten und Schiiten, die beiden „Konfessionen“ des Islam, bekämpfen einander härter als Katholiken und Protestanten während des Dreißigjährigen Krieges[10]. Wie im Dreißigjährigen Krieg so auch heute ist den Machthabern die Religion an sich vermutlich gleichgültig, nicht gleichgültig ist ihnen ohne Zweifel aber ihre Machtposition, und die ist von der Konfession nicht zu trennen.

Wer also gegen wen?

„Ultra-Sunniten“ sind der Emir von Katar[11] und das wahabitische Königshaus Saudi Arabiens. Beide Herrscherhäuser schwimmen im Ölgeld und haben diese Ressource freigiebig benutzt, um alle Organisationen und Milizen zu finanzieren, die vorgeben, sunnitische Werte zu vertreten, also vor allem al Kaida und ISIS/IS. Beide scheinen indes eigene Ziele zu verfolgen, vor allem die IS könnte zu einer ernsthaften Bedrohung ihrer Geldgeber werden[12].

Der syrische Bomben-Herrscher Assad ist Alevit und damit Schiit. Folgerichtig wird er vom schiitischen Kernland Iran und auch von der lyrischen Hisbollah unterstützt.

Der Irak, unter Saddam Hussein noch mit dem Iran um die regionale und damit die religiöse Vorherrschaft kämpfend, ist nach dem Abzug der US-Truppen[13] wieder zum Kriegsschauplatz und zum Spielball von Interessen geworden; die IS hat große Teile des Staatsgebietes erobert.

Allen Kriegsparteien stehen Waffen nahezu nach Belieben zur Verfügung: Die USA wie auch Russland waren in der Vergangenheit nicht knauserig mit der Unterstützung ihrer „Verbündeten“, und geben (Öl-)Geld lässt sich alles kaufen.

Erklärungsversuche

Wäre die „westliche“ Welt wie noch in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf das Öl aus dem Nahen Osten auf Gedeih und Verderb angewiesen, der US-Präsident Obama hätte einen Leibeswind auf die „Würde eines Straßenverkäufers in Tunesien“ gegeben.

Die ethisch verkleidete Äußerung lässt die Hoffnung auf Business anklingen, denn die Ablösung der amerikanischen Kolonien vom britischen Mutterland (No taxation without representation) lässt mehr Geld im Land.

Die „westliche Welt“ dachte/denkt, dass die weltweite Übernahme westlich-kapitalistischer Geschäftsmodelle auch die Übernahme westlicher Politikmodelle impliziert. Das erweist sich als Irrtum.

Orientierungslosigkeit, Verzweiflung, Abenteuerlust, Gier, Machtstreben, Fanatismus, vielleicht sogar Gottesfurcht junger Männer sind auch im 21.Jahrhundert stark genug, um mit Hilfe von hinreichend AK-47 und Toyota Hilux Imperien ins Wanken zu bringen.

Menschen denken zu kurz(fristig).

Ich weiß ja auch nicht[14].

Fazit

1529 und 1683 standen die Türken vor Wien.

  1. Das fehlende Komma wurde von der Sekretärin eingefügt. Die Sekretärin
  2. zitiert nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Arabischer_Frühling. Zugriff am 14.8.14, 23.46h
  3. Israel, die Westbank und der Gazastreifen werden hier nicht berücksichtigt. Die Materie ist auch ohne Betrachtung dieses speziellen Komplexes kompliziert genug.
  4. Stand: 21.8.2014
  5. Im Zweifelsfall werden sie sich aber mit einer Steuersenkung oder ähnlichem zufriedengeben; das Imponiergehabe jemenitischer Stammeskrieger ist sattsam bekannt.
  6. am 24.8.2014
  7. So bezeichnen selbst seriöse Pressorgane wie die „Süddeutsche Zeitung“ die weiland ISIS, jetzt IS = Islamischer Staat.
  8. Und auch des irakischen Staatsgebiets, aber auch dieses Problem lassen wir im mittleren Osten liegen, es würde uns zu weit führen.
  9. Selbstverständlich widerstrebt uns diese Reihenfolge zutiefst, aber rationale Bären denken anders als irrationale Menschen. Es gibt keine Göttin außer Tussi!
  10. Der Dreißigjährige Krieg dauerte von 1618 bis 1648 und wurde vor allem in Mitteleuropa ausgetragen. Da ich weiß, dass der Geschichtsunterricht in der Schule heutzutage in den Gehirnen der Schüler nur geringe Spuren hinterlässt, nehme ich mir die Freiheit, diese Information einzufügen. Die Sekretärin
  11. Pikanterweise soll im Emirat Katar 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden, was wegen des Klimas, aber auch aus politischen Gründen problematisch werden könnte.
  12. Schon Goethes Zauberlehrling muss zugeben:„die Geister, die ich rief,die werd’ ich nicht mehr los!“
  13. Von 2003 bis 2011 führten die USA unter anderem im Irak ihren „War against Terrorism“, nach acht Jahren zogen sie ihre erfolglosen Truppen ab.
  14. Das hat der Chef noch nie gesagt. Die Sekretärin

 

Kulles kurzer Krisen-Kurs

Kulles grundlegende, leicht verständliche Erklärung der gegenwärtigen menschlichen Wirtschaftskrise, nicht nur für Bären, sondern für alle Wesen von ein wenig geringem Verstand, in wenigen Paragraphen

PD Kulle

§1 Alle Lebewesen haben Bedürfnisse. Der Mensch gehört zu den Lebewesen, hat also ebenfalls Bedürfnisse. Die Grundbedürfnisse eines jeden Lebewesens müssen befriedigt werden, sonst stirbt es vor dem Ende seiner möglichen Lebenszeit.

§2 Die meisten Lebewesen sorgen selbst für die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse. Auch der Mensch hat das einst getan. Dann aber begann er, sich kräftig zu vermehren, und er musste sich den Lebensraum mit anderen Menschen teilen. Er begann auch, sich die Arbeit zu teilen: Er spezialisierte sich auf bestimmte Fertigkeiten. Einer backte zum Beispiel Brot, während der andere Tontöpfe herstellte, in denen man Suppe kochen konnte.

§3 Der Mensch, der Hunger auf Suppe hatte, ging zum Töpfer, der Töpfer, der Brot wollte, verhandelte mit dem Bäcker: Wie viele Brote sind ein Topf?

§4 Oft fand der Töpfer keinen Bäcker und der Bäcker keinen Töpfer. Es war viel praktischer, sich auf ein Produkt zu einigen, das alle Hersteller als Gegenleistung für ihr Angebot akzeptierten und mit dem man selbst alles erwerben konnte, was man brauchte. Schafe zum Beispiel, oder Hühner, Ziegen, Schweine: Fast jeder hatte ein Tier in seinem Hof. Oder Salz: Salz war ein kostbares Gut, und es ließ sich leicht in kleine Einheiten teilen.

§5 Tiere müssen gefüttert werden, sonst sind sie nichts mehr wert, Salz löst sich auf, wenn es mit Wasser in Berührung kommt: Der Mensch suchte nach einem dauerhafteren Gegenstand, gegen den man alles tauschen konnte. Er fand ihn in Gestalt von Gold, Silber und Kupfer, die er in reiner Form oder als Erz aus der Erde holte. Edelmetalle wurden allgemeine Tauschmittel, man prägte Münzen daraus und nannte sie Geld, und wer das Geld mit billigem Blei fälschte, wurde mit dem Tode bestraft, denn das Geld hatte einen Wert, und auf den sollte sich jeder Mensch verlassen können. Nur die Könige betrogen nach Herzenslust und kamen mit dem Leben davon, aber das war bei Königen ja schon immer so.

Das Verfahren wurde Jahrtausende lang angewendet, und in diesen Jahrtausenden wurden Reiche gegründet und gingen Reiche unter, und die Menschen verwandelten die Erde in einen Menschenplaneten, und sie gewannen Kenntnisse, aber nicht viel an Erkenntnis, was sich daran festmachen lässt, dass sie immer brutalere Kriege gegeneinander führten.

§6 In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts führte der große Staat USA einen brutalen und teuren Krieg gegen das Volk des kleinen Staates Vietnam. Für diesen Krieg brauchten die USA mehr Geld, als sie Edelmetalle hatten. Die Regierung zog daraus aber nicht die logische Konsequenz, den Krieg zu beenden, sondern erklärte ihren eigenen Bürgern und allen anderen Menschen, dass der Wert des Geldes der USA ab 1971 nicht mehr durch Edelmetalle gesichert sei. Die Regierungen der anderen Staaten fanden das praktisch und machten es den USA nach. Mit dem wertlosen Geld der verschiedenen Staaten begann an neu eingerichteten Devisenbörsen ein lebhafter Handel.

§7 Eine wahre Geldexplosion setzte ein: Die Zentralbanken der Staaten druckten freudig immer mehr Geldscheine. Die Geschäftsbanken drängten ihren Kunden Kredite auf, um durch die Rückzahlung der Schulden selbst mehr Geld zur Verfügung zu haben. Die Investmentbanken, die eigentlich außer sich selbst keine Kunden haben und denen es nur darum geht, aus Geld sehr viel mehr Geld zu machen, erfanden dafür immer neue Glücksspiele, die sie als „Handel mit Derivaten“ bezeichneten.

§8 Nicht nur die Kunden der Geschäftsbanken gaben Geld aus, das sie nicht hatten. Die Regierungen der Staaten handelten ebenso und häuften im Lauf der Jahre einen gigantischen Schuldenberg auf die Schultern ihrer Bürger.

§9 Seit das Geld der Menschen keinen objektiven Wert mehr hat, hat es nur noch einen subjektiven. Wenn die Menschen glauben, dass es sich lohnt, viel davon zu besitzen, kaufen sie mehr davon: Die Nachfrage steigt, und mit der Nachfrage steigt der Preis. Wenn sie am Wert des Geldes zweifeln, verkaufen sie es: Die Nachfrage bricht ein, und ohne Nachfrage fällt der Preis in den Keller.

§10 Als deutlich wurde, dass die mittellosen Kunden der Geschäftsbanken ihre ihnen aufgedrängten Kredite nie würden zurückzahlen können und dass die Glücksspiele der Investmentbanken nichts anderes sein konnten als ein Nullsummenspiel, verkauften die Menschen ihre Beteiligungen an den Banken. Die Banken waren bankrott.

§11 Die Banken durften aber nicht bankrott sein, beschlossen die Regierungen. Wenn es die Banken nicht mehr gab, bei wem sollten sie selbst künftig Schulden machen, um ihre Bürger bei Laune zu halten und die nächsten Wahlen zu gewinnen? Außerdem wussten die Regierungen, dass viele Bürger ihr erspartes Geld den Banken anvertraut hatten. Diese Einlagen durften nicht verloren sein, wollte man den sozialen Frieden bewahren.

§12 Die Regierungen retteten also ihre Banken und andere Regierungen, die noch mehr Schulden gemacht hatten als sie selbst. Weil es an Geld mangelte, senkten sie die Zinsen und ließen neues Geld drucken.

Das Vertrauen der Menschen in den Wert des Geldes nahm wieder zu. Sie wollten mehr davon haben.

Das letzte Wort soll mein geschätzter Kollege Paul Sweezy haben:

„Wir sehen nun genau wieso, obwohl jeder die zunehmend abscheulicheren Exzesse der finanziellen Explosion bedauert, nichts passiert – oder gar ernsthaft vorgeschlagen wird – um sie unter Kontrolle zu bringen. Das Gegenteil ist der Fall: Jedes Mal, wenn eine Katastrophe droht, springen die Autoritäten bei, um das Feuer zu löschen – und verschütten während dessen noch mehr Benzin für das nächste Auflodern der Flammen. Der Grund hierfür ist einfach der, dass, wenn die Explosion unter Kontrolle gebracht würde… die gesamte Ökonomie ins Chaos stürzte. Die Metapher von dem Mann, der einen Tiger reitet, trifft diesen Prozess haargenau.“

Kulle über „right2water“

Kulle

DLF: Kulle, was sagen Sie zum Erfolg der EU-weiten Initiative „right2water“?

