Anmerkungen zur Demokratie

von PD Kulle

PD Kulle

Inhalt

  1. Vorbemerkung
  2. Mögliche sinnvolle gesellschaftliche Regelwerke
  3. Die identitäre Gesellschaft
  4. Die Untertanengesellschaft
  5. Die Gesellschaft konkurrierender Interessen
  6. Einige Überlegungen zur Geschichte der Demokratie
  7. Die athenische Demokratie
  8. Die römische Republik
  9. Die repräsentative Demokratie
  10. Einige Überlegungen zur Zukunft der Demokratie
  11. Conclusio

1. Vorbemerkung

Lebewesen in einer Gemeinschaft bedürfen einer Ordnung, welcher auch immer.

Wir werden im Folgenden dieses Problem im Rahmen der Fauna, insbesondere in Bezug auf Homo sapiens sapiens betrachten.

Staatenbildende Insekten lösen diese Aufgabe auf eine scheinbar einfache Weise, nämlich genetisch und durch unterschiedliche Nahrungsbedingungen: In einem Bienenvolk zum Beispiel ist klar, wer Drohne, wer Königin und wer Arbeiterin wird, wer also welche Aufgabe zu übernehmen hat und wer mit welcher Lebenserwartung zu rechnen hat. Keine der Bienen denkt über ihre Rolle nach.

Bei Lebewesen, die zur permanenten Ich-Wahrnehmung und damit potenziell zur Rollenambiguität fähig sind, eröffnen sich dagegen vielerlei Möglichkeiten, sich zu organisieren.

Sprechen wir über den Menschen.

Das Faustrecht etwa stellt eine Ordnung dar, wenn auch eine der Ordnung der unökonomischen Unordnung; es führt dazu, dass das Leben der menschlichen Individuen in einer solchen Gemeinschaft oft endet, bevor sie in der Lage waren, sich fortzupflanzen und ihre Arbeitskraft gesellschaftlich sinnvoll nutzbar zu machen.

Um das lang- oder zumindest mittelfristige Überleben einer Ansammlung potenzieller Individuen zu ermöglichen, braucht eine Gesellschaft bessere Regeln.

2. Mögliche sinnvolle gesellschaftliche Regelwerke

Auf der Basis einer prinzipiellen Entscheidung, die häufig, wie so viele wichtige andere Entscheidungen auch, “ dem Rücken der Menschen“ getroffen wird 1, können zwei antagonistische Organisationsformen entstehen: Die Gesellschaftsglieder nehmen die Gestaltung ihres Gemeinwesens selbst in die Hand, oder sie delegieren sie für eine unbeschränkte oder für begrenzte Zeit.

3. Die identitäre Gesellschaft

Wir nennen eine egalitäre Gesellschaft identitär, in der die Individuen aus wohl verstandenem Egoismus das Wohl des Gemeinwesens über ihr eigenes Wollen stellen. Es versteht sich, dass es sich insofern um eine kommunistische Gesellschaft handelt, als die Eigentumsverhältnisse aller von ähnlicher Natur sind 2. Nennenswerte Besitzunterschiede generieren Interessensunterschiede, Egozentrismen gewinnen die Oberhand.

4. Die Untertanengesellschaft

In der Untertanengesellschaft existieren mindestens zwei Klassen, Kasten, Stände – die Nomenklatur ist beliebig. Von der gesellschaftlich notwendigen Arbeit der Masse der geknechteten Untertanen lebt die parasitäre Schicht, wobei der herrschende Apparat sich gegenüber den Beherrschten in einem Individuum wie etwa einem (Erb-)Monarchen oder einem Diktator inkarnieren, aber auch als Organisation auftreten kann 3.

5. Die Gesellschaft konkurrierender Interessen

In einer solchen Gesellschaft existieren sehr unterschiedliche Besitzverhältnisse. Andererseits herrscht Rechtsgleichheit, wenn nicht für alle, dann zumindest für eine relevante Gruppe der Mitglieder der Gemeinschaft. Aufgrund der Prämisse der Rechtsgleichheit wird es ermöglicht, einzelnen Gruppen für eine festgesetzte Zeit den Auftrag zu erteilen, das Gemeinwesen auszugestalten. In der Regel wird dieser Auftrag erteilt, indem von der Gesellschaft dazu Berechtigte Repräsentanten wählen 4.

Homo sapiens sapiens bezeichnet diese politische Organisationsform als Demokratie 5.

