
Na und Nuk waren eifrige Nutzerinnen seriöser Nachrichtenquellen, während sie um soziale Netzwerke einen weiten Bogen schlugen. Also waren sie informiert über große Jugendproteste in Dehland, Frankreich und Italien. Sie konnten sich auch einiges über die Ursache zusammenreimen, aber vieles verstanden sie trotzdem nicht. So wählten sie den beliebtesten Bärenweg: Wenn du etwas wissen willst, frag einen klugen Bären!
„Onkel Kulle, Onkel Kulle!“Kulle war gerade mit Marx’ „Maschinenfragment“ aus den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie beschäftigt, als die Eisbärenzwillinge in die Bibliothek von Bärenleben stürmten.
„Nun mal langsam mit den jungen Bärinnen,“ brummte Kulle. „Lasst mich erst mal diesen Text zu Ende lesen.“
„Was liest du denn da, Onkel Kulle?“ wollte Nuk wissen.
„Wenn du mir dauernd Fragen stellst, Nuk, lese ich gar nicht. Aber wenn ich nicht unterbrochen werde, versuche ich Aussagen zu verstehen, die ungefähr 170 Jahre alt sind.“
„Och, das ist doch längst überholt. Aber unser Problem ist brandaktuell. Also, eigentlich ist es nicht unser Problem, aber das Problem unserer Generation.“
„Sprichst du von jungen Bären?“
„Nein, von jungen Menschen. Auch nicht von jungen Menschen überall, sondern in manchen Ländern in Europa: Albanien, Belgien, Dehland, Frankreich, Italien. Aber auch auf anderen Kontinenten, zum Beispiel in Indien. Überall in diesen Ländern protestieren jetzt junge Leute. Du kannst uns bestimmt erklären, warum sie das tun.“
„Das kann ich schon, aber…“ Kulle drehte sich zur Wanduhr um. Bären waren vernünftig genug, ihr Leben nach dem Tagesrhythmus auszurichten, aber seit sie nahe bei den Menschen lebten, fanden sie es wichtig, sich zumindest über deren mechanistische Zeiteinteilung zu informieren. „Wie lange habt ihr denn Zeit?“
Na boxte ihre Schwester in die Seite. „Onkel Kulle will mit dieser Frage andeuten, dass eine umfassende Erklärung sehr lange dauern würde.“
„Das habe ich schon begriffen,“ flüsterte Nuk zurück. „Und ich habe auch verstanden, dass er eigentlich gerade nicht gestört werden möchte.“ Laut sagte sie: „Uns ist klar, dass diese Länder sehr verschieden sind. Aber bei den EU-Ländern gibt es doch wahrscheinlich wichtige Gemeinsamkeiten, die die Ursachen der Proteste sind, oder?“
Kulle freute sich immer, wenn er merkte, dass seine Erziehungsarbeit Früchte trug. Nuks Vermutung war logisch.
„Also gut,“ sagte er. „Nehmen wir uns drei Länder vor: Dehland, Frankreich und Italien. Die sind einander insofern sehr ähnlich, als sie ihren Bewohnern hohe Transferleistungen zahlen. Ihr wisst, was das bedeutet?“
Nanuk waren beleidigt. „Aber Onkel Kulle…“
„Okay. Alle drei Länder geben ungefähr 30 Prozent ihres Etats für Sozialausgaben aus. In Dehland fließt viel Geld in Gesundheit und Pflege, in Frankreich gibt es zahlreiche Direktzahlungen für Menschen mit geringem Einkommen, aber in all diesen Ländern fließt der Hauptteil des Geldes in die Rente. Was fehlt, ist die Förderung eines sozial durchlässigen, zukunftsfähigen Bildungssystems. Anders formuliert: Die vielen Alten bekommen sehr viel, die wenigen Jungen, von denen immer behauptet wird, sie seien die Zukunft, bekommen nicht genug.“
„Das dürfte daran liegen, dass die vielen Alten ein wichtiges Wählerpotential darstellen.“ Nuk war ihrer Schwester um den Bruchteil einer Sekunde voraus.