Kulle: Was ist los?

DLF: Kulle, hier ist der Dehlandfunk! Sie haben uns gestern ein Telefoninterview um 7.20 Uhr zu diesem Thema zugesagt!

Kulle: Habe ich das? Ich muss außer mir gewesen sein. Ein Bär, der etwas auf sich hält, gibt kein Bettkanteninterview – abgesehen davon, dass ein Bär, der etwas auf sich hält, nicht in einem Bett schläft. Aber jetzt bin ich sowieso wach – worum geht es, sagen Sie?

DLF: Es geht um die Initiative „right2water“. In Dehland haben inzwischen eine Million Menschen sich mit ihrer Unterschrift dafür eingesetzt, dass Wasser ein Menschenrecht ist und deshalb nicht durch private Anbieter verkauft werden darf. Die Wasserversorgung muss durch die öffentliche Hand erfolgen, fordern sie.

Kulle: Dass ich nicht kichere!

DLF: Sie irritieren mich! Worüber müssen Sie kichern?

Kulle: Immer wieder darüber, dass die Menschen nicht merken, was sie anrichten, aber sich ex post darüber empören, was sie angerichtet haben. Aber lassen Sie uns so früh am Morgen nicht grundsätzlich werden – es ist 7.21 Uhr.

DLF: Was haben die Menschen denn angerichtet?

Kulle: Sie werden also doch grundsätzlich. Die Menschen haben alles angerichtet.

DLF: Können Sie das differenzieren?

Kulle: Natürlich. –

DLF: Tun Sie es bitte auch?

Kulle: Guter Mensch, es ist jetzt 7.22 Uhr. In acht Minuten laufen auf Ihrem Sender die Nachrichten, das ist ehernes Gesetz. Um 7.29 Uhr würgen Sie jeden Interviewpartner ab, auch wenn er Ihr persönlicher Gott wäre. Soll ich Ihnen in sieben Minuten die Welt erklären?

DLF: Inzwischen sind es nur noch sechs Minuten. Aber Sie können das.

Kulle: Vielen Dank für Ihr Vertrauen. – – – – – –

DLF: Kulle?

Kulle: Keine Sorge, ich bin noch da. Ich brauchte nur eine Minute, um mir zu überlegen, wie ich die Welt in fünf Minuten strukturiert und schlüssig erklären kann.

Es geht los.

Wir leben im Anthropozän. Das bedeutet, dass die Menschen den Planeten Erde nach ihrer Maßgabe verändert haben, und auch, dass sie glauben, bestimmen zu können, wie „richtiges“ Leben auszusehen hat.

Von nur wenigen Ausnahmen abgesehen, ist es seit sehr kurzer Zeit überwiegender menschlicher Konsens, dass das Wirtschaftsleben am besten kapitalistisch organisiert wird.

Wie auch immer die Menschen ihr ökonomisches Leben im Lauf der Zeit organisiert haben, es war gekennzeichnet durch Mangel, und der Mangel führte – und führt -– immer wieder zu Gewalt.

Es ist gerade 200 Jahre her, dass mit der ersten Formulierung von Menschenrechten versucht wurde, dieser Gewalt Grenzen zu setzen. Man forderte Freiheit, das Streben nach Glück, körperliche Unversehrtheit. Genau betrachtet forderte man Rechte, die Schutz vor Extremsituationen gewähren sollten: vor Versklavung, Fremdbestimmung, Körperverletzung und Schlimmerem.

Es ist erstaunlich, dass wesentliche tierische – und damit menschliche – Grundbedürfnisse in diesem Katalog der französischen Revolution und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nicht auftauchen.

Wo sind das Recht auf Nahrung? Das Recht auf atembare Luft? Das Recht auf schützenden Wohnraum? Das Recht auf Fortpflanzung?

Es gibt sie nicht, und das hat gute Gründe: Gäbe es sie, könnte niemand mit ihrer Bereitstellung Profit erwirtschaften.

Wer regt sich darüber auf, dass Brot bezahlt werden muss? Dass für eine Wohnung Miete entrichtet werden muss? Wer sagt schon: ,La propriété, c’est le vol‘ (Eigentum ist Diebstahl), außer dem ehrenwerten Jacques Pierre Brissot, dem Proudhon, der auch kein Eigentum akzeptierte, später den Spruch geklaut hat?

Wie spät ist es eigentlich?

DLF: 7.28 Uhr.

Kulle: Das reicht.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts merkt die Menschheit allmählich, dass sie die Erde versaut hat. Auch Wasser, das Grundnahrungsmittel schlechthin, ist knapp geworden und wird noch knapper werden. Aber kann jemand, der den Kapitalismus für die beste aller Wirtschaftsformen hält, sich glaubhaft darüber aufregen, dass Konzerne mit schönen Namen wie ,Veolia‘ das tun, was alle Konzerne wollen, nämlich Geld verdienen? Dass sich Konzerne den Teufel darum scheren, ob ihr Produkt etwas taugt, wenn nur die Bilanz stimmt?

Ich schätze, es ist jetzt 7.29 Uhr.

Ich komme also zum Schluss.

Eine Initiative wie „right2water“ mag in entwickelten Industriestaaten Erfolg haben, für eine Weile jedenfalls. Im größten Teil der Welt dagegen bestimmen private lokale Wasserversorger und Konzerne wie Nestlé den Markt, die schlichtes H2O unter Namen wie ,Purelife‘ teuer feilhalten.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Menschen für ihre Atemluft werden zahlen müssen.

DLF: Kulle, wir danken Ihnen für das Interview. Es ist gleich 7.30 Uhr. In wenigen Sekunden folgen die Nachrichten…

Mali oder die Ironie der Geschichte

“Onkel Kulle?”

Kulle

Es war ein klarer Wintertag in Bärenleben, Kulle fror in seinem braunen Pelz, denn er studierte lieber, als sich der Winterruhe in der gemütlichen Höhle hinzugeben. Na und Nuk, die Eisbärenzwillingsschwestern, lebten dagegen bei solchen Temperaturen auf – ihretwegen hätte es ruhig noch deutlich kälter sein können.

Kulle

“Onkel Kulle, dürfen wir Dich was fragen?”

Natürlich durften sie. Kulle tat nichts lieber, als Fragen zu beantworten. Je schwieriger, desto besser.

“Onkel Kulle, wir haben im Internet und in der Zeitung gelesen, dass die französische Armee in Mali einmarschiert ist. Weil da islamistische Fundamentalisten oder so den Menschen verboten haben zu singen. Oder so. Und wir verstehen das alles nicht.”

“Wisst ihr, wo und was Mali ist?”

“Ja.”

“Wisst Ihr auch, was islamistische Fundamentalisten sind?”

“Nicht so richtig.”

“Hat Atti Euch genug über Rohstoffe und Ökonomie beigebracht, so dass Ihr Euch fit fühlt?”

“Tante Atti hat uns ordentlich getriezt.”

“Und wie alt seid Ihr jetzt?”

“Wir haben nicht gezählt, ehrlich gesagt. Fünf. mindestens.”

“Gut. Dann ist es jetzt Zeit, dass Ihr etwas über Mali lernt. Und dass Ihr lernt, gegen den Strich zu denken.”

“Das zweite verstehen wir nicht, Onkel Kulle. Tante Atti hat uns nur gesagt, dass wir nicht auf den Strich gehen sollen. Denken hat sie in diesem Zusammenhang nicht erwähnt.”

Gute alte Athabasca, dachte Kulle. Auf welchen Strich sollten junge Eisbärinnen in Dehland schon gehen?

“Ilam. Lami. Mila”, sagte Kulle.

“Hä?” machte Na.

“Hier zeigt sich wieder die intellektuelle Überlegenheit der Erstgeborenen!” freute sich Nuk und reckte ihre Nase in die Luft. “Das sind alles Anagramme für ,Mali‘.”

“Stimmt!” sagte Kulle. “Wer Anagramme knacken kann, der kann vorwärts und rückwärts denken, der fällt nicht auf eine falsche Reihenfolge rein und kann auch Lügen erkennen. Der kann gegen den Strich denken. Wer das kann, erkennt auch Ironie, denn Ironie arbeitet mit Falschaussagen. Ironie verkehrt Fakten in ihr Gegenteil. Das ist bestimmt neu für Euch, oder?”

“Es ist neu, Onkel Kulle.” Auch Nuk war jetzt recht kleinlaut. “Und – ist das nicht schrecklich schwer?”

Kulle schob die beiden Kinder in die Richtung der Schlafhöhle, machte selbst einen kurzen Umweg zur Küche, folgte dann und suchte ihnen allen dort ein gemütliches Eckchen. “Wird schon werden,” sagte er.

Nanuk waren begeistert über die Haselnüsse mit Fischgeschmack, die Kulle mitgebracht hatte, und erzählten beim Knabbern bereitwillig, was sie wussten.

“Und welche Regierung hat Mali?” erkundigte sich Kulle, nachdem ihnen die Puste ausgegangen war.

“Vor einem Jahr gab es einen Militärputsch. Mali ist eine Militärdiktatur.”

“Also ist die französische Armee in Mali einmarschiert, um eine Diktatur zu verteidigen?”

“Onkel Kulle, jetzt spinnst Du aber. Das kann doch nicht sein, dass…” Na hielt sich die Pfote vor den Mund, erschrocken über ihre Unhöflichkeit dem Älteren gegenüber. In Bärenleben gab man viel auf das Senioritätsprinzip.

Kulle zeigte keine Reaktion, er wartete einfach ab. Na schielte hilfesuchend zu Nuk. Aber ihre “große” Schwester ließ sie, wie so häufig, auflaufen.

Cool sagte sie: “Das kann vielleicht doch sein. Wenn die Fundamentalisten noch viel schlimmer sind als die Diktatoren.”

“Sie sind wahrscheinlich wirklich viel schlimmer”, kommentierte Kulle. “Sie haben nicht nur Musik, Tanzen und Rauchen verboten, sie verbieten allen Frauen alles, außer ihrem Mann zu gehorchen. Aber brutale Gewalt gibt es in vielen Weltgegenden, und die französische Armee lässt das genauso kalt wie die dehländische Regierung. Die hilft den Franzosen nämlich. Warum also gerade Mali?”

Na und Nuk zermalmten geräuschvoll die letzten beiden Haselnüsse. Kulle gönnte sie ihnen gerne – er bevorzugte andere Geschmacksrichtungen. Danach wurde es sehr still.

“Rohstoffe?” Kulle gab ein Stichwort.

“Na klar, Uran!” Das kam wie aus der Pistole geschossen von beiden. “Frankreich fördert Uran im Niger, das ist gleich nebenan. Frankreich lebt von Strom aus 58 Atomreaktoren, und Frankreich ist Nuklearmacht.” Nas genauere Erklärung sollte ihren Fauxpas vergessen machen.

“Gut!” lobte Kulle. “Das ist die Antwort auf die Frage nach dem ,Warum‘ des Einmarsches. Ein anderes ,Warum‘ gibt es aber auch noch: Warum sind die Fundamentalisten so gut bewaffnet, dass sie den hochgerüsteten Franzosen tatsächlich Mühe bereiten? Das steht zwar auch in den Zeitungen, aber nur in den besseren. Soll ich‘s Euch erklären?”

“Ja, bitte!” Anders als Menschenkinder konnte die Jugend in Bärenleben nie genug vom Lernen bekommen.

“Algerien liegt im Norden Malis, das wisst Ihr ja. Der Staat östlich von Algerien ist Libyen. Die Grenzen stehen in der menschenleeren Sahara weitgehend auf dem Papier. Man kann sich in dieser Wüste frei bewegen, wenn man dafür ausgerüstet ist.