6. Einige Überlegungen zur Geschichte der Demokratie

Gemessen an der Dauer der Existenz menschlicher Gesellschaften ist die Demokratie eine Erscheinung des letzten Augenblicks 6. Die sogenannten ersten Hochkulturen in Asien und Afrika kannten dergleichen nicht, erst in den griechischen Poleis 7 finden sich Ansätze dazu.

7. Die athenische Demokratie

Zentrales Element der Demokratie in Athen war die Volksversammlung, die um 480 v.u.Z. aus ca. 30000 Vollbürgern bestand 8. Sie tagte 40 Mal im Jahr, fällte alle Entscheidungen und stellte das oberste Gericht. Nahezu alle politischen Ämter wurden ausgelost, die Amtsdauer betrug nur ein Jahr.

8. Die römische Republik

Um 133 v.u.Z. bildeten 300.000 Patrizier und Plebejer die Volksversammlung 9. Anders als in Athen verboten sich angesichts dieser Zahl Diskussionen. Die Rolle der Beamten war wesentlich gewichtiger als in Athen, die Möglichkeit des Machtmissbrauchs schon in der Verfassung festgeschrieben: Bei Gefahr für den Staat konnte für sechs Monate ein Diktator mit unbeschränkten Vollmachten berufen werden, der ein Heer aufstellte und niemandem Rechenschaft schuldig war 10.

9. Die repräsentative Demokratie

“Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ 11

Das ist der Kernsatz der parlamentarischen Demokratie und zugleich die Bankrotterklärung der Volksherrschaft. Die Rolle des “Souveräns“ 12
in dieser politischen Organisationsform reduziert sich nämlich in der Regel darauf, in regelmäßigen Abständen die Katze 13 im Sack zu wählen: Einzelkandidaten und/oder politische Parteien, die nach der Wahl ihre politischen Sachentscheidungen nach eigenem Gusto treffen, ohne sich an Positionen halten zu müssen, die sie ggf. vor der Wahl eingenommen haben.

10. Einige Überlegungen zur Zukunft der Demokratie

Ist die Demokratie, gerade einmal zweitausendfünfhundert Jahre alt, zukunftsfähig, noch zeitgemäß oder bereits überholt?

  • Wie die Verfechter aller verschiedenen politischen Organisationsformen gehen auch die Demokratietheoretiker davon aus, dass ein Primat der Politik existiert. Angesichts der Dominanz der “Märkte“ 14 und der zunehmenden Bedeutung supranationaler Organisationen ist das zweifelhaft. Zwar lässt sich Demokratie prinzipiell auch in nach Milliarden zählenden Menschenagglomerationen organisieren, die Idee der politischen Repräsentanz wird dabei allerdings ad absurdum geführt.
  • Politische Entscheidungen in einer Untertanengesellschaft können schnell gefällt werden, demokratische Weichenstellungen bedürfen der Muße, die in Anbetracht der Informationsüberflutung, der permanenten Kommunikation und nicht zuletzt wegen des Drucks der “Märkte“ selten gegeben ist.
  • In einer ständig an Komplexität zunehmenden Menschenwelt setzen sinnvolleEntscheidungen 15 Kenntnisse und Kompetenzen voraus, über die nur wenige Spezialisten verfügen. Immer häufiger wird deshalb die Richtlinienkompenz der Politik de facto Lobbyisten oder nicht demokratisch legitimierten Kommissionen überlassen.
  • Die am häufigsten praktizierte repräsentative Demokratie hangelt sich kurzatmig von Wahltermin zu Wahltermin. Unpopuläre, wenn auch objektiv notwendige Maßnahmen unterbleiben, um die Gunst der Wähler nicht zu verlieren. Es erscheint deshalb unwahrscheinlich, dass demokratisch verfasste Gesellschaften mit der unzweifelhaft stattfindenden Klimakatastrophe werden umgehen können. Die Verwerfungen, die die Klimaveränderung mit sich bringt, werden so groß sein, dass Demokratie und Rechtsstaat in den Hintergrund gedrängt werden, vielleicht gar in Vergessenheit geraten.
  • Es gibt scheinbar überzeugende Gegenmodelle zur Demokratie, zum Beispiel die autoritär regierte, aber wirtschaftlich prosperierende Volksrepublik China 16. Der weltweit zumindest offiziell 17 die Demokratie auf dem Silbertablett vor sich her tragende Staat, die Supermacht USA, ist dagegen eifrig damit befasst, sich abzuschaffen.