Na wollte die Scharte auswetzen und hatte sich deshalb schon ihre nächste Frage überlegt: „Das waren früher doch mal weniger Sozialausgaben, oder? Warum sind diese Ausgaben so gestiegen? Und wie finanzieren die drei Länder das? Außer ein paar Mehrwertsteuereinnahmen ist das für sie doch rausgeschmissenes Geld!“
„Rausgeworfenes Geld, bitte!“ Kulle formulierte, was Athabaska jetzt gesagt hätte. Korrekter Sprachgebrauch war ihr immer wichtig gewesen.
„Ich fange mit deiner dritten Frage an, Na. Die Länder finanzieren das mit Schulden.“
Die Zwillinge starrten einander verblüfft an. Geld zum Fenster hinauswerfen, das man hat, zeugt zwar nicht unbedingt von Weitsicht, ist aber machbar. Mit Geld, das man sich leihen und dafür Zinsen zahlen muss, ist das widersinnig.
Nanuk fanden eine drastischere Formulierung: „Aber das ist doch Irrsinn!“
„So kann man das sehen. Aber richtig ist auch, dass die regierenden Politiker sich damit sozialen Frieden erkaufen. Bisher jedenfalls.“
Na schüttelte den Kopf. „Früher hat man das anders gelöst, das haben wir bei dir gelernt, Onkel Kulle. Die meisten Menschen waren abhängig beschäftigt und bekamen für ihre produktive Arbeit Gehalt, das ausreichte, um Eigentum zu erwerben und den Kindern eine gute Ausbildung zu finanzieren, damit sie es einmal besser hätten. Sie hatten genug eigenes Einkommen und benötigten keine Transferleistungen.“
„Du hast gut aufgepasst damals, kleine Na. Damit sind wir auch schon bei deiner zweiten Frage: Warum sind diese Ausgaben so gestiegen? Weil wir gerade dabei sind, eure Kenntnisse aus dem Unterricht zu überprüfen: Was hat Henry Ford in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über angemessene Löhne gesagt?“
Die Zwillinge sahen einander zweifelnd an. Was wollte er denn jetzt schon wieder?
„Ich geb euch einen Tipp: Ford wollte Autos verkaufen!“
„Ach so!“ Diesmal war Na schneller. „Autos kaufen keine Autos!“ Sie dachte ganz gegen ihre Gewohnheit eine Weile nach und fragte dann: „Willst du damit sagen, dass Arbeiter und Angestellte heute nicht genug verdienen, um ohne Transferleistungen leben zu können?“
„Darauf läuft das Ganze hinaus, zumindest bewegen sich die modernen Industriegesellschaften in diese Richtung. Die Gründe dafür sind vielfältig, zum Beispiel völlig überhöhte Immobilienpreise, so dass der Traum vom Eigentum nicht realisiert werden kann und die Mieten in existenzbedrohende Höhen geschossen sind. Am wichtigsten aber ist, dass Autos sich heute fast ohne Menschen bauen lassen.“
„Du meinst Steuerung der Produktion durch KI?“
„Letztlich ja. Aber so eine Entwicklung ließ sich auch vorhersehen, ohne an künstliche Intelligenz zu denken. Das Kapital entwickelt die Werkzeuge und Maschinen so, dass nicht mehr der einzelne Arbeiter das Werkzeug führt, sondern ein automatisches mechanisches System die Arbeit dominiert. Wissenschaft, Technologie und gesellschaftliches Wissen werden zu einer direkten Produktivkraft. Marx nennt dieses kollektive gesellschaftliche Wissen den General Intellect.
Das steht übrigens in dem 170 Jahre alten Text, über den ihr vorhin die Näschen gerümpft habt.“
„Heißt das…“
„Heißt das…“
Nuk ließ Na den Vortritt.
„Heißt das, dass die Proteste der jungen Leute für eine bessere Bildung und für noch vieles andere zum Scheitern verurteil sind, weil kein Geld da ist und weil man sie eigentlich nicht mehr braucht?“
„Heißt das, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die Lösung ist? Aber wer soll das bezahlen?“
„Heißt das, dass die Menschen immer mehr freie Zeit haben werden?“
„Heißt das, dass die Menschen eine neue Gesellschaftsordnung brauchen?“
Kulle schmunzelte. „Ihr seid alt und klug genug, um selber zu denken. Die Zeit wird auch manches lehren. Für mich ist es jetzt Zeit für meinen Abendspaziergang mit Bärdel.“

Oktober 2016