Im Oktober 2011 wurde in Libyen der Diktator Muammar-el-Gaddafi gestürzt und getötet. Um seine Herrschaft zu festigen, hatte er ein riesiges Waffenarsenal angehäuft. Viele der Nomaden in seinem Land, die Tuareg, bezahlte er, damit sie für ihn kämpften. Als Gaddafi tot war, bekamen sie kein Geld mehr, aber sie wussten, wo die Waffen waren, und sie nahmen sie. Sie gingen dahin, wo man mit Kämpfen auch weiterhin überleben konnte. Zum Beispiel in Mali.

Es gibt in den nordafrikanischen Staaten auch noch andere gut organisierte Krieger, Krieger für den Islam, wie sie behaupten. Und es gibt Staaten im Nahen Osten, deren Regierungen wollen, dass der Islam siegt. Sie wollen einen Islam, der nur die eigene Religion gelten lässt und alles andere verfolgt. So ein Staat ist Saudi-Arabien. Saudi-Arabien unterstützt die Kämpfer für den Islam in Nordafrika mit Waffen.”

“Aber mit Saudi-Arabien ist Dehland doch befreundet!” Na konnte ihren Mund schon wieder nicht halten.

Diesmal nickte Kulle anerkennend. “Du hast gut aufgepasst! Dehland ist mit Saudi-Arabien so gut befreundet, dass es dem Land viele Waffen verkauft hat – Waffen im Wert von 30 Millionen Euro. Riad möchte noch viel mehr Produkte der dehländischen Rüstungsindustrie, vor allem Panzer.”

“Heißt das etwa…” Nuk unterbrach sich selbst. “Nein, das kann nicht sein!”

“Man soll auf dieser Welt nie etwas ausschließen, wenn es um Menschen geht”, kommentierte Kulle.

“Heißt das etwa, dass die französischen und vielleicht auch bald die dehländischen Soldaten gegen Islamisten kämpfen, die Waffen haben, die Dehland verkauft hat?”

“Genau das heißt es.”

“Das ist aber komisch!”

“Ja, komisch ist es schon, aber – könnt Ihr darüber lachen?”

“Natürlich nicht, Onkel Kulle!”

“Recht habt Ihr: natürlich nicht. Aber eine erste Annäherung an Ironie ist Euch gelungen: Das, was Dehland erwartet hat, nämlich dass die Saudis mit ihren dehländischen Waffen auf Sanddünen schießen oder Löcher bohren, um ihr Öl zu fördern, oder zumindest die bösen Iraner bekämpfen, ist nicht eingetreten. Stattdessen – aber das wisst Ihr ja jetzt. Das nennt man Ironie der Welt oder Ironie der Geschichte.”

“Das ist aber schwierig, Onkel Kulle!”

“Stimmt! Aber Ihr seid kluge Mädchen, Ihr seid erst fünf oder sechs Jahre – Menschenkinder verstehen Ironie erst, wenn sie doppelt so alt sind. – Und jetzt singen wir ein Lied, wenn Ihr mögt, sozusagen gegen die Islamisten, die das Singen verbieten wollen. Habt Ihr Lust?

“Au ja!”

“Schön, sagte Kulle, zückte sein Smartphone und spielte ihnen den Song vor.

He is five foot two,

And he’s six feet four,

He fights with missiles and with spears,

He’s all of thirty-one,

And he’s only seventeen,

He’s been a soldier for a thousand years.

 

He’s a Catholic, a Hindu,

An atheist, a Jain,

A Budhist, and a Baptist and a Jew,

And he knows, he shouldn’t kill,

And he knows, he always will,

Killing for me, my friend, and me for you.

 

And he’s fighting for Canada,

He’s fighting for France,

He’s fighting for the USA

And he’s fighting for the Russians,

He’s fighting for Japan,

And he thinks we’ll put an end to war this way.

 

And he’s fighting for democracy,

He’s fighting for the Reds,

He says it’s for the peace of all,

He’s the one who must decide,

Who’s to live and who’s to die,

And he never sees the writing on the wall.

 

But without him, how would Hitler

Have condemned him at Lw’ow,

Without him Cesar would have stood alone,

He’s the one, who gives his body

As a weapon of the war,

And without him all this killing can’t go on.

 

He’s the universal soldier,

And he really is to blame,

His orders come from far away, no more,

They come from here and there,

And you and me and brothers,

Can’t you see,

This is not the way we put the end to war.

 

“Das ist aber ein trauriges Lied, Onkel Kulle”, sagte Nanuk.

“Das ist es!” bestätigte Kulle.

Anmerkungen zur Demokratie

von PD Kulle

PD Kulle

Inhalt

  1. Vorbemerkung
  2. Mögliche sinnvolle gesellschaftliche Regelwerke
  3. Die identitäre Gesellschaft
  4. Die Untertanengesellschaft
  5. Die Gesellschaft konkurrierender Interessen
  6. Einige Überlegungen zur Geschichte der Demokratie
  7. Die athenische Demokratie
  8. Die römische Republik
  9. Die repräsentative Demokratie
  10. Einige Überlegungen zur Zukunft der Demokratie
  11. Conclusio

1. Vorbemerkung

Lebewesen in einer Gemeinschaft bedürfen einer Ordnung, welcher auch immer.

Wir werden im Folgenden dieses Problem im Rahmen der Fauna, insbesondere in Bezug auf Homo sapiens sapiens betrachten.

Staatenbildende Insekten lösen diese Aufgabe auf eine scheinbar einfache Weise, nämlich genetisch und durch unterschiedliche Nahrungsbedingungen: In einem Bienenvolk zum Beispiel ist klar, wer Drohne, wer Königin und wer Arbeiterin wird, wer also welche Aufgabe zu übernehmen hat und wer mit welcher Lebenserwartung zu rechnen hat. Keine der Bienen denkt über ihre Rolle nach.

Bei Lebewesen, die zur permanenten Ich-Wahrnehmung und damit potenziell zur Rollenambiguität fähig sind, eröffnen sich dagegen vielerlei Möglichkeiten, sich zu organisieren.

Sprechen wir über den Menschen.

Das Faustrecht etwa stellt eine Ordnung dar, wenn auch eine der Ordnung der unökonomischen Unordnung; es führt dazu, dass das Leben der menschlichen Individuen in einer solchen Gemeinschaft oft endet, bevor sie in der Lage waren, sich fortzupflanzen und ihre Arbeitskraft gesellschaftlich sinnvoll nutzbar zu machen.

Um das lang- oder zumindest mittelfristige Überleben einer Ansammlung potenzieller Individuen zu ermöglichen, braucht eine Gesellschaft bessere Regeln.

2. Mögliche sinnvolle gesellschaftliche Regelwerke

Auf der Basis einer prinzipiellen Entscheidung, die häufig, wie so viele wichtige andere Entscheidungen auch, “ dem Rücken der Menschen“ getroffen wird 1, können zwei antagonistische Organisationsformen entstehen: Die Gesellschaftsglieder nehmen die Gestaltung ihres Gemeinwesens selbst in die Hand, oder sie delegieren sie für eine unbeschränkte oder für begrenzte Zeit.

3. Die identitäre Gesellschaft

Wir nennen eine egalitäre Gesellschaft identitär, in der die Individuen aus wohl verstandenem Egoismus das Wohl des Gemeinwesens über ihr eigenes Wollen stellen. Es versteht sich, dass es sich insofern um eine kommunistische Gesellschaft handelt, als die Eigentumsverhältnisse aller von ähnlicher Natur sind 2. Nennenswerte Besitzunterschiede generieren Interessensunterschiede, Egozentrismen gewinnen die Oberhand.

4. Die Untertanengesellschaft

In der Untertanengesellschaft existieren mindestens zwei Klassen, Kasten, Stände – die Nomenklatur ist beliebig. Von der gesellschaftlich notwendigen Arbeit der Masse der geknechteten Untertanen lebt die parasitäre Schicht, wobei der herrschende Apparat sich gegenüber den Beherrschten in einem Individuum wie etwa einem (Erb-)Monarchen oder einem Diktator inkarnieren, aber auch als Organisation auftreten kann 3.

5. Die Gesellschaft konkurrierender Interessen

In einer solchen Gesellschaft existieren sehr unterschiedliche Besitzverhältnisse. Andererseits herrscht Rechtsgleichheit, wenn nicht für alle, dann zumindest für eine relevante Gruppe der Mitglieder der Gemeinschaft. Aufgrund der Prämisse der Rechtsgleichheit wird es ermöglicht, einzelnen Gruppen für eine festgesetzte Zeit den Auftrag zu erteilen, das Gemeinwesen auszugestalten. In der Regel wird dieser Auftrag erteilt, indem von der Gesellschaft dazu Berechtigte Repräsentanten wählen 4.

Homo sapiens sapiens bezeichnet diese politische Organisationsform als Demokratie 5.

6. Einige Überlegungen zur Geschichte der Demokratie

Gemessen an der Dauer der Existenz menschlicher Gesellschaften ist die Demokratie eine Erscheinung des letzten Augenblicks 6. Die sogenannten ersten Hochkulturen in Asien und Afrika kannten dergleichen nicht, erst in den griechischen Poleis 7 finden sich Ansätze dazu.

7. Die athenische Demokratie

Zentrales Element der Demokratie in Athen war die Volksversammlung, die um 480 v.u.Z. aus ca. 30000 Vollbürgern bestand 8. Sie tagte 40 Mal im Jahr, fällte alle Entscheidungen und stellte das oberste Gericht. Nahezu alle politischen Ämter wurden ausgelost, die Amtsdauer betrug nur ein Jahr.

8. Die römische Republik

Um 133 v.u.Z. bildeten 300.000 Patrizier und Plebejer die Volksversammlung 9. Anders als in Athen verboten sich angesichts dieser Zahl Diskussionen. Die Rolle der Beamten war wesentlich gewichtiger als in Athen, die Möglichkeit des Machtmissbrauchs schon in der Verfassung festgeschrieben: Bei Gefahr für den Staat konnte für sechs Monate ein Diktator mit unbeschränkten Vollmachten berufen werden, der ein Heer aufstellte und niemandem Rechenschaft schuldig war 10.

9. Die repräsentative Demokratie

“Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ 11

Das ist der Kernsatz der parlamentarischen Demokratie und zugleich die Bankrotterklärung der Volksherrschaft. Die Rolle des “Souveräns“ 12
in dieser politischen Organisationsform reduziert sich nämlich in der Regel darauf, in regelmäßigen Abständen die Katze 13 im Sack zu wählen: Einzelkandidaten und/oder politische Parteien, die nach der Wahl ihre politischen Sachentscheidungen nach eigenem Gusto treffen, ohne sich an Positionen halten zu müssen, die sie ggf. vor der Wahl eingenommen haben.

10. Einige Überlegungen zur Zukunft der Demokratie

Ist die Demokratie, gerade einmal zweitausendfünfhundert Jahre alt, zukunftsfähig, noch zeitgemäß oder bereits überholt?

  • Wie die Verfechter aller verschiedenen politischen Organisationsformen gehen auch die Demokratietheoretiker davon aus, dass ein Primat der Politik existiert. Angesichts der Dominanz der “Märkte“ 14 und der zunehmenden Bedeutung supranationaler Organisationen ist das zweifelhaft. Zwar lässt sich Demokratie prinzipiell auch in nach Milliarden zählenden Menschenagglomerationen organisieren, die Idee der politischen Repräsentanz wird dabei allerdings ad absurdum geführt.
  • Politische Entscheidungen in einer Untertanengesellschaft können schnell gefällt werden, demokratische Weichenstellungen bedürfen der Muße, die in Anbetracht der Informationsüberflutung, der permanenten Kommunikation und nicht zuletzt wegen des Drucks der “Märkte“ selten gegeben ist.
  • In einer ständig an Komplexität zunehmenden Menschenwelt setzen sinnvolleEntscheidungen 15 Kenntnisse und Kompetenzen voraus, über die nur wenige Spezialisten verfügen. Immer häufiger wird deshalb die Richtlinienkompenz der Politik de facto Lobbyisten oder nicht demokratisch legitimierten Kommissionen überlassen.
  • Die am häufigsten praktizierte repräsentative Demokratie hangelt sich kurzatmig von Wahltermin zu Wahltermin. Unpopuläre, wenn auch objektiv notwendige Maßnahmen unterbleiben, um die Gunst der Wähler nicht zu verlieren. Es erscheint deshalb unwahrscheinlich, dass demokratisch verfasste Gesellschaften mit der unzweifelhaft stattfindenden Klimakatastrophe werden umgehen können. Die Verwerfungen, die die Klimaveränderung mit sich bringt, werden so groß sein, dass Demokratie und Rechtsstaat in den Hintergrund gedrängt werden, vielleicht gar in Vergessenheit geraten.
  • Es gibt scheinbar überzeugende Gegenmodelle zur Demokratie, zum Beispiel die autoritär regierte, aber wirtschaftlich prosperierende Volksrepublik China 16. Der weltweit zumindest offiziell 17 die Demokratie auf dem Silbertablett vor sich her tragende Staat, die Supermacht USA, ist dagegen eifrig damit befasst, sich abzuschaffen.