11. Conclusio

Vielleicht hat der Mensch Winston Churchill Recht, wenn er sagt:

„Democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time.“ 18

Wir Bären bezweifeln aus den oben genannten Gründen, dass diese Politikform Zukunftschancen hat.

Also bleibt auch hier nur:

Phhhhhhhhhfffffffffftttttt!


Fußnoten:

    1. vgl. das umfangreiche Werk von Karl Marx
    2. Genaueres findet der interessierte Leser bei Jean-Jacques Rousseau im „Contrat social“. Da ein Gemeinwesen, in dem die „volonté générale“ alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entscheidungen bestimmt, zwar eine tatsächliche Volksherrschaft konstituiert, in der historischen Realität aber bisher nicht aufgetreten ist, bleibt sie im folgenden Abriss unberücksichtigt.
    3. Dass die Kommunistische Partei der Sowjetunion nicht die Partei des in diesem Staat herrschenden Proletariats war, sondern die Partei der Herrschaft der führenden Clique über das Proletariat, kann leider nicht bestritten werden.
    4. Wir verzichten hier darauf, auf spezielle Charakteristika der direkten Demokratie und der Rätedemokratie gesondert einzugehen.
    5. Da heutzutage nur noch wenige Menschen des Altgriechischen mächtig sind, löst dieser Name in der Regel nicht das schollernde Gelächter aus, das eigentlich angebracht wäre.
    6. Man beachte die Doppeldeutigkeit der Formulierung.
    7. Aus dem bereits in Fußnoten 5 angeführten Grund weisen wir darauf hin, dass es sich um den Plural von „Polis“ handelt.
    8. Das waren ca. 20% der Gesamtbevölkerung. Sklaven, zugewanderte Bürger aus anderen Städten, Metöken und „natürlich“ Frauen hatten keine Partizipationsrechte.
    9. Selbstverständlich auch hier ohne Sklaven, Frauen und „Gedöns“, um einen deutschen ehemaligen Bundeskanzler zu zitieren.
    10. Es überrascht nicht, dass die Lebensdauer der res publica kurz war: Gaius Julius Cäsar (100 – 44 v.u.Z.) riss die Macht an sich. Seine Ermordung hatte keine strukturellen Veränderungen zur Folge: Aus der „Sache aller“ war die Sache eines Menschen geworden, die Sache eines vergöttlichten Kaisers.
    11. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art. 20, Absatz 2, Satz1. Der hochgeschätzte Bert Brecht pflegte diese Behauptung mit der Frage zu kommentieren: „Aber wo geht sie hin?“
    12. Die Sprache der Politik in dieser Form der Demokratie bedient sich notwendigerweise einer Fülle von Euphemismen, um die wahren Machtverhältnisse zu vernebeln.
    13. Oder auch das Schwein, wie der Engländer sagt: to buy a pig in a poke.
    14. Der Chef sagt, er gibt demjenigen, der ihm die genaue Adresse und Telefonnummer dieser „Märkte“ nennt, eine Flasche Honigwein aus. Die Sekretärin
    15. Allerdings erweckt die Betrachtung der Geschichte der menschlichen Gesellschaft berechtigte Zweifel, ob derlei Entscheidungen überhaupt möglich sind.
    16. Dass das sogenannte „Erfolgsmodell“ China aus verschiedenen Gründen in eine Sackgasse führt, kann hier nicht erläutert werden.
    17. Man sollte sich aber besser nicht mit Guantanamo und den sonstigen Aktivitäten der US-Geheimdienste beschäftigen.
    18. Rede vor dem Unterhaus am 11.11. 1947. Wir gehen davon aus, dass es sich nicht um einen Scherz zur Eröffnung der Karnevalssaison handeln sollte.