11. Conclusio

Vielleicht hat der Mensch Winston Churchill Recht, wenn er sagt:

„Democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time.“ 18

Wir Bären bezweifeln aus den oben genannten Gründen, dass diese Politikform Zukunftschancen hat.

Also bleibt auch hier nur:

Phhhhhhhhhfffffffffftttttt!


Fußnoten:

    1. vgl. das umfangreiche Werk von Karl Marx
    2. Genaueres findet der interessierte Leser bei Jean-Jacques Rousseau im „Contrat social“. Da ein Gemeinwesen, in dem die „volonté générale“ alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entscheidungen bestimmt, zwar eine tatsächliche Volksherrschaft konstituiert, in der historischen Realität aber bisher nicht aufgetreten ist, bleibt sie im folgenden Abriss unberücksichtigt.
    3. Dass die Kommunistische Partei der Sowjetunion nicht die Partei des in diesem Staat herrschenden Proletariats war, sondern die Partei der Herrschaft der führenden Clique über das Proletariat, kann leider nicht bestritten werden.
    4. Wir verzichten hier darauf, auf spezielle Charakteristika der direkten Demokratie und der Rätedemokratie gesondert einzugehen.
    5. Da heutzutage nur noch wenige Menschen des Altgriechischen mächtig sind, löst dieser Name in der Regel nicht das schollernde Gelächter aus, das eigentlich angebracht wäre.
    6. Man beachte die Doppeldeutigkeit der Formulierung.
    7. Aus dem bereits in Fußnoten 5 angeführten Grund weisen wir darauf hin, dass es sich um den Plural von „Polis“ handelt.
    8. Das waren ca. 20% der Gesamtbevölkerung. Sklaven, zugewanderte Bürger aus anderen Städten, Metöken und „natürlich“ Frauen hatten keine Partizipationsrechte.
    9. Selbstverständlich auch hier ohne Sklaven, Frauen und „Gedöns“, um einen deutschen ehemaligen Bundeskanzler zu zitieren.
    10. Es überrascht nicht, dass die Lebensdauer der res publica kurz war: Gaius Julius Cäsar (100 – 44 v.u.Z.) riss die Macht an sich. Seine Ermordung hatte keine strukturellen Veränderungen zur Folge: Aus der „Sache aller“ war die Sache eines Menschen geworden, die Sache eines vergöttlichten Kaisers.
    11. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 20, Absatz 2, Satz1. Der hochgeschätzte Bert Brecht pflegte diese Behauptung mit der Frage zu kommentieren: „Aber wo geht sie hin?“
    12. Die Sprache der Politik in dieser Form der Demokratie bedient sich notwendigerweise einer Fülle von Euphemismen, um die wahren Machtverhältnisse zu vernebeln.
    13. Oder auch das Schwein, wie der Engländer sagt: to buy a pig in a poke.
    14. Der Chef sagt, er gibt demjenigen, der ihm die genaue Adresse und Telefonnummer dieser „Märkte“ nennt, eine Flasche Honigwein aus. Die Sekretärin
    15. Allerdings erweckt die Betrachtung der Geschichte der menschlichen Gesellschaft berechtigte Zweifel, ob derlei Entscheidungen überhaupt möglich sind.
    16. Dass das sogenannte „Erfolgsmodell“ China aus verschiedenen Gründen in eine Sackgasse führt, kann hier nicht erläutert werden.
    17. Man sollte sich aber besser nicht mit Guantanamo und den sonstigen Aktivitäten der US-Geheimdienste beschäftigen.
    18. Rede vor dem Unterhaus am 11.11. 1947. Wir gehen davon aus, dass es sich nicht um einen Scherz zur Eröffnung der Karnevalssaison handeln sollte.

Klima und Nationalstaat

von P. D. Kulle

Inhalt:

1. Vorwort

2. Die Entstehung des Nationalstaats

3. Nationalstaat und Nationalstaaten

4. Die Klimakatastrophe

5. Conclusio

6. Nachwort

PD Kulle

1. Vorwort

Ich überlasse es dem geschätzten Kollegen Erich Kästner, die Präambel, die zugleich den Charakter eines vorläufigen Epilogs hat, zu formulieren.

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

und die Welt asphaltiert und aufgestockt,

bis zur dreißigsten Etage.

 

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,

in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telefon.

Und es herrscht noch genau derselbe Ton

wie seinerzeit auf den Bäumen.

 

Sie hören weit. Sie sehen fern.

Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.

Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern

mit sehr viel Wasserspülung.

 

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.

Sie jagen und züchten Mikroben.

Sie versehn die Natur mit allem Komfort.

Sie fliegen steil in den Himmel empor

und bleiben zwei Wochen oben.

 

Was ihre Verdauung übrigläßt,

das verarbeiten sie zu Watte.

Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.

Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,

daß Cäsar Plattfüße hatte.

 

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und

bei Lichte betrachtet sind sie im Grund

noch immer die alten Affen.

 

2. Die Entstehung des Nationalstaats

Schon damals, als „die Kerls“ noch „auf den Bäumen“ „hockten“, im prähominiden Zustand also, bevor der aufrechte Gang (1)
sich als normale Fortbewegungsweise durchsetzte, gab es zweifellos Territorialkämpfe: Kämpfe um den höchsten Baum mit optimaler Lichteinstrahlung, um den Baum mit den nahrhaftesten Früchten, um den mit den größten Blättern für den Nestbau und so fort.

Allerdings hat sich dieser Kampf nicht, wie Kästner in dichterischer Freiheit behauptet, unmittelbar danach in zentralbeheizten Räumen fortgesetzt. Dergleichen gab es erstmals im sogenannten alten Rom (2) und danach nach langer Unterbrechung erst wieder im 20. Jahrhundert. Auf den Baum folgt nicht das wohltemperierte 30. Stockwerk, sondern die dunkle Höhle, die, wie auch die luftige Behausung, erobert und verteidigt werden muss: Mitmenschen, Bären und Wölfe (3) sind die häufigsten Feinde.

Ärgerlich, dass eine einmal eroberte Höhle kein sicherer Besitz des Eroberers ist: Er kann seinen Wohnort durch kein Gesetz garantieren lassen, er kann nur versuchen, ihn gegen das Recht des Stärkeren zu verteidigen.

Was tun? Eine sich anbietende Möglichkeit ist, sich mit den Nachbarn auf guten Fuß zu stellen. Das ist in der Geschichte der Menschen einmal mehr, einmal weniger gelungen. Die sardische Nuraghenkultur, in der ein Wehrturm keine zwei Kilometer vom nächsten entfernt stand, ist ein Beispiel für das Misslingen dieser Strategie, die griechischen Poleis, die, wenn sie prosperierten, sich von Stadtstaaten zu Städtebündnissen entwickelten, stehen für den Erfolg.

Schon diese beiden Beispiele zeigen: Es gilt, Raum zu gewinnen. Eigener Raum begrenzt das Territorium des vermeintlichen oder tatsächlichen, jedenfalls immer potentiellen Feindes, Raum schafft die Möglichkeit der Verteidigung, denn er bietet gegebenenfalls Platz zurückzuweichen, Raum produziert Nahrungsmittel etcetera.

Allerdings nützt der größte Raum nichts, wenn er nicht gesichert werden kann. Zur Sicherung großer Territorien braucht man bewaffnete Menschen, die entweder aus aktuellem Anlass zusammengerufen oder für den äußerst wahrscheinlichen Fall des Falles präemptiv bereitgehalten werden.

Es ist evident, dass dergleichen großräumige Aktivitäten nicht von einem höhlenbewohnenden Clan bewerkstelligt werden können, der völlig damit ausgelastet ist, die Nahrungsmittel für den täglichen Bedarf jagend und sammelnd herbeizuschaffen. Ein gesellschaftliches Mehrprodukt auf der Basis landwirtschaftlicher Produktion ist dafür erforderlich, das so groß ist, dass eine das Verteidigungshandwerk ausübende Schicht, Klasse oder Kaste von der Handarbeit freigestellt werden kann.

Wes bedarf es noch, um den Raum zu sichern? Die Bewohner angrenzender Räume müssen wissen, dass dieser Raum existiert. Man muss den Raum also wenn auch nicht mathematisch, so doch politisch-geografisch definieren. Eine solche Definition wird als Grenzziehung bezeichnet. Als Grenzen bieten sich sogenannte naturräumliche Gegebenheiten wie Flüsse oder Gebirge an, die es an sich (4) ähnlich bewaffneten Menschen aus angrenzenden Räumen erschweren, den eigenen Raum zu betreten. Es bedarf zusätzlich auch der Verständigung darüber, wo die Grenze verläuft; es bedarf also der Sprache, der Sprachgemeinschaft. Wer „Grenze“ sagt, grenzt sich gegenüber dem ab, der von der „frontière“ parliert.

Voilà, l‘état, c‘est moi (5) ; oder auch: Der Nationalstaat ist entstanden (6).

3. Nationalstaat und Nationalstaaten

Viele Nationalstaaten sind entstanden, viele Horden bewaffneter Männer (7). Innerhalb der Staaten ist der Umgang miteinander meist recht genau definiert: Es ist klar festgelegt, wer herrscht, ob zum Beispiel ein Rechtsstaat etabliert ist oder ob die herrschende Gruppe die nicht herrschende nach Gutdünken unterdrücken darf, welche Freiheiten, vor allem Freiheiten wirtschaftlicher Natur, die Bewohner (8) sich herausnehmen dürfen.

Das Recht, das zwischen Nationalstaaten herrscht, war und ist fragilerer Natur. Obwohl es euphemistisch als Völkerrecht (9) bezeichnet wird, gleicht es eher den Strukturen, die die gesellschaftlichen Beziehungen in „failed States“ kennzeichnen. Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen sind die Regel, nicht die Ausnahme, verursacht durch „nationale Interessen“. Immerhin gibt es internationale Abkommen, in denen detailliert geregelt ist, unter welchen Voraussetzungen Menschen andere Menschen legal töten dürfen und was mit den nicht ganz Toten, also nur Verwundeten, zu geschehen hat (10). Man sieht: Manchmal reden Menschen sogar miteinander und kommen zu Ergebnissen.

4. Die Klimakatastrophe

Die Notwendigkeit, miteinander zu verhandeln und dabei zu Ergebnissen zu kommen, hat im Lauf der menschlichen Geschichte zugenommen. Das erklärt sich auch, aber nicht nur rein quantitativ: Für die beängstigend zunehmende Weltbevölkerung wird es immer schwerer, Konflikte zu vermeiden.

Nun basiert die Ökonomie dieser Weltbevölkerung seit der Industriellen Revolution auf der Vernutzung (11) fossiler Energieträger, was die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre auf gegenwärtig (12)
388 ppm gegenüber 270 ppm vor der IR hat ansteigen lassen. Aufgrund dessen hat bereits ein weltweiter Temperaturanstieg begonnen, der, falls keine effektiven Gegenmaßnahmen ergriffen werden, die Existenz der menschlichen Rasse gefährden dürfte (13). Das ist sogar den Menschen aufgefallen. Seit dem sogenannten Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro hat es nicht weniger als 16 (sechzehn!) Umweltkonferenzen unter der Schirmherrschaft der UNO gegeben, ohne dass ein für alle Staaten rechtlich verbindliches Abkommen geschlossen worden wäre. Und warum nicht? Weil die Regierungen der Nationalstaaten um ihre kostbaren Standortvorteile fürchten!

5. Conclusio

Nun denn, bald wird es zwar noch Standorte geben, nicht aber Vorteile. Ich verweise nochmals auf die klugen Bewertungen des Kollegen Kästner und komme wie stets zu dem treffenden Schluss:

Pfffffffftt..........

6. Nachwort

Ich danke wie immer meiner Sekretärin. Möge Tussi (14) Wunder tun und uns alle kühle Zeiten genießen lassen!



Fußnoten:

1. Wir sprechen vom aufrechten Gang nur im physiologischen, nicht im metaphorischen Sinn.

2. mit dem Hypokaustensystem

3. nota bene: in dieser Reihenfolge

4. Ich bitte den Kollegen Kant wegen dieser Formulierung um Verzeihung.

5. Manchmal ist der Chef ein wenig größenwahnsinnig, finde ich. Die Sekretärin

6. Jedenfalls ist das der Regelfall. Wie es mehrsprachige Staaten wie zum Beispiel die viersprachige Schweiz geschafft haben, mehr als ein Jahrhundert zu überleben, muss noch untersucht werden. Unsere vorläufige Hypothese ist, dass die Schweizer über ein außerordentliches Intelligenzgen verfügen.

7. vgl. ähnliches vielerorts bei Marx und Engels

8. Es wäre wahrscheinlich korrekter, die Bewohner als Insassen zu bezeichnen, allerdings ist das nicht üblich. Zu meinem Bedauern ist auch die bärische Politologie noch nicht zu dem Schluss gekommen, dass sich die menschliche Gesellschaft nur mit einer Terminologie aus dem Bereich der Psychiatrie angemessen beschreiben lässt.

9. Wenn die politische Klasse eines Staates ihrem Volk alle Rechte nimmt und andere Menschen sich darüber empören, erklärt diese Klasse, es handele sich um „innere Angelegenheiten“.

10. vgl. die „Haager Landkriegsordnung“ und die „Genfer Konventionen“

11. Ich wollte dem Chef diesen Begriff ausreden, hatte aber keinen Erfolg. Er findet ihn so schön, weil Marx ihn häufig verwendet. Die Sekretärin

12. 2010

13. Wie meine Leser wissen, bedaure ich dergleichen nicht, aber leider ist auch das Leben der Bären gefährdet.

14. Gottheit des Chefs. Die Sekretärin

(Erklärungs-)Krise

“Onkel Kulle!“

Einbärenfamilie

Nanuk sprangen pitschnass aus dem Dorfteich von Bärenleben und schüttelten sich am Ufer so erfolgreich, dass Kulle an diesem Tag auf eine Dusche würde verzichten können. Aber er liebte die Zwillinge heiß und innig und nahm ihnen nichts übel.

“Onkel Kulle, kannst Du uns was erklären?“

Da Kulle felsenfest davon überzeugt war, dass Erklärungen zu seinen Spezialitäten gehörten, sagte er natürlich sofort “Ja“ und wollte erst anschließend wissen, worum es denn gehe.

Kulle

“Wir haben gerade mit Mami im Wasser gespielt“, sagte Na.

“Dabei waren wir wohl ein bisschen wild“, gab Nuk zu.

“Jedenfalls hat Mami gesagt, sie kriegt die Krise. Und jetzt sollst Du uns das mit der Krise erklären. Bitte!“

“Aber“, stotterte Kulle, “wenn Oicy psychische Probleme hat, dann bin ich der Letzte, der sich mit so etwas auskennt. Bärdel kann bestimmt…“

“Nein, Onkel Kulle, wir meinen die andere Krise, von der alle reden, die mit dem Bruder vom Mann aus Lehm und dem Euro und den USA und so. Wir möchten nicht, dass Mami diese Krise kriegt!“

“Ihr wollt also etwas über die aktuelle ökonomische Krise wissen, ist es das?“

“Wenn Du das sagst, Onkel Kulle, dann ist es bestimmt richtig. Aber wir wollen nicht nur etwas darüber wissen, sondern alles.“

Wäre Kulle ein Mensch gewesen, hätte er jetzt “Scheiße“ gedacht. Da er aber ein Bär war, dachte er “Brombeermist“. Ausgerechnet diese Krise, die niemand wirklich erklären konnte, und er – wenn er ehrlich war – auch nicht. Er überlegte, wie er es anfangen sollte. Er überlegte lange.

Die Eisbärenzwillinge trockneten ihr Fell in der Herbstsonne, aber bald wurde ihnen das zu langweilig.

“Onkel Kulle, warum sagst Du nichts?“ fragte Nuk.

Na wollte Kulle helfen: “Wir haben bei Karl Marx gelesen, dass alle Krisen im Kapitalismus Überproduktionskrisen sind. Weil der Marktprozess nicht geplant werden kann, aber jeder Produzent den höchstmöglichen Profit erwirtschaften will, kommt es in periodischen Abständen dazu, dass die geschaffenen Werte nicht als Waren realisiert werden können. Ist das diesmal genauso?“

‘Schön wäre es‘, schoss es Kulle durch den Kopf. Dann könnte ich alles wirklich erklären. ‘Aber der Große Karl ist über hundert Jahre tot, und was der Kapitalismus sich seitdem alles ausgedacht hat, konnte er beim besten Willen nicht antizipieren.‘

“Ihr seid erstaunlich gut vorgebildet!“ lobte er. Es klang lahm. “Aber diese Kenntnisse helfen uns nicht dabei, die konkreten Probleme zu analysieren. Die sind nämlich neu.“

“Toll, Onkel Kulle! Uns interessiert immer alles, was neu ist!“

Hilfe für Kulle kam von unerwarteter Seite. Am Teichufer gegenüber schimpfte Tumu so lautstark mit Manfred, dass es unmöglich war, darüber hinwegzuhören. Ihr Sohn blieb ihr nichts schuldig und gab ebenso lärmend Contra. So hatten die Zwillinge ihre Unterhaltung, und Kulle gewann Zeit zum Nachdenken.

“Du machst das immer noch? Immer noch? Ich habe geglaubt, diese Verbrechermethode brauchten wir nur in Amerika!“

“Klar mache ich das immer noch! Denkst Du etwa, alle Technik, mit der wir hier leben, ist vom Himmel gefallen? Meinst Du, ich habe Deinen Luxusbackofen mit Programmautomatik selbst zusammengeschraubt? Und es ist keine Verbrechermethode, wenn ich Kreditkarten nutze, die mir angeboten werden. Na gut – unter falschem Namen und falscher Adresse, das gebe ich zu. Aber die Banken wollen betrogen werden, sie bieten ihre Karten an wie sauer Bier. Die müssen Geld haben wie Heu!“

,Klick!‘ machte es in Kulles Kopf. Aber er beschloss, zunächst den Mund zu halten. Vielleicht konnte er noch mehr von Manfred lernen.

“Für wie dumm hältst Du mich eigentlich?“ fauchte Tumu. “Den Banken geht es schlecht, das kannst Du jeden Tag in der Zeitung lesen.“

“Ach – und wer ist schuld daran, dass es den Banken angeblich schlecht geht? Die Banken! Die haben insolventen Kreditnehmern in den USA ihr vieles Geld hinterhergeworfen und haben sich dabei halt verspekuliert – Pech gehabt. Aber keine Sorge – schlecht geht es den Banken nicht. Die sind, wie man sagt, systemrelevant. Weil die gesamte Menschenwelt auf Pump lebt, Privathaushalte genauso wie Firmen und Staaten, funktioniert die Wirtschaft ohne Banken einfach nicht. Im Zweifelsfalle werden sie gerettet, das heißt, sie bekommen viel Geld. So viel Geld haben nur Staaten, die können es nämlich drucken.“

“Das heißt…“ Tumus Stimme war jetzt deutlich leiser.

“Das heißt, wenn ich Banken schädige, schädige ich niemanden. Jedenfalls nicht direkt.“

“Hm, vielleicht hätte ich Dir keine Szene machen sollen, mein Sohn. Und was den Backofen angeht – der funktioniert einfach hervorragend. Was hältst Du von einem Honigkuchen? Das dauert nur ein knappes Stündchen!“

“Gerne! Darf ich Dir helfen?“

Mutter und Sohn trollten sich und verschwanden in der Höhlenküche von Bärenleben.

Na und Nuk schlugen ihre Kinderaugen auf.

“Onkel Kulle, wir glauben, wir haben schon viel verstanden. Aber ein paar Fragen haben wir noch. Warum gibt es zu viel Geld auf der Welt? Wir dachten immer, es gibt zu wenig.“

“Die meisten Menschen haben zu wenig Geld, das stimmt. Aber damit der Kapitalismus funktioniert, muss es genug Geld bei den Banken geben, das sie verleihen können. Nach den Attentaten am 11. September 2001 hat die US-Notenbank die Welt mit Geld überschwemmt, weil sie eine Wirtschaftskrise verhindern wollte.“

“Und deshalb kriegt Onkel Manfred so viele Kreditkartenangebote?“

“Genau.“

“Und die Staaten, die den Banken das Geld geben?“

“Die machen Schulden und müssen dafür Zinsen zahlen. Wenn nicht sicher ist, ob sie ihre Schulden zurückzahlen können, werden die Zinsen erhöht. Das ist nicht gut für die Menschen, die in diesen Staaten leben, denn sie müssen das Geld bereitstellen, das der Staat braucht, also hohe Steuern zahlen. Vielleicht gibt es auch eine Inflation, weil viel Geld gedruckt worden ist, aber die Warenmenge nicht gewachsen.“

“Oh je, Onkel Kulle, das ist aber ganz schön kompliziert. Darüber müssen wir erst mal nachdenken. Dürfen wir zum Schluss noch eine Frage stellen?“

“Klar!“

“Wer ist der Bruder vom Mann aus Lehm? Ist das der Golem?“

Kulle griff sich an die Stirn. “Ich krieg die Krise,“ murmelte er.

Na und Nuk begriffen, dass Kulle in diesem Moment nicht antworten wollte. Fröhlich hüpften sie wieder in das kühle Wasser des Dorfteiches.

Krise

Es war ein warmer Spätfrühlingstag in Bärenleben, und es war Vormittag. Das Leben ging seinen üblichen Gang. Die Bären, das Schwein und der Frosch studierten, diskutierten, bereiteten das Essen vor, machten sauber oder betrieben Körperpflege.

Einbären

Oicy hatte sich für die Körperpflege entschieden, und das hieß für eine Eisbärin in dieser Jahreszeit hauptsächlich, der dehländischen Wärme auszuweichen, so gut es ging. Deshalb war sie in den eigens für sie und ihre Kinder erweiterten Dorfteich geglitten, hatte über und unter Wasser ihre Runden gedreht und davon geträumt, gleich gegen eine Eisscholle zu stoßen, auf der sich eine fette Sattelrobbe vergeblich zu verstecken versuchte. Aber natürlich blieb das ein Traum. Sie traf nur Ramses, der sich unter Teichrosenblättern zu verbergen versuchte und hoffte, eine Libelle zu erbeuten. Aber die klugen Libellen erspähten ihn immer rechtzeitig und bogen ab, bevor sie in seine Reichweite gerieten.

Ramses

Ramses verdrückte sich deshalb bald und hüpfte in Manfreds Hochtechnikwerkstatt. Er hatte dort einen Computerarbeitsplatz, an dem er an zwei komplexen Problemen arbeitete: Er wollte das Wetter präzise voraussagen – das war für einen Laubfrosch eine vergleichsweise leichte Aufgabe. Er wollte das Wetter aber auch beeinflussen können, und das war deutlich schwieriger. Wenigstens störte er niemanden, wenn er vor seinem Rechner hockte und versuchte, Tussis Schöpfung zu verstehen.