Kulle träumt

Kulle träumt.
Die Materie taumelt durch den Weltenraum.
Ein Raumschiff taumelt durch den Weltenraum. Es fliegt zur Erde.
Kulle ist in dem Raumschiff. Er hat keine Ahnung, wie er dahin gekommen ist oder was er dort soll. Er wandert herum, sieht unbekannte Apparaturen, versteht nichts. Linien und Zahlen rasen über Bildschirme. Plötzlich steht er vor einem Spiegel und sieht etwas Verständliches, nämlich sich. Aber das Objekt, vor dem er sich befindet, ist kein Spiegel, sondern ein Durchlass. Kulle steht nicht vor seinem Spiegelbild, sondern vor seinem Ebenbild. Der Pilot des Raumschiffes ist ein kleiner Bär. Er ähnelt Kulle aufs Haar, mit einem winzigen Unterschied: Rechts und links der Ohren wachsen ihm zwei borstendünne Sensoren aus dem Kopf. Daran erkennt Kulle selbstverständlich sofort den Extraterrestrier, aber weil der ein Bär ist, unterstellt er, dass er seine Sprache kann.
“Was willst du auf der Erde?” fragt Kulle.
“Der Kurs wurde einprogrammiert, weil von diesem Planeten Radiowellen emittiert werden. Sie konnten zum Teil entschlüsselt werden. Sie deuten auf die Existenz intelligenter Lebewesen hin. Deshalb wollen wir ihn erforschen.”Kulle lacht und sagt: “Da forsche ich mit!”
Der kleine Bär liest seine Instrumente ab und versteht natürlich alles: Die lokale Sonne umkreist das Zentrum der Galaxis in einem mittleren Abstand von 26.000 Lichtjahren und befindet sich damit in einem ihrer Seitenarme. Es ist ein Stern aus Wasserstoff und Helium wie die meisten im Universum, gehört allerdings zu den größeren. Sein dritter Planet in acht Lichtminuten Abstand ist die winzige “Erde”, die über eine Atmosphäre verfügt, die zu etwa 78% aus Stickstoff und zu ca. 21% aus Sauerstoff besteht.
“Wir landen gleich!” sagt der kleine Bär.
“Wo?” will Kulle wissen.
“Da, wo die meisten Informationen herkommen. Wir haben ihren geografischen Code geknackt. Demzufolge handelt es sich um ein kleines Gebiet auf etwa 37° nördlicher Breite und 77° westlicher Länge.”
“Oh Tussi!” stöhnt Kulle. “Das ist das Pentagon! Da können wir nicht…”
“Wir sind da!” sagt der kleine Bär ungerührt. “Wir empfangen und analysieren jetzt die wichtigsten Daten.”
“Aber…” jammert Kulle.
“Keine Sorge,” beruhigt der kleine Bär. “Es dauert nicht lange.”
Kulle wandert unruhig in dem Raumschiff umher. Er hört nur das Summen von Maschinen. Er kann nicht hinaussehen, denn es gibt keine Fenster. Das ist ihm auch lieber – er stellt sich vor, dass ein Bataillon von Marines längst von allen Seiten Mini-Nukes auf sie gerichtet hat.
“Möchtest du jetzt aussteigen?” erkundigt sich der kleine Bär. “Ich fliege nämlich gleich ab.”
Bevor Kulle antworten kann, spürt er die Flugbewegung. Er rüttelt an den Wänden, denn er kann keine Türen finden. Er kann sich nur im Zeitlupentempo bewegen. Seine Anstrengungen sind vergeblich.
Es gelingt ihm zu fragen: “Warum fliegst du ab?”
“Das liegt doch auf der Hand! Die dominierende Spezies auf diesem winzigen Planeten ist in Fraktionen zerfallen, die große Anstrengungen darein setzen, die jeweils anderen zu vernichten. Damit sind sie beschäftigt und merken nicht, dass sie zahlreiche andere Arten bereits ausgerottet haben und ihre eigene Lebensgrundlage zu zerstören drohen. Anstatt ihre Lebensbedingungen und ihre eigene Rolle angemessen zu analysieren, halten sie sich für die “Krone der Schöpfung” und glauben folgerichtig an ein höheres Wesen, nein, falsch, an verschiedene höhere Wesen, denn auch in Bezug auf diese absurde Idee können sie sich nicht einigen. Wie konnten wir nur hoffen, dass es sich bei diesen Wesen um Intelligente handelt! Willst du nun aussteigen oder nicht?”
Kulle zögert.
“Na dann tschüss!” sagt der kleine Bär.
Kulle wird hinauskatapultiert und landet unsanft auf der Erde.

Kulles Grußwort zum Jahr 2006

Liebe Mitlebewesen, insbesondere Menschen, ganz speziell Deutsche!