Mit Oicy war das anders. Als sie den Teich verließ, um zuerst nach ihren Kindern zu sehen und dann Tumu beim Kochen zu helfen, schüttelte sie sich kräftig, und es passierte das, was passiert, wenn Eisbären sich schütteln, nachdem sie gerade aus dem Wasser gestiegen sind: Aus dem dichten Pelz flogen Tropfen über Tropfen, und wer gerade in der Nähe stand, bekam eine kräftige Dusche ab.

Die Dusche erwischte die alte Bärin, die gerade vor ihrer Höhle aufräumte. Und nicht nur die Wasserdusche: Die Tropfen, die Oicy energisch auf die Reise geschickt hatte, platschten auf den trockenen Boden, lösten daraus Erdpartikel, ließen sie hochspringen und verwandelten die eben noch saubere Alte in eine über und über von Schmutz bedeckte Bärin.

“Ich krieg die Krise!” schimpfte die Alte zornig.

Oicy fühlte sich irgendwie angesprochen, wusste aber nicht recht, warum. Sie hatte sich doch ganz normal verhalten, oder? Aber helfen wollte sie schon.

“Kann ich Dir bei Deiner Krise helfen?” erkundigte sie sich freundlich.

“Bei meiner Krise? Bei MEINER Krise?” keifte die Alte. “DEINE Krise ist das! Weil bei Dir zu Hause das Eis schmilzt, bekleckerst Du mich hier in Dehland mit Wasser und Dreck, und wahrscheinlich bist Du auch für die Aschenkrise verantwortlich, die dieser Vulkan aus Island macht, aus dem Eisland also, da, wo Du herkommst.”

Oicy hatte ausgesprochen gut gefrühstückt, nämlich eine Kiste frischer grüner Heringe, in den Morgenstunden angeliefert vom Rungis-Express, und war deshalb friedlich gestimmt.

“Du hast recht, die Klimakrise ist meine Krise, aber ich bin dabei der passive und nicht der aktive Teil. Und mit dem Eyjafjallajöküll habe ich gar nichts zu tun.”

“Mit wem?”

“Mit dem Eyjafjallajökull. Das ist der isländische Vulkan, der vor kurzem ausgebrochen ist.”

Die alte Bärin überlegte, ob sie ausfällig werden sollte, weil Oicy sie jetzt auch noch mit unaussprechlichen Worten bombardierte, aber bevor sie damit zu Ende war, tauchten Bärdel und Kulle am Teichufer auf. Wie immer waren sie in ein intensives Gespräch vertieft.

Kulle und Bärdel

“Also, das mit der Krise musst Du mir bitte unbedingt erklären, und zwar ohne komplizierte Fachbegriffe!” sagte Bärdel energisch.

“Mir auch!” schloss sich die Alte nicht minder energisch an.

Kulle hatte ihr gar nicht zugehört, aber Bärdel war irritiert.

“Seit wann interessierst Du Dich für Ökonomie?” wollte er wissen.

“Für was?” Die Alte hatte allmählich die Nase voll von merkwürdigen Worten.

“Für Wirtschaft”, verbesserte sich Bärdel.

Empört stemmte die Alte die Arme in die Seiten. “Willst Du etwa behaupten, dass ich keine ordentliche Wirtschaft führe? Bei mir kann man vom Fußboden essen, normalerweise jedenfalls, wenn nicht gerade dieses ungeschickte weiße Monstrum…”

Auf Oicys Stirn zeigten sich die ersten Falten. Tiefe Falten. Sie war noch nie zornig geworden, seit sie in Bärenleben war, und das war auch gut so. Jetzt aber war sie kurz davor. Zum Glück wurde sie von Nanuk abgelenkt. Die Zwillinge stürzten auf sie zu.

“Mamimami, wir haben gerade etwas Neues gelernt! Onkel Manfred hat uns die Geschichte von Tschernobyl erklärt. Wir wissen jetzt, wann ein Reaktor kritisch wird!”

“Und wann ist das?” wollte ihre Mutter wissen.

“Wenn er zu heiß wird. Wenn man Pech hat, kommt es zu einer Kernschmelze. Dann wird die gesamte Umgebung vergiftet. Das ist dann eine fürchterliche ökologische Krise.”

“Ist eure ö-kol-ko-logische Krise dieselbe wie die von Bärdel?” fragte die Alte die Kleinen. “Bärdels Krise klang ähnlich, aber irgendwie anders.”

Na und Nuk waren von der Frage logischerweise überfordert, aber sie nutzten die Gelegenheit, um Bärdel mit Beschlag zu belegen.

“Onkel Bärdel, Onkel Bärdel, hast Du eine Krise?”

“Hm, ich weiß nicht so recht,” brummte Bärdel. “Allmählich schwirrt mir der Kopf. Vielleicht bekomme ich einen Migräneanfall. Ich glaube, ich bin an der kritischen Grenze dazu.”

Die Alte, die keineswegs immer nur putzte, obwohl sie dabei oft beobachtet wurde, lernte in ihrer freien Zeit gerade Griechisch und beschäftigte sich dabei natürlich auch mit Geographie und Landeskunde. Jetzt schüttelte sie den Kopf zum zweiten Mal und verstand überhaupt nichts mehr. Konnte ein Reaktor sich aussuchen, ob er auf Kreta stand oder anderswo? Wieso glaubte Bärdel, er sei an der Grenze Kretas? Und – hatte eine Insel überhaupt eine Grenze?

Kulle hörte immer noch nicht zu. Er pflegte das, was er als ,soziale akustische Umweltverschmutzung‘ bezeichnete, stets zu ignorieren. In solchen Phasen der gesellschaftlichen Abwesenheit beschäftigte er sich, wie er fand, produktiv mit der Lösung theoretischer Probleme oder wenigstens mit deren kommunikativer Vermittlung.

Kulle und Bärdel

“Diese Krise”, sagte er jetzt, “ist eine umfassende. Es ist falsch, wenn sie allein der Ökonomie angelastet wird. Ursächlich für sie ist die Politik, oder besser gesagt, das Versagen der Politik. Die politische Klasse Europas oder meinetwegen Kerneuropas sollte also selbstkritisch eingestehen, dass eine Währungsunion ohne eine gemeinsame Währungs- und Finanzpolitik, und eben ein solches Konstrukt stellt der Euro dar, auf tönernen Füßen steht. Was ist denn der Stabilitäts- und Wachstumspakt anderes als ein zahnloser Papiertiger? Die kritische Betrachtung dieser dilettantischen Konstruktion kann nur zu einem vernichtenden Urteil kommen.” Kulle holte tief Luft. “Derlei Dilettantismus lädt geradezu dazu ein, ihn auszunutzen. Wer will es den smarten Boys von den Hedgefonds, die sich im Januar oder Februar in einem New Yorker In-Restaurant getroffen haben, in dem es, Schande über die amerikanische Küche, vermutlich auch nichts anders zu essen gab als Steak oder totgebratenes Hähnchen, verübeln, dass sie auf die Idee kamen, mit vereinten Kräften gegen den Euro zu wetten? Der Erfolg spricht für sie!” “Kulle räusperte sich. “Die Krise, über die alle so entsetzt sind, ist übrigens keine Euro-Krise. Sie ist eine Schuldenkrise. Fast alle Staaten dieser Welt leben über ihre Verhältnisse, allen voran die USA. Ich bin gespannt, wann der Dollar brennt. Dann kann ich endlich meine rote Fahne aus ihrer Ecke holen. So!” sagte er triumphierend. “Noch Fragen?”

“Hast Du Kopfschmerztabletten?” Bärdel hielt sich schützend die Pranke vor sie Stirn.

“Hat das was mit mir zu tun, oder kann ich jetzt Tumu beim Kochen helfen?” wollte Oicy wissen.

“Onkel Kulle, was sind Hedgefonds?” Das waren die Zwillinge.

“Kulle, klopf mit mal den Pelz ab, damit ich wieder sauber werde. Und erkläre mir dabei: Was heißt eigentlich ,Krise‘?”

Kulle willfahrte ihr, bevor seine Situation allzu kritisch wurde.

Appetit auf Löwenzahn

Bärdel

Bärdel boxte Kulle freundschaftlich, aber durchaus energisch in die Rippen.

Kulle

„Nun komm schon hoch, Du Schlafmütze“, sagte er so laut, dass er auch beim besten Willen nicht zu überhören war. „Das neue Jahr ist schon fast wieder alt, der Tag ist schon zwei Stunden länger als zur Wintersonnenwende, und die gewendete Sonne scheint übrigens gerade. Genug der Hibernation! Lass uns spazierengehen!“

Kulle brummte ungnädig. Da er aber wusste, dass er gegen seinen energiegeladenen großen Freund keine Chance hatte, richtete er sich auf, reckte sich und steckte den Kopf aus der Schlafhöhle. Sofort zuckte er zurück.

„Spinnst Du?“ wollte er wissen. „Da draußen liegt noch Schnee!“

„Weiß ich doch,“ antwortete Bärdel seelenruhig. „Anders als der Herr Privatgelehrte bin ich nämlich schon eine Weile lang aktiv. Dehland erlebt seit Jahren mal wieder einen Winter, der den Namen auch verdient. Vielleicht ist es ja der letzte, bevor auch in Bärenleben die Palmen gedeihen. Also komm schon! Ich hab Dir sogar Schneeschuhe besorgt.“

Kulle schnallte sich zwei Apparate unter die Hinterpranken, die ihn sehr an Tennisschläger erinnerten. Es waren übrigens Tennisschläger – Manfred hatte sein Organisationstalent spielen lassen.

Draußen blinzelte er in den blauen Himmel und atmete tief durch, bevor er die ersten breitbeinigen Schritte wagte. „Ist tatsächlich eine gute Idee von Dir gewesen, die Nase aus der Höhle zu stecken,“ gab er zu. „Die Luft tut gut. Aber die Luft macht auch Hunger – ich hätte jetzt nichts gegen ein paar Löwenzahnwurzeln einzuwenden, roh oder auch gebraten!“

Loewenzahn - gewesen

„Da wirst Du noch ein paar Wochen warten müssen“, wandte Bärdel ein. „Der Löwenzahn, der bei Minusgraden im Schnee wächst, ist noch nicht erfunden.“

„Vielleicht doch. Kann sein, wir wissen es nur nicht.“

„Kaum bist Du wieder wach, versuchst Du, mich auf den Arm zu nehmen.“

„Im Prinzip ja, jetzt aber gerade nicht. Schon mal was von Monsanto gehört?“

„Ich glaube nicht. Ist das ein heiliger Berg oder so was?“

„Eher so was. Monsanto ist ein Agrarchemiekonzern, der genmanipulierte Pflanzen züchtet. Vielleicht auch anderes Genmanipuliertes, aber davon ist offiziell nichts bekannt. Belegt sind nur die Pflanzen.“

„Und warum macht das dieser Konzern?“

„Willst Du die offizielle Antwort oder die wahre?“

„Wie wär‘s mit beiden?“

„Monsanto bekämpft erfolgreich den Hunger in der Welt. Monsanto ist dafür unverzichtbar. Tatsächlich verdient Monsanto sich mit seinen Produkten dumm und dämlich. Seit 40 Jahren gibt es ein Pestizid mit dem schönen Namen ,Roundup‘. Das entsprechende Produkt in Europa vom Bayer-Konzern heißt ,Basta‘ – eigentlich könnte der Kanzler den Namen erfunden haben, weißt Du, der zweite, der mal bei uns war, noch im alten Bärenleben.

Hat er aber nicht. ,Basta‘ vernichtet ebenso wie ,Roundup‘ alle Pflanzen außer denen, die gegen es resistent sind, und das sind überwiegend genmanipulierte Pflanzen aus den Labors von Monsanto. Die Landwirte dürfen davon kein Saatgut zurückhalten, sondern müssen Jahr für Jahr neues kaufen. Von wegen Hungerbekämpfung! Hungerleider können sich kein teures Saatgut leisten, habe ich mir sagen lassen.“

„Ich glaube, ich habe davon schon mal gelesen“, sagte Bärdel nachdenklich. „Und zwar etwas Gutes, von einem Wissenschaftler.“

„Weißt Du auch, auf wessen Lohnliste dieser Wissenschaftler steht?“

„Du meinst…?“

„Ich meine erst mal gar nichts. Aber Fakt ist, dass Monsanto eine gute PR betreibt, natürlich nicht in eigenem Namen, sondern unter dem Feigenblatt wissenschaftlicher Objektivität. Tatsache ist auch, dass Regierungen und politische Parteien, vor allem in den USA, großen Konzernen traditionell gewogen sind, denn von großen Konzernen kommen große Spenden. Und die anderen Wissenschaftler, die sich gegen Monsanto aussprechen – die gibt es nämlich auch –, die werden von Greenpeace bezahlt oder von Friends of the Earth oder anderen Umweltverbänden.“

„Willst Du damit sagen, dass es keine objektive Wissenschaft gibt?“

Kulle blickte Bärdel empört an. „Natürlich gibt es eine objektive Wissenschaft – oder was meinst Du, was ich den lieben langen Tag so treibe? Aber mich bezahlt schließlich niemand. ,Wes Brot ich ess, des Lied ich sing‘ – das war schon richtig für Hartmann von Aue und Oswald von Wolkenstein…“ Kulle sah in Bärdels Augen große Fragezeichen. „…Das waren Minnesänger…und das gilt auch noch heute.“

„Entschuldige bitte“, murmelte Bärdel zerknirscht. Ich wollte Dich nicht verletzen. Am liebste würde ich Dir jetzt eine Löwenzahnwurzel anbieten, aber leider ist gerade keine da.“

„Zum Glück ist keine da!“ korrigierte Kulle. Er dreht sich um und geriet dabei auf seinen Tennisschlägerschneeschuhen beinahe aus dem Gleichgewicht. „Komm, wir gehen nach Hause. Tumu hat bestimmt noch eingelegte Wurzeln vom letzten Herbst übrig. Wie wär‘s, wenn Du Deine Frau überredetest, uns ein leckeres Frühstück zu bereiten?“

Bärdel hatte nichts dagegen.

Das Projekt der Moderne

PD im Weihnachtsmodus nach Kopenhagen

Inhalt:

  • Vorwort
  • Definition des Begriffs
  • Die neue Wirtschaftsweise und ihre Segnungen
  • Die Kosten der neuen Wirtschaftsweise
  • Die Ideologie der neuen Wirtschaftsweise
  • Die Folgen der neuen Wirtschaftsweise
  • Die Menschliche Reaktion
  • Conclusio

Vorwort


Die folgenden kurzen Anmerkungen versuchen wir, entgegen unserer sonstigen Vorgehensweise, so populärwissenschaftlich wie nur möglich zu halten1, geht es uns hic et nunc doch darum, dass uns Hu Jintao, Barack Obama, Angela Merkel und alle anderen auf den roten Teppichen und Lieschen Müller sowie Otto Normalverbraucher weltweit verstehen, wie immer sie in ihrem Land auch heißen mögen. Denn die Moderne hat uns ein modernes Problem beschert, das es selbst einem wissenschaftlich denkenden Bären unter seinem Fell heiß werden lässt. Theoretisch war uns, wie die Kenner unserer veröffentlichten gesellschaftlichen Analysen zweifellos wissen, die Vergeblichkeit allen bisherigen menschlichen Agierens stets bewusst2. Nun aber, da das Anthropozän im Begriff ist, aufgrund des Wirkens seiner Namensgeber abrupt in eine klimagewandelte Welt zu führen, ist es Zeit, den distanzierten Zynismus aufzugeben. Wo es zu heiß wird, wo der Plüsch Feuer zu fangen droht, da verpufft die Freude am Pffffffttttttt.

PD Kulle

Definition des Begriffs

Als Moderne bezeichnen wir eine extrem kurze Phase – von Epoche mögen wir kaum sprechen – der Menschheitsgeschichte, deren Ende sowohl absehbar als auch unvermeidlich ist. Wir distanzieren uns folglich von denjenigen Theoretikern, die die Moderne bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu Grabe getragen haben und behaupten, die Welt befinde sich aktuell im Stadium der Postmoderne. Erstens ist das Unsinn, und zweitens wird die Postmoderne die Menschheit eher ereilen, als ihr lieb sein kann. Denn auf die Moderne folgt die Unmoderne, der Rückfall, die Regression, das hätte auch der geschätzte Kollege Lyotard3 bemerken können.

Da der Begriff der Moderne ein Sich-Absetzen von früheren Strukturen impliziert, lehnen wir es ab, die Renaissance darunter zu fassen, die mitunter als geistesgeschichtlicher Beginn einer neuen Zeit begriffen wird. Eine Wiedergeburt als Neubeginn zu begreifen mag für Buddhisten logisch erscheinen, dem abendländisch Denkenden dagegen kann dies unmöglich einleuchten.

Die Moderne umfasst folglich jenen Zeitraum, in dem fraglos eine neue Wirtschaftsweise dominiert und angeblich neue Werte4 die alten abgelöst haben – und in dem eine Fülle neuer Probleme nicht entstand, sondern produziert wurde, die zu ihrer Vernichtung führen werden.

Die neue Wirtschaftsweise und ihre Segnungen

Der Kapitalismus hat zweifelsohne seine Schattenseiten, von denen in unseren früheren Arbeiten hinreichend die Rede war. Jetzt gilt es, das Positive hervorzuheben5.

Als letzte Stufe der auf dem Klassenantagonismus basierenden Produktionsweisen entwickelt der Kapitalismus aufgrund der ihm inhärenten Zwänge die Produktivkräfte zu einer bisher unbekannten Höhe. Da sich der Tauschwert marktförmig realisiert, muss der erfolgreiche Kapitalismus, auch wenn er die Ware Arbeitskraft ausbeutet, eine stetig wachsende Menge allgemeinen Warenäquivalents, vulgo Geld, erzeugen und in Umlauf halten6.

Aus dem verelendeten Proletariat der industriellen Revolution entwickelte sich in den sogenannten Industrieländern während einiger Generationen eine große Masse abhängig beschäftigter, bisweilen arbeitsloser, immer aber mit einem Minimum an Kaufkraft ausgestatteter Konsumenten. Sie verdanken ihre Existenz den bisweilen blutigen Kämpfen der Organisationen ihrer Väter, den Gewerkschaften, der zwischenzeitlichen Existenz des Staatskapitalismus, dem gegenüber der Privatkapitalismus seine Überlegenheit wie seinen Altruismus beweisen musste, und auch dem Umstand, dass die antagonistischen Gegensätze Arbeit und Kapital als eineiige Zwillinge mit entgegengesetztem Genpool ohne einander nicht lebensfähig sind7.

Aus dem zunächst regional und national organisierten Kapitalismus wurde dank leistungsfähiger Transport- und Kommunikationsmittel binnen Jahrzehnten ein weltumspannendes System. „Die restliche Welt“, also cum grano salis etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung, ging dabei nicht leer aus. Der industrielle Kapitalismus braucht Rohstoffe, billige Arbeitskraft und Absatzmärkte, und er bediente sich. Deshalb stieg für viele Millionen von Menschen der Lebensstandard, sofern man das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf als dessen Maßstab betrachtet. Auch in Hintertupfistan konsumiert man deshalb heutzutage so wertvolle Produkte wie Autos, Coca Cola und Hamburger.

Die Kosten der neuen Wirtschaftsweise

Ohne die Zufuhr von Energie lässt sich keine Arbeit verrichten8. Die Menschen nutzen die Betätigung ihrer eigenen und seit der neolithischen Revolution9 auch die tierischer Muskeln dazu. Wo ein Output ist, muss auch ein Input sein: In dem skizzierten Fall kommt, betrachtet man das Ganze unter dem Aspekt der Festkörperchemie, vorne Nahrung rein und hinten Scheiße10 raus. Der Gasumsatz besteht primär in der Vernutzung11 von Sauerstoff und der Emission von CO2, im Fall von Blähungen auch von CH412.

Mit dieser bescheidenen Energiezufuhr gibt sich die große Industrie, die ihre Maschinen antreiben muss, allerdings nicht zufrieden. Sie fand kräftigere Forces13 zunächst in der Dampfkraft, die ihr die Kohleverbrennung zugänglich machte, dann in der Elektrizität, zu deren Erzeugung ihr zusätzlich Öl und Gas dienten, und schließlich in der Kernenergie, für die Uran den Brennstoff lieferte.

Diese Energieträger sind jedoch in Tussis14 Schöpfung endlich und in naher Zukunft erschöpft – es wird bald keinen Input mehr geben können 15. Leider aber gibt es den gegenwärtigen Output: Kohle, Öl und Gas emittieren bei ihrer Verbrennung ebenfalls CO2, und davon gelangt viel mehr in die Atmosphäre als vor der Industriellen Revolution. Die von diesen fossilen Brennstoffen angetriebenen Maschinen zeitigen zwar keine Flatulenzen16, emittieren also kein CH4, wohl aber tun das die etwa eineinhalb Milliarden Kühe auf der Welt, von denen die meisten ihrer Zukunft als (Hack)Fleisch in den Mägen der kaufkräftigen Maschinenbediener harren17.

Der so gewachsene Output an CO2 und CH4 legt sich als schützende Gashülle um die Erde. Wie man aus der Geschichte weiß, ist Protektionismus allerdings keineswegs immer positiv. Die CO2– und CH4-Gase verhindern das Abstrahlen von Wärme von der Erdoberfläche.

Neben den positiven Effekten der Erderwärmung – infolge des ansteigenden Meeresspiegels werden sowohl New York als auch Miami in absehbarer Zukunft nur noch von Tauchern besucht werden können – gibt es auch bedauerliche Kollateralschäden wie das vermutliche Aussterben der Großen Höckerschrecke (Arcyptera fusca) und des Eisbären (Ursus maritimus).

Die Ideologie der neuen Wirtschaftsweise

Der ideologische Kern der säkularen Weltanschauung der Moderne lässt sich auf einen Begriff bringen: Menschenrechte. Dass alle Menschen, also nach dem Verständnis des Jahres 1776 alle weißen Männer, gleich geboren und mit gleichen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, ist eine Aussage, die in Variationen wie ein Mantra seit 233 Jahren hergebetet wird18. Das Widerkäuen hat allerdings nicht dazu geführt, den Realismusgehalt dieser Zielsetzung zu erhöhen19. Ein Blick in eine beliebige Nachrichtenquelle zeigt, dass Kriege, Vertreibung, bewusst erzeugter Hunger und Versklavung und Vergewaltigung nach wie vor auf der Tagesordnung der dem Kapitalismus verfallenen menschlichen Rasse stehen – wie sollte es auch anders sein.

Das eigentliche Problem ist damit jedoch noch nicht benannt. Der Kern der Menschenrechte und damit der Kern des menschlichen Selbstverständnisses verbietet es Homo sapiens sapiens, das Leben seiner Spezies als eine von den Rahmenbedingungen der Erde abhängige Variable zu betrachten20. Er verbietet es dem Menschen, eine effiziente Bevölkerungsplanung zu betreiben. Das Ergebnis dieses Denk- und Handlungsverbots, genährt durch mangelnde Bildung und fehlende soziale Sicherungssysteme, traditionell und/oder religiös motivierte Fruchtbarkeitswünsche, kombiniert mit medizinischen Fortschritt, der mitunter sogar die Hungerregionen Afrikas erreicht, lässt sich an Zahlen ablesen: Heute21 leben 6 825 147 000 Menschen auf unserem Planeten, und täglich kommen 227 000 dazu. Für 2050 rechnet die Statistik mit neun Milliarden.