Der Autor

Natürlich weiß ich, dass ihr satt seid – satt von der Weihnachtsgans, dem Silvesterkarpfen und vielerlei Nuss- und Mandelkern, also den massenhaft unappetitlich gezüchteten Muskeln und Fettablagerungen von bedauernswerten Tieren und den saisonalen Produkten, die sich Schokolade nennen, wenngleich sie hauptsächlich aus Zucker bestehen. Satt vom Sekt, den mensch zur Jahreswendezeit hierzulande eben zu trinken hat und dessen Konsum ihm, dem Geiz Geilheit bedeutet, durch den Verkaufspreis unterhalb der Produktionskosten schmackhaft gemacht wird – der Profit an anderer Stelle wird es richten. Satt auch von offiziellen Grußworten Offizieller, die euch gesagt haben, dass ihr alle alles könnt, wenn ihr nur wollt, und dass ihr alle solltet, aber nicht müsst, nämlich Weltmeister werden. Papst seid ihr ja schon. Satt seid ihr natürlich auch deshalb, weil das Modalverb “dürfen“ in diesen Reden nicht vorkam.

Natürlich weiß ich, dass ihr satt seid, und das nicht erst seit ein paar Tagen. Schließlich hat das Menschenbashing schon vor Jahrhunderten angefangen. In drei Jahren feiern wir den fünfhundertsten Jahrestag der Vertreibung des Menschen aus dem Mittelpunkt des Kosmos – ich bin gespannt, wer dazu die Festrede halten wird. Niemand nahm damals, 1509, Nikolaus Kopernikus im abgelegenen ostpreußischen Thorn wirklich ernst, aber er hat bewiesen, dass die Erde samt ihrem Mond und den anderen seinerzeit bekannten Planeten um die Sonne rotiert, nicht andersherum. Seitdem torkelt die Menschheit betrunken durch das All, mal kopfüber, mal kopfunter, immerhin aber noch Menschheit, geschaffen am sechsten Tage, belebt mit Gottes Odem, beseelt von seinem Geist, von ihm auserwählt, seinen Garten Eden zu bestellen und zu bewahren oder sich gar die Erde untertan zu machen.

Das änderte sich allerdings 350 Jahre später. 1859 erschien die Kurzfassung eines Buches, das ein bisher auf sehr verschiedenen akademischen Feldern wie Theologie und Medizin nicht gerade erfolgreicher, dafür aber weit gereister Mann veröffentlichte und das binnen Stunden vergriffen war. Der Autor hieß Charles Darwin, und sein Werk trug den Titel “On the Origin of Species“. Darwin entkleidete euch Menschen eurer Gottähnlichkeit, ihr wurdet Tiere wie wir Bären, aber ihr wolltet es nicht wissen, nicht akzeptieren, ihr kämpft dagegen an bis zum heutigen Tage, denn ihr habt nicht begriffen, welch ungeheures Kompliment in der Darwinschen Erkenntnis steckt, dass das Geheimnis des Überlebens einer Spezies die Anpassung ist, das Fitsein. Anstatt stolz zu sein, rennt ihr in Fitnesstudios und versucht, den alten einzigartigen Status mit Hilfe eines als unabdingbar behaupteten intelligenten Designers wiederzuerlangen. Ihr solltet euch schämen!

Scham scheint ein in der Menschheit tief verwurzeltes Gefühl zu sein, Scham geht mit Erkenntnis einher, wie schon frühe menschliche Mythen lehren, denn erst als die erste Frau dem ersten Mann zu Erkenntnis verholfen hatte, schämte er sich. Aber wie sie funktionieren, die Scham und die Erkenntnis, das wisst ihr Menschen nicht – und ihr könnt es auch nicht wissen. Das immerhin wisst ihr seit Sigmund Freud, dem ihr die Erkenntnis verdankt, dass etwa 90 % eures Verhaltens nicht bewusst gesteuert werden, dass das, was ihr das Ich nennt, ein fragiler, ständig von Es und Über-Ich bedrohter, mühsam am Leben erhaltener Winzling ist, dessen Existenz aber notwendig ist, damit ihr den Begriff “Vernunft“ wenigstens ab und zu denken könnt. Freuds “Das Ich und das Es“ erschien zwar erst 1923, war aber bereits, wie unsere Forschungen ergeben haben, 1919 fertiggestellt – 60 Jahre nach der Veröffentlichung von Darwins bahnbrechenden Erkenntnissen, 410 Jahre nach der kopernikanischen Wende.

Also, liebe Mitlebewesen, liebe deutsche Menschen, das vor euch liegende Jahr 2006 ist, erkenntnistheoretisch betrachtet, völlig unbedeutend. Ihr dürft euch entspannen. Das entscheidende Jubiläumsjahr ist nicht 2006, allen anderen Behauptungen, die da Mozart, Heine, den armen B.B. und Dutzende andere Namen durch die Gebetsmühle der Medien drehen, zum Trotz. Das entscheidende Gedenkjahr ist 2009. DAS geht euch an.

Also, deutsche Menschen:

Macht ruhig weiter wie bisher, bleibt Exportweltmeister, werdet vielleicht sogar männlicher Fußballweltmeister, falls euch das freut.

Haltet euch weiterhin für etwas Besseres, falls ihr dieses Gefühl braucht. Lasst euch nicht dadurch stören, dass euch ein kleiner Bär schon heute die Leviten liest.

Ihr habt noch drei Jahre Zeit – genießt sie!

Kulles Kanzler-Interview

Kulles Kanzler-Interview

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Kulle
Kulle:
Guten Morgen, Herr Kanzler. Haben Sie gut geschlafen?
Kanzler:
Danke, ausgezeichnet.
Kulle:
Das wundert mich. Denn die Gewinneinkommen sind in den vergangenen sechs Jahren um netto 44 Prozent gestiegen, und die Einkommen aus abhängiger Beschäftigung netto um 3 Prozent. Der hohen Staatsverschuldung auf der einen Seite steht eine ungeheure Anhäufung der privaten Geldvermögen gegenüber. 30 Prozent des Geldvermögens waren 1996 auf drei Prozent der privaten Haushalte konzentriert. Und das läßt einen sozialdemokratischen Kanzler ruhig schlafen? „Kulles Kanzler-Interview“ weiterlesen

Kulles Bildung

Gebildeter Kulle
  1. Um einem Begriff gerecht zu werden, empfieht es sich immer, einen Blick auf seinen etymologischen Werdegang zu werfen.
  2. Bil(d)
  3. Aus dem Germanischen ist der Wortstamm bil- bekannt, für den allerdings eine sichere Erklärung fehlt. Ausgangsbedeutungen wie: Zeichen, Sinnbild, Vorzeichen, angemessen, gerecht, trennen, unterscheiden, beurteilen, deuten, spalten, hauen erscheinen als wahrscheinlich. Gleichgültig, ob es sich um Nomen, Adjektiv oder Verb handelt: Alle Begriffe signalisieren Signifikanz, sind gerichtet auf die klare Heraustrennung eines Gegenstandes oder Bereiches aus der Diffusität der Welt.
  4. Einen Zusammenhang des Begriffs ’Bildung’ mit ’Bilanz’ schließen wir, die Wortentwicklung betrachtend, weitgehend aus. Semantisch allerdings sind durchaus Koinzidenzen zu beobachten, bedeutet ’Bilanz’ doch: vergleichende Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben. Bildungsprozesse bzw. deren Ergebnis lassen sich durchaus in den Kategorien von Input und Output bewerten. Dagegen hat der ’Bilch’, vulgo bekannt als Haselmaus oder Siebenschläfer, definitiv nichts mit Bildung zu tun, sondern bestenfalls, und auch dass nur in den Kategorien des Aberglaubens, mit mehr oder minder verregneten Sommern.
  5. Das Verb ’bilden’ dagegen hilft uns sehr viel weiter. Seine heutigen Bedeutungen, nämlich formen, gestalten, hervorbringen, darstellen, sein, erziehen, die geistigen Anlagen entwickeln, hatte es zum Teil bereits im 9. Jahrhundert.
  6. Die altenglischen und altsächsischen Bedeutungen des Wortes, nämlich Gemach zum Weben, Frauengemach unter der Erde sind völlig verloren gegangen.
  7. Geblieben und verbreitet sind die Bedeutungen Mist, Dünger.
  8. Folgerung: Bildung bedeutet, einen Gegenstand betrachtend zu isolieren und auf einem Misthaufen abzuladen.
  9. QED.
  10. Frage für künftige wissenschaftliche Untersuchungen: Warum beschweren sich Bildungspolitiker über die Ergebnisse der Pisa-Studie?

PS: Ich danke natürlich wie immer meiner Sekretärin, obwohl dieser Text so kurz und konzise ist, dass ich ihn eigenhändig getippt habe.