Von den 6 825 147 000 Menschen werden 5 825 147 000 Menschen vor allem von einem Motiv getrieben: Gier. Denn die meisten heute auf der Erde lebenden Menschen haben Zugang zu Massenmedien und wissen dank deren Informationen um den materiellen Lebensstandard in den Industrieländern. Ihr Bestreben geht dahin, an diesem Luxus teilzuhaben. Das wird sich, gleichbleibende Bedingungen unterstellt, aus Gründen der Ressourcenknappheit nicht realisieren lassen. Schon heute ist der ökologische Fußabdruck der Menschen so groß, als hätten sie nicht eine, sondern vier Erden zur Verfügung.

Die Folgen der neuen Wirtschaftsweise

Die neue Wirtschaftsweise erlaubt jedoch keine gleichbleibenden Bedingungen, sondern greift tief in die Ökologie ein, wie wir gezeigt haben. Die Vernutzung22 fossiler Brennstoffe und der damit verbundene Ausstoß von Treibhausgasen hat seit dem Beginn der Industriellen Revolution weltweit, verstärkt registrierbar in den Polarregionen, zu einem Temperaturanstieg geführt, der – siehe oben – einen Klimawandel als unausweichlich erscheinen lässt.

Wir sehen nicht nur einem Anstieg des Meeresspiegels und einem dramatischen Artensterben, sondern auch dem Auftauen der Permafrostböden und der Verschiebung von Vegetationszonen ins Auge. Nicht nur die Zerstörung ganzer Küstenregionen, Flüchtlingsströme bisher nicht gekannten Ausmaßes, Hungersnöte und Wassermangel werden die Folge sein. Dazu kommt der Zusammenbruch der auf Erdöl basierenden Produktionsweise: Peak Oil, der Moment der höchstmöglichen Förderung, ist überschritten, die Vorräte gehen zur Neige.

Die Menschliche Reaktion

„Irren ist menschlich“, weiß der Volksmund, und vox populi ist bekanntlich vox dei23. „Es irrt der Mensch, solang er strebt“, wusste Goethe zu sagen, und dem können wir uns nur anschließen. Solange der Mensch nämlich nach Profit strebt und sich den Teufel24 um den kleinen Planeten schert, dem er sein Dasein verdankt, irrt er ganz gewaltig. Aber sein Freund Schiller25 ist da ganz anderer Meinung:

„Nur der Irrtum ist das Leben,

Und das Wissen ist der Tod.“ 26

Nun denn, Ihr Menschen!

Lebt und irrt und gehorcht so dem Gesetz Eurer Spezies: Wagt nicht zu wissen27, denn das wäre Euer Tod. Haltet es nur nicht mit Descartes und seinem Prinzip: „Cogito, ergo sum!“ Schon Cäsar wusste: „Er denkt zuviel, solche Leute sind gefährlich.“28

Honi soit qui mal y pense. 29

Oder gar: Honi soit qui pense?

Conclusio

Also doch: Pffffffttttttt.

Schade eigentlich. Trotz allem.

P.S.

Ich danke, wie immer, meiner Sekretärin.


Fußnoten:

  1. Wie ich den Chef kenne, wird er das nicht schaffen. Die Sekretärin (Zurück)
  2. Wir müssen sogar zugeben, das wir das Scheitern menschlicher Versuche der Problembewältigung sogar aktiv gefördert haben. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an „Grizzys Plan“ . (Zurück)
  3. Ein französischer Philosoph, den nicht zu kennen kein Fehler ist. (Zurück)
  4. Gemeint sind ethische, nicht ökonomische. (Zurück)
  5. Huch, was ist mit dem Chef los? So kenne ich ihn gar nicht. Die Sekretärin (Zurück)
  6. „Autos kaufen keine Autos“ soll schon Henry Ford festgestellt haben. Allerdings ist Geld als Kapital auch ein Problem der Moderne, verselbständigt es sich doch immer wieder mit Hilfe der Börsen und Banken, scheint zunächst im Überfluss vorhanden zu sein und fehlt dann plötzlich auf dramatische Weise. Kurz, dem Kapitalismus wohnt der Crash inne, was für die Beteiligten ärgerlich ist, für das System aber nicht tödlich. Deshalb widmen wir diesem Phänomen lediglich eine Fußnote.(Zurück)
  7. Wusste ich‘s doch, dass der Chef das mit der Verständlichkeit nicht hinkriegt. Die Sekretärin (Zurück)
  8. Hilfe, jetzt ist der Chef auch noch unter die Physiker gegangen! Die Sekretärin (Zurück)
  9. Also seit der Mensch sesshaft geworden ist und Landwirtschaft betreibt. Die Sekretärin (Zurück)
  10. Wir hätten an dieser Stelle natürlich auch von Fäkalien sprechen können, aber schließlich haben wir versprochen, uns allgemeinverständlich auszudrücken. (Zurück)
  11. Der Chef meint damit Verbrauch. Die Sekretärin (Zurück)
  12. Der Chef meint damit Methan. Die Sekretärin (Zurück)
  13. Das ist mal wieder typisch für den Chef! Er macht es wie sein großes Vorbild Karl Marx: Wenn dem kein deutsches Synonym eingefallen ist, hat er auch einfach frech die entsprechende englische oder eine andere ausländische Vokabel in seine Texte eingesetzt, um Wortwiederholungen zu vermeiden. „Forces“ heißt schlicht „Kräfte“. Die Sekretärin (Zurück)
  14. Gottheit des Chefs. Die Sekretärin (Zurück)
  15. Der komplexen prinzipiellen philosophischen Frage, ob sich Teile von Tussis Schöpfung jemals erschöpfen können, werden wir uns ein anderes Mal widmen. (Zurück)
  16. Der Chef will sagen, dass die Maschinen nicht pupen. Die Sekretärin (Zurück)
  17. siehe oben: Hamburger (Zurück)
  18. vgl.Unabhängigkeitserklärung der USA (Zurück)
  19. Wie wir oben gezeigt haben, erzeugt Widerkäuen in der Regel einen unangenehmen Gestank. (Zurück)
  20. Säkularisierung hin oder her: der alte Adam hat die Idee der Gottesebenbildlichkeit doch herzlich gerne! (Zurück)
  21. 23.11.2009. Nachzulesen bei www.weltbevoelkerung.de (Zurück)
  22. Allerdings ist fraglich, ob man von „Nutzen“ reden sollte, wenn Öl in Ottomotoren verbrannt wird, um sich mit dem Auto von „A“ nach „B“ zu begeben. Dabei bewegt sich nämlich das Auto und nicht der in ihm sitzende Mensch, der hinter dem Steuer Kartoffelchips in sich hineinstopft und seine Adipositas päppelt. Aber das ist auch schon wieder ein anderes Problem. (Zurück)
  23. Ich bitte Tussi um Entschuldigung. (Zurück)
  24. Der Teufel ist lediglich eine plumpe christliche Erfindung, aber wegen der Sprachgewalt hat er hier seinen Platz. (Zurück)
  25. zumindest behauptet das Rüdiger Safranski (Zurück)
  26. Schiller, Kassandra (Zurück)
  27. vgl.Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? (Zurück)
  28. Shakespeare, Julius Cäsar I, 2 (Zurück)
  29. Edward III., nachdem er angeblich ein Strumpfband aufgehoben hat. (Zurück)

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Kulle träumt

Kulle

Kulle wälzte sich unruhig im Schlaf hin und her. Es war Februar, die Tage waren schon merklich länger geworden, die Meisen kämpften um Reviere, Schneeglöckchen hatten sich aus dem frostigen Boden gekämpft – kurz, der Frühling kündigte sich an. Und mit ihm wurde der Schlaf der Bären flacher, traumanfälliger.

Er durchstreifte eine Ebene mit sattem jungem Gras, Blumenwiesen und blühenden Obstbäumen und trottete auf ein großes Objekt zu, unverkennbar ein Artefakt, denn es war rechteckig, vielleicht sogar quadratisch. Beim Näherkommen erkannte er, wie riesig es war. Er braucht eine Ewigkeit, um es zu erreichen. Die Begrenzung bildete ein hohe Umzäunung. Er konnte nicht hineinschauen, was hauptsächlich an der Werbung lag, die die Einhegung flächendeckend zierte. „Bei uns ist es fein, kommt doch herein!“ hieß es da; auch „Komm ins Team!“ und „Spaß und Erfolg? Hier bist Du richtig!“ Es gab aber nicht nur Sprüche, sondern auch verlockende Zeichnungen und Fotos: von Golfplätzen, Tennisplätzen, berühmten europäischen Wahrzeichen und immer wieder von lachenden Kindern und Jugendlichen.

Kulle bemerkte, dass er direkt auf einen Eingang zusteuerte, obwohl es hier weder Weg noch Steg gab. Aber auch als er unmittelbar vor dem Zugang stand, war ihm der Blick nach innen immer noch verwehrt, denn die Drehtür hatte undurchsichtige Wände. Die Tür kommunizierte mit ihm, als er sich näherte – sie begann sich zu bewegen, im Uhrzeigersinn wie alle Drehtüren, dann aber ein kleines Stückchen zurück und wieder ein größeres vor. Sie schien ihn locken zu wollen.

Kulle ließ sich verführen. Er trat ein. Die Drehtür stand still und ließ sich auch mit Gewalt nicht mehr zur kleinsten Bewegung bringen. Er war gefangen.

Kulle sah Tretmühlen vor sich, nichts als Tretmühlen, alle in Rotation gehalten von Menschen, die ihre letzen Kräfte aufbrachten, um sie zu bewegen. Sie hatten nicht nur gegen die Trägheit der Maschinen zu kämpfen, sondern auch mit vielerlei Widerständen: Bücher und Hefte flogen in ihren Hamsterrädern herum, verursachten ihnen blaue Flecken und Schmerzen, und immer wieder steckten Bretter oder andere feste Gegenstände irgendwo im Getriebe und blockierten die Arbeit.

Die Zwangsarbeiter stöhnten, schrieen und baten um Gnade, aber das stieß nur auf Spott bei der Vorsteherin des – Lagers – Kulle fand dafür kein anderes Wort -, die plötzlich erschien.

„Durchhalten! schrie sie. „Ich halte schließlich auch durch, jetzt schon ein Jahr lang. Was sind dagegen eure läppischen 30 oder 35 Jährchen? Lasst uns zusammenhalten, noch mehr als bisher. Die nächsten beiden Jahre werden die schlimmsten, die wir durchstehen müssen. Und deshalb müssen wir alle unser bestes geben, auch die Weicheier – äh, die nicht so Belastbaren.“

Erst jetzt bemerkte Kulle, dass es neben den riesigen ungeschlachten trägen Tretmühlen auch kleinere gab, leichtere, in denen weniger Widerstände die Arbeit behinderten. Aber das änderte sich schlagartig.

„Simsalabim!“ rief die Vorsteherin, und sofort waren auch die kleinen Tretmühlen große Hamsterräder.

„Seht ihr,“ schrie sie triumphierend, „so schaffen wir es!“

Tatsächlich – für eine kleine Weile schien das System besser zu funktionieren als vorher, aber dann stand ein Rad nach dem anderen still.

„ICH KANN ES NUN NICHT MEHR!“ hauchte eine körperlose Stimme über das Gelände, und dann trat Stille ein. Lautlos fiel die gesamte Anlage in sich zusammen, und zum Schluss brach auch die Umfriedung nieder. Die Gegend war wieder unberührt, als hätte es dort nie etwas anderes gegeben als sattes junges Gras, Blumenwiesen und blühende Obstbäume.

Kulle wachte auf und rieb sich die Augen. Wie immer war er empört darüber, dass er seine Träume nicht steuern und oft nicht erklären konnte. So ging es ihm auch diesmal. Aber dieser Traum, da war er sich sicher, hatte etwas zu bedeuten. Irgend etwas. Er würde es herausfinden.